Ur,qemr tsgltqinkt Aufnahme der So.m- UndLei«rtage.viettel- jährllch«vtzngspreir ohne vringerlohn und vesteLgeld in Fulda ss- wieaiuw8rt$X.5onit
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Rotatkonrbruckunb Verlag der Fuldaer Ai. ttenbruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9
M 224,
Fulda, Dienstag den 29. September 1908.
35. Jahrgang.
Darmstadt, 27. Sept. 1908. Interessante
Ausland
):( Bon den neuen Steuern. Die Wehr- steuer soll, wie jetzt bestimmt behauptet wird, trotz alledem in den Plänen Dr. Sydows enthalten sein. Nach Angabe verschiedener öfter zu offiziösen Mitteilungen benutzten Blätter sollen die Nachlässe von Männern, die nicht gedient
* DaS allgemeine Wahlrecht in Ungarn. Da» allgemeine Wahlrecht, das in Ungarn zur Einführung gelangen soll, führt das Mehr-
Aus Mrche und Schule.
* Rom, 27. Sept. 1908. Der frühere Münchener Nuntius Monsignor Caputo ist in Neapel gestorben. Nuntius Caputo war ein ebenso gewandter Diplomat als liebenswürdiger Charakter, der die Interessen der katholischen Kirche mit großem Geschick und feinem Takt vertreten hat. In bester Erinnerung ist sein Name bei allen Besuchern der letzten Katholikentage. Zu Regensburg, Straßburg und Essen hat er in >en öffentlichen Versammlungen dieser Katholikentage begeisterte Ansprachen gehalten, worin er die Organisation der deutschen Katholiken in Worten des höchsten Lobes feierte. (Auch in Fulda steht der Verstorben« durch seine Anwe- enheit beim Vonifatiusjubiläum im Jahre 1905 als Abgesandter des Papstes in bestem Andenken.)
schlüff« gezogen werden. Reich-recht geht vor Landesrecht auch fit der Partei! Da- ist selbstverständltch, und wer die Einhett der deutschen Sozialdemokratie will, der darf daran nicht rütteln!
* Nord und Süd in der Sozialdemokratie.! * München, 28. Sept. 1908. Der König wäre geradezu selbstmörderisch", sagte Herr und die Königin von Spanien sind heute auf kern Nürno«> I vormittag hier eingetroffen und mit dem üblichen ger Parteitag, „wenn die Frage der Budget-! Gepränge vom Prin^reaenten emvianaen worden Seife Se.” Spanien ist »ach Wien
Bitten waren in den Wind gesprochen. Nach!»» unternahm das
Nürnberg ist der Gegensatz zwischen der preu-' "" **'“**’ ““ "* ‘“"t K"
Aschen und der süddeutschen Sozialdemokratie ebenso stark betont worden wie vor dem Parteitag. Ja, die süddeutsche Presse hat durch die Erklärung der 66 Delegierten die Stange gefunden die ihr bisher gefehlt hat und an der sie sich jetzt -alten kann: in Angelegenheiten der Landes- Politik urteilen wir selbständig, ohne Rücksicht auf )ie Zentralleitung und den Parteitag. Für Ba- )en soll demnächst ein Parteitag diese Selbstän- digkeit in den Entschließungen feststellen. Die bayerische Sozialdemokratie hat chon, wie wir in Nr. 1018 aus München mitge- teilt haben, einen Aufruf erlassen, der diesen Standpunkt mit aller Entschiedenheit vertritt. Jetzt kann natürlich auch der „Vorwärts" seine! eltsame Ansicht, daß der Nürnberger Parteitag wr Partei ,chie innere Festigung, di« unerläßliche Emheitlichkeit der Aktion" gebracht hat, nicht mehr festhalten: wutschnaubend erklärt er viel- mehr:
□ Eulenburg in Freiheit.
