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Fulda, Montag den 81. August 1908,

35. Jahrgang.

M 199

in den Händen des Räuberhauptmannes, des ro- erwarte, daß Du offen und wahrhaft gegen mich ten Carvelli war. der Gefangene, welcher be» bist. Ich bin durch Zufall auf die Spur Deines

freit ist und jetzt nach England kommt —?"

Geheimnisses gekommen und ich will es nun aan»

Ferdinand Brander unterbrach ihn durch einen lauten entsetzlichen Schrei. Sein bleiches Gesicht, seine hcrvortretenden, starren Augen, seine ent« stellten Züge bewiesen deutlich, welcher furchtbare Schlag ihn durch die Frage getroffen hatte.

„Befreit?" rief er mit hohler Stimme. „Kommt nach England? Er — ist er hier?"

Sir Harry war überrascht über die Wirkung, welche seine Worte hervörgerufen hatten. Das Dunkel, welches seinen vermeintlichen Sohn um­gab, begann in seinen Augen sich zu erhöhen.

„Also glaubst Du, daß er nach seiner Ankunst in England sogleich nach Harrington Hall kom­men wird?" fragte der Baronet ruhig.

Brander erhob seine Hand in fieberhafter Auf­regung, als wollte er einem Phantom, das ihn ängstigte, abwehren. Er verbarg sein Gesicht vor Sir Harry und blickte nach der Türe, als ob er erwartete, jemanden eintreten zu sehen.

„Hast Du ihn gesehen?" flüsterte er.

„Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Er hat mir seine Aufwartung noch nicht gemachtI"

„Du hast aber von ihm gehört?"

„Nein, nicht von der mysteriösen Person, welche aus den Händen der Räuber in Italien entkom­men ist und dessen Befreiung Dich in einen solchen Schrecken versetzt?"

„Hast Du etwa einen Brief von Palestro er­halten?" fragte Brander, der nur noch daran

Zur hessischen Wahlbewegung.

□° Maiuz, 30. August 1908. Die hkssi- sche Sozialdemokratie hat die Agi« tation zur bevorstehenden LandtagSwayl heute damit eröffnet, daß sie im ganzen Lande Flugblätter verleiten ließ, in denen in üblicher Weife die Tätigkeit der bürgerlichen Parteien herabgesetzt und die ihrer eigenen Genossen im Landtag recht geräuschvoll herauSgestrichen wird. Nach sozialistischem Rezept werden alte Forde­rungen des Zentrums und der Liberalen al- eigene Geistesprodukte hingestellt und auf der anderen Seite Forderungen aufgestellt, die von vornherein sich als unausführbar erweisen, aber ob ihrer Popularität und ihre- radikalen An­strichs ihre Wirkung bei denen ausüben sollen, die nicht alle werden, und deren gibt es be­kanntlich nicht wenige.

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und Feiertage viertel.

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Larl Schütter

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„Leugne nicht ab, worüber ich Beweise in Hän- den habe," sprach er ernst und drohend. ,stlnd nun noch eine 8rage: Wer ist -er Gefangene, der

schaffen hilft. Selbst wenn ihm in Cronberg viel, sehr viel gelungen ist, so machen sich doch die Schwierigkeiten in der englischen auswärtigen Politik mehr geltend, nachdem eine zeitlang alles brillant gegangen war und ein Bündnis das andere ablöste? Zunächst paßt das Erwachen des Islams gar nicht in das Konzept des Königs; er hatte diesen schon zu den Toten oder mindesten- Gelähmten gerechnet. Weit bedenk­licher noch ist die Aussicht, daß aus Englands Stärke selbst der Gegner entsteht und zwar von einer Seite, die man bisher nicht genügend be­achtet hat. Tie amerikanische Flottenfahrt hat eine ganz wundersame Wirkung erzielt und zwar in Australien, das die amerikanischen Kriegs­schiffe mit einer Begeisterung aufnahm, die noch nie einem englischen Kreuzer zuteil wurde, und daS, obwohl England das Mutterland Australiens ist. Australien behagt eben das Bündnis zwischen England und Japan gar nicht, und da nun Amerika den Japs die Zähne zeigt, jubeln die Australier. In Kanada zeigt sich übrigens eine ähnliche Zuneigung zu Amerika.

