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M 227.

Fulda, Freitag den 2. Oktober 1908.

35. Jahrgang.

Grstes Wtcrtt.

a Flottenverein unv Flotten» Vermehrung.

Noch ist der Floltenverein von Parteihader durchwühlt, und schon ist das neue Präsidium mit einem Arbeitsprogramm an den Verein herangetreten. Das Programm hat nicht bloß im Jnlande, sondern auch im Auslande einige Ueberraschung hervorgerufen. Besonder- in Eng. land wird die Forderung, die deutsche Krieg-, flotte und die Besatzung über das neue Flotten­gesetz hinaus zu erhöhen, sehr unfreundlich empfunden.

Das Programm enthält zwei Forderungen: Zunächst sollen die sechs noch vorhandenen, wenn auch meistenteils nicht mehr als Kreuzer ver. wendeten sogenannten geschützten Kreuzer einige Jahre früher, als die Novelle von 1906 vorsteht, durch vollwertige Panzerkreuzer er» setzt werden. Außerdem fordert das Programm eine Vermehrung des Mannschaft-- b e st a n d e s.

Zuzugeben ist, daß die geschützten Kreuzer keine vollwertigen Kriegsschiffe mehr sind; aber das berechtigt den Floltenverein noch keineswegs, so exorbitante Forderungen zu stellen, wie er eS tut Wenn sein Verlangen erfüllt werden soll, dann wird es notwendig sein, daß die Flotte alle paar Jahre von Grund auf neu ausgebaut würde, sodaß bei der jetzigen Dauer des Schiffs, baues ununterbrochen die Hälfte der Flotte auf Stapel läge. Wer ein sieht, daß das nicht mög­lich ist, der wird auch nicht Bedangen können, daß diesem Treiben der Flottenvereinsleule Folge gegeben werde. DaS, was der Flottenverein verlangt, geht ganz erheblich hinaus über die letzte Flottennovelle, in der bekanntlich ein Ver> tellungsplan für Schiffsbauten bis zum Jahre 1917 enthalten ist.

Nach dem Verteilungsplan erscheint bis 1911 überhaupt kein großer Kreuzer auf der Liste. Wenn jetzt der Flottenverein die sechs geschützten Kreuzer auS der Liste der großen Kreuzer streichen und tunlichst bald durch moderne Panzerkreuzer ersetzen will, so geht er damit erheblich über die kaum in Kraft getretene Flottennovelle hinaus. Man darf wohl darauf Hinweisen, daß eS sich hierbei um eine Forderung von mindestens 200 Millionen handelt.

Stoch mehr fällt finanziell die Forderung inS Gewicht, für die Reserveflotte elf neue Stämme — das heißt die halbe Schiffsbesatzung aktiver Mannschaften für Schlachtschiffe — zu bilden, sowie ein weiteres Schlachtschiff in Dienst zu stellen. Es würde sich dabei um 4 bis 5000 Offiziere und Mannschaften handeln, die über den Etat hinaus eingestellt werden müßten. Das bedeutet eine Vermehrung des Personals um zehn Prozent. Finanziell läßt sich diese Ver« mehrung nicht so ohne weiteres in Zahlen auS- drücken, weil die Angaben zu dunkel sind. Aber was will man entgegnen, wenn die englische Presse behauptet, daß man schon jetzt seitens der Regierung auf größere Geldbeschaffungen hm- arbeite, um sich für die diesen Plänen ent* springende neue Flottenvorlage zu rüsten?

Dem Flottenverein steht eS schlecht an, gerade jetzt, wo sich vaS Reich in einer großen Finanz- misere befindet, und wo noch nicht einmal die

Mittel gefunden sind, es auS dieser Misere zu befreien, mit solchen Forderungen zu kommen. Nur um die dringendsten Bedürfnisse deS Reiches decken zu können, bekommen die breiten Massen des Volkes schon eine so große Mehrbelastung aufgebürdet, daß ein weiteres Anziehen der Steuer- schraube für einen Ausbau der Flotte, der vom Reichs«Marineamt bisher nicht al- notwendig anerkannt worden ist, den lebhaftesten Unwillen im ganzen Volke Hervorrufen müßte.

