uldaer M
35. Jahrgang.
Fulda, Samstag den 26. Sevtember 1908.
M 222
Ar fies Wkatt
sonders ungünstigen Gestaltung des Arbeitsmarktes besonders in Hamburg zusammenhängt.
Dr. Dtulert kommt bei seinen Königsberger Arbeitern zu einem ähnlichen Ergebnis. Die wirtschaftliche Lage der Unverheirateten hatte sich in der Stadt gegenüber ihren früheren Verhältnissen auf dem Lande ganzaußeror- deutlich gebessert. Unter 12 unverherra- teten Arbeitern hatten 8 ganz erhebliche Betrage als Ersparnisse zurückgelegt, ganz abgesehen von den bedeutend höheren Ausgaben für Alkoholge- rüste, als sie deren sich früher auf dem Lande ge- tattet hatten.
Die Lage der Verheirateten stellt sich bei Mulert nicht minder ungünstig als Bei Heiser- Harttuna. Mulert schreibt darüber wörtlich:
Alle Arbeiter hatten, zum Teil vielleicht unbewußt, durch ihre Abwanderung in die Stadt ihre soziale und wirtschaftliche Lag« verbessern wollen. Haben sie das Biel erreicht? Die unverheirateten Arbeiter sicher... Und die verheirateten Arbeiter, die Arbeiterfamilien. Sicher nicht. Ihre Arbeit war nicht leichter^geworden, der Kaufwert ihrer Einnahmen nicht höher. In vielen Fällen reichten diese noch nicht einmal hin, um die notwendiqstnn Bedürfnisse zu befriedigen. Ein großer Teil der Familien war hinsichtlich der beiden wichtigsten Lebensbedingunqen, der Wohnung und Be- köstiglrng, schlechter gestellt als auf dem Lande.
Das Gesamtresultat, das nach dem Gesagten aus den Untersuchungen der beiden genannten Verfasser folgt ist für die genauere Erfassung der inner* Gründe und Vorgänge bei ber Abwanderung vom Lande von größter Bedeutung. Mulert faßt es wie folgt zusammen und auch bei ©eifer- Harttung drängt sich im ganzen Laufe der Untersuchungen diese Folgerung fast mit Notwendigkeit auf:
So wandert der Arbeiter als Unverheirateter vom Lande ab, verbessert zunächst seine gesamte Lage in der Stadt ganz außerordentlich, heiratet und verschlechtert sich damit in vielen Fällen nicht nur feiner früheren Stellung als Unverheirateter, sondern auch der Stellung gegenüber, die er eingenommen Kälte, wenn er sich sogleich aus dem Lande verheiratet hätte.
Wir erhalten so einen ziemlich genauen Einblick in den Gang der Bewegung bei den inner» Wanderungen. Die Leute ziehen als unverhei- ratete junge Leute in die Stadt, viele in die nächstgelegene kleinere oder größere Provinzialstadt, um dann später vielfach wieder weiterzuziehen in die größere ober Industriestadt, verheiraten sich in ihrer neuen Beschäftigung bald und finden dann höchst selten mehr den Weg znrüöi aufs Land, auch wenn sie in der Stadt auf die Dauer nicht das Paradies gefunden haben, das viele von ihnen erhofft hatten.
Es wäre im Interesse der weitern Aufklärung der Fragen, die sich mit der Angelegenheit des ländlichen Arbeitsverhältnisses und der Landflucht verknüpfen, dringend zu wünschen, daß dergleichen tiefer dringendere Untersuchungen besonders für die Arbeiterbezirke der hochindustriellen Gebiete Deutschlands geschaffen würden mit ihrer sozial und wirtschaftlich so mannigfaltig zusammengesetzten Arbeiterschaft. Erst dann könnte man Haffen, auch in der Diskussion über die Abhilfemittel der heute brennendsten aller agrarischen Fragen auf etwas festem Boden zu gelangen.
trsch«b«t ILglich mtt Auruahm« b« $o.m« Nnb.fetertagt. vierteljährlich« verugrpreir ohne vringerlohn und Bestellgeld in Zulda so- wie auswärts 1-50 IRL
vrrantw. Redakteur r
«arl Schütter für öle Anzeigen:
Z.par;rll«r in Fulda.
