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M 928.
Fulda, Sanlststsi den 3. Oktober 1908.
Iahrqana.
Drittes Wteltt.
• Uniform ärrderrmgerr
in der deutschen Armee.
Von sachverständiger Seite wird der „Allgem- Armce-Korresp." geschrieben:
Ter russisch-japanische Krieg hat mit überzeugender Deutlichkeit dargetan, daß die scharf hcr- vortretenden Farben der militärischen Bekleidung, namentlich alle blinkenden Metallteile höchst verderbliche Ziele bieten. Früher umhüllte der blaugraue Pulverdampf die beiderseitigen Gefechtslinien, sodaß die Bekleidungsfrage ziemlich gleichgültig war. Das ist heute durch das rauchlose Pulver völlig anders geworden.
Man hat sich allenthalben die Lehren des Krie- ges in Ostasien zunutze gemacht und mindestens . Versuche auf diesem Gebiete angestellt. Wir kön- neu einiges über unsere deutschen Maßregeln mitteilen. Für die Infanterie ist eine graue Uniform in Anfertigung begriffen. Der Helm wird mit dem bekannten schilffarbigen Ucberzuge bedeckt. Die Uniform soll einen lose sitzenden Rock mit Umschlagkragen besitzen: blanke Knöpfe fehlen, statt ihrer sind die Knöpfe bronziert. Die Beinkleider sind ebenfalls von grauer Farbe. Das L e d e r z e u g soll naturbraune Farbe erhalten- Nimmt man dazu, daß Kochgeschirr, Spaten, Gewehr dunkel gehalten sind, so wird man zugeben, daß alles geschehen rst, um die Infanterie so farblos und so wenig hervortretend wie nur irgend möglich zu machen. Die neue Bekleidung liegt bereits für die Mchr- zahl der Truppen auf den Kammern; natürlich vorläufig nur als Kriegsbestand, denn es wird noch Jahre dauern, bis die blauen Röcke aufgetra- gen sind. Auch die Offiziersbekleidung soll in der neuen Farbe vorrätig gehalten werden.
Besonders schwierig ist die Frage der Feldbe- kleidung bei der Kavallerie. Bekanntlich hängt jedes Reiterregiment an seiner bunten Uniform; ia man hat geglaubt, daß recht auffällige Unterschiede notwendig sein würden, damit zum Beispiel nach einem großen Reiterkampf die Ordnung unter den Massen dadurch schnell hergestellt wird, daß sich die Regimenter beim Sammeln schon durch die verschiedenen Uniformen unterscheiden. Aber dieser Gesichtspunkt isr offenbar nebensächlich. Er verschwindet- vor der drirmen- dcn Forderung, daß man dem Feinde die Mög- lrchkeit nehmen muß, schon auf sehr weite Entfernungen die so sehr verschiedenartigen Unifor- formen der Reiterei zu unterscheiden und aus ödr Anwesenheit bestimmter Regimenter sichere Schlüsse auf die Zusammensetzung der Kräfte zu ziehen. Noch wichtiger ist aber der Umstand, daß man dem Feinde die Patrouillen überhaupt möglichst unsichtbar, machen sollte- Schließlich ist zu bedenken, daß die Kavallerie jetzt und künftig vielleicht noch mehr im Fußgefecbt kämpft- Erkennt dann der Feind Weiße Kürassiere, rote Husaren, hellblaue Tragoner usw., so wird er schnell seine Schlüsse ziehen. Anders liegt aber die Sache, wenn die Kavallerieuniform derjenigen der Infanterie so ähnlich ist, daß der Gegner lange oder überhaupt bis zuletzt im unklaren bleibt, ob er Kavallerie oder Infanterie vor sich hat. Diese Erwägung hat zur Entscheidung geführt, die gesamte Reiterei (vielleicht mit Ausnahme der graugrünen Jäger zu Pferde) ebenfalls mit grauen Uniformen auszustatten, wobei die Kopfbedeckung den Ueberzug erhält. Die verschiedenen Arten der Reiterei (Kürasiiere, Tra- goner, Ulanen usw.) behalten ihren Uniformschnitt, ein Zugeständnis, das man der Ueberlie-
3in Krug „zum goldene» Löwen". Mach einer wahren Begebenheit erzählt von Edith von Claar.
