Erscheint »glich mit Anniahme btt So.m« »nbLtietta-t. viertel' jShrlichfve;«grprei, ohne vriagerlohn und Bestellgeld ln Fulda so- wie auswärts X.50 mt
verantw. Sedattemr
Carl Schütte;
für bie Anzeigen:
Z.parzeller in Fulda.
Maer
wochen-eilage: .Illustrierte Sonntagrzeitung"
SK
Anzeigen: Vie ei» spaltige Petitzeile ober deren Raum ZS pfg. RetlamenbrepetitzeUe 25 pfg., bei Wiebe». Holungen wirb entspr. Rabatt gewährt.
Rotationsbruckund Verlag der Fuldaer Ak> tieubruckerei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.
M 198.
Fulda, Samstag den 29. August 1908.
35. Jahrgang.
Zweites Wtcrtt.
Wochen-Rundschau.
Fulda, 28. August 1908.
Auf dem so herrlich verlaufenen Düsseldorfer Katholikentage ist auch nicht ein Wort gesagt worden, das Andersdenkende verletzen könnte. Dagegen sind dort viele und recht kräftige Watte gesagt worden, um die Christusgläubigen anderen Bekenntnisses zur gemeinsamen Vertretung der christlichen Güter einzuladen. Wie kann man angesichts dieser Tatsache es fertig bringen, diese eminent friedliche Versammlung trotz alledem als unfriedlich hinzustellen?. Das Rätsel lösen uns die „Hamburger Nachrichten" in der einfachsten Weise, indem sie schreiben, die bloße Tatsache der Katholikentage habe dem konfessionellen Frieden mehr geschadet, als alle vereinzelten Feindseligkeiten zusammengenommen. Da haben wir's. Die Katholikentage mögen sich noch so schön und gut aufführen, sie sind Loch ein? S''-r-ng des konfessionellen Friedens — durch ihr bloßes Dasein. Der Protestantismus ruft jahrein, jahraus in zahlreichen Versammlungen, Vereinen usw. in die Welt hinaus, daß man protestantisch fern und bleiben wolle; der Katholizismus soll nicht das gleiche Recht des öffentlichen Bekenntnisses haben. „Die bloße Tatsache der Katholikentage" ist den Gegnern ein Dorn im Auge. Sie wissen Wohl, daß die öffentliche Bekundung der Glaubenstreue zum Wesen eines jeden lebenskräftigen Bekenntnisses gehört. Im letzten Grunde erblicken sie die Gefährdung oes konfessionellen Friedens in der bloßen Tatsache, daß der Katholizismus in Deutschland existiert. Auf diesem Boden steht offenbar auch der „Reichsbote". Auf die herrlichen Worte von den gemeinsamen Aufgaben aller Bekenner der Gottheit Christi antwortet er mit der ebenso liebenswürdigen wie geistreichen Bemerkung, der Düsseldorfer Geist sei derselbe, der die Ketzerverbrennung herbeigeführt habe. Obendrein wirft er den deutschen Katholiken Proselytenmacherei vor. Wohlgemerkt: nicht etwa die Führer und Nährväter der „Los-von-Rom-"Bewegung in Oesterreich oder die Vereine zur „Evangelisation der deutschen Katholiken und der polnischen Katholiken sind der friedensstörerischen Propaganda schuldig, sondern dar Katholizismus wird der Proselytenmacherei angeklagt, obschon er nicht das geringste Seitenstück zu jenen protestantischen Veranstaltungen hat und in der Uebertrittsbilanz passiv dasteht! Es' hilft alles nichts: der Katholizismus wird verurteilt, mag er es so oder anders machen. Das Lamm ist schuld an der Trübung des Wassers: durch die „bloße Tatsache" seiner Existenz.
