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Fulda, Samstag den 10. Oktober 1908.

35. Jahrgang

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man ihnen jeht auf möglichst unblutigem Wege wieder abknöpft. Aber ich muß doch immer noch fragen: Was sollen diese Mohammedaner von der christlichen Ehrlichkeit und Gerechtigkeit denken? A bissel viel Falschheit ist doch dabei!

Vor dreißig Jahren, auf dem Berliner Kon­greß, hatte man schon die Absicht, von dem tür­kischen Braten die Stücke Bulgarien, Ostrume- lien, Bosnien und Herzegowina abzulösen. Da- nials konnte man sich allenfalls auf das „Kriegs­recht" berufen; denn Rußland hatte mit der Türkei Krieg geführt und der Halbmond war da­bei trotz Plcwua unterlegen. Aber nun erwachte die englische Mißgunst. Um England zu be­schwichtige», machte man nur halbe Arbeit und ließ den Schein bestehen, als ob die Türkei noch die Oberherrlichkeit in Bulgarien und Ostrn- melien sowie das Rückforderungsrecht für Bos­nien und Herzegowina behalte. Tas wurde fein säuberlich unter Bismarcks Führung auf das ge­duldige Papier geschrieben, das man Berliner Vertrag nannte. Aber alle Welt wußte, daß es anders gemeint fei, und im Stillen sang man das Lied: Nehmet Abschied, Türkenbrüder; die Länder seht ihr niemals wieder? Im Jahre 1885 wurde dann das erste Loch in den Vertrag ge­stoßen, als Bulgarien sich das benachbarte Ostru- melien einfach angliederte. Um die Jahrhundert­wende glaubten Griechenland und Kreta ihr Müt- chen kühlen zu dürfen. Aber sie fanden zunächst ein Haar in der Butter. Die Uneinigkeit der Großmächte gestattete dem Sultan, seine Sol­daten nach Griechenland niarschieren zu lassen, und die angeblichen Nachkommen der Helden von Salamis liefen wie Hasen vor den Truppen des Halbmonds davon, die gelungene Kraftprobe half aber der Türkei nicht viel. Kreta bekam doch eine besondere Verwaltung, so daß es tatsächlich dem Sultan verloren gegangen war, und seitdem wurde die Vereinigung mit Griechenland vorbe- reitet, die jetzt zur Tatsache geworden ist. Jnzwi- schen hatte das ruhige Oesterreich die beiden „ok- kupierten" Länder Bosnien und Herzegowina mit

viel eher den Bruch eines völkerrechtlichen Vertra­ge zumutet als der Donau-Monarchie. Besonders in der englischen Preffe wird die österreichisch-un­garische Regierung wegen der Annexion scharf an- gegriffen. So erklärte der Londoner „Daily Te­legraph", die Annexion sei ein schmutziges Ge­schäft. Der „Standard" bezeichnet sie als eine brutale Verletzung der Rechte. Die „Daily News" sagt, Oesterreich-Ungarn und Bulgarien seien mörderische Attentäter, und Deutschland sei der — Mitschuldige. — Natürlich! Deutschland muß ja nach Ansicht der englischen Presse überall der schuldige Teil sein. Auch die übrige Londoner Presse wirst Oestereich-Ungarn solche liebenswür- digen Wörter an den Kopf. Allgemein wird in London die Haltung Rußlands mit Mißtrauen betrachtet. Es verlautet nämlich mit Bestimmt­heit, daß Rußland Kenntnis von der bevorstehen­den Annexion Bosniens und der Herzogowina hatte, ohne aber die Information an Frankreich und England weiterzugeben. Indes darf man wohl immer noch annehmen, daß auch Eng­land von dem Vorgehen, Bulgariens und Oe­sterreich-Ungarns Kenntnis hafte; sonst wäre die Londoner Negierung jetzt schon schärfer borge« gangen. Die türkische Regierung scheint mit der Annexion vollständig einverstanden zu sein, und auch die Bewohner der okkupierten Länder sind angeblich mit den neuen Verhältnissen zufrieden. Die benachbarten Serben protestieren immer noch gegen die Angliederung Bosniens und scheinen sich auch für alle Fälle gerüstet zu halten. Die erste Reserve der serbischen Armee ist bereits mo­bil gemacht worden.

