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LarS Schütte;

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W

Fulda, Freitag den 2. Oktober 1908.

M 227.

35. Jahrgang.

Kleines Feuilleton.

— TaS Mauövertelegramm der.höheren Töchter*. 1 Führend aüe Schulen Jenas am 22. und 23. ds. 1 tts. frei hatten, damit die Schüler den Truppen- tkvungen auf dem historischen Schlachtfelde beiwohnen könnten, wurde den Schülerinnen der höheren Töchter­schule, wie der „T. R* mitgeteilt wird, bedeutet, daß sie auf Urlaub nicht rechnen sollten, da das Manöver kein genügender Anlaß sei, um den Unterricht einer „höheren Tochter" zu unterbrecherr. Da die jungen Damen darüber anderer Ansicht waren, griffen sie zur Selbsthilfe und telegraphierten an den Großherzog um Bewilligung eines freien Manövertages. Statt des erbetenen Urlaubs kam eine Verfügung des Ministeriums, die Absenderinnen des Telegramms zu ermitteln und ihnen ob ihres eigenmächtigen Vorgehens einen Verweis zu erteilen. — Der Großherzog hat sich also den Kaiser nickt zum Muster genommen, der neulich für die Gym­nasiasten in Osnabrück sofort Urlaub anordnete, als hiess ihn darum antelegraphierten.

i — Das Barvermögeu der Welt. Nach einer jüngsten Statistik, die die „Nature* veröffentlicht, soll das Barvermögen der Well den Betrag von 732 Milliarden erreichen. Weitaus der größte Teil hiervon ist Eigentum der großen Staaten: an erster Stelle steht Großbrllannien mit 130 Milliarden; es folgen die Vereinigten Staaten mit 110 und Frank­reich mit 100; Deutschland steht mit 76 an vierter Stelle. Dann folgen in erheblichem Abstand Ruß­land mit etwa 25, Oesterreich mit 22, Jalien mit 12 und die anderen Staaten mit immer keiner werdenden Summen.

— Nene Untersuchungen über den Rausch der- vffentlicht Eduard Reiß in den „Physiologischen Arbeiten". Der Verfasser hatte Gelegenheit, lLrinker zu untersuchen, die für einen oder meh­rere Lage in einer Klinik untergebracht waren. Das von ihm bearbeitete Material umfaßt 72

Iwertes

# Die wirtschaftlichen und fozialen Borteile des Hausgartens.

Auf der Düsseldorfer Katholikenversammlung wurde unter den sozialen Aufgaben der deutschen Katholiken neben deren Betätigung beim Ausbau der sozialen Gesetzgebung, bei der genossenschaftli- chen Selbsthilfe auch die Mitwirkung auf dem Ge- biete der Wohlfahrtspflege hervorgeho­ben. Von diesem weitverzweigten Gebiete soll hier eine Frage berührt werden, die trotz ihrer Wich­tigkeit bisher zweifelsohne nicht genügende Be­achtung gefunden hat. Es ist das die Frage nach dem Wert des Hausgartens sowohl in wirtschaftli­cher als besonders in sozialer Hinsicht.

Ein Hausgarten ist bekanntlich ein meist in der Nähe des Hauses gelegenes, regelmäßig klei­neres Grundstück, das durch Mauer, Zaun oder Hecke eingefriedigt ist und hauptsächlich zur An­pflanzung von Nutz- und Zierpflanzen dient, die entweder zur eigenen Verwertung im Haushalte, zur eigenen Liebhaberei herangezogen, oder die als Ware auf den Markt gebracht werden. Die Be­rechtigung, ja Notwendigkeit zur Anlage von Hausgärten besteht ebensosehr, vielleicht gar in erhöhtem Maße, für die Stadt wie für das Land.

