35. Jahrqanq
Fulda, Donnerstaa den 10. September 1908.
M 208
Ayrnitr der Kofcrfi
Von Marcel Etienne.
(Nachdruck verboten).
rool lebe' „(81
ür die diesjährige Generalversammlung de- Landesvereins ein Referat über Lehrlingsheime übernommen hat, hat seine Zusage zurückge» vommen, als er hörte, daß „infolge des Vorstoßes einer parteitheologischen Richtung Herr Hauptprediger Tr. Geyer den Vorsitz nievergelegt >at". Die Generalversammlung des Landesvereins ist auf unbestimmte Zeit vertagt worden.
chon können, denn sein Sohn Felix, der so viel be- wunbert und von den Frauen so viel geliebt wird, wird ihm noch manchen Gotdrubel verbrauchen für Spitzen und Bänder, Flacons uud Juwelen und anderem kostbaren Tand.--Ihr habt Wohl
Euren Verwalter Skandyba mit dem Uebcrbrin- gen der Summe betraut, weil er euch nicht zum Feste hierher begleitete?"
„Nein, ich habe nicht Skandyba mit den Gold- und Silberrollen in der wohl verschlossenen Kassette nach Kiew gesandt, sondern meinen Kosaken Tynritr, welcher den Weg viel rascher machen wird, da er gewandter und geschickter ist. Er wird mir übrigens die Befehle des Wojwoden hierher überbringen."
Bei diesen Worten des Starosten blieb der Richter plötzlich stehen,, und, Herrn Hieronymus erstaunt ins Gesicht blickend, rief er:
„Wie, habe ich recht gehört? Ist es möglich? Ihr hättet di« bedeutende Summe einem niedrigen Diener, einem Kosaken anvertraut, — einem Unbekannten, der leicht verschwinden und in die Steppe entfliegen konnte, ohne daß es Euch jemals gelänge, ihn wieder zu finden?"
Herr Hieronymus war gleichfalls stehen gebfieben. Diese Worte seines Nachbarn schienen in ihm weder Aerger noch Erstaunen zu wecken; mit einem etwas hochmütigen Lächeln warf er den Kopf zurück uud antwortete gleichmütig:
„Man sieht, Herr Richter, daß Sie die Kosaken und Spitzbuben im allgemeinen kennen, nicht aber Dymitr. Ich verdanke ihn der Freigebigkeit Seiner Herrfichkeit des Wojwoden selbst, der ihn mir als Aestgeschenk auf der letzten Messe in Kiew schenkte. Er ist der ehrlichste Bursche der Welt, zugleich der stolzeste. Stark wie ein Löwe, gerade und schlank wie eine Tanne, tapfer wie ein Degen und im eintretenden Falle, so vermute ich wenigstens, gewiß auch grausam und böse wi« ein Tiger; er mag wohl töten, niemals aber wird er stehlen. Uebrigens machte mich der Woj- wode, als er ihn mir übergab, mit diesen Worten auf ihr» «wfmerksam: „Hier, Herr Hierony-
gcjeigt hielt, von den niedlichen Kindereien und Scherzen zu reden, die sich in dem kleinen grauest Salon zugetrageu haben mochten.
„Nun, nun, was hast Du denn, mein guter Treciak?" fragte er sogleich. ,Zch sehe aus Deiner entsetzten Miene und Deinen geheimnisvolles Gesten, daß Tu mit Deinen Gedanken weit von hier entfernt bist. Du würdest wohl nicht bi< Augen so aufreiben und so wild den Kopf schütteln, wenn Du zu Deiner Rechten die Frau Präsidentin hortest, die murmelnd ihre verlorenen A-ToutS bejammert und zu Deiner Linken unser« reizende Marynia, welche herzlich über die Scherz« tadjt, welche ihr PhadäfuS und Antoni zum Besten geben. .
Das finstere Gesicht des alten Offiziers hellte sich bei diesen Worten seines Freundes nicht im geringsten auf, indem er mit einer unruhig und angstvoll klingenden Stimme zu sprechen begann:
„Ja, Topszewski, Du hast recht, ich dachte an ganz andere Dinge! Während Ihr beide Euch über mögliche Diebstähle und Morde, über Kosaken und Steppensöhne unterhieltet ,erinnerte ich mich unwillkürlich der jüngsten Geschehnisse, die man mir erzählte und welche mir schwer zu denken geben! Und alles zusammen versetzte rmch in eine solche Unruhe, flößte mir so schwarze Gedanken ein, — daß — daß — nun, kurz und gut, daß ich lieber nicht daran denken will!"