Zu dem empfindlichsten Punkt in der eng­lischen Weltstellung sind inzwischen die in­dischen Verhältnisse gediehen. Noch vor der türkischen Staatsumwälzung schrieb die sehr ernst­haft zu nehmende ,Quarterly Review', das herr­schende Gefühl in Indien sei die Unruhe und der Wunsch, die Engländer möchten daS Land verlaffen. Als die Hauptstütze der englischen Macht gelten bis jetzt die Mohamedaner in Indien. Gerade diese aber sind durch ver­schiedene administrative Maßregeln tief verletzt. Und welchen Eindruck werden die Vorgänge in der Türkei auf die Mohamedaner Indiens machen? Es ist überhaupt kein Zweifel, daß trotz aller Unterstützung der revolutionären Komitees auf dem Balkan von der Wendung in der Türkei England am meisten betroffen worden ist. Schon sehen wir die Wir­kung der Umwälzung in dem kräftigen Aufleben der nationalistischen Agitation in Egypten. Wenn der Sultan dem ottomanischen Reiche eine Verfassung bewilligt, mit welchem Schein von Recht kann England auf der Verweigerung einer Verfassung für Egypten bestehen? Schon bei Beginn der englischem Aktion wegen Mazedonien hatte eö nicht an Stimmen gefehlt, die einen ersten Fehlschlag der bis jetzt so erfolgreichen Politik voraussagten. Da kam mit unerhörter m’eit die türkische Revolution und stellte statt eines morschen Staatswesens eine religiös-politische Volksbewegung gegenüber, deren Kraft und Umfang noch nicht abzuschätzen ist.

Aus all' diesen Gründen heraus ist das Be­streben in England entstanden, mit Deutsch­land zu einer Verständigung zu kommen. Hauptsächlich die Liberalen drängen darauf hin, ihr Regiment würde dadurch Festigkeit gewinnen, es könnte Ersparnisse erzielen und seine Sozial­politik beginnen. Man sieht also, daß auch dem glücklichen König Eduard ernste Stunden nicht erspart bleiben. Selbst wenn er den Sprudel im böhmischen Lande trinkt, kann er sich nicht be» schaulicher Ruhe hin geben, sondern muß dafür sorgen, daß die Magnetnadel der englischen Politik nicht aus ihrer Richtung abgelenkt wird.

। Deutsches Reich.

□ Die Reform des StrafprozefleS.

Neulich wurde angekündigt, daß die Re- 1 gierung mit den Vorarbeiten zur Straßprozeß. 1 reform endlich zu Ende gekommen sei und in 1 nächster Zeit einen ausgearbeiteten Entwurf an : die Oeffentlichkeit bringen werde. Das soll nun« ' mehr geschehen. Wie ein Berliner Blatt mitzu- 1 teilen vermag, wird die Vorlage nunmehr heraus- ‘ kommen. In einer sehr umfassenden Denkschrift wird u. a. daran erinnert, daß freisinnige A - geordnete und, der Führer der Zentrums, Dr. Reichensperger, schon Anfang der 80er Jahre die Berufung gegen Straskammerurteiic verlangt hätten.

An Einzelheiten wird aus dem Entwurf mit­geteilt: Bezüglich der Untersuchungshaft spricht die Begründung die Hoffnung aus, daß auf Grund der Reformen Verhaftungen in wirklich unbedeutende Sachen ganz vermieden werden. Beseitigt ist ferner die schematische Be­gründung des Fluchtverdachts. Die Ver­mutung der Fluchtgefahr soll nur bestehen, wenn nach Lage des einzelnen Falle- eine wirklich schwere Strafe zu erwarten ist. In allen an­deren Fällen bedarf es bestimmter Tatsachen, aus denen sich der Fluchtverdacht ergibt Für eine gründliche Nachprüfung der Berechtigung des Haftbefehls wird dadurch Sorge getragen, daß der Verhaftete das Recht erhält, feinen Ein­spruch gegen den Haftbefehl mündlich dem mit seiner Sache betrauten Richter vorzutragen. Nach dem heutigen Recht ist dem Verhafteten nur der Beschwerdeweg an die höhere Instanz gegeben. Heber die Stellung des Beschuldigten im Vor­verfahren und im Zwischenverfahren und die Stellung der Verteidiger geht die Reform darauf aus, zu verhüten, daß der Angeklagte unvor­bereitet über wichtigere Sachen in die Hauptoer- handlung eintritt, und es wird daher der Staats­anwaltschaft oder dem Beschuldigten alle Be- lastiingsmoinente in einer mündlichen Schluß- verhandlung vor Augen zu führen fein. Die Einsicht in die Akten soll dem Verteidiger nicht nur, wie bisher, gestattet werden können, vielmehr wird ihm grundsätzlich das Recht hierzu eingeräumt. Bei der Vernehmung des Be­schuldigten im Vorverfahren wird die Zuziehung des Verteidigers gestattet, und auch beim Verhör von Zeugen und Sachverständigen soll er regel­mäßig zugezogen werden.

