Einzelbild herunterladen
 

Fulda, Dienstag den 6. Oktober 1908,

M 230

Zweites 'Mtcrtt

Kleines Feuilleton

acyen, rotr freuen uns oyne iveuero uh iuuuivuv

Farbenpracht, wenn der Herbst flaggt. Leder gefertigt werden, kaum, ob das Chlorophyll sich bei null eine zeitlang ganz abs

der bunten

abschafsen wollte, haben sich

uldaer

veralltw. Sedaktemt

3. V.: R. Iveßler-,

» rv°ch«E-s-- „Illustrierte SomtagrzMng

35. Jahrgang,

und beweist euch, es müsse so sein. Denn das Chlorophyll erfährt, wenn die Temperatur unter Null sinkt, eine chemische Veränderung, deren eigentlicher Prozeß freilich noch nicht ganz aufge­klärt ist, die aber usw. Wir Naturfreunde da­gegen, die von der Wissenschaft nicht einmal den blauen Dunst haben, den sich die Gelehrten mit­unter vormachen, wir freuen uns ohne weiters an

sichtigere und weitherzigere Oberbürgermeister Wilhelm Becker dem Rechnung trug, wurde eS anders, und da fanden sich sowohl für die Stel­en der Beigeordneten als auch anderer höherer tüdtischen Beamte auch hervorragend befähigte katholische Bewerber in ausreichender Zahl, wo­mit der für gewisse Stellungen bis zu einem ge- wiffen Grade berechtigte Einwand der ,Köln. Zig.', daß „der katholische Volksteil nicht genügend Nachwuchs liefert", auf diesem Gebiete jedenfalls glänzend widerlegt ist. Also laste man doch das Mätzchen von dem „Zufall". Es ist ja bester geworden gegen frühere Zeiten. Aber die Parität ist auch heute noch nicht in Preußen zur Wahr- heit geworden, ist das verfaffungsmäßige Recht der preußischen Katholiken.

doch nicht verdrängen lassen, sie haben nur äugen- blicklich eine gänzlich veränderte Form angenom­men. In Gestalt eines Prinzeßkleides aus Ba­tist, für den Winter gleichfalls aus schwedischem Leder, umspannen sie den Körper bis zu den Knien, die Engigkeit eines Futterals behaltend. Don dort abwärts werden sie mit unheimlicher Geschwindigkeit weit und immer weiter, mit nach unten zu immer dichter werdenden Volants be­deckt, die einen großen Spitzenreichtum aufweisen. Unter dieser glatten Untergewandung breitet sich das Gewand aus leichten, drapierfähigen Stof-

Srfchri«t irgttch

Anruahm« drr Sontu NndLrierlagt-virrlrl- MrUcherveru-rprelr ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda so» «le auswärts 1.50 SU.

Die konservativen Blätter haben vielmehr aus­drücklich gefordert, daß das Zentrum einbezogen werde; ein Teil der liberalen Prefse stimmte dem zu; nur der Freisinn war verärgert. Aber der mußte gute Miene zum bösen Spiel machen.

Wenn jedoch in einigen Kreisen die Ansicht auftrat, daß das Zentrum nunmehr ob dieser Heranziehung überglücklich sei, daß es sich wie das errettete Dornröschen fühle und dem Ratter Sy- dÄv in sein überschuldetes Schloß blindlings folge, so werde sich dieser sehr täuschen. Das Zentrum wird nur nach feinen Grundsätzen an der Reform Mitarbeiten; eS wird aber in erster ßtnte darauf sehen daß dem Mittelstand nicht dae Haupt­ast auferlegt wird und die ganze Steuerreform ist in erster Linie eine Mittelstandsfrage. Der Mittelstand trägt heute schon die mersten Steuern; er muß ungemein arbeiten und sparen, damrt er sich über Wasser halten kann, was an neuen Lasten kommt, legt man am liebsten auf ihn,, das geht so bequem, toetl er ruhig ist. Aber diesmal muß Halt gemacht werden. Das Zentrum muß und wird dafür sorgen, daß das mobile Großka- pital und der mühelose Gewinn beson­ders besteuert wird.

