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35. Jahrqanq.

Fulda, Freitaa den 18. September 1908.

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Kustes Wlcrtt

rrjcheint tSglich mit Lurnahme der $o.m» und Leiertage, viertel- jShrttchervezugrprcir ohne vringrrlohn und vestellgeld in Luldass- Wie<mr«ärtr;.SvM.

verantw. vedaktemt

Larl Schütter

w-ch«.b-n°g-- „Zllustrierte Somtagszeitung»

Deatf^es Reich.

X Die interparlamentarische Konferenz wurde gestern im Reichstag in Anwesenheit zahl­reicher Vertreter der Regierung in feierlicher Sitzung eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde Prinz von Schöneich-Earolath gewählt.

Reichskanzler Fürst v. Bülow hieß in fran­zösischer Sprache die Delegierten im Namen der Kiserlichen Regierung willkommen. Er Pries das Ziel der Union und begrüßte vor allem den Begründer der interparlamentarischen Konfe­renz, Frederic Passy. Sie haben Ihre Aufgabe tierfolgt, Bürgschaften für den Frie­ben und die Eintracht unter den Vol­kern zu erlangen. Ich kann es ohne Uebcr- treibung sagen: Von Jahr zu Jahr hat Ihr Er­folg zugenommen. Sie sind Abgeordnete, meine Herren, und ich bin Minister, ein Minister, der sich seit elf Jahren in diesem Saal oft an die Vertreter seines Landes gewendet, hat. Wenn ich auch kein parlamentarischer Minister in des Wortes verwegenster Bedeutung bin, so bin ich doch ein streng ehrlicher und konstitutioneller Reichskanzler." Er wisse, daß die Delegierten als Volksvertreter die Gefühle ihrer Mitbürger ausdrückten und daß deren Wünsche der Mehr­zahl nach der Eintracht, dem Fortschritt und dem Frieden günstig seien. Es sei das Verdienst dec Interparlamentarischen Konferenz, den Weg für die internationalen Verträge freige­macht zu haben. Daß Deutschland lebhaft an der Schiedsgerichtsfrage teilnehme, zeige schon der Wille, an der Konferenz der Seemächte teil­zunehmen. „Unsere Mitwirkung ist im voraus für alle Vorschläge gewonnen, die mit den In­teressen der rechtmäßigen Verteidigung wie mit den unverjährbaren Gesetzen der Menschlichkeit vereinbar find. .... Friedensliebe bedeutet nicht Mangel an Vaterlandsliebe. Es find Patrioten, die sich bemühen, Konflikten vorzu- beugen durch Bekämpfung der immer schädlichen Unwisienheit, ungesunder Rankünen des oft blin­den Hasses, der nicht selten trügerischen Am­bitionen. Wer so handelt, gibt einen Beweis von Patriotismus, der den Weg frei macht und so den Aufstieg der Menschheit zu dem allen Zeiten und allen Völkern gemeinsamen Ideal erleichtert."

Es sprachen sodann noch mehrere auswärtige Delegierte, worauf der Ehrenpräsident des In­ternationalen Friedensbiiros, Frederic Baier, über die Studien, die für die kommende dritte Friedenskonferenz zu machen find, sich verbreitete. Der Kaiser hatte ein Begrüßungstelegramm geschickt.

Priesterjnbiliimn Papst Pius' X.

Am Fenster des Vatikans steht der Nachfolger oes hl. Petrus. Sein Blick schweift über Rom und die Campagna, und die Vergangenheit ersteht vor seinem Geiste. Bilder einer zweitausend- jährigen Geschichte entrollen sich. Flackernde Oellampen erhellen die Schlupfwinkel der Kata­komben, wo der erste Papst seine kleine Gemeinde versammelte. Wilder Tiere Gebrüll, neronisches Gejauchz der Heiden und das sterbende Röcheln der Märtyrer dringen aus der Arena. Dann ein flammendes Kreuz siegreich strahlend über dem Heers Konstantins, des ersten christlichen Königs. Die aus dem Tempel Jerusalems her- vorbrechenden Flammen beleuchten Julian, der knirschend gesteht: Galiläer, du hast gesiegt! — Es erhebt sich die vielköpfige Hydra des Irr- und Unglaubens. Es schneidet das Schisma tiefe Wunden. Es steigen fremde Eroberer über die Alpen, Könige ziehen mit Waffenmacht gegen Rom. Es gräbt ihre Minengänge die Loge und entzündet Revolutionen. Brutale Gewalt legt die Hand auf der Kirche Besitz, und giftige Pfeile schwirren aus Wort und Schrift, Tag für Tag, legionenweise. Zwei Jahrhunderte Papsttum, ungefüllt mit einem Meer von Kämpfen und — Siegen! . . .