(Nachdruck verboten.!
Ich war siebzehn Jahre alt und die älteste von zehn Geschwistern. Wir alle gediehen in der kräftigsten Luft der nordwestdeutschen Ebene prächtig. Mein Vater hatte von einem reichen Nachbar, Herrn Soeren, einen kleinen Hof gepachtet. Dieser Herr Soeren war der reichste Mann in dec Gemeinde, hatte viel Grundbesitz, der in musterhafter Ordnung war. Er hatte nur ein Kind, einen Sohn namens Heinrich, der all- gevnein füv einen hübschen und verständigen jungen Mann galt und nicht halb io geldstolz war, wie sein Vater.
Eines Tages kam Herr Soeren, der uns viel Wohltaten erzeigte, zu meinen Eltern und sagte, dlaß bei einer ihm verwandten Witwe, Frau Hasse, Besitzerin des Kruges zum goldenen Löwen, eine Stelle für ein wohlerzogenes Mädchen zur Unterstützung der Hausfrau offen sei. Ta es nun meinem Vater schwer genug fiel, seine große Familie zu ernähren, so war er wohl zufrieden, mich unterzubringen und nahm das Anerbieten an.
Dies war allerdings nicht der einzige Grund für ihn, mich fortzuschicken. Der junge Heinrich Soeren liebte mich und ich erwiderte seine Neigung aufrichtig. Der alte Soeren aber wollte von einer Heirat mit der armen Pächterstochter nichts misten und auch meine Eltern besaßen Selbstge'sich genug, um unter solchen Umständen meine Wahl zu mißbilligen. Es half nichts: unter vielen Tränen mußte ich Heinrich den Ring zurückgeben, wir aber schwuren uns ewige Treue. —
Bald war ich in meinem neuen Wirkungs- kreise angclangt und es gefiel mir dort auf- richtig gesagt, ganz gut. Die Wirtschaft war in sauberster Ordnung und es verkehrten und
ferung gemacht hat. Die neue Felduniform wird versuchsweise getragen. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Lanzenflaggen im Felde gerollt werden. Die Reiterei erhält jetzt einen neuenKarabiner, entsprechend dem Gewehr 98, mit Visierung auf 2000 Meter. Die Patro- nenausrllstung soll auf 75 Stück vermehrt und am Mann selbst getragen werden. Vermutlich wird man sich dazu entschließen, die Schußwaffe auf dem Rücken des Reiters anzubringen, damit sie im Bedarfsfälle schneller zur Hand ist.
Tie Artillerie wird mit der Zeit ebenfalls feldgraue Uniformen erhalten- Bemerkenswert ist, daß die Bewaffnung der gesamten Feldartillerie mit dem Karabiner 88, den die Reiterei abgibt, erfolgen wird. Hierdurch wird eine wünschenswerte Selbständigkeit der Feldartillerie erlangt.
Die Frage: Säbel oder kurzes Seitengewehr bei der Kavallerie ist noch immer nicht entschieden. Der augenblickliche Stand der Angelegenheit ist folgender: Bei vier Kavallerieregimentern der deutschen Armee finden auf Anordnung des Kriegsministeriums Versuche statt mit einem verkürzten Seitengewehr, das sich auf den Karabiner aufpflanzen läßt. Die Anregung zu diesen Versuchen dürfte aus der Erfahrung des russisch-japanischen Krieges herrühren, daß die Kavallerie mit einer wirksameren Waffe zum Fußgefecht ausgerüstet sein muß. Bekanntlich führen die russischen Dragonerregimenter nicht den kurzen Karabiner, sondern ein Gewehr mit langem Lauf, auf den sich das dazu gehörige , Seitengewehr aufpflanzen läßt. Eine Entscheidung darüber, ob in der deutschen Armee an Stelle des Säbels das Seitengewehr treten soll, rst noch nicht gefallen, und erst die augenblicklich stattfindenden Versuche werden eine Klärung bringen.
Deutsches Reich
X Der Blaustift des Schatzsekretärs.