Es ist erzählt worden, daß das „getreue Volk" des Fürsten in Liebenberg Eulenburgs Wiederkehr förmlich gefeiert hat. Nun, zu einer Feier hatte man ja auch alle Ursache, denn die Haftentlassung hatte nach dem Verlauf der Schrvurgerichtsverhandlung sicher niemand erwartet. Die um Eulenburg werden der Ansicht sein, daß es ihm gelingen werde, der preußischen Justiz eine weitere Schwurgerichtsverhandlung wie neulich zu ersparen. In der Preffe wird dieser Auffassung mehr oder weniger kräftig Ausdruck gegeben. Ein Berliner Blatt schreibt z. B.:
„Wir sind ja in der Tat alle durchdrungen davon, daß es zwischen dem Fürsten Eulenburg und den preußischen Gerichten ein Wiedersehen nicht mehr geben wird und daß die „Affäre Eulenburg" nun im uckermärkischen Sande verlaufen ist. Wenn Fürst Eulenburg, schnell gestärkt durch die so heilsame Luft der Freiheit, unter den Bäumen seines ParkeS ruhen, oder — in einiger Zeit — sich in der Riviera- fonne erholen wird, dann wird er mit leiser Ironie jener „Freunde" gedenken, die ihm als einzigen Aus- weg den Selbstmord angeraten. Bei der Erinnerung an diese mildtätigen Seelen wird er ein Lächeln schwerlich unterdrücken, und er wird sich sagen, daß man mit Rang, Berstand und einer Nervenentzündung auf Erden niemals verzagen soll."
Nach einer neuesten Meldung sollte Fürst Eulenburg in dem schweizerischen Bodensee-Orte Rorschach eine Billa von 14Zimmern gemietet haben und zur Erholung im Oktober dorthin übersiedeln. Auf eine in Liebenberg eingezogene Erkundigung roirb indessen hierzu dem Wolff- Bureau mitgeteilt, daß diese Meldung vollkommen erfund en ist.
Dem mag sein wie ihm wolle. Wenn wir ein Jahr älter geworden sind, dann wird gewiß Knrlchen Mießnick in sein Tagebuch schreiben können: „Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, hat über Philipp Eulenburg Gras wachsen lasten."
Die Landesorganisationen und die Landtagsfraktionen können selbständig sein nur innerhalb der Grenzen, die durch Parteigrundsätze und Gefamlparteibe-
stimmenwahlrecht ein durch Zuerkennung einet zweiten und dritten Stimme für Steuerleistung Bildung, Ableistung des Militärdienstes, Vater-' schast von mindestens drei Kindern.
* In London gab es am Sonntag die größte Demonstration, die die Riesmstadt je gesehen hat. Die konservativen Gegner der Regierung veranstalteten eine große Kundgebung gegen die Schank st ätten-Vorlage der Regierung, deren Ziel es ist, die skandalösen Mißstände im Schankgewerbe zu beseitigen. Die Versammlung war von angeblich 200000 Menschen besucht, darunter 60000 Auswärtigen. Auf Grund zahlreicher Ansprachen wurden Protestresolutionen angenommen.
* Der bulgarische Gewaltstreich wird von allen Großmächten verurteilt. Die Vertreter sämtlicher Großmächte haben die türkische Forderung auf Freigabe der Orientbahnen in Sofia aufs kräftigste unterstützt. Die bulgarische Regierung hat also mrgenos auf Unterstützung zu hoffen, sie scheint auch bereits den Rückzug anzutreten. Der ,Polit. Korresp/ geht von zuständiger bulgarischer Seite eine Mitteilung zu, derzufolge die Wiedergabe einer Aeußerung, die der diplomatische Ageirt in London, Mmtschewitsch, einem Redakteur des „Reuterschen Bureaus" gegenüber getan hat, ihrem Wortlaute nicht genau entspreche. Mmtschewitsch hatte nämlich erklärt, daß Bulgarien niemals die Orientbahnstrecke zurückgeben werde und mit Hochvruck für seine Unabhängigkeit eintreten werde. Mmtschewitsch war aber zu offenherzig und hat die Karten des Spiels, das man in Sofia einzuleiten gedachte, zu früh aufgedeckt. Es wird den Bulgaren mm doch schließlich nichts übrig bleiben, als die Eisenbahn dem rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben.
