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M 201.

Fulda, Mittwoch den 2. September 1908.

35. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt

Deutsches Reich.

* Bon einzelnen Rednern des Katholiken­tages zeichnet der bekannte schweizerische Schrift­steller Georg Baumberger in den Neuen Züricher Nachrichten geistreiche Charakteristiken, von denen wir einige auch unseren Lesern vorführen möchten. So schreibt er vom Abg. Groeber: „Er ist immer der gleiche imposante Mann mit dem herrlichen Männerkopf, der „Eberhart im Bart«, der Liebling der katholischen Deutschen im Süden und im Norden. Das ist einer, dem man mit Druckerschwärze nicht beikommt. “ — lieber den

Der Reingewinn der preußischen Staatslotterie.

Im Publikum ist der Glaube verbreitet, daß der Staat an seinen Lotterien Hunderte von Millionen verdient, während in Wirklichkeit Preußen, trotzdem eS fast alle norddeutschen Kleinstaaten-Lotterien einverleibt hat, jährlich pur 9—10 Millionen an seiner Staatslotterie erübrigt, bei dem ausgedehnten Geschäft kein großer Gewinn, zumal, wenn man die Gewinne von Großbanken und Lebensversicherungs-Gesell­schaften, auch eine Art Lotterie, damit vergleicht; hat doch unsere größte deutsche Lebensversicherungs- Gesellschaft pro Jahr einen Reingewinn von 28 Millionen Mark.

Die Einnahmen auS dem Lotteriespiel be­tragen im Jahr rund 119 Millionen Mark, die Ausgaben (Gewinnauszahlung, Stempelabgaben an das Reich, Provisionen, Verwaltungskosten) 1091/« Millionen Mark. Die Einnahmen aus dem Absatz der Lose (87 946 800 Mark in den letzten Jahren) werden aufgezehrt durch die Gewinn­zahlungen und durch den Wertbetrag der Frei­lose und Prämien. Hieran verdient der Staat also nichts, was eingezahlt wird, wird auch wieder zurückgewonnen, nur sind die Einzahler Nicht immer die Gewinner. An baren Gewinnen werden auSgezahlt für jede der beiden Lotterien im Jahre 42638733 Mark, an Freilosen 1034667 Mark, an Prämie 300000 Mark.

Woher nimmt der Staat nun seinen lieber« schup? Abgesehen von den Loserträgen nimmt er pro Jahr ein; 80000 M. auS dem Verkauf ver­lassener Lose und abgelehnter Freilose, 17 700000 Mark Reichsstempelabgabe, die aber auf Heller und Pfennig an das Reich abzuladen sind, Preußen daher nicht zugute kommen, 150000 Mark auS dem für Rechnung der Lotteriekaffe stattfindenden Spiel von Frei- oder Ersatzlosen, 13311000 M. planmäßige Gewinnabzüge des Staates, 15 000 M. für nicht abgehobene Ge­winne infolge Vergeßlichkeit der Spieler oder Verlust der Lose. Diese Einnahmen belaufen sich also — ausschließlich der Reichsstempelab- gaben — auf 13 5d6 000 M., wobei die Gewinn­abzüge die Haupteinnahme bilden. Von diesen Einnahmen sind die Ausgaben zu bestreiten.

So stehen denn 13 556 000 M. Einnahme 4040000 M. Ausgaben gegenüber, waS einen Reingewinn von 9 516 00Ö Mark ausmacht.

vermischtes.

* Die davongeflogene Trommel. Ein amüsantes Stück von der Kaiser-Parade bei Metz wird in der Kölnischen Zeitung erzählt: „. . . Ein kleine? Inter­mezzo lockte selbst den fürstlichen Gästen Heiterkeit hervor. MS das 9. lothringische Infanterieregiment Nr. 179 aus St. Avold eben in der Regiments-Ko­lonne vorbeimarschiert war, und die Spielleute mit der Kapelle sich beeilen mußten, daß Feld zu räumen, strengte sich einer der Trommler im strammen Marsche so sehr an und warf d.rart die Beine, daß sein Hand­werkszeug, die Trommel, sich löste und im hohen Bogen davonflog. Aber das verblMte den wackeren Spielmann nicht; ohne mit den Wimpern zu zucken, marschierte er strammen Schrittes am Kaiser vorbei und störte so nicht den guten Eindruck, den seine Truppe auf den obersten Kriegsherrn machte. Aus dem Ge­folge deS Kaisers ritt schnell ein Adjutant zur Unfall­stelle, stieg ab, nahm das Marschhindernis, die harm­lose Trommel, schwang sich schnell wieder ttuj’8 Pferd und ritt zur Seite. Ihm ist zu danken, daß diese de­sertierte Trommel dem nachfolgenden 147. Regiment beim Parademarsch nicht verhängnisvoll wurde/

ca.„9?»nncn als Engelmacherinnen" und kein Ende. Bereits vor einem Monat hat die Zentral­auskunststelle der kathol. Presse die Nachricht auf­geklärt und widerlegt, daß im Kinderhospiz in

