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veküntro. Redatttnrr v.r A. Wehl er;

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LotattonrdrnSw» Verlag der Fuldaer 2» «endrnckerei kn Fulda Fernsprecher Nr.S.

M 234.

Fulda, Samstag den 10. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

Drittes Wtcrtt.

△ Die Fremdenlegiou.

Der Zwischenfall von Casablanca, wo deutsche Deserteure der Fremdenlegion von französischen Marinesoldaten den Händen der sie begleitende» deutschen Konsulatsbeamten entrissen wurden, lenken wiederum die Aufmerksamkeit der Kultur­welt auf jene» System reinster Sklaverei, das sich hinter dem stolzen Namen „Fremdenlegion" ver­birgt. Nicht oft genug kann gerade die deutsche Presse ihren Lesern vor Augen sichren, welchen Unsäglichen körperlichen und seelischen Martern oerjenige rettungslos verfallen ist, der sich in das höllische Bagno, genannt Fremdenlegion, begibt. Denn gerade Deutschland stellt die weitaus mei­sten Leute sür die Fremdenlegion: mehr als 50 Proz. aller französischen Fremdenlegionäre sind von deutscher Herkunft.

Es sind ja meistens Menschen, an denen nicht ,iel verloren ist, die sich der Fremdenlegion als letztem Zufluchtsort anvertrauen. Aber neben ihnen sind's viele, die Leichtsinn und Verführung zu einem törichten Jugendstreich verleitet haben, zu einem Streich, der vielleicht bestraft werden muß, aber doch verziehen werden kann. Und viele sind's auch, die aus reiner Abenteuerlust, ja, die aus edlen B-Weggründen in die Fremdenlegion eintreten. Sv die Söhne von Elsässern und Lothringern, die es der französischen Nationali­tät ihrer Väter schuldig zu sein glauben, nicht unter deutscher, sondern unter französischer Fahne Waffen zu tragen. Und viele sind's schließlich, die, ohne jede besondere Veranlassung, lediglich wf das schmeichelnde Zureden der französischen Werber hin, die Silberlinge nehmen, für die sie sich der Hölle verkaufen.

Der Hölle: denn das Leben in der Fremden­legion ist die Hölle auf Erden. Der Fremden­legionäre harrt nicht nur der sichere Tod, sondern An Tod meistens in Unehren, und ein Tod nach einem qualvollen Leben der Schande. Wär's nichts weiter, als ein ehrlicher Soldatentod, dem der Fremdenlegionär entgegenginge, wär's schließlich auch ein Strohtod an Tropenkrankheiten, man könnte sich mit solchem Schicksal abfinden. Aber das Schicksal des Fremdenlegionärs ist viel schlim­mer, ist grauenvoll, sein Leben ist eine Kette von Entbehrungen, von körperlicher und seelischer Marter, so furchtbar: daß der Tod als eine fehn- füchtig herbeigewünschte Erlösung begrüßt wird.

Aus den Erzählungen der Wenigen, denen es glückte, der Höllenpein der Legion zu entrinnen, kennt man das Los der Unseligen, die für Frank­reichs Wohlfahrt und Ruhm in Algier, Madagas- rar und Tonkin kämpfen sollen. Die unzurei­chende Eniährung — 6y2 -Z Löhnung täglich, jammerhafte Verpflegung und Mangel an Trink- wasser — mit ihren natürlichen und vom Tropen- klima begünstigten Konsequenzen, Ruhr, Typhus, Sonnenstich sind noch nicht das Schlimmste. Schlimmer ist die völlige Versklavung, ist die Leib- mgenschaft jedes einzelnen Legionärs gegenüber jat Vorgesetzten. Der Untergebene ist ihnen wehrlos ausgeliefert. und das barbarische Straf- system gestattet aus nichtigster Veranlassung die entsetzlichste Einigung, ja die Tötung des Unter­gebenen. Ein Berliner Blatt zählt einige Fälle auf, die für die Handhabung der „Disziplin" in der Fremdenlegion charakteristisch sind, Fälle, bei denen Deutsche die gemarterten Opfer abgaben. Wir lesen da:

Ein halb verhungerter Soldat, namens Müller, ein Pommer, wird wegen Mundraubes zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, die ersten drei Monate dieser Strafzen muß er in einem in die Erde gegrabenen Lock verbringen. An seinem ganzen Körper zeigen sich Geschwüre und Hautdefekte. Ein Elsässer, namens

