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Fulda, SamsLaa den 3. Oktober 1908,
M 228
35. Jahrgang
Zweites Wtcltt
Lrscheini täglich mit Ausnahme der So in« nndZeiertage.viertel- fährlicherVezugrpreir ohne vringerlohn und BefteHgelbin§uItafo= wie auswärts X.50Mit.
Versntw. Bebafteut: Carl Zchgtte;
zert als jugendlich starker, machtvoller Faktor angesehen und — gefürchtet wird.
Aber schon kichert man hämisch im Ausland, wenn man in des Reiches innere Verhältnisse schaut. Da liegen die Parteien in bitterster Fehde, da lodert der konfessionelle Haß in gefährlichstem Brand, La steht im Hintergrund hohnlachend die — trotz Nürnberg — mächtigste Sozialdemokratie aller Völker. Gehört diese Selbstzerfleischung auch zum deutschen Wesen?
Aber noch ein viel, unendlich gefährlicherer Feind wühlt im deutschen Körper: das Gift der Unsrttlichkeit. Wieso? Das Volk, dessen Sittenreinheit der Römer Tacitus vor 1900 Jahren rühmte, wäre so tief gesunken? Wir wollen nicht übertreiben: Noch mag das Volk gesund ein, noch mag es das ihm täglich verabreichte Gift dank feiner kräftigen Konstitution über- wrnden: aber — wie lange noch? Hören wir: Deutschland marschiert in der Produktion von Schm utzschrift e u und Sch in u tzb i ld ern an der Spitze aller Länder! Das ist eine grauenhafte Tatsache. Das ist ein Todessiegel — wenn
velt gegenseitig die größten Liebenswürdigkeiten an den Kopf; in den Blättern wird die Wäsche dieser „Führer des Volkes" gewaschen: ein Vorspiel für die Wahl selbst, die die Erregung und die Leidenschaften zur Siedehitze bringen wird-
chen, spendeten ironisches Händeklatschen zu der eigenartigen musikalischen Leistung. Bei all den Meldungen, die jetzt so reichlich über die Kämpfe zwischen den Deutschen einerseits und den Tschechen rind Slowenen andererseits eintreffen, nmß man in den katholischen Kreisen Deutschlands immer vor Augen halten, daß hinter all diesen Hetzereien die liberal-kirchenfeindliche Klique in Wien als treibendes Element steht. Dieselbe hat nicht nur im deutschen Lager, sondern auch unter den Slawen viele eifrige Agenten, die das Feuer schüren. Der Hauptzweck ist und bleibt die Kaltstellung aller katholischen Parteigruppen, die man nötigenfalls durch den Kampf aller gegen alle zu erreichen hofft.
Das Fürstentum Bulgarien sucht mit aller Gewalt von der türkischen Oberhoheit frei zu kommen. Und da eine Gesundung der Verhältnisse in der Türkei unfehlbar eine Erschwerung dieses Wunsches mit sich bringen muß, so hat es ßch darauf verlegt, schon jetzt einen Spektakel heraufzubeschivoren, damit der Krach die türkische Regierung unvorbereitet treffe. Hinter dem unglaublichen Vorgehen gegen die Orientbahn steckte offenbar Rußland, sonst hätte der Fürst von Bulgarien derartige Experimente wahrscheinlich nicht riskiert. Tie Folge der diplomatischen Auseinandersetzungen ist nun aber, daß Bulgarien klein beigehen muß. Jetzt nimmt auch noch die deutsche Reichsregierung die Gelegenheit wahr, durch eine süddeutsche Korrespondenz den bulgarischen Quertreibereien ein „Halt" entgegen zu rufen. Hoffentlich versteht man das in Petersburg; dort hätte man ja auch alle Veranlassung, im eigenen Lande nach dem Rechten zu sehen. In der letzten Zeit bringt ja jede Post Meldungen über Raub, Mord und Diebstahl im größten Stile aus Rußlands Grenzen- So lange Rußland nicht in der Lage ist, derartige Erscheinungen hintan zu halten, sollte es doch seine Fmger aus der internationalen Politik herauslaßen, zum wenigsten aber nicht daran arbeiten, draußen die Kriegsfackel anzuzünden.
