35. Jahrgang.
Fulda, Mittwoch den 9. September 1908.
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Von Marcel Etienne.
(Nachdruck verboten).
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„Die Leut«, bi« heute an der Spitz« stehen, wissen nicht mehr, um wo» e» sich bet der Schaffung der Be- rufSgenossenschaftin gehandelt hat . . . Man hätte bte Brrursaenofsenschasten fragen mäste«, eh« man dir Grundige (der Reform der Arbeiterversicherung) »er» öffentlichte. Gras PosadowSta ist ja — ra'“ *** Dank gegangen. Jawohl, ® taf t war der s ch l i Stande». Gr Hal
Recht wert dort unten, beinahe an der Grenze Asiens, ist die Ukraine, die alte Erde, die so voll hon Erinnerungen und Gräbern ist!
Auf den unendlichen Flächen ihrer großen, 'grünen Steppen erheben sich vereinzelt einige alte, stolze Eichen in einsamer Große. Man könnte sie für die Schatten der Hetmans und Watazeks halten, welche sich ihres einstigen Ruh- wes erinnern und auf den verlassenen Gefilden rhrer Heimat die Vergangenheit beweinen, c" Den Tälern wachten und grünen dichte Buschel pon Schilf, die sich zu beweglichen, Manern er- heben, kleine Kuppeln und Zelte bilden, ähnlich fenen flehten, beweglichen Zelten der Kosakenjugend in entschwundener Zeit.
Dann, wenn der Sturm der Steppe die schwanken Rohre beugt und in den Blättern der Eichen braust, erheben sich mit einem Mal viel 'erstorbene Stimmen, vereinigen sich, geben einander Antwort! Der unruhige Klageton des Schilfes, das dem entfernten Gemurmel einer be- waffneten Menge gleicht, hallt in der Luft wieder und erweckt ein tiefes, lang gezogenes Echo, das zu sagen scheint: „Slatea Buhu", „Ehre sei Gott!" Und der Sturm, der im Gezweig der .Eichen toütet, hat eine düstere, wilde Stimme, wie einstmals der Schrei Hetmans: „Schlag zu, haue! Stich nieder, töte!" Das war der Schlacht- Mf, den sie ihren frenetisierten Scharen von dem Schlachtroß herab zuriefen.
5 Nun sind sie vorüber für die Erde der Ukraine, die Tage der Kämpfe und des Blutes, — die Tage des grausamen Gemetzels und des wild jauchzenden Ruhmes. Die heroischen Schlachten welche auf ihr geschlagen wurden, — die
ES befanden sich zwei „Marien" unter dem Dach des allen Edelmannes: zuerst seine Frau, in der er mit sanfter und unwandelbarer Zärt- lichkell die wachsame und getreue Gefährtin so vieler Jahre liebte, und dann seine Tochter, fein reizender Liebling, seine lebhafte und liebenswürdige „Maryma", eine der reinsten und entzückendsten Typen der anmutigen Mädchen der Ukraine, deren Stimme Gesang, deren Vlick ein Himmel, deren Lächeln ein Traum ist.
Im Verlauf des TageS hatten zahlreiche Schlitten vor dem Tor des Herrenhauses liebe Freunde und Nachbarn abgesetzt, welche, in dicke Pelze und Decken gehüllt, herbeigeeilt waren, um den beiden „Marien" ihre Festtagsgeschenke und ihre freundschaftlichen Festtagswünsche darzubringen.
Seit zwei Stunden flammten auf den Kandelabern des Salons zuKruto-Horby die Kerzen und erhöhten mit ihrem warmen, schönen^ Licht die weichen Farben der Gobelins an den Wänden, die Polster aus Brokat und Damast und die goldenen Verzierungen der Möbel. Um die Spieltische versammelten sich die gefurchten Stirnen und ergrauenden Köpfe der älteren Herren. zweiten Salon, einem wohligen Nestchen au3 perlgrauer Seide mit blauen Moireeschletfen geschmückt, plauderte Marynia, die reizende Starostin, mit einigen jungen Mädchen, ihren Freundinnen und mit ihren zwei Brudern, die stolz und imponierend aussahen in ihrer goldstrotzenden Uniform, und mit deren Freund PhadasuS Dluski, dem glänzendsten und tapfersten jungen Edelmann der ganzen Umgebung.
