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M 203.
Fulda, Freitag den 4. September 1908.
35. Jahrqanq.
Kustes Mcrtt.
S Das Reichsfinanzelend.
Ganz Deutschland schlägt die Hände über dem Kopf zusammen über das Ergebnis des R e ch- nungsabschlusses des Jahres 1907, das soeben veröffentlicht worden ist.
Bereits der Etat hatte mit dem hohen Fehlbetrag von 80 Millionen abgeschlossen, d. h mi- ungedeckten Matrikularbeiträgen in dieser Hohe, uno nun weist der tatsächliche Rechnungsabschluß noch eine erheblichere Verschlimmerung auf, er erhöht das Defizit um 14 Millionen o-uf 94 Millionen Mark. Dabei war das Jahr 1907 noch ein wirtschaftlich gutes Jahr. Die Steuern zeitigten damals noch keine allzu schlechten Ergebnisse, und der Rückgang der Zolleinnahmen machte sich auch noch nicht geltend. Wie wird es 1908 werden, dessen Etat schon mit 150 Mill, ungedeckter Matrikularbeiträge abschließt I
Aus den angeführten Zahlen grinst uns unser ganzes Finanzelend entgegen. So schlimm w a r e s n o ch n i e, wie jetzt im herrlichen Blockzeitalter, wo man die Ausgaben frisch drauf los bewilligt und sich um die Erhöhung der Einnahmen kein graues Haar wachsen läßt. Das „nationale" Gewissen verlangte es ja, zu allen Ausgaben „Ja" zu sagen.
Es wäre aber verkehrt, nur den Block hierfür verantwortlich zu machen; der Hauptschuldige ist der Blockvater, Fürst Bülow. Ein Reichskanzler, dem es um das wahre Staatswohl zu tun ist, hätte nie solche Etats unterschreiben dürfen; er hätte vielmehr mit dem Gewichte seiner ganzen Autorität erklären müssen, ich lasse keine neuen Ausgaben mehr zu, wenn nicht für die nötigen Einnahmen gesorgt werde. Das tat er freilich nicht, sondern das gerade Gegenteil. Wer auf Sparsamkeit hinarbeitete, wurde als „antinational" erklärt; als die Frage der Schaffung neuer Steuern schon längst spruchreif war, da verschob er diese aus parteipolitischen Gründen und vergrößerte so unser Finanzelend. Nun sitzen wir in der Patsche.
Wie hübsch und nett hat Bülow den Etat im v?ahre 1900 übernommen I In den vier vorhergehenden Jahren wurden 152 Mill. M Schulden getilgt, die gleichen Jahre erzeugten U e b erschuf s e, die Bundesstaaten erhielten vom Reiche herausbezahlt; die Schuldenlast war ungefähr halb so groß wie heute. Jetzt ist alles umgekehrt, leere Kassen und immense Schulden! Und dessen wird FürstBülow in der Geschichte schuldig gesprochen werden, wenn seine heutigen Lobredner ihn auch über den Schellenkönig loben.
Die 14 Millionen Mark Fehlbetrag sind noch lange nicht das Schlimmste; denn der Rechnungsabschluß zeigt auch, daß die kommenden Jahre noch trauriger sein werden. Nicht e i n Heller Lichtstrahl deutet eine bessere Zukunft an; denn man sieht auf der einen Seite stets steigende Ausgaben, aber auf der anderen zurück^ehendeEinnahmen. Die Ausgabensteigerung ist in einzelnen Aemtern ganz unverantwortlich hoch; so hat das Auswärtige Amt allein über 1 Mill. Jt mehr für seine Beamten ausgegeben; die Umzugskosten der Beamten sind um y4 Mill. M gestiegen; allein die Umzugsko- sten. Da zeigt sich, wie wenig gespart wird, wie man tut, als ob man Geld wie Heu hätte und nicht wisse, wie man es aufkriegen soll. Der alte Unfug macht sich immer breiter; man läßt selbst den Sekretären auf den Gesandtschaftsposten nicht mehr lange Zeit, sondern versetzt sie immer und immer wieder; das Reich muß hierfür ein Heidengeld bezahlen. M i l i tä r und M a r i ne haben auch wieder große Etatsüberschreitungen auf-
zuweisen und zwar geht das in die Millionen. Gespart hat man dagegen an den Veteranen, denen jeder verständige Mensch eine bessere Versorgung wünschen muß.
