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BetationibrndmA Verlag der Fuldaer A» tienöruderei in Fulda Setnlpred)« Kr.9.

M 232.

Fnlda, Donnerstasi den 8. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

Krieqspartei nur wenige Anhänger zu haben. Der Großvezir dagegen soll kriegslustig sein @c soll erklärt haben, daß der Konflikt sich nur mit dm Waffen lösen laffe. Die Regierung habe die definitive Entscheidung bis zum Eintreffen weiterer Nachrichten vertagt, doch seien die notwendigen Weisungen für die Grenztruppen schon ergangen.

In Publikum und Presse herrscht angesichts der Meldungen, die aus dem Auslände vorliegen, eine bemerkenswerte Ruhe. Es ist besonders sestzustellen, daß die Besorgnis vor der Möglich­keit eines türkisch-bulgarischen Krieges sich vermindert hat. Die Notifizierung der Proklamation enthält die Erklärung, daß die letzten türkisch-bulgarischen Differenzm die Pro« klamation zu einer Notwendigkeit gemacht hätten.

Nachrichten aus der Provinz besagen, daß die Bevölkerung überall in großen Mengen zu« sammengeströmt ist und die Meldung von der Proklamation mit unbeschreiblichem EntbusiasmuS aufgerommen hat. Die Bevölkerung brachte dem Heer und den Behörden Ovationen dar und feierte bis spät in die Nacht hinein.

Griechenland will auch seinen Teil haben.

Das Reuter'sche Bureau meldet aus Kanea, dort wurde schon am Mittwoch ein Staats­streich erwartet, durch den die Bereinigung Kretas mit Griechenland ausgesprochm wird.

Die erste Nachricht hat sich bestätigt. Gestern nachmittag ging uns solgmde Depesche zu:

Nach Telegrammen auS Kanea an hiesige Zei­tungen proklamierten die Kreter die An­gliederung Kretas an Griechenland.

Die österreichisch-ungarische Annexions- Erklärung.

Die amtliche .Wiener Zeitung veröffentlichte am Mittwoch folgendes allerhöchstes Hand­schreiben an den österreichischen Mi­nisterpräsidenten:

Ich habe mich bestinnnt gefunden, die Recht» meiner Souveränität auf Bosnien und die Herzego­wina zu erstrecken und die für mein Haus geltend» Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit zu setzen, sowie eine gleichzeitige verfassungsmäßig« Einrichtung zu gewähren. Indem ich Ihnen zugleich die Abschriften der Handschreiben mit teile, die ich auS diesem Anlaß an den Minister meines Hauses und bei Aeußern und meinen gemeinsamen Finanzminister ge­richtet habe, fordere ich Eie auf, im Sinne des Para» graphe« 5 des Gesetzes vom 22. Februar 1880 Reichs­gesetz Nr. 18 wegen Einbringung der hiernach erfor­derlichen Borlage im Reichsrat das Entsprechende ein­zuleiten.

Budapest, 5. Oki. 1908. Franz Joseph. Beck.

Ein ähnliches Handschreiben ist an den ungarischen Ministerpräsidenten ergangen.

Das Handschreiben des Kaisers an den Minister des Aeußern, Frhrn. v. Aehrenthal, lautet:

Durchdrungen von der unerschütterlichen lieber» zeugung, daß die hoben kulturelle« und politischen Zwecke, um deren Willen die üfterretchisch-ungarische Monarchie die Besetzung und Verwaltung Bosniens und der Herzegowina übernommen hat, und die mit schweren Opfern erzielten Erfolge der bisherigen Ver­waltung nur durch die Gewährung von ihren Bedürf« niffen entsprechend verfassungsmäßigen Einrichtungen dauernd gesichert werden können, sür deren Erlassung aber die Schaffung einer klaren unzweideutigen Rechts­stellung beider Länder eine unerläßliche Voraussetzung bildet, erstrecke ich die Rechte meiner Souveränität aus Bosnien und die Herzegowina nnb setze gleichzeitig die sür mein Haus geltende Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit. Zur Kundgebung der friedlichen Absichten, die mich der dieser unabweislichen

. Erstes Matt.

deutsches Reid).

