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woch-Mllag-: „Illustrierte Sonntagrzeitmg"

35. Jahrgang.

Fulda, Montag den 12. Oktober 1908.

M 235.

Irveites Wlatt

vermachter.

.. Zentrum und Reichsschulden.

Kleines Feuilleton

Reklamen- «ud Anzeigenteil.

Kopfbedeckung abzunehmen und erst dann in das Innere deS Wagens einzutreten.

erscheint ISgttchmU Aurnahme der Sonn» und Leiertage. Viertel» jährlich« vezugspreir ohne vrkngerlohn und Bestellgeld in Lulda so» rvie auswärts 1-50 Ult.

verauta. Htbottewt;

V v.: A. wetzler; sär die Anzeigen:

A.-arzell« inLnlda.

Aus dem Nachbargebiet.

* Hünfeld, 10. Oft. l?08. Dem Gemeinde­rechner Pfeffermann m Gotthards ist das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen worden. — Ernannt wurde derGerrchtsvollzleherkr. A. Brod in Hünfeld zum Gerichtsvollzieher an dem Amts- aericht. — Eine Bekanntmachung, dl« auch für andere Orte angebracht fein dürfte nnd. Beach- tunq verdient, erläßt der Landrat m Hünfeld. Er weist nämlich darauf hin, daß nach den m letzter Zeit gemachten Wahrnehmungen mele Besitzer von Fuhrwer ken und Fahrrädern hach eingrtretener Dunkelheit o ^E .deleuch- zunq fahren. Mit Rücksicht auf bte dadurch erwachsende Gefahr für die Passanten werden die Ortspolizetbehbrden des Kreises angewiesen, gegen alle derartigen Zuwiderhandlungen »m ersten Falle eine Strafe von 3 Mark im Wieder­holungsfalls aber eine solche von 6 Mark sest-

Seele wieder gefundet, kann mit Gellert aus- ; rufen: „O Gott, wie muß das Glück erfreu'», > der Retter einer Seele feint"

— Aus dem Hause der guten alten Zeit. Die „gute Stube" war zur Zeit unserer Großmutter das Heiligtum der Familie, zu welchem die Fa­milienmitglieder ungefähr in dem Verhältnis standen wie Moses zum Lande Kanaan, das er be­schauen durste, ohne hineinzukommen. Die Mo- i bel wurden gewöhnlich mit Ueberzügen versehen, । die sie gegen Staub schützten, und hing eine Krone an der Decke, so steckte sie meist in einer schützen Hülle, wie die Schinken im Schläch­terläden zur Sommerszeit. Nur wenn hoher Besuch eintraf, öffneten sich die Pforten zum Allerheiligsten, und mit raschem Griff zog die Hausfrau die schützenden Hüllen von Stuhls und Sofa. Im Winter erleichterte die gute Stube das „Fortkommen" unliebsamer Gäste, da sie stets ungcheizt war. So erfüllte sie wenigstens einen Zweck. Heute, da sich nur wenige Groß­städter den Luxus gestatten können, unbenutzte Wohnräume zu halten, ist die gute Stube un­modern geworden-, nur in Dörfern und kleinen Städten, wo der Raum noch einen niedrigen Kurs hat, besteht sie in ihrer Unnahbarkeit wei­ter Das „Himmelbett" war früher das wich­tigste Möbel der Bauernstube, ein Ehrenplatz, eine Stube in der Stube. Breit und behäbig stand der alte Kasten da, über dem sich ein von vier Pfosten getragener Bretterboden, der „Himmel", wölbte. Eine Zuggardine aus buntem Zeug ver- deckte das Innere und hielt gleichzeitig Geräusche und grelles Licht, aber auch die frische Luft zu­rück. Das „Besteigen" des Lagers setzte gewöhn- lich eine nicht geringe turnerische Fertigkeit vor- aus, und alte Leute bedienten sich dabei wohl : einer kleinen Stufenleiter. Das Himmelbett - war jedoch nicht allein Schlafgemach für das i bäuerliche Ehepaar, es diente oft auch als Vor- t ratskammer. Besonders lagerten auf dem Hrm- > I meldett allerlei schöne Sachen, z. B. Obst und

♦ einen überraschend« Fnnd machte bte Frau eines Polizeibeamten in C a st r o p - S ch w e t: t n beim Oeffnen ihres zum Schlafzimmer führenden Fensters. Sie fand fünf anemandergebunden« prengfertige Dynamitpatronen mit einer Zündschnur, die zwar angedrannt, aber erloschen war. Offenbar liegt die Vorbereitung zu einem Racheakt vor. Die Menge des Dynamits genügte, um das ganze Haus in Trümmer zu legen.