Zum Fall Schücking macht die liberale Presse unaufhörlich ein uügeheures Geschrei, als stehe das Wohl und der Bestand des Deutschen Reiches in Frage. Handelte es sich um einen zur Zentrunispartei gehörenden Bürgermeister, so würde die gesamte liberale Presse kein Wort darum verlieren, das Vorgehen gegen ihn sogar billigen und die Negierung zu weiteren Schritten ermuntern. Jetzt aber drohen die Freisinnigen bereits die Blockgefolgschaft aufzukündigen; es genügt ihnen nicht, daß der Regierungspräsident zu Schleswig einen „Urlaub" erhalten hat, aus dem er nicht zurückkommen dürfte. Nun, die Suppe wird nicht so heiß gegessen, als sie gekocht wird; ganz gewiß wird auch der Freisinn den Block nicht in die Brüche gehen lassen, dazu fühlt er sich viel zu wohl darin.
Ter deutsche Botschafter in Washington, der vielgenannte Frhr. Speck v. S t e r n b u r g, ist unerwartet rasch gestorben; er war in Amerika
sehr beliebt und hatte auch das aufrichtige Bemühen, die Bezichungen zwischen beiden Ländern stets zu bessern.
In B e l g i e n ist der lange dauernde Kampf über die Kongoangelegenheiten nunmehr glücklich beendigt. Die Deputiertenkammer hat mit nicht unerheblicher Mehrheit die Vorlage angenommen, wonach König, Leopolds Kongostaat eine belgische Kolonie wird.
In Marokko ist in den letzten Tagen endlich die Entscheidung in dem Bruderstreite zu Gunsten Mulay Hafids gefallen. AbdulAsis hat trotz der französischen Hilfe eine heillose Sch lappe erlitten; seine Truppen sind ausein- andergesprengt worden, er selbst hat jede Hoffnung auf eine günstigere Wendung aufgegeben. Damit dürfte der siegreiche Mulay Hafid in Zukunft unbestrittener Herrscher von Marokko fein, da ein anderer Rivale ernstlich nicht mehr in Betracht kommt. Mulay Hasid konnte sich sogar in Tanger unter den Augen Regnaults, des französischen Gesandten als Sultan proklamieren lassen. Das ist eine empfindliche N i e d er läge der französischen Politik. Die Fran- zosen hatten bis zum letzten Augenblick alles auf die eine Karte, die Person des von ihnen erkauften Weichlings Abdul Asis, gesetzt, sowohl ihr Geld, als ihr militärisches und politisches Ansehen. Sie waren nicht so klug wie die Ratten, die da» zum Untergang verurteilte Schiff angeblich rechtzeitig verlassen. In Paris wurden die Abgesandten Mulay Hafids seinerzeit schnöde abgewiesen, in Berlin war man klug genug,, sie höflich zu behandeln, wenn auch ohne Verbindlichkeit. Die Franzosen gingen darauf hinaus, mittels des käuflichen Abdul Asis und unter Ausnutzung der Vorstoß-Gelegenheit von Casablanca sich in Marokko die Oberherrschaft zu verschaffen, die alle Zugeständnisse von Algeciras wieder wett machen sollte. Die „Durchdringung" Marokkos war im flottesten Gange, bis Mulay Hafid sich zur Abwehr erhob. Der Triumph Hafids bringt jetzt die französische Aktion zum Stillstand; denn jetzt haben sie statt einer servilen eine selbstbewußte Regierung des Reiches sich gegenüber und müssen mit einem organisierten, einheitlichen Widerstande gegen die erobernden Vorstöße rechnen. Die deutsche Politik hat das französische Vorgehen mit außerordentlich großer Nachsicht ungestört gelassen. Die Franzosen können beim besten Willen ihre Niederlage nicht dem deutschen Nachbar zur Last legen. Deutschland sieht aber seine Geduldsprobe durch einen bedeutenden moralischen und realen Erfolg belohnt. Es kommt nunmehr darauf an, daß Deutschland den Vorteil, der ihm ohne eigenes Bemühen oder Risiko zugefallen ist, sich zu sichern versteht. Die Franzosen werfen bereits die Frage auf, ob nickst eine neue Konferenz nötig werde. Nach unserer Ansicht hat die deutsche Politik fein Interesse an der Abänderung der Algecirasakte, sondern nur das Interesse ihrer vollständigen und ehrlichen Durchführung. Denn die richtig gehandhabte Algecirasakte bietet die Mittel, um jenen französischen Bestrebungen entgegenzutreten, die über die internationalen Abmachungen hinaus der Republik eine politische und wirtschaftliche Uebermacht im Scherifenreiche erringen wollten. Vom deutschen Standpunkte betrachtet, ist die Lage jetzt sehr einfach: Mulay Hasid ist der tatsächliche und nach, Landesbrauch legitime Sultan; er stellt sich, gemäß seinen früheren Versprechungen, rückhaltlos auf den Boden der Algecirasakte und wird von den Mächten als Sultan von Marokko anerkannt; dann wird die Polizei in den betreffenden Häfen nach den Vorschriften der Akte eingerichtet, und die Sache ist in Ordnung!