Ein Hausgarten bringt die verschiedensten Vor­teile. Er liefert, und zwar mit geringen Kosten, für den eigenen Haushalt Gemüse, Obst und Würzkräuter. Es erfährt damit der häusliche Tisch eine Bereicherung an wohlschmeckenden und nahr­haften Speisen, die ebensosehr zum allgemeinen Wohlbefinden als auch insbesondere zur Gesund­erhaltung des Körpers beitragen. Nichts ist auf die Dauer schädlicher als einseitige Kost. Die Barmittel, die bisher etwa zur Beschaffung dieser Naturprodukte verausgabt wurden, können dabei andeweitig in irgendeiner Form zur Steigerung der Lebenshaltung dienen. Indirekt wird zudem beim Vorhandensein eines Hausgartens das In­teresse am Kochen gefördert. Wo so wie hier alle Rohstoffe uns in ausreichender Menge zuwachsen, da bildet sich von selbst das Bestreben, auch Ge­brauch davon zu machen, sie kunstgerecht zuzube­reiten oder für den Winter durch Einmachen, Dörren oder Einschlagen zu erhalten. Des wei­tern bietet der Garten durch die Verkaufsmög­lichkeit der im Ueberfluß gedeihenden Erzeugnisse eine unter Umständen reichfließende Ein­nahmequelle, die der Familie recht zugute kommt. Neben den Gemüse- und Obstsorten kom- men hier auch die Blumen in Betrertht. Aber auch zu nützliche!! und lohnenden Nebenbetri e- b en bietet der Hausgarten Gelegenheit. Das abgängige Grünzeug findet zur Fütterung einer Kuh, einer Ziege oder einiger Kaninchen zweck­mäßige Verwendung. Gerade das Halten von großen Fleischkaninchen (18—20 Psd.) ist als sehr einfach, billig und gewinnbringend nicht genug zu empfehlen. Hier können wir von Belgien und Frankreich noch vieles lernen. Im Nebenbetrieb recht rentabel ift. mitunter auch die Bienen- zucht. Die heimische Wachs- und Honigproduk- tion ist, tote unsere Einfuhr lehrt, zur Bedarfs­deckung bei weitem nicht ausreichend, und durfte schätzungsweise die Anlage von 1 Million Stöcke noch lohnend sein.

Von nicht geringer Bedeutung sind die imma­teriellen Vorteile des Hausgartens. Der Haus- garten erzieht zunächst zur Häuslichkeit. Dem vom einseitigen Tagestoerk ermüdeten und überanstrengten Familienvater bietet der Garten in ab lenkender und ausgleichender Betätigung die beste Erholung. Körper und Geist finden hier zusagende Arbeit, und damit kehrt Wohlbefinden und Zufriedenheit wieder. Bald wird der Haus­herr den Nutzen feines Gartens zu würdigen wis­

sen und es verlernen, die wenigen Freistunden regelmäßig in der dumpfigen Wirtsstube zu ver­geuden. Durch diese Sinnesänderung werden aber nicht nur viel unnütze Ausgaben für schädliche Ge- nüsse erspart, sondern es wird, was noch wichti­ger, eine allgemeine Vertiefung des Familienle­bens angebahnt. Dos Verhältnis zwischen Mann und Frau wird ein innigeres, wie denn auch vor allein die Ausbildung der Kinder eine sehr günstige Beeinflussung erfährt. Die Garten­arbeit erhält gesund und kräftigt den jungen Kör­per, sie gewöhnt an geregelte Tätigkeit und er­zieht zur Wirtschaftlichkeit, zum praktischen San­bein, zur Geschicklichkeit und zur Ordnung. Sie lehrt uns Fertigkeiten und entwickelt in unsFähig- keiten, die fürs ganze Leben Bedeutung haben können. Dazu wird auch der gute Geschmack im Kinde geweckt und gebildet. Der stete Verkehr mit den Formen und Farben der Pflanzenwelt regt das eigene Kunstempfinden mächtig an, das sich vielleicht in der Anlage eines Blumenbeet- chens oder in der Zusammenstellung eines Blü­tenstraußes seine erste Betätigung sucht. Ferner wird die Beobachtungsgabe in einer Weise ge­schärft, wie es kein Schulunterricht je zustande bringen könnte. Jede Bewegung und Verände­rung in der Natur gibt zu denken, das keimende Samenkorn wie das welkende Blatt, der pfeifende Star wie die suchende Biene. Zu alledem kommt die Durchbildung des Gemütes, das Verständnis des Mitempfindens für alles Lebende, die erste Vorstufe gemeinsinnigen Fühlens, des Mitleids und der Nächstenliebe. Aber auch Bewunderung und Dankbarkeit werden im Kinderherzen wach, Dankbarkeit gegen den Schöpfer all des Schönen und Guten. So erzieht denn schließlich der Hausgarten auch zur Religiösität.

