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Lebatt-dvShrt.

Lo1attovrdruck«ch Verlag der Fuldaer N» tiendrnckerd ta Fulda Fernsprecher Br.4.

JW 233.

Fulda, Freitag den 9. Oktober 1908,

35. Jahrqana.

Zweites Wtcrtt.

Evangelischer Bund.

c Braunschweig, 8. Okt. 1908.

Im „Saalbau" fand vormittags die Hauptver­sammlung statt. In seiner Eröffnungsrede fderte der Bundesvorfitzende, Generalleutnant v. Sessel (Halle) zunächst noch einmal die Blockpolitik: .Ein fnscher Wind hat sich erhoben und hat die Nebel zer­streut, die uns das Licht nationalen Empfindens zu nehmen drohten. Niemand würde sich darüber mehr freuen, wie der Evangelische Bund." «Lebh. Beifall.) Dann schwingt er die Keule gegen die Ultramontane»: -Die Erkenntnis, daß der Protestantismus nicht hinter dem Ofen hocken will, während die „streitende Kirch« die Hand nach dem Kommandostab ausstreckt, bringt sie fast um. (Heiterkeit.) Mit offener Gewalt grht'S nicht; darum fliegen die Pfeile der Verleumdung gegen nns, die sogenannten Hetzer". Sei es — unser Spieß und Schild wird rein und blank bleiben und man rotrb sich schließlich an unS gewöhnen muffen. (Beifall und Heiterkeit.) Wir müffen zwar an die Herbeiführung des Friedens denken, aber wir dürfen nicht zu viel davon reden. (Beifall.) Noch jd>es Bost, das sich in die Knechtschaft Roms begeben hat, ist darin umgekommen. (Beifall.) Politische Freiheit und Unabhängigkeit, wie große Völker fie beanspruchen können, sind Gewächse, die unter dem großen und kleinen Krummstab nicht geddhen. Wir sind gegen andere Bekenntnisse duldsam, aber unsere Knochen wollen wir unS nicht weich machen lasten; hier liegt die Grenze unserer Nachgiebigkeit. ES mögen iw Kampfe einzelne Entgleisungen vorkommen; der Bund als Ganzes hat die Pflicht, seine Glieder zu decken, wie der Vater seine Söhne. Im übrigen mögen Freund und Feind es sich gesagt sein lasten: wir find und wir bleiben (lebh. Beifall), und unter das Joch, da kriechen wir nicht, und den Geßlerhut» den grüßen wir nicht, und den Maulkorb, den nehmen wir nicht!" (Etürmffcher, langanhaltender Beifall.)

Hierauf spricht Univerfitätsproseffor Dr. Sell (Bonn) über Konfession und Konfesfiona- l t s m u s. Er erblickt in der Düsseldorfer Tagung, dieser „glänzenden und machtvollen Kund- fiebung“, eine Verkörperung besten, waS man „Kori- esfionaliSmuS" nenne, das heißt die Konfession, die auf dem allgemeinen Gebiete des Christentums, dem fie doch auch nur alS eine Konfession neben anderen angehöre. Alles fein «olle: »Diese Führer und Ab­geordnete des Zentrums, dieses vollständige Aktions- Leben, nach korrekten katholischen Prinzipien klar durch­dacht, preise gefaßt, rednerisch glänzend entwickelt — alle Fragen der Weltanschauung, an denen die Mensch­heit seit Jahrtausenden sich abqnält, geschlichtet, alle Rätsel der Wissenschaft im Prinzip gelöst, und über diesen begeisterten Masten, die andächtig den Redner lauschten, in den Lüsten eine traumhafte Vision, die Vision deS WunderbauS der einen Kirche, ein Meister­werk aus einem Guß, den Jahrtausenden trotzend, in toi,er Unveränderlichkeit, geschmückt mit den Bannern o vieler Nationen, darunter auch das mit dem dertt- chen Reichsadler, luftig im Winde flatternd, und die !osung dieser glänzenden Versammlung war: »Deutsch­land in seinem vollen Drittel für die katholische Kon­fession und nur für sie." Demgegenüber würde ich als Losung unseres deuffch-evangelischen Christentums die bezeichnen: »Unsere Konfession, auch wenn sie sich eng in den Grenzen ihrer Angehörigen hält, dennoch