St. Peters Kuppel leuchtet über der ewigen Roma. Pilger, tausende aus allen Zonen drän­gen sich unter den Kolonnaden. , Es jubelt, wie ein Riesenchor erbrausend: Evvitia, Hoch Pius! — Sitzend auf goldenem Thron, auf dem greisen Haupt die Tiara, in der zitternden, Hand Petri Stab, so zieht der Fürst der Kirche in den Tom. Er breitet die Hände aus, und alle fallen nieder. Er wendet den leuchtenden Blick über die Knien­den hinweg, weit hinweg zu den Ländern der Erde; und durch Millionen Herzen zuckt es wie ein Gedanke und über die Lippen dringt ein Jubelruf: Heil Dir, Stellvertreter Christi! . .

Der Papst tritt an den Altar. Heilige Stille ruht im Gotteshaus, als er das Brot und den Wein segnet. Der Fürst der Kirche senkt Haupt und Knie, der Priester steht vor Gottes Maje­stät! — Heute, am 18. September, sind 50 Jahre verflossen, seitdem Giuseppe Sarto zum er st en Male das hl. Opfer dar brachte! Es war im Dorfkirchlein zu Riese, wo der Sohn des Landmannes Sarto das erste Meßopfer feierte und betete: „Ich will hintreten zum Altäre Gottes, zu Gott, der meine Jugend erfreut!" Und Gott erfreute seine Ju­gend und erhöhte sein Alter. Zur höchsten Würde auf Erden berief er den treuen, frommen Prie­ster. Ecce sacerdos! Seht da den ersten Priester der Kirche, das herrliche, erhabene Bild des katho- .ischen Priestertums! Gottestreue und Menschen­liebe, Willenskraft und Herzensgüte, leuchten aus dem klaren Auge, von der silberweißen Schläfe, um die zitternde Lippe. , „Heil, Dir, Priesier- Fubelgreis!" So rufen die Katholiken des gan­zen Erdballes.

Heiliger Vater! Wenn heute an Deinem ^hrentage. Deine Kinder jubelnd sich Dir glück- Fninschend nahen, so bleiben wir deutsche Katho- fiken nicht zurück. Zu Deinen Füßen legen wir das Gelöbnis unwandelbarer Treue, heiße _®iin- fche und ein inniges Gebet zum Herrn. Felsen Petri, den die Pforten der Hölle nicht übermal- ftgen. Du bist unsere Stätte und Stärke., Gott r Herr segne und schütze Dich für und für!

Sozialdemokratischer Parteitag.