Wie sieht es mit den Einnahmen aus? Zum Teil sehr traurig; die Reichspost liefert dem Reiche 24% Mill. weniger ab als im Etat eingesetzt war. Die Börsensteuer hat 13^ Mill. «M. wemger erbracht, die Fahrkartensteuer 11 Mill. Mark, die Erbschaftssteuer 10 Mill. <M. Das Tollste aber erlebt man bei der B r e n n st e u e r, sie soll nach dem Gesetze ganz zur Rückvergütung verwendet werden; das ist 1907 auch wie immer geschehen; aber das Reich hat noch 2y2 Mill. M mehr „zurückvergütet", als es Steuer einnahm; mit anderen Worten: die Schnapsbrenner haben 2y2 Mill. oÄ Geschenk aus der Reichskasse erhalten. Nach diesen Zahlen müßte somit der Fehlbetrag wesentlich höher sein als 14 Mill. M, wenn nicht zwei Einnahmequellen sehr stark geflossen wären. Tie Zölle brachten ein Mehr von 44 Mill, und die Reichsbank von 17% Mill. M, aber gerade dies sind sehr unsichere Einnahmen. Die Reichsbank, hat nur deshalb so viel abgeworfen, weil der Diskont hoch stand und sie oft die steuerfreie Notengrenze überschreiten mußte; die Ge- schäftswelt leidet darunter natürlich sehr. Diese Mehreinnahme hat also eine bittere Kehrseite. Der Ertrag der Zölle hängt zum größten Teil von der Ernte ab und kann 1908 wesentlich niedriger sein.
So ist der Rechnungsabschluß ganz miserabel; wenn ein Kaufmann eine solche Bilanz auftun würde, müßte er seinen Konkurs anmel- den. Man kann daher die niedergedrückte Stimmung im Reichsschatzamte verstehen. Aller Welt aber wird durch diese Zahlen klar gemacht, daß es ohne neue Steuern nicht mehr geht, daß es aber,auch ohne eine größere Sparsamkeit nicht mehr geht. Werden der Block und Fürst Bülow daraus lernen?
Deutsches Reich.
X Der Reichstag wird laut ,Lokalanzeiget am 20. Oktober seine Arbeiten wieder aufnehmen. Das wäre also gleich nach Abschluß der von vornherein in Aussicht genommenen Vertagungsperiode, alsdann wird auch die Veröffentlichung der Reichsfinanzreform erfolgen. Die neuerdings'über den Stand der Finanzresorm gemachten Angaben werden offiziös mal wieder als „Vermutungen" ohne tatsächliche Unterlage bezeichnet. Man wird ja sehen. Zugegeben wird, daß unter den Steuervorschlägen der Regierung sich eine Steuer auf Elektrizität befindet.
□ Emen scharfen Borstoß gegen das Zentrum unternimmt der Leiter der Deutschen Volkspost', des Organs der deutschen Mittelstandsvereinigung, Herr Buchholz, in Schöneberg. Er unierziehr den letzten Katholikentag einer eingehenden Besprechung und übt besonders an der „mehr wie trübwäfferig gehaltenen" Resolution Kritik, in der der Katholikentag sich für die Erhaltung und Kräftigung des Mittelstandes ausgesprochen hat. Er liest aus ihr heraus, das das Zentrum dem Mittelstand vorwcrse, seine Angehörigen wüßten nichts von Treu und Glauben, sie seren nicht reell und es fehle ihnen die vornehme Gesinnung. Er meint weiter, die Zentrumspartei „drehe sich nach dem Winde« und entrüstet sich dann gewaltig darüber, daß die Düsseldorfer Ortsgruppe der Mittelstandsvereinigung 2000 Mark bewilligt habe für die Vorbereitung des
Katholikentages, an dem die Düffetdorfer Geschäftsleute auS dem Düffeldorfer Mittelstände sicher ihre halbe Million verdient haben, und wettert dann folgendermaßen weiter:
„Dem Sirenengesang b e 8 Zen trums folgen wir jedenfalls nicht. Wir stehen dem Zentrum mit einem Skeptizismus gegenüber, der uns nach der ganzen Lage der Dinge dringend geboten erscheint. Diesen Gang nach Kanossa gehen wir nicht! Wir gehen ihn auch schon deshalb nicht, weil die Deutsche Mittelstandsvereinigung nicht nur wirtschaftliche, sondern auch nationale Ausgaben zu erfüllen hat, an die sich das Zentrum in seiner jetzigen Oppositionsfiellung nicht kehren will."
