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Carl Schütter für die Anzeigen: ^.parzeller in Lnlda.

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Monatsberlage: „Zllldaer Geschichtrblätter"

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Fulda, Samstag den 26. September 1908.

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Sie leib ft hat stets

gaerre, ma petite gaerre

35. Jahrgaua.

dulden könne, daß die Bahn in seinem Lande durch ein Komitee in Konstantinopel verwaltet würde und weil der Eiienbahnerstreik in der Türkei, der übrigens schon wieder beigelegt ist, den sicheren Betrieb der Bahn gefährde. Bon den Großmächten haben bisher Deutschland und Eng­land sehr deutliche Erklärungen dagegen abgeben lasten.

Die Unruhen in Persren sind geschwunden. Dem Schah obliegt jetzt die Wiederherstellung ge­ordneter Zustände und dabei zeigt er, daß die Er- ziehung, die ihm russische Berater während der Revolution haben angedeihen lassen, nicht frucht­los gewesen ist. Er weigert sich nämlich, trotzdem England und Rußland es gemeinsam verlangen, das Parlament wieder einzuberufen. Rußland und England bestehen darauf, weil sie es vermei­den wollen, sich in Gegensatz zu der führenden Intelligenz Persiens zu setzen. Dadurch würde nämlich die spätere Ueberführung persischer Lan­desteile in russischen oder englischen Besitz er­schwert werden. Der Schah indes möchte wieder Alleinherrscher sein. Sein Ausweg liegt einstwei­len in einer „Verschiebung" der Parlamentseinbe­rufung um 2 Monate. Kommt Zeit, kommt Rat, so denkt er offenbar.

dagegen protestiert; ihre Palaftdame Carette hat es ebenso wie der treffliche Forscher Girandeau als eine nichtswürdige Erfindung bezeichnet. Anderseits fragt man vergebens nach einem Gewährsmann, der jene Worte aus dem Munde der Kaiserin vernommen, oder nach einem Zeugen, dem sie jener berichtet hätte."

Um den Genest v. Siebert herauszuhauen, wärmt auch der friedliebende .Reichsbote' die alten, von Fanatikern ersonnenen Fabeln und Lügen über den deutsch-franzöfischen Krieg wieder auf und schreibt:

„Die katholischen Deutschen haben bei Sedan gewiß ebenso ihre militärische Schuldigkeit getan, wie die protestantischen, aber das ändert nichts an der geschicht­lichen Wahrheit, daß das treibende Element in der Einigung Deutschlands und in der Abrechnung mit Frankreich der evangelische, preußische Staats- und Nationalgedanke war, demRom mit allen seinen Einflüffen und Trabanten das ganze 19. Jahrhundert hindurch abgeneigt und feindlich im Wege stand. Aus zahllosen historischen Zeugniffen, militärischen, diplomatischen, höfischen Memoiren, wiffen wir heute ganz genau Bescheid darüber, welche intri­gante Fäden seit dem Wiener Kongreß von der päpstlichen Kurie gegen den Aufstreg der Hohen- ollern und Preußens in Deutschland gesponnen worven ind, besonders vor 1866, sowie 1870. Wenn alles anders gekommen ist, als sich die Regisseure es dachten, wenn über ihre Pläne sogar ein gewaltiges Gottes­gericht erging, so daß einer der jesuitischen Haupt­intriganten nach Königgrätz verzweiselt ausrief: „Stür^ denn der Himmel über uns ein <“ — so ist das sewiß fein Verdienst des Ultramontanismus; deshalb oll er es aufgeben, nachträglich das unschuldige Lamm, das kein Wäfferchen getrübt hat und angeblich immer seine nationale Pflicht getan hat, zu spielen."