N8. R ü r n b e r g, 17. Sept. 1908. Gestern er­klärte im weiteren Verlauf der Debatte über dir Budgetbewilligung der württembergische Abg. Hildebrand die volle Uebereinstimmung der Württemberger mit den anderen Süddeut­schen. Man spricht von einem Vertrauensvotum; das muß die Annahme des Budgets aber durchaus nicht fein. Was nützen die schönsten Reden für Lohnerhöhungen, wenn wir die Mittel verwei­gern? Ich kann die württembergische Regierung nicht nift der Peitsche schlagen, die Preußen ver­dient. (Großer Lärm.) Für die Stadt Ser- l i n, die doch auch eine Einrichtung des Klassen­staates ist, haben unsere Genossen in der Berliner Stadtverordnetenversammlung den Etat be­willigt (stürm., immer wiederholtes Hört! Hört! bei den Südd., Rufe bei den Berlinern: Beweise! Beweise!). Ich habe hier in der Hand einen stenographischen Bericht der Stadtverord­netenversammlung. Da steht drin: „Wir kom­men, nachdem wir mit sämtlichen EinzeletatS fertig sind, dazu, den Stadthaushaltsetat süy 1906 festzustellen. Die Versammlung beschließt demgemäß." (Sturm. Hört! Hört! bei den Süd­deutschen.) Wenn Sie die Resolution annehmen, dann entsteht ein Unglück. Genosse Sin­ger hat uns gestern bei der Besprechung entge­gen geilten, es sei endlich an der Zett, der Ver­kleisterung und Verschleierung ein Ende zu ma­chen. (Große Bewegung). Ein Mann, der an der Spitze der Partei steht, hat die Aufgabe, zu ver­einigen und nicht zu trennen. (Sturm. Beifall und großer Lärm.) Der Budgetskandal ist verschuldet von Leuten, die noch niemals eine ver­antwortliche Stellung in der Partei eingenom­men haben. (Stürm. Rufe: Rosa! Kautsky! Großer anhaltender Lärm.) Das find dieselben Leute, die in Jena den Parteitag veranlassen wollten, zu beschließen, daß wir Massen- st r e i k s machen müßten. In Jena haben wir uns fast die Köpfe eingeschlagen. Und jetzt ist eS von dem Massenstreik recht still geworden. Ich glaube, daß es mit der Budgetfrage genau so gehen wird tote mit dem Massenstreik. Für unS ist die Resolution unannehmbar. Nach der Rede Hildebrands vertraten die Abgg, S i m o n-Nürn- berg und Eichhor n-Pforzheim den Standpunkt der budgetvertoeigernden Minderheiten der baye­rischen und badischen Kammern Sie sind für die Resolution des Vorstandes.

X Der Kaiser wohnte in diesen Tagen den oflpreußischen Manövern bei und fährt am Freitag nach Hnbertusstock zur Jagd. Am nächsten Mitt­woch wird seine Ankunft in Rominten erfolgen.

© Beginn der parlamentarischen Arbeiten. Der Reichstag wird, wie jetzt festfleht, seine Arbeiten am 3. November wieder ausnehmen; die soziale Kommission, welche die Gewerbe- ordnungSnovelle berät, wird schon am 21. Oft. zusammentreten. Die Eröffnung des preußischen Landtage- findet am 20. Oktober statt.

* Zum „Domherrn" von Mersebnrg hat der Kaiser den Wirklichen Geheimrat E^eüenz Dr. Althoff ernannt.

Zur braunschweigischen Frage. Die ,Südd. Reichst/ schreibt, daß der Prinz von Cumberland, der im bayerischen Heere dient und an den Kaisermanövern teilnahm, sich dem Kaiser nicht vorgestellt habe. Rach Mstteilungen

aus aut unterrichteter Quelle wünschte der Kaiser die Vorstellung nicht.

Die preußische Lehrerbesoldungsvorlage enthält eine verschiedene Behandlung der Lehrer in Stadt und Land. Wie man uns aus parla­mentarischen Kreisen mitteilt, wird diese Vorlage von den Konservativen, Freikonservativen und dem Zentrum abgelehnt werden, so daß bann eine gleiche Besoldung der Stadt- und Land- lebtet eintreten muß. Die Regierung wird an dieser Aenderung das Gesetz nicht scheitern lasten; man hofft sogar, daß e- schon Weihnachten erledigt sein wird.

— Die neuen Gehaltssätze für die Offiziere bringen für die Subalternosfiziere eine Art von Diensialterstusensystem; die Gehaltssätze beginnen mit 1500 M. und steigen um 3i 0 M. alle 4 Jahre bis 2100 M. Das Endgehalt erreichen sie also nach 8 Jahren, abgesehen da- von, ob sie Oberleutnantscharge bekleiden oder nicht. Bisher betrug für den Leutnant der Mindestsatz 1290 Mk. für den Oberleutnant der Höchstsatz 1890 M. Die beiden Gehaitsklasten lür die Hauptleute fallen ebenfalls fort; baS Grundgehalt beträgt 4000 M. (bisher 3400 M ), es steigt alle 4 Jahre um 600 Mk. und erreicht mit 8 Jahren den Höchstsatz von 52 0 M. (bis­her 4600 M.) Dazu kommt für alle Offiziere eine Erhöhung des WohnungsgelvzuschusseS, das im allgemeinen 50 Prozent der heutigen Sätze beträgt.