Im türkischen Kabinett ist es trotz aller Bemühungen der Jungtürken bis jetzt noch nicht zu einem einigermaßen bleibenden Bestand ge
Anpolitische ZeMäuse.
(u) Berlin, 27. August 1908.
(Nachdruck verboten.)
Wenn ich nach dem Westen reise- so freue ich mich jedes Mal über den verlängerten Abend. Die Sonne geht dort zu einer späteren Uhren- stunde unter. Wenn es z. B. im Hochsommer zu Berlin um 9 Uhr dunkel wird, so tritt die Dunkelheit in Westfalen und Rheinland erst um 9*4 bis 91/» Uhr ein. Man genießt am Feierabend eine Viertelstunde oder gar eine halbe Stunde länger Tageslicht. Man gewinnt also die Zeit zur Erholung in der Natur. Obendrein spart man Oel und Gas, da die Lampen erst so viel später angezündet tverden.
Freilich, was am Abend gewonnen wird, muß hm Morgen wieder zugesetzt werden; die Sonne tzeht (nach der mittel-europäischen Uhrenzeit beregnet) eine Viertel- oder eine halbe Stunde später auf. Das fällt aber im Sommer nicht ins Gewicht, da die Mensen dann in ihrer großen Mehrzahl erst aufzustehen pflegen, wenn die Sonne schon am Himmel steht. Im Winter frei» sich macht sich der späte Sonnenaufgang sehr fühlbar, sowohl für die Werkstätten mit frühem Arbeitsanfang, als auch besonders in den Schulen, wo ohne Tageslicht begonnen wird.
Im Osten unseres Vaterlandes liegt die Sache gerade umgekehrt. Tort geht die Sonne früher * •'toie "ach der Uhrenzeit sollte, und veeilt.sich abends um ebensoviel mit ihrem Untergang. Also der helle Feierabend wird verkürzt dagegen der helle Morgen verlängert. Die Schul- nnder haben weniger unter dem Mangel an Son- penschetn zu leiden; ihre Eltern aber müssen abends früher dte Lampen anzünden und also inehr Oel oder Gas verbrauchen. Der Mehrverbrauch am Abend zieht sich durch das ganze Jahr hin; der Minderverbrauch am Morgen tritt ‘nur während des Winters in beschränktem Um- Jfenge ein, kann also keinen Ausgleich herbeifüh
ren. Es kommt also darauf hinaus, daß im Osten mehr Beleuchtungskosten entstehen, als im Westen.