Wir wissen kaum, — ----- ...

Grad Reaumur stärker wandelt als bei null Grad Celsius, aber wir wissen, daß der Wald just um diese Zeit von unendlicher Schönheit ist. Zur Augenweide gesellt sich außerdem eine ^unglaub­lich würzige Luft. Nebel und Tau halten den Staub fern und die Nadelhölzer duften wie Ab­schiedssträuße. Und dazu die Einsamkeit! Das berühmte „Schweigen im Walde" ist ein Jahr­marktslärm im Vergleich zu der Feierstille, die nun, den, ganzen Wald beherrscht, als machtvolle Gebieterin. Wer nur Verse machen könnte! Aber fürchten Sie nichts. Ich bin im Grunde ge­nommen ein seelenguter Mensch und nehme davon Abstand, „Lichtung" auf „Dichtung" zu reimen, oder „Fuchs" auf „Luchs", oder „Abendrot" auf

fein

— Luft durch die Augen bläst ein Mann, der sich in München auf der Oktoberwiese produziert. Die „Münchener N- Nachr." schreiben über ihn: Er ist eigentlich im Hauptamt „Muskelmensch"; er hat eine geradezu unheimliche Gewalt über seine Schulter-, Arm- und Bauchmuskeln. Wenn er sich in seinem Nebenamt zu einem kleinen Scherz herbei läßt, so hüllt er die Augenränder in leichten Seifenschaum. Damit atmet er sehr tie: ein, und einen Augenblick später sieht man eine hübsche Seifenblase vom Auge auffliegen. Zwei­fellos könnte er es bei guter Hebung in der „Augenatmung" ebensoweit bringen, wie sein Kollege Michael La Casa, der 1905 und 1906 in Boston, Chicago und Neapel auftrak. Dieser führte eine Reibe netter Kunststücke aus. So blies er mit Hilfe des Auges und einer Glas­röhre eine Keriw aus und trieben eine” Gummi­

Das ausgejchattete Zentrum.

Man fchreibt uns aus Berlin:

Bor zwei Jahren zog Herr Bassermann rm Lande umher und erhob seine Stimme gegen das persönliche Regiment des Kaisers in der Aus­landspolitik. Das fiel auf, weil man noch nie von einem Nationalliberalen solch scharfe Worte gehört hatte. Da geschah das Unerwartete: den nationalliberalen Führer traf eine Botschaft des Reichskanzlers, die ihn einlud mit ihm über die Auslandspolitik zu sprechen. Herr Bassermann folgte dem Ruf, nicht aber ohne sich zuvor bei einem bekannten SchriftMer das Ranzel mit Material spicken zu lassen. Aus der Unterredung entsprang die bekannte Interpellation vom 14. November 1906, die so scharfe Spitzen gegen den Kaiser enthielt und wobei der Reichskanzler sich in eigenartiger Weise über das persönliche Regi­ment und die Kamarilla ausließ. Eulenburg stand noch in der kaiserlichen Gnadensonne; der Stern des Fürsten Bülow war im Sinken. Der Kaiser bekam die Reden vorn 14. November 1906 nie zu Gesicht- Die Wendung vorn 13. Dezember verlängerte die Kanzlerschaft. Das Zentrum war ausgeschaltet.

Ein volles Jahr hindurch freute man sich die- fes Erfolges. Aber schon im Winter 1907/08 suchte man das Zentrum wieder einzu­schalten; das erstemal wurde der Versuch hier- zu gemacht bei dem Beschlüsse auf Herabsetzung der Zuckersteuer; für äcren Ausfall von 35 Mill. Mark jetzt die Jnseratensteuer aufkom­men soll. Damals lud man das Zentrum ein, an dem törichten Beschluß mitzuwirken; es war das erstemal, daß wieder Zentrumsabgeordnete vertrauliche Aussprachen mit der Regierung hiel­ten. Das Zentrum lehnte dieses Gesetz mit Recht ab. Der 2. Versuch der Annäherung ging wieder von der Regierung aus: Das Zentrum sollte die Dampfersubvention nach Guinea unbe­sehen schlucken. Man trat an dasselbe heran mit dem Bemerken, jetzt könne man den Block ausschal- ten- Auch dieser Versuch mißglückte; das, Zen­trum übte Sparsamkeit in der schlechten Finanz­lage. Bei der Verabschiedung der T e u e r un g s- zulags wurde der 3. Versuch der Annäherung vonseiten der Regierung unternommen; jedoch auch hier blieb das Zentrum seinen Absichten treu und stellte Verbefserungsanträge, die dev gehor­same Block sofort ablehnte.

