35. Jahrgang.
Fulda, Montag den 7. September 1908.
M 205.
m politischen Leben, wenn ein Blatt von dem
zu dieser Wendung der Dii Eine Fußkette, die sie mit'
uldaer
^bschied erhalten. — Bekanntlich war die im Offizier kreis gehaltene Kaiserrede durch eine Indiskretion von Offizieren in die Oeffentlichkeit
Revision der nationalliberalen Gesinnung gedroht, wenn nicht — und das ist die Hauptsache — di« Liberalen sich dazu entschließen sollten, bei der bevorstehenden Landtagswahl einen Volksschullehrer als Kandidaten aufzustellen. Mit Recht wird diesen HerzenSergüsien des liberalen Landes«
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
Machdruck verboten).
Erscheint ILgllch mH Ausnahme der §o.m- und Zeiertage.Viertel- jShrlichee vezugrpreir ohne öringerlohn und VesteSgeldinZuldaso- auswärts t-SvMk.
verantto. Redakteur:
«arl Schütter
ÄÄ w°ch-nb°nag-: „Illustrierte Somtagrzewing
* Ein Nachspiel zur Döberitzer Kaiserrede. Infolge der seinerzeit verbreiteten und allgemeines Aufsehen hervorrufenden ^Döberitzer Kriegsrede- Kaiser Wilhelms II. haben, der „Rh.-W. Ztg." zufolge, zwei Offiziere deS GardekorpS den Abschied erhalten. -
Deutscher Reich.
* Die Flottenmanöver in der Ostsee sind beendet. ES finden Nachmanöver in der Nordsee statt. 8 Schlachtschiffe befinden sich schon bei Borkum.
(*) Ueber den Besuch des englischen Königspaares in Berlin gehen wieder mehrere sich zum Teil widersprechende Meldungen durch die Preffe. Nach einer anscheinend offiziösen Mit« teilung soll der Besuch im Monat Februar nächsten JahreS erfolgen, und zwar sei er auf drei bis vier Tage berechnet.
lehrerorganS wenig Bedeutung beigemeffen. Es ist zum Mindesten zweifelhaft, ob eine liberal« Lehrerkandidatur auch die Gutheißung der Wähler finden würde; denn mit Recht hat das ,Mzr. Journal" daran erinnert, daß auch die Wahl deS Zentrumsabgeordneten Uebel, der früher Volks« schullehrer war.in erster Linie auf seine verdienstvolle Wirksamkeit im öffentlichen Leben zurückzuführen ist und daß im Allgemeinen die Sympathie für Lehrerkandidaturen im Lande nicht stark hervortritt. Daß daS Bündnis des Zentrums mit den Nationalliberalen Blättern vom Schlage der Frankfurter Zeitung nicht in den Kram paßt, darüber braucht man sich nicht zu wundern. Bei diesem Blockorgan überwiegt immer wieder der Haß gegen daS Zenttum. In der heutigen Betrachtung dieses Blattes über die bevorstehende Landtags- wähl wird abermals die unwahre Behauptung aufgetischt, Zentrum und Nationalliberale seien „zu jedem Opfer für daS direkte Wahlrecht bereit", während der Freisinn und die Sozialdemo« traten im Gegensatz hierzu als die privilegierten Hüter der Volksrechte gepriesen werden. ES gehört schon entweder ein Mangel deS Verständnisses für die in Betracht kommenden Verfassung-- fragen oder aber offensichtlicher böser Wille dazu, um immerfort mit solch unwahren Behauptungen zu operieren. Die einfache Lektüre der Vorschläge deS Abg. Dr. Glässing zur Verständigung mit der Ersten Kammer und der einschlägigen Kammerverhandlungen müßte den Gewährsmann der Frankfurter Ztg. darüber auf- klären, daß seine Vorwürfe völlig haltlos find und daß von einer Preisgabe von Volksrechten namentlich in Budgetfragen bei jenen Verstän- rigungSvorfchlägen nie und nimmer die Rede ein kann. ES bedeutet geradezu einen Tiefstand
nem Baier, und dieser Blick, voll Liebe, Zärtlichkeit und Sehnsucht, erweichte die eisige Kruste des unter den betäubenden Ereignissen der jüngsten Vergangenheit beinahe verhärteten Herzens und erfüllte dasselbe mit neuer Wärme und neuem Leben. Es war für Guido nicht nötig zu sprechen und seine Identität zu beweisen. Sir Harry erkannte ihn, und mit einem freudigen AuSruf eilte er ihm entgegen und schloß ihn in seine Arme.