Die letzten Tage haben eine Reihe von Meldungen aus den türkischen Besitzungen in Klein-Asien gebracht, die mehr als in einer Hin- ufrt bedrohlich waren. Man merkt, daß die Geg- ier der Türkei an allen Ecken und Enden dabei md, die Völker der Türkei gegen den Sultan aufzuhetzen. Offenbar ist es England, das jetzt m der berühmten arabischen Kaffeeprovinz fernen, und zu gleicher Zeit in der Gegend von Bagdad Unruhen angezettelt hat. Es steht allerdings noch dahin, ob diese Unruhen dem Sultan gefährlich werden könnten.
drei Stellen das Leben von hunderten von Fahr- Säften davon ab, ob der Zugführer das Haltesig- nal sieht oder übersieht- Sonst gibt es keine Warnung, feine Unterbrechung des Betriebsstromes, keine Bremsung oder sonst eine Vorrichtung zur Verhütung oder Milderung des Zusammenstoßes.
Als nach dem Unglücksfalle angeregt wurde, man möge doch automatische Schutzmittel anbringen, da wurde von zünftigen Leuten gesagt: „Nein, das darf nicht fein, denn dann verlaßt sich der Zugführer auf diese Einrichtungen uud hält seine Augen nicht gehörig offen". Tas ist die richtige Verkehrsbureaiikratie. Es steht geschrieben, daß der Mamc auf die Signale achten muß dafür wird er ja bezahlt. Warum sollen wir ihm diese Last abnehmeii oder erleichtern. Wenn er nicht aufpaßt, so wird er gefaßt und schwer bestraft. Damit ist die Sache erledigt, die Verwaltung gerechtfertigt, die Einrichtungen als tadellos erwiefen. Wenn die Toten nicht wieder lebendig werden, nun, dafür kann die Direktion nicht!
Ich bin sehr oft über das Gleisdreieck gefahren. Für den Berliner, der es eilig hat, ist die Hochbahn vielfach ein unentbehrliches Verkehrsmittel geworden. Sehr häufig mußte der Zug vor einer der drei gefährlichen Ecken halten, weil ein anderer Zug ebenfalls auf diesen Punkt los- fuhr und vorausgehen follte. Da konnte man hübsch darüber nachdenken, was wohl werden könnte, trenn der Zugführer mal das allein selig- machende Signal übersähe. Zugleich konnte man von der Höhe der Brückenbauten (bis zwei Stock- werke) himiMersehen auf das Straßenpflaster und sich vorstellen, wie bei jeder Entgleisung der Zug mit fernen Insassen in die Tiefe poltern und dort zerschellen würde. Für den Wagen, der aus dem Gleite springt oder durch einen Stoß das Gleich- gewiM verliert, ist nämlich auf dem berühmten ^reled fein Hast vorgesehen. Erst wenn man weitergefahren ist bis auf das Gelände der Staatselfenbahn, da gibt es eine kräftige Umwehrung der Hochbahn. Die Staatsbahn hat
WochenbeUage:„illustrierte§0Nlltag5ZeiÜMZ
nicht Wandlung eintritt. Dieses Gift verseucht die Großstädte und schasst eine greisenhaste Jugend, es verdirbt das Blut des flachen Laut ?, das von den Groschen-Schmutzromanen und pikanten farblosen Blättern überschwemmt wird, es zerstört Ehe und Familie und damit die Grundlage der Gesellschaft wie des Staates. Wir gehen nicht auf Einzelheiten ein; sonst müßten wir die neueste Erscheinung, das • schamlose Treiben der sogen. Berliner „Schönheitsvereine" mit ihrem Nackt-Kultus erörtern, und dafür ist dieses Papier zu sauber. Die Statistik der Aerzte und Krankenhäuser liefert die Unterlagen der Tatsache, daß es hierin traurig in Deutschland aussieht. Tie Geschichte aber lehrt, daß es bergab mit den Völkern ge.'.t, wenn sie die Sittlichkeit preisgeben. Deutsches Wesen war Sitten- r ein hei t. Wenn unser Vaterland von der Schmutzpest genesen ist, wenn die lleberzeugung der Parteien und Konfessionen geachtet wird, und wenn deutsche Ruhe und Stetigkeit in der Politik wohnen — wenn diese drei Faktoren herrschend sind, dann erst kann die Rede sein von Deutschlands Weltmission.
s Schlaglichter.
