Fulda, Samslaq
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3ÄÄS«- w«ch-nb<»age: „Illustrierte SoilntagsMtung"
Drittes Matt.
X Wir stiege» noch nicht.
Tie Elemente hassen das Gebild von Menschenhand". Mehr als irgend eine technische Erfindung ist die des lenkbaren Luftschiffes von der unberechenbaren Laune der Elemente abhängig.
Kein System ist davon ausgenommen. Das starre Luftschiff Zeppelins ging in dem Augenblick zugrunde, als der Erfinder fernem vollen Erfolge unmittelbar nahe zu sein schien. Es erlag während einer Landung einem Gewitter- sturm. Der Halbstarre Militärluftballon (Major Groß) war am 2. Juli von einem Gewitterwirbel derartig auf und nieder gerissen worden, daß er seine Form und seine Steuerfähigkeit verlor und in den Bäumen des Grünewalds hängen blieb. Dieser Tage hat das unstarr^ System des Majors P a r s e v a l Schiffbruch gelitten, weil der böige Wind den hölzernen Rahmen einer Stabilisierungsfläche zerbrach und die Trümmer ein Loch in die Gashülle rissen. Nun ist auch die viel Erfolg versprechende Flugmaschine Orville Wrights in Amerika durch einen Unfall vernichtet. Soviel Systeme, soviel Unfälle.
In Deutschland haben wir es zunächst nur mit Luftschiffen zu tun; feit von Lilienthal in Berlin mit seinem Drachenflieger tätlich verunglückte, hat die Pflege der Luftschiffahrt durch die Flugmaschine bei uns keine besondere Förderung mehr erfahren. Umsomehr glaubten wir auf dem Gebiete der Ballonfahrt uns auf unsere Erfolge etwas einbilden zu können. Und doch zeigt sich immer wieder, daß wir keine übertriebenen Hoffnungen hegen dürfen, sondern mit sehr bescheidenen Erfolgen uns begnügen müssen.
Der letzte Unfall eines deutschen Luftschiffes, dir des Parsevalballons, macht einen besonders empfindlichen Eindruck, weil er am Tage vorher eh e Probefahrt von mehr als 11 Stunden bei un günstigen Wetterverhältnissen ohne alle Stö- rui g geleistet hatte. Kurz vorher hatte der Mi- litrkrballon des Majors Groß ebenfalls eine Dauerfahrt geleistet, und zwar sogar von mehr als 13 Stunden, womit die Fahrt Zeppelins übertroffen war. Nach diesen Leistungen schien der Schwerpunkt der Luftschiffahrt vom Bodensee nach Berlin verschoben zu sein, und die Anhänger des unstarren und des Halbstarren Systems glaubten triumphieren zu können. Am Mittwoch sollten vormittags beide erfolgreiche Ballons auf dem Bornstedter Felde bei Potsdam dann dem Kaiser borgeführt werden. Aber des Geschickes Mächte ließen keinen von den beiden Ballons bis zu dem wartenden Monarchen kommen. Der Parseval- Ballon blieb infolge des erwähnten Unfalls zwi- schen einer Villa und einer Baumreihe in der Kolonie Grünewald hängen, und der Militärballon mußte nach schwerem Kampfe gegen den Wind in der Nähe von Potsdam umkehren, da eine Landung bei dem anwachsenden Unwetter untunlich erschien.
1 Nun sagt man, die Luftschiffer hätten bei dem ungünstigen Wetter gar nicht ausfahren sollen; die Rücksicht auf den Kaiser habe die Herren zu einer Verwegenheit hingerissen. Nachdem die Sache ohne Schaden an Leib und Leben abgelaufen ist. kann man ruhig sagen: Es ist ganz g u t, daß diese scharfe Probe bei schlechtem Wetter gemacht worden ist! Im Ernstfälle, während eines Krieges, kann man sich das Wetter auch nicht nach Belieben aussuchen. Jetzt haben wir eine neue Lehre erhalten über dieGreuzen unserer Kraft. Wie Graf Zeppelin aus der Katastrophe von Echterdingen wichtige Lehren ge
zogen hat, so können auch die Herren Parseval Groß und ihre Gehilfen und Gönner aus den herben Erfahrungen erkennen, wo die schwachen Punkte ihres Systems stecken und was zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit noch geschehen muß. Es ist nun einmal nicht anders:, durch Schaden muß man klug werden. Das gilt von den höchst gefährlichen Versuchen zur Eroberung des Luftmeeers in itodj höherem Grade, als von den sonstigen Vorstößen zur Unterjochung der Naturgewalten.