„Guido 1" rief er. „Mein Sohn, mein Sohn!"
Ist es nötig, die nun folgende Szene zu beschreiben? Der Scchn war zurückgekehrt, edel, hochherzig, unverdorben, wie er gegangen, und wurde von den Seinen bewillkommnet, wie ein vom Tode Auferstanbener; der rechtmäßige Erbe von Harrington Hall zog nach langen Jahren der Trennung endlich wieder ein ins Vaterhaus!
Brander, der einsah, daß ihm jetzt keine Ausreden, keine Lügen mehr helfen konnten, musterte rasch die Tür und die Fenster; aber nirgends bot sich ihm ein Ausweg zur Flucht. Er warf sich in einen Lehnstuhl, gebrochen an Geist und Körper. Seine Sünden kamen über ihn und es blieb ihm nur noch übrig die Strafe dafür zu empfangen.
Es währte lange, ehe die Wieidervereinten auch an andere dachten. Guido machte sich endlich sanft aus den Armen seines Vaters frei, ging zu Nelly, erfaßte deren Hand und führte sie zu feinem Vater.
„Vater," sprach er mit seiner vollen, wohl- klingenden Stimme, ich habe Dir eine lange Erklärung zu geben. Vorläusig aber mögen Dir *P*r. dw Hauptpunkte genügen. Ich war bei einem Schiffbruch an der sizilianischen Küste am Kopfe schwer verwundet worden und kam zum Leben zurück, als ein Blödsinniger. Ich war verlassen ohne Freund, und dem Tode nahe. Daß ich meinen Verstand wieder habe, daß ich heut« noch am Leben bin, ist einzig und allein dieser edlen Dame zu danken. Sie war meine Beschützerin und Wohltäterin l Selbst in der schwersten Stunde eiaener
„Wie nannten Sie ihn?" fragte er.
„Schweig!" rief Brander grimmig. Gehe 'ort!"
Fanny aber, welche durch ihre Bitten des Baronets Unwillen über ihre Anwesenheit beseitigen zu können glaubte, ging nicht, sondern antwortete auf Sir Harrh's Frage unbefangen:
„Ich nannte ihn Ferdinand; er —" „Halt!" stieß Brander, sie unterbrechend, wild hervor, sprang auf sie zu und erfaßte ihren Arm mit solcher Heftigkeit, daß sie einen leisen Klage» zon nicht unterdrücken konnte. „Nicht ein Wort ^nehr," fügte er zischend hinzu, „wenn Du nicht meinen! ganzen Haß Dir zuziehen willst."
„O, Ferdinand!" rief die junge Frau mit vor S<l)!nerz halb erstickter Stimme; „o, mein lieber Mann!"
tigc?rQn^er öen Arm seiner Frau hes- "LK ^ Ferdinand Du tust mir wehe."
^adjte, daß ^hp Name Brander und Sen?"6 3t0U b°n metne§ Sohnes Reisegefährten "Ich bin — ich bin — Ferdinand, presse mei- Sr f v5®«1 8®?”” Brander,
U'r Harry — - die Frau Ferdinand Brander's. Wenn Sie Ihren Sohn rufen wollten, Sir, ich glaube, er wurde sich unser annehmen."
„Ah! Und wer ist der Mann, der Ihren Arm fr. krampfhaft festhält. Mrs. Brandes?" fragte ®tr Harry, der plötzlich von einer schrecklichen Aufregung erfaßt wurde.
„Er o, laß mich, Ferdinand! — er ist mein Mann — Ferdinand Brander."