Dienste Der ganzen deutschen Nation!* (Lebhafter Beifall). Wir sind hier in dieser Verianimlung ver­glichen mit jenen andächtig lauschenden, beifallslustigen, jubelnden, betenden Masten nur wie ein kleine? Häuf­lein von Angehörigen, der verschiedenen Landeskrrchen und theologischen Richtungen und Parteien, aber in unseren Gedanken steht nicht als ein Traumbild, son­dern in Meisteizügen der Wirklichkeit eme gewaltige Geschichte von Glaubenskampf und Glaudenssieg der evangelischen Sache" (Lebh. Beifall . — Eine auch nur annähernd vollständige Wiedergabe der anderthalb- pündigen, znm Teil rein akademisch-theologischen Aus­führungen ist an biefer Stelle unmöglich. Der Evang. Bund kann, so schloß der Redner, das Reich des deut­schen Konferfionsfriedens nicht machen. Aber wenn er auch einmal begraben fein wird, nicht unter Marmor, nicht unter Papier, auch nicht unter Gleichglltigkeit, sondern, wie wir hoffen, unter den Rosen eines neuen

deutsche» Gdsterstühlings, wenn man dann von chm sagen kam»: er hat gewollt ein in sich einiges deutsches Brüdervolk aller Konfesfionen, aller Stämme, aller Klaffen, er hat gewollt Christentum und Religio» höher halten als alle Konfession — dann wird man sagen: *at est, daS war genug! (Stürmischer, langanhaltender Beifall).

Damit Mießt die Bersammlung. Nachzutragen wäre noch, daß der Zentralvorstand schon vor Beginn der Tagung ein langes Huldigungstelegramm an den Kaiser hatte abgehen laffen. Die Antwort ist sehr kühl und kurz ausgefallen. Vielleicht war das der Grund, weshalb man das Antworttelegramm in keiner der zahlreichen öffentlichen Versammlungen bekannt gegeben hat. Es lautet wie folgt:

»So. Majestät der Kaiser und König habe», die zhuldigungsgrüße der Abgeordneten des Evangelischen Bundes gern entgegengenommen und lasten bestens danken. Auf allerhöchst«! Befehl der geheime Kabinettsrat. In Vertretung von Berg."

Der nächste Bundestag foll, wie m«it hört, in Mannheim stattfinden.

* Die Aufstellung vvu Bebauuugs- piüuen.

(Rede des Herrn Stadtlandmeffeis Groll-Hersseld auf dem Hessischen Städtetag zu Wansried.)

'Schluß.'

So erhält man schließlich einen Plan, der ein leben­dige«, ausdruckvolles, dem Richtfachmann verständliches Bild der künftigen Gestaltung des erweiterten Stadt­gebietes gibt. Ein Erläuterungsbericht wird dann noch die Gründe für die Entstehung des Planes, die bei Festlegung des Straßengefüges und der Viertel beobachteten Gesichtspunkte mit Rücksicht auf den Hei­matschuh, den Verkehr, die Wirtschaftlichkeit, Gesund­heit und die Möglichkeit der Entwässerung zufammen- faff en. Auch ist der Hinweis auf eine zu crlaffende Bauordnung und etwa notwendig werdende Zusam­menlegung angebracht, auch sind diejenigen Straßen und Viertel zu bezeichnen, von denen später Einzel­pläne in größerem Maßstabe etwa 1 :1000 oder 1 :500 angefertigt werden sollen.

Förmliche Feststellung. Dec in seinem Borentwurfe aufgestellte Plan wird nun nochmals dem Magistrat vorgelegt, und empfiehlt es sich, in diesem Stadium das Gutachten eines bewährten Bausachver­ständigen einzuholen.