* Folgen der Klatschsucht. Eine böse Nachbarin verdächtigte in einer Klatscherei die Fra« des Wärters Mauermann in Höntrop bet Bochum der Untreue. Der Mann glaubte zunächst an die Un­schuld der Frau. Als er eines Tages gemeine Vor­würfe gegen seine Frau las, feuerte er tn höchster Aufregung seinen Revolver auf diese ab und ver­letzte sie schwer. Das Schwurgericht »ahm an, daß die Verleumdungen den Mann um den Verstand gebracht hätten, und sprach ihn frei.

• Verhaftung eines Hoteldiebes. Ein Dieb, der in einem Berliner Hotel für 8000 Mark Schmucksachen erbeutet hatte, wurde verhaftet. Es ist ein 22jähriger früherer Kaufmann, der aus einer angesehenen Berliner Familie stanum. Ein Juwelier, dem die Schmucksmhen zum Kaufe angeboten wurden, erkannte die ihm vorgelegten Stücke nach der in den Zeitungen gegebenen Be­schreibung, bestellte den Verkäufer für eme spa­tere Zeit wieder und unterrichtete inzwischen die Kriminalpolizei.

* Der Perlendiebstahl bei der Gräfin War­tensleben. Vor der 7. Strafkammer des Land- gerichts Berlin I wurde gegen die verehelichte Schneiderin Martha Steger, geb. Mergelt, der- handelt, die beschuldigt ist, in der Nacht zum 15. Februar d. I. einen der Gräfin Wartensleben ge- hörigen Perlenschmuck im Werte von 267 000 M gestohlen zu haben. Der kleine Zuhörerraum des Verhandlungszimmers ist dicht gefüllt, uberwte- gend von Damen. Die Angeklagte bleibt bet ihrer chon früher aufgestellten Behauptung, sie habe die Perlen nicht stehlen, fondern nur der Gräfin W. einen Schabernack spielen wollen. Der Staats- anwalt beantragt eine Gefängnisstrafe von zwei Kahren. Der Verteidiger plädiert auf Fretspre- chung. Das Urteil lautete aus 1% Jahr Gefäng­nis und 3 Jahr Ehrverlust.

zusetzen.

* Schlüchtern, 9. Oft. 1908. Eine W a n d e r- h au shaltungsschule für den Kreis Schlüchtern wird demnächst ins Leben treten.. Für die Unterhaltung der Schule hat der hiesige Zweigverein des Vaterländischen Frauenverems neben den von dem Herrn Minister und dem Kreise gewährten Mitteln einen jährlichen Bei­trag von 300 M in Aussicht gestellt, sodaß der dauernde Bestand des Kursus gesichert erscheint. Die. Schülerinnen zahlen nur 25 I Pro Tag und emf'fangen dafür sogar zu Mittag Verköstigung.

* Rotenburg, 10. Okt. 1908. Die Gemeinde- Vertreter von KönigSwald haben in ihrer letzten I Sitzung die Errichtung einer ländlichen Fort- bildungsschule beschloffen.

* Friedberg, 10. Okt. 19C8. Die Stadt beabsichtigt, an 'der Hagstraße auf dem Vorder- oelände deS Volksbadgrundstücks em Gebäude zu errichten, besten Erdgeschoß für Zwecke einer öffentlichen Lesehalle und Volksbtblto- thek und desten beiden oberen Geschosse sür bte Gewerbeschule bienen sollen.