Nun rückte die schwierige Lage der R e i ch s- finanzresorm näher; Herr Sydow hatte sich bei feiner Ernennung Vorbehalten, daß er die Steuern mit denjenigen Parteien macht, die er hierfür findet. Daher fand imMai die erste, Be­sprechung mit dem Abg. Spahn statt, im Juli die 2. mit dem Abg. Erzberger und im September die 3. mit den Abg. Spahn, Gröber und Müller- Fulda. Diesellnlerredungen erfolgten allesamt auf Wunsch undEinladung des Reichsschatzsekre­tärs; es war selbswerständlich, daß die, Zen­trumsabgeordneten sich nicht ablehnend verhielten; denn die Unterredungen hatten alle nur informa­torischen Zweck; die Abgeordneten wurden über die Absichten der Regierung unterrichtet. Die Ver­treter des Zentrums haben weder sich selber noch die Fraktion irgendwie gebunden; es war aber für sie immerhin von Wert, die Absichten des Reichsschatzsekretärs zu erfahren. Und der Reichskanzler duldete das; er tat damit den ersten Schritt zur Verleugnung der Block- politik; denn nicht feine Mehrheit sollte die Steuern schaffen; vielmehr sollte das von ihm bekämpfte Zentrum hierbei Mitarbeiten- Da er­hebt sich doch die Frage: wo bleibt denn die Re­densart von dem „ausgeschalteten" Zentrum? Heute schweigt auch die ganze Presse hierüber.

— ja, hier stock' ich schon, sagte Goethe im „Faust"- Aber die Versicherung bleibt bestehen: nie ist der Wald prunkender und fwlzer als in diesen Tagen, nie die Einkehr in der Waldschenke behag­licher, »nd nie genießt man das Abendrot bester als jetzt vor dem Abendbrot. Da haben Sie ihn doch, den fehlenden Reim.

— Immer schlanker. Aus Paris schreibt man der „Köln. Ztg.": Hiesige Schneider erklären alles Ernstes, die DameMvelt fei, um den Ansprü. chen an Schönheit und Modeempfinden zu ge­nügen, no chimmer nicht schlank genug- Um wahrhaft Schritt mit der Mode zu halten, müsse man noch bedeutend schlanker werden. Wie dies möglich ist, scheint zwar ein Rätsel, aber man faat dieses Rätsel werde die Darilerm fpatestens

bis zum kommenden Sommer gelöst haben. Die Unterkleidung, deren sie sich augenblicklich be- dient, ist schon unglaublich zusammengeschrumpft. Die Verbindung von Hemd, Korsett und Bein- kleid aus weißem, seidengewirktem Stoff, mit dichten Einlagen biegsamer, dünster Fischbtzin- stäbe, ist spinnwebzart. Für den Tagesgebrauch während des Winters soll sie aus schwedischem ' " ' c . Die Unterröcke, die man

Tic Tamcnhutmode steht in unseren Groß­städten unter der Devise: Groß — größer — am größten l Und doch sind die Hüte unserer Damen was den Umfang anbetrifft, noch Waisenkinder gegenüber den Pariser Damenhüten. Hüte mi:: einem Umfang von anderthalb Metern sind nidy: gerade selten. Eine Dame in eng anliegendem Kleide mit solch einem Riesenhute auf dem Kopfe sieht wie ein Pilz aus- Tut nichts, getragen wird der Hut, denn „Wär's Mode, hingen Muhm und Base sich eine Bratwurst an die Nase". Man kann sich lebhaft vorstellen, wie entzückt in Theatern die Besucher sind, die hinter einer Dame mit einem Riesenhut zu sitzen kommen. Von der Bühne sehen sie nichts, dafür dürfen sie den ganzen Abend das Ungetüm vor sich bewundern. In London hat der Direktor des St. James Theater auf ein­fache Weise die' Riesenhüte aus seinem Parkett entfernt Er ließ in seinem Theater große gelbe Plakate anbringen, die in schwarzem Druck die folgenden Sätze enthielten:

„Zur Frage der Riesenhüte! „Das Problem der großen Hüle ist endgiltig gelöst. Jede feine und auf wahre Bildung Anspruch erhebende Dame nimmt ihren Hut gerne ab. Nur ungebildete und rücksichtslose Personen lassen ihn dann und wann auf dem Kopfe."

Das Resultat war überraschend. Obschon in den Nachmittagsvorstellungen kein Zwang besteht, die Hüte abzulegen, legten sämtliche Frauen ihre Hüte in der Garderobe ab.

— Aus in bat Herbstwald! Jetzt oder nie! Diesem bewährten Schlachtruf sollten alle folgen, die es wohl mit sich meinen, und deren gibt es ja eine ziemliche Anzahl. Jetzt ober nie muß man Ausflüge in die Wälder unternehmen, die in un­übertroffener Pracht unser Land schmücken- Jetzt oder nie. Der Naturforscher der tritt herein

Deutsches Reich.

* „Die Häufungen evangelischer Beamten in einem Beamtenkörper ergeben sich rein zufällig, und zwar darum, weil die anstellende Behörde die Frage nach der Konfession des Be­werbers gar nicht stellt, sondern lediglich den Geeignetsten, den Tüchtigsten aussucht." — Das erwidert die liberale ,Köln. Ztg/ auf die Fest­stellung, daß in dem westfälischen, zu sieben Achteln katholischen Kreise Steinfurt von 17 Be­amten der Kreisverwaltung 14 evangelisch, und in der Stadt Burgsteinfurt mit zwei Fünfteln katholischer Einwohner von 21 städtischen Be­amten gerade 2 — ein Polizist und ein Nacht­wächter — katholisch sind. Also der «Zu­fall^, der „reine Zufall"! Ja, wenn es sich nur um den einen oder andern Ort, oder den einen oder anderen Kreis, oder die eine oder andere Provinz handelte! Aber überall die­selbe Erscheinung, für die nur von Zeit zu Zeit ganz besonders drastische Belege beigebrach werden. Da ist es eine Zumutung, die man nur ganz Dummen und Harmlosen stellen kann, daß der Zufall das alles mache, und daß die „Tüchtigsten" allemal und überall gerade die Protestanten sein müssen. Bleibe man uns doch mit dem „Zufall" vom Leibe! Besonders bleibe uns damit ein Organ der liberalen Partei vom Leibe, welche in der Rheinprovinz und der Stadt Köln, wo dieses Organ erscheint, zahllose Proben geliefert hat, wie sie die „Parität" versieht. Bleiben wir — so sagt die „Köln. Volksztg." — bei Köln. Unter dem liberalen Regimente während der Amtsführung des Ober­bürgermeisters Hermann Becker hatte der „Zu­fall" es herbeigeführt, daß die Mehrzahl der städtischen Beamten protestantisch waren. Unter den Beigeordneten war zeitweise kaum einer, der fest auf dem Boden des Bekenntnistes der unge­heuren Mehrheit der Bevölkerung stand. Ein Mann wie Dr.. CardaunS wurde bei der Bewer­bung um den Posten des städtischen Archivars zurückgewiesen, weil er „ultramontan" sei. Ein liberaler Stadtverordneter (Hamspohn) hat das unter ausdrücklicher Anerkennung der ja auch gar nicht zu leugnenden Qualifikation des Bewerbers mir dürren Worten ausgesprochen. Erst als die Zentrumspartei an Stärke zunahm und der weit.

ball auf. Die wissenschaftliche Erklärung dieses „Wunders" ist sehr einfach. Der Mann atmet die Lust mächtig ein und preßt sie dann, indem er Nase und Mund schließt, mit aller Gewalt durch den engen Tränennasengang und die Augenhöhlen wieder nach außen.

