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verarrtw. Bebtfkwr.

i. v.r A. Wetzler;

für die Anzeigen:

I.parz«ller In Lulda.

M 236.

»«Itteeit Wt et» fpaltigepetitzeireoder bete« Borna lS Pf-. Bttlameudiepetttzell» 25 Pfbei wieder» Holungen wir» entfpt, Badatt gewährt.

Bolatiovsdtuckmch Verlag der LMaer At, LeudruSerei in Fulda Lerufprecher Br. 4.

Fulda, Dienstag den 13 Oktober 1908.

35. Jahrgang.

cd en.

Deutsches Reich.

... Vernünftige Worte über die uferlose Flottenvereins-Agitation findet der national» liberale Abg. Legationsrat a. D. v. Rath, in­dem er im .Tag' schreibt:

„Im deutschen Votkshause funktioniert der Klingel­knopf der Flottenbegeistcrung ausgezeichnet. Es ist da­her nicht notwendig, eine Alarmglocke an die Leitung anzuschließen, die jedesmal einen Feuerlärm über ganz Europa und darüber hinaus verbreitet, wenn man in Deutschland den Neubau eines Panzerkreuzers oder einiger solcher Schiffe in Erwägung zieht. Es ist auch nicht zu verstehen, daß die Reichsregierung mit der Aufdringlichkeit eines solchen Verfahrens einverstanden sein sollte; dieselbe Regierung, die fich heute mühsam und erfolgreich bestrebt, unsere auswärtige Politik in friedlichen Bahnen zu halten. Wozu der Lärm? Soll die Eteuerbegeisterrrng des kommenden Reichstags an­gefeuert und durch die Verkündigung zukünftiger neuer Klottenausgaben das heutige Surplus der vorge- jphlagenen Steuern plaustbel gemacht werden?! Die Weckung für politisch notwendige und richtige und Wirtschaftlich vernünftige Marineaufwendungcn wird •om Reichstage stets zu haben sein, mag er unter Block- oder Zentrumsflagge segeln. Das Wäre demnach eine überflüssige Kraftanstrengung. Schon bei der bevorstehenden Steuerreform muß ganze Arbeit gemacht werden, um die unhaltbare Misere der Reichsfinanzen aus der Welt zu schaffen. Daß dabet auch zukünftigen Mehrausgaben, wo sie sich immer ein- pellen mögen, bis zu einem gewissen Grade Rechnung getragen werden muß, darüber dürften sich alle Pa- trioten einig sein, dann sollten seine Veranstalter sich dessen erinnern, wie oft und wie bitter fie sich über störende Zwischevsälle und Plötzlichkeiten in der Führung unserer auswärtigen Politik in srüheren Jahren be­klagt haben. Ihr Verhalten droht in einem knirschen Augenblicke eine Situation herbeizuführen, welche die Arbeit unserer Diplomatie schwerer kompromittieren kann, als viele Plötzlichkeiten der Vergangenheit. Drin­gend muß aber das Verlangen einer stärkerer? Konzen­tration in der Leitung der Reichspolitik gestellt uurden. Es geht nicht an, daß die eine Stelle der anderen Steine in die Räder wirst. Darunter muß das «er» trauen in die Zuverlässigkeit der deutschen Diplomatie, das Fundament jederr Erfolges, leiden. Denn daß die jetzige Führung der Flottenbewegung offiziellem Ein­flüsse zugänglich ist, darüber ist auch im Auslande Heute niemand im Zweifel. Als Rettungsgürtel einer persinkenden Bereinsleitung zu dienen, dazu ist die Bache doch zu ernst."

** Der Freisinn für die Beschneidung des Budgetrechtes. In einer Versammlung zuApen- rade hatte Herr Kopsch, der freisinnige „Führer", erzählt, die freisinnige Volkspartei werde der vom Reichsschatzsekretär vorgeschlagenen Abänderung der Matrikularbeiträge zustimmen. Bekanntlich Will dieser auf je 5 Jahre im voraus durch Ge­setz sestlegen, um wieviel in dieser Zeit die Matri- kularbeiträge den Satz von 40 Pfg. pro Kopf [foden überschreiten dürfen. Damit wäre das Wudgetrecht deS Reichstages gebunden. Da Herr iKopsch die Sache nicht versteht, hat er aus be­kannter Höflichkeit nach oben eben zugestimmt.