□ Die neuen Flottenvereinsforderungen stehen bei näherer Betrachtung an Ungeheuerlich­keit hinter dem System Keim nicht zurück; denn fte beruhen auf der Ansicht, daß alle Schiffe minderwertig seien, die nicht den „Dreadnought"- Typ haben; was nämlich von den älteren Kreuzern gesagt wird, kann man ebenso von den älteren Linienschiffen bis zur Deuischlandklaffe behaupten, dann ist unsere ganze Flotte minder­wertig und wir haben nur 5 vollwertige Schiffe. Aber so wird es im Ausbau der Flotten für den Schiffbautechniker immer bleiben, da ein Stillstand in der Technik doch kaum eintreten wird. Gerade im Kriegsschiffbau wandeln sich die Ansichten dauernd und in kürzester Zeit! Wie sehr dies der Fall, beweist erst wieder, der Bau des deutschen Panzerkreuzers „Blücher". Dieses Schiff befindet sich im Bau auf der Kieler Kaiserlichen Werst und wird gewiß nicht vor dem Jahre 1910 zum ersten Flottendienst fähig sein. Aber heute schon, noch mitten in der Fertigstellungszeit des Panzerkreuzers, wird kein Schiffsbautechniker mehr den „Blücher" als vollwertig bezeichnen; seine Gesechtseigenschasten find für einen modernen Panzerkreuzer bereits nicht mehr ausreichend! Einen Verband meh­rerer Schiffe in einer Kriegsflotte, der in allen seinen Eigenschaften auf der Höhe der Technik steht, gibt es überhaupt nicht, und wird es nie­mals geben. Trotzdem operiert das neue Pro­gramm des Flottenvereins mit dieser Voraus­setzung. Gehen erst seine Wünsche in Bezug auf die sechs neuen Panzerkreuzer in Erfüllung, so kommen natürlich neue Wünsche und Forderungen, die dann ebenso berechtigt oder vielmehr unbe­rechtigt wären. Dabei wird gar nicht gesagt, haß man in anderen Flotten ebenso viele „minder- vertige" Schiffe hat, ja prozentuell noch mehr, -'ei-tschland steht im Durchschnitt nur hinter den Vereinigten Staaten zurück; seine Schiffe sind sonst den englischen noch Übedegen. Diese Wahr­heit sagt der Flottenverein dem deutschen Volke nicht.

(*) Heber die Einkommensteuer-Erhöhung tu Preußen wird von einer Korrespondenz die Vermutung verbreitet, die Regierung wolle sich die schärfere Heranziehung der ganz großen Ein- kommen über 100 000 Mark für eine spätere Zeit vorbehalten. Da die Erhöhung der Ein­kommen zwischen 30000—100000 Mark mit 1 Proz. Zuschlag zusammen mit der Erhöhung der Steuer bei Einkommen über 100000 um 1 Proz. nur 25 Millionen Mark einbringe, so wolle man auf die Einkommen bi- zu 8000 M. herabgehen, und von da ab die Steuer auf 4 Proz. heraufsetzen. — Daraus würde allerdings sich die Vermutung herleiten lasten, daß die Re- gierung sich sür später eine neue schärfere Heran­ziehung der höchsten Einkommen vorbehalte. Man wird aber alle diese Nachrichten mit Vor- oehalt au'zunehmen haben.

.•. Freisinn und Kuhhandel. Nach bet halb­amtlichen konservativen Korrespondenz Wooih be­steht innerhalb der 3 liberalen Fraktionen im Reichstage und Landtage nicht die Absicht, eine Kuhhandels-Politik zu betreiben, da zwischen der Regierung und dem Liberalismus über die politi­