* Abdul Asis hat seine letzte Hoffnung verloren. Der einzige ihm treue Stammesführer Mtugi hat sich dem Sultan Muley Hafid unterworfen, und seine Söhne zur Mahalla in Marrakesch geschickt. Er selbst begab sich nach Marrakesch. Die Ruhe ist jetzt im ganzen Süden von Marokko hergestellt. Abdul' Asis selbst wird ich also nun wohl auf „Pension" in irgend einem stillen Winkel zurückziehen und sich von den schweren „Arbeiten" feiner Herrschertätigkeit erholen können.
* In Aegypten regt es sich wieder bedenklich. Die Unabhängigkeitspartei rüstet größere Kundgebungen zugunsten einer Verfassung au«. Dabei gab eS am Sonntag auch Zusammenstöße mit der Polizei.
* In Lemberg veranstalteten die Sozial- demokraten am Sonntag eine Kundgebung für da« allgemeine Wahlrecht, ble einen schlimmen AuSgang nahm. Als Abgeordnete von einem Balkon aus an bie angesammelte Menge Reden hielten, beschloß die Polizei, die enge Gaffe, in der dies geschah, zu räumen, zog blank und hieb mit ihren Säbeln auf die Leute ein. Es wurden dabei siebzehn Personen, darunter vier schwer, verletzt.
Deutsches Reich.
△ Vom Flottenverein.
Eine Sitzung des neuen Präsidiums de- deutfchen Flottenvereins unter dem Vorsi > des Großadmirals v. Köster sand Samstag und Sonntag in Berlin unter Ausschluß der öffent- lichkeit statt.
Die Streitfrage zwischen den Anhängern des Generals Keim und dem bayerischen Landesverbände wurde als eine Angelegenheit behandelt, die im Interesse des Flottenver- eins zu bedauern sei, in die das Präsidium als solches aber nicht eingreifen könne. Ferner wurden die Richtlinien deS Programms festgesetzt, nach denen das neue Präsidium feinen KurS einzuschlagen gedenkt. Als das „nächste Ziel" bezeichnet ein Rundschreiben des Großadmirals v. Köster an die Landesverbände und Haupt- ausschüffe, das vom 26. September d. I. datiert ist: Streichung der 6 geschützten Kreuzer auS der Liste der Großen Kreuzer und ihr tunlichst baldiger Ersatz durch moderne Panzerkreuzer.
haben, mit einem Zuschlag von l1/» Prozent zur geplanten Reichs-fliachlaßsteuer bedacht werden. Der Nachlaß unter 20000 Mark bleibt frei. Auch über die Reklame« und Inseraten- 25 Willi™«" lufbrinem. »chSrdlich- Ämrt”1
presse und der politischen Presse. Bei der Fach- r„mdmbiH»t h!*
presse ist ein Satz von 10 Proz. der JnsertionS- s/!n
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auf den Konsum gedacht. Der Inserent soll I s"nentbehrlich, nn zahlen und die Zeitung soll die Steuer erheben * örklerikale
utth > Rückständigkeit." Das Ministerium roirb,
“ , so bemerkt dazu das ,Mainzer Journal-, das
() Die Vorlage über die Witwen- und Hauptorgan des hessischen Zentrums, nicht um« Waisenverficherung soll dem Reichstage nach der hin können, hier klare Stellung zu nehmen, und Meldung eines Berliner Blattes noch in der zwar bald. Tut es dies nicht, so muß an- neuen Reichstagssession zugehen. Damit sich aber genommen werden, daß man in Darmstadt niemand einbildet, die Frage würde nunmehr „sozialistische Liebhabereien" hat. Weiter be- einer schnelleren Erledigung enigetzengehen, wird merkt baS Blatt:
innn HA*MsÜgt, daß ihre Erledigung, weil sie I „Tatsächlich spricht man schon lange da- 1000 Paragraphen enthalte, im kommenden I von, daß gewiss» „hohe Beamte" Mit den Sozialisten Winter nicht mehr möglich sein werde. I liebäugeln, um ihr „Reffort" durchzubringen. Jeden-
_ , | falls wird der Herr Staatsminister erkennen, daß bei
— Der Abschied des Prinzen Bernhard I solchen öffentlichen Behauptungen des Herrn Korell ein zu Lippe vom Militär hatte bekanntlich leb- l„Totschweigen" nicht möglich ist, daß es für haste Erörterungen wachgerusen, bei denen die L und System aber auch nicht möglich ist, , | hohe Beamte als Ratgeber zu dulden, die gegen die B Häuptling, Prinz Bernhard sei bei den letzten I Empfindung des ganzen Landes, gegen jedes patriotische Mcmövern in der Senne vom Kaiser „ge- Gefühl mit Männern „syiupathisteren", die ihren Be. schnitten" worden, die Grundlage bildete. Jetzt! fähigungsnachweis zur „Regierung" soeben in Rürn- veröffentlicht Prinz Bernbard in der Livviscben Le.r,9 glänzend erbracht haben. Sollte aber das Sanbeäieitnnrt fnlAnho cv*Ministerium Ewald meinen, mit dem Bruchteil der
moin^^uung folgende Erklärung. «Ich habe Kammer gegen die große Majorität gehen zu können, meinen Abschied auS dem militärischen Dienste! so dürfte er sich doch irren. Also: heraus milder lediglich aus rein privaten, persönlichen Gründen Sprache, so klar und so deutlich wie in der letzten erbeten, da ich beabsichtige, mich mit lanbroirt« L Dementi nützt da
cbaftlidben imh ffih.h«»« ... Waöm, I 8ar nichts, sondern nur das Ergebnis einer sofort em-
ch f ucyen unv kolonialen Studien zu befassen, zuleitenden Untersuchung. Herr Korell weiß ja die Es ist mir im höchsten Grade peinlich, daß aus!,Ministerialräte", also muß er sie nennen." P 1 ^"^.EnWuß derartige dienstliche unrichtige „Hohe Ministerialbeamte" gleichsam als und meine Loyalität in Frage stellende Kombi- Wahlhelfer der Sozialdemokraten gegen bie bür- ,nraÄÄen kroetb^ konnten, zu denen gerltchen Parteien - das wäre in der Tat ein irgendwelcher Grund tn keiner Weise vorlag." «Bild zum Malen!
Bitten waren in den Wind gesprochen.
Am Nachmittag unternahm das | Königspaar eine Rundfahrt durch die Stadt. Sozialdemokratie Abends war im Rathaus ein offizieller Empfang “ - durch die städtischen Körperschaften. Am Donners-
tag wird baS Königspaar in Pest zum Besuche des Kaisers von Oesterreich eintreffen.
Dymitr, 6er Kosak.
Von Marcel Etienne.
18] (Nachdruck verboten.)
„Er ist hier? Er lebt?! . . . Ja, Martha, Du hast Recht. Deine Nachricht macht mich glücklich — Es war zii entsetzlich! Es war, als ob mir eine Faust von Eiseil das Herz zusammenpreßtel .Ich dachte, daß die Hilfe zu spät gekommen sein müßte, daß Kettung unmöglich war, daß Dymitr für uns elend zu Grunde gegangen sei. — Zerfleischt von den spitzen Zähnen, zerrissen von den schrecklichen Krallen dieser Steppenwölfei Der Gedanke war zu furchtbar, als daß ich ihn jemals in meinem Sehen wieder hätte los werden können. — Und hast Du Dymitr gesehen? Hat er Dir erzählt, welchem Wunder des barmherzigen Gottes er seine Rettung verdankt?"
