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Lotatloardrvckmch Verlag der Fuldaer Ai, LeadruSerei la Fuldg

Ferasprecher Rr.9.

JV3 237.

Fulda, Mittwoch den 14. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

Kustes Mcttt.

K Ehrliche Kameradschaft zwischen Deutschland nnd Oesterreich.

Die einzige Lichtseite, welche die jüng­sten Ereignisse für uns haben, ist die Gelegenheit, unfern Nachbarn in Oesterreich-Ungarn einen durchschlagenden Beweis 'unserer treuen Freund­schaft zu geben.

Wahrhaft durchschlagend ist der Freundschafts­beweis, weil wir der habsburgischen Monarchie den Rücken decken bei einem Unternehmen, das unsere Staatsmänner unangenehm überrascht und Deutschland in eine unvorteil- hafte Lage gebracht hat. Oesterreich-Ungarn hat auf eigene Faust sich das Süppchen eingebrockt, und Deutschland hilft es ihnr ausessen, obschon uns das Gericht nicht lieblich schmeckt

Wie aus den jüngsten offiziösen Kundgebungen hervorgeht, ist unser Kaiser von dem österrei­chischen Vorhaben nicht vorher informiert worden, weder im Mai bei seiner Anwesenheit in Wien, noch während der Anwesenheit des öster­reichischen Thronfolgers bei den Herbstmanövern in Elsaß-Lothringen. Eine amtliche Erklärung unseres Botschafters in Konstantinopel erhebt Einspruch gegen die Unterstellung, daß die letzten Vorgänge „auf einer Entente (Einverneh­men) Deutschlands mit Oestereich-Un- garn oder einer anderen Macht basieren". Frhr. v. Aehrenthal scheint die Staatsmänner von Jt a- l i e n und von Rußland vorher tiefer in sein Geheimnis eingeweiht zu haben, als die deutschen Staatslenker. Wahrsechinlich ist er dabei von der Erwägung geleitet worden, daß er auf die treue Kameradschaft des Deutschen Reiches sowieso un­bedingt zählen könne. Vielleicht hat er dabei auch folgenden Gedankengang verfolgt: Die Jungtürken und deren deutschfeindliche Hintermänner im Westen werden Deutsch­land für die österreichischen Maßnahmen v e r- antwortlich zu machen und die Sache zum po­litischen und wirtschaftlichen Nachteil Deutschlands im Orient auszunutzen suchen; dagegen kann sich Deutschland besser wehren, wenn es jede Beteili­gung und sogar jede Mitwissenschaft wahrheits­gemäß in Abrede stellen kann.

Deutschland ist allerdings in die Zwang s- l a g e versetzt worden, sich auf diese Weise gegen Verdächtigungen seiner Friedensliebe und Gerech­tigkeit, sowie gegen Ansätze des wirtschaftlichen Boykotts zu wehren. Wie schon erwähnt, ist die Abwehr sowohl durch offiziöse Berichti- g u n g e n als auch durch eine amtliche Er­klärung unserer Botschaft in Konstantinopel ein geleitet tvorden. Ob diese Kundgebungen den erwünschten Erfolg haben werden, läßt sich trotz der freundlichen Aufnahme in der türkischen Presse noch nicht sagen. Denn erstens hat die deutsche Diplomatie sichzuvielZeitgelas- sen. ehe sie mit diesen Kundgebungen hervor­trat. Tie Abwehr hätte Schlag auf Schlag etnsetzen müssen, als die Hetze gegen die deutsche Politik und die deutschen wirtschaftlichen Inter­essen anfing. Im Zeitalter des Telegraphen darf auch die zeitwellige Abwesenheit der leitenden Persönlichkeiten von Berlin eine gebotene Aktion nicht verzögern, man hat den fatalen Eindruck, daß es bei uns wieder einmal nicht so ge­klappt hat, wie es sollte. Zweitens mußte die Ableirgnung der deutschen Mitwissenschast und Zustimmung begleitet sein von der Erklärung, daß Deutschland als treuer Kamerad der österrei- 'chich-ungarischen Monarchie zur Seite stehen werde. Die Neider und Gegner Deutschlands werden natürlich diese Solidarität weiter gegen die deutschen Interessen auszubeuten suchen.

