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Ausland.
* Tie Millionenschwindeleien des Exministers Alberti. Die jetzt in ihrem ganzen furchtbaren Umfange ans Tageslicht gekommenen Betrügereien Albertis werden in ganz Dänemark al» eine nationale Schmach empfunden, insbesondere aber von der starken Partei der dänischen Bauernbevölkerung, die dem ungetreuen Minister ihr ganzes Vertrauen schenkte. Allgemein ist man durch die Empfindung bedrückt, daß der Fall für das ganze dänische Volk eine tiefe Demütigung bedeutet. Das Haus mit den Bureaus der Banernsparkasse ist von Scharen vorwiegend ländlich gekleideter Sparer umringt, die mit bekümmerten Mienen die Zahlungseinstellung der Bans besprechen, die bedeutendste seit dem Staatsbankerott im Jahre 1814. Bis jetzt sind die allein die Sparkasse schädigenden Betrügereien aus 1'0,200,000 Kronen festgestellt. Wozu Alberti der zwar eine aus 11 Zimmern bestehende Stadt Wohnung inne hatte und eine prächtige Villa au* dem Lande besaß, sonst aber keinen größere» Aufwand machte, diese Millionen verwandt hat ist noch ein Rätsel. Angeblich soll auch der Könft Alberti eine Million geliehen und nun verlöre» haben.
* Die bosnische Verfafsunqsfrage ist infolgt der neueren Ereignisse in der Türkei mehr in deis Vordergrund getreten. Bekanntlich stehen Bosniers und Herzegowina unter oer Verwaltung O e st ev- reich-llngarnS, haben aber bis jetzt noch fein» Verfassung, da man das Land dafür noch nicht reif hält. In den letzten Tagen wurden null allerlei Gerüchte verbreitet, die von Unruhen und Treibereien der Agenten zugunsten einer Verfassung redeten. Nunmehr erklärt der gemeinsame Finanzminister Baron Burian v. Rojeez, der von einer B-sichtigungsreise durch Bosnien und die Herzogewina zurückgekehrt ist, in eines Unterredung auf Grund persönlicher Wahrnehmungen die Gerüchte über Unruhen in Bosnien, militärische Rüstungen und Entsendungen eines Geschwaders nach Cattero für völlig unbegründet. Die Nachricht über Gewährung einer Verfassung
JV& 210.
Drittes Wtcrtt.
Was würde Deutschland ein Krieg kosten?
Die Frage, was Deutschland heute ein Lrieg kosten würde, läßt sich absolut und genau nicht einmal in einem ganz bestlmmten Fall be- antworten, wenn man den Gegner Deutschlands kennen würde. Die Kostenfrage eines Krieges wird immer von dem politischen Objekt abhängen, ,m desfentwillen der Krieg geführt wird, denn bas Objekt wird die Zähigkeit der beiden Gegner bedingen, diese aber bestimmt die Dauer des. selben. Freilich ein dreißigjähriger, oder auch .iur siebenjähriger Krieg ist unter den heutigen Ver- hällnissen unter Großmächten undenkbar. Ob aber ein zukünftiger Krieg ein oder zwei Jahre oauern wird, ist selbst für den besten Kenner der .nltilärischen und wirtschaftlichen Verhältnisie snserer Großmächte schwer vorauSzusagen.
Im Jahre 1866 war Oesterreich bereits nach (leben Tagen kampfunfähig gemacht. Der Krieg mit Frankreich hat sieben Monate gedauert. ES ist für die Großmächte heute zweifellos schwie- iger alS früher, lange Krieg zu ertragen, diese Tatsache wird aber annähernd ausgeglichen da- vurch, daß die Jntereffen, die heute noch Großmächte zu einem Kriege treiben können, wesen- lich größer fern werden als früher.
Einen Anhalt für die Beantwortung der Frage, waS Deutschland ein Krieg kosten würde, erhält man, wie in der Magd. Ztg/ in einem Artikel, dem Aeußerungen deS Generals der In- fanierie v. Blume zu Grunde liegen, ausgeführt wird, wenn man die Kosten des letzten großen Krieges, den Deutschland hatte, zur Unterlage der Berechnung nimmt und diese Kosten ent- iprechend erhöht. Der deutsch-französische Krieg Hal bis zur Rückkehr der letzten Truppen 305 Tage gedauert und Deutschland 1750 Mill. Mk. gekostet, das sind 5,700 000 Mark pro Tag. Die durchschniitliche Stärke deS deutschen Heeres be- trug vom 1. August 1870 bis Ende März 1871 rund 1,254000 Mann.