Haben sich alsdann alle in Frage kommenden Fak­toren geeinigt, so wird der Originalplan, den man bis­her geschont und beiseite gelegt hatte, als endgültiger Entwurf fertiggestellt und von dem vereidigten Land­messer und dem mitwirkenden Baubeamten unter­schriftlich vollzogen. Haben sich Magistrat und Stadt­verordnetenversammlung schlüssig gemacht, ko erhält der Plan die amtliche Bescheinigung:

»Gemäß Beschluß des Magistrats Nr.....

vom.....und Beschluß der Stadwerordneteil-

verfammlung vom ..... ist dieser Plan genehmigt worden."

Die Ortspolizei hat alsdann den Plan zu prüfen und mit der Bescheinigung zu versehen:

»Vorstehender Plan wird hiermit artspolizeilich genehmigt." »

Alsdann wird die Offenlegung des Planes in orts­üblicher Weife, etwa wie folgt, durch die Zeitung bekannt gegeben:

Von den städtischen Behörden ist die Feststellung eines oUgeineincn Fluchtlinienplanes für oas Stadt­gebiet und dessen Umgebung beschlossen worden. Der Plan liegt vom.....ab vier Wochen lang auf

dem Stadtvermessungsamt (oder dem Stadtsekreta­riat) zu jedermanns Einsicht offen. Einwendungen sind innerhalb der Offenlegungsfrist beim Magistrat anzubringen."

Es empfiehlt sich, noch etwa in Betracht kommenden Behörden, wie der Eisenbahn- oder Landesbauverwal­tung, unter Ueüersendung eines Umdruckplanes von der beabsichtigten Fluchtlinienfestsetzung Kenntnis zu geben. Werden Einwendungen innerhalb der bestimm­ten Frist nicht gemacht, so wird der Plan durch Ma- gistratsbeschlutz förmlich festgesetzt. Dies geschieht wie­der etwa durch folgende Bekanntmachung:

Der Fluchtlinienplan über die Erweiterung der Stadt ... ist vom Magistrat endgültig festgestellt worden."

Werden Einwendungen erhoben, und sind dieselben im Instanzenwege al» berechtrgt anerkannt, haben sich die städtischen Behörden mit den daraufhin vorgenom- menen Veränderungen einverstanden erklärt, so wird abermals eine Bekanntmachung zu erlassen sein, etwa:

»Es ist eine Abänderung des Fluchtlinienplanes für daS Stadtgebiet beschlossen worden und zwar bezüglich, — beispielsweise der Parallelftraße zur Eisenbahn und der unteren Kaiserftraße. — Der Entwurf liegt im städtischen Vermefsungsamte vom .....ab 4 Wochen lang zu jedermanns Einsicht offen. Einwendungen sind innerhalb der Offen» legungSfrist beim Magistrat anzubringen."

Gelangt alsdann der Plan zur förmlichen Fest­stellung, so kann mit Bearbeitung der Einzelpläne be- gönnen werden. Je größer der Maßstab, desto genauer und vollständiger können solche speziellen Pläne ge­macht werden, je nadi dem Zweck. ES laffen sich bann auch genaue Flächenangaben machen, die nötigenfalls in besonderen Vermessungsverzeichnifsen niedergelegt werden. Höhen- und Gefällverhältnisse, die Richtung der Entwässerungsrinnen, die Bürgersteige, die Baum- anpflanzungen und sonstige gärtnerische Anlagen kön­nen eingetragen werden, desgleichen die Art der Be­bauung mit genauen GebSadegrundriffen, sodaß diese Einzelpläne ein bis ins kleinste gehendes Bild der künftigen Straße und des Anbaues geben. Heber den Ausbau besonderer Straßenteile, freier Plätze, Tor- und Durchfahrten werden vielfach von geschickter Hand Entwürfe über die architektonische Ausgestaltung bei- aefügt werden können, namentlich da, wo sich Neu­bauten an malerische und baukünstlerisch wertvolle alte Gebäude paffend angliedern sollen.

Beschaffung der Sachverständigen. Es bleibt noch eine Frage zu erörtern, wie beschaffe ich mir die nötigen Sachverständigen? Landmesser und Baumeister wird man immer zusammen wirken lassen, und rs scheint mir der richtige Weg zu fein, zunächst nach einem tüchtigen Landmesser Umschau zu halten und später den Plan einem sachkundigen Baumeister zur Begutachtung zu unterbreiten.