Wochenbeilage: „INttfafe SoNNtagSzeitUNg"
Deutsches Reich.
△ Zentrum und Reichsfinanzreform. Die .Germania' weift auf die Tatsache hin, daß das Zentrum im Hinblick auf die Reichsfinanzresorm jetzt von allen Seiten, von der Regierung, von der Linken und von der Rechten, hofiert wird. Die Regierung tue das, um eine möglichst große Mehrheit für'ihre Vorschläge zu gewinnen, die Konservativen und Liberalen, um mit Hilfe des
Zentrums gewisse unangenehme Steuern zu be- eitiaen — Beinahe schlagen beide sich schon wie eifersüchtige Liebhaber um die Gunst der „aus- oesckalteten", „unnationalen«, arroganten«, herrschsüchtigen« Partei. Für daS Zentrum ist es dabei lehrreich zu sehen, mit welchem Eifer gleichzeitig das Erstgeburtsrecht des Blocks verteidigt und der Gedanke zurückgewiesen wird, als könnte daS Zentrum wieder als gleichberech- ,jate — man nennt das freilich „herrschende«, maßgebende" — Partei anerkannt werden. Die
Meinung ist vielmehr: wenn es dem Block über die Nöten der Finanzreform hinweggeholfen hat, kann der Mohr wieder gehen. Am unzwei- deutigsten spricht dies wohl die landbündlerische Deutsche Taqesztq. aus, indem sie erklärt, es liege stn besonderen Interesse des Blocks, daß das Zentrum mitarbeite, denn je mehr Parteien an dem Odium der neuen Sieuern trügen, um so mehr verteile sich die Last und um so besser sei es für die Parteien, will sagen: das Zentrum oll dem Block einen Teil, möglichst den Hauptteil des Odiums abnehmen; dann wirft man die „ausgequetschte Zitrone" wieder weg und kann die Blockpolitik erleichterten Herzens weiter betreiben. Dem gegenüber meint die „Germ.":
„Das Zentrum wird schon auf der Hut sein, daß es sich nicht lediglich gebrauchen läßt, um bent Block das Odium abzunehmen oder den Wauwau »ur Einschüchterung bald der einen, bald der anderen Blockpartei zu machen. Es wird an der Steuerreform mitarbeiten, aber lediglich, um dabei seme eigenen Grundsätze zur Geltung zu bringen, nicht um taktische Manöver unter dem Kommando anderer auszuführen.
n Neue Wege. Vor einigen Tagen erregte es allgemeines Aufsehen, daß der Reichsschatzsekretär Dr. Sydow in einer Zeitschrift seine Pläne in bezug auf die Reichsfinanzreform darlegte. Das war ein Weg, der bisher noch nicht üblich war. Jetzt kommt noch eine wettere Ueberraschung. Die „Börsen- und Handelsztg. will erfahren haben:
Um das Interesse für die Reichsfinanzreform in weitesten Kreisen zu wecken und über die Plane der Reorganisation aufzuklären, sollen demnächst m den großen Sälen der Ausstellungshallen am Zoologischen Garten öffentliche Vorträge stattfinden. Es ser nicht ausgeschlossen, daß in einem derselben der Staatsse kretär des Reichsschatzamtes persönlich seine Pläne, die er bereits im Oktoberheft der „Deutschen Rundschau" veröffentlicht hat, entwickeln werde.
