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Erscheint täglich mit Amnahmr bet Som- imd Feiertage, viertel- jährliche-Vezugrprrir ohne vringerlohn und Bestellgeld in Fulda so- wie miswörts 1.50 OIL

Srrantw. Redatteur: Carl Schütte, für bie Anzeigen:

Parzelle» in Fulda.

Zuldaer

Wochenbeilage: „Illustrierte Sonntagszeitung"

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OotationrbruSunb Verlag der Fuldaer Ak- üenbruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

M 204

Kvstes Wl'cctt

dielen auch gerade die großen Frankreich Anlaß zu großem unsere Heeresleitung. Es finden

geknüpft.

Uedrigens Hebungen in Interesse für

unter Leitung des Vizepräsidenten des Obersten Kriegsrates, Generals de Lacroir, der für einen Krieg gegen Deutschland zum Führer der Armee bestimmt ist, in Mittelfrankreich Manöver von zehntägiger Dauer statt. Man will erproben, ob

= Die militärischen Herbstiibmrgen finden im deutschen Heere in diesem Jahre zum ersten Male nach der bei der Herausgabe der neuen Felddienst-Ordnung erlassenen Manöver- Ordnung statt und werden daher neben ihren son­stigen Zwecken der praktischen Erprobung der Be­stimmungen dieser beiden neuen Vorschriften die­nen.

Im Vordergründe des Interesses stehen natur- gemäß die jetzt beginnenden Kaisermanö­ver, da sie infolge der Teilnahme mehrerer Armeekorps mit fast voller Kriegsstärke den höhe­ren Dienststellen Gelegenheit bieten, sich in der Führung größerer Heereskörper zu betätigen, dann aber auch, weil sie besonders dazu ausgenutzt werden, die technischen Neuerungen, an denen die jetzige Zeit überreich ist, auf ihre Verwendbar­keit für Kriegszwecke zu prüfen. Alle Errungen­schaften auf dem Gebiete des Verkehrswesens tre­ten in Erscheinung. Außer dem Fernsprecher und dem alten Feldtelegraphen finden wir Funken­telegraphie, freiwillige Automobil- und Motor­radfahrer.

Die beiden in den Reichslanden stehenden Armeekorps üben in diesem Jahre gegeneinander — das 15. (Straßburg) und das 16. (Metz). Jedes der beiden Korps wird in der Stärke von drei Infanterie-Divisionen und einer Kavallerie- Division auftreten; von bayerischen Truppen nehmen eine Division des 2. Korps und eine aus drei Brigaden zusammengestellte Kavallerie-Di­vision teil. Umfangreiche Einziehungen von Mannschaften des Beurlaubtenstandes sind er­folgt, um alle Bataillone der Infanterie, Jäger und Pioniere auf 800 Mann (die Kriegsstärke beträgt 1000) und die Infanterie-Regimenter zu zwei Bataillonen auf deren drei zu bringen und bei jedem Korps ein Reserveinfanterie-Regiment und eine Reserveartillerie-Abteilung aufzustellen.

Tie Hebungen werden sich nördlich der Linie Zabern -Saarburg in der Richtung auf Saargemünd abspielen. Was bisher über die den Hebungen zugrunde liegende Idee in der Presse geschrieben worden ist, kann natürlich nur auf Kombination beruhen. Ganz kriegsgemäß erhalten die Führer erst kurz vor dem Beginn der Hebungen die Kriegslage zugestellt, auf deren sie ihre Entschlüsse zu fassen und ihre Befehle zu ge­ben haben. Wie aber ein Blick auf d e Karte zeigt, liegt diesmal der Gedanke nahe, daß es sich entweder um den Vormarsch einer Heere sabtei- lung (15. Korps) durch die Vogesen nach Westen handeln wird, den das 16. Korps verhindern soll — oder die Aufgabe des Angriffs fällt der von Wesien her kommenden Armee zu, welche die Meinebene zu erreichen sucht und an oder vor den Vogesen auf Widerstand stößt. Daß beide Bilder au mögliche Ereignisse im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich er­innern, ergibt die Lage des Manövergebietes hart an der westlichen Landesgrenze. Mit noch grö­ßerer Aufmerksamkeit als sonst die großen deut­schen Manöver werden daher die diesjährigen Vorgänge auf lothringischem Boden in der fran­zösischen Armee und Presse verfolgt werden; schon mehrfach hat letztere lebhafte Erörterungen an sie