Reiter, brickt beim Exerzieren zusammen, er wird in einen spanischen Bock, die sogenannte „Krapaudine" gespannt, derart, daß Hände und Füße aut dem Rücken zusammenliegen, dann legt man ihn auf die bloße Erde. Als man nach 14 Tagen die Bande löste, fand man ihn tot. Schlimmer erging e8 einem gewissen Huber, der wegen eines leichten Vergehens in die „Krapau- dine" gespannt und in die Sonne gelegt wurde, wäh­rend er dort lag, machten sich Osfizier und Urrterosfiziere das Vergnügen, ihn mit Kolbeustößen und Fußtritten zu regulieren. Als er nach einigen Tagen noch nicht tot war, ließen die Offiziere ihn nackend auf einen Ameisenhausen legen, wo er dann starb.

Erklärlich sind daher die massenhaften Deser­tionen. Natürlich werden alle Mittel angewandt, sie zu verhindern. Dreimal täglich findet Apell stall. Fehlt einer der Mannschaften, so werden Signalschüsse abgegeben. Die um wohnenden Eingeborenen machen sich auf die Verfolgung, um den Flüchtling tot oder lebendig in die Gar­nison zurückzirbringen. Haben sie ihn auf der Flucht mit ihren Wurfkeulen getötet, dann hauen sie dem Opfer den Kopf ab, der nachher den Sol­daten als warnendes Beispiel vorgehalten wird. Und trotzdem versuchen die Legionäre immer und immer wieder die Flucht. Die elende Ernährung, die unmenschliche Behandlung, das ganze ekelhafte entsittlichte Treiben in der Truppe läßt sie die ungeheure Gefahr mißachten. Für sie hat über­haupt nichts mehr Schrecken. Daher erklärt es sich, daß diese Leute im Gefecht von unwider­stehlicher Tollkühnheit sind! Jst's doch nicht Kampfeslust, was sie dem Feind entgegendrängt, sondern furchtbarste Verzweiflung, die sie gerade- Wegs vor die Mündung der feindlichen Flinten­läufe treibt, die die erlösende Kugel bergen. Frankreich tut sich etwas zu Gute aus die bei­spiellose Bravour seiner Fremdenlegion. Ach diese Bravour ist nichts als Todessehnsucht, und sie ist kein Ruhm, sondern eine Schmach für Frankreichs Heerwesen. Und Frankreich, das sich selbst so gern als die zivilisierteste Nation der Welt rühmt, hätte alle Veranlassung, dieser schändlichen Verhöhnung aller Menschlichkeit, ge­nannt Fremdenlegion, schleunigst zu entsagen. Wenn aber, wie zu erwarten steht, die humanen Franzosen dazu keine Neigung verspüren: welche dankbarere Ausgabe könnte wohl der nächsten Haager Konferenz erwachsen, als auf die Beseiti­gung dieses Schandflecks vom Schilde europäischer Kultur zu verlangen?

Ausland.

♦*. Die Balkanwirten vor der österreichischen Delegation.

Die österreichische Delegation ist, wie bereits gemeldet, am Donnerstag eröffnet worden. Ihr Präsident MadeySki hob in seiner Ansprache an den Kaiser hervor, die Delegation begrüße mit patriotischer Genugtuung den allerhöchsten Willens- entschluß, die monarchischen Souoeränitätsrechte auf Bosnien und die Herzegowina auszudehnen. Der Kaiser erwiderte auf die Huldigungsan. spräche der Delegationspräsidenten:

»Der Zusammentritt der Delegationen erfolgt dies­mal gleichzeitig mit einem Ereianisse, welches die Sicherung des gegenwärtigen Besitzstand es der Mo­narchie bedeutet, indem das Band, welches Bosnien und die Herzegowina feit dreißig Jahren mit derselben verbindet, zu einem unauflöslichen geworden ist. Die rastlosen und erfolgreichen Bemühungen meiner Re­gierung haben in diesen Ländern einen so erfreulichen kulturellen Fortschritt gezeitigt, daß die Bevölkerung nunmehr mit Nutzen zur Mitwirkung an den Landes­angelegenheiten hetangezogen und die Schaffung von ihren Bedürfniflen entsprechenden versasfnngs- mäßigen Einrichtungen in Angriff genommen werden kann. Dies ist jedoch nur möglich, wenn ent­sprechend dem faktischen Zustande eine klare und um