Auch jetzt erhebt sich hier und da schon wieder dec Ruf: der Unfall hat mit dem „System" nichts zu tun! Solche Ausreden dienen nur der unfruchtbaren Rechthaberei. Jedes System hat seine Vorzüge, aber jedes System, hat auch seine Schwächen. Letztere soll man nicht vertuschen, sondern vielmehr erkennen und beseitigen. Das starre System des" Grafen Zeppelin hat offen- bar den-Vorzug, daß der Ballon, während er in der Luft schwebt, widerstandsfähiger ist. Das unstarre System der Berliner Herren ist während des Schwebens in der Luft den Luftwirbeln und Windstößen mehr preisgegeben, bietet aber für den Aufenthalt auf dem Lande und für den Transport zu Lande günstigere Vorbedingun- gem So ist es durchaus kein Zufall, daß Graf Zeppelin keinen Unfall während des Landaufenthalts erlitt und die Berliner Ballons dagegen während des Fluges. Das halbstarre System des Majors Groß zeigte sich zu empfindlich gegen die schnelle Steigung und Senkung in einem Lust- Wirbel. Das unstarre System Parsevals litt unter der Schwäche des Holzrahmens seines Gleich- gewichtssegels und unter dem Umstände, daß sein Gasbehälter wegen Erhaltung der Form stets unter hohem Druck stehen muß und also bei jeder Verletzung der Hülle sofort in starkem Strome das unentbehrliche Gas ausströmen läßt.
Trösten wir uns mit der Erwägung, daß die unvermeidlichen Katastrophen ohne allzu schweren Schaden vor sich gegangen sind. Hätte man ungewarnt in gesteigertem Selbstgefühl iveiter arbeiten dürfen, so wäre vielleicht das Lehrgeld noch viel höher geworden. 'Nicht verzagen, aber auch nicht über st ü r z e u! Wenn wir den tückischen Gewalten der Luft beikommen wollen, so kann nur Schritt vor Schritt in zähem, geduldigem Ringen das Feld erobert werden. Den Wortstreit um den Vorrang des eilten oder des anderen „Systems" sollte man ganz einstellen. Es kommt nur auf die Leist u n g e n an. Je mehr Systeme ihre Versuche machen, desto mehr Aussicht auf Fortschritt.
ö Vergleiche
Auf Oer belebten Londoner Straße staut die Menge. Mit fliegenden Fahnen zieht ein großer Trupp Menschen Vorbei, Musikanten blasen ohrenbetäubende Gassenhauer, nach deren Melodie Männer und Weiber religiöse Lieder singen. Halleluja-Mädchen drücken den Vorübergehenden Schriften in die Hano. Geschrei, Singen und Johlen. Wie ein Spuk zieht der Schwarm vorüber: der allsonntägliche Zug der Heilsarmee durch die Straßen Londons, den fein Mensch stört oder verbietet. — Vor der Westminster-Kathedrale desselben London bildeten am letzten Sonntag 1000 Polizisten Spalier, 2000 standen im Hintergrund in Bereitschaft. Um 3% Uhr öffnet sich das Portal der Kathedrale, und die e u ch a r ist i s ch e Prozess i o n zieht heraus. Ernste, ruhige Menschen, Priester, Bischöfe und Kardinäle, englische Parlaineiitsmit- glieder, Lords und Peers. Sie wollen ihren Herrn und Gott öffentlich bekennen. . . Ein Telegramm des Premierministers. Protestantischer Kreise hat sich Aufregung bemächtigt; da-
Zeitung
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Sotationsdruckund Verlag der Zuldaer Ak- ttendrnckerei in §ulda Lernsprecher «r.9.
den 19. September 1908.
her Verbot der kirchlichen Ausstattung der Pro- zession.....Und ohne Sanktissirnum, ohne
feierliche Gewänder, entkleidet aller ihrer schönsten Zeremonien zieht die Prozession durch die von allem Verkehr abgelegenen stillen Straßen!