Also Journalist und Volksredner. Wir hätten gewünscht, daß der Reichsschatzsekretär noch etwas mehr Journalist geworden wäre, nämlich in der Vorliebe für Enthüllungen. Die Welt sehnt sich weniger nach allgemein finanzpolitischen Betrachtungen, als vielmehr nach genauen, faßbaren Mitteilungen über die einzelnen Steuer- und Reformpläne. In dieser Beziehung bietet aber der Artikel des Herrn Sydow nur magere An- deutungen. Ob er jetzt als Volksredner das Herz mehr auf der Zunge hat?
* Die Verhandlungen der Bundesratsausschüsse über die Reichs-Finanzreform werden am Montag beginnen. In amtlichen Kreisen wird erwartet, daß die Vorlage im Laufe des Oktober im Bundesrate zur Erledigung gelangen kann, sodaß alsdann der Reichstag bei seinem Zusammentritt bereits die Gesetzvorlage erhalten wird. Vorher soll eine Verössentlichung der Steuerprojekte nicht erfolgen.
* Ter „bewegliche Faktor". In den AuS- lassungen des Reichsschatzsekretärs über die Finanz-
>1« Landarbeiter in Stadt und Land.
Heber die Gründe der „Landflucht" ist schon viel aeschricben worden. Bis vor nicht allzulanger «eit noch überwogen die Stimmen, die den massenhaften Zug nach der Stadt der „Vergnugungs- sucht" dem Hang nach Ungebundenheit und ähnlichen Beweggründen zuschrieben. Neuerdings ist wehr und mehr die Frage in den Vordergrund getreten, ob nicht der große Lobn unter schred in Stadt und Land und die dadurch in der Stadt lockende be'iere Lebenshaltung der Magnet fei, der die Leute unwiderstehlich tn die Städte ziehe. Von vielen wurde diese Frage bejaht, von anderen mit Entschiedenheit verneint.
Durch einige wertvolle Untersuchungen beginnt nun auch hier mehr Klarheit in die Sache »u kommen. Schon 1902 hat Dr.Franz Heiser- Hartt'.mg in Thiels Landwirtschaftlichen Jahrbüchern lBd. 31, S. 697 ff.) eine Untersuchung veröffentlicht, in der er auf Grund genauer zahlenmäßiger Angaben von 200 Arbeitern Lohnver- höltnisse und Lebensunterhalt in Stadt und Land einem eingehenden Vergleiche unterwarf. Eine ähnliche Untersuchung veröffentlicht nunmehr Dr. Oskar Mulert in einem Buche: Vierundzwan- zig ostpreiißische Arbeiter und Arbeiterfamilien. (Jena. Fischer 1908.) Die dieser Arbeit zugrunde liegenden Erhebungen gehen zurück bis ins Jahr 1903. Doch haben sich die Verhältnisse in den letz- ten Jahren nicht so sehr verändert, daß die beiden Untersuchungen and) nicht noch heute ihren Wert behielten. Sowohl Heiier-Hartlniig als auch Mu- lert haben mit ihren Erhebungen sich an — mit großer Sorgfalt ausgewählte — Leute gewandt, b ie nunmehr in der Stadt leben, früher aber auf dem Lande gearbeitet hatte». Tie Arbeiter Heiser-Harttungs sind zumeist Berliner und Hamburger, die Angaben Mulerts stammen von Arbeitern in Königsberg in Ostpreußen.
Das Ergebnis der Untersuchungen Heiser- Harttungs zeigt für die V er h ei r at et e n, daß unter der Voraussetzung, daß die Ernährung in der Stadt die gleiche geblieben ist wie auf dem Lande, sich alle diese Familien in der Stadt wirtschaftlich schlechter stellen, als das auf dem Lande der Fall war bezw. gewesen wäre. Von den 31 verheirateten Berliner Eisenbahnarbeitern verdienen ganze 4 soviel, daß ihnen einiges Geld für Vergnügungen und andere Bedürfnisse übrig bleibt. Tie übrigen 27 verheirateten Berliner Eisenbabnarbeiter haben nicht so viel verdient, daß sie sich und ihre Familie so gut ernähren können, wie dies bei den auf dem Lande bereits Verheirateten der Fall war. Nicht einmal das hiiizlikommende Verdienst der Frau hat eine ausreichende Ernährung ermöglicht. Von den 26 Verheirateten Hamburger Arbeitern haben 23 nicht das zur Bestreitung der Erislenzbedütfniise notwendige Geld verdient, bei einem decken sich ungefähr Einnahmen und Ausgaben, 2 haben «och Geld für andere Bedürfnisse erübrigt.
