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M 207.

Fulda, Mittwoch bett 9. September 1908.

35. Jahrqanq.

schränkung oder besonderen Verpflichtung für die Ausübung ihres Amtes unterworfen sind, son­dern sich ganz genau derselben bollen Gewissens- und Kultusfreiheit erfreuen, wie die katholische Geistlichkeit deS Landes, sei nur nebenbei er­wähnt. Und alle „Ultramontanen" Belgiens fin­den das in der Ordnung, und in Kammer und Senat findet sich in der ultramontanen Mehrheit auch nicht eine einzige Stimme, die an diesen staatlichen Zuschüssen zu den Kultuskosten jener fremdländischen Kirchengemeinschasten auch nur das geringste zu mäkeln fände!

Deutsches Reich.

* Eine Verstaatlichung des öffentlichen Schlachthofwesens wird anläßlich der geplanten Finanzreform von tierärztlicher Seite angestrebt. Man erhofft davon reichliche Einnahmen für das Reich, Verbilligung des Fleisches, Hebung deS tierärztlichen Standes und noch mehr.

* Hebet die Zulassung der Feuerbestattung find. Wie offiziös versichert wird, die Vorarbeiten zu einem Gesetzentwurf ziemlich weit vorgeschrit­ten. Ob sie sich bis zur nächsten Tagung zu einer Vorlage an den Landtag verdichten werden, ist noch fraglich.

• Oldenburg, 7. Sept. 1908. Eine gestern in Cloppenburg abgehaltene, von etwa 1500 Katho­liken besuchte Zentrumsversammlung nahm nach einem Vortrag des Reichstagsabg. Grafen Galen über das zu erwartende neue oldenburgische Schulgesetz eine Resolution an, in der gegen eine Beschränkung der geistlichen Schulauf­sicht protestiert wurde. Der Geistliche soll nicht nur die Fachaufficht im Religionsunterrichte, son­dern auch in den übrigen Unterrichtsfächern bei­behalten, zum mindesten aber berechtigt sein, jeder- zeit die Schule zu besuchen und sich zu vergewis­sern, daß die Kinder im christlich-konfessionellen Geiste unterrichtet werden.

Zweites Wtatt.

* Intoleranz in einem katholischen Lande.

Die Intoleranz der Protestanten in Sach­en, Mecklenburg und Braunschweig ist so welt­bekannt, daß darüber kein Wort mehr zu ber­ieten ist. Heute soll auch einmal von der „In- oleranz" der Katholiken in einem katholischen tanbe die Rede sein.

Von den katholischen Ländern ist in unseren Tagen keines so katholisch wie Belgien. Bel­ten ist unter ihnen das einzig« Land, daS 6et her fast ausnahmslos katholischen Bevölkerung auch seit nunmehr einem wllen Vierteljahrhundert unter dem „Joch einer »ltramontanen Regierung seufzt". Gar nicht zu «eben von seiner früheren „uliramontanen" Ver­gangenheit, die nur zeitweilig von liberal-frei- gaurerischen Lichtstrahlen einigermaßen aufze- seilt worden ist. Das Land hat in den Kreisen protestantischer deutscher Bildung" einen so chlimmen Ruf, daß jedesmal, wenn ein liberaler Zeitungsmann über Belgien berichtet, die Be- dichnung „klerikal" einen extra gehässigen Cha- tikter annimmt.

Belgien hat unter stark sieben Millionen Ein- -ohnern noch keine Drittelmillion Ein­wohner nichtkatholischen christlichen und jüdischen Bekenntnisses. Von den Israeliten sei ier nicht die Rede. Die etlichen hunderttausend rotestanten Belgiens sind Deutsche, Holländer, ngländer, Schweizer und Skandinavier, also bis erhältnismäßig verschwindende Ausnahmen, die le belgische Naturalisation nachgesucht haben, Ausländer.

Jede dieser Nationalitäten hat bekanntlich bren Spezialprotestantismus: die Deutschen find tniert, die Holländer sind reformiert und gehen h ihren reformierten Gottesdienst, die Englän­der haben ihre anglikanischen Kirchen und Geist- fchen, die Lutheraner des Nordens ihren luthe- tschen Kultus.