Sozialistischer Fr auenkon greß in Nürnberg. Ottilie Bader berichtet über die Erfolge der sozialistischen Frauenbewegung. In die Häuser sind sie gedrungen und haben die Dienstmädchen organisiert, in die Hütten sind sie gegangen und haben die Frauen revolutioniert, und in die Geschäftshäuser sind sie marschiert und haben ihre Besitzer terrorisiert, boykottiert. „Wir Frauen", ruft Frau Zetkin aus, werden Mitarbeiten, daß diese verfaulende, vermorschende Gesellschaft bald in den Orkus geschickt wird." Die Polizei sieht und hört es, kein Gesetz tritt entgegen. — In X. sind der Kranken viele. Man schreibt an einen Krankenorden und bittet um einige Barmherzige Schwestern. Sie sollen in die Häuser gehen und Schmerzen lindern, sie sollen die Armen und Verlassenen in der Hütte aufsuchen und Trost und Hilfe bringen, Tränen trocknen, Gebrochene aufrichten, Unglückliche der menschlichen Gesellschaft wiedergeben. Freudig folgen die Schwestern dem Rufe. Doch Halt! Erst müssen zwei Minister die Erlaubnis geben, erst muß geprüft und entschieden werden, ob die Liebestätigkeit der Engel der Barmherzigkeit nicht — staatsgefährlich ist. Denn so verlangt cs das Gesetz!!
Ein T a n z l o k a l in einer Fabrikstadt. Es geht hoch her. Die Harmonika spielt auf zum Tanz, die Burschen fliegen mit den Mädchen daher. Die Getränke erhitzen die Köpfe. . Dort ein junger Mann folgt einem Paar mit glühenden Augen. Ein kurzer Wortwechsel. Schlägerei, Messerstich, Blut. Verwundete trägt man vom Schauplatz. Wie oft kommt das doch vor! Die Polizei zuckt die Achseln. Was will sie? Die Leute zahlen ihre Vergnügungssteuer, und man kann ihnen das Tanzen doch nicht verbieten. — In Schöppen st edt (Braunschweig) möchten die Katholiken, viele Hunderte, Sonntags eine Messe haben; sie sehnen sich nach Gottes Wort und der heiligen Handlung. Aber die Schöppenstedter Katholiken müssen erst die ministerielle Erlaubnis haben. Es wird ihnen in Gnaden zugestanden: viermal im Jahr eine Messe, an noch näher anzugebenden Sonntagen. Denn man kau n es ihnen auch ganz verbieten. —
O Welt, wie bist du wunderlich!
Au§ dem Uüchbargebiet.
v Frcmkcuberg, 17. Sept. 1908. Der Kreistag übernahm die Kosten des Grunderwerbs für die Eisenbahn von Kirchhain nach G e m ü n de n, innerhalb der Gemarkung Ge° münden und von Corbach nach Brilon innerhalb der Gemarkung Eimelrod auf den Kreis und beschloß gleichmütig die Aufnahme eines Darlehens hierzu bis zur Höhe von 105 000 M. — Der Kreishaushaktsetat für 1908 wurde auf 232506 cft festgesetzt.
* Von der Werra, 17. Sept. 1908. Die diesjährige Tabakernte im mittleren Werratal ist in bezug auf die Quantität des Ertrages sehr befriedigend. Die Ernte ist viel reichlicher als in früheren Jahren und wird auf insgesamt 4—5000 Zen ner geschätzt. Allerdings wurde auch in diesem Ja'me mehr Tabak angebaut, als im Vorjahre. Wenn trockenes und warmes Herbst weiter kommt, wird die Ernte recht günstig abschließen.
35. Jahrqanq.
vermischtes.
*' Eine Spiritusexplosion in einer Brannt- weinbrennerei in Düsseldorf richtete große Verwüstungen an. Der Arbeiter Jakobi wurde furchtbar verstümmelt imb war sofort tot.
* Durch den Zusammenbruch des Wasserbas- sius für das nördliche westfälische Kohlenrevier, der kürzlich gemeldet wurde, ist ein Flurschaden von 15—20 000 oÄ verursacht worden, lieber die Ursache des Schadens ist noch nichts ermittelt.