37 Jahre sind seit der Gründung des neuen Deutschen Reiches vergangen. Unsere ergrauten Väter greifen sich an die Stirne: wo ist die 3er; geblieben? Wie gestern scheint es ihnen, daß die Kanonen vor Metz donnerten und die Sieges- musik vor Paris in ihr Ohr klang. 37 Jahre. Dem jungen Deutschen Reich sind die Flügel gewachsen. Das Nest und der heimische Wald sind dem stolzen Aar zu klein geworden, er spannte seine Flügel übers Meer, an ferne Küsten. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser." Weltherrschaft! Und ihre Folge: Weltisolierung. Es war ein natürlicher Vorgang, daß die fremden. Geier mit dem spitzen Schnabel nach dem Eindringling pickten. Wir dürfen uns nid,:: wundern, daß Neidlinge ihn mit scheelen Blicken anschauen, daß andere über solch unerhörten Flug mißtrauisch werden, und daß sie allesamt Schwierigkeiten bereiten, wo sie nur können.
In diesen Tagen hat der amerikanische Milliardär Carnegie einen Brief an den Journalisten Bartholdt geschrieben, der in England und Amerika erörtert worden ist. Carnegie brachte darin zum Ausdruck, daß er vom Kaiser Wilhelm II. den Weltfrieden erwarte. Als ob der Kaiser nicht unzählige Male seine Friedensliebe und seinen Friedenswillen unzweideutig knndge- geben hätte! Was will man also? — Erinnern wir uns an die Fabel von der angeblich erstrebten Vorherrschaft Deutschlands im europäischen Staatenbund, erinnern wir uns an den gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands und seine in allen Zonen wehende Handelsflagge, und denken wir an das Kaiserwort: „Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen!" Dann haben wir des Rätsels Lösung vor uns: warum Deutschland isoliert und bestgehaßt ist in der Welt.
Ob wir heute wollen oder nicht, wir stecken mitten in der deutschen Weltpolitik: in den Kolonien, in Marokko, im Orient nsw. Geräuschvoll wurde sie inszeniert, leider vielfach ungeschickt ausgeführt, leistete sich die tollsten Sprünge; das war nicht gerade deutsches Wesen, bald truthahnspreizend, bald amselsüß, bald spatzenkeck sich zu gerieren. Warum das uns bisher noch nicht zum Verhängnis geworden ist? Weil in der Tat das Leutsche Reich im Volkerkon-
wochen-Nun-schau.
[:] Fulda, 2. Oktober 1908.
Kaum hat die Regierung feierlich versprochen, daß künftig mehr gespart werden müsse, da fühlt der F l o 11 e n v e r e i n sich berufen, nach neuen und Köderen Ausgaben zu rufen. In seiner letzten Präsidialsitzung stellte er zwei Forderungen auf, die Hunderte von Millionen Mark kosten. Zunächst sollen die sechs noch vorhandenen, wenn auch meistenteils nicht mehr als Kreuzer verwendeten „geschützten" Kreuzer unserer Marine einige Jahre früher als die Novelle von 1906 vorsieht, durch vollwertige Panzerkreuzer ersetzt werden. Dann soll die Neserveslotte mehr als bisher im Dienste gehalten werden. Diese Forderungen sehen scheinbar ganz bescheiden aus, sie bedeuten aber eine Mehrausgabe von über 1000 Millionen M in den nächsten 6 Jahren- Ein neuer Kreuzer kostet über 40 Mill. Mark Baukosten; dann erfordert er west mehr Personal als der alte. Ten Vorwurf übergroßer Bescheidenheit kann man gegen diese Forderungen nicht erheben, besonders nicht, wenn man öte jetzige jämmerliche Reichsfinanzlage in Betracht zieht. Wird nur die kleinere Hälfte des Flottenprogramms akzeptiert, dann ftefjen wir in 6 Jahren wieder vor einer neuen „Reichsfinanzreform", denn es wird sich dann inzwischen her- ausgestellt haben, daß schon wieder die Reichseinnahmen hinter den Reichsausgaben um eine halbe Milliarde zurückbleiben und deshalb die Steuern vermehrt werden müssen.