Und nun denke man sich die „Intoleranz", Welche der belgische Klerikalismus in Parlament Sb Regierung diesen ausländischen Protestanten tgegenbringt:

Zunächst hat man in Belgien niemals Kir­nen guter der Unierten, reformierte Stifter ober 'nglikanische Klöster eingezogen, das Vermögen ier katholischen Kirchengemeinben hat der Staat bcr f. Z. eingezogen. Trotzdem aber gewährt ,er belgische Staat all diesen fremdländischen kultusgemeinden verschiedener Sekten, ganz ienau so wie den katholischen Kirchengemeinden budgetmäßig Jahr um Jahr sehr beträchtliche Zuschüsse, welche sich für das laufende Ge- chäftsjahr folgAidermaßen stellet: Für Ge- Älter der protestantischen und anglikanischen Prediger 89,900 Franken. Für diverse Kullus- «sgaben 18,600 Franken. Für Kultusbauunter. Eungskosten 25,000 Franken. Insgesamt also ScOOO Franken.

Wenn man berücksichtigt, daß der belgische Staat als Gehalt für einen kchholischen bel- stschen Kaplan die immense Summe von ganzen ^0 Franken pro Jahr zahlt, so hat man einen /caßstab für die „Intoleranz", womit er die et- rcben Dutzend protestantischen Geistlichen aller Achtungen behandelt, die Belgien als Auslands­aste beherbergt.

Daß die evangelischen, anglikanischen, refor- tterrten, lutherischen usw. Pastoren keiner Be­

vermischtes.

* Zur Zeit der Obsternte wird die Frage: „Wem gehört das überhängende Obst?" oft zum Zankapfel. So mancher verfeindet sich um eine Handvoll Obst mit seinem Nachbar, weil er die einschlägigen gesetzlichen Besttmmungen nicht kennt. DaS Eigentumsrecht an einem Baume sicht demjenigen zu, auf dessen Grund und Boden er wächst, somit auch das Eigentumsrecht an den Früchten, die er trägt. Steht ein Baum auf der Grenze, so wäre demnach jeder Anlieger nach dem Verhältnis an den Früchten Eigentiimer, als diese auf seinem Grund und Boden gewachsen. Hängen Bäume auf das Grundstück eines andern über, so kann der letztere die Entfernung des Ucherhangs verlangSn, er ist sogar berechtigt, falls seiner Aufforderung zur Entfernung der­selben keine Folge geleistet wird, das Ueber- hängende abzuschneiden. Der Nachbar wird je­doch nicht ohne weiteres Eigentümer von Früch­ten, die auf einem Baume des Nachbargrund- ftückes über seinem Besitztum hängen. Solange dieselben auf dem Baume sitzen, sind diese viel­mehr Eigentum des Besitzers des Baumes, sie gehen aber in das Eigentum des Nachbars über, sobald sie auf dessen Grundstück abgefallen find. Der Eigentümer des Stammes fft nicht berech­tigt, zum Abnehmen oder Auslesen von Früchten daS nachbarliche Grundstück ohne Erlaubnis zu betreten. — Wer sich hiernach richtet, wird mit seinem Nachbar stets in Frieden leben können.

♦ Vertragsabschluß zwischen Zeppelin und Friedrichshafen. In einer mehrstündigen Sitz­ung des Gemeinderates und Bürgerausschusses in Friedrichshafen wurde am Montag der Vertrag zwischen der Stadt Friedrichshafen und der Luft- schiffbau-Zeppelin-Gesellschaft endgiltig ange­nommen. Die Stadt erwirbt danach das erfor­derliche Gelände für 340 000 Mark und verpach­tet es auf 50 Jahre an die Gesellschaft für 5000 Mark jährlich. Nach Ablauf von 50 Jahren hat die Gesellschaft das Recht, die Grundstücke für zwei Drittel des jetzt von der Stadt bezahlten Preises anzukcmfen. Die Gesellschaft gewährt der Stadt, um den Ankauf zu ermöglichen, ein Darlehen von 500 000 Mark zu vier Prozent, das innerhalb der nächsten fünfzig Jahre zu til­gen ist.