• Zeppelinstraße. — Nur für Luftschiffer! In Hildburghausen haben sich Witzbolde einen Spaß geleistet. Sie brachten am Eingang der etwas suiirpfigen Wiesenstraße ein Plakat an mit der Inschrift. „Zeppelinstraße. Nur für Luftschiffer! Für Fußgängev und Geschirre Verbote n."
*’ Tie Cholera auf einem englischen Dampfer. .Ernste Besorgnis erregt in Schweden die Nachricht, daß auf dem englischen Dampfer „Saxon" in dem Hafen von Säkkijaervi die Cholera auS- gebrochen ist. Der Steuermann starb.. Im Cholerahospital auf Björkö starb ein finnischer Seemann unter choleraverdächtigen Symptomen.
* Lynchjustiz. In Atlanta (Georgia) ist wieder ein Neger gelyncht worden, und zwar von einet weißen Frau, deren Tochter er beleidigt haben sollte. Die Bevölkerung leistete solange Beistand, bis der Neger verschieden war.
ca. Bon einem angeblichen Lonrdesschwindel berichteten kürzlich mehrere Blätter nach der Pa- Text der „Franks. Ztg." (30. August) folgen: „Am Donnerstag morgen sollten zwei Pilgerzüge rifer „Petite Republique". Wir lassen hier den nach Lourdes abgehen. Einige Stunden zuvor hatte man auf einem Wagen einen Kranken her- beigeführt, der in der Wunder grollte Heilung finden sollte. Bahnbeamte brachten ihn sehr vorsichtig auf einer Bahre herbei. Sie überschritten mit ihm das Geleise, als ein Inspektor auf sie losstürzte und ihnen zurief, sie möchten sich beeilen, da der Zug von Metz in den Bahnhof bereits einfahre. Als der Kranke diese Warnung vernahm, fuhr er von seiner Bahre empor, sprang zu Boden und ergriff so schnell die Flucht, daß seine Träger mit ihm nicht Schritt zu halten vermochten. Diese „Heilung", die die Wunderwirkung von Lourdes auf weite Entfernung etwas gar zu deutlich vor Augen führte, rief natürlich unter den Zeugen dieses Auftrittes allgemein« Heiterkeit hervor, in die sogar einige Pilger mit einstimmen mußten." — Die Geschichte ist — erfunden — und dazu noch schlecht erfunden, denn die Züge zur Aufnahme der Pilger standen auf einem Uebergeleise, etwa 25 Meter entfernt von dem Geleise des Metzer Schnellzuges. Unter den tausend Anwesenden hat kein Mensch etwas von der angeblichen Begebenheit gesehen.
— „Kellner, einmal Walfisch!" Im Schaufenster einer Berliner Delikatessenhandlung kann man jetzt Walfischfleisck ausgestellt sehen. Die ,B. z. a. M." versichert: „Wir hatten Gelegenheit, die seltene Flcischart zu kosten, und können nur versichern, daß dai Walfischfleisch äußerst schmackhaft ist und zart rot« geräucherter westfälischer Schinken." Wilde GanS und wilden Truthahn, jungen Schwan, Pfauhahn, Bärenschinken, Känguruschwanz, früher einmal auch Biberschwanz haben wir schon in Schaufenstern gesehen und teilweise gekostet, aber Walfischfleisch ist bisher in Berlin noch nicht dageroesen.
Reklamen- und Anzeigenteil.
Wenn Sie Ihr Kind
gesund, munter und geistig frisch sich enfc wickeln sehen wollen, so geben Sie ihm Dr« Hommel's Haematogen. Lasten Sie sich je« doch keine der vielen Nachahmungen aufs reden!
— Als die Alldeutschen in der vorigen Woche in Strasburg (Weftpr.) ihren sogen, deut- schen Tag hielten, hatte der Amtsturm der Domän» Strasburg, der vom Rittmeister Weiß-
ermel-Schlossau verwaltet wird, nicht geflaggt. Darob muckten die Alldeutschen auf und wollten den Verwalter hochnehmen. Indes der Rittmeister Weißermeldiente ihnen vortrefflich, indem er ihnen folgende Postkarte schrieb:
Ich habe im Jahre 3 65 deutsche Tage in Schlossau und brauche nicht besonders nach Strasburg zu fahre», um deutsch zu sein. Und den SUtreichs- kanzler ehre ich dadurch, daß ich in allen Punkten gewissenhaft, w:e es meine Pflicht gegen das Vaterland und alle ist, die etwas zu verlangen haben, zu erfüllen mich bemühe. Name: Alfred Weißermel. jStar.b: Steif im Rückgrat. Wohnort: Im deutschen Schlossau.