Der „Post" gegenüber, die ähnliche Behaup- tungen aufgestellt hatte, ist dieser Tage hier schon auf den Fürst Bismarck verwiesen worden. Heute seien, um dem Gedächtnis des „Reichsboten" nachzuhelsen, Bismarcks „Gedanken und Stim­mungen" zur Lektüre empfohlen, wo B. die ..Re­daktion der Emser Depesche, die gelegentlich eine Fälschung genannt worden ist, wie folgt begründet:

Nachdem ich meinen beiden Gästen die konzentrierte Redaktion vorgelesen hatte, bemerkte Mollke: „So bat das ea n anderen Klang, vorher klang es wie Chamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf eine Herausforderung." Ich erläuterte: Wenn ich diesen Text, welcher keine Aenderung und keinen Zusatz des Telegramms enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht nur an die Zeitungen, fonbrni auch telegraphisch an alle unsere Geiandtichaflen mit« teile, so wird er vor Mitternacht in Paris bekannt fein und dort nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen. Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorrust, es ist wichtig, daß wir die Angegriffenen feien, und dre galliiche Ueberhebung und R.icharkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit europäischer Oeffentl'chkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen Drohungen Frank­reichs furchtlos entgegentreten.

Dieses geschichtliche Dokument Hal doch längst das Märchen von den angeblichen Zette­lungen des Papstes und der Jesuiten in der gründlichen Weise zerstört. Es braucht weiter nur der Name von Joseph v. Gör res des Vorkämpfers der deutschen Einheit genannt zu werden, um die Behauptung über den Haufen m werfen, daß es der evangelisch-preußische Staatsgedanke gewesen sei, der die Einigung Deutschlands veranlaßt haben soll. Welche Ge< fühle müssen übrigens die Tausende von katho­lischen Veteranen, die ihr Herzblut eingesetzt haben für das Vaterland, erfüllen, wenn ihnen so etwas ins Gesicht geschleudert wird? Und welche Em­pörung muß sich der katholischen Offiziere be­mächtigen, wenn sie solche Dinge lesen? Welchen Zweck haben solche Reden,was bewirken sie ? Minde­stens weitere Entfremdung des protestantischen und katholischen Volksteils, und das in einem Augenblick, in welchem weite Kreise der Nation — wahrlich nicht die schlechtesten — daraus sinnen, eine Linie zu finden, aus der sich beide, Kalholiken und Protestanten, die Hand reichen zur sriedlichen Arbeit zum Wohle des deutschen Volkes. „Die innere Einheit der Nation als schönsten Lohn ür die großartige.! Opfer zu dauernder Größe erheben", das war der unschätzbare Wert jenes feldenmütigen Kampfes und das Bestreben der unter Kaiser Wilhelm I. geeinlen deutschen Fürsten, wie der Großheizog von Vaden am Neujahrstage 1871 in einer Ansprache betonte. Ind da kommt ein kleiner Epigone und will dieses Bild trüben. Leute, wie von Siebert, säen nur Zwietracht und Unfrieden. Und zwar nicht o sehr zwischen politischen Gegnern, als zwischen den verschiedenen Konfessionen. Das ist das Schlimme und dem muß mit aller Energie ent- qegengewirkt werden.

