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M 217.

Iweites Wlcrtt.

' Tie Bedeutung des Bauernstandes.

Der Zemrumsabgeordnete Profeffor Dr. Hitze hat eine Schrift unter dem Titel „Abriß der Aar ar frage" herausgegeben, die tn im 33 er« laoe des Volksvereins München-Gladbach er­schienen ist. Die Schrift ist aus Skizzen ent­standen, die Unterlagen für die Lorlesungen des Verfassers über die Aararfrage an der Universität Münster bildeten. Den Geist der Schrift erkennt man am besten, wenn ma i liest, was der Ver­fasser über die Bedeutung oes Bauernstandes sagt:

1. Nach der Berufszählung von 1895 waren In der Land- und Forstwirtschaft im Haupt­beruf tätig 2,6 Mill. Selbständige; dazu kamen noch 96000 Verwaltungspersonal und 5,6 Mill. Arbeiter. Alle diese beschäftigten noch 375000 häusliche Dienstboten und zählten 9,8 Mill, (nicht hauptberuflich tätige) Angehörige. So nährte die Landwirtschaft (im Hauptberuf 18,5 Mill. Menschen. Dazu kamen noch 3,6 Mill. Personen, die im Nebenberuf in der Landwirt- schäft tätig waren.

2. Nach der Betriebszählung von 1895 gab es 5,6 Mill, landwirtschaftliche Betriebe, davon «llerdings 3,2 Mill, unter 2 Hektaren. Die Zahl der bäuerlichen Betriebe (von 2 bis 100 Hektar) betrug 2 296 889 (mit einer land- wirtschaftlich benutzten Fläche von 22877 696 Hektar) gegen 2189 522 (mit 22256 771 Hektar) im Jahre 1882. Die bäuerlichen Betriebe hatten also sowohl an Zahl als auch an Besitz gegen 1882 zugenommen und nahmen 70,4 Prozent der landwirtschaftlich benutzten Fläche in Anspruch. Auf die 1 238447 Betriebe mit 6 bis 50 Hektar tarnen allein 51,8 Prozent der landwirtschaft- lichen Fläche.

3. So erfreuen wir uns eines gesunden, kräftigen „Bauernstandes", der auf eigene Scholle waltet. Nur 12,4% der land­wirtschaftlichen Fläche ist Pachtland, von dem bäuerlichen Besitz sogar noch weniger; bei 5 bis 20 Hektar: 8,2%, bei 20 bis 100 Hektar 7,3%. Und es sind nicht bloß „Gutsbesitzer", nicht bloß „Oekonomen", sondern „Bauern", die mit Ein­setzung ihrer ganzen Persönlichkeit, in Zähigkeit und Intelligenz den von den Vätern ererbten Besitz „bebauen" und, dank der Weckung des rechten Standesbewußtseins durch die „Bauern"- Vereine, sich mit Stolz so nennen.

4. Trotz „Dornen und Disteln", trotz Sturm und Sonnenbrand, ringt er dem Boden die Roh­stoffe ab für unsere nationale Ernährung, für Kleidung und Wohnung. Trotz tödlicher Kon­kurrenz des Auslandes, trotz eigener Notlage, trotz mangelnder Arbeitskräfte hat er die Erträge stets gesteigert. Diese festen, roettergebränten, vielleicht von der harten Arbeitslast gebeugten Männer verdienen unsere Hochachtung und Lieb«, baden einen berechtigten Anspruch darauf, bai wr ihnen teilnahmsvoll die Hand drücken.

5. D,r Bauernstand ist im besten Sin», „national". Er ist mit dem Boden, den er bebaut, den er ererbt hat, innig per» wachsen, er liebt Heimat und heimatliche Sitte, kämpft für HauS und Hof, verteidigt ihn gegen Gleichmacherei und Revolution im Innern, wie gegen den äußeren Feind. Anderseits: wer hat unser Vaterland so wohnlich gestaltet, die wo-

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genöen Felder, die grünen Wiesen und Malten, den herrlichen, deutschen Wald geschaffen, wenn nicht der Bauer? Wer fein Vaterland liebt, liebt auch unseren Bauernstand.