(*) Liberale Verlogenheit. Liberale Blätter aller Gattungen schreiben, daß der Abg. Erz­berger von der Verstaatlichung der Hagelver­sicherung gesprochen habe; als er letzteres demen­tierte, nahmen sie von der Richtigstellung keine Notiz. Jetzt sagen sie aufs neue, er habe doch davon gesprochen, denn--es stehe in einem

Berichte über seine Rede. Letzteres stimmt; aber das erwähnte Blatt hat schon längst erklärt, daß er sich um einen Druckfehler handle, daß das Manuskript selbst laute: Mobiliarversicherung, tzon dieser Richtigstellung deS Blattes nimmt (He liberale Presse keine Notiz, wohl aber leistet St sich die Dreistigkeit, (Str. 312 der ,TSglichen undschau') von der „Wahrheitsliebe" des Abg. Erzberger zu sprechen. Aber so find die meisten liberalen Blätter: sie glauben, daß die Zentrums-

abgeorbneten vogelfrei sind; sie verleumden diese; wird aber die Unwahrheit glatt nachgewiesen, so schweigen sie einfach.

Gegen die Witwen- und Waisenversicherung macht die ,greif. Ztg/ mobil. Zur Einführung dieser Versicherung ist daS Reich schon durch die bekannte lex Trimborn verpflichtet, durch den § 15 des Zolliarkfgesetzes von 1902, in dem angeordnet wird, daß die Mehrerträge aus den Vieh- und Fleischzöllen zur Erleichterung der Durchführung einer Witwen- und Waisenversorgung und bis zum Inkrafttreten eines besonderen Gesetzes an« jafammeln sind. Ein bestimmter Zeitpunkt, bis zu dem daS Reliktenversorgungsgesetz fertig sein muß, wird durch die lex Trimborn nicht vorge­schrieben. Doch hat der Gesetzgeber den t. Jan. 1910 als äußersten Termin angenommen, denn der Absatz des § 15 lautet folgendermaßen:

„Tritt dieses Gesetz bis zum 1. Januar 1910 nicht in Kraft, so sind von da ab dis Zinsen der angesammelten Mehrerträge sowie die eingehenden Mehrerti äge selbst den einzelnen Jnvalidenversicherungsanstalten nach Maßgabe der von ihnen im vorhergehenden Jahre aufgebrachten Versicherungsbeiträge zum Zwecke der. Witwen- und Waisenversorgung der bei ihnen Ver­sicherten zu überweisen." Das Blatt hält sich nun darüber auf, daß diese Verquickung ein unglückseliger Gedanke gewesen sei. Die Freisinnigen haben bekannt­lich die lex Trimborn abgelehnt; wie sie die große Frage lösen wollen, haben sie bis zur Stunde noch nicht gesagt; das genannte Blatt schreibt nur: „Danach unterliegt eS für uns keinem Zweifel, daß die Beitrags­pflicht des Reiches für die Arbeiterrelikten von den Zolleinnahmen in jeder Weise vollkommen unabhängig zu machen ist."

Das sieht so aus, als wollte man die 50 Millionen Mark Zolleinnahmen, die für diesen Zweck festgelegt sind, für andere Ausgaben ver­wenden.

— Gegen die Weinsteuer haben am Sonntag die Winzer des Rheingaues in einer Protest­versammlung in Oestrich bei Wiesbaden lebhaften Widerspruch erhoben. Zugleich beschloß man eine Resolution zugunsten einer Reform der Weinsteuer.

(*) Der Reichstag wird seine Arbeiten be­kanntlich am 4. November wieder aufnehmen. Die Sitzung beginnt 2 Uhr nachmittags. Wie .Mlich. rverden-Putitionem zur Beratung kommen, damit die Nachzüglinge, die gewohnheitsmäßig einen Tag zu spät kommen, nicht zu viel ver­säumen.

[] Der Reichsinvalidenfonds wird auch zu seinem Teile mit dazu beitragen, den Steuerbe­darf des Reiches in die Höhe zu treiben. Der Fonds ist nämlich nahe erschöpft; in drei bis vier Jahren wird es mit ihm zu Ende sein und dann werden die Aufwendungen für diese Zwecke in Höhe von 25—28 Millionen Mark von der allgemeinenReichskaffe übernommen werden müflen. Was dafür notwendig sein wird, das soll schon jetzt durch die neuen Steuern berücksichtigt werden.