Angesicht- der Stellung, die Großadmiral Köster, der neue Präsident des Flottenvereins, in der deutschen Marine einnimmt, darf man die Sache nicht auf die leichte Achsel nehmen. Köster weiß ganz genau, wolür er die Zustimmung der Regierung finden wird.

Deutscher Reich.

** Kaiser und Papst. Wie e- heißt, will der Kaiser' dem Papst auS Anlaß seines goldenen Priesterjubiläums seine Glückwünsche in einem kaiserlichen Handschreiben zum Ausdruck bringen. Der Oberprästdent der Rheinprovinz v. Schor, lemer»Lieser, so wird berichtet, soll dieses Handschreiben im Auftrage des Kaisers nach Rom überbringen.

* DaS Abschiedsgesuch des Prinzen Bern­hard zur Lippe ist unter dem 29. d. M. unter gleichzeitiger Zustellung eines „allerhöchsten freundlichen Handschreibens* an den Fürsten Leopold genehmigt worden.

* Dem Generalfeldmarschall von Hahnke sind zu seinem gestrigen 75jährigen Geburtstag zahlreiche Glückwünsche zugegangen. Der Kaiser fügte seinem Glückwunschtelegramm ein Ange­binde in Gestalt einer goldenen Karaffe hinzu, auch der Kronprinz ließ ein Geschenk überreichen.

— Mit der Sparsamkeit in der Verwaltung deS Reiche- und Preußen soll diesmal ganz be­stimmt Ernst gemacht werden. Die,Berl. Pol. Nachr/ deS Herrn Schweinburg, die zu des seligen Miquel Zeiten die intimsten Beziehungen zum Finanzministerium hatten und auch jetzt noch bisweilen haben, versichern ausdrücklich, daß der jetzige Anlauf nicht wie die früheren int Sand verlaufen oder in den Akten stecken bleiben wird. Zum Zeichen, daß eS diesmal wirklich der Wirt- tchaft au- dem vollen Geldsack an Kopf und Kragen gehen soll, „ist bereits die Einsetzung einer Kommission aus Vertretern aller Zweite der preußischen Verwaltung verfügt und mit ihrer Leitung der Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern, Holtz, betraut worden." Diese Kommission hat die Aufgabe, zu prüfen, „nicht ob, sondern wie die Verwaltung aller ReffortS vereinfacht und modernisiert und damit auch sparsamer eingerichtet werden kann, und die danach sich ergebenden Maßnahmen vorzuschlagen." Vielfach werde dabei die Organisation und Ein- richtung der Eiscnbahnverwaltung zum Muster dienen können. Da aber seit der Reorganisation dieser Verwaltung im Jahre 1895 nahezu ein halbe- Menschenalter verflossen sei, so würden auch für diese Verwaltung selbst und sür die anderen Berwaltungszweige wertvolle neue Er­fahrungen gemacht worden sein. — Wenn schon eine SparsamkeitSkommisflon niedergesetzt ist, dann kann eS nicht fehl gehen. Ehe wir uns aber allzu rosigen Hoffnungen hingeben, wollen

wir lieber abwarten, waS der Geheime und Wirk- liche Geheime BureaukratismuS zutage fördert.

* Der Reichsverbanb gegen die Sozialde­mokratie besitzt die Naivität, seine Zirkulare und Aufforderungen zum Beitritt wieder an eine Reihe von Z entrumsanhängern zu schicken. Zur Charakteristik diese« Verbandes genügt es mitzuteilen, daß an seiner Spitze der be—rühmte General v. Siebert steht, der unlängst in seiner sogenannten patriotischen Rede den Tag von Sedan als den Sieg de- Protestantismus über den Ultramontismus d. h. die katholische Kirche feierte. Derselbe Herr und der Verband in seinem Gefolge waren bei den letzten Reichstags- wählen die schärfsten Gegner deS Zentrums, das sie einfach mit Sozialdemokraten in einen Tops warfen. Und diesen Leuten sollen wir unser gute- Geld in den Schoß werfen zur Agitation gegen unsere Parteigrundsätze? Man darf eS sich füglich verbitten für so — stockdumm ge­halten zu werden.