Die adelige und vornehme Gesellschaft war somit in zwei Hauptgruppen geteilt, die, obwohl Seite an Seit e,streng von einander getrennt waren. Hier der Klang des auf dem grünen Tuch der Spieltische verstreuten Goldes, die summenden Stimmen der Spieler, aus welchen man zuweilen hören konnte: „Atout — Herzkönig —• Passe — Treff-Dame — gib Karten!", Dort '■' fTtp^-^ ber 'in irisches <
«inrS R.tchSfchatz«». «verlohnt also b« Wb«, festzustrllrn, ob dem Vorschläge unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstehe« oder nicht."
Dem Plan wird in dieser Form wohl sehr lebhafter Widerspruch begegnen. Wir bezwetf- len übrigens, doch die erhofften hohen Bettäge sich au» dieser „Erbrechtsreform" ergeben. Wenn man die Seitenverwandten in ihrem Erbrecht beschränkt, wird die Folge wahrscheinlich ssm, baß die, die etwa« zu erben haben, zahlreicher als jetzt, bei Zeiten ein Testament machen und voraussichtlich — nicht zu Gunsten des Staates. Beschränken kann man das Erbrecht doch nur bei solchen Erbanfällen, bei denen ein Testament nicht vorliegt. Ist ein Testament vorhanden, dann hat der Staat das Nachsehen.
X Gegen den Grafen Posadowsky, den früheren Staatssekretär drS Innern, wurden am Montag in Essen auf dem JnnungSverbandstage deutscher BauaewerkSmeister schwere Angriffe gerichtet, di« wir schon deshalb erwähnen müssen, weil sie sicherlich noch zu lebhaften Erörterungen führen werden. Ein Braunschweiger ArchtteN bemerkte bei der Besprechung der Reform der Arbeiterversicherung, die Grundlagen der Ber- faffung der Berufsgenossenschaften seien ganz versessen.
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schmückt zum Altäre zu führen hoffte, obwohl er bereits 62 Jahre zählte. Er besaß toter Kinder: drei Söhne, von denen der älteste, Stefan, Doktor der Jurisprudenz, sich in Lublin niedergelassen hatte, während die beiden anderen als Hu- saren-Offiziere bei der National-Kavallerie-Bri» gäbe des Generals Jerlicz standen. Und endlich eine Tochter, ein reizend es und liebevolles Geschöpf, die noch vor vollendetem 19 Jahr dem Wunsch ihrer Ellern gefolgt und den reichen und mächtigen Herrn Hieronymus Koszowacki, Starost von Koszowata, geheiratet hatte. Dieser Edelmann war dey Vertraute und Günstling der illustren Grafen Potocki, Wojwoden von Kiew und Beherrscher der Ukraine.
Der gute alte Schloßherr hatte also nach menschlichem Ermessen in all seinen Lebensbedingungen nur Ursache, fein Geschick zu preisen und seinem Gott zu danken. Wan eS ebenso gewesen in den längst vergangenen Tagen seines Lebens? Niemand wußte es, doch zweifelten die intimen Freunde des Herrn Bychowski zuweilen daran: wenn einer von ihnen zufällig in Gegenwart des Schloßherrn von dem Gebiet jenseits des Boh zu sprechen begann, von dem alten Palatin von Kiew —, von den Brüdern Kosaken, jenen tapferen Zaporogischen, so verschleierten sich seine Augen, seine bleichen Lippen bewegten sich und ein tiefer Schatten legte sich auf feine gefurchte Stirn. Tann schien er den ganzen Tag zerstreut, an irgend einer empfindlichen Stelle schmerzlich getroffen, nur wenn er sich abends früher als gewöhnlich zurückzog, suchte er Vergessen in einem um so längeren und inbrün- stigerem Gebet.
Grau lag der Winterhimmel über den Feldern; seit drei Wochen schon war das grüne Gras der Steppe verschwunden unter der weißen, bereits hart gewordenen Decke des Winterschnees. Man fdjrieb den 8. Dezember, den Festtag der Unbefleckten Empfängnis. Dieser Tag wurde alljährlich im Dwoc Kruto-Horby festlich be- -ranoen.
Deutscher Reich.