Fulda, Samstaq den 5. September 1908.

die stärkere Versorgung mit Reiterei und die da­mit zu erhoffende bessere Aufklärung die Ueber- legenheit der Gegenpartei an Feuerkraft auszu­gleichen vermag. Dann soll auch die neue Feld­bekleidung und Ausrüstung in großem Maßstibe einer Prüfung unterzogen werden, von deren Er­gebnis die engiltige Einführung abhängt.

Deutscher Reich.

* Die Eröffnung des Reichstages sollte laut ,Frankf. Ztg/ am 2. November stall finden. Das Hingt nicht wahrscheinlich; an einem Montag pflegt man sonst die parlamentarischen Verhand- lungen nicht zu beginnen. Der ,Berl. Lokalanz/ hatte bekanntlich den 20. Okt. als Eröffnungs­termin angegeben.

(*) Deutschland und Oesterreich. Der öster­reichische Minister der auswärtigen Angelegen­heiten, Frhr. v. Aehrenthal, stattete heute dem deutschen Staatssekretär int Auswärtigen Amte, der augenblicklich in Berchtesgaden weilt, einen Besuch ab.

* Frhr. v. Tschirschky der deutsche Bot­schafter in Wien ist gestern zum Besuche des Reichskanzler- Fürsten Bülow in Norderney eingetroffen.

* Reife des Unterstaatssekretärs v. Linde- quist nach Ostafrika. Der Unterstaatssekreär im Reichskolonialamt, v. Lindequist, trat am gestrigen Freitag eine vier- bis sechsmonatliche Dienstreise nach Ostafrika an, die haupt­sächlich dem Studium der Besiedelungsmöglich­keit der Hochländer des deutschen Schutzgebietes dienen soll.

* Der zweite Pilger. Daß der Besuch dSe früheren Reichstags-Abgeordneten Kommerzienrat Reinhard Schmidt auf Norderney und beim Reichs- kanzler politische Bedeutung habe, wird von der .Deutschen TageSztg/ lebhaft bestritten. Politische Einladungen nach Norderney seien nicht ergangen und würden voraussichtlich nicht ergehen. Das stimmt! Einladungen sind — so sagt die,Germll — nicht ergangen, aber eine ganze Anzahl libe­raler Abgeordneter hat eben ganz zufällig auch Norderney zum Sommer-Aufenthalt; auch der Abg. Bassermann beabsichtigt, in diesem Monat dorthin zu reisen. Im Vorjahre hat man die großen politischen Sünder öffentliche Bußfahrten machen lasten; in diesem Jahre geschieht es wohl mehr im Geheimen unter dem Titel „Badereise". Es gibt eben liberale Abgeordnete, die totunglück- sich sind, wenn ihnen die Bülow • Sonne einen Monat hindurch nicht lächelt. Unserethalben mag der ganze Block nach Norderney gehen. Heute lacht man Über die Badereisen im Jnlande wie im Auslände.

* Für die Reichselektrizitätsstener soll an­geblich ein Steuersatz von 0,5 bis 0,6 Psg. für die Kilowattstunde vorgesehen fein. Nach einer Berechnung von sachkundiger Seite würde sich dabei eine Gesamteinnahme von nut fünf Millionen Mark ergeben, während die Städte mit eigenen Elektrizitätswerken unver­hältnismäßig belastet werden und die Steuer größtenteils selbst zu tragen hätten.