Wenn man, um einen Anhaltspunkt für die Berechnung zu haben, annimmt, daß in einem zukünftigen Kriege Deutschland nur daS doppelte der Mannschaft ins Feld stellt, die es 1870 gegen Frankreich aufgebracht hatte, also rund a1)» Millionen, wobei seine kriegsbrauchbaren Reserven noch schier unerschöpflich bleiben, und wobei man sehr wahrscheinlich ganz bedeutend hinter der Wirklichkeit zurückbleibt, so ergibt dies nach den Erfahrungen de» deutsch-französischen Krieges und wenn man die durch den Krieg ver- minoerte Kaufkraft be» Geldes mit in Anschlag bringt, für den nächsten Krieg eine Au»gaben» last von 1 5 bi» 16 Mill. Markpro Tag oder von 450 bi» 480 Millionen Mark pro Monat. Das heißt, daß Deutschland ein zukünftiger Krieg, der ein Jahr dauern würde, an unmittelbar zu deckenden Ausgaben 5400—5760 Millionen Mark kosten würde. Dabei ist mit sehr mäßigen Ziffern gerechnet worden, wenn man sagt, daß Deutschland in einem zukünftigen Krieg 2lA Millionen Mann in» Feld stellen wird, mit einer Ziffer, die, wie schon erwähnt, sehr wahrscheinlich ganz wesentlich hinter der Wirklichkeit zurüÄleibt, und mit der Vermehrung der
Fulda, Samstaq
Streitkräfte würden bann natürlich auch die Kosten de» Kriege» steigen.
Die eben ausgerechneten 5400—5760 Millionen stellen aber, wie gesagt, nur die direkten Ausgaben eines einjährigen Krieges dar. Auch die indirekten und die nach den Reichsgesetzen im Fall eines Kriege» zu stundenden Kosten sind natur- gemäß außerordentlich groß. ES sind dies in erster Linie: die Unterstützung für die Familien der einberufenen Reservisten und Landwehrleute, die nach den gesetzlichen Bestimmungen allerdings vorerst durch die Kreise pp. zu decken sind, aber nach Ablauf des Krieges an diese durch das Reich wieder zurückvergütet werden müssen; ferner die nicht vergüteten und gestundeten Naturalleistungen, namentlich die Eisenbahngebühren für den Transport der Truppen nach dem Kriegs- fchauplatz, die nach dem Kriegsleistungsgesetz nach beendetem Krieg zu decken sind, die Entschädigungen für Verluste an Privateigentum, die Wiederherstellung des im Krieg verloren gegangenen und unbrauchbar gewordenen Materials, und als eine der wichtigsten indirekten Ausgaben die Invaliden- und Witwenpenfionen. Wie bedeutend dieser letzte Posten ist und welche Rolle er in einem zukünftigen Krieg spielen wirb, geht baran» hervor, baß Deutschland von der KriegS- kontribution Frankreichs 561 Mill. Mk. für den Invaliden- und Witwenfonds zurückgelegt hat und dabei ist dieses Kapital so berechnet worden, daß nicht nur die Zinsen, sondern ganz allmählich auch da» Kapital verbraucht wird. Die 561 Millionen diese- Fonds waren denn auch 1905 bereit» auf 190 Millionen zusammengeschmolzen.
Nach den Erfahrungen deS deutsch-sranzö- stschen Krieges wird man wohl nicht allzusehr fehlgehen, wenn man annimmt, daß die indirekten Kosten eine» zukünftigen Krieges für Deutschland mindesten» ein Viertel der direkten Kosten aus- machen werden, so daß Deutschland ein einjähriger Krieg, in dem die direkten und indirekten Kosten eingerechnet sind, ca. 6750 bis 7200 Mill. Mk. kosten würde. Dabei sind die Schädigungen, die das Wirtschaftsleben des gesamten Staate- durch einen Krieg erfahren, noch gar nicht mit in Anschlag gebracht; sie ftnb für den verlierenden Teil naturgemäß um vieles größer als für den Sieger, zählen aber für beide Teile nach vielen Millionen.