In einer Ecke der Postkarte las man dann noch die Bemerkung: „Immer bloß fei ern und saufen i st u n d eu t s ch." — Das war nicht überhöflich, aber deutsch.
— Von europäischer Kultur beleckt ist entschieden der Häuptling W. Duala Ngongi in Bouadiboug (Westafrika), der an eine BreSlauer Juwelierfirma einen Brief folgenden Wortlautes richtete:
„Duala, Bouadiboug, den 5, Aug 1908.
Möchte ich gerne die beiden Lorgnon Glas mittel haben, nicht ganz groß. Die Sache möchte ich mit Rächtsngelcgenheit kriege, wenn Sie mein Brief bekommen habe. Hochachtungsvoll.
Adresse ist W. Duala Ngongi. Häuptling. Bouadiboug, Duala."
ES handelt sich bei dieser Bestellung laut einem beiliegenden Ausschnitt aus der Preisliste um zwei Monokel und eine dazu gehörige Schnur, deren Betrag gleichzeitig im voraus eingeschickt wurde. Vermutlich hat der biedere Duala-Häuptling einmal unter unseren deutschen Schutztruppen-Offizieren einen Monokelträger gesehen, dessen „Scherbe" ihm so imponiert hat, daß er sich gleich zwei Exemplare dieses „standesgemäßen Toilettenrequisits" beizulegen beschloß.
— Ein politischer Tausendsassa scheint ein Oberlandesgerichtsrat B o z i in Hamm zu fein. Er hat das Mittel gefunden, wie die Regierung eine jederzeit zuverlässige nationale Mehrheit
y. Lauge Abende.
Mit flüchtigem Gruß ist der Sommer gegangen. Sein Nachfolger, der Herbst, raschelt durch die dürren Blätter. Nasse Fäden fliegen um sein Haupt, und um seine Schulter weht im Wind der dunkle Mantel. Ihm folgen als Genossen kurze, nebelige Tage, lange, kühle Nächte.
Lange Abende. Die sparsame Hausfrau denkt mit Schrecken an die großen Ausgaben für Licht und Brand. Die Kohlenpreise bewegen sich feit langem auf unerträglicher Höhe; daS Petroleum ist auch teuer genug; und nun soll auf GaS und elektrisches Licht noch eine Steuer kommen. Da möchte man ja schon fast zu Allvaters Zeit zurückkehren.
Wir Jetztmenschen brüsten uns gerne mit den Errungenschaften unserer Zeit. Spöttisch spricht man vom Oellämpchen und Kerzenlicht der alten Zeit. Gewiß, was Lichtwirkung angeht, kann diese nicht gegen Gasglühlicht und die elektrische Strahlung an. Aber diese blendende Lichtfülle hat auch. ihre dunklen Schattenseiten. Man schmäht die qualmende Lampe und flackernde Kerze, und bedentt nicht, daß das künstliche Licht geradezu verheerend auf die Sehkraft wirft. Hat es früher so viele Sehschwache und Augenüber- reizte gegeben? Die moderne Beleuchtung macht die Nacht zum Tage, um das hat sein BöseS. Ohne sie wären die Nachtfeste, Nachtkaffees und dergleichen, welche die menschliche Gesundheit [ruinieren, »richt denkbar.