♦ „Bernhard bleibt, ob mit oder ohne Block", so soll sich nach der ,Aug«b. Abendztg/ der Kaiser kürzlich geäußert haben. Während nationalliberale Blätter demgegenüber darauf Hinweisen, daß Fürst Bülow, wir die Verhältnisse liegen, lediglich mit dem Block zusammen- arbeiten könne, bemerkt die Föln. VolkSztgst, eS sei noch keineswegs auSgemacht, daß da- Scheitern der Blockpolitik in einer wichtigen innerpolilischen Frage ohne weitere» auch den Rücktritt de- Fürsten Bülow zur Folge hätte:
„Ma« hat un» tat Zentrum nachgesagt, wir hätten einen grimmigen, unauslöschliche« Haß gegm den Fürste« Bülow und suchten mit allen möglichen Mitteln auf seine« Stur, hinzuarbeiten, und e» hat un» ntchU genutzt, daß wir die» entschiede« in Abrede gestellt haben, »tr find nicht rachsüchtig, werfe« un» aber freilich auch nicht weg. Di« Parteien Haden bet un» gar nicht di« Möglichkeit, einen leitenden Staat», mann, b« ba» Vertrauen der Kron« hat, ohne wettere» zu stürzen. Erhält der Kaiser den Fürsten Bülow tat Amte, auch „ohne Block", fo mag da» ein schwierige«, sehr schwierige», auf jeden Fall auch sehr interessante» Experiment sein, da» dem Fürsten Bülow neu, ®e- legenhett gäbe, sein« G«schtckltchk«tt al» Staatsmann erst recht zu beweisen. Aber vor dem SBorti unmöglich soll man sich in brr Polttik hüt««."
)( Der Postscheckverkehr wird bekanntllch am 1. Januar nächsten Jahre- eingeführt werde«. Rach den nunmehr getroffenen Vorbereitungen ist da- Postgebiet, wie schon früher angekündigt, in neun Scheckbezirk eingeteilt. Wer ein Konto eröffnen will, stellt beim Scheck- amte oder bei einem zuständigen Postamt einen Zulasiung-antrag. Dabei muß der Antragsteller 100 Mark Stammeinlage einzahlen. Die Liste der Kontoinhaber wird veröffentlicht und ist käuflich. Da- Au-schalten au- dem Postscheck- verkehr ist natürlich jederzeit gestattet. An Gebühren wird erhoben: für jede Summe bis 500 Mark 5 Pfennig bei Einzahlungen, für jede Rückzahlung V« vom Tausend der au-zuzahlenden Bettäge und 5 Pfennig Gebühr, für lieber- tragungen 8 Pfennig. Bei mehr al- 600 Buchungen im Jahrs werden für jede überschießende Buchung 7 Pfennig Zuschlag erhoben. — Im Verhältnis zu Oesterreich und der Schweiz sind diese Gebühren ziemlich hoch, zumal keine Zinsen bezahlt werden.
i nun Gott sei hl. -ras Posabowikv .lmmft« Gegner unseres Staude». Gr' hat verhindert, daß un» der Be» fähigungSnachwei» luteü wurde, trotzdem der R-ichstag ihn bereits befaloflen hatte. Er hat auf fehlerhafter Grundlage dem Reichstag Berechnungen v orgelegt, ohne sie vorher dem Reichsversicherungsamt vorzulegen (lebhafte» Hört, hört!). Der frühere Präsident d« Retch»v«rflcherung»amte», Gäbel, hat uns tat ReichSversicherungSamte dies« Mitteilung gemacht und gebet««, ihn in seiner Stellung zu schützen. Sr sagte, er hab« di« Borlaa« erst au» den Reichsdruckjacven kennen gelernt. Di« Folge diese» Vorgehen» des Grafen PosadowSkv war, daß di« Vorlage bei einer Besetzung de» Reichstage» mtt 88 Abgeordneten durch- gepeftsch» wurde."
Daß Graf PosadowSky der schlimmste Gegner deS Baugewerbe- gewesen sei, dafür dürfte der Redner wohl den Beweis schuldig bleiben. Wenn er den Auswüchsen deS Baugewerbe- mitunter scharf entgegengetreten ist, so werden ihm dafür sicherlich die weitesten Kreise deS deutschen Volkes Dank wiffen. Wir eS mit dem Verhalten deS Grafen in der Frage de- Befähigungsnachweises steht, wird wohl noch aufgeklärt werden.