Deutsches Reich.
• Eine Gegenrechnung. Als vor kurzem her Gemeinderat in Borbeck bei Essen einem einheimischen katholischen Bewerber bet der Wahl eines Feldmessers den Vorzug vor einem protestantischen Bewerber gegeben hatte, wurde von protestantischer Seite eine Protestversamm- lung anberaumt, in der man sich weidlich entlüftete. Und das alles, weil ein katholischer Feld- mester gewählt worden ist, obgleich die ehemals zu vier Fünftel katholische Gemeinde 25 Jahre lang einen protestantischen Bürgermeister besessen hat. Die „Essener Volksztg." hat inzwischen eine Nachprüfung der Zusammensetzung de» Verwaltungskörpers der Gemeinde nach der konfessionellen Seite vorgenommen und dabei folgende Tatsachen festgestellt:
Augenblicklich beträgt die Einwohnerzahl 67 603, darunter 49820 Katholiken, 17 399 Protestanten und 382 AnderSgäubige. Die Statistik über die Beamtenschaft weist 80 Katholiken gegen 88 Protestanten nach. Unter den Bureauvorstehern befinden sich nur 4 Katholiken gegen 5 Protestanten. Bei der Anstellung des
den 12. September 1908.
katholischen Landmessers in Borbeck ist lediglich der Umstand maßgebend gewesen, daß es sich um den Einheimischen handelte, der in Borbeck geboren und dessen Pater jahrzehntelang in Borbeck seine Steuern gezahlt hat.
Dann wird der Spieß umgedreht, auf die Förderung des starken Zuzugs protestantischer Arbeiter durch manche Werke hingewiesen und danach folgendes über das Vorgehen der Knapp- scksastsverwaltung gesagt:
Dieses Vorgehen der Werke findet Nachahmung bei der Knappschaftsverwaltung in der Anstellung der Knappschaftsärzte. Sämtliche prokrstanlische Äerpe sind gleichzeitig auch Knapvschaftsärzte, dagegen fünf katholische nicht. In jüngster Zeit tft sogar der Fall vorgekommen, daß ans Kosten der Existenz eines katholischen Arztes, der jahrelang in der Gemeinde ansässig war, von der Knappschaft ein anderer protestantischer Arzt unmiltetbar vor dem Wahltermin be- rusen worden ist, der zuerst in «erlretung und sodann dauernd die Stelle als Knappschastsarp übertragen erhielt. Und das obwohl die beteiligten Knappschasts- nntglieder sich in einer stark betuchten B rsammlung sür die Anstellung des katholischen Arztes in warmen Worten ausgesprochen hatten.
Ferner lieft man über die Verhältnisse am Amtsgericht in Borbeck:
Das Amtsgericht hat vrer eiatsmäßige Richterstellen. Davon finden sich drei mit Prolestanien und nur eine mit einem Katholiken besetzt. Das kommt nicht so ganz von ungefähr, vielmehr tft das unter tatkräftiger Mitwirkung des Presbyteriums der protestantischen Gemeinde geschehen. Bor emigen Jahren, als das Amtsgericht erst zwei etatsmäßige Stellen hatte, waren vorübergehend beide Amtsrichter katholisch. In dreier Zeit Hal das Presbyterium durch irgendwelche Einflüsie an zuständiger Stelle sich geltend zu machen gewußt. Die Frucht dieser etwas stark nach .Nebenregierung aussehenden Bemühungen offenbarte sich in der Berufung des protestantischen Herrn Thomas zum Amtsrichter nach Borbeck; auch seine Nachfolger, drei an der Zahl, waren protestantisch.
Der Vorgang in Borbeck ist typisch. Wo der protestantische Volksteil auch nur eingebilder- maßen sich zurückgesetzt glaubt, schreit er auf, tut der katholische Volksteil dort, wo eine Wüste von Imparität festgestellt worden ist, dasselbe, so heißt es in der gegnerischen Presse, nicht die Konfession, sondern die Tüchtigkeit müsse entscheidend fein.
