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35. Jahrgang.

Fulda, Freitag den 28. August 1908.

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Erscheint »glich mit rwntah»« der So.«* und Zeiertag«. viertel- jährlich« Bezug,pr«tt ohne Vringerlohn und Bestellgeld in Fulda so« wieaurwärtri-SOlNk.

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Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

(Nachdruck verboten).

Entwicklung des Falles Schücking allmählich doch die Geduld ausgegangen. Die „Konserv. Korrespondenz- bringt folgende pari ei offi­ziöse Kundgebung:

sen bewilligt werden, aber nur erträgliche, rechte, unschädliche Steuern.

Die besten Steuern zu suchen, das ist Aufgabe, auf die es ankommt.

0 Den Konservativen ist angesichts

meine Ankunft für meinen Vater und für Ella sein, aber eine noch größere für Ferdinand Bran­der I"

„Ja, ja!" sagte Nelly, und ihre Stimme zit­terte, obwohl sie sich bemühte, fest und ruhig zu sein. „Sie dürfen nicht länger verweilen, Guido. Wenn ich daran denke, wie lange Ihr Vater von dem Betrüger, jenem Ferdinand Brander, hin­tergangen ist, scheint es mir unrecht, daß Sie sich so lange aufgehalten haben. Wenigstens hät­ten Sie schreiben sollen."

„Nein, Nelly. Ich wollte Brander in seiner neuen Stellung sehen. Ich wünschte zu sehen, tote er seine Nolle als Guido Harrington spielt. Ich wollte mich selbst überzeugen, wie weit es ihm gelungen ist, meines Vaters Herz für sich zu ge­winnen. Mit einem Worte, ich wollte mein Er­scheinen zu Harrington Hall so effektvoll als mög­lich machen. Allerdings hätte ich etwa eine Woche früher gehen können, aber ich hatte meine Gründe zum Bleiben. Können Sie nicht erraten, Nelly, welcher Art diese Gründe sind!"

Das Mädchen errötete und senkte ihren Blick zu Boden.

„Nelly, wir haben die beste Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen," fuhr Guido in ern­stem, aber warmem Tone fort. „Diese drei Wo­chen, lvährend welcher wir hier zu Bleak Top ein­geschlossen waren, kommen mehr als einer 93 e- kanntschaft von drei Jahren gleich unter gewöhn­lichen, gesellschaftlichen Verhältnissen. Uebrigens haben Sie mich bereits viel,länger gekannt. Sie haben mich in einem traurigen Zustande kennen gelernt. Ihnen verdanke ich alles, was und wie ich heute bin; ohne Sie wäre ich jetzt ein Bettler, ein Blödsinniger in Sizilien; ohne Sie, Nelly, würde mein Geist gelähmt geblieben sein, für im­mer, mein Vater würde niemals mein Schicksal erfahren haben und kein Mensch hätte um mich getrauert. Ihnen verdanke ich alles: Leben, Ge- sundheit, und was noch wichtiger ist, meinen Ver­stand. Niemals kann ich Ihnen diese Schuld ab- tragen!" (Forts, folgt)

Deutscher Reich.

>? Den Hurrnhpatriotismus als Vorspann benutzen für mangelhafte oder, übermäßige Steuerpläne, ist anscheinend die Absicht des Prof. Georg v. M a y r, des früheren Unterstaats, sekretärs. Er veröffentlicht über die „Finanz­reform und Kriegsbereitschaft" einen Artikel, den die „Nordd. Allg. Ztg." wiedergibt.

Im Grunde genommen rennt Herr v. Mayr offeve Türen ein, wenn er nachweist,, daß gute Finanzen, reichliche Einnahmen, tüchtige Schul­dentilgung und reichlicher Kredit die Kriegs- berettschaft des Reiches in schätzbarer Weise erhöhen würden. Natürlich: das Wort Monfe- cuculis von dem „Geld, Geld, Geld" als den drei notwendigsten Kriegsmitteln gilt auch heute noch, vielleicht in verschärftem Maße. Die Not­wendigkeit guter Finanzen für die Wehrkraft be­streitet ja auch niemand. Ebenso ist es allgemein anerkannt, daß wir für die Gesundung der in­neren Verhältnisse eine Finanzreform nötig haben. Also darüber braucht man gar nicht viel Worte zu verlieren. Wenn der Reichsschatz- sekretär verkündet, daß es ohne mehrere hundert Millionen neuer Einnahmen nicht gehe, so wird ganz Deutschland in Chorus rufen: Er hat ja

Vaters zu öffnen für die Fehler seines Sohnes. Es ist sonderbar, wie die nächsten Verwandten sich hassen, wenn ihre Interessen sich zu berühren drohen."