Luxemburger Professor Meyers sagt er: Meyers ist als Redner eigentlich erst vor zwei Jahren, beim Katholikentage zu Essen, entdeckt worden. Er offenbarte dort in einer kurzen Be­grüßungsansprache eine solche Summe zündenden Geistes, daß er sofort als künftiger Hauptredner notiert wurde. Wie er gestern sprach, war ein- fach überwältigend. Ohne Manuskript, jeder Satz Leben, jede Wendung Feuer, keinen toten Punkt, keinen Verlegenheitsübergang, dabei ein erstaunliches Wissen, eine gewaltige Tiefe des Erfassens und eine zwingende Logik. Ein Mann von ungewöhnlicher Geisteskultur und Denkkraft." — Besonderes Vergnügen findet Baumberger an dem Führer der rheinischen Zentrumspartei: „Der Name Karl Tr imborn ist einer der populärsten in den gesamten Rheinlanden und im heiligen Köln ein Herzensname von jung und alt. Seine Gelegenheitsansprachen lassen sich nicht miet)er­geben. Das sprudelt, funkelt und feuert nur so von Humor, Witz und Schalkhaftigkeit, denen eine unnachahmliche Gestikulation noch eine ver­mehrte Plastik gibt."

** Das Ausweisungsverfahren bei ausländi- scheu Arbeitern soll schon wieder einmal einer Neuerung unterzogen werden. Es waren Un­klarheiten darüber entstanden, ob die in Preußen bekanntlich für ausländische Landarbeiter einge- fllhrte Legitimationskarten der deutschen Feldar­beiterzentrale, über deren rechtliche Zuverlässig­keit erhebliche Bedenken bestehen, von der deut­schen Feldarbeiterzentrale im Falle eines Wechsels der Arbeitsstelle auf den neuen Arbeitgeber um­geschrieben werden müssen oder nicht. Die Ent­scheidung darüber, ob Kontraktbruch vorliegt oder nicht, ist in die Hand des Landrats gelegt wor­den. Jetzt hat der Minister entschieden, daß die betreffenden Leute solange nicht auszuweisen sind, als ein Vermittlungsverfahren schwebt. Es wird das damit begründet, daß die Ausweisung „eine Erschwerung der Rechtsverfolgung" ent­stehen lassen würde, „welche sich in einem Rechts­staat a u ch Ausländern gegenüber nicht recht­fertigen ließe." — Dieses gesamte Legitimations­kartensystem und die Übertragung des Ermit­telungsverfahrens an den Landrat wird wohl noch sehr scharfe Auseinandersetzungen Hervorrufen.

Gerace in der italienischen Provinz Reggio-Cala­bria katholische Nonnen von 144 ihnen anver­trauten Findlingen 143 angÄlich verhungern lie- ßen. Ter „Wartburg" bleibt es in ihrer neuesten Nummer vom 28. August Vorbehalten, ihren Lesern von dieser längst geklärten Sache Mitteilung zu machen und auch weiter zu behaup­ten, daß die Nonnen aus Frankreich ausgewiesen worden seien und sich seit zwei Jahren in Gerace befänden, wo „nun natürlich die Bevölkerung ihrem Unmut gegen die „frommen" Würgerinnen ordentlich Luft macht." Weiter schreibt die „Wart- bürg": „Die Zentralableugnungsstelle sucht die ganze Schuld von der harten Tatsache, die auch sie nicht ableugnen kann, auf die Aerzte abzuwäl- zen, die ja natürlich auch ihr schweres Teil der Verantwortung zu tragen haben. Aber den Dum­men findet sie wohl kaum- der an die Schuldlosig­keit der Schwestern glaubt." Demgegenüber er­klärt die Zentral-Auskunststelle in Köln folgen­des: Wir haben lediglich mitgeteilt, daß das Fin­delhaus, in dem die Uebelstände vorgekommen, nicht von den St. Anna-Schwestern, sondern von einem weltlichen Arzt geleitet wird; 4 Schwestern leisten daselbst den Dienst; alle 4 Schwestern gehören der italienischen Nation an und waren nie in Frankreich, das sie nur der Landkarte nach kennen, können also nie und nim­mer aus Frankreich ausgewiesen worden sein. Von der großen Aufregung der Bevölkerung des Städt- ; chens weiß dortselbst niemand etwas, sondern alles fährt fort, die Schwestern wie früher sehr zu achten und zu schätzen. Was die Sterblichkeit in dem Findelhaus (100 Proz.) an­belangt, bestreitet der Institutsdirektor in einem öffentlichen Eingesandt (Tribuna in Rom Nr. 202 vom 22. Juli) die Richtigkeit der Ziffern. Die gerichtlichen Untersuchungen (deren es noch einige geben wird) sind von denTodfeinöen des Direktors, den dortigen Sozialisten, inszeniert, Aber auf keinen Fa ll haben die S chw e- st c r n mit der ganzen Sache etwas zu tun und es fiel, wie gesagt, in Gerace und Umgebung nie­manden ein, den Schwestern auch nur die geringste Schuld beizumessen. —

* lieber das Ende einer Industrie infolge Streiks wird der „Echtes. Zig." aus Neumünster ge­schrieben: Infolge des nunmehr bereits 17 Wochen währenden Streiks der Tabakarbeiter hört die hiesige Zigarrenfabrikation ganz aus. Die Fabriken haben den Betrieb für immer eingestellt und lassen die Zigarren, die früher hier hergestellt wurden, jetzt in Süddeutschland, und zwar zu er­heblich niedrigeren Preisen als bisher, arbeiten.