□ Das Kohlen - Syndikat macht gegenwär- tig wieder unliebsam von sich reden. Wie bel­gische und französische Fachblätter berichten, hat es die Preise für deutsche Kohlen nach Belgien und Frankreich allgemein um l Frk. (80 Pfg.) herabgesetzt. Aber von einer Preisherabsetzung für die deutschen Berbraucher hat man bis jetzt noch nichts gehört, obwohl die Klagen über die schlechte Zeit und die großen Absatzschwierig­keiten der deutschen Industrie, die meistens auf deutsche Kohlen angewiesen ist, nicht verstummen wollen. DaS Kohieistyndikat hatte die Wünsche der deutschen Kohlenverbraucher unberücksichtigt gelassen, angeblich weil die Kohlenindustrie sich in einer schweren Krisis befinde. In einer ernst fein wollenden größeren Zeitung wurde sogar vorgerechnel, die. Harpener Bergbau - Gesellschaft könne, wenn die Kokspreise um 3 Mark ermäßigt würden, nur 6% Dividende verdienen, anstatt wie bisher 11 und 12%. Zu Gunsten der aus­wärtigen Industrie hat man nun aber doch eine Ermäßigung eintreten lassen. Daß durch solche Preispolitik die Konkurrenz», ja Existenzfähigkeit der heimischen Verbraucher schwer bedroht und die ausländische Konturrenz großge- zoqen und gestärkt wird, liegt auf der Hand.

□ lieber die Aufgabe der Schlachtflotte im Seekriege haben sich in der letzten Zeit im Ber­liner „Tag" mehrere bekannte Politiker gestritten, so vor allem der Legationsrat von Rath, der frühere Vizeadmiral Galster und der berühmte alldeutsche Graf Reventlow. Die Debatte bietet jedoch nichts neues, nur ist es interessant, zu sehen, daß von Fachleuten wie Vizeadmiral Galster der deutschen Schlachtflotte im Kriege gegen einen übermächtigen Gegner nur eine ab­wartende Rolle zugewiesen wird:

»Ob sie (die Flotte) eine günstige Gelegenheit zur Schlacht finden wird, wo sie dem Gegner etwa gleich stark gegenübersteht, wird immer zweifelhaft fein. Die Kleintriegführung mit Unterseebooten, Torpedo­

booten und Minen kam» von Anfang an den Gegner schädigen und wird daher in den Vordergrund treten. Sie achtet keine Uedermacht, reicht tn Nah­kriegen b8 zur feindlichen Küste und arbeitet ohne Flottenunlerpützung, da ihr diese nur hinderlich wer­den kann."

Galster ist weniger für eine weitere Beschleu­nigung des Flottenbaue- als für den Ausbau von Unterseebooten und Torpedobooten. Er legi auch weniger Wert oder vielmehr keinen Wert auf einen offenen Kampf zwischen der deutschen und einer stärkeren Flotte, Äs auf eine nach­drückliche Kleinkriegführund. Dies dürste das Richtigere sein. Daß wft tm offenen Seekampfe je die Engländer besiegen können, ist äußerst unwahrscheinlich, selbst wenn wir noch fo sehr unsere Flotte vergrößern wollten. England wird immer darauf Bedacht nehmen, auch seinerseits die Flottenmacht zu vergrößern. Daher kann Deutschlands Seeintereffe England gegenüber nicht einen Kampf um die Seeherrschaft verlangen, sondern ein gut nachbarlicher Verhältnis, das sich auf eine gesunde dauernde Verständigung gründet.

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Mlonaisteilage: „Sulboet EefchlchttblAter" »-»ftmch-- «<•’•

Zlprnilr der Kosak.

Von Marcel Etienne.

vj (Nachdruck verboten.)

4. Kapitel.

Kosak und Wolf.