* Neustadt a. S., 9. Okt. 1908. Um die land- und sorstwirtschaft.ichen Verhältnisse unserer Rhön genau kennen zu lernen, findet demnackfft eme gemeinsame Begehung der hohen Rhon zur Besichtigung der Weiden, Wiesen, Aufforstungen, Wege, baulichen An­lagen 2C. statt. Teilnehmen werden Verwal- tuugs- und Forstbeamte, K. Tierzuchtinspektor Gutbrod aus Schweinfurt, Vertreter der beteilig­ten Gemeinden und des landwirtfchaftlichen B«- zu ksausschusses Bischofsheim v. Rh.. Mitglieder des landwirtschaftlichen Kreisausschusses, fowie Mitglieder benachbarter landwirtschaftlicher Be- ziiksvereine und des Zuchtverbandes für gelbes

Deutsches Reich.

* Die Reform der Arhfiterversichernng soll bekanntlich in einer Konferenz, zu der auch Ar- beitgeber und Arbeitnehmer zugezogen werden sollen, im Reichsamt deS Innern beraten werden. Diese Konferenz ist sür den 24. Oktober embe- rufen worden; alsdann soll über den Arznei­mittelbezug der Krankenkasse beraten werden. Am 27. Oktober kommt eine Besprechung mit Vertretern der Unfallberufsgenoflenschast und der

— Wer ist arm? Der Begriff „Armut hat -keineswegs eine stets und überall sich gleich blei­bende Bedeutung. Arm im weitesten Smne sind die, welche die in ihrer Umgebung üblichen An­sprüche zum Lebensunterhalt nicht befriedigen I können. Ein armer Gelehrter, ein armer Künst­ler, ein armer Adliger sind Personen, die nicht standesgemäß leben können und sich nianaierlei I Entbehrungen auserlegen müssen. Viele Unge­hörige des Mittelstandes, insbesondere Beamte nist'vielen Kindern, entbehren oft weit mehr als Arbeiter, die über niedrige Lohne klagen. Not ist die äußerste Armut', sie besteht tn der Entbey- rung des Nötigsten. Wer arm 'st-,.kann »och einiges besitzen und gewisse Bedürfnisse vielleicht noch Leidlich befriedigen, der Notleiiwnde ist außerstande, sich das Fehlende zu verschaffen. Die eigentliche Armut beginnt erst mit der Kultur, die in allen Klassen der Bevölkerung eigenartige, höhere Bedürfnisse weckt. Die Sitten üben einen mächtigen Einfluß auf das Leben der Menschen. Durch die Gesittung erweitet sich das Dasem und läutert sich der Geschmack. Mit der Zunahme des Wohlstandes und der Gesittung wird auch das Mitgefühl für fremde Leiden reger; es wächst nicht die Bedürftigkeit, fondern die Barmherzig­keit Diese kann aber die Bande unter den Men­schen nur dann fester knüpfen, wenn sie mit Klug- heit gepart ist, wenn nicht bloß das Herz, fondern auch der Kopf beim Geben beteiligt ist. Und arm sind nicht bloß die, die an materiellen Gütern Mangel leiden, arm sind auch solche, denen es an geistigen und sittlichen Gütern gebricht, also alle Gedrückten, Unzufriedenen, Traurigen, Schuldbe- ladenen. Hier herrscht die größte Not, der nur durch liebevolle, persönliche Pflege abgeholfen werden kann. Wer aber auch nur einem einzigen Menschen dazu verhilft, daß er an Leib und

* Reiches Geschenk. Der Stockholmer Kunst- freund Graf von Hallhyb hat beschlossen, nach sei- nem Tode sein knüstlerisch ausgeführtes Palais mit der wertvollen Gemäldesammlung uni) 100 000 Kronen zu deren Unterhaltung der Stadt Stockholm zu schenkem Das Gebäude, eines der schönsten Bauwerke der Stadt, hat einen Wert von 800 000 Kronen, während der Wert der Ge­mälde, hauptsächlich ans niederländischen Schulen, wesentlich höher taxiert wird.

* Die Hinrichtung mit btm Beil. Daß bas Beil für eine Hinrichtung nicht di« sichere Gewähr bietet, hat bte vor einigen Tagen in Gera vollzogene Hin­richtung be? Mädchenmörders Martin Böttger ge­zeigt, bte der Scharfrichter Engelhardt anS Magdeburg ausführte, der damst die 60. Hinrichtung vollzog. Die Hinrichtung verlief nicht ohne Störung, da bet Kopf b«3 Delinquenten nicht sofort fiel. Es wird beshalb bie Ansicht laut, daß im ganzen Reich« bi« Hinrichtungen mittels ber Guillotine erfolgen, bi« bie Sicherheit bietet, daß jeder Hinrichtungsakt ohne Zwischenfall verlänst.