Bei den Unverheirateten ergeben sich ziemlich große Unterschiede. Von den noch unverheirateten 10 Berliner Gifenbabnarbcitcrn leben 4 in bedeutend bessern Verhältnissen als au dem Lande; bei den übrigen ist die wirtschastliche Lage ungefähr gleich geblieben. Bon den übrigen unverheiratete» Berliner Arbeitern haben von 26 15 ihre Lage verschlechtert, bei 10 ist sie annähernd gleich geblieben. Wesentlich ungünstiger war die Situation der Hamburger unver- heirateten Arbeiter. Jedoch ist hier in Betracht zu ziehen, daß das mit der in jenem Jahre be-
reform ist von Wichtigkeit die Aenderung, daß )er sog. „bewegliche Faktor«, dessen Einführung unS schon vor 14 Tagen in dem offiziösen Artikel der ,Nordd.-Allg^Ztg.' verheißen war, in nichts anderem bestehen soll, als die F e st st e l l u n g einer gewissen Summe von ungedeckten Matri- kularbeiträgen für je 5 Jahre. Eine mehreren Zentrumsblätter zugehende Berliner Korrespondenz bemerkt hierzu:
Die Vermutung, daß Herr Sydow eine neue Steuer als Ersatz sür die „gebundenem" Malrikulardellräg« beweglich machen wolle, erweist sich wohl als irrig. Was er verschlägt, ist nicht die Erhaltung des etzt bestehenden parlamentarischen Bewilligungsrechtes, andern eine empfindliche Bes chränkung be§|elbeu. Jetzt hat der Reichstag jedes Jahr die volle Ber- fügungungsfreiheit über die für bte Vüanz des Reichshaushalts erforderlichen Malrikularbeiträge. Künftig soll nur alle fünf Jahre über die Höhe der Matrikularbeiträge entfsieben werden; bei den Etats- feststellungen in den vier Zwischenjahren wurde das Einnahmebewilligungsrecht der Volksvertretung in Fortfall kommen. Herr Sydow will uns diesen Ruck« chritt auf ein finanzpolitisches Quinquennat schmackhaft machen mit der Erwägung, daß alsdann der Reichsschatziekretär erfolgreich den Anforderungen der Refforts widerstehen könne mit der Erklärung: Ich habe kein Geld dazu! Erstens glauben wir mcht, daß die hohen Gönner von neuen Marine-, Armee« oder Kolonialforderungen fich mit dem Hinweis auf den Mangel an Bargeld abfertigen lasten werden Und zweitens würde der jetzt alljährlich auszutragende Kampf sich dann alle fünf Jahre in größerem Umfange und schärferer Form wiederholen.
Dieses Stück der „Reform" macht keinen hoffnungsvollen Eindruck.