Hugo Zorn, der Zögling der Jesuiten und Echüle, de» bischöflichen ßqceum» in Straßburg, soll Staats» sekrrtär, Baron Franz, der Organisator des Straß, bürg« Katholikentag», Bischof von Straßburg werden, Staat und Kirche von Jesuttenzöglingen regiert, in be» Reiche» Westmark, dir wir mit der Kaiserkrone au» den von den Jesmten (!) gegen unS, gegen das prot«, stantische Preußen-Deutschland aufgebotenen, französischen Bataillonen herauSgeholt haben! Ein» durch und durch klerikale AdelSdnnastie in d« Regierung von Staat und Kttche, ein überwiegend klerikales Notablenparlament, denn das ist der Landes ausschuß und ein preußischer Militärdiplomat als noch sehr unkundiger Dbetauffebei des Ganzen, das ist das Prognostikon der Dynastie Zorn v. Bulach, deren Morgenröte nunmehr angebrochen ist."
Dabei ist bekanntlich Freiherr Zorn v. B'.lach nicht etwa „ultramontan" oder ein Freund des Zentrums, sondern im Gegenteil em entschiedener Gegner des „politischen Katholizismus . was ihm von der „Franks. Ztg." extra bezeugt worden ist. Nützt alles nichts, der Mann ist k a - t h o l i s ch und daher für einen so hohen Posten nicht geeignet. Dabei sind die, Reichslande zu breitoiertel katholisch! Mag ein Katholik noch so tüchtig, mag er streng konservativ und block- fromm sein, das alles fällt nicht ms Gewicht gegen das schreckliche Verbrechen, daß er katholisch sst. Daß die alte Mär von dem protestantischen Deutschland im Zusammenhang hiermit wieder austaucht, ist nicht verwunderlich. Wundernehmen mutz einem nur, daß solch fana- tische Eiferer noch nicht dagegen gewettert haben, daß das „protestantische Reich" durch die katholischen Rheinländer, Westtalen, Schlesier, Bayers Badenser usw. miterkämpft worden ist.
a Kriegervereine und Politik. In Bracke! bei Dottmund war auf Vorschlag des Vorsitzenden der Gemeindeoettretung auch ein Sozialdemokrat in die Schuldeputation gewählt worden. Niemand hatte gegen die Wahl dieses Manne- Anspruch erhoben, stillschweigend war dem Bor- schlage zugestimmt worden. Unter den Mit- gliedern des Gemeinderate- befindet sich auch ein Berginvalide, ein braver Mann; er ist KriegSveteran und gehört zu den Begründern de- KriegervereinS. Nun wurde dieser Veteran von jemand, der ihm nicht wohl wollte, beim Vorstande des KriegervereinS wegen ^sozialdemokratischer Umtriebe" angezeigt, und der Vorstand hat seine Ausschließung au- dem Verein beschlossen. ES ging dem Manne ein Schreiben deS Inhaltes zu, daß er durch die Zustimmung zu der Wahl deS Sozialdemokraten gegen die allgemeinen Grundsätze der Krieger- und Landwehrvereine verstoßen habe. Der Vorstand habe deshalb beschlossen, ihn au» dem Krieger- und Landwehrverein auszuschließen. — Die Tyrannei der Leiter der Kriegervereine wird allmählich doch unerträglich. Man muß sich nutz wundern, daß die Mitglieder sich daS alle- bieten lassen.
* Rur heimlicher Kuhhandel. Die freisinnig« ,Weser-Zeitung', die im Gegcnsatz zu dem Abg. M ü l l e r - M e i n i n g e n von den freisinnigen Patteien im Reichstage bekanntlich verlangte, die Reichsfinanzreform nur dann mitzumachen, wenn dem Liberalismus dafür auf anderen Gebieten Gegenleistungen gewährt werden, hat einen Brief von Herrn Dr. Müller-Meiningen erhalten, in dem es heißt:
In Ihrem Arttkrl vom 1. d. M. haben Eie zunächst leider den Satz (meine» Artikel») retebenugeben vergessen, auf den ich Gewicht lege. „ES gibt Ding♦ in der Politik, die tut man, posaunt sitz aber nicht au», ohne ft« zu verderben. Wenn der Meister der Taktik, Herr Theodor Barth,
):( Nationalstolz.