Unter diesen Umständen wäre es am Ende doch besser gewesen, wenn Frhr. v. Aehrenthal von Anfang an gerade Deutschland in seine Ab­sichten eingeweiht hätte. Allerdings würde ihm dann der Rat gegeben worden fern, einen an- derenWegzur Erreichung seines Zieles einzu­schlagen. Darauf deutet folgende Auslassung in der neueren Wochenrundschau der „Nocdd. Allg. Ztg." hin.

„Einerseits glauben wir, daß ein anderer modus procedendi ('Art des Vorgehens) bei der im österreichisch-ungarischen Staatsinterefle für notwendig erachteten Aktion die nachfolgenden Schwierig­keiten vermindert hätte. Anderseits erkennen wir an, daß Oesterreich-UngarnS Anspruch auf eine end- giltige Regelung der bosnischen Angelegenheiten be­gründet'ist."

Diese Auslassung steht im Einklang mit den Bemerkungen, die wir zu dem Vorgehen Oester­reichs gemacht haben. In Berlin hat man offen­bar fein Wohlgefallen gefunden an der Geinein- famfeit in Sache und Form, welche die habs­burgische Monarchie mit Bulgarien eingegangen ist. Sehr bezeichnend ist die offiziöse Ankündi­gung, daß Dmltschland die Anerkennung der bul- garischerl Unabhängigkeit nicht eher erteilen will, „bevor nicht eine die Türkei voll befriedigende Auseinandersetzung erfolgt ist." Für die Bahn­frage, so wird hinzugefügt, verstehe sich bas von selbst: aber auch wegen Ostrumeliens müßten der Türkei diejenigen Entschädigungen eingeräumt werden, welche diese für angemessen halten werde.

Hoffentlich werden die Schwierigkeiten, die sich für Deutschland ergeben, reichlich ausgewogen durch die Befestigung der Solidarität Oesterreichs und Deutschlands. Dem Eindruck der opferwilligen Treue des deutschen Kameraden vermögen sich ja auch die slawischen Elemente Oesterreichs nicht zu entziehen. Das ist ein dauernder Gewinn für die Friedenssicherheit in Europa, den man um so freudiger begrüßen darf, als die akute Friedcns- gefahr so ziemlich überwunden zu sein scheint.

Deutsches Reich.

* Die preußische Wahlreform. Im preußischen Statistischen Landesamt finden umfangreiche stati­stische Bearbeitungen auf Grund der Ergebnisse der letzten Landtagswahlen statt, die bis zum Ende des Jahres 190 9 dauern und die Grundlage bilden sollen für Vorschläge für bk Wahlreform. Danach hat eS also mit der Re­form noch gute Wege.

* Gegen die übertriebenen Forderungen nimmt die .Kreuzzeitung' entschieden Stellung. Das Blatt schreibt u. a.:

Es ist zu bedauern, daß die unbedachten Freunde immer weitgehenderer Flottcnforderungen, soweit sie olche nicht aus realen persönlichen Gründen befür­worten, so geringes BerständeiS für den bestimmt ab­gegrenzten Zweck und Wert der deutschen Flöte haben. Neulich schrieb jemand, dieser Zweck sei u. a. auch, durch die Gewinnung eines geroiffen Maßes von See­streitkräften die Bündnissähigkeit des Reiches in wirk­samer Weise zu steigern. Vielleicht dachte et an ein Bündnis mit den Bereinigten Staaten zur Bekriegung Englands oder gar an einen Krieg im Verein mit den Iankees gegen die Japaner. Vorläufig aber hat unsere mißverständliche und unklare Flottenvereinspolitck nur die Engländer in die Arme der Franzosen getrieben.