die Budgetbewilligung im allgemeinen verboten, aber doch eine breite Hintertür offen gelassen, da unter besonderen Umständen auch die Zustim­mung Vorbehalten war. Dem Parteivorstand und den „Unentwegten", die vorwiegend in Nord­deutschland fitzen, erschien die Ausnutzung dieser Hintertür verwerflich. Er wagte aber nicht, sie i vollständig abzuschließen, sondern versuchte nur, ■ sie zu verschmälern. Die Zustimmung zum Bnd- ■ get sollte nach der Vorstandsresolution gestattet 1 jein, wenn dadurch ein schlechteres Budger • verhütet werden müßte. Der Genosse Frohme brachte nun einen Vermittelungsvorschlag ein, ge- maß folgendem Gedankengange: Wenn allseitig zugegeben wird, daß unter Umständen die Sozial- demokrateu für das Budget stimmen können, dann brauchen wir keine neue Resolution, sondern kön­nen einfach den Lübecker Beschluß aufrechterhalten mit der Ergänzung, daß die sozialdemokratischen Fraktionen in den Einzellandtagen nach Verstän­digung mit den Landesvorständen und dem Zen­tralvorstand zu entscheiden hätten, ob Umstände vorliegen, die eine ausnahmsweise Budgetbewilli- gung rechtfertigen. Während auf der Schau­bühne des Parteitags sich die Delegierten tagelang im Stile des Fischmarktes zankten, wurden hin­ter den Kulissen Vergleichsverhandlungen gepflo­gen. Der Parteivorstand aber blieb hartnäckig auf seiner Resolution bestehen. Tie Süddeutschen dagegen zogen sich in kluger Taktik auf den Ver­mittlungsvorschlag Frohme zurück. Ter Antrag Frohme wurde aber abgelehnt. Dann wurde die Resolution des Parteivorstandes durchgedrllckt mit 258 gegen 119 Stimmen. Nach diesem „Sieg" des Vorstandes und der Unentwegten kam dann der überraschende Schlußeffekt. 67 Delegierte der bayerischen, württembergischen, badischen und hes­sischen Landtagsfraktionell hatten in Erwartung dieser Abstimmung eine wohlabgewogene Erklä­rung vereinbart und' ließen dieselbe feierlich ver­lesen. Tarin wurde dem Parteitage höflich aber bestimmt ins Gesicht gesagt: Dein Beschluß ge­niert uns nicht! Der Parteitag sei zuständig für alle prinzipiellen Angelegenheiten der Landes­politik (also auch für die Budgetfrage in den Landtagen) feien die Landesorganisationen zu­ständig und hätten selbständig nach den besonde­ren Verhältnissen zu entscheiden! Eigentlich hätte die Auflehnung gegen den Parteitag sofort den Widerspruch und den Bannstrahl des Vorstandes auslösen müssen. Aber was geschah? Der Vor­sitzende Singer erklärte ganz zahm: „Der Partei- tag nimmt Kenntnis von dieser Erklärung und gibt sie, zu Protokoll!" — Doch das mögen nun die Sozialdemokraten halten, wie sie wollen. Für uns ist das bemerkenswerteste, daß auf dem gan­zen Kongreß mit keinem Worte für die Interessen der Arbeitereingetret en wurde, nur ödes Gezänk wurde vollführt und die Arbeiter müssen dafür ihre Groschen aufbringen.

In Bulgarien spielen sich augenblicklich änderbare Dinge ab. Es ist unverkennbar, daß >ie Regierung die Absicht hat, die Gelegenheit der ürkischen Umwandlungen zu erneuten Unabhän» sigkeitsversuchen zu benutzen. Daß Bulgarien ormell noch immer ein Stück der Türkei ist, paßt den Herren ja gar nicht mehr. Daher auch die neulich enthüllten Unterstützungen der bulgarischen Banden in Mazedonien durch die bulgarische Re­gierung. Siegt jetzt das jungtürkische Türkentum dauernd und schafft es geordnete Verhältnisie, dann ist es mit der Beseitigung der türkischen Oberhoheit über Bulgarien schlecht bestellt. Daher sucht man jetzt einen Streitfall zu konstruieren, um eine gewaltsame Lösung der unangenehmen Be­ziehungen zu schaffen. Man hat zu diesem Ende die durch Bulgarien laufende Strecke der Orientbahn einfach durch Militär besetzt ' und dafür die Erklärung ab geben lassen, man ; wolle sie nicht frei geben, weil Bulgarien es nicht I

Stille durch einen scharfen, kurzen Laut wie „Blitz" unterbrochen wurde. Ich hielt meinen Atem an und lauschte: das Blut drängte sich zum Herzen, welches unwillkürlich schneller schlug. Tas klang mir wir das Spannen eines Pistols. Un- sinn! Niemand trägt jetzt noch Pistolen. Alle Welt führt Revolver. Wieder das scharfe, myste­riöse „Blitz". Das ist das zweite Mal, dachte ich. Tas Geräusch kam von der entferntesten Ecke des Abteils her, wo Meisner lag.

So scharf ich hinüber blickte, konnte ich doch keine Bewegung wahrnehmen. Geräuschlos schob ich meine Hand unter meinen Kopf und tastete nach meinem Sechsläufigen. Gott fei Dank, er war da. Ich faßte ihn, zog ihn leife heraus und legte den Finger an den Drücker. Die Mündung meines treuen Freundes drehte ich Meisner zu — Alles ohne ein Wort zu fprechen. Er hat den ersten Schuß, dachte ich: aber ich bin bereit, ihn 3« erwidern, ehe er den zweiten abgeben kann. Freilich habe ich allein diesen beiden Männern gegenüber wenig Chance. Mit Blitzesschnelle durchflogen Gedanken der verschiedeinsten Art mein Hirn — da wieder ein „Blitz". Ich hätte auf ein Haar gefeuert — Gott sei Dank, daß ich es nicht tat. „Blitz, Blitz, Blitz, Blitz", hörte ich in schneller Aufeinanderfolge. Ah, mein Freund, dachte ich. Du drehst die Trommel Deines Re­volvers, um die Zündhütchen aufzusetzen.