„Aber woher denn, lieber Freund, kamen Dir diese Befürchtungen, diese düstern Gedanken? Wir leben, Gott sei Dank, in Frieden mit unfern Nachbarn, und, wie ich hoffe, auch mit uns selbst. Unsere anmutige Kaiserin herrscht und regiert tote ein Mann in ihrem prächtigen Palais ist Petersburg und unser hochmächtiger Wojwode ist seinem Palatinal in Kiew. Was also kannst Du unter so günstigen Umständen wohl zu befürchten hoben?"
„Nichts, wenn Du willst — alles vielleicht,,^ entgegnete rasch der Offizier, indem er bt< Stimme senkte und seinen Kameraden in eine Feos»
Zur Reichsfirrarrzrefor».
Die Regierung läßt jetzt endlich wenigstens etwa? über ihre Finanzresormpläne verlauten. Sie bringt in der ,Nordo. Aklg. Zig/ einen längeren Artikel, auS dem man allerdings nur einigermaßen erkennen kann, wie der Hase lausen soll. ,
Der Reformplan gliedert sich m jwei Teile, „eher den Inhalt des ersten Teiles, „die große und umfassende Reorganisation der getarnten Finanzgebarung", erfährt man, daß die Einleitung einer stetigen Schulden- tilguna, sowie Vorkehrungen gegen weitere Vermehrung der Schulden für unproduk- tive Anlagen im Vordergründe stehen sollen.
Was der amtliche Artikel in dieser Beziehung außemandersetzt, bringt nichts neues. Daß die Reform notwendig ist und daß sie vor allem gründlich werden muß, darüber besteht kein Zweifel, zumal das Fehlen des Gleichgewichts zwischen Einnahmen und Ausgaben schwere finanzielle Opfer durch die Notwendigkeit der Zins- zohlung erfordert und das politische Ansehen Deutschlands sicherlich nicht fördert, abgesehen davon, daß dadurch der nationale Kredit er- schültert und die Volkswirtschaft stark gefährdet wird. Unbedingt ist auch die Stabilisierung des Ankeihewefens und des Kursstandes notwendig. Wenn dann wiederum betont wird, es sollten mehr als bisher auf die bewährten Grundsätze cUpreußischer Sparsamkeit zurückgegangen werden, so möge man vor allem regierungsserls endlich den Worten auch die Tat folgen lasten. Vor allein kann beim Beamtenapparat noch viel gespart werden. Ter offiziöse Arntel _ hat darum ganz recht, wenn er betont, dem bestän- digen Anwachsen des kostspieligen Beamten» apparates müste vorgebeugt werden, indem in der Verwaltung Vereinfachungen erreicht werden und ein Teil der Geschäfte der höheren Beamten auf die mittleren, von den müllet en auf die unteren übertragen werden. Man muß sich indessen erinnern, daß die Verschlechterung der Finanzen sich hauptsächlich durch die enorme Steigerung der Militär- und Marineaus- gaben erklärt. Wenn hier nicht Einhalt getan wird, dann werden wir auch bei großen Einnahmevermehrungen bald wieder auf demselben Fleck sein.
Was nun das Steuerbusett betrifft, so wird darauf vorbereitet, daß man beabsichtigt, den Massenkonsum gewisser Genuß- mittel mit starken Abgaben heranMtehen, also derart, daß nicht die Industrien, sondern die Verbraucher getrosten werden:
„Dabei wird entsprechend den Ergebnissen der modernen Finanzmiffenschafl die Besteuerung m Formen dnrchzusühren sein, die die Äanfumftinern des CH Walters «wer Sonsergewerbesteuer entkleiden, sodann sind die Assorüeruugeu ausgleichender sozialer Gerechtigkeit teilten Augenblick aus dem Auge zu verlieren, sondern bei der Ausgestaltung der einzelnen Gesetze durch geringere Belastung des Konsums der Mrn- betbemittelten, durch hShere Besteuerung des kostfpietigen Luxusloufums zur Geltung M brmgru.