Ein Schrei entwand sich den Lippen des Ba- ronets und Ella's, welche letztere auf einen Stuhl Mik und nach Atem rang.
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Monatrbellager „§uldLM SeschichtMätter" genfer »r.».
Ansehen der Franks. Ztg. sich zur Verbreitung dieser sozialistischen Märchen hergibt, um gegne- rischen Parteien eines anzuhängen. Unangenehm hat eS auch die linksstehende Presse berührt, daß der Bauernstand, den man in der Wahlrechtsfrage wenig zuverlässig hielt, sich auf dre Seite der beiden bürgerlichen Parteien stellte und auch im bevorstehenden Wahlkamps« eine entsprechend» Haltung einzunehmen gewillt ist. ES hätte manchem besser in den Kram gepaßt, wenn Antisemiten und Bauernbündel gegen Zentrum und National- liberale gleichfalls mobil gemacht hätten, weil damit die Chancen der linksstehenden Parteien naturgemäß gestiegen wären. Das Zentrum hat in einer vor wenigen Tagen unter dem Vorsitz des Justizrats Dr. Schmitt stattgefundenen Sitzung des LandeSausschuffeS den Wahlaufruf festgesetzt, der in einigen Tagen veröffentlicht wird. Di» Agitation innerhalb der Partei für die Wahl und namentlich für den großen hessischen Parteitag deS Zentrums ist im ganzen Lande ausgenommen. Die Kandidatenftage ist meist gelöst oder abri da, wo sie noch strittig, in den nächsten Tagen ihrer Lösung gewiß. Mtt einer Vergrößerung deS BesttzstandeS der ZentmmSfraktion im neuer» Landtag darf ernstlich gerechnet werden.
Not und Gefahr wollte sie den unglücklichen Blödsinnigen nicht verlassen, der keine anderen Ansprüche an sie hatte, als die der Humanität. Sie ist eS, der Du eB zu danken hast, mich in diesem Leben wieder zu sehen."
Sir Harry streckte seine Hand nach Nelly aul. Diese errötete unter seinen Blicken, die großen, dunklen Augen blickten zaghaft zu ihm empor, aber ihre Hand erhob sich nicht, um der seinigen zu begegnen.
„Vater," fuhr Guido mit bewegter Stimme fort. „Nelly ist mir mehr als eine Beschützerin und Wohltäterin — sie ist mein Weib!"
Sir Harry sich seinen Sohn erstaunt an; aber sein Gesicht wurde freundlicher und seine Äugen leuchteten heller, als er die Gattin feines SohneS an sich zog und ihre Stirn küßte.
„Meine Tochter," sagte er mit väterlicher Zärtlichkeit, „sei willkommen in meinem Hause und in meinem Herzen. Das ist eine glückliche Ueberraschung für mich Dies ist für mich das Mcklichste Weihnachtsfest, welches ich je erlebt
Er küßte sie nochmals und entließ sie. Nelly fühlte, daß er sie in sein Herz geschlossen und daß sie mit dem Gatten einen Vater bekommen hatte.
Guido nahm ihren Arm und führt« sie zu Ella, welche sie mit sanftem Lächeln und Tranen in den Augen empfing. , „ . .
„Ella, ich bringe Dir eine Schwester, sagt» er heiter. „Nelly, dies ist Ella, von der ich Dir erzählt habe." , r
Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich.
Guido wandte sich jetzt zu seinem falschen Freund und früheren Gesellschafter und betrachtete ihn mit ernstem und traurigem Blick.
Brander erhob sich zitternd und näherte sich Harrington mit niedergeschlagenen Augen.
„Ferdinand Brander," sprach Guido mit sorgenvoller Stimme; „sehen wir uns so wieder?"
„O, Guido, Guido!" rief Brander schluchzend, „ich danke Gott, daß Sie gerettet und zu Ihrem Eigentum zurückaÄeibrt sind! So wahr Gott
Brander schleuderte seine Frau zornig von sich.
„DaS Weib ist wahnsinnig!" nef er. Ihr Unglück hat ihr den Verstand geraubt. Sicherlich wirst Du ihren albernen Einbildungen keinen Glauben schenken, Vater."