Die wenigsten Stadtgemeinden werden sich ent­schließen, einen eigenen Landmesser anzustellen, obwohl dies namentlich für Kreisstädte sehr zu empfehlen ist. Die Katasterämter sind überlastet, dec Katasteriontrol- leur kann derartige Arbeiten aus Zeitmangel kaum oder nur sehr langsam ausführen. Deshalb hat sich auch HerSßckd ein eigenes Vermessungsamt eingerichtet, dos seine Rosten zum größten Teil dadurch wieder ein­bringt, daß es auch für Privatpersonen landmefferische Arbeiten aller Art ausführt. Ueber die Einrichtung und besondere Tätigkeit des BermeffungsamteS einer kleineren Stadt darf ich Ihnen vielleicht bei einem späteren Städtetag mehr vortragen. Das Bermessnngs- amt der Stadt Hersfeld ist gern bereit, andere Stadt­gemeinden bei Ausstellung von Fluchtlinienplänen zu unterstützen.

Durch Umfragen bei den Rachbargemeinden oder Ausschreiben in einer Fachzeitschrift können Sie ja leicht mit einem tüchtigen Landmesser in Verbindung treten; müssen Sie denselben weit herholen, so wer­den natürlich die Kosten entsprechend wachsen. In den Jndustriebezirken Rheinlands nnd Westfalens hat man sich dadurch geholfen, daß der Kreis einen Landmesser angestellt hat, der derartige Arbeiten ausführt und auch bei vielen sonstigen Vermessungsgeschäften die Ge- meinten unterstützt. Am billigsten und besten würden Sie natürlich fahren, wenn sich vielelicht mehrere Kreise zusammentun und gemeinschaftlich einen Land­messer mit dem Sitze bei der Provinzialverwaltung anstellen. Derselbe wird naturgemäß mit den hiesigen Verhältnissen bald vertraut werden, auch würde bei dem riesigen Anwachsen der Grundwerte die Ausgabe in keinem Verhältnisse stehen zu der Annehmlichkeit, in so vielen wichtigen Fragen stets einen Fachmann zur .Hand zu haben. Namen hervorragender Städte­bauer finden sie in den eingangs erwähnten Schriften zur Genüge, die Mitwirkung des zuständigen Kreis­bauinspektors ist ihnen stets gesichert, wie sie auch viel­fach im Regierungsbezirk Wiesbaden in Anspruch ge­nommen torb und zwar durch Vermittlung des Land- rats.

Besondere und vielleicht aus großer Entfernung be­rufene Sachverständige werden im allgemeinen auch größere Ausgaben verursachen; immerhin darf die Be­schaffung eines umfassenden und im Sinne meiner Ausführungen ausgckertigtcn Bebauungsplanes 2000 6000 Mark kosten. Wird ein Flächennivellement nicht gewünscht, so stellen sich die Kosten im allgemei­nen erheblcch geringer. Aber diese Kosten sollen Sie nicht abhalten, einen für die gedeihliche Entwicklung

jeder Stadt so überaus wichtigen und bedeutungsvol­len Entschluß zu fassen. Erfüllen Sie doch damit eine Kulturmisfion, indem sie Mittel ht die Hand bekam- men, Ihre teilweise so wunderbaren alten Städtebilder zu erhallen und entsprechend auszubauen. Nehmen Sie sich die.Städteerbauer Nürnbergs mrd Augsburgs zum Vorbild, welche die alte volkstümliche deutsche Bau­weise so treu und unangetastet zu bewahren verstanden. In ihrem schönen Buche „genius loci“ erzählt die Eng­länderin Vernon Lee, wie sie in einem älteren Teile der Stadt Augsburg voll Entzücken das früher ent­schwundene Deusschland, das Deusschland ihrer Liebe und Sehnsucht wieder zu finden glaubte, das köstliche Land, in dem sich, wie sie sagt, behagliche Prosa und zärtliche (sdftoärmerei auf so besondere Weise vereini­gen. Möge man dasselbe auch in späteren Jahren von unserem Heffenlande sagen können!! (Lebhafter Bei­fall!)