Jeder daher, der in der Lage ist, freie Verfü­gung über eine wohlgelegene Landparzelle zu ge­winnen, sollte die Gelegenheit zur Anlage eines Hausgartens keinesfalls versäumen. Alle Kosten und Mühen machen sich vielfach bezahlt.

Deutsches Reich.

(*) Beiträge zur Geschichte des 13. Dez. 1906 veröffentlicht der Abg. Erzberger in den letzten Nummern der Zeitschrift ,Der Morgen". Sie enthalten eine Menge authentischen Materials. Aus den Schlußbemerkungen teilen wir folgen­des mit:

„Staatssekretär Graf Posadowsky hat am 23. Februar 1907 im Reichstage erklärt, daß „solche Dinge sich psychologisch tiefer entwickeln". Der Herr Reichskanzler sei der Ansicht gewesen, daß die Ablehnung jener militärischen Forderung bei der gegenwärtigen politischen Lage allerdings eine solche war, die für unsere Stellung auch nach außen hin höchst bedenklich erschien und deshalb eine große nationale Schwerkraft besaß. DaS sei der Grund gewesen, warum der Reichs­kanzler dem Kaiser und dem Bundesrat die Auf. löfung des Reichstages vorgeschlagen habe. Mit keinem Worte hat aber der Reichskanzler diesen Grund selbst angegeben — vor der Auf­lösung ; noch weniger hat er privatim einem Zentrumsabgeordneten hiervon Mitteilung ge- macht; denn eine durchschlagende Begründung dieser Ansicht hätte zu einer Verständigung ge­führt. Aber die Dinge lagen tatsächlich' „psycho­logisch tiefet". Fürst Bülow sollte an seiner betätigten Zentrumssreundlichkeit sterben. Um sich im Amte zu erhalten, vollzog er die Schwenkung; so hat es mir ein amtierender Staatsmann versichert. Nicht alle machten sie mit; im preußischen Staatsministerium stieß er

Fälle, die er im Lause von 9 Monaten gesammelt hat. Er gab den Patienten einfache Rechenauf- gaben und stellte fest, baß bei Multiplikations­aufgaben im Rausche 18 Prozent falsch gemacht würben gegen 6 Prozent Fehler im nüchternen Zustanbe, bei ber Addition und Subtraktion tour- ben im Rausche 48 Prozent ber Aufgaben falsch gerechnet und im nüchternen Zustande nur 22 Prozent. Man legte ben Kranken ferner eine einfache Geschichte vor, bei ber einzelne Worte toeggelaffen waren und nun aus bem Zusammen­hang ergänzt werben sollten. Von ben 373 aus­gelassenen Worten würben im Rausch 15,3 Proz. nicht erraten, von ben nüchternen Patienten 5,4 Prozent. Sinnlos eingefügt würben int ersten Falle 28,8 Proz, im letzten nur 10,5 Proz. Ein unablässiges Schwanken ber Aufmerksamkeit fand bei fast allen Kranken statt. Eigentümlicher­weise würben bie sogenannten Dynamometerver­suche, jahrmarktähnliche Kraftproben, von erreg­ten Kranken im Rausch bebeutenb besser aus ge­führt, als im normalen Zustanbe. Im allge­meinen kommt ber Verfasser zu bem Schluß, baß jebe Alkoholvergiftung einer mehr ober weniger schweren geistigen Erkrankung gleichzusetzen ist.