(zweideutige Rechtsstellung für beide Länder ge­schaffen wird. Nur so kann daselbst unter den gegen­wärtigen Verhältnissen eine Stabilität gewährleistet roerben, welche als ein europäisches Interesse anerkannt ist. Durch die Zurückziehung meiner Truppen aus dem Sandschak Novibazar wird zugleich der unum­stößliche Beweis erbracht, daß unsere Politik keine territorialen Erwerbungen über den jetzigen Besitz hinaus anstrebt. Es ist zu hoffen, daß dieser zugunsten der Türkei erfolgende Serzicht in Konstantinopel in freundschaftlicher WeifO^ßewürdigt werden und unseren künstigen Beziehungen zustatten kommen wird. Die weitere Entwickelung im Ottomaniichen Reiche nach dem durchgreifenden Umschwung, der daselbst vor sich gegangen ist, verfolgen wir mit den besten Wünschen für die Konsolidierung und Kräftigung diese? Staates, sowie für die dauernde Pazifizierung jener Gebiete, welche in den letzten Jahren von Un­ruhen heimgesucht waren. Die Mächte, durchweg von friedlichen Absichten erfüllt, bestreben sich, die Schwierigkeiten, von denen die allgemeine euro­päische Situation noch nicht frei ist, hn gegenseitigen Einvernehmen zu mildern und zu beheben. Dank unseren Bündnissen mit Deutschland und Italien und unseren freundschaftlichen Beziehungen zu den übrigen Mächten vermag Oesterreich-Ungarn hervorragend an der Aufrechterhaltung deS Friedens mitzuwirken. Diese Aufgabe, welche der Lage der Monarchie in Europa und ihren Traditionen entspricht, kann fie nur dann wirksam erfüllen, wenn sie mächtig und gerüstet ist. Vertrauend, daß Sie die Anforderungen meiner Wehrmacht zu Lande und zur See in diesem Geiste prüfen und von patriotischer Einsicht und Opferwillig­keit geleitet fein werden, heiße ich Sie herzlich will- fommen."

In dem Ausschuß für die auswärtigen An­gelegenheiten der österreichischen Delegation nahm der Minister des Auswärtigen, Baron v. Aehren- thal, das Wort zu einer Expo sä. Zunächst erinnerte der Minister an dis in der Türkei aus- gebrochene Bewegung zum Zwecke der Wieder» einsührung der Verfassung, wodurch auch die Reformbestrebungen der Mächte im ottomanischen Reiche zu einem vorläufigen Abschluß gebracht worden seien. Der Minister führte dann weiter aus: „In dieser Hinsicht konnte alsbald eine vollständige Uebereinstimmung aller Mächte^ in zwei Richtungen konstatiert werden: Erstens, daß alle wetteren Reform­vorschläge zurückzustellen feien, zweitens, daß gegenüber der künftigen Entwicklung der Dinge in der Türkei die Haltung wohlwollenden Abwartens einzunehmen sei. Eine Türkei mit einer besseren Verwaltung und stabileren Verhättnffsen, als dies noch vor kurzem der Fall war, wäre für uns ein bequemerer Nachbar als die Türkei von gestern, wo ein jahrelanger Bürgerkrieg die Mächte zur Intervention genötigt harte. Der bisherige Verlauf der Umwälzung berechtigt zu einer zuversicht­lichen Beurteilung. Die führenden Elemente der neuen politischen Aera beweisen eine anerkennenswerte Mäßigung und Klugheit. Diese wird dem verjüngten Reiche um so mehr zu gute kommen, als auch die neue Türkei auf das Wohlwollen und die freundschaftlich- Unterstützung der Mächte angewiesen ist. Wir befinden uns im Einvernehmen nicht nur mit unseren Alliierten, Deutschland und Italien, son­dern auch mit anderen Mächten, in erster Linie mit Rußland, mit dem wir seit 1897 in fortgesetztem engen Kontakt bezüglich der Balkauangelegenhetten standen und noch heute stehen. Die in der öffentlichen Meinung Rußlands durch die Ankündigung unseres Schrittes in Konstantinopel behufs Anschlusses des bosnischen Effenbahnnetzes an das türkische entstandene Erregung hat sich gelegt. Irrtümlicherweise war dort der Glaube verbreitet — nun dieser Glaube wurde'von denjenigen Stellen, denen das Zusammen­gehen Oesterreich-Ungarns und Rußlands ein Dorn im Ange ist, gewährt — daß wir un3 um Erlangung eines verkehrspolitischen und allgemein wirtschaftlichen Monopols in der westlichen Hälfte der Valkanhalb- insel bewerben und diesbezüglich von der Regierung des Sultans Garantien verlangen. Das ist un s nie im Traume eingefallen. Tatsächlich sind wir die nächsten Nachbar dieser Länder. Wir werden dort von selbst den uns gebührenden Platz einnehmen. Eine Einschränkung der natürlichen Konkurrenz durch ein Monopol herbeiführen zu wollen, wäre eine kurzsichtige Politik.