Aus dem Nachbargebiet.

* Alsfeld, 8. Okt. 1908. Das unter d m Denkmalschutz stehende hiesige Rathaus hat im Jahre 1912 ein Alter von 400 Jahren erreicht. Wenn auch schon im Laufe der Zeil kleinere und größere Reparaturen vorgenommen waren, so ist doch eine gründliche Renovierung, die sich auch auf die Jnnenräume erstreckt, dringend geboten, um diese- Kleinod bürgerlichen Gemeinsinnes vor dem Verfall zu schützen. Das im spät-gotischen Stile gehaltene Bauwerk wirkt ganz besonders durch seine architektonisch wertvollen Holzfchnitze- reien an den Balkenköpsen, seine kunstvollen Türen und Türgesimse, seinen mächtigen Steinbau des unteren Stockwerkes, sein reiches Holzfachwerk der Obergeschosse und seine altehrwürdige Ge- samterscheinuna.

* Frankfurt a. M., 8. Okt. 1908. Die Grün, düng katholischer Arbeiter» Vereine in unserer Stadt macht gute Fortschritte. In Sachsen­hausen ist vor kurzem eine Sektion des Arbeiter- Vereins Frankfurt gegründet worden, und vor einigen Tagen wurde rm Nordend ebenfalls eine Sektion des Frankfurter katholischen Arbeiter-Ver­eins gegründet. — Nom Eisenbahnzuge über­fahren ließ sich der 40jährige Tagelöhner Feliz Reifing an der Kuhfahrtschneise in der Nähe deS Oberjorstbauses. Reifing war zuletzt bei den Griesheimer Werken beschäftigt. — Hier hat sich eine Branntweingenossenschaft gegründet, welche die sofortige Errichtung eines Betriebes zur Herstellung von Branntwein und Likör be­absichtigt. Zu den Gründern gehören hauptsäch­lich Mitglieder deS hiesigen Wirtevereins; Ursache der Gründung sich Pachtpreissteigerungen der Wirte durch die Schnapsbrennereien. — Die Wirtschaftsgebäude des der Stadt Frankfurt ge­hörenden HofeS, de- sogenannten „SRoten Hanne-", wurden gestern nachmittag zum großen Teil durch Fruer zerstört. Die gesamte Ernte wurde zerstört. — In der Buchhandlung der sozial­demokratischen Frankfurter „Volksstimme" be­schlagnahmte auf Antrag des hiesigen Amts­gerichts die Polizei 87 Exemplare der Bachschen Geschichte der Wiener Revolution vom Jahr« 1848. Die Beschlagnahme foll hauptsächlich wegen des dem Werke vorgedruckten Aufrufes, in welchem eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen militärische Vorgesetzte erblickt wird, er­blickt sein.

* Frankenberg, 6. Okt. 1908. Gestern morgen fand eine Sitzung der Standverordneten statt. ES handelte sich um Beschlußfassung über die Erbauung eines städtischen Schlachthauses. Es wurde aus der StadtverordnetenveZammlung

K. Aus Bosniens Vergangenheit und Gegenwart.

Mit dem entgültigen Eintritte Bosniens und der Herzegowina in den Verband der habsburgi­schen Monarchie ist die Frage zur entgültigen Entscheidung gelangt, die die ganze Geschichte die­ser Provinzen beherrscht hat: bte Frage, ob sie zum Kulturbereiche des Ostens oder des Westens gehört. Jetzt endlich bat sie der Westen sich ge­sichert, nachdem Jahrbundertelang zwischen Ori- entt und Occident ein harter Kampf um dies schöne GebirgSland getobt hat. Bosnien ist recht spät in den Lichtkreis der Geschichte eingetreten. Seine Urbewohner waren jene illyrischen Stäm­me, die den Dolksforschcrn noch heut viele Rätsel ausgeben. Von Anfang an war Bosnien ein Binnenland, von Hirten und Ackerbauer» be- fvohnt, und erst au de» Tagen Octaviaris gelang xs dem Römerrciche unter harten kämpfen, sich den Weg in dies Bergland zu. bahnen. Dann 'aber nahmen die illyrischen Bewohner Bosniens das römische Wesen tief in sich auf; und Ludwig don Thallaczy hat daher mit Recht behaupten können, daß die ersten drei nachchristkimen Jahr- yimderte geschichtlich die einheitlichste Periode des pdriatischen Dreiecks bilden. Mit dem Zerfalle pes Römerreiches traten allmählich in Bosnien gewaltige ethnographische Verändkrnngeu ein.