An einer direkten Ein kommen» und Der- mögensbesteuerung denkt indeß die Reichs- regtetung nicht, um diese nicht den Ernzelftaater zu enU-eben. Den Einzelstaaten würde sonst auch die finanzielle Selbständigkeit stark gefah^et werden, und damit würde die finanzielle Ge- samllage Deulfchlands nicht verbessert, sondern
* Frankreichs Absichten in Marokko sind keineswegs auf eine Räumung des Lande-,, gerichtet. Vor einigen Tagen sind aus Casa^ dlanca 400 französische Soldaten abberufen' worden, dafür wurden aber alsbald 600 ander« an Land gesetzt. Tags darauf wurden weiter« 800 Mann gelandet. In nächster Zeit werde» weitere Truppen erwartet. — Französische Blätter erklären, es sei zweifelhaft, ob die Anerkennung Muley HafidS vor Mitte Oktober tatsächlich erfolgt sein könne, da man mit den weiten Entfernungen und der Schwierigkeit der Verbindung gen rechnen müste. Zu dieser französischen 2er« fchleppungslakiik schreibt die „Südd. Reichs!.^ in einer offiziösen Zuschrift aus Berkin:
„Richt weil Hafid die Akt, annimmt, kann er an» erkannt roeiben, sondern umgekehrt, erst indem di«
rm Senat lebhafter als in der Kammer. Katholiken riefen: „Es lebe der König", einzelne Liberalen mit dem Ruf: „Es Belgien!* einzelne Sozialisten mit Rufen: lebe die Republik!" beantworteten.
SrschOm täglich tritt Ausnahme der Sojiu und Feiertage, viertel- Mrliche°yezugrprris ohne Sringerlobn und VesteSgeidi« Fulda fo- wie auswärts 1-50 Alt.
verantm Kedaktenrr Lark Schütter
woch-nb-ilage:„IllustrierteSsimtagszeitung"
Deutscher Reich.
== Reichs- nnb Staatsanleihen und Spar- foffen. Tie preußische Staatsregiermig^ hatte bekmmttich seiner Zeit, um den Kurs der staats- Papiere zu heben, die kommunalen Sparkassen durch ein besonderes Gesetz nötigen wollen, einen bestimmten Teil ihrer Aktien in Anleihen des Reichs ober des preußischen Staates anzulegen. Dieses Gesetz scheiterte an dem Widerstande des Landtages. Jetzt soll dies Ziel auf Umwegen erreicht werden. Nach einer neuerlichen Verfügung des Ministers des Innern und der Finanzen an die Provinzialbehörden sollen mm biejenigen kommunalen Sparkaffen, die sich statutenmäßig verpflichten, einen bestimmten Teil ihrer Bestäube in Staatspapieren anzukegen, ge- wiffe Erleichterungen in der Höhe des anzusammelnden Reservefonds, bezw. der Verwendung der Jahres-Ueberschüste zngcficmden werden. — Tas rst ein indirekter Zwang, gegen den Widerspruch erhoben werden muß. Wenn es möglich ist, die über die Höhe des Reservefonds und über bie Verwendung der Jabresüber schliffe augenblick- kich herrschenden Bestimmungen zu erleichtern, ohne daß dadurch die Sicherheit der Sparkassen-
mus," sagte er, mir mit den Augen blinzend, mit einem feinen Lächeln, .„das ist ein tüchtiger und fester Junge, den ich Dir zum Geschenke mache. Ich sage Dir, daß Du Dich in jeder Ge- legenheit auf ihn verlassen kannst. Die Rubel bleiben ihm nid# an den Händen kleben, denn Blut ist ihm lieber als Gold!" Das habe ich mir gemerkt und konnte es bis heute nur bestätigen. Der illuftre Wojwode kennt die Menschen, wie Ihr wohl wißt!"