Unsere internationalen Beziehungen hatten in der letzten Zeit, eine angenehme Besserung erfah-
,.8etzt ist ein Ausbruch der französischen Nervosität in Casablanca störend dazwischen gekommen. Bei der Einschiffung von drei Deserteuren der französischen Fremdenlegion deutscher Abstammung hat ein französischer Offizier in Gemeinschaft mit mehreren Soldaten den Vertreter des denffchen Konsulats und seinen Gehilfen gröblich insultiert. Darüber ist es natürlich wieder zu Auseinandersetzungen gekommen, die in Frankreich zum Teil zu einer bösartigen Hetze Anlaß gegeben haben, einer Hetze, deren Folgen vielleicht auch sich in einem Aftentatsversuch gegen den deutschen Konsul in Bordeaux erkennen lassen. Die französische Negierung möchte aus diesem Vorgänge keinen großen Streit machen; aber der Hochstkommandiei ende, General d'Amade, beharrt auf feiner Darstellung der Vorgänge, wonach die Deutschen die Schuld haben würden und erschwert dadurch der französischeli Regierung das rechtzeitige Ciulenken. D'Amade läßt sich offenbar von einer weitgehenden Erbitterung über die Erfolg- losigkeit all feiner Operationen leiten. Zn Beunruhigungen gibt der Fall von Casablanca jedoch aack> feiner Richtung hin Anlaß.
sc^n dafür gesorgt, daß ihr die Hochbahnzüge nicht auf den Kops fallen können. Aber nebenan, wo die Staatsbahn nicht mehr getroffen werden kann, da läßt man ungestört herunterfallen, was ins Fallen kommt, vom ersten oder auch vom zweiten Stockwerk herunter bis auf das Straßenpflaster oder den Hof des Nachbarn. Es muß offen herausgesagt werden, daß es nur einem glücklichen Zufall zu danken ist, wenn der zweite Wagen des verunglückten Zuges noch am Rande des Ab- grundes hängen blieb. Wäre die Verbindung zwischen dem ersten und zweiten Wagen nur ein wenig fester gewesen, so würden alle drei Wagen hintereinander in die Tiefe gefallen und die Zahl der Opfer in die Hunderte gestiegen fein.
Das Sprichwort sagt: Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, so deckt man ihn zu. Das ftimmt nicht immer. Hier ist das Kind hineingefallen, aber gegen das Zudecken sträubt man sich noch. Das Zudecken kostet zu viel Geld. Daher tritt man den Beweis an, daß eigentlich das Kind gar nicht hätte hineinzi,fallen brauchen. Wenn
r Zugführer das Signal ins Auge gefaßt hatte, so wäre es nicht passiert, und in der Instruktion steht doch klar und deutlich, daß er das ■stgnnl sehen soll- Also wird ruhig weiter gefahren.— bis wieder mal einem Zugführer etwas menschliches passiert. Das eirizige, wozu man sich verstanden hat, ist die Verlangsamung der Fahrt an den kritischen Stellen. Das genügt aber auf die Dauer nicht. Wenn ich Rechtsanwalt wäre, so würde ich mich um die Verteidigung des schul- bi gen Zugführers bewerben und dann mit Hilfe von unabhängigen Sachverständigen vor Gericht das ganze verfehlte System beleuchteii, das einem untergeordneten Beamten eine furchtbare Verant- Wörtlichkeit aufhalst, ohne die nötigen Sicherheits- Vorkehrungen zu treffen. Das ist eben das Verhängnis für unsere Verkehrsentwickelmig, daß man sich mit der Verurteilung eines Sündenbockes begnügt, statt mit aller Kraft nach verbesserten Einrichtungen zu ftreben, welche die unver- meidlicheii schwachen Augenblicke eines Menschen
Eulenburgs Haftentlassung macht in den weitesten Volkskreisen einen recht schlechten Eindruck, der dadurch nicht beseitigt wird, daß er 100 000 M Kaution hinterlegen muß. Warum erfolgte jetzt die Freilassung? Wie kommt es, daß Eulenburg sofort transportfähig war, als man ihn frei gab? So lange er in Haft war, konnte man ibn nicht einmal von der Charite nach Moabit bringen, aber nach Liebenberg ging es im Fluge- Das Rechtsbewußtsein des Volkes hat an diesem Prozeß sehr gelitten.
Im böhmischen Landtag gaben bei dein Krakehl zwischen Deutschen und Tschechen erstere ein Konzert mit Pultdeckeln und Kinder- trompeten a!s wenig passenden Begleitinstrumenten zu der donnerhallenden und schwertklirrenden
„Wacht am Rhein". Das Auditorium, die Tsche- u
deutsches Reich.