* Eine gewaltige Dynamitexplosion hat sich in Assuan (Egypten) ereignet, bei der 160 Kisten Dvnamit in die Luft flogen. Menschen sind da­bei nicht umgekommen.

Marktberichte.

• Frankfurt a. M., 7. Sept. 1908. Amtliche No­tierung der Viehmarkt-Preise. Zum Verkauf standen 380 Ochsen, 77 Bullen, 908 Kühe und Rinder (Stiere und Sen), 291 Kälber, 368 Schafe und Hämmel und 1467 oettte. Bezahlt wurde für 100 Pfd. Schlachtgewicht: Ochsen: a. vollfleischige, ausgemästete höchsten Schlacht­wertes bis zu 6 Jahren 80—82 M., b. junge fleischige nicht auSgemästete und ältere auSgemästete 73—75 M., c. mäßig genährte junge, gut genährte ältere 60—64 M., d. gering genährte jeden Alters 00—00 M. Bullen: a. vollfleischige höchsten Schlachtwertes 62—64 Mark, b. mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 58—60 M., c. gering genährte 00—00 M. Kühe und Färsen (Stiere und Rinder): a. vollfleischige, ausge­mästete Färsen (Stiere und Rinder) höchsten Schlacht« wertes 74—76 M., b. vollfleischige, ausgemästete Kühe höchsten Echlachtwertes bis zu 7 Jahren 68—67 M., c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 54 bis 56 M., d. mäßig genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 00—00 M., e. gering genährte Kühe und Färsen (Stiere und Müder) 00—00 M. Bezahlt wurde für 1 Pfd. Schlachtgewicht: Kälber: a. feinste Mast. (Vollmast) u. beste Saugkälber (Hannov.) 92—95 Pfg., b. mittlere Mast- und gute Saugkälber 80—92 Mg., c. geringe Saugkälber 68—70 Pfg„ d. ältere, gering genährte Kälber (Fresser) 00—00 Pfg. Schafe: a. Mastlämmer und jüngere Masthämmel 82—00 Pfg., b. ältere Masthämmel 74—76 Pfg., c. mäßig genährte Hämmel und Schafe (Merzschafe) 00—00 Pfg. Schweine: a. vollfleischige der feineren Raffen und deren Kreu­zungen im Alter biS zu 1*/« Jahren 70 —00 Pfg., b. fleischige 69—00 P)g, c. gering entwickelte, sowie Sauen und Eber 60—66 Pfg., d. ausländische Schweine (unter Angabe der Herkunft) 00—uu Pfg. Bezahlt wurde für 1 Pfd. Lebendgewicht: Ochsen 00—00 Pfg., Kälber: a. 55—56 Pjg., b. 48 —53 Pfg., Schweine: a. 55—00 Pfg., b. fleischige 54*/« Pfg. Geschäftsgang in Horn­vieh schleppend, Ueberstanv unbedeutend, in Kleinvieh gut, Ueberstand keiner. Aus Oesterreich-Ungarn standen 119 Ochsen zum Verkauf.

handelte es sich dabei um Roggen, wovon bereits ansehnliche Mengen ihren Weg ins Ausland ge­nommen haben, und auch in der letzten Woche sind große Posten zur Erfüllung von Erport- verkäufen nach der Küste abgelenkt worden. Die gleiche Verwendung fanden die während der ersten Tage der Woche in Berlin zur Andienung gelangten Roggenpartien. In Weizen scheiterten größere Abschlüsse bisher an der erwähnten Knappheit des inländischen Angebotes und muß­ten Händler gegen ihre Exportverkäufe auf dem Berliner Lieferungsmarkte Deckung suchen. Mit dem Mangel an inländischem Weizen und der Befürchtung, daß die inländischen Qualitäten durch ungünstiges Erntewetter gelitten haben dürften, hing es zusammen, daß sich die Mühlen wieder mehr für ausländischen Kleberweizen in- teressierten, und trotz ungefähr 25 bis 30 Mark höherer Preise, als das inländische Produkt zur Zeit bedingt, Bezüge von russischem und amerik. Weizen verschiedentlich eingeleitet wurden. In Gerste hält der Export nach dem Westen, wo wesentlich höhere Preise als hier zu erzielen sind, weiter an. Die Beteiligung der Brauereien am Einkauf ist immer noch unbefriedigend. Ziemlich lebhaft gestaltete sich dagegen das Geschäft in russischer Futtergerste, deren Preise weiter ange­zogen haben. Auch Hafer, -er durch die Ungunst der Witterung noch ziemlich viel zu leisten hafte und vielfach noch am Schluß der Berichtswoche auf den Feldern lag, begegnete bei knappem An­gebot stärkerem Interesse. Angeboten waren nur geringere Qualitäten, während schwere helle Ware bisher nahezu fehlt. Umsätze in Mais sind nach wie vor unbedeutend. Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kgr. je nach Quali­tät, wobei daS Mehr (+) bezw. Weniger (—) gegenüber -er Vorwoche in Klammern () beige­fügt ist, wie folgt:

Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualttät, wobei daS Mehr (-(-) brzw. Weniger (—) gegenüber der Vorwoche in Klammern 0 beigefügt ist wie folgt:

Welzen Roggen

2 3

2 3

Danzig 203 (+ 2 ) 169 (+

Berlin 202 (4- 2 ) 173 (-4-

Hamburg 201 (+ 1 ) 172 (4-

Düffeldorf 213 (+ 3 ) 178 (+

Sanff int 202*/. 182*/.

ünchen 218 180

Hafer

) 164 (+ 2

) 177 (-- 2 ) 178 (- -10 ) 170 (- - 4 177*/.

171

) ) )

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Sept. 204.25 (4- 5.50), Budapest Oktober 191.05 (+ 2.10), PariS September 185.85 (4- 2.05), Liverpool Sept. 169.15 (+ 1.90), Chicago Sept. 150.85 (+ 5.80), Roggen- Berlin Sept. 174.00 (+ 2.50), Hafer: Berlin Sept. 162.00 (4- 8.50) Mark per 1000 Kilogramm.

Reklame»»- und Anzeigenteil.

iss—

kurzer Getreide-Wochenbericht

der preirderichtrftell« der deutschen Landwlrtschaftrratr vom t—T. September 1908.

Auch in der abgelaufenen Berichtswoche haben ungünstige Witterungsverhältnisse eine Ein- fchränkung -es inländischen Angebots bewirkt, so daß es bereits schwer fällt, die nach -em Aus­lände verkauften Mengen zu beschaffen. Dabei bekunden die ausländischen Abnehmer für deut­sches Getreide fortgesetzt reges Interesse und haben an chin -en letzten Tagen wieder manche Erwerbungen vorgenommen. In -er Hauptsache

iiiilSÄ»

„Weil niemand meine Sachen für mich her­auslegte, replizierte Frau Berger, während sie in -er größten Kaltblütigkeit fortfuhr, ein Klei­dungsstück nach dem andern anzuziehen, „tummle Dich Mann, sonst bleibst Du sitzenl"

Herr Berger fuhr in sein Oberhemd hinein wie ein Stier, der ein rotes Tuch siebt. „Zum Kuckuck — an dem Hemd ist fein Knops!" schrie er plötzlich. „Du hast die verkehrte Seite an", faßte Frau Berger mit holdem Lächeln- während sie ihr Kleid betrachtete und ein Dutzend Stecknadeln ins innere Taillenfutter steckte.

Als Herr Berger wieder a»S bjyn Oberhemd herausfuhr, fing er an zu schwitzen. Dreimal ließ er das unglücklich^ Hemd fallen, ehe er es an­kriegte, und als er schließlich mit dem Kopfe zum Halsloche herausfuhr, schlug es 10 Uhr.

„Wo ist meine Busennadel?" schrie er.

Frau Berger holte sich gerade aus dem nach- ften Zimmer ihren Hut und ihre Handschuhe. Als sie zurückkam, sah sie, wie ihr Mann jeden Kasten aufzog und ausschütteie.

„In dem Oberhemd, das Du eben ausgezogen hast," sagte sie, sich den Hut auffetzend.