„Mein lieber Nachbar, da das Geld obgesindt ist, so bleibt mir nichts übrig, als zu wünschen, daß Ihr Euch nicht getäuscht habt! Ihr könnt ja recht haben: ein Mensch ist schließlich ebenso viel tourt wie ein anderer und ein stolzes Kind der Steppe kann zum mindesten ebenso viel Ehrlichkeit, Gewissen und Energie in sich haben, als ein alter, schlauer Verwalter, der am Gelds hängt und mit allen Schlichen vertraut ist. Nur wenn Euer unüberwindlicher Dymitr hierher kommt, so bitte ich Euch, ihn mir vorzustellen. Ich möchte gern dieses vollkommene Muster von Ehrlichkeit unb Tapferkeit kennen lernen!"
D« Starost wollte antworten, als plötzlich aus dem grangelben Salon ein fröhliches Lachen ertönte, in welchem er auch die Stimme Mary- nias zu erkennen glaubte. Er horchte hin: Pha- däsns DluSki erzählte eine lustige Geschichte vom Hofe der Zarin Katharina. Hieronymus zog finster die Brauen zusammen und preßte die Lippen aufeinander, dann wendete er sich auf den Hacken um, ließ ohne Entschuldigung feine beiden Gefährten stehen und verschwand zwischen den seidene» Vorhängen, hinter welchen mit einem Male das heitere Lachen verstummte, als er sich näherte.
I« diesem Augenblicke machte auch der Richter eine brüske Bewegung und zog die Schultern in die Höhe. Ta fiel sein Blick zufällig auf seine» Freund, ben Oberst, dessen Gesichtsausdruck ihn in Erstaunen setzte. AuS den offenen, etwas müde» Zügen des liebenswürdigen Greises sprach eine so deutliche Unruhe, eine solch unverkennbare Preokkuprertheit, daß der Richter e8 nicht für an-
* Die Angliederung des Kongostaates a» Belgien wurde gestern auch im belgischen Senat nach mehr als vierzehntägiger Beratung mit 68 gegen 24 Stimmen bei 11 Enthaltungen bestätigt. Dafür stimmten die Kalhoitken und einige Liberale. Die Annahme des Gesetzes vollzog sich " ‘ “ Die
Bei seinem Auf» und Niederschreiten hatte» sich ihm zwei Freunde seines Schwiegervaters zu- gesellt, der Richter Topszewski, ein hochachtbarer Mann des Gesetzes mit weißen Haaren, und der Oberst Treciak, ein ehemaliger Offizier, deffen Nermel leer am Körper herabhing, — ein alter Haudegen mit mäßigem struppigem Schnurrbart. Ohne fein unruhiges Wander» auszugeben, sprach Hieronymus mit ihnen über die Ernten des verflossenen Herbstes, über den Verkauf des Getreides und Heues und den Preis der land- toirkfchastlichen Produkte. Das, hinderte ihn ie- doch nicht, von Zeit zu Zeit einen Blick kalter und hochmütiger Wachsamkttt nach der Ecke des grauen Salons zu werfen, in welchem Maryma mit ihrem strohle irden Lächeln in dem sie um- gebenben Kreis von Jugend, Anmut und Frohsinn wie eine Königin herrschte.
„Nun, Herr Stärkste," fragte der alte Richter, sichern er seinen Gefährten in seinem Spaziergang zurückhielt, „habt Ihr die so lange fchwe- bende Angelegenheit zwischen dem hohen und mächtigen Wojwoden und seinen verschuldeten 'Pächtern, welche sich weigerten, die Lebensmittel- äbgaben zu zahlen, erledigt?"
„Ja, Nachbar, zu meiner großen Befriedigung ist es mir geglückt! Ihr könnt Euch denke«, wie ich mich beeilte, deni hochmächtigen Grafen Po- tocki nach Kiew die Summe zu senden, welche ich diesen Elenden entriß. Gewiß hätte ich ihm gerne eine noch größere gesandt. Doch mußte ich mich wohl zufrieden geben mit dem, was ich mit so großer Mühe erlangt habe. Ihr kennt wohl das Sprichwort, lieber Freund: Besser ein Sperling in der Hand als eine Taube auf dem Dachl"
„Gewiß, gewiß! Ob die Summe klein oder groß ist, der stolze Wojwode wird sie wohl brcm-
einlapen in Frage gestellt wird, dann muffen die Erleichterungen auch sämtlichen Sparkaffen zugesiandsn werden.