Das ist erst seit Einführung der mitteleuro- päischen Einheitszeit so. Vordem hatte jeder Ort feine eigene Ortszeit, d. h. die Uhren gingen überall nach dem Gange der Sonne in Ueberetn- stimmung (abgesehen von den zeitweiligen kleinen Abweichungen, die durch die sog. mittlere Zeit herbeigeführt wurden und hier nicht weiter in Betracht kommen). Wenn die Sonne ihren höchsten Stand über dem betreffenden Orte erreicht hatte, so war es dort mittag, und die Turmuhr tat die zwölf Schläge. Jetzt wird an der Westgrenze schon mittag geläutet, wenn die Sonne noch eine halbe Stunde von ihrem Höhepunkt entfernt ist, und an der Ostgrenze wird erst dann Mittag geläutet, wenn sie schon eine halbe Stunde darüber fort ist. Die Natur und die Uhr stimmen nicht mehr zusammen.
Als die gesetzliche Einführung der mitteleuropäischen Einheitszeit beraten wurde, sprach der verstorbene Freiherr v. Heereman im preußischen Abgeordnetenhause sich entschieden dagegen aus, weil dadurch die Natur vergewaltigt würde. Im Prinzip hatte er recht; aber tm Zeitalter des Verkehrs gaben die Verkehrsinteresien den Ausschlag. Der Eisenbahnbetrieb wurde durch die Einheitszeit einfacher und sicherer; die Reifen- den brauchten nicht bei jeder östwestlichen Orts- veränderung ihre Uhren neu zu stellen. Aus dem Altar des Verkehrs wurde die altehrwürdige Ortszeit geopfert.
Ich hatte habet die Hoffnung, daß die Men- schen doch klug genug fein würden, um die Abweichungen von der natürlichen Zeit auszugleichen. Den Arbeits- und Schulanfang, die Mit- tagSpaufe ufto. kann man doch so verschieben, daß sie auf den alten Sonnenstand fallen! Aber diese Hoffnung war trügerisch. Die Menschen erwiesen sich dur^ehends als Sklaven der Uhr. Man hielt an den gewohnten Stundenziffern fest; auf dm Zuschlag oder Abschlag von einer Viertel- oder halben Stunde ließ man sich leicht ein. Wenn die
kommen. Das Gehen und Kommen der einzelnen Minister dauert fort, wiewohl das Ministerium doch so ziemlich aus gleichgesinnten Mitgliedern besteht. Ausfallen muß besonders, daß gerade manche jungtürkischen Führer, die man mit großer Mühe ins Kabinett gebracht hatte, wenig Lust zeigen, auf ihrem Posten auszuharren. Es ist dies wohl weniger auf ihre Abneigung vor ernster Arbeit zurückzuführen, als vielmehr auf die fort- währenden Angriffe auf die unter der jnngtür- kikchen Führerschaft noch bestehende ungeklärte Lage. Das Parlament soll bekanntlich seine Tagung bereits am 1. November beginnen. Die Wahlvorbereitungen sind schon in Angriff genommen worden. Aber schon die Wahlagitation zeigte in manchen Gebietsteilen, besonders in der europäischen Türkei, schlimme Erscheinungen. Gleichzeitig gedenkt die türkische Regierung bis zum Zusammentritt des Parlaments wenigstens die mißlichsten Zustände im Reiche zu beseitigen. Vor allem drängt man auf eine einigermaßen durchgreifende Finanz- und Heeresreform.
In Persien hat die Schahpartei womöglich an Einfluß noch gewonnen. Infolge der Zensur gelangen ja jetzt weniger Nachrichten über die Unruhen daselbst nach Europa; aber manche kurzen Meldungen, die auf den ersten Blick so gut wie nichts besagen, zeigen doch, daß die jetzige scheinbare Ruhe die Ruhe d?s Kirchhofs ist. Be- fonders im Norden des Landes und an der türkischen Grenze dauern die Kämpfe noch heftig an, ohne daß das Kriegsglück einer von den Parteien einen nachhaltigen Erfolg bringt.
X Msmarck-GrinnsrunßStt.
