35. Jahrqana.
Fulda, Samstag den 26. September 1908.
JV3 2 2 2
Drittes Wtcctt
Reklamen- mtb Anzeigenteil.
Osschttnt täglich mit Ausnahme der So.m= undzelertagevieriel- jSH:8che»yez»grpreir ohne Hrtnsrttshn und VesteLgei-isz«!-« sowie auswärts l-5vM.
ote er-, fpMge Petitzeile ode deren Raum 15 pfg Reklamen dlepetttzeü.
25 pfg., bei Wiederholungen wird entfpr. Rabatt gewährt.
RotatisnsdruSund Verlag derZukdaerAk- üendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
durch die Lucke ab und starb bald darauf an der dabei erlittenen Gehirnerschütterung.
Aus dem Nachbargebiet.
* Frankfurt, 25. Sept. 1908. Tem durch seine großartigen Altarwerke rühmlich bekannten Bildhauer, Herrn Caspar Weis, dessen Atelier lange Zeit in unserer Stadt war, und vor einigen Jahren nach Niederlabustew verlegt wmde, ist vom hl. Vater für seine Leistungen auf dem Gebiete der christlichen Kunst das Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ verliehen worden.
* Karlshafen, 25. Sept. 1908. Der Do u- ristenverkehr ist hier noch immer recht gut. Auch die Personen-Dampfersahrten, die am nächsten Montag geschlossen werden, bringen bei dem freundlichen Herbstwetter zahlreiche Ausflügler.
* Eisenach, 23. Sept. 1908. Gestern vormittag stürzte in bei Steinstraße ein mit Reparatur- arbeiten beschäftigter Tüncher von dem Dach eines vierstöckigen Hanfes. Der Verunglückte war sofort tot.
* Erfurt, 25. Sept. 1908. Der volkswirtschaftliche Verein für Obst- und Gemüseverwertung in Deutschland hält hier am 9. und iO. Oktober eine Versammlung ab. — Der Landwirt Karl Oetger im benachbarten Büßleben stürzte gestern abend, als er Futter vom Boden herab auf die Tenne werfen wollte.
sondern auch anderswo: denn in Bayern soll's nicht einmal am schlimmsten sein. Bei selbstbewußtem Auftreten! aller beteiligten Kreise müßte sich hier in wenigen Monaten ein völliger Umschwung vollziehen. „Das Blatt wird hier sonst nicht verlangt", hört man oft auf eine Anfrage hin. Das mag zuweilen übertrieben sein. Soviel aber ist sicher, daß das Nichtführen katholischer Blätter und Schriften dem Verkäufer keinen Schaden bringt. Auf fein „Nicht zu haben!" wird der gutmütige Katholik, wie ihn die Erfahrung längst gelehrt hat, sich eben ein anderes, ein liberales oder farbloses Blatt geben lassen, gleichviel ob dasselbe bei der Lektüre einen Fußtritt nach dem anderen ihm versetzt. Wenigstens in etwas entschuldbar wäre unsere Gut- mütigkett, wenn unsere Blätter hinter den anderen weit zurückständen. Wer aber noch etwas mehr verlangt als Sensation, wird wohl eher zum entgegengesetzten Urteile gelangen. Wir toe- nigstens haben uns mehr als einmal gewundert, was die Leser der Gegenseite von ihren Zeitungen und Zestfchriften sich bieten lassen, nicht etwa nur in der Politik, sondern auch in manchen anderen Zweigen der Berichterstattung und des Wissens.
Mag nun die katholische Konfession des Gewühl- ien daran schuld sein oder nicht, jedensalls be- weist es eine sonderbare Auffassung des Herrn Landrats von dem „Selbstverwaltungsrecht" der Gemeinden. Sogar die.Franks. Zig/ tritt gegen den Landrat auf, indem sie schreibt (Nr. 262):
„Btt der Neuwahl fiel die Dahl wieder auf den NicklbestStigte», der diesmal elf von zwölf Stimmen erhielt Trotzdem versagte Landrat von Nafle auch diesmal die Beitättgung, weil der Gewählte angeblich zu alt ist. Die Zentrumspresse behauptet jedoch, es fei geschehen, roeil er Katholik ist. Wrr nehmen an, daß dies nicht der Grund ist. Anderseils aber kann d er Altersgrau d schwerlich fürdieNicht- bestätigung in Betracht kommen, wenn die Gemeinderatsmitglieder, die doch in dieser Hinsicht das beste Urteil haben, in dem Alter kein Hindernis gesehen haben."