Wieder Blitz, Blitz! Länger konnte ich es nicht aushalten. Ich richtete mich auf und fragte mit einer kalten Ruhe, an die ich mit einem leisen Schauder zurückdenke: „Was zum Teufel ber- "rsackst dies Geräusch?" „Ich ziehe nur meine Uhr auf;, war die Antwort. Ich hatte bergeff en, meine eigene aufzuziehen und holte das sofort nach. Dann streckte ich mich wieder zum Schlafen hm. Was hat es für einen Nutzen, sich mit sol­chen abgeschmackten argwöhnischen Gedanken zu Plagen? raisonnierte ich. Schließlich schlummerte ich ein, die Hand an meinem Revolver.

-ach schlief gut, bis ich plötzlich erwachte. Nein! Es war kein Trug meiner Phantasie. Hier stand

wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 25. September 1908.

Die beiden internationalen Kongreße, die Berlin in den letzten Tagen ausgenommen hat, haben kein sehr großes Interesse zu erwecken ver­mocht, trotzdem Bülow den interparlamen­tarischen Weltkongreß selber begrüßte und zur Begrüßung des sogenannten Internatio­nalen Pressekongresses den größten Teil seiner Minister und Staatssekretäre aussandte. Zu dem interparlamentarischen Kongreß waren über 900 Abgeordnete aus allen Kulturstaaten er­schienen, angefangen von New-Dork-Washington um den ganzen Erdball bis nach Japan. Am mei­sten Deputierte stellten Belgien, Italien und Un­garn, d. h. die parlamentarisch regierten Länder. Frankreich hielt etwas zurück, man sagt, auf Be­treiben der Engländer. Der Kongreß verlief im übrigen recht vielverspochend. Sein Hauptwert beruht zweifelsohne darin, daß die Abgeordneten der verschiedenen Länder sich kennen lernen und näher kommen. Die Völker können hieraus nur gewinnen. Tie Beschlüsse des Kongresses gingen besonders auf den Schutz des Privateigentums zur See und Anrufung eines Schiedsgerichtes vor Ausbruch des Krieges; ferner wurde der Antrag der deutschen Gruppe, daß die Blockade offener Hasen zu unterbleiben habe, angenommen.

Man spürt die R e i ch s f i n a n z r e f o rm heramiahen. Noch liegt sie wie ein Lindwurm in den Regierungsakten begraben, aber ihren Hauch verspürt man schon. Und schon bereiten sich des Volkes Boten, den Tribut zu bringen: Schnaps, Bier. Wein, Tabak und Pro­zente vom Nachlaß. Die Hauptlast soll den minderbemittelten Volksklassen, den Arbei­tern und Kleinbauern oufgebürbet wer­den, denn diese sind es, die an dem Konsum von Bier, Tabak und Branntwein den Hanptanteil haben. Wie hoch diese Steuern angesetzt werden, weiß man noch nicht. Die Belastung der breiten Masse wird eben so groß werden, daß die Wahr­heit nur langsam durchsickern darf, um der Block­gesellschaft nicht allzuviel Schwierigkeiten zu ma­chen. Für die Tabaksteuer ist eine Banderole auf Zigarren, Zigaretten und Rauchtabak vorgesehen. Gern würde man ein Tabakmonopol durchdrin­gen, wenn es nur gelänge. Fürst Bülow ist sehr begeistert dafür, er meint, daß das Monopol in Deutschland noch mehr einbringen würde als in Frankreich, weil der Deutsche mehr rauche, als der Franzose. Im Gegenteil, bemerkt die Südd. Ta­bakzeitung dazu, „wenn der Deutsche das in Frank­reich verzapfte Kraut rauchen müsse, würde er noch weniger rauchen als sein westlicher Nachbar." Eine Probe auf das Erempel hat man ja in Deutschland mit der Kaiserlichen Tabakmanufak­tur in Straßburg erlebt, einem Unternehmen, das mit einem Bombenfiasko endete. Hätte man mit den Fabrikaten dieser Manufaktur das Mono­pol eingeführt so würde sich mancher Deutsche das Ramben abgewöhnt haben.