Die germanische, die avarische, endlich die sla- vische Völkerwanderung wälzte sich über das Land hin; die illyrischen Stamme verschioanden, und Sein Lande Bosnien aber prägte das Slavenlum jntßiiltig seinen Charakter auf. Wie Bosniens ganze Geschichte einen entschiedenen konservativen Zug aufweist, so hat das Land auch verhältnis­mäßig spät das Christentuni angenommen. Als ein Rest aus der Avarenzeit blieb die Würde des Ban bestehen, die uns noch spät die alte kriege­rische Verfassung, das Säbelregiment der Tura- Sier vor Augen führt. Bis zum Jahre 1377 be- and die Einrichtung des Banats in mehr ober »eiliger loser Abhängigkeit von den ungarischen

Königen; dann geht aus einer nationalbosnischen Familie her er ft e bosnif che König hervor, Stefan Tvcntko 1. Das. bosnische Königtum dauerte bis 1463 und ist eigentlich die Geschichte eines einzigen Verfalles. Eine kurze Glanzzeit — ein jäher Sturz. In die politischen und mili­tärischen Verwicklungen hinein spielt noch eine nrerkwürdige religiöse Erscheinung: das soge­nannte Bogumilentum, eine Sekte, bereit Religion eine sonderbare Mischung von altscmi- tifchen Urlegenden, von persischem und auch tura- nischem Dulismus, von Buddhistischer Moral und christlichen Formen bildete. Sie reizte dje Phan­tasie dieser abgeschlossenen Bergvölker, sie befrie­digte ihren Hang znm Danionismus und zur Mystik, fie kam ihrem "Aberglauben entgegen.

Tas bosnische Königtum erlag der neuen os­manischen Macht. Sultan Mehmed II. rottete die ganze Dynastie aus. Mit diesem Ereignis ist Bosniens aktive Stellung in der Geschichte zum Ende gekommen. Es ward nun türkische Provinz, und späterhin bildete es immer wieder den Kriegsschauplatz der Kämpfe zwischen den Türken und den habsburgischen Heeren. Unter der tür- kischen Herrschaft hat sich das Land zum großen Teile mohammebernisiert. Als es die Oester­reicher übernahmen, war es im tiefen Verfall; unb was bte österreichische Verwaltung in Bos­nien unb bet Herzegowina in noch nicht einem Menschenalter geleistet hat, bas verbient die höch­ste Bewunderung. Viele Hunderte Kiloinetet von Straßenbcyiten, große Eisenbahnanlagen wurden vollendet, Gasthöfe unter staatlicher Aufsicht er­richtet, um den Fremdenstrom ins Land zu ziehen, für die Sauberkeit der Städte wurde außer­ordentlich viel getan.

Das Land ist nicht nur schön, sondern auch von der Natur reich begünstigt. Der Erzreichtum, der einst die Römer angezogen hat. ist zwar heute nicht mehr so bedeutend, wohl aber spendet die Erde das kostbare Salz, und vor allem sind Bos- nien und die Herzegowina reich an landwirt- schaftlichen Produkten. Es ist ein Land des Obst­

und Weinbaues, das größte Pflaumenland der Welt, an Waldbvben reicher als irgend ein ande­res Land Europas, und daher auch geeignet für moderne Holzindustrieaulagen. Der Bosnier ist im allgemeinen ein fleißiger, ruhiger, konserva­tiver, kräftiger Mensch; unb es ist keine Frage, daß die Kultur es nur freudig begrüßen kann, dies reich auSaeftattcte Land in Oesterreichs Hand zu sehen.