* Daß die Sozialdemokratie nicht die Befle- rung der Arbeiierverhältnifse erstrebt, sondern lediglich Unzufriedenheit zu erregen sucht, um dann im Trüben fischen zu können, das hat mit dankenswerter Deutlichkeit Genosse Horn auf dem zwölften Parteitag der Sozialdemokratie Pommerns, der soeben in Köslin stattgefunden hat, ausgesprochen, indem er zu dem Thema „Landarbeiter und Klassenkampf'' nach dem „Volksb." unter anderem wörtlich sagte:

„Dir Landarbeiter sind viel zu zusrieden, wir müssen sie unzufriedener machen, als sie es bisher waren. (Bravo!) Wir müssen sie auf­hetzen gegen Verhältnisse, die als menschenwürdig nicht zu bezeichnen sind."

Dementsprechend wurde dann auch eine Reso­lution angenommen, die ausdrücklich Maßnahmen zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Landarbeiter ab lehnt. — Die fozialdemokra- l tischen Hetzer schätzen denn doch die Intelligenz

dachte, daß er unrettbar verloren sei, daß der Baronet seine ganzen Verbrechen entdeckt habe oder doch nahe vor deren Entdeckung stand.

Sir Harry zögerte mit der Antwort, und Brander hing fest an seinen Lippen; er wartete auf die Antwort, wie ein Verbrecher sein Unheil aus dem Munde des Richters erwartet.

„Ein gewisser Palestro schrieb den Brief, aber er hat ihn nicht an mich geschrieben, Guido," sagte endlich der Baronet mit ruhiger Stimme, „ich will offen mit Dir verfahren, wie ich auch von Dir

Brander war bestürzt, daß er nicht zu ant­worten imstande war.

Des Baronets Argwohn, so lange ahnungslos und vertrauensvoll, war endlich erwacht. Was konnten seine Fragen zu bedeuten haben?

„Ich habe kein Geheimnis." stammelte der Betrüger. „Deine romanhaften Ideen haben Dich weit von der Wirklichkeit abgetrieben. Palestro war nur ein Makler, an den ich eine bedeutende Summe im Spiel verloren hatte."

„Warum bestehst Du denn aber darauf, daß er Dir jede Woche schreiben soll?"

n Brander konnte darauf keine begründete Er­klärung finden. Er wurde abwechselnd rot und bleich, rückte unruhig in seinem Stuhl hin und her und warf sich endlich in das Dunkel der hohen Lehne zurück, wo er ein hartnäckiges Schweigen bewahrte.

Der Baronet beobachtete ihn mit scharfen, durchbohrenden Blicken und fuhr darauf mit fester Stimme fort:

„Und warum läßt Du seine Briefe unter fal­scher Adresse nach Gloucester kommen?"

Brander erschrack heftig über diese Worte und stieß einen leisen Fluch aus. Aus seinen Augen Sein Blick, der Furcht und Verzweiflung aus»

te. Er schien niedergeschmettert, gänzlich vernichtet zu sein. Wie gelähmt saß er eine Mi­nute lang in seinem Stuhle, dann stammelte er:

„Wer sagte Dir dasl Es ist eine Lüge- ich schwöre Dir, daß es nicht wahr ist!"

Sir Harry machte eine Bewegung mit der Hand zum Zeichen, daß er schweigen solle.

„Tue nicht noch einen falschen Schwur, Guido, sagte er.

der ländlichen Arbeiterschaft etwas sehr gering ein, wenn sie glauben, sie durch solche Redens­arten betören zu können. Der Rückgang der sozialdemokratischen Organisationen in vielen ostelbischen ländlichen Gebieten spricht ja auch eine sehr beredte Sprache.

r Die Generalversammlung des Evan­gelischen Bundes findet vom 4. bis 8. Oktober in Braunschweig statt. In dem soeben vom Festausschuß veröffentlichten Ausruf heißt es:

„Das verständnisvolle Zusammenwirken und fried­liche Znsammenwohnen aller Deutschen könne nur bei nachhaltiger Beseitigung der politischen Vorherrschaft des anspruchsvollen Ultramontanismus ermög­licht werden."

Also der Evangelische Bund will nach wie vor daS „friedliche Zusammenwohnen aller Deutschen" dadurch herbeiführen, daß er auf die Katholiken losschlägt. Denn weiter be­sagen diese Phrasen nichts, und die Taten oder vielmehr die Worte in Braunschweig werden e8 bestätigen.