Wir brauchen dem nichts weiter hinzuzusügen, als daß weder der Bürgermeister Lichtenthäler noch Landrat von Naffe einen anderen Grund angegeben haben und auch wohl schwerlich angeben konnten. Der Altersgrund ist aber umso hinfälliger, als der Gewählte doch fcbon jahrlang als Stellvertreter das Amt ausüben konnte. Daß übrigens der Herr Landrat selbst nicht sehr von diesem Grunde überzeugt war, ergibt sich schon daraus, daß er den Gewählten zum frei- willigen Verricht zu bringen suchte, mit dem Begründen, falls er ihn nicht bestätige, weide es einen Mordsspektakel geben. Die Aufregung in Heddesheim über diese unberechtigten Eingriffe in das Selbstverwaltungsrecht ist sehr groß. Auch in dem Nachbarorte Waldhilbersheim wurde vor einigen Jahren mit recht sonderbaren Mitteln versucht, eine dem Herrn Landrat genehmere Wahl durchzusetzen, was viel böses Blut machte.
Hohenlohe
Reismehl
ete Zitate zur Klr.der- mllclr herverragend bewährt. Bel Magee-u. Oamerkrankungen der Säuglitgemttgatem Erfolge ärztl.verordnet.
Deutsches Reich
D Einen Aufruf a« die sozialdemokratische Partei erläßt her Parteivorstand aus Anlaß des Nürnberger Parteitages im „Vorwärts". Der Aufruf sieht mehr wie eine Bitte um gut SB eiter aus. Der Vorstand fleht darin die Vertreter der Obstruktion an:
„Der Parteitag in Nürnberg hat sich in gründlicher Verhandlung mit der Frage der Bndget- bewiUignng in den Landtagen beichästigt, einer Frage von großer grundsätzlicher Bedeutung, die schon vor dem Parteitag in der Presse und in Versammlungen lebhaft diskuliert worden tft. Nachdem nun der Parteitag in der Sache entschieden hat, darf erwaiket werden, daß der Beschluß von allen Genossen beachtet wird und die Genossen von Süd und Nord nach wie vor in der alten, geschlossenen und sturmerprobten Phalanx den gemeinsamen Kampf gegen die herrschenden Klassen weitersühren werden!"
Dabei muß der „Sorte." in derselben Nummer über Preßäußerungen berichten, aus denen hervorgeht, daß große Teile der Partei gar nickt daran denken, den Nürnberger Beschluß zu beachten. Die süddeutschen Genossen haben inzwischen mrch bei ihrer Gefolgschaft volle Indemnität für ihre Haltung auf dem Nürnberger Parteitag be» kommen. Besonders in 29 ahen scheint die breite Maste direkt das Bedürfnis zu empfinden, dem Parteivorstande eittgegenzutreten. So nahm am Sonntag in Karlsruhe eine überaus stark be- suciste sozialdemokratische Versammlung eine Resolution an, die sich mit der Erklärung der 63 Lüddeittschen einverstanden erklärt, Tie Nürnberger Resolution wurde mit der Begründmrg mißbilligt, daß sie die Tätigkeit der einzelnen Abgeordneten hindere.
ie. Der abgelehnte katholische Ortsvorsteher. Der zum zwettenmale mit 11 von 12 Stimmen <um Ortsvorsteher von Heddesheim (Kreis Kreuznach) gewählte Katholik ist abermals vom Landrat v. Nasse nicht bestätigt worden.
vermischter.