Nach einer Meldung, die offenbar auf den Reichsschatzsekretär selbst zmückgeht, hat dasReichs- postamt an der Etatsaufstellung der Heeresverwaltung für 1909/10 Abstriche von 50 Prozent der Mehrforderungen vorgenommen. Das ist eine sehr intereffante Meldung. Welch ein Geschrei würde entstanden sein, wenn nicht der Schatzsekretär, sondern erst der Reichstag so unbarmherzig gewesen wäre! Mangel an Patriotismus wäre der geringste Vorwurf gewesen, den man in die Welt hmausgeschleudert hätte; die „nationale- Preffe aber würde Auflösung des Reichstages und Appel an die Wähler verlangt haben. Nun weiß man ja noch nicht, wie hoch die Forderungen der Militärverwaltung gewesen sind; sie scheinen aber einen außerordentlichen Betrag erreicht zu haben, rvenn wirklich bet Schatz- sekrelär die volle Hälfte gestrichen hat. Es ist von jeher unsere Meinung gewesen, was jetzt das Berl. Tagebl. empfiehlt, daß der Reichstag diesem Beispiel folgen und jede Neuforderung auf ihre Unentbehrlichkeit genau prüfen sollte. Es gibt viel Positionen im Etat, wo mehr als gegenwärtig gespart werden könnte. So wenig man es wagt, dem Schatzsekretär Mangel an Patriotismus vor- zuwerfen, wenn er 50 Prozent der Neuforderungen streicht, so sollten sich auch die Abgeordneten über diesen Borwurf erhaben fühlen, 'wenn sie auch ihrerseits den Blaustift zur Hand nehmen. Es gibt r.cht viel Forderungen, deren Bewilligung keine Lebensbedingung für das deutsche Heer ist. Sie muffen unter allen Umständen den Rück
logierten dort viele Fremde, unter andern auch vornehme Herren, wenn sie in der nahen Umgegend dem Waidmannsvergnügen oblagen. Und alle waren mit Frau Hasse und ihrer Verpflegung außerordentlich zufrieden. Frau Hasse war eine hohe, magere Frau von vornehmen Allüren, mit einem kalten und strengen Blick, der unwillkürlich Respekt einflößte.
Ihre Geschichte, die uns Herr Soeren im Vertrauen mitaeteilt hatte, war traurig und merk- würdig zugleich. Sie war die Tochter eines Krug- Wirts und hatte einen reichen Landwirt geheiratet. Ihr Mann starb früh und hinterließ ihr eine einzige Tochter. Inzwischen blieb sie auf dem Gute, -essen Verwaltung sie selbst leitete; es ging ihr gut und ihr Wohlstand mehrte sich mit jedem Jahre. Die Tochter wuchs auf, wurde ein schönes Mädchen und war der Mutter Stolz und Freude. Allein in der Folge sah sie sich in ein Liebesverhältnis mit dem Sohne eines Edelmannes verwickelt, der sie entführte, ohne die Erlaubnis seiner Eltern oder der Mutter des Mädchens zur Verbindung erhalten zu haben.
Das Pärchen blieb verschollen. Frau Haffe veräußerte, von Gram gebeugt, ihr Eigentum, zog fort aus jener Gegend und kaufte sich den Goldenen Löwen. Hier, wo niemand ihre Ge- schichte wußte, konnte sie ja im Frieden leben, und hier hatte sie lange Fahre gewirtschaftet.
Der Sommer und der Herbst schwanden dahin und der November kam mit seinen kurzen, traurigen Tagen. Ich war jetzt vollkommen heimisch in dem Hause, welches trotz seiner altertümlichen Einrichtung beguem und angenehm war. Frmr Haffe hatte mich lieb gewonnen und liefe mir bald den Vorzug zu teil werden, in ihrem im ersten Stock gelegenen Privatzimmer den Tee in ihrer Gesellschaft einzunehmen. Das Zimmer barg einen Wandschrank, in dem alles Mögliche aufgespeichert war, Gewürze und Essenzen, altes chinesisches Porzellan und neben diesen Kostbarkeiten wieder Fleckwasser, Pulver, um Motten zu vertreiben, und ein Rattengift, welches, wie mir
sichten auf die finanzielle Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes geopfert werden. Die Behauptungen der Militärverwaltung und ihrer Vertreter über die Notwendigkeit einer Forderung können niemals ausschlaggebend sein, sie sind meist der Einseitigkeit verdächtig.