* DaS ostasiatische Ablösungskommando in Stärke von 7 Offizieren und 58 Mann ist Mitt­woch nachmittag in Eydtkuhnen anzekommm, nachdem eS unterwegs in Sibirien und Rußland eine Menge von Ansprachen und Festessen zu Überstehen gehabt hat. Major Thümmel vom Kriegsministerium hieß die Truppen willkommen. — Die Rückkehr deS Ablösungskommandos legt die Frage nahe: Warum wird die gesamte Expedition nicht zurückgezogen? Die Expedition kostet uns jährlich mit den Pensionen über 7 Mill. M k., andere Staaten haben ihre Soldaten entweder ganz zurückgezogen oder erheblich vermindert; nur Deutschland hält noch eine größere Zahl von Soldaten in China, ob­wohl wir schon tn Kiautschou über 2200 Mann liegen haben. Warum fängt Herr Sydow nicht hier mit der Sparsamkeit an?

* Die Einschränkung der Konkurrenzklausel steht bevor. Diese Klausel bedroht bekanntlich diejenigen- Angestellten mit Strafe, welche die Geschäftsgeheimnisse eines früheren Prinzipals einem späteren preisgeben oder die bei einem Konkurrenten vor Ablauf einer verein­barten Frist in Stellung treten. Der neue Ge­setzentwurf soll im November dem Bundesrat zugehen und im Januar an den Reichstag ge­langen. Der Inhalt deS Gesetzes steht noch nicht fest.

---- Die Berliner „Genossen" haben am Mittwoch abend in 22 großen Versammlungen die süddeutschen Budgetbewilliger noch gründlicher heruntergemacht, als das schon in Nürnberg geschehen war. Man beschloß überall eine Resolution, in der es heißt: „Die Versamm­lung erwartet, daß unsere süddeutschen Genossen jenen falschen Freunden, die als Theoretiker aus bürgerlichen Kreisen zu unS kommen und uns „praktische Resormarbeit" predigen wollen, die Türe weisen und den Klaffenkampfcharakter der Partei nach wie vor Hochbalten."

(*) Ein kräftiger Schlag ins Wasser! Trotz des antipolnischen Enteignungsgesetzes fleigen die Preise von Grund und Boden im Osten weiter. So kosttte vor einigen Jahren das Gut Kegelmühl bei Filehne 190000 Mark, fünf Jahre später brachte eS 800 000 Mark; wenige Monate später schnellte der Preis auf 850000 Mark empor; jetzt hat der bekannte Pole.Biedermann für das Gut 410 000 Mark bezahlt. — Die Wttagesche Wirtschaft in Boleslaw bei Bnesen

kostete vor drei Jahren 16000 Mark; jetzt brachte sie den doppelten Preis. — Das Gut Szerzawy, welches vor einem halben Jahre 50000 Mark gekostet hat, kostet jetzt 75000 Mk.

t Bon der Rentabilität der Kleinsiede­lungen in Deutsch-Südwestafrika ist vor Jahren eine Zeitlang viel Wesens gemacht worden. Man glaubte sogar, Südwest im Gegen­satz zu den anderen afrikanischen Schutzgebieten im wesentlichen zu einer Bauernkolonie um» gestalten zu können. Indessen bewiesen bald die Erfahrungen das Trügerische dieser Hoffnung, und das Urteil der alten, erfahrenen Farmer über die Existenzberechtigung von Kleinsiedelungen in Deutsch-Südwestafrika war geradezu ver­nichtend. Man hatte, wie der ,Köln. Ztg/ von ihrem Kolonialmitarbeiter geschrieben wird, diesen, den dortigen Verhältnissen nicht entsprechenden wirtschaftlichen Bestrebungen den Spitznamen „Radieschenpolitik- gegeben. Auch der Staatssekretär Dem bürg hat auf seiner süd« westaftikcmischen Reise, jedensalls in voller lieber» einstimmung mit dem Gouverneur v. Schuck- mann, die Ansicht gewonnen, daß im allgemeinen nur der landwirtschaftliche Großbetrieb dort angebracht ist. Er führte, nach der .Deutsch» Südwestafr. Ztg/, in einer am 21. August itt Swakopmund gehaltenen Rede aus:

„Deutsch-Südweltafrika ist ein Land der extensiven Wirtschaft, die nur auf sehr großen Flächen pro­duzieren kann, und in dem der einzelne eines großen . Grundbesitzes bedarf, um das Nötige für sich und fern« Familie zu erwerben."

Also mit den Kleinsiedelungen ist es nichts! Danach ist die Erwartung, Südwest werde in nennenswertem Umfange daS Ziel der deutschen ackerbautreibenden Auswanderer sein, völlig hin- sällig geworden.

* Meiningen, 1. Oft. 1908. Wie der Mei­ninger Oberkirchenrat jetzt mitteilt, beruht die Bezeichnung der Landeskirche als luthe­risch lediglich auf einem Versehen im For­mulardruck, dessen Richtigstellung jetzt erfolgt ist. Der Meininger Kirchenkonflikt, der wegen diese- Versehens entstanden ist, ist also dadurch erledigt.

Ausland.

* Der deuffch-franzöfifche Streit auS Anlaß der Prügeleien in Casablanca hat noch immer nicht seine Erledigung gefunden. In Frankreich ist man bestrebt, eine neue Begründung für die Behauptung zu finden, daß der Kanzler bei deutschen Konsulates in Casablanca und sein marokkanischer Gehilfe den Streit verschuldet hätten, Man erklärt nämlich, die Fremdenlegion sei fran­zösisch, die in ihr dienenden Ausländer hätten durch den Eintritt in die Fremdenlegion ihre Landsmannschaft aufgegeben und wären daher gänzlich in der Gewalt der Franzosen. Die diplomatischen Verhandlungen dauern einstweilen noch an.

* Die französischen Freimaurer sind in Paris zu ihrem Jahreskongreß zusammengetreten, der in größter Heimlichkeit stattstndet. Gs müflen danach im geheimen finstere Pläne entworfen werden, die daS Licht deS Tage- nicht vertragen. Immerhin sickert doch etwa- über die neuen Pläne der Loge durch. Sie hat Angst vor der Gegenstimmung, die gegen da- Zerstörungswerk der Machthaber von heute eingesetzt hat. Eine

Kymitr, öexr Kosak.

Von Marcel Etienne.

21] (Nachdruck verboten.)

„Worum es sich handelt, ist folgendes: Wir erwarten, vielleicht heute abend noch, sehr vor­nehme und einflußreiche Gäste, die, ohne daß ich weiß, aus welchem Grunde, unferm Herrn einen Besuch abstatteu wollen. Sie kommen von sehr weit her, von Kiew. Alle diese mächtigen Mag­naten sind, so Viel habe ich erraten, daran, irgend ein. Komplott zu schmieden. Ich muß wissen, wo­rum es sich handelt. Es kann sich mir vielleicht, ohne daß jemand ahnt, die Gelegenheit bieten, daran teil zu nehmen, Moszek! Uh werde einen Teil Dir — Diener und Treiber bei Dir — in Deiner Schänke einquartieren. Du wirft Dir alle Mühe geben, sie zum Plaudern zu bringen, hörst Du? Dafür gibt es kein besseres Mittel, als das Trinken! Spare darum, mein Freund, weder Bier noch Wein, weder Hydromel noch Wisky. Da Du, es für mich tust, so weißt Du auch, daß Du keinen Schaden haben wirstI"

„Eure Befehle, Herr, sollen ausgeführt wer­den! Und morgen in aller Frühe bin ich schon hier, wenn es Euch recht ist, um zu erzählen, was ich hörte!"