• gine Chafiepotknscl Vos 1870. Durch eine Operation, der sich der Militärinvalide Johannes Wenz in Haßloch am 27. Februar d. I. in einem Krankenhaufe zu Neustadt unterziehen mußte, wurde eine Ehaffepotkugel zutage gefördert, die W. am 2. Dezember 1870 in der Schlacht bet Orleairs erhallen hatte. Der - Prinzregent von Bayern, der von dem Vorkommnis hörte,, ließ die Kugel einfordern, die jetzt mit Silber eingefaßt und mit der Inschrift: „Am 2. Dezember 1870 und 27. Februar 1908" versehen, dem erwähnten Invaliden nebst einem Geldgeschenk von 100 <M eher zurllckgesaudt wurde.
* Tue telephonischen Verbindungen zwischen Paris und Deutschland über Berlin und Frankfurt find teiederhergestellt, indes nur für zwei öffentliche Fernsprechstellen.
* Eine Kalamität eigener Art brachte vorgestern in Mannheim die Hausfrauen in einen Zustand gelinder Verzweiflung. Durch den Anschluß eines neuen Wasserturmes an die Wasserleitung kam das Wasser in den Leitungsröhren so stark in Bewegung, daß der ansehnliche Oxvd- fatf in ixn Röhren tüchtig aufgerührt und mit- geriffen wurde und statt des gewohnten klaren Wassers eine braune Brühe den Wasserhahnen entfloß. Eine Menge Haushaltungen mußte in- Mgebeffen auf Suppe, Kaffee und dergleichen verzichten. Tie „große Msche" erlitt eine empfindliche Unterbrechung. Die alten Pumpbrnn- itert, die noch in manchen Häusern sich vorfinden, kamen wieder zu Ehren und einige Besitzer von solchen verkauften fogar das Master eimerweise. An einigen öffentlichen Brunnen, die am längsten klar blieben, herrschte ein starkes Gedränge.
Nehmen Sie
täglich em Likörgläschen Dr. Hommel'S Haemttogen unmittelbar vor bet Haupt- imchl,eit! Ihr Appetit wird reger, Ihr Nervensystem ertiartt, die Mattigkeit verschwindet und körperliches Wohlbefinden stellt sich raichest ein. Verlangen Sie jedoch ausdrücklich das echte „Dr Hommel's" Hae. malogen und weisen Sie Nachahmungen zurück!
Lar» Schütte;
ÄÄ w-chmbE°g-: „Illustrierte Zonntagrzeitrmg"
• „Mangel aw katholischem Selbst- bewrchtseirr."
Unter diesem Titel schreibt in der eben erschienenen „Propagandanummer" von Dr. Armin Kausens ausgezeichnet geleiteter „A llgemei- n e n Rundscha u" Paul Delbrück ein „Wort zur Verbreitung der katholischen Presse". Wir lesen da: .
„Sollte man es für möglich halten, daß in einer fast aan» katholischen Stadt selbst in den Tagen der "Katholikenversammlung am Bahnhof unsere Zeitungen fast verschwinden hinter der Menge derer von der anderen Seite? Dieser Zustand bildet eine beständige beschämende Anklage gegen uns selbst; das muß immer wieder betont werden. Tenn für die Händler ist bei der Auswahl der Zeitungen und Zeitschriften in der Regel doch nur eines maßgebend: sie schaffen an und bieten feil, was am besten abgeht. Wer auf belebten Straßen häufiger die Eisenbahn benutzt, hat gewiß schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht, daß fein Gegenüber, das nach seiner liberalen oder farblosen Zeitung zu schließen ein grimmer Zentrumstöter zu sein schien, .bald hernach als harmloser Zentrumsanhänger sich entpuppte. Beinahe wäre uns ein „echter" vor dem Zentrumsanhänger in die Feder geflossen', aber das Wörtchen könnten wir in diesem Zusammenhänge wirklich nicht vertreten, selbst wenn man uns daraufhin unterstellen sollte, nach unserer Meinung dürfe also ein „echter" Zentrumsmann überhaupt fein gegnerisches Blatt in die Hand nehmen. Wer in dieser Hinsicht das Prädikat „eckst" sich verdienen will, der nehme sich ein Beispiel an itnferen Gegnern. Wer könnte unter ihnen Leute nennen, welche