erscheint tS-ttch Wh Lusnahm« -er S«.m* imd Feiertage. Viertel« jShrltcheeveMgrpreir ahne vrtngerloh« «nd vesteSgetdinFuldeso« wie auswärts t.Sv M.
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Fulda, Samstüfl den 5. September 1908.
M 204.
35. Jahrqanq.
Drittes
----- Die innere Kraft der Mohame- danifchen Wett.
Die neuen Ereignisse in der Türkei und in Marokko haben insofern Aehnlichkeit miteinander, als sie uns zeigen, daß das christliche Europa die mohamedanische Welt unterschätzt hat und das es sich erst nach und nach an das Erwachen der islamitischen Staaten gewöhnen muß. Die bisherige Durchführung der türkischen Revo« tut io n zeigt indes, daß man seine Anschauung über die Türkei revidieren muß. Bis vor kur« zem war allgemein die Meinung verbreitet, die Austeilung der noch übrig gebliebenen europäischen Türkei sei eine Frage der Zeit und werte bloß deshalb verschoben, weil keine allgemein an- irkannten Erben da waren. Es stritten sich mit äußerster Wut Griechen, Serben und But. garen um die Hinterlasieuschast und schlachteten sich gegenseitig ab. Noch kein christlicher Staat bat eine so tiefgreifende Umwälzung seiner ge- arnteir öffentlichen Einrichtungen mit solcher Kühe, mit so wenig Blutvergießen voll- pgm als gerade die Türkei; auch kein Monarch host sich so leicht in eine derartige Verminderung seinr bisherigen Machtfülle gefunden, wie ge- rad Hamid IL Allerdings wird ein Rückschlag nich aurbleiben, sowohl beim Volke als auch beirtz Herrscher. Die Schwierigkeiten mehren sich von Tag zu Tag, Serben und Bulgaren wollen andere Wege gehen als die Griechen, die sich mehr den Türken nähern; die Umgestaltung der Regierung hat viele Leute von ihren Posten miternt, die zu Feinden der neuen Ordnung ge- vorden sind. Und daß sich Abdul Hamid II. auf die Dauer in seine neue Lage finden werde, das ist bei seinem Charakter und nach so langer autokratischer Herrschaft schwer denkbar. Revolutionäre Ausbrüche und innere Unruhen aller Art find also zu erwarten und fast unausbleiblich. Die Urheber bei heutigen Umschwunges haben indeffen bis jetzt so viel Umficht und Tatkraft bewiesen, das man hoffen darf, sie würden mit der Zeit auch der inneren Schwierigkeiten Herr werden, wenn man sie nur machen läßt.
Das ist eben die Haupsache, daß sich die europäischen Mächte nicht mehr einmischen. Sie sind eS, die dirrch ihr fortwährendes „Herum- doktern" an der Türkei die Bandenkriege und Greueltaten der christlichen Völkerschaften in Mazedonien hervorgerufeu und geschürt haben. Run haben sie beschlossen, sich vorläufig zurück- zu halt en. Möge diese Beschränkung andauern! Wollte« sie sich wieder eirmrischen, würden fie alles verderben. Haben die Türken nicht das Recht, sich selbst zu helfen, bei sich selber Ord- nung zu schaffen, wie jeder andere Staat?
Aehnlich ist »S in Marokko. Dort wäre schon längst die Ordnung zurückgekehrt, wenn nicht die Franzosen „Ordnung" schaffen wollten, freilich nach ihrer Art. Daß sich die Marokkaner von Abdul Asis ab- und Malay Hafid zuwandten, ist nur auf daS Erwachen des Unabhängigkeits- aeiftes zurückzusühren, der den Schwächling Abdul AsiS, welcher sich den Franzosen verkauft hatte, nicht mehr als Herrscher dulden wollte. Wenn die Franzosen sich mit Mulay Hafid verständigen und dann nach und nach die Truppen auS
Marokko zurückziehen, würden Ruhe und Ordnung bald wieder ins Land zurückkehren.
Wenn die Staatsmänner der europäischen Mächte überhaupt imstande sind, die islamitische Welt richtig zu verstehen, so werden sie sich hüten, die mohammedanischen Völker allzustark zu reizen und zu bevogten, damit der Stein nicht ins Rollen gebracht werde.