• „Nationakstolz". Zu der Rüge, die die alldeutsche Preffe den Heidelbergern erteilt batte, toeil sie mit Rücksicht auf den auch von Fran- zosen stark besuchten Philosovbenkongreß von einer Feier des SedantageS Abstand genommen hatten, bemerkt die „Frkft. Ztg.":
Diese Austastung zeigt, daß man in Heidelberg ,mn mindesten mehr Takt besitzt, als m der Redaktion des Berliner Blattes, in der man Grobheit und Ungezogenheit gegen fremd« (Säfte für„National- stolF $a halten scheint. Soll ein solcher Mangel an guter Form etwa geeignet fein, uns Freunde ju er» werben? Urberdies ist man in Süddeuischland von der Sedanbegeisterung ziemlich,nrück- gekommen, aber man weiß ja seit dem Eulen burg- prveeß. daß ine Beniner einen Süddeutschen nur mit Zuhilfenahme eines Dolmetschers verstehen können. Uud oft dann noch nicht.
* Ter Kampf gegen die Trunksucht. Die Ortspolizeibehörden find nach der ,3t. Pol. Korr/ höheren Ottes ersucht worden, sich über folgende Punkte eingehend zu äußern:
„In welchem Umfange sind Entmündi- gungen Truukfüchtiger im Poliiei- (Amts-) Bezirk erfolgt? In welchem Maße hat Unterbringung in Anstalten und nut welchem Erfolge statt- aefunben? Hat sich die Notwendigkeit ergeben, Trunkiüchtige in Anstallen zwangsweise unter- zribrinaen.
* Nürnberg, 9. Sept. 1908. Zum sozia- liftischen Parteitag find bereits 350 Dele- leaierte (1907 in Essen waren es überhaupt nur 307,i angemeldet.
d* München, 9. Sept. 1908. Ins baye- rische Kultusministerium soll der bekannte Zentrumsabgeordneie Dr. v. Orte re r berufen werden, und zwar als Ministerialdirektor einer neu einzurichlenden Abteilung und als Borutzen- ver des obersten Schulrates. — v. Orlerer ist als Obeistudienrat anerkannter Fachmann in Schuffragen, dessen Berufung ins Ministerium durchaus angebracht ist. Das wird die Liberalen aber nicht abhalten, wenn die Meldung sich bestätigen sollte. ein Mordsgeschrei über die „schwarze Zerrtrumsherrschaft" anzusttmmen.
j" München, 9. Sept. In Bayern ist ein Konflikt zwischen den modernen und den gläubigen protestantischen Geistlichen ausgebrochen. Der der positiven Richtung angehörende Kirchenrat Nägelsbach in Erlangen hat ein vertrauliches Runöfcheiben an die protestantischen Geistlichen Bayerns gerichtet, worin ersucht wird, den beigeleglen Eulwürfen von Eingaben an die Berwaltungsausschüsse des Zentralbibel- oereins und des Landesvereins für innere Mission beizutreten. Ju ben Eingaben wird gebeten, „moderne" Geistliche nicht mit „maßgebenden Veit ichtungen in den Vereinen" zu betrauen, und soweit das schon geschehen ist, „bei der nächsten Wahl von ihnen abzufehen, auch wenn sie im übrigen noch so tüchtrg und noch so geeignet dazu erscheinen sollten". Auch wird in den Eingaben gebeten, „Geistliche dieser Art nicht zu Predigern bei den Verernsfesten zu beruf rn". Herr Hauplprediger Dr. Geyer in Nürnberg, der bisher Vorstand des Landes- vereins für innere Mission war, hat sofort, als er Kenntnis von diesem gegen seine Person gerichteten Rundschreiben erhielt, seine Stelle »iedergelegt, bedauernd, daß „am Landesverein ein patteüaktisches Experiment gemacht roeibe". Herr Pfarrer Fikenjcher in Fütth, welcher
nur verschoben werden. Auch sei eine weitere Belastung durch Einkommens- und Vermögens- steuer» nü$t gut möglich, schon wegen der Höhe der direkten Steuern, die in zahlreichen Gemeinden inklusive der kommunalen und kirchlichen Abgaben zu verzeichnen sei.