schen Fragen der nächsten Zeit Einstimmigkeit herrscht unb die Trübung der guten Beziehungen nicht zu erwarten ist. Die mit Führern der libe­ralen Fraktionen abgehalienen Besprechungen im Reichsschatzamte ließen hoffen, daß die Reichs- Flnanzreform im liberalen Lager auf heftige Geg­nerschaft nicht zu rechnen hat. Im Hinblick auf die Versuche der Zentrumspreffe, dem Liberalis­mus vor der neuen Ausgabe angst zu machen, fei diese Uebereinfiimmung sehr zu begrüßen, ob­gleich man regierungsseitig fest überzeugt ist, daß da- Zentrum bei der Gestaltung der ReichLfinan- zen positive Arbeit leisten werde. Mit Rücksicht auf die großen finanztechnischen Gesetze im Reiche und in Preußen lasse eS sich nicht ermöglichen, dem preußischen Landtage schon in der nächsten Session eine Novelle zum preußischen Wahlgesetze zu unterbreiten. Eine solche Novelle, die Fürst Bülow versprochen habe, werde aber später nicht ausbleiben. Die Vorarbeiten seien bereits ringe- leitet, vornehmlich würden an der Hand der letz­ten preußischen Wahlen Erfahrungen für vorzu­schlagende System-Aenderungen zu sammeln sein. Dann kann ja nach den Worten des Schatzsekre­tärs Sydow der „Dank" abgestattet werden.

ö Unerhörte Verdächtigungen der oft* preußischen Katholiken, hat der Prediger To­ms sch ki auf der Generalversammlung des Evangelischen Bundes sich gestattet; ohne die Spur eines Beweises erzählte er nach dem Be­richte der,Tägl. Rundschau*:

»In Ostpreußen Kerrsche immer noch ein scharfer Kampf gegen den Katholizismus. Es sei aber auch nolwendiq, denn eine Flnt trotzgalliger Tinte fei gege.i die Prolcstanlr» seitens des Zentrums verspritzt worden. Widerwärtige Schlammspritzen einer blindwütigen Ver­leumdungssucht seien gegen die Protestanten gerichtet worden. An gehässigen persönlichen Angriffen habe es nicht gefehlt. In Ostpreußen sei eine sytzemattsche Propaganda der Katholiken festzustellen. Ueberall sei ein agressives Vorgehen der Katholiken wahrzunehmen. Dabei hätten sich die Katholiken in dem Zeitraum von 1871 bis 1905 um 19V» v. H. vermehrt, die Evange­lischen aber nur um 9* 5 v. H. Dieses Wachstum der Katholiken sei nicht normal. Der Bau vieler katholischer Kirchen sei durchaus nicht notwendig; er diene nur Provagandazwecken. Am einem Orte sei eine katholische Kirche erbaut worden, obgleich nur 2 Katholiken vor­handen waren. (Hört! hört!) Diese Vorgänge wiesen auf ein bestimmtes System hin. Es handelt sich um eine ganz raffinierte, planmäßige Propaganda. Im Stillen hoffe man sogar, noch einmal die Jesuiten (brrr!) wieder unterbringen zu könne«. Mit dem brutalen Gelde werde alles gemacht, und an Geld fehle es ja der katholischen Kirche nicht. Recht kraß trete die Verquickung des Katholizismus mit dem Polentum hervor. Das habe sich besonders bei den letzten Landtagßwahle» gezeigt. Demgegenüber sei di« stetig fortschreitende Germanisiermig der treu evange­lischen unb protestantischen Masuren zu begrüßen. Hier liege ein starkes Gegengewicht gegen den Ansturm des Zentrums. (Beifall., Die deutschen Katholiken aber seien schutzlos den Pelonisierungsveisuchen ihrer Geist­lichen preisgegeben. Die Evangelischen fürchteten die katholische Kirche nicht; aber gegen solche skrupellose» Machenschaften seien sie wehrlos. Für Uebertritt werbe den Evangelischen sogar Geld geboten. In Ostpreußen sei auch das Konkubinat eines katholischen Rechtsan- walls mit seiner evangelischen Wirtschafterin geduldet worden unter der Bedingung, daß der aus diesem Ver- hältnis entsprungene Sohn, der bis zur Obersekunda evangelisch erzogen worden war, zum Katholizismus überträte. (Pfui-Rufr!) Man sehe also, daß an Äe- wissenslosigkeit seitens der katholischen Kirche hier das Menschenmöglichste geleistet werde.«

Es ist lange her, daß uns ein ähnlicher giftiger Erguß gegen die Katholiken zu Gesichte gekommen ist; worüber man aber am meisten staunen muß, ist der Umstand, daß solche Ge- schichten ohne die Spur eines Beweises vorge­

tragen werden. Der Pastor sprach von der „Ge- wiffenlosigkeil" der katholischen Kirche, eme schmähliche Beschimpfung der Katholiken, die aber in Wirklichkeit den betrifft, der ohne Be­weis solche Behauptungen ausstellt; das ist ge­wissenlos. Im übrigen bildet gerade diese Rede den besten Beweis dafür, wer den konfessionellen Frieden stört: das ist der Evangelische Bund.