Nach der Abreise des Starosten hatten die .och im Salon von Kruto-Horby versammelten iefte nicht gesäumt, sich bald zu ireni.cn. Merk­würdigerweise waren es die jungen Leute ge­wesen, welche sich zuerst zurückzogen, indem sie orcßen Schlaf und Müdigkeit vorschützten. Pha- öäsus Dluski und sein Freund Stanislaus hatten chrcr gütigen Gastgeberin und Mutter die Haud geküßt und sich dann empfohlen, indem sie sagten, /aß sie, um zur rechten Zeit von Bohuslaw zum Diner nach Kruto-Horby zu kommen, vor dem Morgengrauen aufgestanden feien und nun ein Unabweisbares Bedürfnis einpfänden, die kost- \uctt Stunden des versäumten Schlummers ein­zubringen.

Dies verfrühte Aufbrechen war übrigens sehr einfach zu erklären. Nachdem alle Gäste ihre Gutenachtwünsche ausgetauscht hatten, waren die beiden jungen Heren in den Pavillon des Der- kvalkers geführt worden, wo sich auch die Zimmer für die andern Gäste befanden. Doch braucht es ficht erst gesagt zu werden, daß sie dieselben nur zum Schein betraten. Im Hofe hielt Marck, der Diener von Phadäsus Dluski, gesattelt und ge­zäumt das Pferd seines Herrn. Auch Stanis­laus hatte sich sein Pferd und feinen Lakaien ru­fen lassen, außerdem vier der getreuesten Kosaken seines Vaters, — die bis zu den Zähnen bewaff­net, mit festen Schuhen und warmer Kleidung versehen waren und die besten Pferde aus dem Stalle mft seltener Meisterschaft ritten.

So ausgerüstet und geordnet, defilierte die gruppe leise und langsam längs des Hofes durch Jen SLnee: ob ne das aeringste Geräusch zu ma­

chen, öffneten sie das große Tor und getoannen das freie Feld.

„Und jetzt im Galopp!" rief Phadäsus. Wir werden sie ohne Zweifel einholen, oder ihnen doch in einiger Entfernung folgen, um ihnen nahe zu sein im Augenblick der Gefahr!"

Welche Gefahr war es denn, welche sie be­fürchteten?^ Sie wußten es selbst kaum. Jeder­mann in dieser wilden und weiten Ukraine ist es gewohnt. Gefahren jeder Art in Nacht und Win­ter auf der einsamen Steppe zu begegnen. So­gar die Wölfe sind für die Mehrzahl der Bewoh­ner, — seien es Christen oder Juden, Russen oder Polen, — alte und häufig gesehene Bekannte, mit welchen man sich zuweilen zanft und die mau bekämpft, ohne sie jedoch besonders zu fürch­ten. Und dennoch empfanden die beiden Freunde, beide starke und tapfere junge Männer, an die­sem Abend eine seltsame Unruhe. ES war, als ob ein fernes Echo — eine geheimnisvolle Stimme in ihrem Innern ihnen vom Augenblick der Ab- reffe des Slarosten an fortwährend wiederholte:

„Eure Hilke wirb -- uw dringend vonnöten fein, — draußen in dec Steppe! — folgt dem Schlitten!"

Von den kühnen Reitern angetrieben, flogen die feurigen Pferde an den Gräben, den Kreuzen und Eichen vorüber. Auf dem glatten und harten Schnee waren die Spuren desSchlittens noch nicht verwischt, — glücklicherweise! — Nur, als die kleine Kavalkade eine gewisse Entfernung von Kruto-Horby zurückgelegt hatte, gewahrte man noch andere Spuren, die phantastische Zickzack­linien bildeten und sich oftmals miteinander ver­mengten und vermischten. Wahrscheinlich hatten noch andere Reisende die Steppe überschritten feit dem Augenblicke, da der Schnee aufgehört hatte, in großen Flocken zu fallen. Wie sollte man un­ter diesen verschiedenartigen Eindrücken die rich­tige Fährte erkennen? Sichtbar beunruhigt, ver­suchten Stanisllaus und Phadäsus zuerst jene <Sjpur zu verfolgen, die nach ihrer Meinung nach

Koszowata führen mußte. Bald jedoch wurden sie von einem alten Kosaken der Eskorte zurück- gehalten:

„Meine jungen Gebieter", sagte der Diener, „wo der Mensch oft ratlos steht, folgt das Lier mit Sicherbeit seinem Instinkt. Ich glaube, — mft Eurer Erlaubnis, daß wir auf dem falschen Wege- find, denn um nach Koszowata zu kommen, müßten wir zu unserer Rechten jenen großen, weißen Stern haben, den Ihr da oben glänzen seht. Ich glaube, es wäre das klügste, Michael an der Spitze retten zu lassen. Sein Pferd, ein stolzer und kräftiger Andalusier, hat schon einige Male den Weg nach Koszowata gemacht in Be­gleitung der Pferde und Männer des Herrn Sta- rosten. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht die richtige Fährte entdeckte und uns innerhalb der nächsten Viertelstunde auf den rich­tigen Weg brächte!"

Die Schlußfolgerung des braven Mannes war so richtig, daß die beiden jungen Männer sich wohl hüteten, ihm zu widersprechen. So begaben sich denn Michael und sein Andalusier an die Spitze der Gruppe, die sogleich in einen tüchtigen Galopp einsetzte, während auf der weiten be­schneiten Fläche der Schneesturm von neuem zu grollen und toben begann.

Dem Andalusier des Kosaken Michael folgend, glitten die Pferde tote bunrie Tchatten über den Schnee hinweg. Gräben, Wälder und Gebüsche im Flug hinter sich zurücklasfend, machten sie auf ihrem Weg den Schnee in glitzernden Wolken anf- ftieben. Nichts hielt sie in ihrem Laufe auf, we­der die Nacht, noch der Sturm, noch die Schnee- ftocken, die bald wie, spitzige Nadeln, bald hart wie kleine, weiße Steinchen, rings um sie flogen, ftelen und wirbelten.

Plötzlich erhob sich in dem großen und fin­stern Schweigen der Schneewüste, das nur von dem Klappern der Hufe und dem kurzen, scharfen Krachen berstenden gefrorenen Schnees unterbro­chen wurde, das vielfach wiederbolte Echo eines

Schusses. Alle Reiter fuhren erschreckt zusammen und horchten.

„Das war in der Hetmannsschlucht, auf der andern Seite des Waldes", sagte sogleich der alte Kosake.

„Vorwärts, eilen wir ohne Zögern dorthin", riefen die beiden jungen Herren.

Dem Pferde Michaels voransprengend, — die Hetmannsschlucht toar ja in diesem entlegenen Teil der Steppe ohne Schwierigkeiten zu finden, — ritten sie in gestrecktem Galopp davon, von den anderen Reitern auf dem Fuße gefolgt.

Plötzlich erhob sich, tote ein Kampfruf, ein wilder Schrei in der Gruppe:

„Die Wölfe, die Wölfe! Drauf, drauf! Holla, he! Die Flinte, den Degen zur Hand, Kosaken, Brüder!"

r Es toar der alte Jäger, welcher den Rtrf aus- gestoßen, da er in der Entfernung von wenigen Schritten die gebeugten Rücken, das struppige Fell und die gierig stammenden Augen der dü- stern Sttaßenräuber bemerkt hatte, welche jedem Steppenbewohner in den kurzen und düstern Winterabenden bekannt sind, wie Oftmals ge­sehene Nachbarn.

Bei diesem Warnruf des Kosaken hielt die ganze Kavalkade einen Augenblick inne. Dann drangen die Reiter langsam nach der von dem Jäger be» zeichneten Richtung vorwärts, indem nun auch sie die verschwommenen Konturen einer dunklen Masse wahrnahmen, die sich jeden j..Zement ver­änderte, sich bald zusammenschob und bald ver- längerte, während aus ihrer Mttte fortwährend ein wütendes Zähneknirschen, von langem und klagendem Heulen unterbrochen, ertönte.

Mit ein paar Sätzen hatten Phadäsus Dluski und Stanislaus die Stelle erreicht, wo sich ein schreckliches und blutiges Drama abzuspielen schien. Dann konnten sie deullich sehen, was vor ihren Augen in diesem einsamen Winkel der Steppe vor sich ging.