* Vom Flottenverein. In der ,Rudolstädter Ztg.' äußert sich der Hofmarsckall des regierenden Fürsten von Schwarzburg - Rudolstadt, v. Priem, zu dem Streit innerhalb des Flotten- verems. Herr v. Priem mißbilligt die Haltung des Rudolstädter Landesverbandes, dem sich mittlerweile auch der Weimarer und der Gerarer Landesverband angeschloffen haben, und rat dringend zum Frieden. Er sagt:
Die Sache liegt nach meiner Ansicht einfach so: „Die Keimpartei ist aigriert, daß Fürst Salm ebenso rote General Keim aus dem Verein ausschieden, sucht nach einem Grund, um sich von dem letzt unter Großadmiral Köster stehenden alten Berem loszusagen und einen neuen Verein mit dem alten Präsidium zu bilden. Da müssen die bösen Bayern herhalten. Fürst Salm und General Keim sind gefallen, also müssen auch dir drei Herren in Bayern fort, sonst wird nicht mehr mitgespielt. Als ob eS nicht etwas andere- roäre, ob das Präsidium des ganzen VeremS aus irgend einem Grunde zurücktritt, ober ob ber Vorstand eines Landesverbandes zurücktreten soll, weil er anderen nach ihrer Bebauptung Schwierigkeiten macht. Wiek Wenn die Bayern den Spieß umdrehten und dem Präsidenten des Deutschen Flottenverems sagten: „Nicht wir sind die Friedensbrecher, sondert» die Keim-Anhänger, dte uns vorschützen, um etnen Grund zu haben, sich vorn großen Ganzen loszuretßen und einen neuen Verein unter alter Flagge zu gründend Wir sind bet unserer Delegiertenversammlung nach ber Danziger Tagung von unserem Landesverband einstimmig wiedergewählt worden. Seitdem haben wir uns absolut passiv verhalten. Das Verlangen unseres Rücktritts bedeutet nicht allein etne Beleidigung gegen uns persönlich, sondern gegen unsere sämtlichen Mitglieder. Gut, wir gehen, obgleich ww beinahe zweifeln, ob es den Herren ganz recht, da ihn en dadnich das Motiv zu einem Austritt genommen ist; aber wir verlangen, daß auch die Vorstände, die ihr Bleiben von unserem Zurücktritt abhängig machen, ebenfalls abtreten.' Ich möchte einmal sehen, rote unsere Rheinländer und Thüringer ausbäumen und er- klären würden: „Wir lassen unS in unsere internen Angelegenheiten von keiner Seite hineinsprechen." Wen wir zum Vorstand wählen und haben, tft ganz allem unsere Sache. Sie wären durchaus im Liecht. Jeder mag aber die Konsequenzen aus diesem Standpunkte ziehen. Auch ich glaube, daß der Vorstand des
Ä . Äijetsen: vtt «n>
k fpaltige petitjefle oder
A A A Jk A A. beten Baum 15 Pf 8.
»eklamendiepetttzell« II HB || I H » NS, bei wieder. A SH HH II HQ Holungen wird entspr.
W 9 EL M- MM | M MM «abattgewährt.
Eotatiottsbrudunb
Verlag der Luldaer Ak-
- ..... ...... .. tiendruckerei in Lulda
Monakbellage: „gulbaer SeschichtMatter" Zernsprecher Ur. 9.
Dyrnitr, der Kosak.
Von Marcel Etienne.
16] Machdruck verboten.)
„Als ich mich aus dieser Lethargie bc-3 Schmerzes nach und nach erholte, sah ich in der Ferne Apostol umher irrend, luie er, zu Fuß, beinahe zur Erde gebeugt, zwischen den Steinen, den gefchwärtten Balken, inmitten der Ruinen nach etwas suchte: der llnglücküche forschte nach jenen teuern Schätzen, nach den Resten jener, die keiner auf dieser Welt ihm wicbcrgebcn konnte — nach den Gebellten seines Weibes und seiner Kmderl Ich konnte das Entsetzen eines solchen Anblicks nicht länger mehr ertragen, in einem Anfall von wahnsinnigem Schmerz nmrf ich mich gegen den Stamm der Eiche. Roch suhlte ich das warme rote Blut über meine Wange rieseln, bann wurde ich ohnmächtig!"
„Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich Nicht mehr am Saume des Waldes mit dem fürchterliche» Bild vor meinen Augen. Meine Getreuen hatten mich an einen weniger trostlosen Ort gebracht. Dort kam ich, dank ihren Be- jMÜHungen, wieder zu mir.