— Phantasien über die Motor-Luftfchiffahrt gab kürzlich der bekannte Regierungörat a. D. Martin tn Berlin zum besten. Marlin be­hauptete, daß die Hauptaufgabe der Motor-Lust- schiffahrt darin bestände, daß die vereinigten konti­nentalen Mächte 10,000 Luftschiffe auf Zeppeliner Art bauen, diese mit je 20 Mann besetzen und nun mit einer Armee von 200,000 aus der Luft England angreifen und erobern sollten. Ein ein- ziges solches Luftschiff koste ja „nur" eine halbe Million Mark, das wäre doch gar nichts gegen­über einem Schlachtschiff, das etwa 40 Millionen Mark koste. Diese 10,000 Lufschiffe sollten der englischen Küste gegenüber auf dem Kontinent in

Bereitschaft gestellt werden, um, sobald Zeit und Verhältnisse günstig, sich zu erheben und dann über England herzufallen. Die riesige englische Schlachtflotte würde sich unbedingt schleunigst aus dem Staube machen, um-nicht von den aus den Luftschiffen herabgeschleuderten Torpedos zerstört zu werden. Die Luftflotte würde.nun landen und 2 X 100,000 Streiter wären bereit, das englische Reich zu erobern. Der Redner denkt ich die Landung bei Nacht und er meint, die Luftschiffe würden schwer zu treffen fein, außer- dem schadeten Gewehrkugeln nichts. Der Redner will auch Artillerie und Kavallerie auf demselben Wege nach England-befördern, ob er nun dazu neue 10,000 Ballons braucht oder nicht, ließ sich einem Vortrage nicht entnehmen. Aber auf Grund solcher Phantasien fordert man dann, daß das Reich Millionen zu bewilligen habe.

** Armennnterstützung und Wahlrecht. Be­kanntlich hat die Reichsregierung im Reichstag dem Verlangen der gesamten volksfreundlichen Parteien insoweit nachgegeben, daß sie den Ver­lust des aktiven und passiven Wahlrechts im Falle deS Empfanges von Armenunterstützung wenigstens vermindert. Sie hat jetzt in diesem Sinne einen Entwurf au?gearbeitet, wonach wenigstens für geroiffe Fälle das aktive Wahl­recht'fortbesteht. Aehnlich soll auch diese Frage bei der Hinzuziehung von Schöffen und Ge­schworenen geregelt werden. Das Recht, gewählt zu werden, ist tn dem Entwürfe nicht vorgesehen.

* Neber die Erfolge des Quellensuchers v. Uslar in Deutfchfüdwestasrika will der Kaiser genau orientiert werden. Bekanntlich hat sich auf Veranlassung der Reichs- und Kolonialverwal­tung Landrat v. Uslar über zwei Jahre in Deutschsüdwestafrika aufgehalten, und hat daselbst überall feine Kunst und die Kraft der Wünschel­rute erprobt. Die Versuche sollen von gutem Er­folge begleitet gewesen sein. Aber bekanntlich sind auch nicht wenige mißlungene Versuche nach Europa gemeldet worden. Hoffentlich berichtet man auch darüber dem Kaiser. UebrigenS soll Landrat v. Uslar demnächst Gelegenheit erhalten, dem Kaiser persönlich einen Vortrag über seine drfabrungen zu halten.

Kassel, 11. Oktbr. 1908. Der nach langen Jahren wieder einmal ins Leben gerufene Ver­tretertag der Nationalliberalen Kur­tz essens wurde heute hier unter Anteilnahme von Abgeordneten, Vertrauensmännern und Parteifreun­den abgebalten; aus Hanau, Eschwege, Hersfeld, Schmalkalden, Bebra, Melsungen, Großalmerode, Witzenhausen und anderen Orten waren Vertreter der dort bestehenden Watzlvereine hierhergekommen, um im Kreise der hessischen Abgeordneten und des Parteivorstandes Kurhessens Beratungen zwecks Ausbaues der bestehenden Organisationen zn pflegen. Von hessischen Abgeordneten wären die LandtagS- abgeordneten Dr. Schröder -Kassel, Franz Gleim» Melsungen und Dr. Wendt land» Berlin (Ver­treter für Eschwege - Schmalkalden) erschienen. An die internen Beratungen des vormittags schloß sich eine Volksversammlung im Stadtparksaale an. Justizrat Dr. Harnier-Kassel eröffnete die Versammlung unter Hinweis auf die wichtigen Erörterungen, die in diesem Herbst und Winter in den beiden. Parlamenten gepflogen würden, es sei gerade jetzt mehr denn je Pflicht eines jeden Bür­gers, sich um die Politik zu beschäftigen und die bestehenden Parteiorganisationen zu stützen und weiter zu fördern. Reichstagsabgeordneter, Justiz­rat Junck-Leipzig, gab dann in großen Zügen ein Bild von den der Erledigung harrenden Gesetzes­vorlagen, allen voran an Wichtigkeit und an All- gemeininteresse stehe dir Reichsfinanzreform.