die Zeitungen ihrer Richtung schweigend unterdrücken lassen und gleich uns die Presse der anderen Seite indirekt unterstützen? Da setzt vielmehr jeder als selbst- verstättdlich voraus, daß seine Zeitungen und feine Zeitschriften auf jedem Bahnhof und in jedem Restaurant ihm angeboten unb geliefert werden. Aus Bayern geht uns von hochange- fehener Seite folgende gewiß berechtigte Klage über solche Mißstände zu: „Man hat sich selbst in katholischen Städten, Gebirgsorten und Sommer- frifeben Bayerns daran gewöhnt, einem Gasthof- besitzen dankbar zu fein, wenn er neben einem Dutzend liberaler Blätter und dem katholischen Lokalblatt wenigstens ein einziges größeres ka- i tholisches Blatt hält. Solches „Entgegenkommen" • wird schon als eine Tat gepriesen. Jede liberale und protestantische Familie, komme sie aus Wärt- temberg, Baden. Sachsen, Braunschweig, Hannover. Mecklenburg, Oldenburg, Hamburg, verlangt tu ihrem Bade- und Sommersrischausenthakt ihr heimatliches Leiborgan. Engländer und Franzosen würden in einem Hotel nicht länger bleiben, wenn der Wirt nicht alsbald die gewünschten, meist sehr teueren englischen und französischen Zeitungen anschaffte. Und wir Katholiken? Dir begnügen uns mit einer mühsam abgerungenen würzigen Konzession. „Das muß anders werden!" Jawohl, und zwar nicht nur in Ba^rn,
MaerW Zeitung
monakbellage: „Mdaer Geschichtsblätter"
Unpolitische Zeitlause.
(::) Berlin, 24. September 1908.
(Nachdruck verboten.)
Einen besonderen Schalter für postlagernde Sendungen findet man vielfach in den größeren Postämter». Wtt Zweifel und Aerger habe ich oft den Verkehr in dieser Ecke beobachtet. Wenn Backfische, Pennäler, Studenten und sonstige un- ternehmungslnstige Jünglinge dort Briefchen ohne Namen ober mit erdichteten Namen abhoben, so ist das wirklich kein erfreulicher Anblick. Es handelt sich da zumeist um einen Verkehr, der das Licht jcheut. Ist die Postverwaltung berufen, dabei mitzuwirken? Und wie wirkt sie mit? Die poftlagernden Drieffendungen machen ihr viel mehr Umstande unb Selbstkosten, als die ordentlich adressierien Sendungen, die einfach dem zuständigen Briefträger zugeteilt und von ihm auf feinen regelmäßigen Gängen abgetragen werden. Tie postlagernden Sachen müssen besonders aufgehoben werden, und jedes Menschenkind hat das Recht, den Beamten zur Durchsuchung des Vorrats nach irgend einem Teckwort zu nötigen. Warum bringt die Post so große Opfer für eine Verkam sein richtung, die zum überwiegenden Teil zu unlauteren Zwecken gebraucht wird?
Es freut mich, daß endlich einmal diese Frage öffentlich cm geschnitten wird. Nämlich in der jüngsten Rümmer der Wochenschrift Allgemeine Rundschau (Müncken, Herausgeber Dr. Armin Kausen). Dort schreibt Rudolf Lange:
.Die postlagernden Briefe mit der Chiffreadresse sind in allen Städten, besonders in den größeren, das Haupthilfsmittel der Verführung, der Unzucht jeder Art, des Ehebruchs, des Diebstahls, der Erpressung und der Fluchtverheimlichung. Nötig sind diese Chiffreadres- fen für keinen anständigen Menschen; sie rich- ten überall nur Schaden an. Schauen wir nach Belgien. Dort hat der Verkehrsminister Helle- putt verfügt, daß vom 1. Oktober 1908 ab auch me postla^ernden Briefe durchweg mit voller Namensangabe versehen sein müssen, und daß der abgolende Empfänger sich zur Empfangnahme i er gewöhnlichen Bries« ebenso auswei- fen mup. wie zur Empfangnahme der einge- schrredenen und der sonstigen Sendungen, für welche die Post Gewähr leistet. Eine gleiche Borjchrift ist auch für Deutschland dringend notwendig."