Man schreibt uns aus Süddeutschland: In Heidelberg war in diesen Tagen ein internationaler Kongreß versammelt, an dem auch viele Franzosen teilnahmen. Aus diesem Anlaß hat man dort von der Feier des Sedantage- Abstand genommen. Darauf hob zunächst ein sanftes Säuseln im Blätterwalde des evangelischen Bundes und der Alldeutschen an, das sich nach gegen- fettiger Aufmunterung der Herren schließlich zu einem gewaltigen Donnerwetter entwickelt hat, aus dem immer wieder das stolze Wort „National- stolz" heraustönt. Die Leute wollen nämlich Glauben machen, durch den Ausfall dieser Feier werde der Nationalstolz verletzt, und eS sei zweifel- los, daß die Leute, die so handelten, keinen Nationalstolz hätten usw. usw.
Es gibt in Süddeutschland sehr viele Leut«, die den Heidelbergern durchaus recht geben, und I» zweifelt hier auch niemand daran, daß in Norddeutschland sehr viele nicht ander- denken. Die Sedanseier knüpft an die entscheidende Nieder- ^je der Franzosen bei Sedan an. Das sind nun ld 40 Jahre her. Deutschland hat sicher ein Recht, sich darüber zu freuen. Da- wird in Frankreich niemand verübeln können. Darum handelt es sich aber bei dieser Feier nicht. Hier heißt die Frage: Ist eine solche äußerliche Feier /etzt, nach so langer Zeit, noch berechtigt? Wird sie nicht viel mehr schaden als nutzen? Diese Frage beantwortet man in Süddeutschland allgemein im Sinne der Heidelberger.
Der Nutzen der Feier soll darin liegen, daß durch sie der patriottschs Sinn im Herzen der Kinder großgezogen wird. Gewiß, große Bei- foiele wecken große Taten, hohen Sinn. Auf die Länge der Zett erscheint eine solche Feier allmählich bei den Kindern aber doch nicht mehr als etwas Besonderes. Sie werden ja mit vater- ländischer Geschichte in einem Umfange bedacht, der die übrigen Fächer vielfach benachteiligt. Die Erinnerung an jene Tage ist also bei den Schulkindern immerzu lebendig. Einer besonderen Feier bedarf es nicht. Will man absolut feiern, warum dann gerade ein Fest, das bei unfern Nachbarn peinliche Erinnerungen weckt? Warum gerade ein Ereignis feiern, das für sie die tiefste Demütigung bedeutete? Warum nicht lieber z. B. eine Feier der Erinnerung an die Errichtung des neuen deutschen Kaiserreiches?
Wir stehen in einer Zeit, da es allgemein gilt, bte internationalen Gegensätze auszugleichen. In einer solchen Zeit muß die Sedanseier im Auslande unangenehm auffallen. Jedenfalls bedeutet sie keine Besserung der internationalen Beziehungen über die jungen zarten Keimcheu des Vertrauen-, die sich hier und da in französischen Bestellungen auf dem deutschen Marfte -bei der deutschen Industrie erkennen ließen, fällt bei dieser Feier ein Kulturreif, der stets nur zu viel vernichtet.
In Süddeutschland ist man sich jedenfalls I inig darin, daß man diese Feier ruhig ein» Olafen lassen kann, ohne seiner Vaterlandsliebe etwas zu vergeben. In Nvrddeutschlaud wirb es nicht anders sein. Eine große Begeisterung für das Fest besteht im Volke nirgends.
Die Beschränkung des Erbrechts, von der seinerzeit viel gesprochen wurde, scheint nun doch Tatsache werden zu wollen. Justizrat Bamberger, der die Idee der Erbrechtseinschränkung zuerst angeregt hat, ist in der Lage, über die Pläne der Regierung Näheres mitzuteilen. Danach wird die Reform des gesetzlichen Erbrechts zugunsten des Reiches einen Teil der bevorstehenden Frnanzresorm bilden.