Reichsschatzsekretär Sydow habe die Bedürfnisse an neuen Steuern auf 500 Millionen Mark ver­anschlagt, es könne daher keinem Zweifel unterliegen, daß die Genußmittel dabei in fühlbares Weise ge­troffen würden, allen voran die alkoholischen Getränke und leider auch der Tabak, was um des­willen zu bedauern sei, weil er insonderheit di« tarl dezentralisierte Tabakindustrie em­pfindlich treffen würde, und so das Klein­gewerbe an seiner Weiterentwicklung auf dem Ge­biete der Hausindustrie wahrscheinlich beeinträchtigen dürfte. Die fortgesetzte Bevölkerungszunahme des deutschen Reiches erheische, daß mindestens jährlich zwei Milliarden Mark in nutzbaren Anlagen, industriellen Werken und dergleichen Anlagen fänden, um den Bevölkerungszuwachs dauernd ernähren zu können. Das sei in den letzten Jahren nicht geschehen, und so stehe daS Reich vor der Not« wendrgkeih zu der altbewähtten preußischen Spar­samkeit unter allen Umständen zurückzukehren, soll« eS in Zukunft mit den Bundesstaaten wie mtf der« Reiche selbst besser werden. Redner ftreifte weiter eine Anzahl Forderungen der Politik, und unter­strich, daß die nationalliberale Partei es im Reichs­tage insofern schlecht habe, als sie bei der Blockpolitik die Kerntruppe darstelle, die es sich zur Aufgabe machen müsse, die Forderungen von rechts nach links erttäglicher zu gestalten und vermitteln zu helfen. Landtagsabgeordneter Kammergerichtsrat Schiffer« Berlin knüpfte an die letzten Ausführungen deS Vorredners an, er sagte ein Trostsprüchlein auf und legte dar, daß die letzthin beendeten Landtagswahlen bewiesen hätten, daß die vermittelnde und nationale Tätigkeit der nationalliberalen Partei von rechts wie links mit schnödern Undank belohnt worden sei, und daß für die Nationalliberalen bi» Landtagswahlen einen glatten Vertust ergeben haben. DaS dürfe indes nicht entmutigen, denn es sei wohl eine Schlacht, aber doch kein Feldzug verloren, und wenn fich jeder liberale Bürger auf feine Pflicht besinne, und wenn die Organisationen zur Vollen­dung ausgebaut werden, die in den anderen Parteien anzutreffen gewesen wären, bann werbe es von selbst (?) anbei? werden. Man dürfe dem Gegner nicht erst Zeit lassen, durch Schaffung von Organi­sationen in den liberalen Bezirken die Patteianhänger zu zersplittern, das haben tn erster Linie die dies­maligen Wahlen gezeigt. Redner behandelte dann in erschöpfender Weise eine Anzahl kultureller Forderungen, wies hin auf die Tätigkeit der Natro« natliberalen auf dem Gebiete der Schulfragen und behandelte ferner dir Besoldungsvorlagen. Mit einem Appell zu immer engerem Zusammenschluß, zu immer strafferer Organisation schloß Redner unter tosendem Beifall. Eine Diskussion wurde mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit nicht beliebt.

, Die Vorgänge auf dem Balkan.

Sie Entscheidung, ob Krieg oder Friede, dürfte in diesen Tagen fallen. Sie liegt fast ausschließlich in den Händen der ser­bischen Abgeordneten, die am Samstag zu einer außerordentlichen Tagung zusammentraten. Nach dem bisherigen Gang der Verhandlungen darf man Wohl annehmen, daß der Krieg vermieden wird. Die Sitzngen sind zwar geheim, sodaß man nichts Zuverlässiges von ihrem Verlauf er­fährt. Aber allem Anschein nach haben die be­sonnenen Elemente unter den Abgeordneten die Oberhand, und auch König Peter neigt sehr wenig zum Kriege hin. In einer geheimen Vorkonfe­renz sollen die Abgeordneten sich mit großer Majorität für den Frieden entschlossen ha­ben. Doch kann man nicht übersehen, in wieweit die Abgeordneten bei ihrem Beschluß auf das Volk fick stützen können. Nach Stratzendemonstrationen zu urteilen, sollte man annehmen, daß die Stim­mung in ganz Serbien für den Krieg sei. Das Bedauerlichste bei den Kundgebungen gegen Oesterreich ist, daß der serbische Kronprinz

Kymitr, der Kosak.