— Ueber die Hilfsschulen in Preuße« hat das preußische Ituihtdniimfteiium eine Statistik vcran- ftaltet, deren Ergebnis im Verbauosberichte der Hilfsschulen Deutschlands veröffentlicht rottö. Hier­nach gibt es m Preußen 1908) 204 Hilfsschulen mit 567 gemischten und SS nach Geschlechtern ge­trennt«:» Klaffen, insgesamt 623 Klaffen. Daran nn^kcn 505 Lehrer und 160 Lehrerinnen, zusammen G65 ßebiträftf. Die Gesamtzahl der unterrichteten ^ilsssctzulkmder beträgt 13102. Davon waren mit Sprachstörungen behaltet 1682 Kinder oder 12,84°/»; schwerhörig waren 871 Kinder ober 6,65 °/0; Augendefekte hatten 1012 Kinder oder 7,72 «le; an Lähmungen oder sonstigen körperlichen Gebrechen litte» 610 Kinder oder 4,66 •/■. In eine Idioten- anstatt kamen 378 Kinder; wegen Epilepsie mußten ans dcr Hilfsschule entfernt werden 95 Kinder; an­deren Erziehungsanstalten wurden überwiesen 402 Kinder. Interessant sind die Zahlen über die Er­werbsfähigkeit. Von den 1900—1904 nach beendeter Schulpflicht entlaßenen Kindern waren völlig et» werbsscihig 210 — 69,65 °/o, teilweise erwerbsfähig 673=22,10°/», ganz erwerbsunfähig nur 242 - 7,95®/». I» ganz Deutschland find gegenwärtig 314 Hilfs- ichuleinrichtungen mit 921 Klaffen und 20151 Kin- dern vorhanden.

— Teures Leben. Die dritte Police über eine Million Dollar ist in diesen Tagen bei amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaften aufgegeben worden. Der Präsident und der Vizepräsident des größten Korn-Trusts der Welt, die Herren Heffelfinger und Wells, haben zu Gunsten ihrer Firma ihr Leben

mit einer Million Dollar verfichert. Davon Über­nahm die Providcnl Life and Trust Company 150000 Dollar, den Rest von 1850000 Dollar die Equitable Life Assurance Society. Wohl gibt es in Amerika Manner, die auf mehrere Police« mit einer Million Dollar versichert sind, aber eine einige Police über eine Million Dollar besitzt nur noch George Vanderbilt und der Millionär Frank H. Peavey besaß eine, die aber nach seinem Tode an feine Firma ausgezahlt wurde. In Amerika bildet sich die. Praxis immer mehr heraus, das lieben eines Geschäftsmannes, der für ein Unter­nehmen von großer Wichtigkeit ist, mit einer hohen Summe zu versicheru, um einen Ersatz für feinen eventuellen Tod zn haben.

— Das erste deutsche Hühuerwettlegen, das unte, veuUProtetwrat der Kronprinzessin Cceilie in Lichter­felde bei Berlin in den letzten 9 Monaten stattfand, ist nunmehr beendet. Den von der Kronprinzessin gestifteten Hanptpreis, 1000 Mark, erhielten die »Rheinländer", eine Kreuzung der Rassen »Minorka" und „Wyandottes". Jede dieser Hennen hat im Monat durchschnittlich 24 Eier gelegt. Den zweiten Preis haben die „Wyandottes" selbst errungen. Von den an dem Wettbewerb beteiligten über 500 Hühnern find nur 54 gestorben.

— Nervös. Bauer (im Theater auf dcr 4. Galerie zu seinem Weibe während einer dramatischen Szene): »Da, schau no' g'rad', Katk, a halbi Stund' hat er'n scho' beim G'nack, wenn er'n jatzt nit bald umbringt, nacha schmeiß i’ eahin Messer nunter!"

— Freuadsthastliche Würdiguus. „Schon gehört. Gnädiges Baron Dämelfelv gestern verlobt — einzige' Tochter des Bankiers von Goldhausen — kolossal, was?" — „Wirklich? Das muß er rein in einem Anfall von momentaner Geistesanwesen­heit zustande gebracht haben F

— Fix. »Gestern nacht hat meine Frau von einem prächtigen Sommerhut geträumt — und heute habe ich auch schon die Rechnung.