— Eine Kultusfreihcit Ä la Schöppen- st ed t mit seinem gnädigst gestatteten viermaligen katholischen Gottesdienste innerhalb eines Jahres kennt man so ungefähr auch im „paritätischen" Staate Preußen. Die „German ra" schreibt1
„Erst mehreren Jahre» wurde »ach Ueberwindung verschiedener Hindernisse die Lokalvikarie in Starten» felde errichtet und dort ein Bikar angestellt. Die bischöfliche Behörde von Kulm hat zur Unterhaltung vier Hufen Land gekauft, um auf diese Weise eine sichere Existenz deS Geistlichen für die Zukunft zu be- gründen- Leider aber hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. DaS Oberpräsidium zu Königsberg verweigert seit einigen Jahren die Erlaubnis zur Entgegennahme der gerichtlichen Auflassung des Grundstückes. Eine Berufung an den Minister bleibt unbeantwortet. Da die Kapelle zu Marienfelde zurzeit kein Land besitzt, kann dort auch kein katholischer Begräbnisplatz errichtet werden. Wollen die dortigen Katholiken ein katholisches Begräbnis haben, so bleibt ihnen nichts übrig, als ihre Toten nach den weit ent» seruten, alten Pfarreien in Westpreußen, nach Grabau oder Ptonikau, zu bringen."
Doch noch mehrl Seit etwa zwei Jahre u bleibt die minffterielle Erlaubnis zum Bau einer Kapelle in Kraschewo bei Jllowo für rund 700 Katholiken, darunter 50 katholische Beamten, die vom Kulmer Oberhirten beantragt war, aus. Der Antrag des Kulmer Bischofs, in G r.-K o f ch l a u für 500—600 Katholiken eine Kapelle bauen zu können, wurde wegen ter angeblichen „Nicht leistungsfähigkeit" der dortigen Katholiken abgelehnt. Als der
35. Jahrqaaq.
Pfarrer aus R u m i a n einen provisorischen Got- lesdicnst in einer Scheune einführen wollte, wurde ihm das von der weltlichen Behörde unter Androhung von hohen Strafen verboten Auf die Berufung des Herrn Bischofs an den Herrn Minister ist seit einem Jahre keine Antwort erfolgt. — Ein halbes Hundert P rote st a n t e n in Eichwalde in der Pfarrei, Ru» mian können seit Jahren ihre Schule mit einem protestanttfchen Lehrer, ihre eigene protestantische Kapelle, ihren eigenen protestantischen Psar- rer, der zwei Meilen davon in Loebau wohnt, baden, und alle werden vom Staate besoldet: und mehr als ein halbes tausend Katholiken in Er.-Koschlau warten Jahre vergeblich, daß ihnen gnädig gestattet wird, in einer Scheunr den katholischen Gottesdienst abzuhalten, obgleich dteses den Staat nichts kostet.
Ist es nicht eine eigenartige „Freiheit", deren sich die deutschen Katholiken „erfreuen" dürfen, wenn solche unglaublich rückständige Zustand« herrschen? Wie würden der Evangelische Bund und seine Getreuen in der liberalen Presse wohl schreien, wenn z. B. die Protestanten im katholischen Bayern eine solche unwürdige, himmelschreiende Behandlung sich gefallen lassen müßten I Jeder Deutsche müßte sich bis ins Innerste Hinern schämen, daß im 20. Jahrhundert noch solche Dinge geschehen können, die das Deutsche Reich vor aller Welt bloß stellen und blamieren.
^tymentbilver ariS dem Madrider Leben.
Don H. W. Willem».
Sieben Uhr morgens. Eins einer, kaum bemerkbarer Regen rieselt vom grauen, nebelschweren Himmel hernieder und hilft den amtlichen Madrider Straßenkehrern bei ihrer Tätigkeit. Es sind putzige Gestalten, die Barenderos mit ihren großen, an amerikanische Trapper erinnernden Schlapphüten, ihrer wasserdichten, gamaschenartigen Fußbekleidung und ihrer blauen Bluse. Wozu sir eigentlich da sind, ist einem manchmal fraglich, denn die Straßen Madrids sind, ob früh ob spät, doch stets unsauber, die wenigen eleganten Straßen des Osten» vielleicht ausgenommen, trotz Schlauch und Spritze der Wafferleitung.