Ella verstand diese Worte nicht; sie waren in so gleichgültigem Tone gesprochen, daß sie glaubte, er ergehe sich in allgemeinen philosophischen Re- fleftionen, ohne jede personelle Bedeutung.

Sir Harry aber verstand sehr wohl diese Worte, von denen jedes fein Herz verwundete. Sein Gesicht wurde ernster und Kummer sprach aus seinen Augen. Er begriff vollkommen, daß fein vermeintlicher Sohn, nachdem er das Ge­heimnis feiner Liebe zu Ella entdeckt hatte, dies Geheimnis als ein Waffe gegen ihn zu benutzen gedachte. Diese Absicht betrachtete Sir Harry als eine neue Schlechtigkeit, deren er seinen Sohn kaum fähig gehalten hätte.

Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach und es herrschte tiefes Schweigen, welches der Baronet endlich brach, indem er faßte:

„Du siehst sehr müde aus, Ella: bist Du viel­leicht krank?"

„Nein,, Sir Harry," antwortete das Mädchen, „ich bin nicht krank, fonbern nur müde; erlauben Sie, daß ich mich zur Ruhe begebe."

Sie erhob sich, wünschte Sir Harry und Brau- der eine gute Nacht und zog sich zurück. Beiden Männern fiel es auf, daß sie dem Baronet nicht den gewohnten Gutenachtkuß gab, was diesen mit neuem Schmerz erfüllte, während Brander sich eines höhnischen Lcuhelns nicht erwehren konnte.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, erhob sich Brander ebenfalls, in der Absicht, sich zurückzu­ziehen, aber der 93aronet gab ihm durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er bleiben solle.

„Gehe noch nicht!" befahl er fest und ernst. „Ich habe noch ein Geschäft mit Dir abzumachen, Guido. Es ist Zeit, daß wir endlich einmal zu einem vollkommenen Einverständnis kommen. Setze Dich! Ich habe Dir etwas wichtiges mit- zuterle»."

MchoEag« Illustrierte Somttagyeitung

Sie erfaßte feine Hand und wollte den Aer- tnel zurückstreifen; Brander entzog ihr die Hand heftig, indem er, errötend vor Aerger rief:

„Die — die Narbe ist mir heilig, um sie zu Zeigen."

„Auch vor mir, Guido?"

„Vor jedermann. Ich liebe es nicht, solche Dinge zu zeigen. Ein andermal magst Du sie sehen, aber nur jetzt nicht."

, Alfo ist sie noch vorhanden?" fragte der Ba- ronet, sein scharfes Ange fest auf seinen vermemt- lichen Sohn gerichtet. .

„Gewiß! Wie könnte eine Narbe tote diese vergehen! Sie ist noch vorhanden und mir mit Rücksicht darauf, wie ich dazu gekommen bin- ein fasst heiliges Zeichen," sagte Brander mit feierli­chem Eifer. „O, Ella, ich war ein leichtsinniger, wilder Jüngling und bin oftmals nur um emes Haares Breite mit dem Leben davon gekommen. Ich habe mehr Abenteuer und mehr Gefahren überstanden, als ein halbes Dutzend meiner Ka­meraden zufammen. Es ist ein Wunder, daß ich das Mannesalter erreicht habe."

„Es ist wahr," bemerkte Sir Harry; „mein Sohn war stets im Streite, doch meistens zur Unterstützung der Schwachen und 93edrängten; ober er pflegte nicht stolz darauf zu sein. Doch bas ist gerade nicht der einzige Punkt, in dem jv» Dich verändert hast, mein Sohn."

Wieder stieg eine Zoruesröte in dem Gesicht des falschen Erben auf; er erhob sich und begab sich in eine entferntere Ecke des Zimmers, wo er sich auf einen Stuhl niederlieh, um sich der Beobachtung des Baronets zu entziehen.

„Es kommt doch nichts der Nebenbuhlerschaft gch," sagte er mit bitterer Stimme, welche zwar

i aufftel, aber Sir Harry wie ein Dolch in's z drang; „sie ist geeignet, die Augen eines

Offenbar überrascht, aber durchaus nicht be- stürzt nahm Brander feinen Platz wieder ein.

„Fahre fort, Baier," sagte er unbefangen. „Was hast Du mir zu sagen?"

XLVI.

Guido' s Werbung.

In dem traulichen Wohnzimmer zu Bleak Top, an welches ein anderes Zimmer stieß, dessen Tür offen stand und in dem Mrs. Jebb saß, lehnte an demselben Abend, an welchem Mr. Gildon in Trübenfeld übernachtete, Nelly an dem Fenster, die schweren Gardinen zurückgeschlagen, und schaute hinaus in die stürmische Nacht. Ihr Auge war hell, ihr Gesicht heiter — kein Schatten von Sorge und Bangigkeit trübte es; nur Glück und Zufriedenheit strahlte aus jedem ihrer lieblichen Züge. Es schien, als ob alle Furcht vor ihrem Verfolger geschwunden und ein vorher nie ge­kanntes Glück in ihrem Herzen eingezogen wäre.