6. Der Bauernstand ist ein wertvol­les konservatives Element m Staat und Gesellschaft. Er verstärkt die Kräfte der Ord­nung und Beharrung gegenüber dem stürmenden Fortschritt. Er rechnet mit den Gesetzen der orga­nischen Entwickelung.

7. Der bäuerliche Mittelstand bildet ein be­deutungsvolles Mittelglied zwischen „Ka­pital" und „Arbeit". In ihm vereinigt sich Kapital, Intelligenz und persönliche Arbeit. „Ar­beitgeber" und „Arbeiter" sieben noch in persön- liehen, familiären Beziehungen.

8. Der Bauernstand hält fest an Re­ligion und Sitte. Die freie Natur — der Tempel Gottes — ist feine „Werkstatt". Sonne und Sterne leuchten zu feiner Arbeit. Der Wechsel der Jahreszeiten bestimmt seine Arbeitszeit. Die Wolken in ihren wunderbaren Gebilden senden Schalten und befruchtenden Regen, können aber auch unter Blitz und Donner für einen Augen- blick vernichten, was in mühsamer Arbeit geschaf­fen. So lernt der Bauer aufschauen nach oben. Er bewundert die Werke des Schöpfers, beugt sich feinen Gesetzen, schaut betend auf zu dem, der allein Segen und Gedeihen gibt.

9. Der Bauernstand ist der Jung­brunnen der physischen und sittlichen Volks kraft. Die Arbeit, anfpannenb, in freier Natur, voll Wechsel und Anreanng, stählt Geist und Körper. Die natürliche, einfache Lebensweise, fern von den Genüssen, Lockungen und Aufregungen der Stadt und Industrie, unterstützt durch Religiosität und Sittenstrenge, hält frisch, schafft Lebenskraft und frohen Sinn und sichert dem Familienleten reichen Inhalt und festen Bestand. Die Söhne des Landes stellen die meisten und besten Soldaten und Offiziere. Das Land und die Land­wirtschaft weist die geringste Sterblichkeit, den höchsten Geburtsüberschuß auf. Die Großstädte erhalten und verstärken sich nur durch den lieber- schuß des Landes. Auch die akademischen Be­rufe, insbesondere der KleruS und Lehrstand retrutieren sich zum guten Teil aus dem Bauern­stand.

Die Schrift ist dem Andenken des Freiherrn v. Schorlemer-Alst, des Begründers des westfälischen Bauernvereins, gewidmet.

Deutsches Reich.

X Dem Bolksverein für das katholische Deutschland widmen die vom Zentralbureau der nationalliberalen Partei herausgegebenen .Nationalliberalen Blätter" (9h:. 37) anerkennende Worte. In einer Betrachtung zum Düsseldorfer Katholikentag schreibt die genannte Wochenschrift:

Der Volksverein für das katholische Deutschland ist in der Tat das ausgezeichnetste Instrument dazu, die katholischen Grundsätze in alle Schichten deS Volkes hineinzuiragen. Ein bewunderungswür­diges Beispiel organisatorischer Kraft deS Katholizismus! — DaS Blatt teilt Statistisches auS dem Bolksverein mit und fährt dann fort: Wer wollte angesichts solcher Zahlen das Gefühl der Bewunderung leugnen und anderseits das der bange» Sorge, ob es jemals gelingen wird, für den Liberalismus eine nur annähernd gleichwertige Organisation zu schaffen. . . Es wird für saft alle Gebiete des öffentlichen Leben», besonders der Sozial- und Mtttelstandspolitik, in Bor­

dell 21. September 1908.

trägen, Kursen, Flugblättern, Schriften eine gewal- tige, meist anerkennenswerte sachliche Ar­beit geleistet.