— Für das Zigarettenmonopol tritt bte Meuzzenung' ein; sie will aus diesem eine Rein­einnahme von 70 Mill. M. ziehen; diese Summe wachse mit der Zunahme deS Konsums sehr rasch; nur 10—15 größere Betriebe beherrschen den Markt und 12 000 Arbeiter kommen in Betracht.

— Jude» unb Reserveoffiziere. Ter fortge­setzten Hetze de- liberalen Presse gegen die Armee, sie nehiue wider die Bestimmungen der Grund­gesetze keine Juden in den Offizierstand auf, ist in einem Prozesse vor dem Schöffengericht zu Saar (Baden) ein Riegel vorgeschoben worden. Es han­delte sich bei der Gelegenheit um die Nichtbeförde­rung eines jüdischen Einjährigen zum Offizier. Bei der Gelegenheit wurde Oberst v. Randow als Zeuge vernommen, und dieser bekundete, im Laufe des letzten Jahres sei den Regimentern eine kaiser liche Kabinettsordre zur Kenntnis gebracht worden, in der bestimmt wird, daß bei militärischen Besolde- rungen keinerlei Unterschied zwischen den Angehörigen der Konfessionen gemacht werden dürfe.

** Bürgermeister Dr. Schücking hat in seiner Angelegenheit soeben einen großen Spektakel er­lebt. Gegen ihn war ein Stadtverordneter seiner Stadt, Rotbgordt, als Zeuge vernommen worden, und dieser Mann hatte behauptet, Schücking neige zur Unwahrheit Diese Geschichte war durch ine Blätter gegangen mit dem Hinweis darauf, daß Rotbgordt von Schücking angezeigt worden war, weil er — als Stadtverordneter Provision ge­nommen hätte. Dieser also gekennzeichnete Kron­zeuge der Regierung hat nun dem Bürgermeister in der letzten Stadtverordnetensitzung einen gro­ßen Krach zu machen versucht. Darauf hat Schü­cking von Rolhgordt verlangt, daß er seine Be­leidigung zurücknehme. Als der es dann nicht tat, aber auch keine Beweise dafür hatte, hat Schü- ding die Sitzung einfach verlassen.

Auzjan-.

* Bulgarien.

In Bulgarien ist man nach dem Ver­hallen bet türkischen Regierung in den letzten Tagen voller Hoffnung. Es ist auch keines­wegs ausgeschlossen, daß der Sultan sich mit einem rem formellen Protest begnügen wird. Im türkischen Kabinett scheint man nur wenig zum Kriege mit Bulgarien geneigt zu sein. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern find zwar abgebrochen, aber selbst in Konstantinopel bleibt die bulgarische Gesandtschaft, auf der jetzt die bulgarische Königsflagge weht, unbehelligt. In der Nacht auf Mittwoch zog eine große Menschenmenge mit englischen, sranzöfischen und griechischen Fahnen vor die Botschaften von Eng­land und Frankreich und brachten begeisterte Hochrufe auf diese Staaten au$. Es wurden zwar Reden gehalten, die sehr kriegerisch waren, aber wer die türkischen Verhältnisse kennt, weiß, daß von diesen paar Leuten die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht abhängt. Der Moslem richtet sich vor allem nach den An- sichten des Sultans, und dieser hinwiederum muß sich nach der neuen Aera, nach seinem Kabinett richten. In diesem aber scheint die

Dyrnitr, der Kosak.

Bon Marcel Etienne.

6] . (Nachdruck verboten.)