„Wo alles liebt, kann Karl allein nicht Haffen" und darum erachtete Kreta auch den Augenblick für gekommen, sich von der türkischen Herrschaft loszureißen. , Die Proklamation der Angliederung Kretas ist kein Blitz aus heiterm Himel, sie war seit drei Tagen erivartet wie eine neue Entladung eines Gewitters. Seit zehn Jahren schon ist ,die Insel nur lose durch das Band der Suzeränität mit der Türkei verbunden. Nach den furchtbaren Kämpfen 1898, die zur Niedermetzelung Tausen­der von Christen und zum Bombardement von Kandia durch die englischen Kriegsschiffe führten, gewannen die Kreter die Autonomie. Seither re­gierte sie der griechische Prinz Georg als Ober­kommissar der vier Schutzmächte England, Frank­reich, Italien und Rußland, den seit zwei Jahren der frühere griechische Ministerpräsident Zaimis ersetzt hat. Vor zehn Jahren haben die türkischen und im Sommer dieses Jahres die internationa­len Truppen die Insel verlassen. In den Bera­tungen der Nationalversammlung ist seit ihrem Bestehen fast von nichts anderem als der Vereini­gung mit dem Königreich die Rede, und die ganze Politik Zaimis, der ein sehr gewandter Staats­mann ist, Ivar darauf gerichtet, das nun eingetre­tene Ereignis auf einen geeigneten Zeitpunkt zu verschieben.

Die Marokko-Schwierigkeiten tra­ten angesichts des Sturmes auf dem Balkan etwas mehr in den Hintergrund, lieber die Bedingun­gen, unter denen der neue Sultan die Anerken­nung der Welt finden soll, ist jetzt in aller Ruhe das Einverständnis zwischen den Mächten nahezu erreicht worden. Die französische Regierung dürfte diejenigen Forderungen,, welche geeignet sind, das Einverständnis zu stören, fallen lassen, und es ist anzunehmen, daß Muley Kafid binnen kurzem von allen Staaten als rechtmäßiger Herrscher Marok­kos anerkannt wird. Dieser Sachlage ist es auch zu danken, daß die Ausschreitungen französischer Militärs gegen Beamte des deutschen Konsulats in Casablanca ernstere Folgen nicht nach sich ge­zogen und die gegenwärtigen guten Beziehungen Deutschlands und Frankreichs nicht gestört haben.

den, die das Zudrücken von einem oder gar von zwei Augen empfehlen.

Ja, gibt es denn noch Gerechtigkeit in der Welt? Hier und da trifft man sie schon; aber gerade dann, wenn man sie am dringlichsten braucht, läßt sie sich oft vergebens suchen. Wer klug ist, der rechnet mit der Selb st sucht als der Regentin in der Welt. Darum stecken in den jüngsten politischen Vorgängen auch Fingerzeige für die allgemeine Geschäfts- und Lebensführung.

Wenn du mit anderen Leuten Abmachungen zu treffen hast, so verlasse dich nicht auf wohl­klingende Worte und auch nicht auf liebliche Stimmungen des Augenblicks. Suche volle Rechtssicherheit und zweifellose Klar­heit herbeizuführen. Laß dich nicht auf eine Art „Berliner Vertrag" ein, in dem Dinge stehen, die nicht ernst gemeint sind und auf deren dau­ernde Geltung du nicht einmal bestimmt rechnen kannst. Man sagt dir, das sei „natürlich" nur so und so gemeint, und man beteuert dir, es sei an eine andere Auslegung oder an eine abweichende Handlung „gar nicht zu denken". Vielleicht ist das auch im Augenblick so gemeint. Aber es än­dern sich nicht blos die Zeiten, sondern auch die Menschen. Wo heute noch die Liebe oder die Dankbarkeit mitspricht, da führt morgen der Eigennutz das Wort allein. Das eigene Interesse ist ein sehr gewichtiges Ding, und es hat die Eigentümlichkeit, im Laufe der Zeit immer noch gewichtiger zu werden. Schließlich wiegt es nicht nur das Zartgefühl und das Anstandsgefühl, sondern manchmal auch das Rechtsgefühl und das Gewissen auf. Wer sich auf den guten Willen seiner Mitmenschen verläßt, der treibt Luftschiff­fahrt; wenn er oben bleibt bis zum Ziel, hat er viel Glück, und wenn er zu Grunde geht, so darf er sich nicht wundern.