Straßburg, 30. Aug. 1908. Samstag vormittag fand im Beisein des Kaisers und der Kaiserin, des Kronprinzen, deS Königs von Sachsen, des Großherzogs von Baden und anderer Fürstlichkeiten die Parade über das 15. Armeekorps auf dem Polygon statt. Trotz der durch den einsetzenden Regen aufgeweichten Bodens leisteten die Truppen Vorzügliches. Nach Beendigung des militärischen Schauspiels erfolgte der Einzug in die Stadt durch das Kehler Tor nach dem Kaiserpalast. Auf der Brücke war seitlich eine Tribüne aufgeschlagen, auf der eine große Anzahl von Mädchen in bunten Trachten des elsässischen Unterlandes Aufstellung genommen hatten. Bei der Pavadetasel brachte der Kaiser einen Trinkspruch aus, in dem er der deutschen und französischen Veteranen gedachte. Er sagte u. a.: „Erhebend war der Anblick der im bürgerlichen Gewände dem Korps gegenüberstehenden Reihe» alter Kampfgenossen aus der Zeit meine! Großvaters, ebenso wie in Metz. Und nicht zum mindesten hat es mich gefreut, unter ihnen auch ein« Menge alter französischer Soldaten zu finden. Sie standen einträchtig nebeneinander, die Kämpfer von Solferino, Magenta, Inkerman, Sebastopol, und neben ihnen — mit dem Eisernen Kreuz — bi» Kämpfer des Prinzen Friedrich Karl, des General- Steinmetz und vieler anderen deutschen Heerführer. So muß es sein! Wo echter soldatischer Geist lebt, da finden sich Soldatenherzen zusammen.

Am Abend war die Stadt wahrhaft glänzend illuminiert.

... König Eduard als Badegast.

Man schreibt uns aus Berlin: Der englische König hat tm Verlauf von nicht 3 Wochen den Kaiser von Deutschland (schon das drittemal in einem Jahr) den Kaiser von Oesterreich, den österreichischen Thronfolger, den französischen Ministerpräsidenten, den russischen Minister des Aeußern, den russischen Botschafter bei sich gesehen; der neue englische Botschafter in Berlin, Lord Goschen, ist sein täglicher Gast und ebenso der vielgenannte und vielgewandte englische Unterstaatssekretär Hardinge.

Wo ein solcher Stab von Diplomaten ver­sammelt ist, da trintt man nicht nur Karlsbader Sprudel und macht seinen Rundgang, um die Körperfülle zu erleichtern; da scheint nun auch eine gewisse Sprudelpolitik betrieben zu werden. Freilich ist der Kronberger Besuch beim deutschen Kaiser nicht ganz freiwillig erfolgt; der greife Kaiser von Oesterreich wünschte ihn und der Besuch hat Erfolg gehabt, weit mehr, als die Oeffentlichkeit ahnt. Die Herzlichkeit des Abschiedes war diesmal nicht nur Zeremonie; namentlich war König Eduard von gewinnender Herzlichkeit.

In England ist man mit der auffallenden Rührigkeit des Königs nicht ganz einverstanden, man findet, daß die von ihm veranlaßten Be­sprechungen etwas zu demonstrativ sind und bei der unbehaglichen Stimmung, die auf Europa lastet, das Mißtrauen in geroiffen Kreisen, die schon so wie so sehr empfindlich sind, noch erhöhen müssen. Soweit die Unterredungen mit den Russen in Betracht kommen, berühren sie uns anscheinend wenig, sie drehten sich um Geld, das Rußland braucht. England muß seinem Verbündeten Geld versorgen, nachdem seine Spe­kulation auf dem Balkan vollständig fehlgeschlagen ist. Aber es hat Schwierigkeiten, dieses flüssig zu machen. Wenn man sich erinnert, daß König Eduard mit seinem Versuch, der Londoner City die neue russische Anleihe aufzuhalsen, eine glatte Absage erhalten hat, und wenn man sich ferner ver­gegenwärtigt, daß die am 1. Mai nächsten Jahres fälligen russischen Schatzscheine im Betrage von 800 Mill. Frcs, den Herren in Petersburg schon ernste Sorgen machen nach den betrüblichen Er­fahrungen mit den Geldleuten der City, so ergibt sich ganz von selbst, wo der Brennpunkt der russisch-englischen Verständigung liegen muß. König Eduard hat in Reval gewissermaßen die moralische Verpflichtung übernommen, seinen russischen Alliierten aus der finanziellen Klemme zu helfen. Und er kann sich dabei naturgemäß nur noch an seinen älteren Alliierten, an Frank­reich wenden, der an sich schon 12 gute Milliarden in das russische Geschäft gesteckt hat und nun bei solchem Engagement des Nationalvermögens sich in der Zwangslage befindet, auch noch die dreizehnte dranzuwagen und seine Zinsen sicher- zustelleu. Deutschland wird sich aus denselben Gründen, die 1906 Vorlagen, diese Ruffenanleihe nachdrücklichst vom Halse halten. Also bleibt Frankreich als einzige Hoffnung übrig und der Weg zu den Sparstrümpfen des französischen Bourgeois geht diesmal über die englische Brücke.