Deutscher Reich.
----- Als unehrlichen liberalen Trick kenn- zeichnet der Herausgeber der Münchener ,Allg. Rundschau' Armin Kausen, den wahltaktischen Zug der liberalen Partei, im Reichstagswahlkreise Speyer-Ludwigshafen den auf so unschöne Art aus verdienstvollster Tätigkeit verdrängten Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Grafen Posadowsky, als Kandidaten aufzustellen. Obgleich das Zentrum in diesem Wahlkreise unbedingt den Ausschlag gibt, erfolgte die Aufstellung ohne vorherige Fühlungnahme mit der Zentrumspartei. Schon diese Tatsache allein beweist die Absicht der Liberalen, dem Zentrum durch die Kandidatur Posadowsky eine Verlegenheit zu bereiten. Vorher ist es keinem Liberalen oder Blockmann eingefallen, sich bei einer der verschiedenen Ersatzwahlen für eine Kandidatur Posadowsky zu begeistern. Die Haltung des pfälzischen Zentrums — das, wie gemeldet, Wahlenthaltung beschloffen hat — richtet sich nicht gegen Posadowsky, sondern lediglich und allein gegen den bayerischen und pfälzischen Liberalismus. Man kann diese Entschließung des Speyer-Ludwigshafener Zentrums bedauern, muß aber auch die Gründe würdigen, die unsere pfälzischen Parteifreund« zu ihrer Haltung bestimmten. Armin Krausen saßt diese in einem Schreiben (das er in der ,Allg. Rundsch.' veröffentlicht) an einen hochgestellten konservativen Protestanten, der die Haltung des Zentrum- in Speyer nicht billigt, dahin zusammen:
.Anderseits kann ich Ihnen aber nicht verhehlen, daß ich erst gestern aus dem Munde eines angesehenen Protestanten von ausgesprochen tonservatioer Neigung wirtlich folgende Aeußerung vernahm: .Ich verstehe alles. Der' Liberalismus behandelt das Zentrum in der Oeffentlichkeit wie einen räudigen Hund. Da bleibt der Krieg bis aufS Messer die einzige an« ständige Antwort." Sie würden staunen, wenn ich Ihnen den Namen des Herrn mitteilen dürfte. An dieses scharfe Wort wurde ich erinnert, als ich heute morgen die neueste Nummer der „Jugend" in die Hand bekam. Alle diese und ähnliche Niederträchtigkeiten gegen das Zentrum, wozu ich in erster Lime z. B. auch die (verzeihen Sie den Ausdruck!) bundsgemeinen Landtagsbriese des „Simplieissimus" rechne, erfreuen sich des offenen und stillen Beyalls der Libe- ralen mit ganz wenigen Ausnahmen. Diese Kampses- roeife läßt sich nicht mehr mit politischen Gegensätzen beschönigen, denn sie greift an die persönliche Ehre, an die Menschenwürde. Wir „ultramontanen" werden als Scheusale, Schurken, heimliche Sünder und abgefeimte Heuchler oder als Idioten und Trottel hingestellt. Schon längst spielt die systematische Entehrung der treu zur Fahne ihrer lkeberzeugung haltenden Katholiken auch ins bürgerliche und gesellschaftliche, ja ins geschäftliche Leben hinüber. Man merkt es auf Schritt und Tritt, wie wir als minderwertig behandelt und als notwendiges Uebel nur deshalb ertragen werden, weil mau uns nicht totschlagen kann. Aus dieser Stimmung heraus erkläre ich mir den Abscheu der pfälzischen Zentrumssührer vor jeder Gemeinschaft mit der liberalen Partei. Es besteht auch tatsächlich die Gefahr, daß die Wahl Posadowskys mit Hilfe des Zentrums hinterher als eia glatter Sieg und Triumph des Liberalismus ausgeschrien werden würde. Die Aufstellung Posadowskys durch die liberale Partei ist aber um so
mehr ein direkter Anachronismus, als bekanntlich der sozialpolitische „Graf im Bart" dem Blockgedanken, den Anfechtungen des Liberalismus und seiner angeblich zu großen Zentrums,reundlichkest .geopfert worden ist Daß unter solchen Umständen eine liberale Kandidatur Posadowskys ein unehrlicher liberaler Trick ist, liegt auf der flachen Hand. Wurden die Stellungnahme der pfälzischen Zentrumssuhrer wahltaktische bezw. w a hlg eschäflli ehe Er- wäounaen im Hinblick auf die Sozialdemokratie, eventuell sogar direkte Wahlabmachungen mrt der Sozialvemokralie zugrunde liegen, |o könnte das in diesem Augenblick niemand lebhafter mißbilligen, als ich. Nachdem aber die Zentrumssührer in der Pfalz durch den Mund ihrer Presse in bestimmtester Form das Gegenteil versichert haben, muß ich dem als anständiger Mann Glauben schenken. . . ."