△’ Das preußische Dreiklaffenwahlrecht soll bekanntlich, so hat Bülow am 12. Januar 19u8 seinen freisinnigen Blockbrüdern auf ihre Inter- pellation Über das Landtagswahlrecht beteuert, eines Tages reformiert werden; „wann", das hat er allerdings nicht gesagt. Man hat, um

den Freisinn zu befriedigen, die beim preußischen Bureaukrat smus berühmten „Erhebungen" ein­geleitet, und zwar auf Grund der letzien Land- tagswahlen. DaS nunmehr für Berlin mit­geteilte Resultat hat ergeben, daß eine Stimme der freisinnigen oder der konservativen Partei viermal so viel bedeutete, wie eine sozialdemo­kratische Stimme. Die Freisinnigen erhielten in sämtlichen 12 Berliner Wahlbezirken 75 350, die Sozialdemokraten 330873, die Konservativen 9747, die Nationalliberalen 1076 Stimmen, der Rest von 29 018 entfiel auf Wahlmänner nicht zu ermittelnder Parteirichtung. In der dritten Abteilung wurden insgesamt 41910 freisinnige, 288415 sozialdemokratische, 6961 konservative, 477 nationalliberale und 21654 „unbekannte" Stimmen von 195 490 Urwählern abgegeben. In der zweiten Abteilung stimmten 24 307 frei­sinnig, 39 831 sozialdemokratisch, 2167 konser­vativ, 422 nationalliberal und 6529 für „un­bekannte" Wahlmänner. In der ersten Ab­teilung stimmten 3133 für freisinnige, 2627 für sozialdemokratische, 619 für konservative, 137 für nationalliberale und 832 für „unbekannte" Wahl- männer. Von den rund 117 000 Stimmen, die 1908 mehr abgegeben wurden als 1903, ent­fielen mehr als 96% auf die Sozialdemokratie und noch nicht ganz 4% auf die bürgerlichen Parteien I lieber die Verschiebung der Stimmen der bürgerlichen Parteien geben folgende Zahlen Auskunft. Es erhielten Urwählerstimmen:

1903: 1908:

Freisinn 55 782 75350

Konservative 40683 9747

Sonstige 12097 27 773

Man sieht, daß der Stimmenzuwachs des Freisinns sich lediglich aus dem Verschwinden der Konservativen erklärt, die diesmal zum großen Teil für die freisinnigen Blockbrüder ein­traten.

— Der Hakatistenverein hält am Samstag eine Sitzung des Hauptoorstandes ab. Man wird sich u. a. mit der Fortführung der Boden­politik und mit der Stärkung des Volksschullebens in der Ostmark befassen.

— Der Kampf zwischen den feindlichen Brüdern in der Sozialdemokratie wird um so leidenschaftlicher, je näher man der Eröffnung des Parteitages kommt. Einstweilen schickt sich die süddeutsche ,Clique' noch keineswegs an, den Rückzug anzutreten. Im Gegenteil, sie seht auf einen Schelmen anderthalbe. So antwortet die /Münchener Posll auf den jüngsten Artikel des /Vorwärts^, worin gedroht war, der Brand könne die Brandstifter selbst schließlich mit Entsetzen erfüllen: x

„SDlhtterer, Meuterer, Disziptlnbrecher, Bierdimpsel, Raubmörder sind wir schon gescholten worden. Nun verehrt uns das Berliner Zentralorgan auch noch den TUel Brandstifter."

Vom „preiswürdigen Zentralorgan" und seinen „norddeutschen Trabanten" werde die Wahrheit völlig umgekehrt. Dem Parteitag werde „die entwürdigende Ausgabe zugeteilt, in einer an sich ganz nebensächlichen Frage eine Pollzeikomödie aufzuführen und durch die Nachwahl von Dele­gierten, die Süddeutschen aburteilen zu lassen, mögen diese auch die besten Argumente zu ihrer Verteidigung vorbringen". Dann fährt die ,Münchener Post" fort:

Unter diesen Verhältnissen halten wir nach wie vor die Frage einer ernsten Erwägung wert, ob die

35. Jahrgang.

süddeutschen Parteigenofien stch an dieser Entwür digung des Parteitages — der höchsten Instanz — beteiligen sollen. Die Parteigenossen unsere- südbayerischen Gebietes sind nickt nur unserer Meinung, sie verlangen sogar von uns, oaß wie noch ener­gischer auftreten. Verbrennen kann uns der Partei­tag auch nicht. Aber was uns empört, das ist un­würdige Hetze gegen Parteigenoffen, die seit langen Jahres ihr Bestes der Partei opferten, die in auf­reibender Arbeit die Stellung der Partei nicht nur in Süddeutschland gehoben und gefestigt haben und die nun von Pseudoradikalen, deren positive Leistungen in der Partei im umgekehrten Verhältnisse zu dem Volumen ihres Sprechapparates stehen, als Schulbuben ober gar als Verbrecher behandelt werden.