— Ein Schlauberger. Zwei Bekannte trafen ein­ander vor dem Poftyause und A. bemerkte, daß B. eine an sich selbst adressierte Postkarte in der Hand hielt. — „Was hat denn das zu bedeuten?" fragte er erstaunt. „Du sendest Briefe an deine eigne Adresse ?" — „In diesem Falle allerdings. Da, lies die andere Seite!" — Und A. las: „Am 1. Oktober abends nm neun Uhr Generalversammlung des I. O. S. B. im Vereinslokal zwecks Regelung wichtiger geschäft­licher Angelegenheiten. Nicht anwesende Mitglieder zahlen eine Ordnungsstrafe von 20 Mk. I. B., Sekretär." — „Ja, aber ich verstche nicht," meinte A. nach Durchsicht dieser Zeilen. — „Nicht? Nun, diese Karten habe ich selbst drucken lassen. Die Gesellschaft ist eine Mythe. Wenn ich eines Abends auszugehen wünsche, so dirigiere ich eine dieser Karten nach meiner Wohnung. Meine Frau nimmt sie in Empfang und händigt sie mir bei meiner Heimkehr seufzend ein. Ich biete ihr an, daheim zu bleiben und die zwanzig Mark Reugeld zu zahlen, aber davon will sie natürlich nichts wissen. Das ist alles, lieber Freund, aber----,Ssst!

— Die Japs wachsen. Der Mikado erließ vor 15 Jahren ein Dekret, welches das in Japan ver­breitete gekrümmte Hocken, ein Hindernis für das Wachstum der Beine verbot. Jetzt wurde sestge- stellt, daß die Maßregel genützt hat; die durch- schnittliche Körpergröße hat um 5 Mrllimeter zu- genommen. Die kleinen Japs wachsen auf Be­fehl des Mikado und werden — nach Berechnung eines französischen Blattes — in 200 Jahren die Länge des berühmten pommerschen Grenadiers haben.

— Kategorisch. „Ist das Ihre erste Frau?" — „Sta. und auch die letzte!"

• Die Aufstellung von Bebauungs­pläne«.

(Siebe des Herrn Stadtbaurat Schirmeyer-Fulda auf dem Hessischen Städtetag zu Wanfried, Fortsetzung aus Nr. 208, 3. Blatt.)

Die Fehler, welche bei Ausitellung des BebauungS- Plans im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts von den rasch wachsenden Städten gemacht sind, sind bte Hauptursachen der in den letzten Jahren immer mehr erkannten und vielbeklagten Mißstände, nämlich der sehr ungünstigen Entwickelung der städtischen Woh- nungsverhältniffe für die niedrigen Volksschichten und der traurigen Oede und Nüchternheit in der Erschei­nung der neueren Stadtteile. Die kleineren und Mitt­leren Städte, welche jetzt, wenn nicht alles trügt, vor einer bedeutsamen Entwickelung stehen, da sich immer mehr Schwierigkeiten durch das übermäßige Anwach, fen der Großstädte zeigen, sollten diese Erscheinungen vor allem studieren und aus ihnen lernen.

Die Rückwirkung des Bebauungsplans auf den An­bau und das Wohnungswesen beruht hauptsächlich auf zwei Punkten, nämlich auf der Breite der Straßen und auf der Größe und Gestalt der umschlossenen Baublöcke. Die Straßenbreite bestimmt wesentlich in Verbindung mit der Vorschrift der Bauordnung, daß die Höhe der Häuser sich nach der Breite der Straße richtet, die Haushöhe; die Haushöhe aber wiederum ist von erheblichem Einfluß auf die Höhe der Miete. „Je höher der Bau, desto höher die Miete" ist ein berühm­ter, allerdings wohl nur mit Einschränkung richtiger Satz des durch seine Forschungen auf dem Gebiete des Wohnungswesens hervorragenden Dr. Rudolf Eber- sta d t. Diese? beruht hauptsächlich daraus, daß eine Wechselwirkung besteht zwischen dem Bodenprers und damit dem Mietpreis und der baulichen Ausnutzungs­möglichkeit des Bodens; beide steigern sich gegenfeihg. Von der Tiefe der Baublöcke hängt es in erster Linie ab, ob die in jeder Beziehung ungünstige Bauform der Hintergebäude mit selbständigen Wohnungen um enge geschloffene Höfe in einer Stadt Platz greift.