Auch sie, das sanfte unterwürfige Geschöpf, überkam ein Gefühl der Erleichterung, da ihr Satte so viel abwesend war. So tonnte sie sich ienn ohne Furcht und ohne Hintergedanken dem einzigen Glück hingebeu, das es außer der Wiege ihres Kindes für sie gab. Wie oft warf sie nun filig ihren großen Pelzmantel über und stieg mit Ser Amme, auf deren Arm der kleine Stas fröh­lich ftranwclte, in ihren Schlitten! Wie fröhlich ,ud voll freudiger Erregung flog sie dann dahin Über die weißschimmernde Steppe! Rach Kruto- tzorby ging die Fahrt. — Tort konnte sie ihr Vaterhaus grüßen, ihre alten Eltern umarmen, im geliebten heimatlichen Herde sitzen, ruhig und »usrieden in ihrem Mädchenzimmer schlafen, wo ie alle die Schätze und Erinnerungen einer glück» nchen und reinen Kinder- und Mädchenzeit roie» -erfand: ihre schöne Marienstatue aus Marmor, :hreu silbernen, von Spitzen umgebenen Spiegel, ihr kleines Bett mit den hellblauen Vorhängen, alles so einfach, so freundlich, und ihrem Blick so iieb und vertraut!

War sie in Kruto-Horbq angekammeu, so *onnte sie dort in aller Ruhe bleiben und ihre Freude am elterlichen Hause in Frieden genießen. Nr Gatte störte sie nicht und rief sie nicht! Er .chien zuweilen beinahe auch sie vergessen zu ha- Sen, obwohl er wußte, daß nach der alten gebet» Jigten Tradition die gastfreien Psocttn von .tzruto-Horby nach wie vor zahlreichen lieben Gästen offen standen! Daß sich dort an den iüftern Wintertagen und langen Winterabenden kine fröhliche Jugend versammelte, die Scherz und Heiterkeit, Tanz und Spiel liebte unb in Marynia, der schönen und liebenswürdigen Frau, rine kostbare Akquisition erblickte.

Phadäus Dluski konnte ungehindert ein- und ausgehen wie so mancher andere junge Freund des Hauses, der ebenso ritterlich und dienstbeflis­sen war wie er. Und Marynia andererseits ver­wehrte es niemand, mit den Gefährten ihrer Jugend zu plaudern, freundliche Erinnerungen auszutauschen, Spiele zu spielen, die heitern Ronden oder die klagenden Dnmkas der Ukraine zu singen oder mit der übermütigen Schar die leichten Walzer oder die anmutigen Mazurkas ihrer Heimat zu tanzen. Ihr Gatte, der finstere Starost konnte nun nicht in seinem mißtrauischen Gemüt an ihrer harmlosen Freude Böses finden, denn er weilte irgendwo in der Ferne.

Gegen Ende Januar des Jahres 1768 jedoch kehrte er unerwartet von einem seiner eiligen Ausflüge nach Kruto-Horby zurück, wo er sich nur ein paar Stunden aufhiell, um seine Gattin nach Koszowata zurückzuführen. Er hatte getrachtet, diesmal noch vor Anbruch der Nacht die Steppe zu durcheilen, da diesmal Dymitr ihn nicht be­gleitet hatte- Da er nicht nur sein schönes, junges Weib, sondern auch Stas, feinen Stotz und seinen Ehrgeiz, bei sich hatte, war er doppelt bemüht, der Möglichkeit eines erneuten Abenteuers mit den Wölfen auszuweichen.

Der Wind wehte von Osten, die Sonne neigte sich zum Untergang, indem sie ihre letzten roten Strahlen über die Steppe ergoß. Die herbe und schneidende Kälte des Januartages machte auf den Dächern die Giebel und Balken aus Eichen- hotz knarren und auf dem weißen Schneeteppich Millionen winziger Eiskrystallchen aufblitzen, die im letzten Tasesschein wie ebenso viele Brillanten ftünmerten. Als Hieronymus Koszowacki vor seinem Schlosse zu Boden gesprungen war, warf er eilig einem Lakaien seinen dichten Petz zu, nahm aus den Händen des andern ein Paket Schriften und Briefe und stieg dann eilig zu fei« nein Zimmer empor, dessen Türe :z runter sich abschloß. Auch Marynia batte sich mit der Amme in ihre Gemächer begeben. Dort hals sie vor allem der Amme den Kleinen zu entkleiden und

bettete ihn weich und warm in seine Wiege. Dann setzte sich die junge Mutter leise an das kleine Bettchen und betrachtete mit zärtlichem Blick ihren kleinen Liebling, der zuweilen im Schlafe freund­lich lächelte, — ohne Zweifel, weil er in solchen Augeiwlicken, — wie der Volksglaube der Ukraine sagt, — in den Himmel schaute und die lieben Englern grüßte.