* Neueste Bismarck • Anekdoten. Der Münchener StaatZrechlsgelehrte Heinrich Ritter von Posch in ger hat schon manchen stattlichen Band über Bismarck geschrieben. Aber immer neue Erinnerungen an den Alten von Friedrrchs- ruh sollen ihm ein. Sein Gedächtnis scheint unerschöpflich zu bleiben. Soeben veröffentlicht Poschinger in der Halbmonatsschrift »Neue Revue' einen kleinen Strauß neuester Bismarckanekdoten, die ihm in den neunziger Jahren Geheimrat Tiedemann, Bismarcks Faktotum, der mehrjährige Chef der Reichskanzlei und spätere Regierungspräsident, mügeteilt hat. Bezeichnend für Bis- marcks Pessimismus, der stets an den schlimmsten Grund oder Ausgang einer Sache dachte und sich für alle Fälle bis an die Zähne bewaffnete, ist folgender Vorgang aus dem Jahre 1878:
.Als das zweite (Nobilingsche) Attentat auf den Kaiser Wilhelm ausgeübt wurde, war Tiedemann mit Bismarck und seinem ältesten Sohne in Friedrichsruh Als sie vom Spazierritte nach Hause kamen, standen die Damen schon da, winkten Tredemann und teilten ihm mit, daß von verschiedenen Seiten (zuerst von Bleichröder, Geh. Rat von Lauer, Graf Lehndorffi Telegramme wegen des Attentates eingelaufen seien. Tiedemann trat dann vor: „Durchlaucht, unangenehme Nachrichten aus Berlin" usw., usw. Bismarck blieb flehen, steckte den Stock in die Erde und sagte, sofort die polittsche Konsequenz bet Untat ziehend: „Da werden wir den Reichstag auflösen, morgen fahren wir nach Berlin." Auf der Fahrt dahin wurden auf allen Stationen die übertriebensten Hiobsbotschasten in den Zug hinemgebracht, sodaß Bismarck, in Berlm angekommen, zu Tiedemann sagte: „Nun fahren Eie sofort zu Kamele lKriegsminister) und sehen Sie zu, ob alle Borüchtemabregeln getroffen sind." Kamele sagte, er brauche nur auf den Knopf zu drücken, so rückten von allen Seiten die Truppen in Berlin ein, von Potsdam, Spandau, Rathenow, selbst von Stettin mit Caprwi, der allein ein Armeekorps aufwiege."
Also den Reichstag wollte er zerschlagen, der eiserne Kanzler, der in Nobilings Freveltat ein Symptom des Heranwachsenden Sozialismus, und nicht was es wirklich nur war, das Werk eines irregeleiteten Einzelnen sah.
* Protestantisch-kirchliche Zustände in Bremen, lieber dreies Kapitel findet sich in den ,Reform- bläUem' folgendes scharfe Urteil, das um so bemerkenswerter ist, als es aus der Feder eines freisinnigen Pastors in Zürich stammt:
Die kirchlichen Verhältnisse in Bremen sind zerfahren. wie nur irgendwie auf dem Kontinent unter den Protestanten durch eine dis zum tlnsinn übertriebene Freiheit. Da gibt es einig« Prediger, welche die Kanzel Sonntag für Sonntag mißbrauchen, um gegen Kirche und Religion loszuffehen. Einer, der behauptet hak, Christus habe nie existiert, ist gestorben; aber es gibt hier noch eine große Nein- Gemeinde, die sein Andenken festhält. Em moderner Prediger kann frivol werden bis zu der Behauptung: „Ich foll heute von Johannes dem Täufer reden, aber der ist mir noch nicht vorgestellt." Dann sprach der Herr über einen Spruch Goethes, als ob dieser ihm je vorgestellt worden wäre. Das ist roher Hebet» mut und Haschen nach Beifall von feiten des Kirchenpöbels. Em dritter preist auf der Kanzel die Monisten als die echten Lichtfreuude. Unsere Freunde, die Ber- lr eter beifreien Christentums, müssen machtlos diesen übermütigen Raditalismus gewädren lassen. Es ist nichts toll und frech genug, das nicht seine jubelnden Zuhörer fände, besonders unter den Weibern.