An Deutlichkeit läßt diese Sprache allerdings nichts zu wünschen übrig. Man kann gespannt sein, wie nun auf dem am 13. September be­ginnenden Parteitag dieser „organifierten Frond« der Clique" nach dem Wunsche der.„Revoluti­onäre', ein „unzerbrechlicher Riegel vorgeschoben wird. — Inzwischen hat in Nürnberg eine Versammlung des sozialdemokratischen VereinS mit zehnfacher Majorität eine Resolution ange­nommen, die die Zustimmung der bayerischen Land« tagssraklion zum Budget billigt. Tie Haltung der Nürnberger Genoffen ist besonders intereffant, weil der Parteitag in Nürnberg stattfinden wirb. Die radikalen Genossen werden sich also die Gastfreundschaft der Ketzer gefallen lasten mfiffen.

= Der Abg. Bebel sollte, so war vor einigen Tagen behauptet worden, zu dem sozialdemokra« ttscheu Redakteur Sommer-Stettin gesagt haben, die Arbeiter stürzten sich in frivole Streiks. Da darauf keine Antwort erfolgt ist, fragt die „Freisinnige Zeitung" bei Bebel danach an:

„Wir vermissen immer noch eine Erklärung auf di» Enthüllung des Redakteurs Sommer vom soztaldemo« statischen „Volksboten" in Stettin. Sommer hat vor einigen Tagen in seinem Blatte erzählt, Bebel habe ihnt gegenüber schon 1890 den Ausspruch getan: „Den Arbeitern sei der Kamm geschwollen und sitz stürzten sich in srivole Streiks". Möchte Abg. Bebel sich nicht hierüber möglichst bald äußern, brnrnt nicht aus seinem Schweigen entsprechende Schlüsse ge­zogen werden?"

Bebel wird wohl weiter schweigen.

* Frankfurt a. M., 3. Sept. 1908. Hier» selbst hat sich eine Demokratische Vereini­gung Barth'scher Richtung gebildet, die all einen Punkt ihres Programms auch die Be­kämpfung der Blockpolitik ausgestellt hat. In einer gestern abend abgehalteneu Versamm­lung wurde folgende Resolution angenommen r ,.Die Versammlung der Demokratischen Vereini­gung ist der Meinung, daß in der Blockpolitik lein Fortschritt zu ersehen ist und dankt ihrem Führer für den dagegen aufgenommenen Kamps."

* AugSburg, 4. Sept. 1908. Der Verleger der .Augsburger Postzeitung', Adolf Haas, früher Vorsitzenderder Zentrumspartei in Bayern, ist heute gestorben.

* Straßburg, 4. Sept. 1908. Der Kaiser und die Herren seiner Begleitung besuchten heute die Hohkönigsburg. Von dort unternahm der Kaiser weitere Automobilfahrten.

* Jesko von Puttkamer pensioniert.

Der,Reichsanzeiger' meldet: Dem Gouverneur z. D. von Puttkamer wurde die nachgesuchte Versetzung in dm Ruhestand mit der gesetzlichen Pension unter Belastung des Ranges und Titels erteilt.

Staatssekretär Dernburg ist gegenüber den Versuchen, Herrn v. Puttkamer wieder in den

Oer falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

C (Nachdruck verboten).

„Tas würde et nie getan haben," erwiderte Fanny zuversichtlich. „O, mein Sohn, mein ge- nebtes Kindl Du bist nun das einzige Wesen, das ich noch habe in der weiten Welt, Ferdinand!" fügte sie innig hinzu und klammerte sich fester an ihn, überzeugt, daß er ungeachtet seiner Kälte, sie noch liebe und mit ihr fühle.