Im Anschluß daran entlüftet er sich über die Haltung des Zentrums in Ludwigshafen und schreibt dann den von grundlegendem Mangel an Sachkenntnis zeugenden Satz nieder, die Polen, die vom Zentrum unterstützt worden seien, seien mittelftandsseindlich, eine Behauptung, die außer dem Herrn Buckholz in Schöneberg bisher noch niemand ausgestellt hat.
Es ist eine eigentümliche Ironie des Schicksals, daß es dem Zentrum nicht erspart bleibt, sich ge^en derartige Angriffe verteidigen zu müssen. Es gibt keine Partei, die sich derartige Verdienste um die Sache des Mittelstandes erworben hat, wie das Zentrum. Das Zentrum hat in seiner ungefähr 40 jährigen Wirksamkeit stets und vor allen Dingen den aus dem Mittelstand lautwerdenden Wünschen Gehör geschenkt; es ist immer nach Kräften bestrebt ge- westn, das zu schaffen, was geeignet ist, den Mittelstand durch die schweren wirtschaftlichen Krisen, die die tlebergangszeit der letzten Jahrzehnte mit ihrem Kampfe zwischen der gewerblichen Freiheit, dem Manchestertum einerseits und der alten sozialen Giiederung andererseits zeitigte, hiudurchzusühren. Die gesamte Hand- wertergesetzgebung ist im wesentlichen ein Verdienst der Zentrumspartei. Die gesamten Gesetze, die heute dem kleinen Kausmannsstande Schutz gegen die Uebermacht des Großkapitals gewähren, all die Gesetze, die den landwirtschaftlichen Mittelstand festigen, sie alle sind vom Zentrum vurchgebracht worden und sie würden nicht sein, ohne Ausnahme nicht sein, wenn das Zentrum nicht gewesen wäre. Wenn .Herr Buchholz in Schöneberg das alles nicht weiß, dann wird eS die höchste Zeit, daß er sich hinsetzt und es lernt.
Ein freisinniges Blatt, da? diese Zornes- kundgebung des Herrn Buchholz wiedergibi, fragt recht höhnisch: „Ist dieser heftige Erguß die Antwort darauf, daß bei den letzten Reichstagswahlen die Zentrumswähler in Liegnitz-Goldberg- Haynau Herrn Buchholz ihre Stimme nicht gegeben haben, nachdem bekannt geworden war, daß Herr Buchholz in Schöneberg zu den eifrigsten Agitatoren des Evangischen Bundes gehört?"
* Keine neue Militärvorlage. Die ,Rordd. Allg. Ztg.' schreibt:
„Vor einigen Wochen brachten mehrere Zeitungen die Nachricht, daß die Einbringung einer neuen Militärvorlage devorst-he. Wir haben damals diese Nachricht als blanke Erfindung bezeichnet. Trotzdem wird sie jetzt in gewissen Blättern wiederholt. Aus Grund von Erkundigungen an zuständiger Stelle sind wir zu der Erklärung., ermächtigt, daß auch diese neueren Mitteilungen jeder tatsächlichen Unterlage entbehren. Eine Verquickung der Reichsfinanzreforrn mit einer
solchen Vorlage, von der in einigen Zeitungen dieser Tage die Rede war, ist niemals in Aussicht genommen gewesen.«
Also nur mutig an die neuen Steuervorlaqen heran; die Militärvorlage kommt erst im nächsten Jahre!