„®» wird geplant", so schreibt Bamberger, „die Erbr«cht»grenze hinter den ®efcbrotft*" ktnder« zu errichten und die wettere« Seit« verwandten durch die Reich»kassr zu ersetzen. Daß damtt ganz bedeutende Einnahmen erzielt werden, ohne «ine» Menschen Recht zu verletzen, liegt klar zutage. E» mag aber unterfucpt werden, ob e» nicht rätlich ist, einen Schritt wettrr zu gehen und die Reform auf die Geschwisterkinder auszudehnen. Die Frage ist von großer praktischer Bedeutung: denn e» handelt sich bei dieser Erweiterung um Mehreinnahmen de» Reiches, die tat Durchschnitt auf 250 Millionen jährlich, jedenfalls auf einen weit höheren Bettag zu bemessen find, als die Einkünfte au» der Reform selbst. Damit wären auf einfachem Wege die Mittel gewonnen, um der Reichrsinanzresorm einen bedeutenden Jnhatt zu geben. Der hier empfohlene Ausbau der Erbrechtsreform erlaubt eine planmäßige umfassend« Schulden- ttlgung und gleichzeitig die planmäßig, Ansammlung
blutigen Dramen, die sich auf ihr abspielten, bleiben dennoch stets dem Sinn neuer Generationen gegenwärtig.
Eine jener Episoden, zugleich rührend und düster, finster und kindlich, ist eS, die ich heute erzählen will.
1. Kapitel.
Ein 5 e ft tag.
An der Grenze der Steppe, dort, wo ihre grüne Oberfläche sich über die Reihe der Gräber erhebt, stand im 18. Jahrhundert das schöne Dwor") Kruto-Horby, em weißes Herrenhaus, das zwischen hohen Bäumen hertoorlugte, nur in einiger Entfernung von den niebern, kleinen, gleichfalls weißen Hütten der bäuerlichen Kosaken umgeben war. Wie junge, ehrerbietige Mägd- lein um ihre majestätische, ehrfurchtgebietende Großmutter scharten sie sich um das alte, vornehme Kastell.
Seit mehr als 30 Jahren bereits war dieses Dwor der Wohnsitz des alten und adeligen Schloßherrn Bychowski, ein Edelmann, der von allen geachtet und geliebt wurde. Aus einer alten, polnischen Familie entsprossen, war er in einer entfernten Gegend, jenseits der Boh, ansässig ge- wesen, ehe er nach Kruto-Horby kam.
Das sanfte und wehmütige Land, die Ukraine, hatte dem allen Edelmann niemals weder traurig noch langweilig erschienen. Um seine Tage auszufüllen und den Lauf der tragen Stunden zu beflügeln, hatte er nicht nur die Sorge für fein schöne- Vermögen und seine blühende Ge- sundhett, sondern auch jene für seine ziemlich zahlreiche und gleichfalls fröhlich blühende Familie, auf welche er mit Recht stolz war und die er zärtlich liebte. Da war zuerst seine Frau, eine schöne und würdige Matrone, mit welcher er schon seit langem die Silberhochzeit gefeiert hatte, und die et noch mit der goldenen Myrihe ge-
äi Weil er katholisch ist. lieber den künftigen Staatssekretär im Reichsland, Jrhr. Zorn v. Bulach, schreiben die „Leipz. N. N." und andere liberale Blätter drucken eS nach;
„Sein Bruder Franz, der Jüngste im Kreis von ünf Geschwistern, der Stolz der Famllir, ist Weih- »tschof von Straßburg, der al» erster Generalvikar tat« ächlich ba» Regiment der Diözese führt und auch den ttänklichen Bsschos Fritzen, ehemaligen Erzieher deS König» Friedrich August von Sachsen und seine» Bruder» Johann, vollständig zu beherrschen weiß. Jesuitrnzögling (fürchterlich!) wie fein Bruder Hugo, der Unterstaatssrttetär, und die meisten Angehörigen de» elsässischen Landesadel», ist er der Typus deS vorsäkularen kirchlichen Grandseigneurs, dessen faszinierende» Wesen auch dem Kaiser so zu gefallen wußte, daß dieser ihm gegenüber da» Wort von den edelen Herren der Kirche gesprochen und geprägt hat, von deren Mitwirkung er die Germanssatton oder sagen wir di« moralische Rückeroberung de» Lande» erhoffe. Seitdem wurde von den einflußreiche» Verwandten unablässig an der Beförderung deS FamilienseniorS der Zorn» gearbettet. Jetzt ist ba» Ziel erreicht. Baron