Wenn Marynia allem so ruhig bei ihrem Kinde wa: und den Anblick des kostbaren Schatzes genoß, fühlte sie sich zufrieden und wunschlos glücklich. Sie gewahrte nicht, wie die Nacht ein- herschlich, wie die Stunden verflogen, während sie regungslos verharrte; nur zuweilen bewegte sie leise ihre Hand, um eine zudringliche Fliege zu verscheuchen, oder beugte sich mit aller mütter­lichen Vorsicht und Zärtlichkett nieder, um auf die Stirne des Knaben einen langen Kuß zu drücken^dec ihn jedoch kaum streifte und feinen füf;eu Schlummer nicht störte.

Da die Amme in diesem Augenblick überflüs­sig war, batte sie sich leise in das anstoßende große Genrach begeben, in welchem die Mägde der Be­fehle ihrer Herrin harrten.

Tort saßerr sie, alle diese schönen ukrainschen Mädchen, um deu riesigen Ofen gekauert, in wel­chen eine derselben fortwährend riesige Büschel sestgerollten Strohes warf, das knisternd Feuer fing, in jähen roten Flammen aufloderte, die mit phantastischem Licht über die Gesichter der Sitzen­den huschten und sich rasch verzehrten. Alle be­schäftigten sich mit irgend einer Arbeit, die einen strickten oder nähten, die meisten spaimen unter dem traulichen Surren der Spindel», die fröhlich über den Fußboden tanzten.

Natürlicherweise wurde geplaudert, gelacht, manchmal sogar ein paar Strophen gesungen, — hoch sprachen, lachten und fangen sie alle nur mit yalbstnrter Stimme. Sie wußten alle, daß ihre Herrin in der Nähe war und der kleine Gebieter schlief und sie sich deshalb respeftvoll ruhig ver­halten mußten. Außerdem befand sich in einem Winkel des großen Gemachs eine einsame, trau­

rige, schweigende Träumerin, deren Anblick allein genügt hätte, um einer lauten Fröhlichkeit ihrer jungen Gefährtinnen Einhalt zu tun.

Tie arme Martha war es, welche bleich und regungslos in der Ecke saß, ohne zu sprechen, ohrre zn hören und zu sehen, ganz in irgend einen qualvollen Gedanken versunken. Ihre langen schwarzen Zöpfe fielen ohne den gewohnten zier­lichen Schmuck der Schleifen und Bänder auf ihr feines Samtmieder nieder, ihre Hände waren un­tätig int Schoß gefaltet. Sie nahm so wenig teil an der ringsum sie herrschenden Fröhlichkeit, als wäre der Geist in weiter Ferne. Oftmals spra- chen die jungen Mädchen auch ganz ungeniert von ihrer traurigen Gefährtin, wohl wissend, daß kei­nes ihrer Worte zu der Seele des jungen Mäd­chens drang, die ganz versenkt war in ihrem Schmerz und in ihre Liebe, in ihre Träumereien und schrecklichen Erwattungen.

„Seht Ihr sie' Muß fte einem nicht in der Seele leid tun? Arme Martha! Sie muß einen furchtbaren Kummer auf dem Herzen haben!" flüsterten die jungen Mägde einander zu.

„Run, ich begreife ihre Traurigkeit nicht!" sagte eine andere. „Die Herrin bevorzugt sie vor uns alle»; immer ist sie es, welche sie ruft, von der sie sich airkleiden, von der sie sich sogar zu­weilen begleiten läßt, wenn sie ausgehl!"

„Du bist wirklich komisch, Tetiana! Glaubst Du denn, Martha wolle im Vorzimmer oder an der Seite der Herrin ihr ganzes Leben verbrin­gen? Sie ist doch wahrhaftig schon alt genug, um das Twor zn verlassen und ihre eigene Chata*) haben zu wollen!"

„Ah! wenn es nur das ist, — so mag sie sich trösten! Ta sie der Liebling der Herrin ist, wird es ihr an Bewerbern nicht fehlen, — sie wird nur zn wählen brauchen!"

„Die Wahl ist es wohl eben, die ihr Oucü ta- reitet!"

•) Hütte der Bauern.