Demnach wird beabsichtigt, bie direkte Besteuerung in der Form eines Ausbaues der Erbschaftssteuer und einer Erhöhung der Matri- kularbeiträge vorzunehmen. Darüber heißt es:
„Der notwendige Ausgleich zwischen Vechrauchs- unb Befitzesdelastung kann nur i« einem weiteren Ausbau der Institution der NachlaßdeÜeuerung gefunden werden. Außerdem aibt es auch bisher sckon eine Form, kn der das Reich durch Bermittluug der Einzelstaaiea aus den direkten Steuern Borieil gezogen bat: di« Matrik« larbeiträge. Eine Steigerung derselbe» wird nur in Grenzen möglich sein, welche gleichzeitig der Finanigebarung der Bundesstaaten genügend freien Evielraum lassen und vermeiden, daß durch sprunghafte Slergerung der direkten Steuern die notwendig »avitaldildung eingeschränkt und der Spar- stnu erschüttert wird.
DieGaA- und Elektrizitätssteuer wird nicht ausdrücklich genannt; doch wird wohl in dem nachstehenden auf ihr Kommen vorbereitet: „Schließlich gibt es einzelne charakteristische Erscheinungen der modernen Aufwandes, die eine Steuerdelastnng vertragen können.
Nachdem dann noch kurz erklärt wird, von Umsatz- oder eigentlichen Vrekehrssteuern könne keine Rede fein, wird auch noch eine formelle neue Regelung der Reichsfrnanzresorm in Aussicht gestellt, vor allem die Slärkung der Betriebsfonds des Reiches durch die Befeifigwig der Vorschußwirtschaft. Auch bie Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten seien von dem System Der alljährlich schwankenden Mcrtritularbeilräge loszulösen und auf eine feste Grundlage zu stellen durch Einführung eines be- meglrchen für eme Reihe von Jahren festzustelleu- den FakwrS. — Das ist ziemlich unklar. Allem Anscheine nach beabsichtigt man die Einführung fester Malrikularbeüräge. Da bie Maiiikular- umlagen ober der einzige bewegliche Faktor m dem Enmahmebudget find, fo soll an ihre Stelle ein anderer treten. Worin dieser aber bestehen soll, rvird nicht gesagt.
Ausland.
* Ein politischer Skandal in Dänemark. Der vor einiger Zeit von seinem Amte zurück- getretene Justizmimster Al her ti Hal sich der Polizei gestellt unter der Angabe, große Fälschungen und Betrügereien zum Schaden deS Finanzministettums, der Nationalbank und der Privatbank verübt zu haben. Der frühere Minister versichert zwar, daß für die veruntreu!en Summen volle Deckung vorhanden sei, doch bat eine Sparkasse bereits ihre Zahlungen einstellen müßen. Die gesamten Betrügereien Albertis sollen neun Millionen betragen. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von vierzehn Jahren. Geschädigt ist vor allem die von ihm seit Jahren geleitete feeländische Bauernsparkafse, deren Verluste den Ruin zahlreicher Familien auf dem Lande zur Folge haben. — Alberti galt längst als ein Mann von zweifelhafter Moral und war deshalb fongesetzt den schärfsten Angriffen ausgesetzt. Dabei ahnte aber wohl niemand, daß der Justizmimster feine Hand nach fremdem Gut ausgestreckt hatte und zum gemeinen Verbrecher geworden war. Albecli war eine ungewöhnlich kraftvolle, weit über den Durchschnitt hinaus- ragende Persönlichkeit und ganz dazu gemacht, die Geschäfte des Landes zu leiten. Es ist tief beklagenswert, daß ein Mann von solchen Gaben genötigt ist, unter so beschämenden Umständen vom politischen Schauplatz abzutreten.
Der dänftche Ministerpräsident Christensen hat aus Anlaß der Affäre Albetti dem König die Demission des Kabinetts angeboten, f
einstigen: die ein. fpdtige petttzrilr ober deren Hans IS pfg. KeLamendrepetitzeiie 25 Pfg., bei wieder- Holungen wird entspr» Kobalt gewährt.
Lotattonsdrnckund vertag der Fuldaer Ak» - ,, ««druckerei in Fuld«
monatsbtiiagc: „Fuldaer Geschichtsblatter" i-wiMch«