* Die Versorgung OstfrieslandS mit Elektrizität. Die Königliche Melioratkonsverfuchsanstalt Voßberg übertrug den hanseatischen SiemenS-Schuckertwerken in Hamburg die Alleinkonzesfion zur Errichtung und zum Betrieb einer großen elektrischen Zentral« mit Torffeuerung im Aurichter Wiksmoore zweck- I Versorgung aller Städte OstfrieslandS mit elektrischem Licht auf 75 Jahre.

♦ 8in neuer Rekordfing Wilbur Wrights. Seinen letzten aufgestellten Rekord für einen Flug mit einem Passagier hat, wie bereits telegraphisch gemeldet, Wilbur Wright wieder durch eine neue großartige Leistung überboten. Es wird darüber aus Paris gemeldet: Gegen 6 llhr abends, als die Dunkelheit schon hereinbrach, ließ Wilbur Wrigtst auf dem Kurvenpfosten seines Uebungsplatzes Laternen be­festigen und lud den Journalisten Fordyce ein, auf dem zweiten Sitze des Apparates Platz zu nehmen. Dann erhob sich der Apparat und landete erst nach einer Stunde, 4 Minuten und 26^/» Sekunden. Die zurückgelegte Distanz betrug 70 Kilometer bei einem nordwestlichen Winde von 3 Meter in der Sekunde.

volkswirtschaftliches und Sozialer.

(*) Die Zahl der Analphabeten sinkt in Preußen weiter. Sie ist von 1,07 Prozent im Jahr« 1887 auf 0,02 im

qequngen. Es waren nur noch 40 Mann unter den Rekruten, bie nicht schreiben konnten. ____

nur einiges hervor. Bis 1900 wurden die Kosten der Schiffsarmierung zu % aus der Anleihe be- stritten und nur 5 Prozent des Flottenwertes ab­geschrieben; feit 1901 aber wird auf Antrag des Zentrums die Armierung ganz aus laufenden Mitteln bestritten und die Abschreibung ist auf 6 Prozent erhöht worden Im We 1904 for­derte der Bundesrat, daß über 40 Mill. M Jur neue Kanonen auf Anleihe genommen wurden; das Zentrum lehnte dieses ab und stellte die Aus- aabe in den ordentlichen Etat em; tm ^ahre 1907 hat dagegen gegen den Widerspruch des ! Zentrums der Block 40 Mill. für die Küsten- trumsantrag erreichte dieses, Sm c^re 1903 hat derselbe Block beim Flottengesetz 523 Mill auf Anleihe verwiesen; das Zentrum wollte nur 152 Mill. <4t Schulden genehmigen. So geht es durch alle Rubriken hindurch.

Schon diese wenigen Zahlen besagen sehr deut­lich. daß das Zentrum für die hohe Reichsschuld nicht verantwortlich ist, daß es vielmehr immer auf Einengung der Schuldenwirtschaft hmarbei- tete. Man muß daher sein Erstaunen ausdrucken, wie angesichts dieser feststehenden Zahlen die Freisinnigen den Mut haben, mit -ihren unwah­ren Angriffen gegen das Zentrum auszutreten. Es ist das eigene böse Gewissen, daß sie zu solchen Ausflüchten treibt._________

— f. eint Verbesserung der drahtlos« Telegraphie. Aus Christi an i a wird uns geschrieben: Ein be­merkenswerter Fortschritt in der Technik bet draht­losen Telegraphie ist nach zuverlässigen Nachrichten von einem Norweger erreicht worben. Nach längeren umfangreichen Experimenten hat nämlich bet Ma- rinetapitän Hovlanb eine Reihe wichtiger Erfindungen im Sinne ber Vereinfachung bes Systems gemacht. Seine Apparate, über bereu Konstruk­tion natürlich noch nichts bekannt gegeben wirb, sollen so leicht zu bedienen sein, daß sie sich an Borb jedes Kaufsahrteffchiffes verwenden taffen. Daß an der Sache etwas sein muß, beweist ber Umftanb,, -------- v . ncm).