Während sie mit bewegter Stimme so sprach, erhob sich Maryuia von ihrem Betschemel und — ganz rosig und strahlend vor Freude streckte sie Martha beide Hände entgegen. Derselbe Strahl inniger Freude lachte auch aus den Augen der jungen Dienerin, als sie ihrer Herrin rasch entgegnete:
„Tas kann ich Euch leider nicht sagen, Herrin! Dymitr hat sich bei seiner Ankunft nur so kurze Zett tm Hofe aufgehalten, daß ich ihn kaum ein paar Worte sprechen hörte. Ich weiß nur, daß er von Herrn Stanislaus, dem Bruder Euer Gnaden, und von Herrn Dluski sprach, denen er beiden in der Steppe begegnete! ....
R , -Mein Bruder und fein---Freund, die
tut) trog alledem hinauswagten, um uns zu be- flüsterte die junge Starostin, indem sie das Haupt senkte, während sich ihre noch blassen Wangen plötzlich „itt heller Röte bedeckten. „Jetzt aber Martha", fuhr sie mit lauter Stimme fort, toeiBt Du, wo Dymitr ist? Ich möchte mit ihm Drechen, mein Kmd! •
„Wenn Ihr das wünscht, Herrin, so wird das sehr leicht seinl Dymitr hat sich eben zum Herrn begeben!"
„Oh dann . . ." murmelte Maryuia. Und sie unterbrach sich plötzlich, indem sie mit einer Miene von Verwirrung und Zaghaftigkeit das Köpfchen schüttelte, von neuem errötete und schwieg.
Obwohl die liebenswürdige junge Frau noch niemals einen Tadel oder einen Verdacht vonseiten ihres Gatten hervorgerufen hatte, sah sie ihn doch feit einiger Zeit so strenge und finster, daß sie sich in seiner Gegenwart kaum zu rühren oder zu sprechen wagte; sie fürchtete sogar, sich ihm zu nähern.
Da sie jedoch glaubte, vor der Dienerin ihr plötzliches Zögern erklären zu müssen, sagt« sie nach, einem kurzen Schweigen zu ihr:
„So werden wir eben warten, bis er das Gemach meines Gemahls verläßt und ihn dann hierher berufe.1. Mein Herr hat ihm vielleicht Befehle zu geben, — manches mit ihm zu besprechen, — ich möchte ihn nicht gerne darin stören . . . Nur gib wohl acht, Marta, und halte ihn auf wenn er herüberfommt... I"
„£) ich werde das gewiß nicht versäumen, Ge- spodja! Sobqld Dymitr den Herrn verlassen haben wird, will ich ihn selbst hierher führen."
So sprechend, entfernte sich das hübsche Mäd- chen und Maryuia blieb allein zurück.
Zuerst verharrte sie bleich und regungslos die Augen starr auf den Boden gerichtet. Bald jedoch hob ein langer Seufzer ihre Brust; als ob sie aus einem bösen Traum erwachte, strich sie mit der Hand über die Stirne, dann schritt st« zum Fenster und ließ ihre traurigen Blicke über die weite Eben« draußen schweifen.
Das Morgenrot, das über den Himmel leuch- ete, goß über die unendliche weiße Fläche rofen- arbeite Strahlen aus. Die große schwarze Linie ogar, die sich am Horizont abzeichnete, dort, wo >er Eichenwald begann, hatte ihre düstere Farbe verloren und schien zu dieser morgendlichen Stunde etwas von dem Leuchten des Himmels,
von dem klaren, durchsichtigen Licht des erwachenden Tages in sich aufzunehmen. Das bleiche Licht des Mondes und das ungewisse Flimmern der Sterne, das an die Kerzen erinnert, die nachts an den Bahren der Toten leuchten, war verschwun- den. Die Finsternis, die Gefahr, das Entsetzen, alles war vorüber I Was jetzt emporstieg, über der Erde lag und vom Himmel nieder lächelte, das war der Tag, die Sonne, war Frieden, Freude und Leben! Es schien in dieser leuchtenden Stunde, als müßte jeder, der diese weite, flimmernde Ebene betrachtete, ein Glück und eine Hoffnung empfinden. Und dennoch blieb Mary- nia nachdenklich, ein tiefer Schatten zog zuweilen durch ihre Augen und manchmal schien es, als zittere sie noch immer.