* Die Jungliberalen haben in Elberfeld einen Parteitag abgehalten. Der Berbands-Vor- sitzende Rechtsanwalt Fischer auS Köln, der den polftischen Bericht erstattete, verbreitete sich zu- nächst über die preußische Wahlrechts - Reform. Die Einführung des Reichstags-Wahlrechtes ver­langen indessen selbst die Iungliberalen nicht. Den Rückgang der nationalliberalen Landtags-

Mandate führte Fischer darauf zurück, daß die nationalliberale Partei in den letzten Wahlkämpfen es noch nicht verstanden habe, eine reinliche Schei­dung nach rechts, vor allem zum Bunde der Land­wirte, zu vollziehen, daß es verabsäumt worden sei (besonders für Hannover) mit einer wirklich liberalen Aufklärungs-Propaganda rechtzeitig ein- zusetzen. Weiler verbreitete er sich über die Reichs­politik. Die ReichS-Finanzreform erfüllt ihn mit Sorgen für den Block und den Liberalismus, er hofft aber, daß es gelingen werde, das Zentrum dauernd auszuschalten, und empfahl zu dem Zwecke die Schaffung eines Einigungs - Ausschusses für die Liberalen. Freilich, fügte er hinzu, die Block­politik werde nicht ewig währen. Eine Resolution im Sinne dieser Ausführungen wurde angenommen.

.'. Parität in Preußen. In der neuen vom Abg. Erzberger herausgegebenen Schrift: Klerus und Gehaltssrage (Verlag von I. P. Bachem in 'Köln) ist auch eine Zusammenstellung der Leistungen des preußischen Staates für die beiden Konfessionen gegeben. Da ergibt sich folgendes Bild-

Kultus-Etat 1908.

13,862,444 Katholiken:

l. Kap. 115, Bistümer und die dazu

gehörigen Institute .... 1,669,372.40 Mk. 2. Kap. 116, Kalh. Geistliche u. Kirchen 1,391,980.51 , 3. , 124, TU. 2 b, Gehaltsbeihilfe

für kathol. Pfarrer .... 3,438,400.— „ 4. „ 124, Tit. 2 c, Beih. für neue

kathol. Pfarrgemeinden . . . 200,000.— „

Insgesamt 6,699,752.91 Mk. Auf den Kopf 50.17 Mk.

23,341,502 Evangelische:

1. Kap. 112, Evangelische Konsistorien 1,612,101.40 Mk.

2. , 113, Evangel. Geistliche und

Kirchen . ...... 2,079,661.28 „

3. „ 124, Tit. 2, Gehaltsbeih. für

evangel. Pfarrer..... 6,508,903.— „

4. „ ]24, Tit. 2 a, Beih. an neue

evangel. Pfarrgemeinden . . 600,000,— „ 5. „ 124, Tit. 3, VikarialS - Ein­

richtungen ....... 200,000.— „

6. „ 124, iit. 7, Zuschuß z. Pfarr-,

Witwen- und WalfensondS . 1,926,239.— „ 7. „ 124, Tit. 8 und 8 a, Unter­

stützungen an Witwen und Waisen von Geisttichen . . . 300,263.25 „ 8. „ Beihilfe zur teilweisen Ablösung

der Stolgebühren..... 1,500,000.— „

Insgesamt 14,717,167.— Mk Aus den Kopf 63.13 W

An dieser Gegenüberstellung fällt zunächst aufi daß für die Katholiken eine Gegenleistung zu den unter Ziffer 5—6 oder wenigstens 5—7 an die Evangelischen gegebenen Zuschüsse nicht vor­handen ist, weder z. B. für die Verbesserung der Bezüge der katholischen Hilfsgeistlichen, noch iU Zuschüssen an die Emeriten, noch zu besserer Besoldung der Professoren an den Priesterfemi- narien usw. Bei der rein schematischen Berechnung auf den Kopf spricht zu ungunsten der Kaiholiken, Mß die prioatrechtlichen Verpflichtungen des Staates an die katholische Kirche höher sind als die gegenüber den Protestanten, trotzdem aber der katholische Bevölkerungsanteil um über 2 700 0( 0 Mark, rein schematisch gerechnet, zurück- teht. Wo bleibt da die Parität? In anderen Bundesstaaten steht eS noch schlechter aus. Wir empfehlen die genannte Schrift deshalb dem eingehenden Studium und zur weiteren Ver­breitung.