□ Die Pilgerfahrten nach Norderney. Der freisinnige Lanvtagsabgeordnete S chmidt-Elber- felb, den man wohl als einen der Führer deS Freisinns ansehen kann, hat sich nach Norderney begeben. In der Blockpresse wird behauptet, er gehe alle Jahre dahin, und darum sei nicht- Auffälliges daran; der Besuch habe keine politische Bedeutung. — Natürlich! Wenn nächstens noch andere Blockführer nach Norderney kommen, ist das auch nur — Zufall.
** Regimentsverlegung. Wie es heißt be« steht die Absicht, die gegenwärtig in Berlin garnisonierenden Eis enb ahnregimenter von Berlin nach Hanau, Danzig und Köln zu verlegen.
** Der bedingte Strafvollzug, der seit dem Jahre 189b besteht, ist bisher in 146 000 Fällen bewilligt worden. Er findet nur Anwendung auf Jugendliche unter 18 Jahren. Die Neuerung hat sich nach den bisherigen Erfahrungen gut bernährt, denn über 75 Prozent haben sich später keiner strafbaren Handlung mehr schuldig gemacht.
)( Mit der Fachschulaufstcht hat sich aus seiner Münchener Tagung auch der katholisch- bayerische Lehrerverein beschäftigt. Auch er hat ebenso wie neulich der katholische Lehrerverband für das Reich in Breslau sich für die Fachschulaussicht ausgesprochen. — Der Bremserlaß inbezug auf die Lehrergehälter besteht fort; all die Hoffnungen, die die Liberalen auf diese« „liberalen" Kultusminister Dr. Holle gesetzt haben, sind zu Schanden geworden. Die Regierung in Arnsberg hat dem Beschluß der Gemeinde Dorstfeld, die Alterszulagen für Lehrer von 200 auf 220 Mark zu erhöhen, die Genehmigung versagt.
)( Die landwirtschaftlichen Unfallrente« unter 20 Proz. Der Erwerbsfähigkeit sind vielfach als „Schndpsrenten" bezeichnet worden und man verlangte besonders aus landwirtschaftlichen Kreisen heraus ihre Abschaffung, weil sie in der Regel keine Entschädigung für einen wirklichen Verdienstentgang darstellten und meistens auch sofort in Alkohol umgesetzt würden, während di< Unfallversicherungslasten der Landwirtschaft ungemein scharf anstiegen. Die Regierung ist diesen Anregungen näher getreten, sie hat aber, wie es heißt, die Ueberzeugung gewonnen, daß diese Abschaffung die Arbeiternot auf dem Lande nur noch erhöhen und die Landarbeiter unzufrieden machen müsse.
*». Neuregelung des MilitärveterinärwesenS. An W Spitze des preußischen Militärveterinär- weseus befindet sich ein aktiver Offizier im Range eines Regimentskommandeurs, dem 5 wissenschaftliche Konsulenten zu Seite stehen. Diese Inspektion steht für sich allein da und könnte mithin nur dann etwas erreichen, wenn sie als feibftänbige Abteilung dem Kriegsministerium angegliedert würde. Gegenwärtig fehlt ihr aber jeder Einfluß und jede Einwirkung auf bett Dienst der Truppe, ihre wesentlichste Ausgabe besteht nur in der Beaufsichtigung der unterstellten Lehrfchmieben. Technische Wissenschaften und selbst die Musik haben im preußiscken
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
96] (Nachdruck verboten).
Zwar waren keine Gäste im Hause, aber reiche Gesä-enke waren an die Armen zu Ardleigh verteilt worden, und Ella hatte den Speisesaal mit Girlanden, Immergrün und Zweigen der Stechpalme, deren rote Beeren anmutig aus dem frischen Grün hervorschimmerten, ausschmücken lassen.