Wir rechnen auf das Entgegenkommen auch beS neuen Regimes in Konstantinopel. Bezüglich dieses Eisenbahnbaues werden wir ihm unser volles Ber» trauen zuwenden und sind überzeugt, daß die Durch- sührung der Bahn, welche gleichmäßig im Jnlereff« Oesterreich-Ungarns und der Türkei gelegen ist, nur eine Frage ber Zeit fein kann. — Auf ein gleiche- freundschaftliches Uebcretnfommen mit Montenegro rechnen wir bezüglich bes Baues einer Anschlußlinze von Dalmatien burch montenegrinisches Litorale in Richtung auf bie Türkei.

Auf bie Annexion Bosnien- unb ber Herze­gowina übergehenb, sagte ber Minister: „In brei6tg* jähriger, rastloser "Arbeit hat unsere Verwaltung in biefent gefährlichen Wetterwinkel Ruhe unb Ordnung erhalten, das kulturelle und wirtschaftliche Niveau de« Bevölkerung gehoben und eine modern denkende Gene« ration herangezogen. Nun ist der Moment gekommen, auS diesen Ergebnissen unserer administrativen Tätig­keit die Konsequenzen zu ziehen, die Einwohnerschaft an der Verwaltung teilnehmen zu lasten und die Ge« Währung von entsprechenden, verfaffungsmäßigen Ein­richtungen für die beiden Provinzen ins Auge zu fasten. Diese würden für Bosnien und der Herzegowina einen Landtag vorsehen, ber bas Landesbubget zu be« stimmen unb bie Verwaltung beS Laubes zu kontrol­lieren hätte. Die mit Bezug auf bie staatsrechtlichen Verhältnisse ber beiden Provinzen herrschende und von außen genährte Verwirrung in den Köpfen müßte aber höchst bedenklich erscheinen lasten, eine solche Neuerung einzuführen, bevor wir jeden Zweifel an ber vollen Souveränität über bas okkupierte Gebiet be» seitigten. Wir haben unS boher entschlossen, in Konstantinopel zu erklären, baß bie Voraussetzungen ber Konvention vom Jahre 1879, betreffenb bett San« dschak von Novibazar nicht mehr in allen Stücken zu Recht bestehen unb uns veranlaßt sehen, diese zu kündigen."

Den Schluß des Exposes bildet ein wohl» wollender Hinweis auf die Unabhängigkeit-* erklärung Bulgariens, bezüglich deren der Minister bereits mit einigen Kab netten in Fühlung ge» treten ist, um die Anerkennung des neuen Zu» standeS und der Wiederherstellung normaler freundschaftlicher Beziehungen zwischen Bulgarien und der Türkei durchzusetzen.

vermischtes.

* Erstickt aufgeftmbtu wurde in einer Pension in Bonn a. Rh. eine Dame aus Wiesbaden. Ai­man ihr morgens gegen S Uhr den Kaffee bringen wollte, unb sie nicht das Zimmer öffnete, brach man die Tür gewaltsam auf und drang in das mit Rauch angefüüte Zimmer ein. Am Boden lag ein Spiritusbrenner. Mau nimmt an, daß Wefel heruntergesallen und den Fußboden in Brand ge­setzt hat. Die 69 jährige Dame lag in einiger Enft fernung davon tot am Boden.

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Reklamen- und Anzeigenteil

als Zusatz zur Milch eine leicht verdauliche Kindemahrung. Seit Jahreft bestens bewährt zur Her­stellung von Puddings und feinen Backwaren

I Nähre mit „Knorr“. [

. Krammetsvögel.

Ornithologische Skizze von Gotkl. Hermann.

(Nachdruck nicht gestattet.)