Die Wochenschrift gesteht weiter, daß „auf den Katholikentagen das Entstehen der mo- bernen sozialen Not zu einer Zeit schon ernst ins Auge gefaßt und behandelt wurde, als in den Reihen der meisten anderen bürget» lichen Organisationen nur erst ein sehr geringes Verständnis für die einstige Bedeutung dieser Frage vorhanden war".

* Dresden, 19. Sept. 1908. Die sächsische Regierung erläßt eine Verordnung, nach der die Gewinnung radiumhaltiger Mineralien dem Staat vorbehalten bleibt. Dasselbe gilt von der Aufsuchung und Benutzung von Bergwerks­und sonstigen Gewässern zur Verwertung ihrer radio-aktiven Eigenschaft. Radiumhaltige Wasser sind an verschiedenen Stellen gefunden. Am stärksten ist der Radiumgehalt des Waffers im Grubengebäude bei Georgenthal im Vogtlande. Bei der Wichtigkeit, die diese Angelegenheit mög­licherweise noch gewinnen kann, hat die Regierung die erwähnte Verordnung ertasten, die eine un­berufene, die Interessen der Allgemeinheit schä­digende Ausnutzung verhindern soll.

SozialSemokratischer Parteitag.

ns. Nürnberg, 19. Sept. 1908.

Es gebt zu Ende. Wer berufsmäßig dazu verurteilt ist, die Tagungen der Genossen wahr- zunehmen, der empfindet es besonders angenehm, wenn der Schluß herannaht. Man hat all­mählich den Respekt vor diesen Veranstaltungen und Beschlüssen verloren und mißt der Nieder- roürgung der meistens anderthalb Hundert An­träge nur in Ausnahmefällen eine Bedeutung bei. Auch die Genossen sind in ähnlicher Stimmung. So sand Genosse Geyer, der Leipziger Zigarren- fabrikant, mit seinem Referat über die Reichs- finanjteform sehr wenig Interesse. Er be- gtünbele eine alles ablehnende Resolution, die ohne Widerspruch angenommen wurde.

Dre zu Beginn des Parteitages zurückgestellte Frage der Jugendorganisationen Haldem Parteitag hinter den Kulissen schwere Arbeit ge­macht. Die Gewerkschaften hatten bekanntlich die Organisationen der Jugend sehr abfällig auf ihrem Gewerkschaftskongreß beurteilt. Jetzt ist nach eifrigen Konferenzen eine Resolution zu­stande gekommen, die die Parteiorganisationen verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die Arbeiter­jugend zur proletarischen Weltanschauung erzogen wird. Die wirtschaftliche Interessenvertretung und die Entscheidung über politische Parteifragen bleibt nach wie vor lediglich Ausgabe der gewerk­schaftlichen und politischen Organisationen. Die Resolution wird angenommen.

So gut als möglich erledigte der sozialdemo- kratische Parteitag in letzter Stunde noch eine lange Reihe von Anträgen über die Presse, über die Agitation u. a. Ein Antrag der Saar­städte, die Kolportage der Porträts lebender Parteigenossen als Änsichts - Postkarten zu ver- bieten, wird abgelehnl, ebenso das Verlangen der Hallenser, die Schwindel-Inserate durch den Partei-Vorstand aus der Partei-Preffe zu entfer­nen; das sei Sache der Preß-Kommissionen. Die Paffauer möchten gern dem ,$orroärt8' den Charakter als Zentral - Organ nehmen und ein neues Zentralblatt gegründet wiffen. Der

35. Jahrqcma.

Antrag wird abgelehnt. Auf den Antrag Nürn­bergs, den Dr. Eisner begründet, wird beschlossen, im Laufe dieses Jahres eine Konferenz zur Be­ratung der Agrarfrage einzuberufen. Gegen die deutsche Turnerschaft wendet sich ein An­trag Hamburg; sie soll boykottiert werden, weil sie Hurrah-PatriotiSmuS treibe. Er wird ange­nommen, doch stimmen einige Genossen dagegen. Haase-Königsberg fordert auf zur Veranstaltung von Rekruten-Abschiedsfeiern. Zubeil- Berlin hält die Reservisten-Organisation für noch nötiger.