Gegen neun Uhr an diesem Weihnachtsmorgen fuhr ein Wagen vor den Gasthof in Ardleigh und eine schwarz gekleidete Dame, das Gesicht von einem dunklen Schleier verhüllt, stieg aus und trat ins Haus — es war Fanny Brander.
Der Wirt empfing sie an der Tür und führte sie in ein Zimmer, wo ihn die Dame ohne weiteres, fragte, ob nicht ein Herr namens John Burlington sich im Gasthofe aufhielt.
„Es ist niemand dieses Namens in Ardleigh anwesend, Madame", antwortete dec Wirt.
„Ist ein Herr namens Brander zu Harrington Hall?" fragte die arme Frau zaghaft.
, Cs mag sein, Madame, aber ich weiß es nicht", erwiderte der Wirt. „Wenn der von Ihnen gesuchte Herr ein Freund von Sir Harrington ist oder Mr. Guido, werden Sie ihn dort finden. Soll ich einen Boten hinsenden und Nachfragen lassen?"
Tie junge Fraue verneinte und erklärte, selbst nach dem Gute gehen zu wollen. Der Wirt bot ihr einen Wagen oder einen Begleiter an; sie lehnte dieses Anerbieten jedoch ab, verließ sogleich den Gasthof und machte sich auf den Weg iwch Harrington Hall.
Als sie endlich die Pforte in der hohen Ein- friedigungsmauer erreicht hatte, wo sie bei ihrem £rften Besuche des Gutes ihren Manu gesehen patte, blieb, sie unwillkürlich stehen, als erwarte llk, rbn wieder durch dieselbe heraustreten au
sehen; aber die Tür blieb verschlossen und nirgends entdeckte sie ein menschliches Wesen.
Seufzend ging sie weiter nach dem Häuptern- gang, wo auf ihr Klopfen die Torwärterin öffnete.
. Können Sie mir nicht sagen, ob ein Herr Namens Ferdinand Brander auf dem Gute ist? ftagts Fanny in ihrer sanften angenehmen Stimme.
,,Es ist kein solcher Herr da, Madame," erwiderte die, Haushälterin; „es sind leider keine Gäste in diesem Jahre hier."
„Sticht hierl O, Himmel, was soll ich tun?"
Der schmerzliche Ton dieser Worte erregte die Teilnahme der Torwärterin.
„Ist der Herr Ihr Verwandter, Madame?" ftagte sie mitleidig.
„Er ist mein Gatte und war Reifegesellschafter Mr. Harringstons."
„Dann wird Ihnen Mr. Harrington sicher sagen können, wo er ist. Sie kommen gerade zur rechten Zeit, Madame, da die Familie noch nicht zur Kirche gegangen ist; sie werden erst in einer Stunde gehen. Wollen Sie nicht eintreten und ein wenig ausruhen?"
„Ich danke, nein. Ich will hinein in's Haus und Mr. Harrington um Auskunft fragen."
Sie ging die breite Allee entlang dem Hause zu, und als sie dasselbe erreicht hatte, klopfte sie an. Sogleich erschien ein Diener in reicher Livree.
„Ist Mr Guido zu Hause?" fragte die junge Frau.
Der Diener bejahte und Fanny Brander trat in die Halle
„Ich wünsche ihn zu sprechen," sagte sie.
Der Diener nötigte sie mit einer Verbeugung in das Empfangszimmer, indem er fragte:
„Welchen Namen soll ich anmelden, Madame?"
„Gar keinen; Mr. Harrington kennt mich nicht. Sagen Sie eine Fremde."
Der Diener zog sich mit einer respektvollen Der- Beuaun/i zurück um Brander au suchen und ihm
zu melden, daß eine junge, schwarz gekleidete Dame ihn zu sprechen wünsche.
Das Empfangszimmer war behaglich erwärmt und der erquickende Duft frischer Blumen erfüllte die ftühlingsähnliche Luft; aber Fanny empfand nichts von der Wärme: ein Frösteln, welches nicht durch äußere Wärme zu beseitigen war, durchrieselte ihren Körper.