„Ja, es ist gut so! Jetzt ober geh' nach Hause, Moszek, ich habe noch zu arbeiten!"

Diesen Befehl beantwortete der Schänkwirt nur mit einem tiefen Bückling; dann zog er sich fiut gesenktem Kopf und über die Brust gekreuz­ten Armen rücklings gegen die Türe zurück und verharrte in dieser demütigen Stellung, so lange

Auge de- gefürchteten Verwalters auf sich fühlte.

Kaum hatte er das Gemach jedoch verlassen, als Skandyba, der sich bisher bemeiftert hatte, erregt von seinem Stuhle aufsprang. Er schlug so wütend mit seiner derben Faust auf den Tisch, oaß die Flasche zu tanzen begann und die Glä-1

fer klirrend einander stießen. Dann schritt er mit gekreuzten Armen und großen Schritten im Zimmer auf und ab.

„Da- ist zu viel!" rief er. „Noch ein Feind mehr! Und wer ist dieser Feind? Ein ver­dammter Knecht, ein Kosak, ein Hundesohn, der es wagt, sich gegen mich zu stellen, von mir zu sprechen, al- ob er mein Herr wäre! Ah! der Elende! — Und der Wahnsinnige! Weiß er es denn nicht, daß ich fünfzig solche wie ihn ver- Nichten, unter meinen Füßen zertreten kann? Daß mir dazu nicht ein, sondern hundert Mittel zu Gebote stehen? Fronarbeit, Kerker, Rute, — die Knute sogar! Es wäre wahrhaftig nicht übel, daß solch ein Elender, solch ein nichtswür­diger Teufel es wagte, sich mir in den Weg zu stellen und denkt, mich aufhalten zu können!"

Plötzlich hielt der Intendant, unter dessen eisenbeschlagenen Stiefeln der Fußboden knarrte, in feinem wütenden Hin- und Wiederrennen inne; von irgend einem Gedanken erfaßt schlug er sich an die Stirne und starrte vor sich'hin:

„Ich fürchte nur, daß es jemanden geben wird, der es mir sehr schwer macht, mich dieses Bur­schen zu entledigen. Und dieser jemand ist, — meiner Treu — niemand anders als die Staro­stin selbst k Woher kommt es nur, daß sie für die- fen Kosaken so warm Partei ergreift? — Ah bah! Wer kann es wissen? ... Die Weiber sind zu allem fähig! .... Besonders diese großen Da­men, die weiß sind wie Engel und zart wie Für- stinneni ... Die freilich ist auch stolz wie eine Königin. Würdigt sie mich jemals eines Blickes? Sie scheint mich nicht einmal zu sehen! — Und ich, der ich in ihrer Nähe lebe und doch so fern von ihr, — so weltenfern! Ich tobe gegen meine eigene Schwäche, mich von solch einem Gefühl übermannen zu lassen! — Ich bin wahrhaftig ein Feigling und ein Wahnsinniger! Denn ich mag noch so sehr meine Achseln zucken, meine Ko­peken und die vielen, Rollen mit den glänzenden @olbnibetn zählen, ich kann doch niemals die begehrliche Stimme zum Schweigen bringen, die

ich in mir selber höre: „Skandyba," sagt mir diese Stimme, „Du bist noch nicht reich, — Du bist kein Edelman», denn Dein Vater war ein elender Krämer . . . Und dennoch, wenn Tu die Wahl hättest unter allen Würden und Ehren Deines Herrn, — wenn Du Dir seinen kostbarsten Schatz und fein schönstes Gut nehmen dürftest, — Du würdest, Du Unglückseliger, — von allen seinen Reichtümern das Schönste nehmen: sein Weib!"