----- Der Protest der Presse hat also doch geholfen! Bekanntlich sind in letzter Zeit in

Berlin wie auch in anderen Städten AergerniS erregende Nacktdarstellungen veranstaltet worden. Gegen diese unsittlichen Darbietungen hatten lange vergebens die Presse und auch zahlreiche Vereine protestiert, ohne daß man damit einen durchgreifenden Erfolg erzielte. Die Polizei» verwaltung stellte sich in den meisten Städten auf den Standpunkt, daß man gegen diese Dar­stellungen, die in geschlossenen Vereinen statt­fänden, nichts machen könne. Erfreulicherweise hat sich aber nunmehr das preußische Ministerium des Innern auf einen anderen Standpunkt ge­stellt. Nachdem ein Gutachten der Akademie der Künste den unsittlichen Darbietungen jeden künstlerischen Wert abgesprochen hatte, ist jetzt verfügt worden, daß auch bei diesen „Nacktdar­stellungen" in Zukunft diejenigen Gesichtspunkte, die allgemein für die Schaustellung von Per­sonen bestehen, Anwendung zu finden haben. Insbesondere ist ebenso, wie bei der Veranstaltung lebender Bilder, Rücksicht zu nehmen auf das, waS Sitte und Herkommen über die Verhüllung des menschlichen Körpers vorschreibt. Die Polizei­behörden haben ferner die Mitteilung erhalten, daß bei den „Nacktdarstellungen" ein Höhere- Kunstinteresse nicht in Frage kommt.

* Bei den Erhebungen über den Kontrakt­bruch landwirtschaftlicher Arbeiter sollen nach einem Erlaß der preußischen Regierung die Land- wirtschast-kammern von den Verwaltungsbehörden unterstützt werden, damit man zuverläisige Unter­lagen öder den Umfang deS Kontraktbruche- er­halte. Dies läge nicht nur im Interesse der Landwirtschaft, sondern auch im allgemeinen Staatsinteresse.

* Zu dem Gesetzentwurf über den Berkehr mit Automobilen, der demnächst im Bundeörat zur Verabschiedung gelangt, erfahren die ,Berl. dienest. Nachr/, der Entwurf enthalte außer den straftechtlichen Bestimmungen auch solche polizei­licher Art, von denen die leitens der Bundes­regierungen sestzusetzenden Normen für die Be» sähigungSzeugnisse der Chauffeure die wichtigst« ist. Es ist in Aussicht genommen, die Materie analog den bisher geltenden Polizeivorschriften über den Verkehr mit Kraftwagen auf öffent­lichen Straßen gleichmäßig in den Bundesstaaten zu regeln, um ungeeignete Personen nicht nur durchweg von der Führerschaft auszuschließen, sondern ihnen auch allgemein da- Befähigung«« zeugnis aberkennen zu können, falls sie teure aus­reichenden Garantien für ihren Beruf bieten. Die Verhandlungen der beteiligten Refforts haben zu dem Ergebnis geführt, daß bei den Chauffeur­prüfungen nicht nur auf Fahrsicherheit und Geistesgegenwart, sondern auch aus moralisch« Qualifikation zu sehen ist, wobei etwaig« Vorstrafen für Roheitsverbrechen zu berücksichtigen ind. Man nimmt an, daß mit der Verbesserung des Chauffeurpersonals auch viele Klagen über die Gefährlichkeit der Kraftwagen verstummen würden.

* Der regierende Bürgermeister von Lübeck, Dr. Schön, der von einem Schlaganfall betroffen worden war, ist Dienstag im Alter von 66 Jahren gestorben.

, Die Borgänge ans dem Balkan.

Nach Meldungen türkischer Blätter hobest Kußland, England, Frankreich und Italien der beabsichtigten Abhaltung einer Orientkonferenz offiziell zügestimmt. Diese Meldung eilt aber

Dyrnitr, bet Kosak.

Von Marcel Etienne.

81]

(Nachdruck verboten.)

„Gut, daß Ihr kommt, nehmt Platz," begann der Palatin mit scharfer und klarer Stinune. „Und laßt uns ungesäumt von unseren Angele­genheit en sprechen, da die Zeit kostbar ist. Vor allem sagt mir ganz offen, was Ihr von der Stimiiiung und den Absichten dieser Menge von Edellenten haltet? Was wollen, was hoffen sie? Was haben sie für Pläne? Kann man sich auf sie verlassen?"