— Remfall. Der energische junge Mann: ,®lauben Sie mir, Fräulein Else, dieses ruhige, einförmige Leben ist mir bis in den Tod zuwider! Ich wünsche mir ein Dasein voll Gefahren, Auf­regungen und Abenteuern!" Sie (verschämt): „Sprechen Sie doch mit Mama.*

— Von Himburg nach New-Heck. Gatte (wäh­rend stürmischer Uebersahrt zu seiner Frau): „Du wirst ja still und blaß, Luise?* Gattin: „O, Heinrich, mir ist da? Herz so volll* Gatte: „Dann nimm dich nur zusammen; wem das Herz voll ist, dem lauft der Mund über!*

— Ganz antik. »Ist denn dieser Stuhl wirklich antik?* — „Aber selbstverständlich. Als ich ihn kaufte, war er so wurmstichig, daß ich vom Tischler eine neue Lehne, einen neuen Sitz und drei neue Beine machen lasten mußte.*

auf Widerspruch; die Annahme, als sei Graf Posadowsky der einzige gewesen, der opponierte, ist falsch. Ebenso falsch ist die Behauptung, daß Graf Posadowsky wiederholt nach der Auf. löfung Zentrumsabgeordneten gegenüber von der „Torheit" der Auslösung gesprochen hätte, er sprach nur einmal mit einem Zentrumsabgeord- neten und teilte in diesem Gespräche die An­schauung, die auch der Reichskanzler damals hatte, daß die Sozialdemokraten nicht geschwächt werden würden. Fürst Bülow hoffte aus eine geschwächte Zentrumsfraktion, obwohl er noch am Abende der Reichstagsauflösung dem Zentrum mitteilen ließ, er werde den Wahl- kampf nicht gegen das Zentrum führen, den amtlichen Wahlapparat nicht gegen dad Zentrum spielen laffen. Als er am 15. Dezember 1906 den Wahlaufruf des Zentrums las, konnte er wissen, wie man hier diese neueste Rück- Versicherung gegen einen schlechten Wahlausfall aufnahm, denn er fand die Sätze:

„Die Enffcheidung über die Bewilligung der Aus­gaben des Reiches steht dem Reichstag in eigener Ber- antroottung zu, wie es die Verfassung gewährleistet. Die Aeußerung des Reichskanzlers, die Parteien des Reichstages trügen keine Berantwottung, sie könnten Forderungen annehmen oder ablehnen, bekundet eine Auffaffuna, die, dem fürstlichen AbsoluttSmus vergan­gener Jahrhunderte angehörend, von den Beamten eineS modernen, konstitutionellen Staatswesens nicht vertteten werden sollte. Die Auflösung des Reichs­tages ist nach unserer Ueberzeugung tut Angriff auf besten Stellung als selbständigen, in eigener Verant­wortung handelnden gleichberechtigten FattorS der Gesetzgebung. Nicht die Kommandogewalt deS Kaisers, sondern das Budgetrecht des Reichstages bildet hier den Gegenstand des Streites. Jeder von unS hat daS Recht, für die verfaffungsmäßigen Rechte der Volks­vertretung etnzustehen; seien wir dieS am Tage der Wahl eingedenk.*

Das war die Antwort der Zentrums l Jede Spur von Vertrauen war verschwunden; hatte doch der Reichskanzler noch am 11. Dezember 1906 dem Reichstagspräsidenten Grafen Balle- strem auf die Frage Über die Richtig­keit der Gerüchte von der Reichstags- auflöfung geantwortet: Er denke nicht daran! Kundige versichern mir, daß er in jenem Augenblicke bereits die Zustim­mung deS Bundesrates zur Auflöfung besaß und ebenso die Zustimmung deS Kaisers, wenn auch daS Bückeburger Dekret erst das Datum deS 13. Dezember 1906 trug. Fürst Bülow hatte an diesem Tage dem Redner des Zentrums den Rücken gekehrt, dessen Rede gar nicht beachtet und sich mit seiner Umgebung unterhalten; er ließ auch keine 8. Lesung zu, wie es stets früher üblich war. Er mußte auf­lösen, um sich selbst im Amte zu halten. Der ganze Wahlkampf drehte sich um die Erhaltung der Existenz deS ersten Reichsbeamten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat man vor keinem Mittel gescheut. DaS Zentrum zieht steilich nur Gewinn aus diesem Vorkommnis; der „Hafer der Opposition" bekommt ihm gut, wie alle Wahlen seither beweisen. Die Partei konsolidiert sich; wenn Treibholz abgeht, ist es kein Schaden. Das gesunde und berechtigte Mißtrauen gegen die Regierung schützt jetzt die Partei auf, ein Menschenalter hinaus vor knochenerweichendem Gouvernementalismus; hätte die Periode 1900 bis 1906 noch ein Jahrzehnt gedauert, dann wäre der Mauerfraß dem Zentrumsturm ver­derblich geworden; wir hätten den „Schwamm" im Hause gehabt; heute ist die Gefahr total be­seitigt, und wie konnte das Zmtrum hoffnungs­voller in die Zukunft blicken, als jetzt — vor der Reichsfinanzreform und drei Jahre vor den Wahlen!"