Mit dem 1. September d. I. ist das neue Vo- tzelschutzgesctz in Kraft getreten, und seitdem ist es int ganzen Gebiete des Deutschen Reiches ver­boten, Vögel in Schlingen zu fangen. Damit fft also aitd) der in manchen Kreisen so beliebte Krammetsvögelsaug hinfällig geworden, und un­sere Feinschmecker werden sich fortan das Gelüste nach Krammetsvogeln verkneifen müssen.

Der durch das Schlingenstellen verübte Mas­senmord der Singvögel, wie er früher leider be­trieben wurde, hatte mit dem sog. „edlen Weid- wcrk" wahrlich nichts gemein, denn das Dohnen- stellen erforderte weder besondere Geschicklichkeit, noch war es mit irgendwelcher Gefahr verbunden. Es geschah lediglich des Gewinnes wegen.

Ja, wenn es noch allein Krammetsvögel, wirk- liche Krammetsvögel gewesen wären, die man in den abscheulichen Schlingen fing! Wie viele an- here Singvögel gingen aber ebenfalls, angelockt durch die roten Beeren der Eberesche, in diese tücki- fchen Schlingen, die der Dohnensteller aus Pferde- lhaaren herstellte. Und dann: wie viele waren unter den Gefangenen, die nicht gleich tot waren, sondern die im stundenlangen gräßlichen Kampfe sich qualvoll zu Tode zappeln mußten, wenn sie nur mit einem Beine oder einem Flügel verstrickt .hatten I Mir hat es jedesmal einen Stich ins Herz 'gegeben, wenn ich auf dem Markte die in Bündel gebundenen Vogelleichen fah, und es hätte mir Ueberwindung gekostet, auch nur eins dieser un­schuldigen Opfer einer barbarischen Unsitte zu essen!

» Der alte Lehrer Steinbruch in einem Dorfe am Fuße des kahlen Astenberges in Westfalen war ein leidenschaftlicher Dohnensteller. Als ich einst in den Herbstferien wieder bei dem Alten zu Gaste war, lnd er mich ein, am anderen Tage Ittit shm in die Dolmen zu gehen. Das war für

mich etwas Neues, und ich sagte zu. Es war bereits im Oktober; der Astenberg hatte sein kahles Haupt in frostigen Nebel gehüllt, und es dauerte lange, ehe die Sonne siegreich den NÄ>el durchdrang. Dann aber glänzte der Himmel im tiefsten Blau, und ein frischer Wind scheuchte baü) die letzten Nebelfetzen durch die tiefen Fluß- täler der Senne, Ruhr und Adeborn hinweg. Auf einem Handwagen fuhren ein paar Schulknaben die zum Vogelftellen notwendigen Utensilien, die Steinbruch am Abend sorgfältig vorbereitet hatte. Aber neben den fertigen Dohnen lag auch Pro­viant für den ganzen Tag: Brot, Kartoffeln, But- ter, ein derbes Stück Speck und Zwiebeln. Auch ein Zelllaken und Zeltstangen befanden sich ans dem Wagen. Rüstig schritten wir vorwärts und erreichten schließlich eine Waldblöße, und nachdem hier das Zell aufgeschlagen war, unter dem wir unsere Vorräte bargen, ging Steinbruch daran, seine Dohnen zu stellen. Eine „Schneise" befand sich im Walde, d. h., ein Durchhau, der sich in ge- rader Linie wohl einen Kilometer weit erstreckte. Das war, wie Steinbruch versicherte, der richtige Platz für die Dohnen, weil hier die auf der Wan- derung befindlichen Vögel am liebsten einfielen Hier befestigte er seine Dohnen an den Zweigen in einer geraden Linie zu beiden Seiten der Schneise, und in jeder hängte er als Lockspeise die blutroten Vogelbeeren. In einer guten Stunde war das Werk vollbracht, etwa 150 Doh­nen waren ausgestellt. Wir begaben uns nun nach unserem Lagerplatze zurück, wo die Knaben unterdeffen aus zusammen gesuchtem Reisig ein Feuer angqündet hatten, über dem in dem mit­gebrachten Kessel das Wasser kochte. Jetzt wurde der Kaffee aufgegossen und in der glühenden Asche Kartoffelll gebraten. Stembruch und ich lagen während dieser Zeit ausgestreckt auf unse­ren Decken im braunen Heidekraut und sahen den Kranichen nach, die kreischend und krächzend in Zickzacklinien dem Süden zuflogen. Bald kre­denzten uns die barfüßigen Kellner den Kaffee in irdenen Schalen, und dazu aßen wir die ge­

rösteten Kartoffeln mit Salz, Butter und feinge- scknittenen Zwiebeln. Ein Göttermahl, wahrlich, dort mitten m den großartigen Wittgensteinschen Wäldern!