Mißtrauen ist keine angenehme Stimmung, und Vorsicht stört oft die Bchaglichkeit. Aber die Vertrauensseligkeit ist ein gefährlicher Zeitver­treib, und bei dem gemütlichen Schlendrian trägt daS Ende die Last. Es gibt auf Erden keinen

= Eine offene Benachteiligung -es katholischen Bolksteils.

Die Regulierung der Besoldung des ka­tholischen Klerus ist eine schwere Ver­letzung der Parität und der Gleichberechti­gung, die in den weiteren Kreisen gar nicht be­kannt ist; der katholische Pfarrer bezieht in bett meisten deutschen Bundesstaaten erheblich weniger als der evangelische. Im Reiche freilich kennt man eine solche Ungleichheit nicht; da werden die Militär- und Marinegeistlichen gleich hoch be­soldet. In diesem Jahre hat es der Abg. Dr. Schädler in Bayern erreichst, daß die bisherige Ungleichheit aus der Well geschafft worden ist und daß die staatlichen Zuschüsse dasselbe Gehalt für die Geistlichen beider Konfessionen garantie­ren. Aber sonst besteht eine unterschiedliche Be­handlung, die nicht mehr zu ertragen ist. In Preußen ist seit 1898 der katholische Pfarrer um 1600 <M, im Höchstgehalt hinter dem evangelischen zurück (3200 <W, gegen 4800 <M>\ kein zweiter Bundesstaat hat eine solche schreiende Differenz; zwar werden auch in Württemberg die katholischen Pfarrer schlechter besoldet, obwohl dieser Staat vor 100 Jahren über 300 Mill. <At Kirchengut säkularisierte; in den Reichslanden sind die ka­tholischen Pfarrer am schlechtesten bezahlt und rücken erst nach dem 70. Lebensjahre in den Höchst­gehalt ein; die evangelischen Geistlichen sind weit besser daran. Aber nirgends ist der Unterschieb so groß wie in Preußen, wo er 50 Proz. von dem Höchstgehalt des katholischen Pfarrers ausmacht, dabei hat auch Preußen sich bei der Säkularisation an dem katholischen Kirchenvermögcn recht gut er- holt. Eine bittere Ironie auf diese unterschiedliche Behandlung liegt in der Tatsache, daß z. B. di« Gefängnisgeistlichen in Preußen und Württem­berg denselben Gehalt beziehen ohne Rücksicht auf ihre Konfession; beim Seelsorgeklerus aber dif­ferenziert man. Für einen paritätischen, Staat ist ein solches Verhalten unverzeihlich und eine Unge­rechtigkeit. Der preußische Episkopat hat daher auch schon 1898 die Gleichstellung gefordert, leider vergebens. Sonst ist für die Stellung im Ge­halt das Maß der Arbeit und die Bedeutung des Amtes entscheidend; es wird aber niemand be­haupten wollen, daß der katholische Pfarrer weni­ger zu arbeiten habe als der evangelische; Dage­gen hört man wohl sagen, daß der katholische Pfarrer nicht verheiratet sei, wohl aber der evan­gelische; eine lächerliche Einwendung. Der Staat fragt sonst in der Bemessung des Gehaltes nie nach den Familienverhältmffen; es gibt auch un­verheiratete ebangefifdre Pfarrer, die aber deshalb nicht schlechter gestellt sind, wie ihre verheirateten Kollegen.

Bei keinem anderen Amte hat man je eine solche Scheidung gemacht; der unverheiratet« Reichskanzler Capriviserhielt dasselbe Gehalt wie der verheiratete Bismarck, der verheiratete Fürst Bülow dasselbe wie der Witwer Hohenlohe; auch ist nicht bekannt, daß der unverheiratete Staats- . sekretär Kräfte weniger Gehalt bezieht, wie der verheiratete Minister Sydow; selbst die Reprä­sentationszulage ist für beide dieselbe. Und so ist es in allen Kategorien. Wie kann man daher auf einmal beim katholischen Klerus mit diesem Hinweis auf die Persönlichen Verhältnisse kom­men? Wie kann man das in Preußen tun, wo es im Reiche und Bayern nicht geschieht? Wo Preu­ßen selbst bei den Strafanstaltsgeistlichen keinen Unterschied macht. Diese Zurücksetzung des katho- lischen Klerus empfinden die.Katholiken selbst als eine Zurücksetzung, als eine Benachteiligung des katholischen Volksteils. Wenn man vollends weiß, wie im preußischen Etat sehr hohe Summen für die Pfarrwitwen und Psarrwaisen, für die An­lösung der Stolgebühren usw. zugunsten des evan-