Ein protestantisches Urteil über den Kulturkampf finden wir in Nr. 6 deS deutschen Pfarrerblaltes in einem Artikel, worin die Ursachen, warum der theologische Nachwuchs so geling ist, besprochen werden. Da heißt es u. a.:
„Die Macht der Kirche schwindet immer mehr und mehr, sie ist die demütige, für ihre treuen Dienste oft mit Füßen getretene Magd. Der Staat hat die katholische Kirche treffen wollen, die evangelische ist aber die leidende. Tut der Staat klug darani Nein, keineswegs. Er hat den größten Schaden, wenn dem Bolke die Religion entschwindet und wenn die Kirche die Möglichkeit der Einwirkung auf die Massen mehr und mehr verliert."
Und wie der Kulturkampf in Frankreich auf die protestantische Kirche wirkt, das sagt uns eine Notiz, die türzllch in protestantischen Kirchenzeitungen zu lesen war:
„Das Trennungsgesetz geht auch an den evange. lischen Kirchen nicht ohne Wirkung vorbei. In ewigen Gegenden finden es die evangelischen Kultnsgememden nicht leicht, die zum Unteihalt der Kirchen und der Geistlichen notwendigen Gelder zu beschaffen. Nach einigen Berichten sieht es io aus, daß, wenn die Freigebigkeit der Gläubigen (über die übrigens nicht geklaat wird; die erforderlichen Ausgaben sind aber bedeutend) sich nicht noch mehr steigert, eine Anzahl von Kirchen geschlossen werden müßte. Die Synode von Montbüliard soll mehrere P,arrflellen wegen Diangels an Mitteln eingezogen haben. In Angers gibt es zwei evanqeliicbe Kirchen: die eine Kirche ist vom Staate anerkannt worden; die andere gebört der freien. Gemeind«. Seit vier Wochen etwa ist die eine Kirche verlassen; die Gläubigen versammeln sich alle in der anderen Kirche. Man befürchtet anscheinend, öap. die Schwierigkeiten, die nach orei Jahren zu erwarten sind, noch größer sein werden, weil aiÄmnn die Pfarrer das Recht auf Mietfreiheit in der Psarrwohnung verlieren werben.“
Auch in Frankreich sollte vor allem vre katholische Kirche getroffen werden, die Protestanten gehen aber auch dort nicht leer aus. Wenn protestantische Theologen im Block Hand in Hand mit den Liberalen kultmkämpserrfche Ziele verfolgen, so schneiden sie sich schließlich selbst ins eigene Fleisch.__________________
Aus dem Nachbargediet.
* Facha, 4. Sept. 1908. Ein hiesiger Bäcker wurde durch Schnupftabak betäubt »nd bann seiner Uhr und Kelle beraubt.
♦ Hm,au, 4. Sept. 1908. Die Strafkammer verurteilte den Schreinergesellen Wilhelm Roth in Fechenheim, der bei den Fechercheimer Ge- weindevertreter - Wahlen auf einen faIschen Namen wählte, zu 1 Monat Gefängnis.
* Mainz, 4. Sept. 1908. Ein „Zeppelin- Taschentuch" ist nach dem Mainz. Journal' das neueste, was man in Mainz hat- Aus dem : Taschentuche, das nur 25 Pfg. kostet, sehen wir das Bild der Stadt Mainz mit dem zur Nachtzeit darüber fiiegenden Lustschiffe, darunter steht: „Hurra, Zeppelin!" In der oberen Ecke befindet
Reklame»- und Anzeigenteil
sich das Bild des Grasen. — Da das Schnupftuch in dem herbstlich-kühlen Sommer eines der nötigsten Gebrauchsartikel geworden ist, haben die Mainzer durch die höchst zeitgemäße Erfin- Dung des Zeppelin - Taschentuches die beste Gelegenheit, das Bild des guten Grasen, damit eS nicht der Vergessenheit anheimsällt, sich täglich vor die Nase zu halten.