Das Madrider WasserleitungSwaffer ist, einzig in seiner Art: entsetzlich trübe und erst genießbar, wenn man es filtriert. Jeder Madrider Haushalt besitzt einen Filtrierapparat, und man bewahrt dann das filtrierte „Trinkwasser" nach uralter Sitte in steinernen Krügen auf. Besonders wenn das Regenwasser in das nicht mehr dichte, große Madrider Wasserbasiin eintritt, hat daS Waffer ein fast lehmiges Aussehen und sieht alles andere, nur nicht einladend aus. Für Abstinenten ist das Leben hier nicht gerade angenehm, und ich kann verraten, daß ich meine „mäßigen" Anschauungen seit meinem Hiersein abgelegt und zum leichten Tifchweine als Tafelgetränk zurückgekehrt bin.
Um 9 Uhr morgens. Die zur Arbeit gehenden Leute sind aus,dem Straßenbilde verschwunden. Jetzt kommen die „feineren" Leute, um gegen 11 Uhr dem „ganz feinen Publikum" Platz zu ma- chen. Nunmehr beherrscht entschieden das Weib- liche Geschlecht da» Bild. Schwarz gekleidete Sen- Noras (Damen) heller gekleidete Sennoritas (Fräuleins) gehen zur Kirche, zur Messe mit züch- hg umgeworfener Mantilla, die das ausdrucks- h»lle Gesicht der Spanierinnen durch den Gegen
satz der Farben so hell und frisch hervortreten läßt.
, Treten wir in eine der Kirchen ein, die in den Morgenstunden immer gut besetzt sind. Für unsere Begriffe sind sie entschieden unschön, mit ihrer Ueberlabung und ihrer kalten Barockpracht. Links vom Eingang übt gerade ein Priester seine Tätigkeit als Beichtvater aus. Eben hat ein jüngeres Mädchen das festliche Gitter des Beichtstuhles Der- lasten, da kniet ein ehrwürdiger Greis mst prächtigem wallendem Patriarchenbart vorne vor dem Sitze des noch jugendlichen Priesters nieder, um seine Beichte zu beginnen. Es war ein eigentümliche» Bild, wie das scharfgeschnittene ernste Gesicht de» noch jungen Geistlichen sich zu dem Munde des Greises niederbeugte, um sein Sündenbekenntnis entgegenzunehmen, und dabei die Rechte auf der Schuster des Mannes ruhen ließ. Fast eine Kopie des bekannten Gemäldes von Hoffmann, der Heiland, den vor ihm knienden verlorenen Sohn an sein Herz drückend. Bequem ist jedenfalls diese Stellung weder für den Beichtvater noch sür das Beichtkand, doch die in diesem Falle sehr sinnreiche spanische Sitte verlangt es so, und man kann dieses Bild an allen Sonntagmorgen in den spanischen Kirchen beobachten.
Draußen beim Portal erwarten mich gleich sieben, nein, acht ober mehr Bettler. Und jetzt kam plötzlich von der rechten Seite des Bürgersteigs ein neuer angesaust. Es ist für den Fremden, der hierzulande in erster Linie von den Bettlern in Anspruch genommen wird, mitunter schwer, den Hartherzigen zu spielen, obwohl er die Einträglichkeit dieser „Industrie" nur zu gut kennt.
12 Uhr mittag». Das holprige Pflaster der wichtigsten Verkehrsader Calle de Carretas läßt kaum noch Raum für die vielen Passanten. Hier liegt die Hauptpost der Stadt. Man denke sich nun nicht große Hallen und Dutzende von Beamten, die an unzähligen Schallern dem Publikum mehr oder weniger gerecht zu werden suchens Nein, das Hauptpostamt der Hauptstadt besteht guH
einem ebenso engen wie dunklen Raum, verfügt über ganze acht Schalter, von denen aber nach Bedarf noch einige geschlossen werden; dafür besitzt es aber acht Briefkästen, deren Öffnungen noch dadurch kenntlich und einzig in ihrer Art, sind, daß sie nämlich Löwenköpfe darstellen. Eingeschriebene Briefe muffen bereits bis 4 bezw. 5 Uhr aufgegeben werden, um mit dem Zehn-Uhr-Zuge nach dem Auslande zu gehen.