Der bekannte Bisniarckschriftsteller Poschinger veröffentlicht in der Wiener „N. Fr. Presse" wieder einmal Erinnerungen an den Fürsten Bismarck. Wir entnehmen daraus das folgende:
Gelegentlich von Erörterungen über die Quid- desche Caligula-BroschHre meinte Bismarck über den Kaiser:
„Es wäre ihm mehr Geduld zu wünschen, am Studiertisch zu sitzen. Schlimm ist es, daß er Einbläsern folgt.--Er kann den Augenblick, da er
als der große Weltbeglückec dasteht, nicht erwarten. Auch die Arbeiterproklamation, die eigentlich den Anstoß zu unserer Trennung gegeben haben, gehören in dieses Kapitel. Der Kaiser versprach sich davon goldene Berge, ich sagte, nachdem ich das Schlimmste daraus entfernt hatte: das Beste ist, Majestät zerreißen dieselbe und werfen die Stücke in's Feuer. Er aber ließ sich nicht überreden, glaubte ramit die Sozialdemokraten wie mit dem Speck die Maus zu sangen, und wünschte, dieselben sollten sofort in der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung' und im .Reichsanzeigett veröffentlicht werden. Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes hatte es eine ähnliche Bewandtnis. Ich sagte dem Kaiser: Wenn sie den Mut haben, dereinst bis an die Stiefel im Bürgerblut zu waten, dann heben Sie dasselbe auf. Andernfalls lassen Sie cs bei dem Präventivgesetz."
Später hat Bismarck einsehen müssen, daß er sich gründlich geirrt hat. Das Sozialistengesetz wurde aufgehoben, die befürchtete Bürgerrevolte aber ist ausgeblieben. — Poschinger brachte, wie er weiter erzählt, das Gespräch auf die sogenannte Versöhnung Bismarcks mit dem Kai- se r und bemerkte: Miquel, der Finauzminister, habe einen guten Teil daran. Darauf Bismarck:
„SDie Art meines Empfanges in Berlin hat mich einigermaßen überrascht. Ich sagte zu meiner Frau: Wir werden uns in Berlin um ein Absteigequartier in einem tSasthose umsehen müssen, statt besten: Empfang mit kaiserlichen Equipagen, Wohnung im Schloß. Der ganze Hergang mag auf die Außenstehenden, die den Kern der Sach« nicht kannten, einen günstigen Eindruck gemacht haben Ich hatte denselben nicht, warichdoch der einzige, der einOpfer gebracht hat, denn das Verhältnis, in welches mich der Kaiser und feine Ratgeber durch ihr wenig gefälliges Verhalten gesetzt hatten, war
Uhr zwölf schlägt, so soll es Mittag fein, — mag die Sonne stehen, wo sie will.
Die Einheitszeit ist bekanntlich so festgesetzt, daß wir in Deutschland eine volle Stunde mehr rechnen, als wie es auf dem Nulltneridian von Greenwich bei London ist. Dadurch haben wir in ganz Deutschland diejenige Zeit, die in Stargard in Pommern die natürliche Zeit ist. Alle Leute, die auf dem Meridian von Stargard wohnen, haben den Einklang von Natur und Uhr bewahrt. Die anderen haben einen mehr oder weniger großen Zwiespalt zwischen Sonnenlauf und Uhrengang, und bezeichnenderweise haben sie sich an diese Unnatur bereits gewöhnt. Ein Zeichen, daß die große Masse der modernen Menschen wenig mehr nach dem Himmel guckt. Die Sonne ist uns gleichgiltig geworden; wir leben nach den Uhrzeigern. Der Kulturmensch von heutzutage verträgt eine starke Portion naturwidriger Zeit- Verschiebung.