„Aber ich zürnte ihnen beinahe dafür, daß 6! mich gerettet hakten. Ihr könnt Euch keine orstellung von meiner Verzweiflung macken, meine Freunde! Unter meinem Dach, — in meinem Hause war der Befehl zu diesem entsetzlichen Verbrechen gegeben worden, — zu einem Verbrechen, begangen an dem würdigsten und besten Sreunb, den ich jemals besessen hatte! Und wel- e Greuel von Blut und Gemetzel waren es gewesen! Mußte mein Name nicht für alle Zeit mit dieser untilgbaren Schande verbunden sein? Bte sollte ich eS denn beweisen, daß ich keinen teil daran gehabt hatte? Mußte ich nicht in aller Augen als ein feiler Höfling und gemeiner Verräter gelten? Als ein Verworfener, der, um A« L-"Nst eines bösen und hochmütigen Mag-
naten zu gewinnen, nicht davor errötete, sich zum Spießgefährten seiner Verbrechen zu machen? Czorka hatte in seinen büftern Abschiedsworten geschworen, sich zu rächen und ich wußte wohl, daß es schwer, beinahe unmöglich ist, der Rache eines Kosaken zu entrinnen! Auf jeden Fall jedoch schien ich für den Nest meines Lebens dazu verdammt, daß alle Polen, meine Landsleute,
mir mißtrauten und mich verachteten.
„Noch andere Qualen mischten sich zu diesem schrecklichen Gefühl der Schande. Was war aus den stillen Freuden unserer Freundschaft geworden? Aus den schönen Tagen, die wir zusammen unter den Zelten, in ber Steppe oder in meinem Hause erlebt hatten? Und diese armen Kinder, dte mir dereinst eine zweite Familie sein sollten, die, nach unfern schönen Träumen dereinst meinen Namen tragen sollten? Von all diesen so heißgeliebten Wesen und Dingen blieb nichts als eine handvoll verkohlte Gebeine in den Ruinen des Schlosses. Nur ich War übrig geblieben, ein einsamer, verzweifelter Männl"
Von neuem unterbrach sich Herr von By-
chowski und verbarg weinend sein Gesicht in den zitternden Händen. Auch der Richter hatte feuchte Augen und Treciak ließ die Nase hängen und strich sich erregt den Schnurrbart, bemüht, seine tiefe Ergriffenheit nicht zu zeigen.
„Mein armer Freund", sagte der Richter nach einem Augenblick des Schweigens, „Du täuschest Dich, wenn Du glaubst, man könnte Dich jemals feigen Verrates verdächtigen l Es wäre Dir unmöglich, ein folches Verbrechen zu begehen, da- für bürgt die strenge Ehrenhaftigkeit Deines Lebens, Dein Mut und Deine Loyalität, die jedermann bekannt sind! Außerdem kennt man nur zu gut das rachsüchtige und grausame Wesen des Wojwoben und die blutigen Taten des Elenden, mit denen et sich, um seine Macht zu sichern, zu umgeben weiß!"
„Doch muß ich der Wahrheit bte Ehre geben«, fuhr Bychowski fort indem er feine Tränen trocknete: „Der Wojwsbe war weit davon ent
fernt, ein folches Massacre zu wünschen, er be- dauerte es vielleicht ebenso wie ich. Nur hatte er im ersten Ausbruch seiner Wut sinnlose Befehle gegeben. Das räuberische Gesindel, bas er nach Komecpol gesandt, hatte, kaum dort angekommen, damit begonnen, die Türen der Keller zu sprengen, wo sich reichliche Vorräte von Branntwein befanden. Einmal berauscht, waren sie zu jedem Exzeß bereit gewesen; sie hatten daS schaurige Gemetzel damit begonnen, daß sie zuerst die Diener Czorkas niederschlugen, welche ihnen zu widerstehen suchten und sich dann, wie eine unheilbringende Flut, in alle Gemächer des Schlosses ergossen und die übrigen Bewohner desselben erdrosselten. Ium Schlüsse beendete die Feuersbrunst das schauerliche Drama und frönte mit seinen roten Flammen diesen Tag des Blutes und des Jammers!