Schließlich wurde noch eine Sympathie - Re­solution für die Polen angenommen. Den Partei- Beamten des Vorstandes werden Gehalts«Auf- beffetungen bewilligt.

Am Ende der „Arbeiten" des Parteitages „seht" Singer die „Marksteine", wie es bei spott- süchtigen Genossen heißt. Er wirst einen Rück­blick und knüpft daran einige schwülstige agitato­rische Phrasen. Diesmal aber gings bei ge­dämpfter Trommel Klang.

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Ausland.

* Deutschfeindliche Ausschreitungen werde», wieder aus Laibach gemeldet. Am Freitag durchzog daselbst eine ungeheure slowenische Volksmenge die Straßen und warf im deutschen Kasino und sämtlichen Häusern, wo Deutsche wohnen, die Fenster ein. Militär ging mit ge­fälltem Bajonett vor und säuberte die Straßen. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß.

* Rußland. Mit der Gewährung des Frauen st udiums an gewissen Anstalten hat die russische Regierung schlechte Erfahrungen gemacht. Gerade die studierenden Frauen waren und sind es auch noch, die die revolutionären Bestrebungen in weitere Kreise getragen haben. Wohl aus diesem Grunde hat der Ministerrat den Minister für Volksausklärung ermächtigt, die Zulaffung von Frauen zu den UniversttätS- Vorlesungen für die Zukunft zu verbieten, lieber« Haupt scheint die russische Regierung gegen die Revolutionäre wieder schärfer vorzugehen. Der bekannte Petersburger Millionär Roschkow wurde verhastet, weil fein Haus den Revolutio­nären als Hauptquartier diente. Roschkow unter­hielt auch lebhaften Briefwechsel mit den Revo- lutionären des Auslandes. Bei den Verhaftungen machte die Petersburger Polizei die sonderbare Entdeckung, daß ein Beamter des Polizeideparte- ments, der Dirigierende der Abteilung für die Versendung von Geheimzirkularen Cholodnjakow, Mitglied der revolutionären Vereinigung ist.

volkswirtschaftlicher und Sozialer.

150000 Leute ohne Arbeit. Der in Baum« Wollindustrie von Lancashire bereits feit geraumer Zeit andauernde Arbeilerstreik errerchte feinen Höhepunkt. Während die Spinnereiarbeiter in eine vom Januar an gellende fünfprozentige Lohnherabsetzung willigten, haben die Kardensaalarbeiter (Stemplet) dieS nicht getan, da ohne diese die Spinnereien ober nicht arbeiten können, so wird in den Werken der Betrieb ein­gestellt. Hierdurch werden etwa 150000 Leute beschäftigungslos.

- «8 hilft alles nichts. „Ja, ja, da» Tabak» rauchen ist eine verflixt teure G fchichf, früher hab' ich immer gebaut, willst btr’8 abgewöhnen, willst lieber weniger rauchen und was beflerS; ja Schmarn, die belferen Sorten haben hall auch bester ge­schmeckt, und bamit habe ich «st recht an­gewöhnt.

< Kleine Ursachen—große Wirkungen.

Humoreske von Dr. Kurt Abel.

(Nachdruck verboten.)

Schon feit längerer Zeit interessierte sich Ar­thur v. W. für eine junge reizende Witwe, die Baronin v. R., deren Gut an das feinige grenzte. Bon angenehmen Aeußeru und als Besitzer eines großen Vermögens, verfehlte auch er nicht, einen günstigen Eindruck auf die Dame seines Herzens «u machen und von allen Seiten sah man dem Zeitpunkt entgegen, wo sich Beide näher verbin­den würden.