Dann und wann flog ein Schwarm Vögel über uns hinweg; es waren Krammetsvögel, wie Steinbruch behauptete. Sie ließen sich aber nicht nieder, sondern zogen weiter, bis sie unseren Augen entschwunden waren. „Das geht oft so", sagte Steinbruch; „viele, ja die meisten Schwär­me fliegen vorbei. Ein Vogelsteller muß Geduld haben." Endlich kam ein ScHvarm, der sich mit fröhlichem Gezwitscher in der Schneise niederließ. Jetzt war der Alte wie elektrisiert. „Das gibt einen guten Fang", sagte er; nur noch eine halbe Stunde, dann gehen wir hin und holen die Beute." Kaum konnte er die Zeit abwarten, und seine Unruhe teilte sich auch mir mit. Und rich­tig, als wir gingen, war fast in jeder Schlinge ein Vogel; ja, in einigen hingen gar zwei. Die meisten waren tot; einige aber, die sich unglücklich gefangen hatten, zappelten noch oder rangen mit dem Tode. Ich sehe noch einen großen Kram- metsvogel, der mit deni Fuße in die Schlinge geraten war. Durch das Hin- und Herzerren hatte er sich das Bein aus dem Gelenke gedreht, die Augen waren aus ihren Höhlungen getreten, das Blut rann ihm aus dem Schnabel. Welch eine entsetzliche Marter für das Tier! Mr grauste bei dem Anblick. Steinbruch aber steckte kalt­blütig die armen Opfer in einen Beutel, und wenn er einen Vogel fand, der noch nicht tot war, so drehte er ihm, ohne dabei eine Miene zu ver­ziehen, den Hals um. In diesem Augenblick hätte ich den Alten hassen können. Endlich war auch die letzte Dohne nachgesehen; es wurden, wo es nötig war, frische Vogelbeeren hineingehängt und dann begaben wir uns wieder nach dem Zelle zurück. Hier zählte Steinbruch seine Beute; es waren 87 Stück. Er schmunzelte, indem er aus­rechnete, wieviel ihm der Wildhändler in Köln für diesen Fang zahlen würde; ich aber suchte ihn zu überreden, doch das Dohnenstellen zu las­

sen und lieber auf den Gewinn zu verzichten, al­so vielen lieblichen Sängern einen qualvollen Tod zu bereiten. Er sah mich verständnislos an. »Aber, bester Herr", sagte er, „das ist doch von jeher so gewesen und wird auch wohl immer so bleibm. lieber6ie§, ich kann das Geld, welches ich sür die Vögel bekomme, einfach nicht ent­behren!"

Ich seufzte; ich muß ihm recht geben. Aber ich war verstimmt, und eine anregende Unterhal­tung wollte nicht wieder in Fluß kommen. Als Steinbruch am Abend noch einmal seine Dohnen nachsah, fand er abermals 53 Stück. Das waren an einem einzigen Tage 140 Stück, die Steinbruch allein gefangen hatte. Wie viele Hunderte mach- ten am demselben Tage noch in die Schlingen anderer Vogelsteller gegangen sein? Wir ereifern und entrüsten uns über den Vogelmassenmord der Italiener; sind wir Deutsche wirklich bessere Men- schen? Es ist ein Glück, daß endlich dieser Vogel- mord gesetzlich untersagt ist

— Ter Erfolg des Pennhpotos zwischen Eng- laud und Amerika. Die Einführung des Penny- portos zwischen England und Amerika hat in den ersten Tagen des laufenden Monats einen Rie­senandrang auf den beiderseitigen Postanstalten zur Folge gehabt. Größere Firmen brachten am ersten Tage je drei- bis viertausend Geschäfts­briefe zur Post; eine englische Philatelistengesell­schaft hat beinahe 5000 Briefe aufgegeben, um den Stempel des ersten Pennydampsers zu be- kommen. In Newyork war ein gewisser Herr W. I. Coscick, ein Engländer, der „Glückliche", der vermöge seiner Ellbogen als erster einen mit einem Penny frankierten Brief abgab. Dieser nach der Insel Wight adressierte Brief bekam durch Aufftempelung die Bescheinigung, daß er als erster für einen Penny über den atlantischen Ozean kam.