9tur dem sozialdemokratisch en Par­teitage in Nürnberg sind nach grimmigen Kämpfen die süddeutschen Budgetbewilliger durch eine wortreiche Resolution verurteilt worden. Aber gleich darauf erklärten die „Verurteilten", daß sie sich das Recht Vorbehalten, es wieder zu tun. Es gab keine Spaltung, aber auch keine Bekehrung. Keine reinliche Scheidung, aber auch । keine innerliche Versöhnung. Viel Geschrei und : "eine Wolle. Nach fürchterlichen Kämpfen und i -rümpfen bleibt alles beim alten. Mit der Frage : >er Budgetbewilligung hatte sich schon der Lübeck/ : Parteitag beschäftigt. Damals hatte man zwar i

Deutsches Reich.

* Erhöhung der Einkommensteuer. Nicht bloß im Reich wird die Steuerschraube an ge­

ben Reisegefährten waren darin augenscheinlich gut bewandert. Sie hatten sich bald auf der mir gegenüberliegenden Bank bequem eingerichtet. In dem zum Aufbewahren des Reisegepäcks ange- brachten Netze lag gerade über meinem Kopf der kleine Handkoffer des einen der beiden Fremden, den ich Meisner nennen will. Mein Freund, Herr Brook, lag mit dem Kopfe zunächst dem Fenster; das Gesicht war mir zugedreht. Wir lagen so nahe zusammen, daß einer den andern beinahe hätte berühren können. Meisner lag auf dem nächsten Sitze, mit dem Kopse am anderen Fenster. Auch ich hatte es mir nach Möglichkeit beguem gemacht; mir diente mein Ueberrock als Kissen; in meiner Tasche befand sich mein be- ständiger Reisebegleiter, ein sechsläufiger Revol­ver.

Nach einiger Zeit fragte Meisner, ob ich etwas dagegen habe, wenn er den Schleier über das Licht ziehe? Ich verneinte das natürlich und als­bald herrschte eine matte Dämmerung im Abteil. Wir konnten gerade noch einander sehen, wenn auch höchst undeutlich. Meisner streckte sich wie- der auf das Polster; nun herrschte tiefes Schwei- gen.

Der Zug brauste unaufhattfam weiter; mein Auge weilte auf den schattenhaften Baumgestal- ten, die vorüber zu fliegen schienen. Tas ein­tönige Geräusch der Räder begann mich einzu­schläfern. Plötzlich durchzuckte der Gedanke mein Hirn: Wie leicht wäre es hier, einen Mann zu berauben und zum Fenster hinauszuwerfen? Da würde er liegen in dem stillen Waü>e; die Wölfe würden ihn finden und bald bis auf die Knochen verzehrt haben. Kein Mensch würde danach fra­gen. Ich lächelte über mich selbst im Stillen. Wie töricht von mir, diese Leute zu beargwöhnen! dachte ich. Und doch sah ich sie angelegentlich zu­sammen flüstern; und die auffallende Zahl von Ringen, die sie trugen! Aber, was für ein Tor ich doch bin. Ich werde versuchen zu schlafen.

Eben hatte ich meine Augen geschlossen, als die

Wenn man nervös ist.

Eine ttagikomische Reijegeschichte von W. Wiemer.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein heißer Sommertag, als ich Peters­burg, das ich auf längere Zeit in Geschäften be­sucht hatte. Verliefe. Die Züge nach Berlin waren überfüllt. Trotz eines gespendeten Trinkgeldes mußte ich miöb bequemen, mit zwei anderen Her­ren in einem Abteil zu fahren, was mir, in Hin­sicht auf meine Bequemlichkeit, durchaus nicht ngenehm war.

Ich beobachtete die beiden Fremden über den Rand niemer Zeitung weg. Beide schienen von mittlerem Alter zu sein. Sie waren gut geklei­det und trugen an ihren Fingern einen Ueber- fhtfe von mit Diamanten besetzten Ringen, die entweder von sehr großem oder auch von gar fei­nem Wert toaren. Der äußere Anblick befriedigte mich, und ich versentte mich wieder in die Zeitung.