Hub Brander's Herz Wurde wirklich bewegt von der unwandelbaren Liebe und Treue seiner yrau.

Wohl hatte sein Herz sich von ihr gewendet, wohl liebte er leidenschaftlich die goldhaarige Ella pud war bereit, einen schändlichen Verrat an bei­den zu begehen — doch jetzt fühlte er wieder et­was vom seiner alten Neigung zu Fanny durch sein Herz zittern. Sie war sein Weib, war die Mutter seines einzigen, nun toten Kindes, sie war, außer seiner toten Mutter, das einzige Wesen, welches ihn jemals wirklich geliebt hatte, und nun trauerte sie m Angst und Verzweiflung um sei- uen toten Sohn. Alle diese Gedanken durchkreuz- fen seinen Kopf und erweckten ein Gefühl von Zärtlichkeit und Mitleid in ihm.

Aber Brander konnte nicht mehr zurück er mußte feinen vorqezeuhueten Pfad verfolgen mußte die sich ihn in den Weg türmenden ßin- dernisse bekämpfen, wollte er nicht alles verlie­ren: den so .schwer errungenen unrechten Na­men, seine glanzende Stellung und feine Soff- nungen auf das reiche Erbe. Deshalb mußte er die in ihm aussteigenden Gefühle Niederkämpfen und vor allem darauf bedacht fein, Fanny zu be- tzrhigeii und schleunigst zu entfernen, damit Sir Harry und Ella sie mcht überraschte.

Der falsche Erbe argwöhnte nicht welche be- fröhlichen Wolken sich bereits über seinem Haupte zusammenaeroaen und mit niebertömetkrnber

Schwere auf ihn entladen würden — er hatte keine Ahnung, daß er bereits unrettbar verlo­ren sei!

Ferdinand Brander hatte sich vollständig ge­faßt; er ergriff Fanny's Hände, drückte diese in­nig und zog diese zarte Gestalt in seine Arme.

»Meine arme Fanny," sagte er, sie liebkosend. „Vergib mir meine Härte; aber ich habe so manche Sorge, sodaß ich zuweilen etwas auffah­rend bin. Ich trauere mit Dir, deny ich liebe unfern Sohn und habe schon viele Pläne für die Zukunft gemacht, die nun mit seinem Tode alle jerftört find. Es tut mir leid, daß ich nicht mit Dir nach Trübenfeld gehen kann."

»Wie, willst Du nicht unfern Sohn noch ein­mal sehen und feinem Begräbnis beiwohnen?"

»Ich kann nicht. Mr. Harrington bedarf mei­ner, und ich wage nicht, ihn gerade jetzt um Ur­laub zu bitten, selbst nicht zur Beerdigung meines Kindes. Tu mußt allein zurückkehren, und zwar sogleich. Vertraue mir, Fanny, vertraue meiner Liebe und A_reue."

Die arme Frau seufzte.

„Allein! O, Ferdinand!"

„Wenn Du mich liebst, mußt Du tun, was ich Dir sage. Ich habe hier noch nicht so ganz festen Fuß gefaßt und kann Dich deshalb meinem Herrn oder dessen Familie nicht vorsteilen Tu mußt schnell das Haus verlassen, ohne ein Wort von mir zu irgend jemand zu sprechen Wo ist Dein Wagen?"

„Im Gasthof zu Ardleigh."

„Dann eile unverweilt nach dem Dorfe zu­rück. Gebrauchst Du Geld?"

Fanny verneinte.

„Du wirst zum Begräbnis Geld nötig haben. Hier, nimm das," er zog seine Börse aus der Tasche und drückte sie in ihre Hand. „Du darfst hier nicht gesehen werden. Gehe zurück nach Trü­benfeld und bleibe dort, bis ich zu Dir komme. Nun gehet"

„Aber Ferdinand, ich verstehe nicht —"

„Ich will Dir seiner Zeit alles erklären. Ich

denke, bald Dich besuchen zu können. Nun aber mußt Du gehen."