Es war eben erst zu kurze Zeit vergangen, seit sie so Furchtbarem ins Auge sehen mußt«, als daß sie das Entsetzen schon hätte vergessen und überwinden können. Vielleicht auch hatte sie in der verhängnisvollen Stunde in der nächtlichen Steppe Eindrücke in sich aufgenommen, die un- verwischbar sind; die den ganzen Rest des Lebens zerstören, das Herz brechen und quälen rönnen, bis es endlich den ewigen Frieden des Todes findet! — Marynias Augen, die auf die morgen[jeBen Felder gerichtet waren, sahen demnach nichts von dem Glanz und Schimmer draußen! Bor ihrem Blick stand noch immer das Bild der unermeßlichen Steppe, das geheimnisvolle Halb- licht, in N>elchem der Schlitten dahinflog — her finstere Wald, die Wolfe, die sich auf ihre Beute stürzen wollten, ihre roten Rachen, ihre blitzenden Zahne, ihre flammenden Augen und inmitten von alledem sah sie Dymitr aufrecht auf seinem Sitze, bie Arme über der Brust gekreuzt, mit erhobener Stirn und leuchtenden Augen! O, und dann — den furchtbaren Moment, wo er sich zwischen die wütenden Bestien warf! — Diese büftern Bilder mären es, die sich noch immer vor Marynias Ceele drängten, noch immer das Entsetzen wie Fieberschauern durch die Glieder jagten l
wte groß war Dymitr in diesem Auaenblicke!
SBte groß und schön! Die junge Frau mochte in ihrer Erinnerung suchen, so weit sie denken konnte, — sie hatte niemals ähnliches sehen und bewundern dürfen! Wie dankte sie der ewigen Vorsehung, die ihn gerettet hatte! Was hätte sie sonst getan, was wäre aus ihr geworden, wenn der Getreue gestorben wär« um ihretwillen ?
So träumte sie noch lange vor sich hin und vermochte nur nach und nach Seele und Blick den Dingen der Gegenwart, — dem wirklichen Leben wieder zuzuwenden. Unter dem Einfluß der warmen klaren Luft und des heitern Morgenhimmels kam ihr endlich die Ruhe zurück. Als sie nun mit fröhlicherem Blick wieder auf die beschneiten Felder und Wiesen hinabschaute, hörte sie in der Galerie ihr zur Seite Schritte.
Martha kehrte zurück und nicht allein. Mary- nta erbebte und zog sich rasch vom Fenster zurück. Es schien einen Augenblick, als suche sie etwas. Dann leuchtete es freudig in ihren Augen auf shr ^vtterliches Instinkt hatte ihr gezeigt, was ihre schönste Hoffnung und ihr bester Schutz war: die Wiege ihres Kindes!
--Dorthin kehrte sie jetzt in tiefer Bewegung zu- rud! Mit einer heftigen Liebkosung nahm sie den kleinen Stas in die Arme, der ihr, sobald er öt« Augen öffnete, freundlich zulächelte. Indem sie ihn voll freudigen Stolzes an ihre Brust druckte, setzte sie sich mit dem Kind auf den Armen in den großen, damastüberzogenen Lehnstuhl neben der Wiege und wandt« dm Kopf nach der Ric^ung, in welcher Dymitr kommen mußte. Nun fühlte sie sich ruhig und glücklich, — ihr seltsames Bangigkeitsgefühl war geschwunden! —
Fast zugleich hob sich bie schwere, fransenbedeckte Portiere, und Martha und Dymitr erschienen auf der Schwelle. Sie, in sichtbarer Fröhlichkeit, eine leuchtende Helle in den Augen, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Er mit entblößtem Haupt und gesenkte» Lidern, die Stirn« demütig geneigt; so trat er leise, schüchtern und fast unbeholfen näher und schien in Gegenwart dieler iunaen Frau viel unentschiedener und be-