* Paritätisches. Der Kreis Steinsurt (Westfalen) hat rund 80 000 Einwohner. Davon sind rund 69000 Katholiken, 9500 Protestanten und 600 Juden. Dieser Kreis hat einen evan­gelischen Sanbrat, die beiden Kreissekretäre sind evangelisch, der Kreisausschußaffistent katholisch der Kreistierarzt evangelisch, der Kreisbaumeister evangelisch, der Kreiswiefenbaumeister evangelisch, von 5 auf dem Landralsamte angestellten Hilfs­kräften 1 katholisch und 4 evangelisch, der KreiS- bote ist evangelisch. Der Rendant der Kreis- sparkaffe und der Gegenbuchführer sind evan­gelisch. Von den beiden Kreisbauinspektoren ist einer katholisch und einer evangelisch. Also von siebzehn Beamten in dem zu Vs katholischen Kreise sind 14 evangelisch und 3 katholisch. In der Stadt Burgsteinfurt (3000 Protestanten und 2000 Katholiken) ist von den zwei Polizei­beamten 1 katholisch und — von den 2 Nacht­wächtern auch einer katholisch! Insgesamt sind von 21 städtischen Beamten ganze 2 katholisch! — Nun sage einer, daß bei Anstellung von Be­amten die Katholiken nicht übergangen werden!

vermischter.

* Im geplatzten Luftballon. Zu dem Luft­ballonunfall in Düfselborf, über den wir kürzlich berichteten, sind noch folgenbe Einzelhei­ten naö^utragen: Der Ballon „Düsseldorf II" mit zwei Insassen war unter Führung des Hauptmanns v. Abercron um 5% Uhr aufgestie­gen unb in östlicher Richtung fortgezogen. In etwa 1000 Meter Höhe drehte er sich bann mehr nach Osten. Es sollte bei dieser Probefahrt eine neue Erfindung ausprobiert wevden. der söge-

nannte Gassack. Es ist dies eine Vorrichtung, in ber das GaS, das sich beim Steigen bekannt­lich ausbehnt unb ausströmt, aufgefangen wirb. Der Gassack ist in ber Höhe des Ballonkorbes an­gebracht. Die Erfindung funktionierte aber nicht ganz beftiebigenb. Da nun ber Ballon schnell stieg unb ein starker Druck entstaub, beabsichtigte Hauptmann v. Abercron, ben Gassack abzubinden ober abzuschneiben. Er war gerabe im Begriff, diesen Griff ouszuführen, als ber Ballon in etwa 2000 Meter Höhe infolge bes starken Gas- bruckeS platzte. Es kam nun für bie In­sassen darauf an, ben Ballon durch vorsichtige Ballastausgabe zur Erbe zu bringen, so baß er wie ein Fallschirm wirkte unb sich so langsam wie möglich senkte. Das gelang ausge­zeichnet. Der Ballon senkte sich ruhig, bis er etwa 150 Meter über ber Erde war. Dann wur­den noch iy2 Zentner Sand unb das Schleppseil aus geworfen unb mit nur ganz geringem Auf­prall ging „Düsseldorf II" auf einem Felde in der Nähe der Irrenanstalt Grafenberg nieder, so daß die beiden Insassen ohne jeden Schaben blieben.