Von Marcel Etienne.

BO] (Nachdruck verboten.)

f Dennoch kam der Hufschlag der versolgei'.den Pferbe näher und näher! Als Dymitt sich nm- wandte, sah er, daß zwei Kosaken ihm ziemlich nahe waren. Bon einer plötzlichen Eingebung geleitet, wechselte er rasch die Richtung. Der ichöne Chawat, welcher mit Schaum und Schweiß bedeckt war, befand sich plötzlich vor einem dich­ten, schwarzen Gebüsch, jenseits desselben zeich­nete sich ein dunkler, breiter Streifen ab.

, Es war ein tiefer Graben, in welchem sich einst in blutigen Schlachten Leichnam auf Leich­nam getürmt hatte. — Als Dymitr sich diesem Graben näherte, überflog ein spöttisches Lächeln |iein schönes, erregtes Gesicht. Mit einer pracht­vollen Bewegung voll Stolz, voll Kühnheit und Energie brachte er sein braves Tier hinüber, das sprang, als ob es Flügel hätte. •

Die beiden andern, die ihm nachsetzten, woll­ten seinem Beispiel folgen, — auch sie sprangen, hoch stießen sie bald einen wilden Fluch und einen Schrei aus, — der Schrei endete im Graben. —

Die beiden abgeworfenen Reiter lagen im Dickicht, die beiden armen Pferde hatten sich beim Sturz die Beine gebrochen! Keiner der Verfolger Hatte Dvmitrs sichere, ruhige Reiterhand, keins der Pferde die stählerne Fesseln des schönen Chawat!

„SDen Hasen kriegt Ihr doch nicht! — lebt Wohl!" rief ihnen der tollkühne Bursche lachend jn ihren Graben hinab.

Dann verschwand er stolz und fröhlich in der grauen Dämmerung des anbrechenden Tages!

12. Kapitel.

Eine Krone.

r-, Im alten Herrenhaufe zu Human war zur ffieit. als der Kosak und fein Pferd den Verfol­

gern glücklich entronnen waren, eine zahlreiche und lärmende Gesellschaft versammelt. Seit drei Wochen hatte der erlauchte Wojwode, Gras Po- tocki, von seinem Sohne Felix begleitet, dort Rest- denz genommen und sogleich alle Edelleute der Umgebung eingeladen.

Er hatte sich wie gewöhnlich darin gefallen, in seinem neuen Wohnsitze die großartigste Pracht, den raffiniertesten Luxus zu entfalten und sich mit den Ehren und Würden fast eines Souveräns zu umgeben. So standen zwei Regimenter Ko­saken, welche die Farben der Potocki trugen. Tag und Nacht im Dienst, lagerten in den Höfen und in den Nebengebäuden des umfangreichen Schlos­ses; sie traten bei feierlichen Anlässen, die Wap­pen der Potocki tragend, in geschlossenen Reihen zum Hokdienste an.

In den riesigen Küchen flammten Tag und Nacht die Scheite. Ungefähr 50 Köche, Küchen­jungen und Gehilfen brieten, und backten, kochten und mühten sich, um auf die pompös gerichteten und geschmückten Tafeln das Erlesenste aller in« und ausländischen Gerichte zu bringen, die Augen und Gaumen des verwöhntesten Gourmands in gleichem Maße entzückten.

Keiner der Schlachzizen der Umgebung, nid): der letzte kleine Edelmann vom Lande hätte dem Ruf des mächtigen 'Palatins nicht Folge leisten mögen. Nur der alte Herr Bychowski und sein Schwiegersohn hatten sich, freilich aus sehr ver- toi ebenen Ursachen, der lärmenden Versammlung fe'me gehalten. Der Greis, — welcher in den ehrgeizigen und rein persönlichen Bestrebungen Potockis neues Elend für fern armes Vaterland vorausahnte, hätte dieselben um keinen Preis gut- heißen wollen, indem er sie mit seinem Namen, — durch seine Person und Anwesenheit vertrat. Dec Starost hingegen, stets bestrebt, getreulich die Befehle des gefürchteten Wojwoden auszuführen, mußte ihm gegenwärtig in der Ferne dienen, in« dein er ihm bis an die Ufer des Don, weit lenfettS