Diese Erfahrung hat einem Engländer einen ganz vornehmen Gedanken eingegeben. Er schlägt vor, die Uhren im Sommer um ganze 80 Minuten vorzuschieben. Der Plan ist gar nicht so verrückt, wie er auf den ersten Blick aussieht; der Gedankengang des Mannes ist nämlich folgender: die Menschen lassen eine große Portion Tageslicht am Sommermorgen unbenutzt verstreichen, toetl sie nach Aufgang der Sonne noch längere Zeit im Bette liegen. Wenn sie früher aufständen und früher an die Arbeit gingen, so könnten sie auch früher Feierabend machen und hätten dann noch während der Erholungsftunden Sonnenschein und Tageslicht. Wie bringt man nun die Leute dazu, daß si« sich der Lebensweise der Hühner toiebet mehr anpassen? Nichts einfacher als das. Im April drehen wir die Uhren allzumal um ein bis andetthalb Stunden vor, und im Spätherbst drehen wir sie um ebenso viel zurück. Damit der Sprung nicht zu scharf empfunden wird, geht er tn vier Absätzen vor sich. An jedem von vier Sonntagen im April wird nachts um 2 Uhr alles Uhrwerk um 20 Minuten vorangestellt, um Ende
meiner Kampfnatur ganz behaglich. 9hm hatte aber der kaiserliche Schritt mir doch gewisse Bee» bindlichkeiten auferlegt, aber so weit gehr das nicht, daß ich mich fortan der freien Meinungsäußerung, wie gewiße Leute in Berlin erwarteten, enthalte; bei« bald und weil ich fortfahre, mir kein Blatt vor den Mund zu nehmen, und auch durch die Preffe nach wie vor meine Ansichten laut werden lasse, ist man im anderen Lager gleich wieder verstimmt und enttäuscht.*,
Poschinger fragte dann Bismarck u. a., ob er nicht den Schleier über die Verwendung des Welfenfonds etwas lüften möchte.
„Hierüber sind", bemerkte Bismarck, „gemeiniglich ganz falsche Ansichten verbreitet. Die deutsche Preffe, welche als der hauptsächlichste Kostgänger angefebe» wird, hat davon höchstens 5 Prozent bezogen. Mir stand ja ohnedem die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung' zur Verfügung, der ich stoßweise Mitteilungen zugehe» lassen konnte, wenn dies auch oft nur in längere# Zwischenräumen der Fall war. Der Reichskanzler braucht bei der Presse nicht zu betteln. Die Zeitungen drängen sich an ihn heran wegen der ihnen von dem AuswärtigenAm! zufließenden wertvollenJnformationen, In der Regel sind dies die Aequivalente dafür, daß sie die Politik der Regierung verteidigen. Groß« Summen aus dem Welsenfonds verschlangen bagege# unsere ausw ärtigen Gesandtschaften. Mit einigen Tausenden erreicht man nichts, aber mit 500000- 800 000 Mark kann man im Ausland» so manches durchsetzen. Sehr viel erhielt der Kriegt« Minister, der die Gelder zum Teil dazu verwandt«, um m i ch zu überwachen."
Der Welfenfonds uni) seine Verwendung bil* bet jedenfalls eines der allertraurtgfte« Kapitel im Leben des Fürsten Bismarck. Di« Mitteilung, daß Fürst Bismarck Beträge über eine halbe Million zu Bestechungen im Ausland aus den Erträgnissen des HausvermögenK bei Königs von Hannover verwandt, steht mit be< Begriffen, die man für gewöhnlich von deutsch«? Ehrlichkeit hat, auf dem Kriegsfuße. Die lieber« wachung Bismarcks durch den Kriegsministzer iss ganz neu. ___
Deutsches Reich.
X Die Cnrtius-Angelegenheit. Aus Straßburg wird berichtet: Der Kaifer kommt nach Straßburg und die Curtius-Angelegenheit steigt wieder aus der Versenkung empor. Wie erinnerlich fein wird, traf den Präsidenten des etoange* lischen Konsistoriums in Elsaß-Lothrinaen, Dr< Curtius, die kaiserliche Ungnade, weil er dit Memoiren des verstorbenen Fürsten Chlodwig von Hohenlohe herausgegebett hatte. Hierin sah der Kaiser eine persönliche Kränkung, weswegen Dr. Curtius keine Einlaß düng zur kaiserlichen Tafel erhielt. Das ist diese- Jahr wieder der Fall, doch hat man, damit neb«f der katholischen und israelitischen Geistlichkeit di« protestantische Kirchenbehörde nicht ganz unvertrS- ten bleibt, ein anderes Mitglied des Oberkonsistoriums geladen.