Nach kurzem Warten hörte sie leichte Tritte in der Halle, die Tür wurde geöffnet und Brau- der trat in's Zimmer.
Er war zum Kirchgang in einen seiner besten Pariser Anzüge gekleidet. Ein zufriedenes Lächeln schwebte um seine Lippen, Fröhlichkeit leuch- tete aus seinen Augen. Er wußte noch nichts von der Entdeckung, die Sir Harry am Abend zuvor gemacht hatte — nämlich daß die Narbe nicht an feinem Handgelenk war — und er glaubte, daß seine Sachen vortrefflich stünden, und daß er die letzten Hindernisse von seinem Pfad beseitigt hätte. Er näherte sich der noch immer verschleierten Dame geziert und in guter Saune.
„Mein Diener sagte mir, daß Sie mich zu sprechen wünschten, Madame," sagte er. „Da heute Wcihnachtstag ist, sollen Sie nicht mit leeren Händen fortgeschickt werden. Was kann ich für Sie tun?"
Raich hatte Fanny sich erhoben; halb bewußtlos trat sie ihm einen Schritt näher und warf ihren dichten Schleier zurück, ein Gesicht enthül- lend, von dem alle jugendliche Frische verschwunden war — ein Gesicht so bleich, so kummervoll, $a$m^ran.&er zurückschreckte, es kaum erkennend.
Mit einem lauten freudigen Ausruf stürzte Fanny vorwärts und sank fast ohnmächtig an feine Brust.
Brander's Gesicht, eben noch in Glück und Freudigkeit strahlend, verzog sich schrecklich und ein entsetzlicher Fluch entschlüpfte seinen Lippen. Er würde seine Frau von sich gestoßen haben, wenn st« sich nicht so krampfhaft, so verzweifelt festgehalten hätte.
„Was soll dieses wilde Gebahren bedeuten?" tief et zornig. „Habe ich Dir nicht gesagt, daß Tu nicht hierher kommen sollst?"
Fanny zuckte zusammen und erhob schmerzlich ihr Gesicht: doch im nächsten Augenblick ließ sie es wieder sinken und verbarg es an seiner Brust, indem sie in ein heftiges Schluchzen ausbrach.
„O, Ferdinand!" rief sie. „Man sagte mir, Tu wärest nicht mehr hier, deshalb fragte ich nach Mr. Harrington und statt feiner kommst Du. Sage mir, hat er Dir vergeben?"
„Ja, ja," Sprich nicht so laut, es möchte Dich jemand hören."
„Er hat Dir vergeben und Dich wieder angenommen! Der Himmel hat also mein Gebet erhört. O, Ferdinand, ich habe Tag und Nacht gebetet und bin so besorgt um Dich gewesen!"
„Nun, wenn Du so besorgt um mich bist und wenn Du soviel von mir hältst, denke ich doch. Du hättest tun können, wie ichDir geheißen habe. Ich befahl Dir doch in Trübenfeld zu bleiben und nun bist Du wieder hier und spionierst nach mir?"
„O, Ferdinand!" jammerte die junge unglück- l:che Frau, schaudernd vor der Kälte, mit der ihr Marn sie empfing, und ihre tränenfeuchten Augen zu ihm erhebend. „Ich werde sterben, wenn Du so rauh mit mir sprichst. Ich komme nur zu Dir, weil ich niemanden in der weiten Welt habe als Dich, dem ich mein Leid klagen und bei dem ich Trost suchen könnte. Ich habe eine schlimme Nachricht für Dich."
„Eine schlimme Nachricht!" rief Brander, der sogleich an den Brief Palestro's dachte, in welchem dieser ihm die Rückkehr Guido Harrington's nach England meldete, und Entsetzen leuchtete aus feinen Augen und von seinem Gesicht. „Sprich, waS ist es?"
Bereite, Dich vor, das Schrecklichste zu hören, was Dich jemals treffen kann, Ferdinand Unser Kmd r—"