Indem er so zu sich selber sprach, stützte der Intendant seine Arme schwer auf den Tisch, liefe den Kopf auf die Brust hängen und starrte mit finfterm Blick, aus welchem ein Gemisch von Gier, Neid. Traurigkeit und Verzweiflung sprach, vor sich hin. Tann richtete er sich plötzlich gerade in die Höhe; feine kleinen, stechenden Augen, auS denen eine versteckte Flamme sprach, begannen zu funkeln. Er öffnete die Lippen, um sein Selbst­gespräch fortzusetzen, als ein leichtes und diskre­tes Klopfen an der Tür ihn daran hinderte und den Ausdruck feiner Züge im Augenblick verän­derte. Sein Blick ward wiederum kalt und ruhig, seine Stirne heiter; mit sorgloser Miene wandte er sich dem Eintretenden zu: „Herein!"

Diesnral erschien auf der Schwelle kein gro­ßer und kräftiger Schänkwirt, sondern ein arm­seliges, schwäch!ick-es, etwas verwachsenes Indi­viduum, im faltigen Beinkleid und der kurzen grauen Ecamarka des Feldaufsehers; doch ver­riet sein ganzes Wesen viel mehr die servile Aengstlichkeit, bie Inferiorität des Bauern, als den Stolz und die beinahe herrenmäßige Leich­tigkeit des Auftretens einer solchen Amtsperson.

„Ah, Du! DaS ist gut! Bist Du endlich ge­kommen mein braver Jurek?" sagte Skandyba, indem er sich wieder vor seinem Schreibtisch nie- berliefe und dem Eingetretenen durch einen Wink bedeutete, sich gleichfalls zu sehen. „Was bringst Du neues! Hast Du mir nichts zu berichten?"

, «Ja gewiß! Aber es ist nichts neues! Das heißt es ist was neues, wenn Ihr wollt. — Aber mit diesen Spitzbuben ist ei immer das Alte,

immer die gleiche Geschichte. Ich will Euch aber mit drei Worten sagen, worum es sich handelt. Ihr wißt, Herr, daß ich draußen tm Vorwerk, in meinem kleinen Hause, einen ehrlichen und star­ken Burschen brauche, um mir das Feuer anzu- zünden, meine Pelze zu reinigen, meine Stiefel zu putzen! Nicefor, den ich seit sechs Monaten hatte, ist ein fauler Schlingel, der das Feuer aus- uud mein Haus drunter und drüber gehen läßt und mir überdies meinen Branntwein, meinen Kirschengeist und meinen Wisky trinkt. Um ihn los zu werden, gab ich ihn einem Hauptmann deS Regiments von Toula, das großen Mangel an Soldaten hat. An seiner Stelle nahm ich einen der braven Burschen aus dem Dorfe, — Marek, Ihr kennt ihn wohl? Den Sohn der Witwe Te- ttana!"

„Gut gemacht, Jurek! Rur sage mir, Wa­ich dabei tun solle?"

„WaS Ihr dabei tun sollt? Dieser Räuber hat beschlossen, mir nicht zu dienen, da er sagt, die Arbeit seiner Arme sei feiner alten Mutter unentbehrlich! Sagt, daß sie ohne seine Hilfe das kleine Stückchen Feld nicht bestellen könnte und bettelnd am Wege stehen müßte, um von Almo­sen ihr Leben zu fristen! Zweimal liefe ich den Hund mit Gewalt in mein Haus schleppen, und zweimal ist er mir nachts wieder entwischt! Da­rum bin ich heute gekommen, Herr, damit Ihr befehlt, was zu geschehen hat."

„Was zu geschehen hat? In drei Teufels Ra» men, die Antwort ist einfach genug! Auf der Stelle habt Ihr aus dem Dwor ein paar Kosaken zu holen, sucht Euch ein paar kräftige Jungens auS; die sollen diesen kräftigen Marek, er ist der Verwegenste unter all diesen Elenden, herbeischaf- fen, ihn flach auf eineBank binden und ihn so lange mit Ruten peitschen, bis ihm die Haut in Fetzen vom Leibe hängt! ... Es gibt fein an­deres Mitte!, Jurek, um solche Rebellen zu bän­digen! Um größeren Effekt zu erzielen, kann man ihm nach den Ruten noch den Stock in Aus­sicht stellen und nach dem Stock noch die Knute!"