Bravo k Den Vorschlag kann man nur entschieden unterstützen. Die Post, welche im Namen des Reichs oder des Königs wirkt, braucht sich nicht zum Handlanger bei einem lichtscheuen Treiben machen zu lassen. Sie darf und muß sagen: Herunter die Maske l Unsere Beamten sollen wis- fen, wem sie einen Brief aushändigen. Wer sich scheut, dem aushändigenden Beamten seinen Namen zu nennen, hat kein reines Gewissen!
Aber mau wird dagegen die angeblich berech- tigten Verkehrsinteressen ins Feld fiihren. Nun, was ist beim berechtigt an dem postlagernden Verkehr? Ich sehe nur einen Punkt, wo die Berechtigung außer Zweifel steht. Es verreist jemand in einen fremde» Ort, ohne daß er vorher angeben kann, wo er dort Wohnung nehmen wird; er muß die Briefsachen, die ihm nachge- ffandt werden, auf der Postanstalt seines Reisezieles oder auch einer Durchgangsstation abholen können. Aber ein solcher Reisender wird sich die Sachen unter seinem richtigen Namen nachschicken lassen, und ihm wird es nicht viel ausmachen, wenn er sich am Postschalter ausweisen muß. Jeder besonnene Reisende nimmt für alle Fälle Ausweispapiere mit, das ist unbedingt geboten für eine Reise von fsicher Ausdehnung, daß ein Briefverkehr Platz greift. Tas Postamt des Wohnorts stellt jedem Abreisenden eine Ausweiskarte aus, die ihn ohne weiteres bei allen anderen Postanstalten annebnieberechttgt macht, auch für Wertsendungen. Also für das berechtigte Verkehrs bediirsnis bei O rtsveränderungen ist und bleibt genügend gesorgt, auch wenn die postlagernden Sendungen nur dem ausgeschriebenen und sich ausweisendeu Adressaten ausgehändigt Werdern
Gibt es denn noch berechttgte Interessen, die durch den Ramenszwang geschädigt werden tonnten? Wenn ein^Geschästsmann zu anständigen und ehrlichen Zwecken Zirkulareverfchickt, so hat er keinen Grund, den Leuten, die er mit einem Angebot beehrt, feinen Namen und feine Adresse zu verschweigen. Wenn einer auf dem Wege eines Inserats wegen Verkaufs oder Vermietung usw. ein Angebot oder eine Nachfrage erläfet, so kann aus Scheu vor dem Gerede Unberufener die Verdeckung des Namens gerechtfertigt fein. Aber in dem Falle braucht man nicht das Hilfsmittel von postlagernden Sendungen unter Chiffren. Die Geschäftsstelle der betreffenden Zeitung nimmt ja unter den veröffentlichten Chiffren Antworten auf das Inserats entgegen. Diefe Vermittlung der Zeitung ist nicht ebenso
zu beurteilen, wie die Vermittlung des namenlosen Verkehrs durch die Post. Die Geschäftsstelle der Zeitung ersieht aus dem Inserat, um was es sich handelt. Eine anständige Zeitung wird ihre Mitwirkung versagen, wenn der Verdacht unsittlicher oder verbrecherischer Zwecke vorliegt; die Post aber weiß von den Absendern und den Empfängern und dem Inhalt und dem Zweck der namenlosen Briefsache» gar nichts und kann so zum blinden Helfer bei den ärgsten Schändlich- ketten genwcht werden, — was nur 5 oder 10 H kostet!
Aber vielleicht sagen nun zähe Gegner: der moderne Verkehr fei so mannigfaltig und verwickelt, daß doch Fälle üorfonimen könnten, wo brave Leute zu berechtigten Zwecken sich post- Iagerr.be Sendungen unter einem verabredeten Zeichen aus bitten müßten. Ich glaube nicht recht daran, doch auch dieses angebliche Loch ließe sich wohl stopfe». Im Notfall kann man jeder erwachsenen Person das Recht einräumen, gegen Zahlung einer gewissen Gebühr bei dem betreffenden Postamt die Eintragung einer Chiffre als zulässige Bezeichnung für Sendungen an den Antragsteller zu veranlassen. Es könnte die Abholung oder auch die Bestellung derartiger Sendungen vereinbart werden. Die Auswahl der Chiffre (Wörter, Buchstaben, Ziffern, Zeichen) wäre am besten dem Postamt überlassen, sowohl aus technischen Gründen zur Erleichterung und Sicherung der postalischen Behandlung als auch zur Verhütung von Mißbräuchen. Die Gebühr wäre nach der Dauer der Abmachung zu bemessen. Sie braucht gar nicht zu klein zu sein: es hätte überhaupt schon längst ein Lagergeld für die post- lagernben Sendungen erhoben werden sollen.