Es herrschte ein tiefes Schweigen im Zimmer, welches plötzlich durch das Rollen eines Wagens, der vor dem Hause hielt, unterbrochen wurde, gleich darauf wurde ungeduldig an die Tür geklopft, vor welcher zwei Herren und eine Dame standen. Doch von den im Empfangszimmer anwesenden Personen achtete niemand auf das Rollen der Wagens, noch auf das Klopfen an dem Hauspottal.
„Vater? wiederholte nach einer langen bangen Pause Fanny voller Bewunderung, bald den Baronet, bald ihren Mann ansehend. „Ferdinand, hast Du Deinen Vater gefunden? Ist Sir Harry Harrington Dein Vater? ‘
„Nein, tausend mal nein!" donnerte der Baronet, dieser Mann ist nicht mein Sohn. Eine geheime innere Stimme hat mein Herz stets gegen ihn aufgewühlt. Ich habe ihn schon vor Ihrer Ankunft als Betrüger und Aufdringling erfannt."
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und zwei Personen — Guido Harrington und seine Braut — traten ins Zimmer und hinter ihnen, an der Tür stehen bleibend und von den andern fast unbemerkt kam Roderich Gildon, ein teuflisches Lächeln auf seinem Gesicht und mit einem uniheimlichen Funkeln seiner Augen.
Gerade einige Schritte vor Brander, welcher der Tür am nächsten stand, blieb Guido mit seiner Braut stehen. Seine kräftige Gestalt hoch aufgerichtet, einen vernichtenden Blick aus feinen voll Leben und Geist strahlenden Augen auf den falschen Erben an seiner Statt, den Stäußer seiner Gttmttsrechte, werfend, stand er da wie ein rächender Gott.
Von dem so lange Zeit als vermeintlicher Sohn Sir Harrys gehaltenen Betrüger wendete sich sein Blick mit verändertem Ausdruck au fei-
„Für uns gibt es keine Schweigegebote. Wir bitten, folche Kindereien gefälligst zu unterlassen und unS umgehend Bettcht zu erstatten. Parteivorstand."
Nachdem nunmehr am 12. August die sozialdemokratische badische LandtagSftaktion für dar Budget gestimmt hatte, richtete Schäfer an den Berliner'Parteivorstand noch an demselben Tage ein längeres Schreiben, in dem es heißt:
„Hättet Ihr in anständiger Form über dir Gründe des Schweiaegebots bei uns angefragt, fo Hütten wir Euch sofort, wie eS selbstverständlich ist, die nötige Aufllärung gegeben. Nachdem Ihr aber vorgezogen habt, durch Euer Telegramm uns zu beleidigen und zu schulmeistern, waren wir es unS selber schuldig, durch Jgnotteren die richtige Antwott zu geben. Wir verwahren unS im Namen der badischen Landesorganisation gegen die rücksichtslose Veröffentlichung der Korrespondenz, die in die Behandlung dieser taktischen Frage eine bedauerliche, parteischädigende Schärfe hineingetragen hat."