Wenn das Erweiterungsgebiet einer Mittelstadt in gedankenloser Nachahmung der verfehlten Bebauungs­pläne unserer Großstädte mit gleichmäßig und im all­gemeinen übermäßig breiten Straßen durchzogen wird, so hält unfehlbar auf die Dauer auch hier die viel­stöckige Mietskaserne ihren Einzug und bringt schlim­mere Zustände mit sich, wie sie in den engen Gaffen der mittelalterlichen Stadt herrschen; wenn hier, wo weit überwiegend kleine Wohnungen zu schassen sein werden, Baublöcke von mehr als 100 Meter Tiefe an­gelegt werden, so wird in nicht zu ferner Zeit ein großer Teil der Bevölkerung in Hinterhäusern eng zu­sammengedrängt sein und sich vergebens nach dem Be­sitz ober gar nur dem Ausblick in ein grünes Gärtchen sehnen, während vorn auf den viel zu breiten Straßen das Gras zwischen den Pflastern sprießt und beweist, daß der große Verkehr, dem zu Liebe wahrscheinlich die Straße so breit angelegt ist, gar nicht vorhanden ist.

Der Bebauungsplan, sagt Eberstadt, schafft daS städtische Baushstem; in dem Bebauungsplan hat man es in der Hand, durch die Anlage und Breitenabmes- snug der Straßen entweder das städtische Bauwesen sich gemäß dem individuellen Bedürfnis entwickeln zu lassen oder andererseits ein gekünsteltes, schematiscbes Bausystem zu erzwingen; als vornehmstes, für die Entwicklung der politischen, sozialen und volkswirt­schaftlichen Zustände wesentlichstes Ziel muß bei der

Ausstellung des Bebauungsplans vor allem die Ermög­lichung einer zweckmäßigen Bodenparzellierung im Auge behalten werden.

Dagegen erfordert der Verkehr nach meiner Ansicht nur in seltenen Fällen in kleineren Städten die Berück­sichtigung, die gerade er unverdientermaßen in erster Linie beansprucht und gefunden hat, denn ein größerer Verkehr entwickelt sich hier in der Regel nur in der Richtung nach und von dem Mittelpunkt der Stadt, mit dem Markt, Rathaus, den Hauptgeschäften usw„ und für diesen sind in der Regel die Wege von alters- her in den Landstraßen und Landwegen in ausreichen­der Breite vorhanden, und auch für eine etwaige sehr erhebliche Vergrößerung der Stadt und damit des Ver­kehrs wird hier in Hessen durch die alte kurhessische Bestimmung, daß Häuser einen Abstand von 2,50 Mir. vom äußeren Grabenrand einhalten müffen, die Mög­lichkeit der Verbreiterung gelassen. Ich glaube nicht, daß unter den jetzige» hessischen mittleren Städten eine ist, welche eine derart schwunghafte, gewaltige Entwickelung zu gewärtigen hätte, daß diese die Fest­setzung von erheblichen Straßenbreiten rechtfertigen würde. Namentlich vor Verbreiterung alter Straßen im Innern der Städte muß besonders gewarnt werden wegen der nnverhältnismäßig großen Kosten und der Beeinträchtigung des Stadtbildes. Selbstverständlich soll hiermit nicht die Beseitigung von einzelnen, beson- . ders störenden Vorbauten beanstandet werden. Im allgemeinen aber ist ein Bebäuungs- oder Fluchtlinien­plan, so notwendig er für die Stadterweiterung ist, so entbehrlich und oft gar verhängnisvoll im Innern kleinerer und mittlerer Städte.