Tie unglückliche, junge Frau erhob sich lang­sam und ging einige Schritte der Tür zu, in der Mitte des Zimmers aber blieb sie stehen; wandte sich um und sank mit einem Schmerzensrufe in die Arme ihres Mannes.

„Mein Herz bricht!" rief sie klagend.

„Ruhig Fanny I Trage es standhaft! um des Himmels willen, willst Du mich ruinieren? Ich sage Dir, Deine längere Anwesenheit hier bringt mir Verderben! "

„Ich will gehen, Ferdinand. Gott weiß, daß ich lieber sterben würde, als Dir Schande zuzu­fügen. Nur noch einen letzten Kuß, und ich will gehen."

Ihre Lippen begegneten den {einigen und sie drückte ihn noch einmal so fest an ihr Herz, als wäre es ein Abschied für immer.

So standen sie noch, als die Katastrophe, welche Brander befürchtet hatte, „über den heuchlerischen Betrüger hereinbrach.

Die Tür wurde geöffnet und Sir Harry und Ella, zum Kirchgang bereit, und nicht ahnend, daß jemand in dem Zimmer sich befand, traten ein. Beim Anblick Brander's und seiner Frau, welche sich noch fest umschlungen hielten, blieben die Eintretenden, wie durch einen Zauberschlag feftfKbannt stehen.

In diesem Augenblick gewahrte Brander die Eintretenden und sprang einige Schritte zurück, seine Frau mit solcher Gewalt von sich schleu­dernd, daß sie beinahe niedergestürzt Wäre. Seine Augen traten weit aus ihren Höhlen; seine Kniee wankten — er war zerschmettert von der furcht­bare» Wucht des Augenblickes an Leib und Seele

L.

Der Erbe von Harrington Hall.

Eine Weile blieb die Gruppe in ihrer Stel­lung. Sir Harry blickte forschend von Brander auf dellen Gattin und von dieser auf lenen. End­

lich wandte er sich zu Ella, bot ihr seinen Arm und sagte:

,Es ist wohl besser, daß wir uns entfernen, Ella, den» das ist kein Ort für Dich!"

Fanny blickte in das ernste, unwillige Gesicht des Baronets, bann in das ihres Mannes, d?r vollständig vernichtet war durch den Schlag, der ihn getroffen.- Sein starrer Blick, sein bleiche- krampfhaft verzogenes Gesicht, seine stürmisch wo­gende Brust — alles verriet, daß er sich noch nicht wieder erholt hatte; es brachte Fanny aber auch zu der Ueberzeugung, daß ihre Anwesenheit zu Harrington Hall, da sie bekannt geworden, ihm wirklich zum Verderben gereichte.

In der Angst um ihren Gatten sich selbst ver­gessend, sprang die junge Frau an die Tür, Sir Harry und Ella den Weg versperrend, und stand mit gefalteten Händen und flehendem Blick vor ihnen.

„Zürnen Sie ihm nicht!" tief sie kläglich. „Es ist allein meine Schuld. Ich hätte nicht hierher- koinmen sollen — er haste es mir ja auch verbo­ten; aber mein Kind — mein armes gutes Kind ist tot!"

Ella zog ihre Hand von dem Arm ihres Vor­mundes zurück. Ihre Seele war von Mitleid für die so flehentlich bittende junge und zarte Gestalt erfüllt.

„Es ist Mrs. Brander," bemerkte Sir Harry, der sie sogleich wiedererkannt hatte.

„Ja, ich bin Fanny Brander, die —"

„Kein Wort mehr!" unterbrach sie ihr Mann mit heftiger Stimme. „Ich werde die nötigen Erklärungen schon geben. Jetzt gehe fort!"

„Unb Dich dem Unwillen Sir Harry's zu über­lassen?" entgegnete die edelmütige Frau. „Nein, — nie, Ferdinand! Es ist nur meine Schuld, Sir Harry, Sie werden nicht unfreundlich mst ihm sein, weil ich mich erdreiste, hierher zu kom­men?"

Ter Baronet horchte hoch aufo