„Es war Szymon Koszowacki, der mir später alles das erzählte, indem er mir die Entschuldigungen und die Freundschaftsversicherungen des Wojwoden überbrachte. Außerdem war er beauftragt, mich zu ihm in seinen Palast nach Kiew einzuladen.
„Ich aber wies alles mit Entsetzen von mir: die Einladung und die Entschuldigung, — ich schwur nie mehr irgendwelche Beziehung mit einem Potocki, — Sohn oder Verwandten dieses hochmütigen und verfluchten Geschlechtes zu pflegen. Und ich habe diesen Schwur gehalten, Ihr dürft es mit glauben, meine Freunde.
„Der Aufenthalt in Holuba war mir außerdem unmöglich geworden. Bei Schritt und Tritt quälten mich unter meinem Dach, an meinem häuslichen Herd die Erimlerungen an Apostol. Tag und Nacht sah ich ihn vor Augen, wie er in einem der nach Osten gehenden Fenster lehnte, die Augen nach bet Steppe gerichtet, dorthin, wo sich einst bas stolze alte Schloß Komecpol erhoben hatte. Dorthin führten mich immer und immer wieder meine Träume; am Abhang des Rasens, im Schatten der Weiden des Flusses, , überall sahen mir die Blondköpfchen entgegen, die ick io
sehr geliebt hatte, — die reizenden Kinder mit ihren frischen Farben und ihrem fröhlichen Lächeln. So deutlich schien mir zuweilen die Vision, daß ich kaum mehr an ihren Tod glauben konnte.
„Meine teure Frau begriff alsbald, daß wir ernstlich daran denke» müßten, unfern Wohnsitz zu wechseln. Sie tat die nötigen Schritte, zog Erkundigungen ein und erfuhr endlich, daß seht weit vom Boh und den Zaporagischen Kosaken entfernt die Herrschaft Kruto Hotby zu verkaufen sei. Ta wir, dank ihrer Odnung und Tätigkeit, in den Iahte» unseres Pachtvertrages einige Ersparnisse gemacht hatten, riet sie mir diesen schönen Besitz zu kaufen und uns hier für immer mit unterer Familie niederzulassen. Ich folgte ihrem Rat; fo gaben wir denn Holuba mit einigem Reugeld au feinen Eigentümer zurück. Ich sagte für immer den großen Ebenen des Ostens Lebewohl, um mich hier anzusiedeln, — erleichtert, beinahe zufrieden, mit einem mir ganz fremden Gefühl des Friedens, das freilich noch oftmals von den dunklen Schatten der Vergangenheit, von de» Erinnerungen jener grausigen Tage getrübt wird.
„So wenig sind leider die Bilder jener traurigen Erlebnisse aus meinem Gedächtnis geschwunden, daß ich noch immer nicht auf gehört habe, zahllose Nachforschungen anzustellen, datz ich sogar mehrere Reisen nach verschiedenen -punr- ten der Steppe unternahm, um aus sichere Queue zu erfahren, was aus Apostol geworden ist. Niemand jedoch konnte mir befriedigende Auskunft geben. Die einen sagten, er habe fich »n der musischen Armee anwerben lassen, unter der Fahne der Kaiserin Katharina, — andere behaupten, daß er vor Jammer und Verzweiflung gestorben sei bte dritten hingegen wollen wissen, daß et, immer weiter nach Osten votdtingend, zu de» wilden Völkerschaften jenseits des Kaspische» Meeres stieß, die ihn zu ihrem Häuptling ernannten. — Welche dieser Vermutungen ober auch wahr sein mag. mein Freund jK >-denfalls auf