Wäre das nicht ein dankbarer Wirkungskreis für protestantische „Evangelisatoren"? Warum
Frau Hasse erzählte, von so furchtbarer Wirkung war, dafe, wenn eine Ratte davon genossen hatte, sogar auch alle die andern flohen und nie mehr zurückkehrten. Es hatte mit dem bekannten roten Paprikapfeffer viel Aehnlichkeit, von dem auch eine Dofe in dem Schrank Vorhemden war. Das alles zaigte mir Frau Hasse gelegentlich und ich empfand dies als besonderen Beweis ihres Vertrauens.
An einem dunklen, wolkigen Tage, wie sie gewöhnlich um Martini sind, saß ich am Küchen- fenster und nähte. Frau Hasse satz oben in ihrer eigenen Stube und machte ihre Rechnungen in Ordnung, denn es war Montag nachmittags. Da hörte ich Hufschlag vor dem Hause, und als ich hinausblickte, nahten sich zwei Reiter, ein feiner Herr in Begleitung eines Dieners. Sie sahen aus, als wenn sie weit gereist wären und auszu» ruhen beabsichtigten.
Als der Herr vom Pferde sfteg, bemerkte ich, daß er ein hübscher, wohlgewachsener Mann von ungefähr 35 Jahren war. Er hatte ein sehr mildes und gutmütiges Gesicht und sah aus, als ob er mit der ganzen Welt wohl zufrieden wäre. Er kam zur Tür herein, als ob er hier vollkommen zu Hause sei, und fragte mich freunb- lich und höflich, ob Madame Haffe hier wohne, und ob er und sein Bedienter ein Mittagessen haben könnten. Die erste Frage äußerte er in einem gedämpften Tone, die andere hingegen sehr laut, und bevor ich antworten konnte, kam Frau Haffe herunter. Nach der Art und Weise zu urteilen, mit welcher sie ihn betrachtet, war er ihr gänzlich fremd. Es kam mir vor, wie wenn der Fremde sie zuerst sehr aufmerksam anblickte, und als er mit sich selbst ins Reine gekommen zu sein schien, wiederholte er seine Frage nach dem Mittageffen und fügte hinzu, daß er in der Gegend unbekannt sei, aber so vieles Gut von dem goldenen Löwen gehört habe, dafe er Lust bekomiiien, hier einzukehren.
Ich hafte nie gesehen, dafe Frau Haffe einen Gast mit soviel Ehrerbietung und Zuvorkommen»
in die Ferne schweifen? Hier ist doch so viel zu tun!
** Cochem, 1. Oft. 1908. Den öffentliche Versammlungen des ZentrnmsparteitageS für die Regierungsbezirke Trier und Koblenz, über die wir schon berichteten, folgten in C o ch e m vertrauliche Beratungen. Aus Berichten rheinischer Blätter tragen wir darüber folgendes nach: Abg. Trimborn berichtete über die lediglich gegen daS Zentrum gerichtete Agitationsweise der sog. Deutschen Vereinigung, die bis 1911 eS zu einer geschlossenen Organisation zu bringen hoffe, um dann mit deren Hilfe überall offen gegen daS Zentrum vorzugehen. Aus verschiedenen Kreisen wurde berichtet, daß die Drangsalierungen der aus den politisierenden Kreis- Kriegerverbänden ausgeschiedenen unpo lit is chen Kriegervereine unentwegt fortgesetzt würden. Abg. Marx ersuchte, alle Fälle aus der Politik der Nadelstiche in durchaus einwandfreier und genauer Darstellung nicht nur der Presse, sondern auch den Abgeordneten milzuteilen. Auch die Partei habe allen Anlaß, jeden Versuch, die Politik in die Kriegervereine zu bringen, zurück- zuweffen. Von anderer Seite wurde empfohlen, auf daS Organ des Kriegerverbandes, ,Die Parole^ ein wachsamrSAuge zu haben. Dieses angeblich unpolitische Blatt mache stark in Politik. Nachdem es früher gegen Sozialdemokraten, Polen, Dänen und Welfen zu Felde gezogen sei, bekämpfe eS jetzt auch das Zentrum. Man solle dem Blatte jedesmal auf die Finger klopfen, je fester, desto bester. Aussehen erregte die Mitteilung eines Delegierten, daß versucht werde, nicht nur in die Kriegervereine, sondern auch in die aktive Arme die Politik btneinzutragen. Auf dem Truppenübungsplätze Elsenborn habe beim Unterricht der Offiziersaspiranten der Jnstruttionsosfizier sich etwa folgendermaßen geäußert: Wenn Sie demnächst Reserveosfizier sind und Sie ju einer Wahl schreiten, dann dürfen Sie keine Stimme der Sozialdemokratie geben, auch nicht dem Zentrum; diese- ist zurzeit regierungsfeidlicher als die Sozialdemokratie. Abg. Trimborn er- tlärte, daß dieser Fall im Reichstag vorgebracht werden wüste. So unerfreulich die gemachten Mitteilungen seien, so erfreulich sei es, wahrzunehmen, daß die Bevölkerung aufzuwachen beginne. Man laste sich nicht mehr alles bieten, man wehre sich gegen Zumutungen, die der Ueberzeugung widersprächen. Den Geistlichen wurde empfohlen, in geeigneter Weise gegen die Praxis verschiedener Regierungen vorzugehen, den Vorsitz iw Schulvorstande nicht dem geistlichen Schulinspektor, sondern dem Bürgermeister zu übertragen.