* Heiligenstadt, 4. Sept. Der Kultusminister hat genehmigt, daß die katholische Kirche in dem großen Nachbarorte Uder gänzlich abgebrochen wird, um Platz für eine völlig neue Kirche zu schaffen. — Auf dem Kalbhennschen Gehöft in Ershanfen hat Feuer sämtlich« Stallungen, die Scheune und einen Teil des Wohnhauses in Asch« gelegt. Sämtliche Vorräte sind mit verbrannt.
vermischter.
♦ Tas Gnadkubild von Altötting. Ein fon' berbares Vorkommnis beschäftigt gegenwärtig die Presse Bayerns. Ein sehr betriebsamer Ge- schäftsmamr des uralten bayerischen Wallfahrtsortes Altötting hat sich unter dem unwahren Vorgeben, für den Münchener Nuntius eine naturgetreue Abbildung des dort, verehrten Marienbildes herzustellen, von der mit der Aufsicht über die Schatzkammer von Altötting betrauten Behörde die Erlaubnis zu erwirken gewußt. von dem Original einen Gipsabguß zu nehmen. Tie kleine, aus Holz geschnitzte Statuette, die von , Kennern dem 14. Jahrhundert zugeschrieben wird, erlitt bei diesem, Verfahren einige nicht unbeträchtliche Beschädigungen, Das Mißbehagen, das dies weder von Pietät noch von besonderem Kunstverständnis zeugende Vorgehen der beteiligten Behörden in katholischen Kreisen hervorgerufen hat, gibt sich in heftigen Auslassungen der bayerischen katholischen Presse kund. Gewiffen Geschäftskatholiken ist auch etn Marienbild nicht heilig, wenn es gilt, ein Ge- schäft zu machen.
♦ Ein Lob der katholischen Krankenschwestern spricht sogar die „Franks. Ztg." aus, allerdings handelt es sich um Krankenschwestern, die wett buifen in Persien weilen. Der Korrespondent dieses BlatteZ in Teheran schreibt nämlich unter anderem:
„Es gibt hier ein europäisches Hospital, daS von französischen katholischen Schwestern unterhalten wird. Ich selbst habe lange Zeit in diesem Krankenhause gelegen and kann nicht genug Worte finden der An erkennung und deS Dankes für die vorzügliche Pflege und liebevolle Aufnahme bei diesen Schwestern."
So die „Franks. Ztg.", die den nunmehr auS Frankreich vertriebenen kathol. Krankenschwestern noch nie ein Wörtlein der Anerkennung gezollt hat. Vielleicht ist ihr Teheraner Korrespondent gerade von solchen aus ihrer Heimat vertriebenen Schwestern verpflegt worden I
* Ein unbrtanntes Schiff strandete an den Arena-Riffen ungefähr 100 Seemeilen südwärts von San Franzisko und wurde von der Bran- düng in Stücke geschlagen. In der schweren See haben sämtliche Passagiere wie die ge- {amte Besatzung den Tod gefunden.
Wenn Sie Ihr Kind
gesund, munter und geistig frisch sich entwickeln sehen wollen, so g«>en Eie ihm Dv» Homniel's Haematogen. Lassen Sie sich doch keine der vielen Nachahmungen aus- red en!
— Saphir.
Zu seinem sünszigsteu TodeAag.
Bon Ott» Rich«.