„Wenn Eure Gnaden mir gestatten will, in diesem Punkt ganz ohne Zurückhaltung meine Anfiö^ zu äußern, so will ich Euch gestehen, Herr, daß wir auf diese hirnlosen Menschen, auf diese erbärmlichen Narren so wenig als möglich bauen dürfen. Essen, trinken, spielen, lärmen, streiten, — sich Ausschweifungen hingeben, das sind die Beschäftigungen, die drei Viertel ihrer Zeit an?» füllen. Doch hat noch kein Plan ihres armen ®e- h'rns bis jetzt das Licht der Welt erblickt. Und ich furchte, daß Eure Gnaden kaum unter ihnen feste, ernste und ergebene Parteigenossen und Anhän­ger finden werden!"

„Dann also ist alles verloren I Was wird a^, ""seren Plänen, wenn uns diese Stütze fehlt?!

„Im Gegenteil, Eure Gnaden, — alles ist ae- toonnen! Das wenigstens ist meine Ansicht! Wenn Gnaden mir ein paar Minuten ungeteilter Aufmerksamkeit schenken wollen, so werde ich Euch vom Wert meiner Beobachtungen, von der Rich- trgkcit meiner Schlußfolgerungen überzeugen rönnen I

„>;ch bin wirklich begierig darauf! Ich höre Euch Su! entgegnete der Wojwode, indem er sich "yAenklich auf die Lehne seines Armstuhles stutzte und auf die Rosen des Teppiches seine Blicke

richtete, um das begehrliche Feuer der Herrsch­sucht in denselben zu verbergen.

Dann begann Zlatnicki mit leiser, beinahe ge­heimnisvoller Stimme, indem er die Arme über die Brust kreuzte:

„Wir haben niemanden um uns, als diese Edelleute! Nicht bei ihnen sollen wir uns auf- halten, tiefer hinab müssen wir steigen l . . Da unten, da gibt es, wie Ihr wohl wißt, n'och die Leibeigenen, — diese zahllose Menge Unglückli­cher, — diese menschlichen Lasttiere, — welche ge­boren werden, wachsen, sich vermehren imb sterben. — an die Erde gefesselt, die sie nährt, so wie es ihren Herren beliebt. . . . Nun fangen heutzutage —'..tn. unseren Gegenden besonders — diese Un­glücklichen an, unzufrieden zu werden. In ihrem Gerste gärt die Rebeillon. in ihren Herzen ein hei­ßer Rachedurst, die nur eines Anstoßes, eines Wor­tes, eines Zeichens bedürfen, um in hellen Flam­men aufzulodern. Sollte diese Revolte sich unter einem tüchtigen Haupte organisieren, so werden die Leibeigenen, die Enterbten, die Recht- und Besitz- losen von gestern die Triumphierenden die Sie- genden von morgen sein! — Sie haben die große Zahl für sich, — dagegen ließe sich nicht aufkom- menl — Denkt doch nur, ein Dorf mit 4—500 Bauern gegen einige zwanzig Diener von einem einzigen Herrn befehligt! Mit ihrer Ueberzahl und der Kraft derselben, toaS brauchen sie da noch Waffen? Als ob ihre Dreschflegel, ihre Hacken, ihre Peitschen und langen Messer nicht genügten, um ihre Herren zu töten 1 Und nicht allein ihre Herren, sondern auch noch ihre übrigen Tyran­nen: diese Schankwirte, die sie lebendig aussau­gen und mit ihrem abscheulichen Fusel vergiften, den diese Unglückseligen mit Wonne trinken, um im Rausche Vergessen zu finden. . . . Darf ich Euch nun sagen, Herr, waS w i r tun sollen? Diese Rache aufftadtjeln, diese schlafende Wut zum Leben erwecken, diese noch ruhenden Arme bewaffnen, diese noch zaudernden Herzen entflammen und in den Hütten der ßetbetaenen die wilde Rebellion

entzünden! „Das, Herr Graf, ist unsere Auf- gäbe!"---

»Ihr meint, Herr? Das ist entsetzlich!" unter­brach ihn der Wojwode, dessen Stirne erbleicht war, und der auf die unbeweglichen Züge des Sprechenden einen Blick heftete, in welchem sich Angst und Schrecken malten. „Und wo wäre denn für uns der Vorteil einer so heftigen Empörung, eines so furchtbaren Gemetzels?"