. Herr Berger suchte wie ein Besessener nach seinen Manschettenknöpfen.

„Ich habe ste heute morgen noch nicht gesehen," sagte die Dame, indem sie sich die Handschuhe an- Sog, „hast Du sie nicht gestern abend unten im Garfenzimmer aufs Fensterbrett gelegt?"

Er erinnerte sich, und int vollen Jagen eilte er die Treppe hinunter. Leider vergaß er dabei feine Stiefeln, welche das Mädchen inzwischen geputzt und wieder auf den obern Treppenabsatz hingestellt hatte. Unversehens trat er auf den einen, und im nächsten Augenblicke flog er rück­lings die Treppe hinunter, wobei sein Kopf auch nicht eine einzige Stufe verfehlte.

„Zum Kuckuck!"

„Bist Du bald so weit, lieber Leberecht?" fragte, sich über die Ballustrade lehnend, in ihren süßesten Tönen bas Weib seines Herzens.

„Kannst Du mir den andern Stiefel nicht her­unterwerfen?" stöhnte der unglückliche M<um> „Sicherlich, mein Liebster l" "

„Mein Reisesack," sagte er, indem er sich mti aller Macht die Schuhe anzog.

„Ist im Schlafzimmer unter Deinem Bett!' „Gepackt?"

„Ich weiß es nicht. Es sei denn, Du habest ihn selbst gepackt!" Bei diesen Worten hatte st« £n die Hand an der Haustürklinke. „Ich haft« m Zeit, meinen eigenen zu packen."

Ehe sie an die Ecke kam, wo die Droschken stau, den, hörte sie ihren Namen: „Pauline, Paulin« — hast Du meine Weste nicht gesehen?"

„Im Vorzimmer," schrie sie zurück. „Adieu, mein Herz."

AIS sie den Droschkenschlag zuschlug, hotte fi« sich wieder rufen: „Pauline — wo ist mein Rock? Mein ganzes Geld ist drinnen!!"

Sich noch einmal umdrehend, rief sie ihm zu: „Im Speisezimmer, am Haken links hinter der Tür!" ■ !

Dann hieb der Kuffcher auf seine mageres Mähre, und Herrn BergerS teuere Ehehälfte ver­schwand aus seinem Gesichtskreise.

Wer die Nachbarn sagen, sie hätten geglaubt, Herr Berger wäre plötzlich verrückt geworden, denn sie hörten ihn im Hause Herumrufen wie toll, und alle Minuten wäre er an der Haustür erschienen, um die wegfahrende Frau Berger ztt fragen, wo fein Hut fei und wo sie den Schlüssel zur Reisetasche hingelegt habe, und als er schließ­lich in Wachtmeistergeschwindigkeit aus dem Häuft jagte, blieben sämtliche Türen und Fenster wett offen stehen. _

Die Eisenbahnbeamten und Gepäckträger des T'schen Bahnhofes waren einigermaßen erstaunt, gerade als der Zug sich in Bewegung setzte, einen erhitzten Mann mit glühend rotem Gesichte und offener Weste auf den Perron stürzen zu sehen, dem der Hut im Nacken saß und dessen unver­schlossene Reisetasche auf- und zuklappte, wie ein wahnsinnig gewordener Fensterladen. Er hielt einen Hausschlüssel in der Hand und ballte grim­mig die Faust gegen seine Frau, die, sich aul einem Kupee 2. Klaffe herauslehnend, ihm zum Abschiede mit dem Taschentuche winkte.

Geschäfte gemacht hatte, kam um halb zehn Uhr wieder nach Hause, der Zug ging um halb elf Uhr.

„Jetzt los," rief er, „nur eine Stunde Zeit, tummele Dich, Frau, sonst bleibst Du sitzen."

Und sie tummelten sich um die Wette.

Herr Berger jagte durch dieses Zimmer und stürzte dmch jenes, ttß mit affenartiger Geschwin­digkeit alle Schränke und Kommodekästen auf und lachte sich in'S Fäustchen, als er daran dachte, welch ein langes Gesicht feine Frau machen würde, wenn er allein abrutschte.