Ein viel Geschmähter und viel Gerühmter ist beute vor einem halben Jahrhundert gestorben: Moritz Gottlieb Saphir. Kaum schwankt das Bild irgend eines Schriftstellers des vorigen Jahrhunderts so sehr im Urteil der Mülebendew wie das Saphirs. Während die ernen ihn als charakterlos und käuflich bezeichneten, haben andere — unter diesen z. B. Hebbel PUto- kamit, daß er ein hilfreicher Förderer solcher aufstrebender Talente gewesen ist, die er als echt und groß erkannte. Indeffen wird das wider- fprechende Urteil über ihn klar, wenn man seine Werke heute lieft
Saphir kannte nur eins: den Witz. Für einen guten Witz or-ferte er alles, seine Meinung, sein Empfinden. Er wollte seine Zeitgenoffen nur durch feinen Witz lachen machen. Er war als Dichter ohne lebe Phantasie, als Schriftsteller ohne jede Darstellungsgobe, aber sein Witz war unerschöpflich. Ties Lob schließt großen Tadel ein. Ter Witz hat eigentlich immer nur eine AugenblickZwirkmig, er wirkt in dem Moment, in welchem man ihn vernimmt. Nichts veraltet so Mell, tote ein Witz. Jedes gute Gedicht iede Erzahiung, alles kann man zwei- oder mftr- mals hören,, nur nicht den Witz. Dazu ist der Witz ungemein der Mode unterworfen. Die Mist, formen andern sich fortdauernd.
Wenn ww heute Saphirs Werke lesen kon- pen wir fmir.i begreifen, tote die Witze, über die sich ferne Zeit genoffen köftlich amüsierten, nur das leiseste Lächeln erregen konnten.
L Anderseits 'Ü es aber bekanntlich der Witz, der. reden Menfchen leicht berühmt macht; wer sprüht von lebet Großtat eines bedeutenden Menfchen? Ernen Witz von ihm erzählt sich alle HLelt, der spricht iich tm Fluge herum.
Ich möchte nun hier eine kleine Anzahl von witzigen Sterner lungert Saphirs, fei es solcher, die in seinen Schriften enthalten, oder die er tm Verkehr gemacht hat. toiedergeben, vor allein solche, die man noch heute als witzig gelten läßt, über die man noch jetzt lachen kann.
Die „schwarze Kunst", wie man bekanntlich die Buchdruckerkunst auch nennt, sagt er z. B., ist die Kunst, den Menschen etwas weiß zu machen.
Einmal zeigte Saphir auf eine Träne, die über die Wange einer gefchminkten Schauspielerin floß. Die Träne sah ganz rosenrot aus. „Vergießen Sie nicht zu viel Tränen," sagte Saphir, „durch viele- Weinen wird man blaß!"
„Manche Damen," so meinte Saphir, „leiden so sehr an Langnveile, daß fie, um sich bi« Zeit zu verkürzen, fich für jünger ausgeben, als sie sind. Das Aller ist das einzige, was Damen an sich gern gering gescyatzr sey«r.
„Bitz und Bersiand haben keine Mehrzahl, und die Wehrzaht hat sie nicht." „Schwer drückt ein voller Beutel, schwerer ein leerer."
Weinhändlers Entschuldigring:
Ich verschlecht're Wein! — sagt mein Haffer —
O Berieamdung, ich veredle Waffer.
Em Schauspieler sagte zu Saphir: „Bei meinem letzten Auftreten war das Theater so voll, daß kein Mersch eme Hand rühren konnte und doch nahm das Klatschen fern Ende." „Das kam daher," entgegnete Saphir, , weil die Anwesenden über Ihr Spiel die Hände über bett Kopf zusammenfchlngen."
Saphir saß euuual in Berlin zwischen den beide« berühmte« Scha»spieieriuu«l A (Auguste) und C lCharlotte) von Hag«. „Seute sind Sie einmal so recht vergnügt," sagte die eme der Schwestern zu ihm. „Wie könnt» es anders fein," meinte Saphir, „zwischen A. Hag« und S. Hazn ist Behagen".
Ms Saphir einstmals zu einem Mahle geladen war, das nicht sonderlich reich war, fragte ihn der Gastgeber, als er sich nach ausgehobener Tafel empfahl: „9hnt, Herr Doktor, wann werden Sie mir wieder einmal das Vergnügen machen, bei mir zu speisen?" — „Am liebsten sofort l" sagte Saphir.
„Der dramatischen $8röte Ludwig Rellstabs," so urteilte Saphir, „wird man gedenken» wenn Shakespeare und Schiller veraeffen sind: aber nicht eher"'.
„Reüftabs Gedichte," fagre er ein andermal, „wären so langweilig, daß dem Dichter selbst, alS er sie schrieb, die Füße darüber cinschäefen".