Besondere Verhältnisse bedingen allerdings auch hier Ausnahmen. Namentlich entstehen durch die An­lagen von Eisenbahnen oder Kanälen mit Bahnhöfen und Häfen oft neue Verkehrseinrichtungen, welche Be­rücksichtigung verlangen. Wenn beispielweise die Stadt rüher von der großen Land- und Heerstraße von Nor­den nach Süden durchzogen wurde, während' durch­gehende Verbindungen von Osten nach Westen durch die Stadt fehlten, wenn dann der Bahnhof im Osten der Stadt erbaut wurde, so werden durchgehende Ost- West-Verbindungen durch die alte Stadt unbedingt not­wendig und müssen möglichst frühzeitig durch Flucht­linienplanfestsetzung gesichert werden. Wenn dieses nicht geschieht, so rächt es sich früher oder später durch die Aufwendung eines Vielfachen der Summe, die bei frühzeitigem Zugreifen erforderlich gewesen wäre.

Auf den Thron, den der Tyrann „Verkehr" räumen soll, wollen wir einen anderen Herrscher setzen, der von nun ab der mächtigste sein möge im Bauplanwesen mittlerer Städte, und der heißt: „Schönheit des Stadt­bildes, Schönheit der Straßen- und Platzbilder." In dem älteren Stadtteil besitzen unsere kleineren unb mittleren Städte wohl sämtlich diese Schönhett; einen neuen Beleg dafür haben wir in diesen Tagen hier in dem schönen Wanfried erhalten. Sie bildet ihren kostbarsten Besitz in ideeller, aber auch in materieller Beziehung, weil sie die größte Anziehungskraft auf Fremde ausübt. Leider ist das Bewußtsein und Ver­ständnis dieser Schönheit vielfach weiten Kreisen ihrer Bürgerschaft, welche noch immer die „schönen, breiten, geraden" Straßen unserer modernen Stadterweiterun- gen als das erstrebenswerte Ziel ansehen, noch nicht aufgegangen, und der Versuch, die Prinzipien deS mit­telalterlichen Städtebaues, selbstverständlich unter An­passung an moderne Verhältnisse, insbesondere die An­sprüche der Gesundheitslehre und Feuersicherheit, auf die Stadterweiterung zu übertragen, wird zunächst vielfachen, heftigen Widerstand finden, aber schließlich wird auch hier die bessere Einsicht siegen.

Die Bedeutung des Bebauungsplanes für die Schönheit der Stadt ist eine ganz verschiedene in den alten Stadtteilen und in den Außengebieten. Dort handelt es sich darum, nicht übertriebenen oder miß­verstandenen Rücksichten auf Verkehr oder Licht- und Luftzutritt zu Liebe malerische Platz- unb Straßenbil­der zu zerstören, künstlerisch oder geschichtlich wertvolle Baulichkeiten zu verunstalten, in ihrer Wirkung zu be­einträchtigen ober gar zu beseitigen; es gibt meines Erachtens für eine mittlere Stadt gar kein so dringen­des und auf andere Weise nicht zu befriedigendes Ver» kehrsinteresss, welche die Beseitigung eines wertvollen, alten Baues rechtfertigen könnte.

Bei der Stadterweiterung kommt es darauf an, durch die Art der Straßenführung und Platzanord- nung, vielmehr noch durch die künstlerische Berücksichti­gung und Behandlung der Straßen- unb Platzwandun- gen bei der Planung die neue Stadt harmonisch sich der alten angliedern zu lassen, neuschaffend durch die Mittel des Bebauungsplanes etwas dem Alten mög­lichst Gleichwertiges entstehen zu lassen.

1 »«zeige«: vi« tta

1 kpaltige Ptfihtilt oder

Raum 15psg.

A Hf Leklaureudiepetttzell«

BLZ | I IH III I 23 NS- wieder. Hf 1 | hoümge« wird «ttspr H Saba« gewährt»

W V »otatiourdruau-d

Verlag der Fuldaer Ai»

MonarchMge: »Luldaer SeschlchtsbMer" »S?4