Em großes Diner, von einem reichen Gutsbe­sitzer der Umgegend veranstaltet, sollte sämtliche vornehmen Familien seiner Bekanntschaft ver­einigen. Auch Arthur und die reizende Baronin befanden sich unter den Eingeladenen. Schon seit mehrerem Tagen hatte Ersterier um die Gunst gebeten — seine Angebetete in seinem Wagen abholen und nach dem Orte des Festes geleiten zu dürfen — und sie auch mit einem vielsagenden Lächeln erhalten. Die zur Abfahrt bestimmte Stunde war gekommen, Arthur's ele­gante Equipage hielt vor dem kleinen Schlosse der Baronin: der junge Mann sprang hinaus, eilte die Treppe hinan und hob bald darauf die in der gewähltesten Toilette strahlende Witwe in den Wagen — dann folgte er ihr und rollte seli­gen Herzens von dannen.

ES war sein Vorsatz gewesen, ihr während der Fahrt fern Herz anzubieten, um als glück- littet Bräutigam am Zieste anzulangen: des- halb hatte er es vorgezogen, die Pferde selbst zu lenken, um in ungestörter Einsamkeit mit der Holden zu sem, doch waren diese so wild und störrig, daß sie die ganze Aufmerksamkeit des Lenkers in Anspruch nahmen und es ihm nicht gestatteten, seinen Gefühlen freien ßauf zu

die Aufklärung des unseligen GeheimnisfeS, bal fein Lebensgluck bedrohte, zu erhalten und wandte sich daher an daS freundliche Mädchen mit der Bitte, ihm anzuvertrauen, weshalb bi« gnädige Frau gestern so unerwartet zurückgekehrt fei. Lange weigerte sich diese hartnäckig, ihm zu willfahren, endlich aber, da der junge Manq immer heftiger in sie drang, sagte sie lachend „Ja sehn Sie, gnädiger Herr, wenn Sie, toit doch zu erwarten steht, die gnädige Frau hei­raten, müssen Sie'S doch erfahren, die gn-isige Frau hat"--> —

__„Nun was" — rief Arthur atemlos.

„Zweierlei Zähne", — antwortete unbefangen da» Mädchen — „das eine Gebiß ist wunderschön gearbeitet, aber sehr teuer und leicht zerbrechlich, daS andere ist dauerhafter, doch nicht so weiß und steht der Baronin nicht so gut, al» das erste, deshalb trägt sie e» auch nur im Hause, wenn sie ganz allein ist. Gestern nun, als der Herr Baron erwartet wurde, beeilte sich die gnädig« Frau sehr mit der Toilette und vergaß btt Zähne zu wechseln, — daher mußte sie, sobald sie die» im Spiegel bemerkte, schnäl wieder nach Hause fahren. DaS ist die ganze Geschichte, gnä­diger Herr Barons" Wer der Hftrr Baron hörte nicht mehr, berstend vor Lachen, von Lieb« und Liebesschmerz geheilt, sprang er in feines Wagen und kehrte nicht wieder zurück.

Die Baronin trauerte einige Zeit um den Ungetreuen, dann tröstete sie sich und vermählt« sich mit einem achtbaren alten Geheimrat, der in Betreff der Zähne nicht sehr skrupullis war, da er ihr hierin nichts nachgab. .