daß sich bereits eine Gesellschaft zur Ausnutzung Wright segelt«^bald m em« HöA von 25 Metern, der Hovlandschen Erfindung gebildet bat. Zunächst bald mtt 2 Meter üb« bem Boden. Nach der > wird sie eine Versuchsstation bei Melfomvik am ersten halben Stunde wurde der Apparat bei ein« Christianiafjord aulegen. Auch hat Admiral Bör- Wendung von einem heftigen Wmdwlrbel «faßt resen das Hovtandsche System als vielversprechend und bäumte sich auf. Wnght stellte ab« äugen« beurteilt bllckllch das bedrohte Gleichgewicht wred« h« und

,. . setzte feinen Flug unter dem Beifall der Zu-

— k. Was Europa von fernen Auswanderern be- (ct)ctnet $ott kommt. In den Vereinigten Staaten leben zur Zeit etwa 15 Millionen europäischer Auswanderer, die jährlich ungefähr eine Milliarde Mark nach Europa an ihre Angehörigen schicken. Die größte Menge hi«von, 280 Millionen, entfällt auf die Italien«, von denen 2 Millionen m Amerika leben. Dann folgt Oesterreich, helfen Auswanderer 260 Mil­lionen nach Europa schicken; Engläud« und Ruffen schicken 100 Millionen und die Deutschen etwa 60. Diese Zahl erscheint Nein, wenn man bedenkt, da die Anzahl d« Deutschen m den Bereinigten Staaten auf 4 Millionen geschätzt wird; man darf aben nicht die Anzahl der Auswand«« irgendwie mir dem nach Europa geschickt« Betrag vergleichen weil man durchaus nicht weiß, wieviel Auswand««- überhaupt noch Beziehungen zur Heimat unterhalten*

Landesversicherungs-Anstalten.

* DaS „Unheil" für Deutschostafrika. Am kolonialen Himmel zieht wieder eine dunkle Wolke dräuend herauf. Die freikonservalive ,Post' hat sie entdeckt. „Das Unheil nimmt seinen Laus" sär Deutschostafrika. Es hat sich nämlich in Daressalem ein neues Blatt, die ,Deulschafrikanische Rundschau', aufgetan, und dieses Blatt — matt lese und staune!! — wird von einem — ultra­montanen Redakteur herausgegeben! „Von jetzt an werden also die Berichte über Deutschlands Kolonie am ultramontanen Herdseuer geschmiedet werden!" ruft da« Blatt entrüstet und zornig aus. „Es ist Gefahr im Verzüge und das Un- heil nimmt feinen Lauf!" — Wir glauben, alle Redakteure, bie auf den Titel „ultramontan" । Anspruch machen können, persönlich zu kennen und Über ihre jeweilige Tätigkeit einigermaßen unteni^et zu fein. Alle kennen aber niemanden, der nach Deulfchostaftika gegangen wäre, um dort ein Blatt zu gründen. Wahrscheinlich handelt es sich hin wiederum um einen „Ultramontanen" derselben Sorte, wie man ihn uns seinerzeit in Gestalt eines ultramontanen „Journalisten" Schwind in der Wlstuba-Affäre an die Rock- schoße zu hängen versuchte. Dies« Herr ent­puppte sich später als Protestant, der niemals „ultramontan" gewesen war und zweitens als ein Prioatsekretär, der der Journalistik gänzlich fern stand. Aehnlich wird es auch wohl in diesem Fall« ergehen. Es sei denn, daß hin irgend eine unbekannte Größe aus ultramontanem Leder Riemen zu schneiden versuchte.

Von den sreisinnigen Blättern wird systema­tisch die Behauptung ausgestellt, daß das Zem hum die Ursache fei, weshalb wir 4y2 Mill Schulden hätten; dabei weisen sie auf die Tat- fadic hin, daß feit 1900 unsere Schuldenlast um 2000 Mill. M gestiegen sei. Sonderbar, daß sie dem Fürsten Bülow keine Vorwiirse machen; denn er hat doch alle Anleihen dem Reichstage vorge- fchlagen; das Zentrum hat nie emen Antrag auf Vermehrung der Reichsschulden gestellt Alle Vo - schlüge gingen vom Bundesrat aus und das Zen­trum wehrte sich wiederholt.