Ein solches amtliches Register der zn- lässigen namenlosen Sendungen könnte man der Verständigung halber sich allenfalls gefallen lassen. Es hätte doch bedeutende Vorzüge vor der gegenwärtigen unbeschränkten Maskenfreiheit.
Wer unter einer Deckadresse arbeiten will, muß dann wenigstens vor der Postverwaltung fein Visier lüften. Besser wärs freilich noch, wenn er es auch vor der Polizei lüften müßte, und dazu könnte dieBestimmung dienen, daß die Postverwaltung der Polizeibehörde von dem Register Kenntnis zu geben hätte. Es ist ja bekannt, daß gerade Leute, welche die Augen der Polizei scheuen, sich gern des Hilfsmittels der poftlagernden Sendungen bedienen.
Ferner könnte man auf dem bezeichneten Wege berunreifcnSuaenb bas gefährliche Sviel
mit dem postlagernden Briefwechsel legen. Wenn nicht erwachsene Personen die Eintragung einer Deckadresse verlangen sollten, mutz die Postverwaltung die beglaubigte Vollmacht der Eltern oder Pfleger fordern; auch bei Personen, deren Volljährigkeit oder Selbständigkeit ihr, zweifelhaft erscheint, müßte sie amtlichen Ausweis fordern bür- sen.
Damit kommen wir auf einen sehr wichtigen Punkt, dem alle Ettern die größte Aufmerksamkeit schenken sollten. Unter der modernen Jugend ist die Benutzung des postlagernden Schalters viel mehr im Schwanoe, als sich die meisten Väter und Mütter träumen lassen. Namentlich in den Städten, wo man die Erkennung oder das Aus- plaudern nicht fürchtet, lassen sich die jungen Menschenkinder von raffinierten Altersgenossen oder gar von Verführern höherer Jahrgänge leicht zu einer „heimlichen Korrespondenz" verleiten. Tie Sache fängt „romantisch" an und dann geht es bald bergab in die Niederungen von Schmutz, Schuld «nd Elend. Die Eltern glauben, sie hätten ihrer ilederwachungspflicht schon genügt, wenn sie die vom Postboten gebrachten Sendungen in Augenschein nehmen. Aber das genügt heutzutage nicht mehr. Sie müssen auch Obacht geben, ob das halbwüchsige Kind zum Postamt schleicht oder heimlich Briefe schreibt. Sie dürfen auch vor einer gelegentlichen Durchsuchung der Taschen, Mappen usw. nicht zurückschrecken. So lange nicht ernstes Anklagematerial vorliegt, macht man das natürlich in aller Stille ab, um nicht das un- schuldrge Gemüt zu kränken oder eine schlummernde Unternehmungslust z« wecken. Aber bei den gegenwärtigen Verhältnissen ist die gründliche Kontrolle in den gefährlichen Uebergangsjahren ganz unerläßlich. Sonst kann durch einen heimlichen Briefwechsel in kurzer Zeit zerstört werden, was die Eltern in der mühsamen Erziehungsarbeit lange Jahre aufgebaut hatten.
Besonders ist zu beachten, daß auf dem „postlagernden" Wege die Händler mit schmutzigen Bildern und Büchern ihre Giftware zu vertreiben pflegen.
Hoffentlich finden unsere Vertreter im 91 ei chs- t a g bald Gelegenheit, die Gefahren und Schäden der bestehenden Willkür im namenlosen Briefverkehr am maßgebenden Orte zur Sprache zu bringen. So wie bisher darf die Unterstützung von Verführern und Verbrechern nicht weiter gehen.
es ■