Trotzdem befand sich der junge Mann wie im dritten Himmel und war sehr unangenehm über- rascht, als sie nach drei Stunden, die ihm wie Minuten entflogen waren, am Ziele der Fahrt anlangten. Mit ehrerbietiger Zärtlichkeit führte er die Baronin bis an das zur Damentoilette bestimmte Zimmer und eilte dann schleunigst in die Herren-Garderobe, wo er schnell seine Toi­lette in Ordnung brachte und hierauf an der Türe harrend, hinter der die Baronin verschwun­den war, auf das Wiedererscheinen derselben toartete, um sie in den Speifesaal zu geleiten. Eine langweilige halbe Stunde stand er dort in demütiger Geduld, damit beschäftigt, den An­trag, den er bestimmt während des Festes an- zubrmgen hoffte, zu memorieren und seinen Schnurrbart in stiller Resignation drehend. Da endlich I öffnete sich die Türe, Arthur eilte mit pochendem Herzen und funkelnden Blicken bot- wärts, um seiner Dame den Arm zu bieten, doch diese — ein Bild des Schreckens — stößt den sich ihr feurig Nahenden sanft zurück und stottert mit seltsam verzogener Miene: „Ich muß — ich beschwöre — ich bitte Sie--"

„Um Gottes Willen, gnädige Frau" — ruft Arthur — „was ist Ihnen begegnet, weshalb sind Sie so erregt?" — „„Ich kann es Ihnen nicht erklären", stammelte di« junge Witwe, „aber ich sehe mich genötigt"---wieder

stockte sie und wechselte die Farbe.

„So reden Sie doch nur, gnädige Frau, was soll ich tun, befehlen Sie über mich."

„Nur um Ihren Wagen bitte ich".--—

„Um meinen Wagen? Jetzt? "

„Ich muß fort, ein unseliger Vorfall zwingt mich dazu, augenblicklich nadj Hause zuvückzu- kehren" ....

„Wer ich beschwöre Sie, gnädige Frau, ver­trauen Sie mir. Sie wissen nicht, wie teuer". —

.Lein, nein, ich kann Ihnen nicht vertrauen.

ich flehe Sie nur an, mir Ihren Wagen zu geben", ruft verzlveiflungsvoll die junge Frau.

Ich eile, ich fliege, ihn herbeizuschafsen und in wenigen Sekunden geleite ich Sre nach Hanse."

„Um Gottes Willen, das darf nicht sein", ruft wieder die Baronin händeringend, „ich kann Ihre Begleitung nicht annehmen."

Verletzten eifersüchtigen Herzens ging Arthur nach dem Wagen, rief einen der anwesenden Kut­scher herbei, übergab ihm die Zügel und hob dann, in finsteres Schweigen gehüllt, das Ideal seines Herzens hinein, defsen rätselhafte 85dr- legenheit er sich nicht erklären konnte.

Niedergeschlagen kehrte der junge Mann hier­auf zurück und mischte sich — ein bleicher, melan­cholischer Gast — unter die fröhliche Gesellschaft. Keinen Augenblick wich der düstere Mißmut von ihm und der Tag, den er sich so herrlich ausge­malt, verging ihm in unerträglicher Langeweile.

Sobald es sich am nächsten Morgen mit An­stand tun liefe, fuhr Arthur nach dem Schlosse der Baronin, mit dem festen Entschluß, alles daran zu setzen, um die Lösung dieses Geheim­nisses, welches seine ganze Seelenruhe bedrohte, zu erfahren.

Rosig und lisbsnswürdig wie immer, dem bleichen Schreckensbilde von gestern nicht zu ver­gleichen, empfing ihn die junge Witwe als einen willkommenen Gast und lud ihn sogleich ein, das Frühstück mit ihr zu teilen. Arthur brachte bald das Gespräch auf den geftrigen Vorfall und ver­suchte fein Möglichstes ,bald durch zärtliche Bit­ten, bald durch gekränkte Miene, die gewünschte Aufklärung zu erhallen, doch umsonst, die Ba­ronin blieb unerbittlich und nach Verlauf einer Stunde entfernte sich der junge Mann noch ver- fhmmter, als er gekommen war. Bange, quä­lende Zweifel durchkreuzten fein Gehirn, als er die Baronin verlassen; da traf er unten im Vorsaal die muntere Kammerjungfy: der gnä­digen Frau. Er beschloß nun. um jeden Preis