Als es für Südwestafrika die Schuldenwirt-1 schäft satt hatte, ist es bekanntlich zur Auslosung gekommen und der Block hat jene schulden be­willigt, die das Zentrum ablehnte.

Wie aber steht es in Wirklichkeit mit der Schuldenwirtschaft? Wenn man me Zunahme der Reichsschulden in den einzelnen Jahren vergleicht, so kommt man zu ganz inter­essanten Zahlen. Von 1887-1891 wurden die Reichsschulden um 1200 Mill. M vermehrt, das war die Zeit des Kartellreichstages; das Zen­trum war ausgeschaltet und die Schulden wurden gegen seine Stimmen gemacht. 1893 und 18041 wurden 340 Mill. M. neue Schulden gemacht, als eine Folge dem vom Zentrum abgelehnten , Militärvorlage. Dann kam 1907/08 der Block­reichstag mit 500 Mill. M neuer Schulden. An dieser Vermehrung der Reichsschulden um über 2 000 Mill. M ist gewiß das Zentrum herzlich unschuldig; denn die Verantwortung trifft alle seine Gegner. Rund 1000 Mill. M sind aber auf das Konto der Regierung zu setzen; sie wurden durch die Erweitgrung der C h i u a e x p e d l - ’iion und durch die Erweiterung der Sud- Westafriranischen Expedition erfor­derlich; beides aber hat sich während der Ver­tagung des Reichstages vollzogen; der Reichstag wurde nicht um seine Zustimmung gefragt; er «mußte nachher nur die Rechnung bezahlen, nach­dem die Gelder schon ansgegeben waren. Man halte sich also an den Fürsten Bülow und nicht an das Zentrum. Diese Paar Zahlen zeigen schon, daß 3000 Mill. Reichsschulden entweder gegen das Zentrum gemacht wurden oder ausgegeben wurden, ohne den Reichstag zuvor zu sragen. Die Richtigkeit dieser Zahlen kann niemand in

Abrede stellen.

Solange das Zentrum mit dem Freisinn und der Sozialdemokratie eine Mehrheit bilden konnte, war die Zunahme der Reichsschulden eine sehr geringe, so wurden von 1895—189§ tne ^hulden I nur um 186 Mill. vermehrt. Der Block hat in einem Jahre mehr Schulden gemacht als das Zentrum in fünf Jahren.

Wer aber dem Zentrum trotzdem Vorwurfe macht, der beweist nur, daß er von der Sache nichts versteht. Seit 1870 ist nur einmal t Reiche mit der Schuldentilgung Ernst gemacht worden; es geschah von 1895—1899; da wurden durch die Gesetze Dr. Lieber, des Zentrumsfuh- rers, 152 Mill. M Schulden abbezahlt; etn Zm- trumsantrag erreichte dieses, ^m ^ahre 1903 bestimmte das vom Zentrum geschaffene Steuer­gesetz, daß jährlich 3 Proz. Schulden getilgt wer- den sollen; wie aber 1908 erstmals hierfür 24 Mill. <* eingestellt werden sollten, da hat der Mock die Tilgung ausgesetzt.

Das Zentrum hat weiter stets auf eine Ver- Minderung der Anleihebedürfnisie hingearbeltet und auch manches erreicht; die Schuldenwtrt- schaft ist unter ihm eingeengt worden. Wir lieben

Frankenvieh.

* Wiesbaden, 10. Okt. 1908. Lebhafte Heiler- feit erregte am Samstag eine feingekleidete junge Dame, welche in d« elektrischen Straßenbahn einfteigen wollte, daran aber durch ihren neu­modischen Hut behindert wurde. Dieses Ungetüm hatte einen solchen Umfang, daß alles Lavieren seiner schönen Trägerin nicht- nutzte, sie sich vielmehr entschließen mußte, die monströse Backpflaumen. Heute trifft man das Himmel­beit nur noch selten an; es ist altväterisch, un­modern geworden.

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