Doch genug der Proben Von Saphirs Witzen. Mit Re-Ä sagte er einmal irgenbtoo in einer seiner Schriften: „Ihr scheltet mich, weil mein Witz boshaft fei? Habt Ihr jemals gehört, daß ein Lamm oder ein Schaf einen Witz gemacht hat?" Es liegt eben in der Natur der Sache, daß ein Wtzkopf eher zur Bosheit neigt, als zu gutmütigen Scherzen. Tiefe Bosheit aber hat ihm Viel im Leben gefchadet. Saphirs Lebens.» lartt war kein geradliniger.
Er war am 8. Februar 1795 zu LoV-as-Bsreny in Ungarn geboren. Man bestimmte ihn, den Sohn frommer Jude», für die rabbinifche Laufbahn. Als liljäbrtger mußte er mangels Mittel das Studium aufgeben und widmete fich dem Handelsstande. Neben feiner kausmännifcheii Tätigkeit aber war er bestrebt, M durch das Studium englischer, französischer und italienischer Dichter fortzubilden und schließlich selbst literarisch tätig zu sein. In weiteren Kreisen wurde Saphir durch ein kleines Bändchen „Poetische Erstlinge" bekannt.
Ein paar Jahre war Saphir in Wien, dann hatte er seinen Witz zu weit getrieben, er mußte, um Unannehmlichtt iteu zu entgehen, Wien Ver- laffenp er kam nach Berlin im Jahre 1825, wo er nacheinander die „Berliner Schnellpost" und den „Berliner Courier" begründete.
Sehr bald geriet er auch in Berlin mit allen Schriftstellern und Bühnenkünstlern in Fehde und mußte schließlich wegen eines Witzes Berlin verlassen. Im März 1828 saug nämlich die berühmte Sängerin Henriette Soutag an der Berliner Hofoper, und ihre Schwester Nina gastierte im Schauspielhause. Saphir, vielleicht durch de« übertriebenen Sontag-Kultus der Berliner gereizt, griff in seinem „Berliner Courier" die beiden Künstlerinnen an. Plötzlich aber erschien: ein begeisterter Jvbekhymnus auf Nina Son- tag, und als alle Wett darüber erstaunte, ver
öffentlichte Saphir die überraschende Meldung, daß jenes Lobgedicht ein „Akrostichon" gewesen sei. Nun las mau die Anfangsbuchstaben des Gedichtes und diese ergaben die Worte: „Ungeheure Ironie". Saphir wurde dafür zu sechs Wochen Gefängnis bestraft, was heute wohl unmöglich wäre.
Er ging darauf nach München wo er den „Bogar" und dann den „Deutschen Horizont", herausgab und schließlich auch mit Skandal die Stadt verließ, nachdem er die Gedichte des Königs Ludwig I. in hämischer Weise bespräche» hatte.
Von München ging Saphir nach Paris, wo er bereits als Berühmtheit galt, kam ober schon 1831 nach München zurück: er war in Paris vor- sichtiger geworden, hotte dort Hofluft genossen und wußte nun mit Fürsten und Hohen umza- gehen. Sa gewann er in München die Gunst des lfterarftch gebildeten, für Kunst und Dichter schwärmenden Herzogs Maximilian, durch den er dann auch die Gunst des Körrigs zurückgewann.
Gleichwohl blieb er nicht lange in München, sondern kehrte 1834 nach Wien zurück, wo er anfangs bei Bäuerles „Theaterzeüung" tätig war, dann aber selbst eine Zeitung gründete: „Der Humorist".
Seiner fdjatfen Feder beugte sich alles. Ob es wirklich wühr ist, daß sein Lob käuflich gewesen, ist heute Wohl kaum mit Bestimmtheit festzustellen. Tatsache ist, daß Saphir niemals m gewöhnlichem Maße da lobte, wo Talent fehlte, aber stchr oft das wirkliche Talent erkannte, wo es andere.Kritiker noch nicht fanden. So mag denn, wie das sehr oft geschieht, bei Neidvollen der Glaube entstanden sein, daß das ihnen auf- fällig erscheinende Lob erkauft gewesen.
Indeffen machte «r sich durch feine Machtstellung und durch die Schärfe feiner Feder viel« Feinde, und so kam es denn, daß er einsam und verlassen am 5. September 1888 zu Baden Les Wen starb-