cP Darmstadt, 6. Sept. 1906. Der Auf- marsch der Parteien zur bevorstehenden Land- tagöwahl vollzieht sich augenblicklich im allgemeinen so, wie es angesichts der politischen Lage seit Monaten erwartet wurde. Ein taktisches Zusammengehen deS Zentrum- mit den Nationalliberalen, daS zwar nicht der Blockpolitik im Reiche entsprechen mag, ist in Hessen ein dringendes Gebot politischer Klugheit zur gemeinsamen Abwehr gegen die namentlich in den großen Städten deS Lande» dominierende Sozialdemokratie. Aber auch in manchen stark industriellen ländlichen Wahlkreisen bedarf e» eineS geschlossenen Zusammengehens der beiden bürgerlichen Parteien, um sozialdemokratische Erfolge zu verhindern. DaS bereits vor Wochen gemeldete Bündnis deS Freisinns mit der Sozial- demokrate scheint nach den eigenen Aussagen sozialistischer Blätter nur „von Fall zu Fall" zu gelten. So wird hier in der Residenz der Freisinn in feinem Führer, Justizrat Gallus, sowie dem Architekten Rückert besondere Kandidaten aufstellen, womit ein Sieg der Sozialdemokratie von vornherein aussichtslos wird. Zu einem gemeinsamen Vorgehen dieser beiden Pattrien scheint es nur in der oberhessischen Stadt Friedberg, sowie im rheinhe fischen Wahlkreise Mom- bach-Oberingelheim zu kommen. Der Freisinn rechnet in Friedberg mit sozialdemokratischer Hilfe auf die Erhaltung seine» bisherigen Mandates, und in Ingelheim versucht er, den langjährigen, verdienten Sozialpolitiker de» Zentrums, den Abg. Dr, Frenay, zu verdrängen. Dis Nachricht, daß der langjährige Zentrumsabg. Penn- rich in Bingen nicht mehr kandidieren werde, betätigt sich nicht. Seine Wahl darf mit aller Bestimmtheit erwartet werden. — Während das Zusammengehen deS ZmtrumS und der Nationalliberalen rm allgemeinen von der Presse und den Wählern günstig beurteilt wird, brachte vor einigen Tagen das Organ de» liberalen LehrervereinS des Großherzogtums einen geharnischten Artikel, der daS Unbehagen über diese politische Konstellation zur Schau trug. Es wird darin bedauert, daß der Kampf gegen den „Ulttamonta- niSmuS" nicht in Hessen zur Wahlparole wird. Außerdem wird der liberalen Pattei zum Vorwurf gemacht, daß sie au» Rücksichten gegenüber dem Zentrum die Verttetung liberaler Schulforderungen im Landtag den Sozialdemokraten Überlasse — ein Vorwurf, der sich gleichzeitig auch gegen den freisinnigen Führer Dr. Gutfleisch richtet, ver seit Jahren bei den Schuldebatten im Landtag geschwiegen habe. ^Schließlich wird mit einer
Oesterreich-Ungarn und Italien können sich zu bitter Wendung der Dinge beglückwünschen. Eine Fußkette, die sie mitschleppten, ist ihnen pbgenommen worden. Das Wohlwollen, das sie, wie die anderen Mächte, der neuen Türkei hitgegenbringen, trägt ihnen selbst Früchte.
gelangt.
* Der Kronprinz wird Berliner Blättern zufolge sich nach beendigter Tätigkeit im Mini- fterium de» Innern weiter in der Zivilver- roaltung orientieren. Als nächste Zentralbehörde ist da» Finanzministerium in Aussicht genommen. Nach vierteljähriger Tätigkeit dort wird der Kronprinz im Reich sm ar ine- amt arbeiten.
* Zur Frage der Heimarbeit hat sich, der ,Nat.-Ztg/ zufolge, der Reichskanzler Fürst Bülow geäußert. Die Vorsitzende des christlichen Gewerkoerein» der Heimarbeiterinnen, Fräulein Behm, hatte dem Reichskanzler die letzten Nummern der Heimarbeiterin' mit einem Anschreiben zugeschickt, in dem sie den verschiedenen Wünschen der Heimarbeiterinnen Ausdruck gab. Fürst Bülow schickte ein vier Seiten langes Antwortschreiben. GS heißt darin:
?m übrigen feien Sie versichert, daß ich nach wie en Bedürfnissen der Heimarbeit meine warme Anteilnahme und volle Aufmerksamkeit zuwende und fortgesetzt bereit bin, zur Abstellung der Schäden, die sich in DeMschland infolge der Heimarbeit zeigen, alle angängigen Maßnahmen den gesetzgebenden Faktoren deS Reiches vorzuschlaaen. ES wird jedoch geboten sein, auf diesem Gebiet der Sozialpolitik vorsichtig vorzugehen.
DaS sind die unbestimmten Redewendungen, die Fürst Bülow immer zur Verfügung hat, wenn er über innerpolitische Fragen spricht. Irgendetwas Greifbares ist daraus nicht zu entnehmen.