Wenn ich nicht ein deutscher Schriftsteller wäre, würde ich gewiß Briefträger in Spanien werden, denn diese geplagten Leute müssen jeden Tag — zwei Bestellungen machen, um 11 Uhr morgens für die Post des Auslands und der Provinzen, und kurz daraus um 2 Uhr, ich weiß nicht für welche Post, denn in Madrid selbst schreibt man herzlich wenig. Der Briefträger erhält für jeden Brief aus Spanien 5 Centiinos, nicht etwa als Trinkgeld, sondern als Bestellgeld. Denn sonst würde ein Brief im inneren Verkehr 15 Centimes kosten und das wäre doch zu billig. Gleichzeitig dient dieses gebuchte Bestellgeld der Post als Beweis dafür, daß der Brief auch wirklich abgeliefert worden ist.
Falls man dieses Bestellgeld sparen wollte, etwa, indem man die Briefe postlagernd kommen ließe folgt die Rache der Post auf dem Fuße. In berechneter Voraussehung hat sie für ganz Madrid einen einzigen Posterestante-Schalter auf der Hauptpost eingerichtet, wo man nur in der Mittagszeit „Queue" bilden muß, um feine Postsachen zu erhalten. Besagter Queue ist mitunter so lang, daß das Ende davon sich west auf die Straße hinauszieht. Auch ein Vergnügen l
Wer so kindlich ist, den Beamten um eine Postanweisung fürs Ausland zu bitten, oder gar um das neueste Erzeugnis postalischer Erfindung, die internationale Antwortfreinmrke, erhält die gelassene Antwort, daß die Post nicht dazu da sei, den Bankbeamten des Credlt Lyonnays oder der Banca de Espana die Arbeit abzunehmen, oder daß die spanische Postverwaltung sich mit solchen Lappalien nicht abgäbe Es ist ganz außer der
Regel, daß die Madrider Hauptpost Freimarke^ verkauft — dafür sind die Tabakläden und bis genannten Bankhäuser da.
Um 7 Uhr abends. Wie mit einem Zauberi schlage hat sich Madrid in eine moderne Großstadt verwandelt. Ueberall Gasglühlicht, Bogenlicht, sogar vereinzelt Teslalicht. Die schmutzigen Straßen, das holprige Pflaster verschwinden banit dem Auge. Das ohrenbetäubende Geschrei def Zeitungsjungen EI Heraldo, La Correspondencia, Corro espanol, die Angebote der unvermeidlichen Verkäufer von Schnürriemen, Streichhölzern und Schubwichse erinnern in etwa an den „Betrieb* auf der Friedrichstraße in Berlin oder dem Boulevard des Italiens in Paris um diese Zeit.
Die Vorstellungen der Theater beginnen, eie gante Equipagen rollen so lautlos vorbei, als eß das vortreffliche Pflaster efcan ermöglicht!, bei Granadero Pepe geht mit feinem Schatz spazieren, die glänzenden Auslagen der Läden lockers die Schaulustigen an, kurz und gut, es ist dil einzige Zest, in der man sich der Illusion hingeben kann, in einer einwandfreien, modernes Großstadt zu fein.
— Rüschen als Bierfiadt geht zurück. Während der Bierverdranch in den Jahren 1881/85 auf bett Kopf der Bevölkerung in München 465, 1886/90 sogar 487 Liter betrug, nahm er von da an stetig ab und betrug 1907 287 Liter also 200 Liter auf den Kopf bet Bevölkerung weniger al8 vor 20 Jahren, Die Münchener Bierherzen werben einige Betrübnis barüber empfinden. Man trinft von Jahr zu Iahe weniger Bier, unb boch kommen von Jahr zu Iah, immer mehr Frembe nach München? Rätselhaft unb höchst schaubervoll l Aber nicht nur in München, sondern auch in Berlin nimmt der Biervervrauch seht ab, wie die Gisenbahnstatistik beweist. Währerch im Iahte 1906/07 über 99000000 Liter Bier ait den Stationen des EisenbahnbirektionsbezirkS Berlin abgeliefert wurden, sank diese Ziffer tm letzten Iaht» jjtlf wenia über tmOOOQQO. Ebenso faxt die muß«