1 Gegen einen vernünftigen Fortschritt ist keiner; nur das Uebermaß muß bekämpft werden. Und wenn eS daher eine Formel gäbe, die diese Auswüchse träfe, so könnte man insoweit eine Gas- und Elektrizitätssteuer begrüßen. Leider ist baS aussichtslos. Vielleicht aber kommt durch die Steuer die alte Petroleumlampe wieder zu höheren, Ehren. Und zu Nutz und Frommen derer, die sich heute viel oder ausschließlich ihrer bedienen — ganz ist sie ja überhaupt nicht zu entbehren —. feien beim Eintritt
sichern kann. Die Regierung stellt Kandidaten bei den Wahlen auf, auf die traft Gesetzes alle Stimmen der Nichtwähler bereinigt gelten. Da, wie Herr Bozi konstatiert, die Zahl bet Nichtwähler selbst die stävkste Partei erheblich übersteigt, hat die Regierung stets die stärkste Partei zu ihrer Verfügung. Also, Herr Reichskanzler, schnell den Gesetzentwurf, den der Block bewilligen muß, dann Auflösung der Parlamente, und dann braucht Fürst Bülow weder di« schwierigen Blockleute, noch das verhaßte Zen« hum.
— Ein unterirdischer Strom. Ein amerikanischer Geologe hat herausgefunden, daß der größte Fluß der Erde in Australien fließt, aber nicht auf der Erde, sondern unter der Oberfläche. Bekanntlich fließt in Australien sehr viel Wasser unterirdisch, und schon ein australischer Professor namens Mudd hatte behauptet, daß es dort große unterirdische Flüsse gebe. Jetzt soll festgestellt worden sein, daß einer derselben an einer Stelly eine Breite von über 200 englischen Meilen ber sitzt. (?)
— Prinzen-Erziehung. Eine junge Durchlaucht soll auf der Kriegsschule das Offizierexamen unter allen Umständen bestehen; der Kommandeur instruiert den Examinator entsprechend. Beim Examen fragt dieser: .Mit wie viel Pferden ist ein Geschütz bespannt?' — »Mit vier Pferden!* antwortet Se. Durch!. — „Sehr richtig," bemerkt der Examinator, „unb wenn Durchlaucht die Vorderpferde mitrechnen, daun sind wieviel Pferde vor dem Geschütz?" — „Sechs," antwortet Se. Durch!. „Sehr richtig," be- merkte der Examinator.
— Gefährlich. Frau Nobel: „Ja, als wir in Aegypten waren, besuchten wir natürlich die Pyramiden. Sie waren vollständig mit Hieroglyphen bedeckt.* Frau Neurich: ,Ach, wie ekelhaft! Hatten Sie denn nicht Angst, daß Sie nrrlche fange« könnten?*
der langen Abende einige beachtenswerte Grundsätze wiedergegeben, die baS Polizeipräsidium aufgestellt hat, beim erfahrungsgemäß entstehen durch falsche Behandlung der Petroleumlampe häufig Explosionen und Brand. Die Zehn-Gebote lauten: 1. Die Petroleumlampe soll eilten breiten, möglichst schweren Fuß haben, damit sie nicht umfallen kann. 2. Der Oelbe- hälter soll auS Metall sein. 3. Der Zylinder soll gut passen und so aufgesetzt sein, daß die Lust nicht seitwärts zur Flamme kominen kann. 4. Der Brennring soll fest aufsiben. 5. Der Docht soll weich und nicht zu dicht, dabei so breit sein, daß er leicht eingezogen werden kann. 6. Der Oelbehälter ist vor dem Gebrauch der Lampe ganz zn füllen und zwar möglichst am Tage; beim Füllen darf eine brennende Lampe ober ein Licht nicht in der Nähe sein. 7. Tie Lampe muß stets rein gehalten werden. 8. Beim AuS- lösa-en soll der Docht bis in die Höhe des Brenners gedreht und dann über den Zylinder hinweg geblasen werden. 9. Die brennende Lampe darf nicht der Zugluft ausgesetzt werden; eS ist also zu vermeiden, mit ihr umherzugehen. 10. Im Schlafzimmer soll möglichst keine Petro- lemi'lampe sein ober vor dem Zubettgehen ausgelöscht werden.
GnteS Licht ist die erste Vorbedingung für gemütliche Winterabende; die Hausfrau muß darauf ihr Augenmerk richten. Der Hausvater aber möge dafür forgen, daß die Abende nicht lang werden, einerseits durch zeitiges AuSdrehen des Lichtes (das spart viel Geld), andererseits durch Belehrung und Unterhaltung am Familientisch; und für letzteres möchte ich ihm ein ganz vortreffliches Mittel kurz nennen: eine gute Zeitung!