Bergers bewohnten ein hübsches einstöckiges Häuschen vor dem Tore ganz allein.

Um Zeit zu sparen, zog sich Herr Berger die Sttefel gleich oben an der Treppe auS, die ins Patterre fiihtte. Aus demselben Grunde zog er den Rock aus, während er durchs Speisezimmer rannte und hing ihn an einen Hacken in die Ecke. Dann riß er sich die Weste ab und hing sie im Vorzimmer auf, und als er im Schlafzimmer ankam, hatte er auch sein Oberhemd fortgewor­fen, um ein neues anzuziehen.

Er zog einen Kommodekasten auf und fing an, tn den Sachen herum *u wühlen, wie ein SffenlnnRber, der Jagd auf eine Ratte macht. „Pauline , ,chne er, „wo sind meine reinen Un­terhemden? „In Deinem Kasten," erwiderte seine Frau nchrg, während sie vor dem großen Stehspiegel ihre Gestchtslöckchen arrangierte. „Aber ich sehe sie ja nicht!" sagte Berger ein wenig ungeduldig, „ich habe den ganzen Kasten umgekehtt, eS ist nicht ein einziges Stück drin, das mir gehört."

Frau Berger trat ein paar Schritte vom Spie- ?el zurück, um zu sehen, wie sich die Löckchen aus er Entfernung machten, und nachdem ste sich überzeugt hatte, daß fie ihre Schuldigkett tun würden, sagte sie: „Natürlich! DaS ist ja mein Kasten. Du weißt ja, daß ton gestern Deine Kommode da drüben hingestellt haben."

„Ich sehe nicht ein." sagte Herr Berger mür- rrsch, warum Du meine Sachen nicht herauSlegen konntest. Du hattest den ganzen lieben, langen Morgen nichts zu tun''

Den Zug verpatzt.

Herr und Frau Berger kamen gerade zur echten Zeit an, um den Zug vor ihrer Nase ab- nhren zu sehen. Mit Aerger im Herzen und inem gepreßten Lächeln auf den Lippen schauten e ihm nach. Ihr erster Impuls war, hinterher u rennen; da aber der Zug nunmehr bereits u^er Sicht war, gaben sie diese Idee auf und iefen dem Kutscher zu, nach Hause zu fahren.

Nach einer Weile brach Herr Berger das omi- wse Stillschweigen mit den Motten: „Das kommt avon, wenn man auf die Frau Watten muß; sie ftrd nie zur rechten Zeit fertig."

"Ich war lange fertig, mein Freund." ertoi- lerte seine Frau.

„So so," fuhr Herr Berger ungeduldig auf, <nun höre einer diesen Unsinn an! Saß ich nicht ttndestens 10 Minuten in der Droschke und schrie jir die Kehle heiser nach Dir? Die ganze Nach- dr schäft wurde auftührerisch!"

„Sicherlich, mein Lieber," entgegnete Frau Jerger mit jener merkwürdigen Ruhe, welche nur ine Frau zur Schau zu tragen versteht, „und We3 Mal, wenn ich einsteigen wollte, schicktest ?u mich zurück, um was zu holen, das Du ter- pffen hattest."

Herr Berger stöhnte.

„Das ist nicht zu ertragen!" schrie er. „Wenn P eine Reise nach Amerika machen wollte, dann ttme ich eben nur nach Hause, packte die Reise- ffche, zöge ein reines Oberhemd an, und dann «achte ich, daß ich fortkäme, während ihr Weiber stgefahr ein halbes Jahr gebraucht, um mit furem Krame und Euren Packereien fertig zu »erben, und noch ein halbes, um abzureisen, und aun verpaßt ihr zuletzt noch den Zug." i vom Siebe war, daß bie Beraers

fre Besuchsreise auf die nächste W«he verschoben stn aber diesmal ganz sicher zu gehen, machten h miteinander aus, daß jedes feine eigenen Vor- jungen treffen und keines sich um das anbere immern olle, der - respektive die - Saum, fiige müsse die Folgen tragen. — Gesagt ge- ft. m 'uet der Abreise kam heran, und tzkr Berger, der nur einen Sprung nach dem