Wer beschreibt mein Erstaunen, als mein Gegenüber dem anderen eine Bemerkung in meck- leichurgischem Plattdeutsch zuruft. Ich kann gar nicht sagen, wie angenehm es mir war, wieder einmal Plattdeutsch zu sprechen, und so beteiligte A mich beim bald an der Unterhaltung. Im Lause derselben stellte es sich heraus, daß wir Landsleute seien. Natürlich brachte uns diese Entdeckung näher zusammen. Wir plauderten von der Heimat und von unseren Reisen. Meine Gefährten hatten viel gesehen und waren nun Bietd) mir auf dem Rückwege zum Vaterlande. mJ,"Le,r angenehmen Gespräche» verfloß der öinab unh9 L-ble, ®°"ne s^k unter den Horizont p'nadundwir konnten nun die Fenster öffnen, tnar pino ?nn?Ende Nachtluft hereinzulassen. Es toar eine toentg bewohnte Gegend, durch die uns Wäldes h“toItIe.n sah man nichts als dichte fc~e.R $lIrt$ bin Haus ober Dorf unter­brochen. Tie in der Decke befindliche Lampe wurde angezundet und wir begannen unsere Vor­bereitungen zum Schlafen zu machen. Meine bei-

= General Liebert in Bedrängnis.

General Siebert hatte zur Bekräftigung seiner aufrecht erhaltenen ungeheuerlichen Behauptung, der Sieg bei Sedan sei ein Sieg de§ Pro­test antismus über den „Ultramontanis­mus/' daran erinnert, daß die Kaiserin Eugenie den Krieg von 1870 „ihren kleinen Krieg" ge­nannt habe. Diese Worte sind eine „nichtswürdige Erfindung" Kein geringerer als Heinrich von Sybel, der über diese Dinge für sein sieben- bändiges Werk „Die Begründung des Deutschen Reiches" die eingehendsten Studien gemacht hat, schreibt im Jahre 1895 in der Historischen Zeit­schrift (Bd. 75, S. 66):

„Und nun vollends ihre (bet Kaiserin Eugenie) tausendmal berufenen geflügelten Worte: C’est ma

Meisner an meiner Seite. Ter Hammer meines Revolvers hob sich — sollte ich feuern ober nicht? Mitten 'n der Nacht aus dem Schlafe geschreckt zu werden, ist unangenehm; aber, erwacht, einen Mann neben sich zu sehen, den man Grund hat, zu beargwöhnen, ist in der Tat noch bedeutend unangenehmer. Und nun den Finger fest an den Drücker gepreßt, ohne jedoch auf die Füße zu springen, wie mein erster Gedanke gewesen war, beobachtete ich den Fremden. Er sah kaum nach mir. Ich bemerkte, daß er etwas aus der Tasche zog, das im Mondlicht glitzerte; es war ein schlüsiel. Tann bog er sich über mich. Jetzt sagte ich mit einem tiefen Gefühl von Wut im Herzen zu ihm: „Was um Himmelswillen tun Sie hier?"

Meisner war so erschrocken, daß er hintenüber taumelte. Diese plötzliche Bewegung hätte mich beinahe feuern lassen. Er antwortete mit einer stimme, die seine Erregung erkennen ließ: „Ich wollte nur etwas aus meinem Koffer nehmen." Wie bereits bemerft, lag derselbe in dem Netze über meinem Kopfe. Um denselben zu erreichen, mußte er sich über mich beugen. Sehr übel ge­launt, sagte ich: „So nehmen Sie ihn denn herab."

Er murmelte etwas vor sich hin und nahm den Koffer zu sich. Er öffnete denselben und nahm einen Gegenstand heraus, während er mich immer im Auge behielt. Dann legte er sich hin und es war wieder alles still.

Was war es, das Meisner aus dem Koffer nahm? Ich konnte nicht einschlafen. Meinen Rücken den beiden Fremden zuzudrehen, wagte ich nicht. Beide lagen so ruhig, ohne einen Atem- zug, daß ich von ihrem Wachen überzeugt war. Schließlich, um die Ereignisse zu beschleunigen, tat ich so, als ob ich schliefe; ich atmete lang und tief, jedoch mit offenen Augen. Indes ereignete sich nichts. Ich wurde immer schläfriger; mein ermüdeter Organismus verlangte nach Ruhe. ... Efndes hielt der Zug an der einzigen Station für die nächsten Stunden, an der ein länaerer