* Bestrafung eines Regiments. Die ,Unb versalkorrespondenz' meldet:
„Bekanntlich hat ein Sergeant beS in Wormtz garnisonierenben 118. Jnfanterte-RegimentS sich bedeutende Patronendieb st ähle zu schulden kommen laffen. Während der Dieb seiner gerechten Strafe ent» gegensieht, wird auch daS Regiment, dem dey Sergeant angehörte, in Straf» genommen. DaS 1181) Jnfanterie-Regiment hat nämlich vor deN Manövers die Mitteilung erhalten, daß es an der große« Truppenschau, die vor einigen Tagen in MaiH stattfand, nicht tetlnehmen dürfe. Das Regst' ment ist beim Kaiser tn große Ungnade gefallen. Detz> Kaiser hatte bie fünfte Weisung gegeben: „Die Hum dertachtzehner will ich nicht sehen." Bom Kaiser soll eine baldige Strafversetzung des 118.Infanterie-. Regiments ungeordnet und al» künstigr Garnison Posen in Betracht gezogen worben sein."
Das klingt alle- zum mindesten böchst werd« würdig. Warum gerade das Regiment dett Zorn des Kaisers tn solch ausgiebigem Maß»
April sind also 80 Minuten gewonnen; d. h. toemf einer gewohnt ist, um 7 Uhr aufzustehen, so Wirtz er in den Monaten Mai-Oktober schon zu einet Zeit aufstehen, wo es eigentlich erst 5 Uhr 40 Mist, ist. Und wer um 11 Uhr zu Bett zu geben pflegt/ wird in den Sommermonaten schon dann fein. Lager aufsuchen, wenn es nach der alten Crb- mtr.g erst 9 Uhr 40 Minuten ist. Auf diese Art würde das Wachen und Schlafen sich viel besser, als bisher, an den Gang der Sonne anschicken. Wir genössen mehr Sonnenschein und Tageslichts der Verbrauch an Oel und Gas würde ganz ge*4 wattig abnehmen.
Ist der Plan durchführbar? Ich alaube nicht daran. Zunächst würde e» imEisenbahnverkehr eine arge Verwirrung geben, wenn in vier Aprll- nächien zwanzig Minuten unter den Tisch fallen sollten. Wo bleiben dann die Züge, die in diesett zwanzig Minuten ankommen, ab fahren und weiterfahren sollen? Ferner kann man nicht erwarten, daß in der betreffenden Nacht alle Leute ihre Haus- und Taschenuhren prompt um zwanzig Minuten vordrehen. Wenn dies nicht geschieht, so gibt es am Sonntag vormittag viele Störungen und Aergerniffe, namentlich auch beim Besuch» des Gottesdienstes. Achtmal im Jahre eine babylonische Zeitverwirrung, das wäre doch zu viel! Andererseits ist sehr zu bezweifeln, ob derjenige Teil der Menschheit, der zum Nachtleben neigt, also namentlich die vergnügungssüchtigen Städter- sich durch den Uhrenzwang zum früheren Zu- beitegehen bestimmen ließen. Sie würden sagen: Es ist ja eben erst dunkel geworden, jetzt können wir den vorgeschuhten Abend auch noch etwas nach hinten verlängern! — Die Hauptsache ist und bleibt aber, daß durch solche Uhren-Kunffftücke ine Menschen noch mehr als bisher von der Beobach- tung der Natur abgelenkt würden. Es kommt ja auf einen Täuschungsversuch hinaus, wenn man den Leuten mittels der verstellten Uhr einreden will, es sei um %11 Uhr schon mittag und um %5 Uhr schon Zeit zum Abendläuten. Eine bedenkliche Erziehungsmethode, bei der allzu schark