der Grenzen der Ukraine, Parteigänger anzuwer- ben suchte. , ,

Doch fiel die Abwesenheit der beiden fernem einzigen aus der tollen und übermütigen Menge auf Das Vergnügen war vollständig, der Tu­mult unaufhörlich, die Aufregung fieberhaft und die Spielwut in höchster Entfaltung. Es schien, als suchte der eine den andern im Trinken, Spie­len und Schreien zu überbieten. So wenig man sich genierte bei diesen intimen und zwanglosen Zusammenkünften, wenn der Wein die Zungen gelöst hatte, auch die gefürchtete Person des Woj- woden, dessen Wisky man mit Vergnügen trank, in den Kreis abfälliger Kritik zu ziehen, so än­derte sick das Bild, wenn der hohe Herr persönlich in dem Kreis seiner „Getreuen" erschien, was zwei bis dreimal während des Tages zu geschehen pflegte. Dann entblößten sich alle Stirnen, neig­ten sich alle Häupter, beugten sich alle Knie! Tiefe Ehrfurcht, unbegrenzter Respekt, selbst niedrige Kriecherei waren die Gefühle, welche alle diese Edelleute zur Schau trugen 1 Im Innern aber Mißtrauen und Verachtung, ein Geist des Wider­spruches, der Widersetzlichkeit, des Aufruhrs so­gar — dies war von jeher die Art des polnischen und ukrainischen Edelmannes inbezug auf den Grandseigneur und Wojwoden, seinen Herrn und Gebieter gewesen, nur kaum einer war unter der ganzen Versammlung, der dieser nationalen Tra­dition von Falschheit und Doppelgängigkeit untreu geworden wäre!

Es scklug eben 10 Uhr auf der großen Turm­uhr des Schlosses. Nachdem der Wojwode, seiner Gewohrcheit gemäß, der Messe in der Schlotz- kapelle beigewohnt hatte, war er in seinem Arm­stuhl von Heiduken auf sein Zimmer zurückge­bracht worden. Seit ein paar Jahren quälte ihn in grausamster Weise die Gicht; wenn der Winter kam, verschlimmerte sich sein Uebel oft so sehr, daß er Monate lang den Gebrauch seiner Beine verlor.

UebrigenS hatte dieser hochmütige Palatin, dieser allmächtige Herr alle Qualen, Schmerzen und Uebel eines traurigen Alters zu erdulden. Seine wenigen weißen Haarsträhne, seine gelbe und faltige Stirne, seine über zahnlosen Kiefern zusammengebissenen schmalen Lippen, die gebeug­ten Schultern verrieten, daß er die schönen Jahre männlicher Vollkraft schon lange hinter sich hatte und trotz seiner stolzen Träume, trotz seiner ehr­geizigen Pläne das Ende seines Lebens nicht mehr allzufern war.

In diesem zerfallenen Körper aber leuchtete und herrschte noch mit unverminderter Gewalt eine heiße, starke, dämonische Seele. In seinen vom langen Leiden trübe gewordenen, tief einge­sunkenen Augen sprühte noch zuweilen eine Flam­me auf, die den angstvoll ihn beobachtenden Ge­treuen und den feilen Höflingen die tiefen Ge­danken des Herrn und Gebieters verriet, ihnen seine weitausschauenden, klugen Pläne und ehr­geizigen Hoffnungen enthüllte; in solchen Augen­blicken durchdrang sie alle eine hohe Bewunderung für diese starke und große Intelligenz, ein un­begrenztes Vertrauen in diese Kraft, — Furcht und Achtung vor dieser Majestät!

Nur wenn ihn sein Uebel zu Boden warf, gönnte er sich gezwungenermaßen Ruhe, sonzt war kaum ein freier Augenblick in feinem arbelt^vol- len Tag. Auch in diesem Augenblicke, als ihn die Lakaien kaum vor den mit Registern, Pergamen­ten und Schriften bedeckten Schreibtisch meberge- setzt hatten, rief er bereits mit herrischer Stimme seinem Kammerdiener zu, ihm den Intimsten sei­ner Getreuen, seinen Vertrauten, den Herrn Zlat- nicki, zu holen.

Die Fransenportiöre erhob fich hastig, irn näch­sten Moment erschien Zlatnicki und schritt entblöß­ten Hauptes voran, indem er sich vor feinem Herrn ehrfurchtsvoll verneigte.

(Fortsetzung folgt.)