derung der preußischen Wahlreform als eine Poli- ftk der Erpressung gekennzeichnet. Man kann nicht höhnischer von politischen Bestrebungen spre­chen, die noch vor einem Jahr den aktuellsten Punkt des Programms der freisinnigen Parteien bildeten. Tacitus sprach in einem ähnlichen Falle von einem Wetteifer um die Kneckstschaft. Wenn Fürst Bülow sieht, wie die Blockparteien fest und treu zusammenhalten, und wie besonders die einst so spröde bürgerliche Linke seine Geschäfte besorgt, dann wird er allerdings keinen Zwang verspll- reu, feine Rückkehr nach Berlin zu beschleunigen. Es genügt, daß er gelegentlich sich mit weisen Ermahnungen zur Sparsamkeit an der Debatte beteiligt und hn übrigen die Last von den Block­parteien tragen läßt.

Der Staatssekretär des Auswär­tigen v. Schön hat in Berchtesgaden den rus­sischen Minister des Aeuhern Iswolski begrüßt und mit ihm gemeinsam ein Kommunigne in die Welt gefetzt, nach welchem die traditionelle deutsch­russische Freundschaft keine Einbuße erlitten hat. Dann aber ist Herr Jswolski.nach Desto gegangen und hat mit Herrn Tittoni zusammen einen neuen Pakt über den Balkan abgeschlossen. Es liegt auf der Hand, daß es sich dabei um ein Gegen­gewicht gegen den österreichischen Einfluß auf dem Balkan handelt, aber es ist ebenso klar, daß damit der Dreibund wieder eine beftächtliche Einschrän­kung erfährt.

Das Hauptaugenmerk Europas aber war in den letzten Tagen unstreitig aus den B a l k a n ge­richtet, allwo die Flammen inner- und außer- staatlicher Umwälzungen haushoch und bedrohlich in die Lüfte schlugen. Weniger um einem drin- genben Bedürfnisse abzuhelfen, mehr wohl aus Sehnsucht nach der obersten Sonne hat sich Fürst Ferdinand von Bulgarien zum „Könige" sei­nes Ländchens gemacht, und damit, wie sein knapp vierzehnjähriger Junge „mit der Haltung des zu- künftigen Königs" in das „jauchzende" Publikum hinunter schrie, eine „große Tat" vollbracht. Die Nichtbulgaren sehen dieSache bedeutend nüchterner an. Mit der Ausrufung zum Könige war and) die vollständige Unabhängigkeitserklä­rung Bulgariens von allen Mächten, insbeson­dere von der Türkei, verbunden. Anfangs glaubte man, ein Krieg zwischen dem Halbmond und dem neugeschaffsnsn Königreiche sei unvermeidlich. Zum Glück ist es bis fetzt Vicht soweit gekommen. Ferdinand von Bulgarien ist für die Großmächte heute auch noch der Fürst, den man, ohne sich mit der oftiziellek Anerkennung zu beeilen, nach den: Grundsätze „was der Mensch braucht, muß er haben", sich ruhig in die Höhe titeln läßt, der aber, falls die Waffen über den Schlußakt zu ent­scheiden gehabt hätten, sehr bald zu seiner fürst­lichen Bescheidenheit, vielleicht auch noch tiefer hinabgedrückt worden wäre. Wie Deutschland sich diesem Staatsstreich gegenüber Verhalten soll, darüber bestehen in der Presse drei verschiedene Auffassungen: Nach der ersten ist Deutschland der Anstifter, nach der zweiten ist Deutschland bei der Geschicke blamiert und nach der dritten ist uns-der Vorfall „farcimentum", Wurst, wie Bis­marck sagte. Von größtem Interesse ist die tradi­tionelle, taftisch schlau berechnete, abwartende Haltung Englands, das sich einer möglichsten Reserve befleißigt. Vielleicht tut es das in erster Linie mit Rücksicht auf seine Pläne in Persien, wo zurzeit zwar noch alles beim alten ist, wo aber der russische Bär und der britische Löwe argwöh­nisch vor der in gleichem Maße begehrten Beute einander gegeuüberliegen.