„Eure Gnaden erraten es nicht? . . . Euch, Herr, bleibt eben dann eine stolze, unvergleichliche Rolle in dieser Tragödie Vorbehalten! Möge die Mehrzahl der großen, unsinnigen Schreier i>a un­ten, die gegen alle Beßhlüsse eine Veto einlegen, immerhin von ihren revoltierenden Leibeigenen erschlagen werden, — gleich darauf werden Eure beiden Kosakenregimenter unter Eureni Befehle hetbeteilen und die Uebriggebliebenen vom sichern Verderben erretten. Dann wird man überall Euren Namen mit Dank, Jubel und Segen Preisen. Der glorreiche Name Potocki wird dann auf tausend Lippen feftoeben, in tausend Herzen eingegraben sein und bis zum Himmel erhoben werden, Die Dankbarkeit des Adels und der Ge­retteten, der behüteten Ländereien, der befreiten Ukraine fügt dem Schilde des Potocki eine neue Siegestrophäe bei und drückt vielleicht — wer mag es wissen — eine Krone auf die Stirne!"

Sei diesen letzten Worten Zlatnickis begann der bis dahin unbewegliche Wojwode lebhaft zu zittern, während über sein blasses, welkes Gesicht plötzlich eine intensive Röte flammte.

Doch entgegnete er sogleich, indem er melan­cholisch den Kopf schüttelte:

„Eine Krone? Mir? Eine Krone l — Nein, — ich bin schon zu alt!"

„Sher Herr, Ihr habt ja eine Hoffnung, — emen Stolz — den Erben Eures Namens und Eures Blutes. Warum wollt Ihr nicht Eurem Sohne den Weg zur Macht uiti> zum Throne ebnen? Ist er riwa nicht für solch eine Höhe wie geschaffen?"

„Mein Sohn! Mein tapferer, edler Felix! — Ja Zlatnicki, — Ihr habt recht, an ihn muß ich denken! An mein einziges, geliebtes Kind! — Und hab ich — für ihn — nicht — schon soviel getan?"

Zögernd hatte der alte Mann diese Worte aus- gesprochen, die Blässe seines Gesichtes hatte eine aschfahle Farbe angenommen und sein Haupt neigte sich wie unter dem Gewicht einer schreck­lichen Erinnerung. Ohne Zweifel stand in diesem Augenblick vor seinem geistigen Ange das arm­selige, sttohgedeckte Dwor des Ukrainschen Edel- mannes. und die schöne junge Frau, welche die luftigen Masken mit Zymbel -und Schellenklang als unglückseliges Opfer zum Teiche hinschleppten. --- — Ja, das hatte er für seinen Sohn Felix getan, — damit er frei fei, daß ihn nichts aus seinem Weg zur schvindligen Höhe hinderte und beirrte! „So viel", hatte er jetzt gesagt, — ja, „so viel Verbrechen" hatte ihm vielleicht sein Gewissen zugeflüstert!

Durfte denn der Felix auf halbem Wege inne» halten? Ein Verbrecher mehr, — kam es denn darauf noch an? Mußte er nicht alles unter­nehmen, alles daransetzen, alles wagen?

Der blutige Schatten der Erinnerung wurde bald verscheucht und der große Entschluß gefaßt.

„Nun wohl, — ja, — ich will es gerne zn- geben, daß Ihr recht haben mögt," sagte Potocki endlich, indem er den Kopf erhob. „Nun heißt ei aber, die Mittel und vor allem den Moment zum Handeln zu finden; in solch einer wichtigen SaA kann man nicht von heute auf morgen plötzlich einen Entschluß fassen. Vor allem möchte ich di« Nachrichten wissen, welche Herr Koszowacki mir zu senden versprach! Diesen morgen sollten sie ein­treffen. Ich wundere mich, daß er noch nichts von sich hören ließ! Er ist ein fester und ernster Mann, dem es nicht gleich sieht, etwas zu bergef- sei, oder eine übernommene Aufgabe zu unter­lassen!"

(Fortsetzung folgt?