* Warum ist Posadowsky als Staatssekretär gefallen? Die Antwort auf die oft gestellte Frage hat der volksparteiliche Reichstagsabg. Storz auf einer Versammlung in Heidenheim gegeben, indem er sagte: Posadowsky habe vollständig unter dem Einfluß des Zentrums gestanden und sei deswegen gefallen! — Daß Posodowsky vollständig unter dem Einfluß des Zentrums stand, ist zwar eine Unwahrheit, aber wertvoll ist das Geständnis des Abg. Storz, daß Posadowsky das Opfer des Blocks geloefen ist. Dieses Eingeständnis ist um so interessanter, als derselbe Block immer noch über das Zentrum herfällt, weil es nicht helfen wollte, in Speyer-Ludwigshafen eben diesem Block ein neues Mandat zuzuschanzen. Man muß nur staunen über die politische Wandlungsfähigkeit de^ Blocks, der Posadowsky zuerst stürzte und ihm dann ein Mandat antrug.
*** Tie Frikdensklänge, die jüngst der Abg. Hieb er dein Evangelischen Bunde in Württemberg entlocken wollte, werden von den Leitern desselben wenig gnädig aufgenommen. Der Bundesdirektor Everling äußerte sich in gleicher Angelegenheit zu Zweibrücken in der Pfalz am 13. September wie folgt:
„Unser Feind ist Rom; es ist der Urfeind der Freiheit, Wahrheit und Liebe (!), der Urfeind jenes Geistes, den Dr. Martin Luther so freudig begrüßt hat. Darüber täuschen nn? leine noch so milden und versöhnlich sein sollenden Worte der Väter der Gefell» chaft Jesu hinweg. Nicht von Versöhnlichkeit und Takt, auch nicht von Haß und Dreinschlagen hat Jesus Christus geredet, sondern sein Wort lautete: Fürchte dich nicht, glaube nur! Das soll die Fackel fein, die dem Evangelischen Bund vorausleuchtet bei der Arbeit. Alle seine Arbeit hat nur Wert, wenn sein letztes Ziel ist, Glauben und Zuversicht zu fördern. Wir sehen, wie sich viele bekehren von Rom, und wir hören, wie ie verzweifelt rufen: Wir haben kein Leben, denn wir haben keine Freiheit. Sie rufen uns zu, und wahrlich, re sollen nicht vergeblich rufen. Wecken wir ihren Glauben und mehren ivir ihn; dann stehen wir auf der Seite der Macht, die siegt. Darum, Evangelischer Bund, fürchte dich nicht; Evangelischer Bund, glaube nur! . . . Wohl hört man vielfach sagen, ein frommer evangelischer Christ stehe einem frommen katholischen Christen viel näher, als einem freisinnigen Protestanten, und es wäre viel richtiger, einen Zusammenschluß aller christlichen Gläubigen gegenüber dem Unglauben her- beizufnhren. Gewiß mag das mitunter zuti essen. Aber wer wirkliche Lebensbeziehungen zu katholischen Mitbürgern gehabt hat, der wird bisweilen den Eindruck bekommen haben: hier ist eine andere Welt! Und tat- sächlich ist dem so. In Wirklichkeit gehören eben doch
Der Lchah von P e r J i e n hat sich bei seinen Maßnahmen gegen die nordwestliche Hauptstadt Täbris verrechnet. Die großen Kämpfe, die dort wochenlang gewütet haben, hatten mit einer Art Waffenstillstand geendet. Tie Unabhämsigkeits- parter hatte sich eine gute Position gesoffen aber sie unternahm nichts, was das Land Hütte schädigen können. Trotzdem glaubte der Schab offenbar getrieben von russischen Ratgebern, eine Bestrafung durchführen zu müssen. 'Er machte daher einiges Geld flüssig, und dann rüstete er neben den verschiedensten raubsüchtigeit Banden auch kleinere Truppenteile aus, die er von der Hauptstadt Teheran nach Täbris entsandte. Der T^^f der Dinge hat ihn nun unangenehm enttäuscht; seine Macht ist gründlich geschlagen wör- gen und es blieb ihm nichts anderes übrig als bte in kluger Berechnung so weit hinausgeschobene Einberufung de? neuen Parlaments schon für den nächsten Monat erfolgen zu lassen, um Mittel und Wege zu beschaffen, wie man stärkere Maßnahmen gegen die Aufrührer treffen könne.
Im Präsidentschafts-Wahlkampf in Ame- i k a werfen sich die Herren Bryan und Roose-
Unpotttlsche Zeitkäufe.
(::) Berlin, 1. Oktober 1908.
(Nachdruck verboten.)