* Dresden, 2. Ott. 1908. DaS Zustande" kommen des Wahlkompromisses in Sach» sen ist aufS neue zweifelhaft geworden, weil die Nationalliberalen eine neuerdings vorgeschlagene Wahlkreis-Einteilung abgelehnt haben.
X Serbien in bangen Stunden.
Um den königlichen Konak in Belgrad schweben die Schatten der Erumerungen, der Rachegeister. Tie Gebeine des ermordeten König- Alexander und seiner Lebensgesährtrn Draga Malschin rauben dem neuen König Peter die Ruhe. Selbst für febr harte Naturen bilden Throne, an denen noch das frische Blut des SBon
heit empfangen hatte. Sich verneigend, führt- . sie ihn in die Gaststube, rief den Stallknecht und befahl ihm, dem Diener bei den Pferden zu helfen, erkundigte sich, was der Herr zu speisen wünsche, und machte sich dann selbst daran, das Effen zuzurichten.
Mein erster Gedanke war, sie habe entdeckt, daß er diese oder jene vornehme Person sei, die inkognito reife, und ich ewartete fast, daß sie d mir mitteilen würde, denn sie pflegte sonst, wenn wir allein waren, vertraulich zu werden, aber diesmal ging sie hinaus und machte die Mahlzeit zurecht, ohne ein Wort zu fogln, und mit einem wunderbar starren Ausdruck im Gesicht, den ich nicht verstand, der aber bewirkte, daß ich sie nicht anzureden wagte.
Ich legte meine Arbeit weg und stand auf, um die Aalsuppe zu kochen, eines von den Gerichten, wegen welcher daS Haus berühmt war, und mit dessen Zubereitung man mich zu meiner großen Freude in der letzten Zeit betraut hatte. Aber heute sollte ich die Erlaubnis nicht haben.
„Nein Marie," sagte Frau Hasse, „bleibe Du nur bei Deiner Arbeit; was Du nähst, ist pressant, die Suppe will ich schon selber machen."
. Ich sing wieder an zu nähen und wunderte mich, wer der Herr Wohl sein könne, und was es denn mit der Wirtin fei. Als ich zufällig aufblickte, gewahrte ich, dafe sie nicht mehr in der Küche, sondern in ihre Stube hinaufgegangen war. Einen Augenblick darauf kam sie mit einer Düte zurück, deren Inhalt sie in die Suppe schüttete und dann das Papier ins Feuer warf.
„Das ist der rote Pfeffer, der wird der Supp« einen guten Geschmack geben", sagte sie, indem sie einen ßöffd voll davon nahm und tat, als wenn sie davon kostete: aber sie kostete die Suppe nicht. Ich fuhr noch ein paar Minuten fort zu nähen, obgleich es mir kalt über den Rücken lief. Dann sprang ich auf und stieß den Suppenkessel um. Ich werde es nie erklären können, was mich zu dieser Tat antrieb, aber ich hatte ein Gefühl, als wenn es mir jemand befohlen hätte, und ohne