Weit mehr als die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens beschäftigt die Pesse die im Anschluß daran erfolgte Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich. Das mag wohl daher fomrnen, daß man den Bulgaren

solidem Fleiße verwaltet und zum Aufblühen ge- bracht. Niemand traute dem Kaiser von Oester­reich die Gutmütigkeit zu, daß er die Früchte feinerSorgfalt den Türken oder gar dem serbischen Gernegroß ausliefere; aber man dachte auch nicht, daß Oesterreich aus seinem Phlegma herausgehen und dem Sultan den letzten Schein seiner Ober­herrlichkeit einfach absprechen würde. Das ist nun doch geschehen, und die Begründung klingt wie eine Ironie des Schicksals: Weil du, 0 Sul­tan, deinen Türken ein Parlament gegeben hast, müssen wir Oesterreicher auch den Bosniaken ein Parlament geben; das können wir aber nur, wenn unsere Herrschaft in Bosnien endgiltig und zweifellos feftgefießt ist; darum müssen wir dir, 0 Sultan, das Stühlchen vollends vor die Tür stellen!

Das ist so die „natürliche Entwickelung" in der Weltgeschichte, sagen die Staatsweisen. Lei­der, die Wege her Weltgeschichte find mit Lift und Gewalt gepflastert. Wer tritt denn für Ehrlich­keit und Gerechtigkeit ein? „Ich!" ruft die englische Regierung. Na, da meldet sich der Bock als Gärtner. Die Engländer haben Aegypten in ihre große Tasche gesteckt; sie haben die Burenrepubliken vergewaltigt; sie haben Ma­rokko, das ihnen gar nicht gehört, an Frankreich verkauft. Und vor etlichen Monaten noch haben sie mit Rußland darüber verhandelt, ob man nicht zur Aufteilung des türkischen Kuchens schrei­ten könnte England ist augenblicklich nur des­halb so rechtsbeflissen, weil es bei der jetzt ein­geleiteten Stückelung selber bisher leer ausge­gangen ist. •

Soll Deutschland sich zum Horte des geschrie­benen Rechts und zum Anwalt des Sultans auf­werfen? Die moderne Stoatsklugheit sagt: Was dich nicht brennt, das blase nicht. Wer fremde Kastanien aus dem Feuer holen will, hat seine Finger nicht lieb. Auf den eifrigen Vermittler fallen manchmal die Parteien mit vereinten Kräf­ten her. Jeder ist sich selbst der nächste. Und waS sonst noch für schöne Sprüche angeführt wer-

llnpotttische Zeitlaufe.

(::) Berlin, 8. Oktober. 1908.

(Nachdruck verboten.)

Wohl uns, daß wir feine Türken sind! Diesen armen Teufeln wird jetzt gar zu arg mit« gespielt. Erst wird ihnen eine Verfassung ge­schenkt, so daß sie glauben, der Frühling sei für ihr Reich angebrochen, und vor Freude um den Maibaum tanzen. Und nun werden sie plötzlich in die melancholischste Herbststimmung versetzt; mit welken Blättern ist die Straße bedeckt, fal­len sehen sie Zweig auf Zweig — Zweige von ihrem eigenen Staatsbaum. Bulgarien und Ostrumelien erklären sich für unabhängig, und Fürst Ferdinand vertauscht den Vasallenhut mit einer frisch vergoldeten Königskrone. Dann fommt der große Nachbar Oesterreich und sagt mit herablassendem Lächeln: Liebe Türkei, die beiden Provinzen, die ich mir vor 30 Jahren von dir ausgeliehen habe, gefallen mir zu gut; ich werde sie, zum Andenken an dich dauernd behal­ten! Gleich darauf erschallt von Süden her der Ruf: Onkel Sultan, die schöne Insel Kreta will mit dir gar nichts mehr zu tun haben; wir schla­gen uns zu Griechenland, wo man von altem Ruhm und neuen Korinthen lebt! — Bis dieses Blatt unter die Augen der Leser kommt, find von der türkischen Torte vielleicht noch mehr Stücke abgeschnitteil. Es scheint die Parole ausgegeben zu fein: Nimm, was du kriegen kannst!