König Eduard hat auch noch andere Sorgen, als daß er die russische Finanznot aus der Welt

wissen. Es darf nichts Gemeines, keine Lüge, keine Ausrede mehr Vorkommen. Verstehst Du?"

„Was weißt Du?" fragte Brander.

„Das will ich Dir sagen. Heute abend nach dem Essen brachte mir Kemp die Briefe und son­stige Postsachen .Darunter befand sich ein Brief an Ella und ein anderer mit der Adresse: „An den jungen Sir Harrington." Die Adresse war allerdings sonderbar, aber da ich der einzige Ba­ronet dieses Namens und auch gerade noch nicht alt bin, nahm ich keinen Anstand, den Brief zu erbrechen, der, wie ich bald bemerkte, für Dich be­stimmt war."

Brander atmete schwer.

„Er war, wie gesagt, von einem gewissen Pa­lestro," fuhr der Baronet fort. . „Es ist wohl überflüssig, zu sagen, daß ich den Brief sehr auf­merksam durchgelesen habe." —

Er nahm den fraglichen Brief aus seiner Tasche und gab ihn Brander, der ihn mit gieriger Hast ergriff, aus dem Kuvert riß und den Inhalt mit glühenden Blicken überflog. Er las daS Schreiben zwei, drei Mal, dann beugte er sich mit der größten Ruhe, als ob nichts geschehen wäre, vorwärts, und legte den Brief auf die noch glühen­den Kohlen, wo er sofort aufflammte. Als er gänzlich verbrannt war, erhob Brander mit fre­cher Herausforderung sein Gesicht zu Sir Harry, und seine Augen leuchteten voll Entschlossenheit, als er das einzige Wort äußerte:

„Nun?"

„Ich verlange eine Erklärung des JnhaltS jenes Briefes," erwiderte Sir Harry streng. „Nochmals frage ich," wer ist jener befreite Ge­fangene und warum fürchtest Du seine Ankunft in England?"

Die Aussichten Branders waren in diesem Augenblicke außerordentlich trübe, doch verlor er die Hoffnung nicht, konnte doch der nächste Brief Palestros bessere Nachrichten bringen. Sicherlich konnte Guido Harrington seinen Verstand nicht wiedererhalten haben, dachte er.

(Fortsetzung folat.)

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Der falsche Erbe.

Noinau von Ed. Wagner.

92] (Nachdruck verboten).

„Es ist nicht wegen des Geldes worüber ich mir Dir zu sprechen wünschte, Guido," sagte Sir Harry. „Ich habe vielen und tiefen Kum­mer —"

„Und alles meinetwegen, natürlich 1" entgeg­nete Brander in gereiztem Tone. „Oder betrifft einen Teil Deines Kummers Ella!" fügte er ironisch hinzu.

Hebet des Baronets Gesicht zuckte es schmerz­lich, doch antwortete er nicht auf jene boshafte Frage. ,

„Tatsache ist", fuhr Brander fort", „daßimr beide. Du und ich, seid jener verwünschten Affäre por zehn Tagen in offener Feindschaft uns befin­den. Ich habe schon verschiedene Male ausgespro­chen, daß es mir herzlich leid tut, jenen Fehler, den ich aufrichtig bereue, begangen zu haben; ich möchte wieder Dein vertrauenswürdiger Sohn sein! Kurz, ich möchte meinen begangenen Feh­ler wieder gut machen und Dir zeigen, daß ich vom Grunde aus noch wahrhaft gut bin und daß jener Fehltritt nur eine Folge des ungewohnten Genusses von Wein war."

„Ehe Du mir das beweisen kannst, Guido, Muß ich ganz Dein Vertrauen besitzen. Ich muß wissen, was für ein Geheimnis Du hast!"

„Was für ein Geheimnis?" rief Brander zu­sammenfahrend.

„Ja, Du brauchst nicht zu leugnen, daß Du ein Geheimnis hast! Ich weiß jetzt, daß die Summe, die Du dem Italiener gabst, nicht zur Berichtung einer Spielschuld diente. Warum versprach er Dir, jede Woche regelmäßig zu schrei- ben? Welche Mysterien bestehen zwischen Dir und ihm? Warum hast Du sein Schweigen er­ruft?"