S)er Reihe nach bekommt jeder Wagehals feinen Nackenschlag: Unfall des Groß'fchen Luftballons, Brand des Zeppelin'fchen Luftschiffes, Unfall des Parseval'schen Ballons, Absturz der Wright'schert Flugmaschine in Nordamerika Und nun das gräßliche Unglück auf der Berliner Hochbahn, auf dem vielgepriesenen Gleisdreieck. Da Dird man erinnert an das Wort Schillers: „Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand." Der Dichter mag ja das Recht haben, sich die Elemente als tückische mißgünstige Kobolde vorzustellen. In Wirklichkeit sind die Elemente von solchen Schwächen und Bosheiten frei; sie gehen vielmehr mit überlegener Ruhe ihres Westes gemäß den ehernen Naturgesetzen, gleich euiem Kraftwagen, der die Landstraße entlang ront- Wer und was ihm im Wege steht, wird zer- malmt; wer rechtzeitig ausweicht, wird geschont, und wer 'ich auf den Wagen hinaufzuschwingen weiß, der tarnt mitfahren und kann sogar wenn er — d" notige Kraft und Kunst hat, den Wagen lenken. Beim Aufspringen kann man zu Fall kommen„nd bei den Lenkversuchen kann man in den Graben geraten; das liegt eben nicht an dem Haß der Elemente, sondern an der eigenen Unae- ^chicktheit und Unvorsichtigkeit. Lehrgeld, schweres Lehrgeld an Gut und Blut.
Der Unfall wirkt um so erschütternder je mehr man vorher mit seiner Weisheit und seinen Küu. sten geprahlt hat. Auch das Berliner Gleisdreieck war so ent Prunk- und Prachtstück. Es wurde be- orgelt tote em Weltwunder. Und war doch im Grunde ß/nemmen nur eine kümmerliche, zusam- niengequetschte Weichenanlage, eingekeilt zwischen dem Damm der Staatsbahn, Straßenzügen und Fabriken, auf der wegen Raummangels die Züae m recht scharfen Kurven laufen müssen Dasein- ztg neue und gute an dem Dreieck war die Her-
I stellung von drei Brücken, durch welche jene drei Punkte, an denen sich sonst Meise kreuzweise durch- | schnitten hätten, unschädlich gemacht wurden. Aber die andern gefährlichen Piinkte, wo ein Gleis sich in zwei spaltet oder zwei Gleise in eins zusam- menlaufen, waren auf dem berühmten Gleisdreieck nicht besser versorgt, als auf den andern Bahnen. Ja, eigentlich noch schlechter versorgt. Dann hier lagen (und liegen leider noch) die Weichen imd die Haltesignale wegen des beschränkten Ran- mes ganz eng zufannnen. und durch Zwischenbauten ist die Aussicht versperrt. Und dabei eine Zugfolge von je fünf Minuten, sodaß bei pünktlichem Verkehr ein Zwischenraum von nur 2 bis 3 Minuten für die auf dasselbe Gleis einmünden. den Züge bleibt, bei der geringsten Verspätung aber ein gleichzeitiges Eintreffen an dem Ein-1 müirdungspunkie zu erwarten ist. Natürlich sind I kleine Verspätungen unvermeidlich; wenn das Aus- und Einsteigen der Reisenden wegen ihrer großen Zahl oder ihrer Unbehilflichkeit estvas langsam vor sich geht, so ist bald eine halbe oder ganze Minute verloren, und bei drei oder vier Stationen summiert sich das gleich zu ein paar Muttsten. Ter Zugfiihrer will keinen Anschnauzer haben und sucht also das Versäumte durch größere Schnelligkeit einzuholen. In diesem Drange nach Beschleimtgung übersieht er leicht ein Signal Oder ein anderer Zugführer hat feine fahrplanmäßige Zeit innegehalten; er weiß also, daß sein Zug an der Stelle ist, wo er fein follte, und er setzt voraus, daß der progrcunmäßige Weg für ihn frei ist. Da er schon stundenlang auf derselben Strecke hin- und hergefahren ist, wird er gleich- giftig und schcilrig; unversehens ist er über das Signal hinaus.
Und so ein Augenblicks-Versehen eines übermüdeten oder abgelenkten Menschen führt sofort eine entsetzlichste Katastrophe herbei. Denn auf diesem berühmten Gleisdreieck ist gegen das Zusammenfahren an der Vereinigungsstelle zweier Gleise kein anderes Mittel vorgesehen, als das Haltesignal. Zwölfmal in jeder Stunde hängt an
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