** Dec in Sachen der Budgetbewilligung zwischen dem sozialdemokratischen Parteivorstand und dem Vorstand der badischen Landesorganisation gepflogene Briefwechsel wird jetzt in der.Leipziger Volkszeitung' im Wortlaut veröffentlicht. Am 4. August schrieb Herr Molken- buhr im Namen des Parteivorstandes an die badische Landtagsfraktion, diese möchte doch AuS- kunst geben, ob es wahr sei, daß sie daS Budget bewilligen wolle. Namens des Landesvorstandes der sozialdemokratischen Partei Badens erwiderte dann H. Schäfer unter dem 7. August, ^daß wir gestern mit der LandtagSftaktion eine ge- meinschaftliche Sitzung abhielten, über deren Ergebnis vorläufig Schweigegebot beschlossen wurde. Wir sind aus diesem Grunde nicht in der Lage, Ihrer Bitte zu entsprechen". — Hierauf ging am 8. August nachstehende klassische Drahtantwort:
□ Die Balkanfrage.
Daß man sich mit der mazedonischen Frage bei den einzelnen Mächten immer noch eingehend beschäfttgt, zeigen die zahlreichen Unter- redungen zwischen den Monarchen unb ben Ministern, bis gerabe in ben letzten Wochen zu verzeichnen gewesen sind. Auch bei den Zusammenkünften, die in diesen Tagen zwischen dem öfter- reichiich-ungarischen Minister des Auswärtigen Freiherrn v. Aehrenthal mit seinem ttahem- schen Kollegen Tittoni einerseits und dem deut- schen Staatssekretär des Auswärtigen,v. Schoen andererseits hat die Balkansrage im Vordergründe der Erörterungen gestanden.
Selbstverständlich wird wiederum offiziös verkündet, daß volle Einigkeit in der Be- urieilung der politischen Lage herrsche. Dar offiziöse Wiener.Telegramm - Korresp. - Bureau' lanziett ja auch schon eine Meldung in die Presse, wonach die am Freitag zwischen Tittoni und Aehrenthal in Salzburg abgehaltene Zusammenkunft den beiden Staatsmännern nicht nur Gelegenheit geboten habe, sich über die allgemeine Lage in Europa auszusprechen, sondern auch die Angelegenheiten der Türkei zu erörtern. Dabei habe stch „volle Uebereinftimmung in der Auffassung der Ereignisse in der Türkei" ergeben.
Jetzt, nachdem der Systemwechsel in der Türkei ein getreten ist, haben die beiden Minister sehr leicht sagen, daß wegen der Balkanfrage zwischen ihren Regierungen keine Differenzen beständen. ES ist eben die gute Folge des System- wechselS in der Türkei, baß bis Nebenbuhlerschaft Oesterreichs und Italiens auf dem Balkan dadurch ausgeschaltet wird. Theoretisch war dieses politische Wettrennen allerdings schon vordem eingestellt worden. Man vernahm, Oester- xeich-Ungarn und Italien hätten fich auf die Erhaltung deS bestehenden Zustandes geeinigt und einander die Zusage gemacht, keine politischen Sondervorteile in der westlichen Türkei anzustreben. Doch war es schwer, in solchen Versicherungen mehr zu erblicken als bloße Worte. So lange der Zerfall der Türkei für unausbleiblich galt, mußte man auch befürchten, daß der österreichisch-italienische Gegensatz nicht auS der Welt S: schaffen sei. So kollidieren die Interessen esterreich-Ungarns und Italiens in Albanien geradezu. Oesterreich-Ungarn strebte im Interesse eines Handels nach dem Adriatischen Meere; vährend Italien bisher den Handel an der west- ttytn Küste der Balkanhalbinsel fast ganz allein n Händen hat.
Das ist nun anders geworden. Eine Türkei, die die Hoffnung erweckt, baß sie alle ihre inneren Kräfte zusammenfassen und, sich selbst neu zu beleben vermag, wird, je weiter sie auf biefent Wege fortschreitet, um so weniger ein Gegenstand fremder Begehrlichkeiten. Wo für niemanden was zu holen ist, gibt es auch fßr niemand en ein Streitobjekt.