* „Protestantische Kultur". Auf einer Ver­sammlung des Evangelischen Bunbes in Chem­nitz sollte Oberpfarrer Dr. Költzsch eine Rebe ge­halten haben, in ber bie Erfindung des Grafen Zeppelin als jüngster Kul- turfieg unb als ein Erfolg bes Prote­stantismus hingestellt würbe. Nach einer Be­richtigung, bie Dr. Költzsch an eine Reihe von Zeitungen gesandt hat, will er etwa folgendes ausgeführt haben: „Die moderne Kultur atmet protestantischen Geist, deshalb sagen wir Evange­lischen einem engen Winkelchristentum ab, das im Unglück Zeppelins eine Strafe des Himmels sieht, aber auch einer Kulturfeligkeit, bie ben Himmel entbehren zu können meint. Glaube und Kultur gehören zusammen. Die Kultur ist bie Tochter des Glaubens, wie denn auch Gras Zeppelin ein demütig frommer Mann ist." Dazu bemerkt selbst die „Köln. Ztg.": Wenn Glaube unb Kul­tur zusammengehören sollen, wenn die Kultur eine Tochter des Glaubens ist und wenn unsere moderne Kultur protestantischen Geist atmet, dann liegt doch der Schluß nahe, daß die Kultur­tat des Grasen Zeppelin ziemlich unverblümt dem Protestantismus gutgeschrieben werden muß, zumal des Grafen demütige Frömmigkeit mit ge­nannt wird. Das ist eine konfessionelle Uebct- hebung, bie auf falscher Grundlage beruht unb den Frieden stört, weil sie die Katholiken zu Un­recht von der nationalen Kulturgemeinschaft aus- schließt..

* Ei« Reiterstück. Beim Rennen in Dresden kam das Pferd „Wer weiß" zu Fall und sein Rei­ter Cuda brach das linke Schlüsselbein. Trotzdem stieg er wieder in den Sattel und beendete das Rennen siegreich.

* Neue Flüge Wilbur Wrights. Ans dem Ma- noverfeld bei Le Mans hat Wilbur Wright am Montag wiederum sehr beachtenswerte Flüge ausgeführt. Beim ersten Aufstieg blieb er trotz Ziemlich starken Windes eine Stunde fiebert Mi­nuten in ber Luft unb länbete, weil bas zur Schmierung des Motors erforderliche Oel aus- ging. Später unternahm Wright mit bem Aero- nauten Paul Tissanbier an Borb seines Appara-' tes einen zweiten Aufstieg unb flog, bisweilen^ eine Höhe von 35 Meter erreichenb, 11 Minuten 35% Sekunben lang, was einen Weltrekord für einen Flug mit zwei Personen barftetit. Dem Berichterstatter eines englischen Blattes gegenüber bat sich Wilbur Wright über bie Zukunft der Flugmaschine geäußert. „Meine Ueberzeugung ist, sagte er, „daß in der Entwicklung des AeroplanS die Dinge genau so verlaufen werben wie bei dem Siegeszug ber Dampfmaschine und des Automo- bils. Die Gesetze des Fluges find jetzt praktisch ergrunbet unb bie Zukunft wird bie gewonnenen Grundsätze nur wenig verändern. Anderseits aber wnd zweifellos die Flugmaschine wesentliche Um­wandlungen und Verbesserungen erfahren, genau tote es bei den Lokomotiven geschah, die in den letzten 50 Jahren wunderbare Fortschritte ge­macht haben und doch bie alten Grundsätze nicht verleugnen. Nach meuter Ansicht ist die wissen­schaftliche Grenze der Ausnutzung ber Motorkraft [o gut wie erreicht. Ich glaube nicht, baß es je- mals möglich fein toinö, mit einer gegebenen Pferbekraft ein größeres Gewicht zu heben als letzt. Schon die nächsten Jahre werben bie At­mosphäre in ber Umgebung der großen Städte von zahlreichen vereinfachten, sehr leichten und sehr schnellen Flugmaschinen bevölkert finden. Die Flugmaschine wird bie Luft erobern, wie die Ei­senbahn bie Erdoberfläche erobert hat." Wilbur Wright beabsichtigt, wenn er seine Verpflichtungen gegen Lazare-Weiller erfüllt hat, gemeinsam mit fernem Bruber Orville um ben von ber Londoner Daily Mail ausgesetzten 200 000 ^il-Preis sich zu bewerben; es handelt sich dabei um einen Flug von London bis Manchester, bei bem nur zwei kurze Landungen zur Ausnahme neuen Heizungs- Materials für den Motor zulässig sind.

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