* Zu welchen krankhaften Ueberspannnngen die Konstruktion einer ganz besonderen Standesehre führt, zeigt, nach der „Franks. Ztz.", ein Beschluß der Vorstandschaft des Nürnberger ärztlichen Bezirksvereins. Eine dortige Firma beabsichtigt ein den praktischen Bedürfnissen dienendes Verzeichnis aller Fernsprechteilnehmer herauszugeben, da das amtliche besonders durch den Mangel einer Aus­sonderung nach Gewerben recht mangelhaft ist. Den Aerzten ist nun verboten worden, sich in dieses Ver­zeichnis aufnehmen zu lassen, da das nicht „stande?- würdich' seil Die Sache ist unglaublich, aber wahr und 220 erwachsene Aerzte haben sich diese Bevor­mundung und Knebelung ihrer Bewegungsfreiheit gefallen lassen.

Kursor Getreide-Wochenbericht der prelrdekichttftelle der deutschen Landwirtschaftrratr vom 25.—51- August 1908.

Häufige Regenfälle störten während der Be­richtswoche die restlichen Erntearbeiten und be­einträchtigten die Qualität des noch auf den Fel­

dern befindlichen Getreides. Dies und der Um­stand, daß die deutschen Preisrückgänge im Aus- knibe keine Nachahmung gesunden hatten, be­wirkte, daß schließlich auch hier eine freundlichere Stimmung Platz greifen konnte, zumal sich bei den gedrückten Preisen wieder etwas mehr Kauf­lust für Lieferung kundgab. Außerdem erfolgten gegen die in der Berichtswoche zustande gekomme­nen Verkäufe von deutschem Weizen nach Frank­reich und Italien umfangreichere Deckungen, die eine Besserung von ungefähr 4% Jt zur Folge hatten. Vom Jnlande war das Weizenangebot infolge der ungünstigen Witterung zurückhalten­der, während für schweren kleberreichen Auslands­weizen 30—35 M über Berliner Parität gefordert und auch bewilligt wurden. Auch in Roggen ka­men wieder einige Abschlüsse nach dem Auslande zustande, doch verhinderte das immer noch starke Angebot, für das die Kauflust im Jnlande gering geblieben ist, eine dauernde Befestigung der Preise. Lieferung war im Anschluß an die festere Veranlagung des Weizenmarktes zeitweise 2 M höher; Begleichungen, die im Hinblick auf die zu erwartenden Andienungen erfolgten, drückten den Wochengewinn schließlich auf 1 dl herab. Für das reichlichere Angebot von geringeren Hafer- cualitäten waren selbst bei entgegenkommenden Forderungen nur schwer Käufer zu finden, da­gegen ist gute Ware neuer Ernte bisher selten an- zuiresfen, sodaß man im Bedarfsfälle auf alte Ware zurückgreifen mußte und die dafür gebote­nen Preise bewilligte. Gerste hat in feinen Qua­litäten dauernd Abzug nach den westlichen Pro­vinzen. Die Brauereien beginnen sich infolgedes­sen, wenn auch zögernd, am Einkauf zu beteiligen' und bezahlten für schwere inländische Sorten bil 225 <M. Die Preise für Pfälzer und Bayerische Gerste schwanken zwischen 195 und 210 M ab Sta­tionen. Ein größeres Geschäft entwickelte sich bet festen Preisen in russischer Futtergerste, während Umsätze in Mais keinen größeren Umfang er­reichten.

Es stellten stch die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogr. je nach Qualität, wobei das Mehr (4-) bezw. Weniger (—-) gegenüber der Vorwoche in Klammern () beigefügt ist wie folgt:

Weizen Roggen Hafer

Danzig 200 (— 2 ) 168 (— 2 ) 162 (4-2 )

Berlin 200 (+ 2 ) 175

Hamburg 200 (- 3 ) 170 (— 2 ) 165 (— 3 )

Düsseldorf 210 (+ 2 ) 175 (- 5 ) 170 (-U 4 )

Frankfurt 202'/,(- 7'/,) 182»/i(+ 2'/.) 177‘/.( + 2'/«) München 218 180 (— 1 ) 171

Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Sept. 193.75 (+ 3.75), Budapest Oktober 188.95 (— 0.75), Pari- August 182.20 (— 1.901, Liverpool Sept. 165.40 (+ 0.80), Chicago Sept. 145.55 (-j- 2.30', Roggenr Berlin Sept. 171.50 (- 1.00), Hafer: Berlin Sept. 158.50 Mark per 1000 Kilogramm.

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