Die Politiker sagen, das sei ein naturnotwen- Tnger Klärungsprozeß. .Was der Türkei jetzt ab« gesprochen werde, habe ihr tatsächlich schon längst pickst mehr gehört, und im übrigen habe die Tür­kei es ihrer eigenen Unfähigkeit und Schwäche ^zuzuschreiben, wenn ein Glied nach dem andern sich äblöfe. Nun ja, es gibt keine Krafttat, für die man nicht eine Advokatenrede halten könnte, und wenn man vier Jahrhunderte zurückgehen will, so kann man sogar sagen: die Türken hat­ten selber erst durch blutigen Raub erlangt, was

wochen-Rundjchau.

[:] Fulda, 9. Oktober 1908.

Nach dem internationalen Fest in Berlin kehrt die Aufmerksamkeit der inneren Politik wieder zur Reichsfinanzreform zurück. Der Reichskanzler Fürst Bülow ist wieder nach Nor­derney zurückgekehrt, und der Staatssekretär des Aeußern v. Schön geht in Berchtesgaden spazie­ren. Aus Norderney hört man nichts als die Mahnung zur Sparsamkeit, die gerade diesmal, wo die Reichseinnahmen um eine halbe Million erhöht werden sollen, demonstrativ gepredigt wird. Man würde diese Botschaft von der Wiederkehr aftpreußischer Einfachheit, von dem Durchdringen der Verwaltung mit kaufmännischem Geist und von der Vereinfachung des Schreibwerks wie des ganzen bürokratischen Verwaltungsapparates mit Vergnügen entgegennehmen, wenn man sich nur nicht fragen müßte, weshalb Fürst Bülow nicht schon früher auf den doch recht nahe liegenden Gedanken gekommen ist, das Gleichgewicht zwi­schen Einnahmen und Ausgaben im Reich durch sparsam« Wirtschaft herzustellen. Aber so lange Geld da war, hat man nicht an die Zukunft ge­dacht, und als die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben immer größer wurde, da hat man so lange von Anleihen gelebt, bis auch diese Quelle zu versagen drohte. So kommt der Vor­satz der Sparsamkeit etwas spät, er wird auch durch die gleichzeitige Forderung neuer Steuern in noch nicht dagewesener Höhe beeinträchtigt. Wir trauen daher bieten Versicherungen nicht recht und fordern gesetzliche Garantien. Wenn der Reichstag weniger Geld bewilligt, dann hat er die beste Garantie zur Sparsamkeit; das Geld, das die hohen Herrn nicht haben, können sie nicht ausgeben. Von den guten Vorsätzen versprechen wir uns sehr wenig, auch der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Recht sonderbar nimmt es sich aus, daß der Flottenverein gerade im jetzigen Moment mit neuen Forderungen kommt, die über % Mil- Itarbe M erheischen. Eine Agitation für erhöhte Flottenausgaben in einem solchen Augenblick laßt nicht bloß die Hoftnung als trügerisch erscheinen, daß die halbe Million neuer Steuern auf die Dauer ausreichen könnte, die Reichsfinanzen wie­der auf einen grünen Zweig zu bringen, sondern sie hat noch die sehr unerfreuliche Nebenwirkung, daß nun auch England wieder sich anschickt, das Tempo seiner Flottenbauten zu beschleunigen. Schon hat denn auch der erste Lord der britischen Admiralität Mc. Kenna unter der Zustimmung der englischen Jniperialisten vorgeschlagen, die Ausführung des englischen Flottenbauprogramms für das laufende Jahr zu beschleunigen. Er will zwar damit angeblich der Arbeitslosigkeit ent­gegenwirken, wie auch der Kriegsminister Hal- dane die Miliz verstärken will, um den Arbeits­losen ein Unterkommen zu bieten. Aber die Rück­sicht auf die Arbeitslosigkeit ist natürlich nichts viel mehr als ein Vorwand. In Wirklichkeit han­delt es sich um die Verstärkung der britischen Wehrmacht. Während es bisher festzustehen schien, daß die freisinnigen Parteien ihre Zustim- Inuiig zu den neuen Steuern, die stärkste Waffe, die sie in der Hand haben, dazu benutzen würden, um wenigstens die Volksrechte zu erweitern und chesonders dem elenden Dreiklassenwahlrecht in Preußen ein Ende zu machen, zucken sie jetzt ängst- Uch zurück und erklären sich tugendhaft gegen jede Kompensation, die nun als Kuhhandel ver­ächtlich gemacht wird. Ein freisinniger Abge­ordneter hat dieser Tage sogar bereits die For-