Gedankenvoll lehnte sie am Fenster und wurde aus ihren Träumereien erst aufgeweckt, als die Tür geöffnet wurde und Guido Harrington ins Zimmer trat. Sie ließ die Gardine fallen und trat vom Fenster zurück, als sich Guido ihr näherte und seine Hand in die ihrige legte.

„Wonach sahen • Sie in der unfreundlichen, stürmischen Nacht, Nelly?" fragte er, „oder waren Sie nur in Gedanken versunken?"

Nelly's heiteres Gesicht umwölkte sich ein wenig, als sie antwortete:

„Ja, Guido, ich hing meinen Gedanken nach; ich dachte daran,, daß es Zeit ist, daß Sie uns verlaßen. Sie sind gesund und müssen endlich heim zu Ihrem Vater gehen."

L "Ich habe über denselben Gegenstand nachge­dacht, Nelly." erwiderte Guido ernst, „ich bin boll- ftänbig gesund, wie Sie fagen. Morgen ist Weih, nachtsabend. An diesem Abend pflegten große Festlichkeiten in meiner Kindheit zu Harrington Hall stattzufinden. Es ist mir nun in den Sinn gekommen, am Weihnachtsmorgen in meiner Hei­mat anzukommen. Welch eine Üeberraschung wird

, Wir haben dem sogenannten Fall Schücking bisher ein besonderes Gewicht nicht beigelegsi da dies weder der Bedeutung der erwähnten Persönlichkeit, noch der Sache selbst entsprochen hätte, deren bÄherigr dienst­liche Behandlung, nach allem, was davon in der Oeffenb lichkeit verlautete, völlig korrekt erschien.

Befremdlich würde eS aber berühren, wenn die kürzlich erwähnte Beurlaubung deS zuständigen Regierungspräsidenten, wie man hier und da munkelt, in irgend welchen ursächlichen Zusammen­hang mit dieser sogenannten Affäre gebracht und etwa aus politisch e Motive welch, außerhalb der Sache selbst lägen, ,»rückgeführt werden könnte. Es würde die? eine peinliche und in den Annalen der preußischen Verwaltung immerhin so seltene Erscheinung sein; daß der Sachverhalt seinerzeit zur völlig authen­tischen Klärung gebracht werden müßte.

Wir beschränken uns einstweilen auf diese Be­merkung, um die Situation nicht unsererseits solang« wir nicht völlig klar sehen, zu verschärfen, zweifeln aber nicht, daß unsere parlamentarischen Vertreter seinerzeit nicht säumen werden, Licht in die Sache zu bringen."

Ein Warnungssignal für die Regierung, das nicht zu übersehen ist. Es besagt nichts anderes als: Bis hierher und nicht weiter! Die ,Kreuz- geitung' wird noch deutlicher; sie spricht von einer „berechtigten Verstimmung" der Konservativen und droht mit Gegenmaßnahmen.

Es sei, sagt ste, em ganz ungewöhnlicher Fall, daß man einen Beamten derart bloßstelle. Wenn zudem der Liberalismus der Regierung noch Vorwürfe mache, daß sie ihm den ihm zukommenden Einfluß nicht ge­währe, so möchte das Blatt endlich einmal die Grenzen kennen, bis zu denen sich dieser Einfluß erstrecken soll. Man fei es von dem Liberalismus gewohnt, daß er desto lauter und beharrlicher fordere, auf das Staats­leben Einfluß auszuüben, je geringer seine Fähigkeit sei, diesen Einfluß aus eigener Kraft geltend zu machen. Gegenwärtig allerdings habe der Liberalismus im „Block" eine so günstige Gelegenheit, zu Einfluß zu gelangen, wie ste ihm kaum jemals geboten war noch je wieder geboten werde. Und er habe auch wahrlich alle Ursache, mit dem bisher Erreichten zu­frieden zu sein. Aber der Appetit der Linken sei groß. Sie möchten jede einzelne Leistung doppelt und dreifach belohnt sehen. Das sei aber ein Ver­langen, das Unmögliches fordere. Wenn bei dem ge­ringsten Anlasse mit dem Sprengen des Blocks gedroht werde, dann müsse die Regierung und müssen die übrigen Mehrheitsparteien endlich der Sache müde werden und zu dec Ueberzeugung gelangen, daß ein solcher Block, dessen Bestand von der Stimmung dieser oder jener kleinen Gruppe abhängig ist, über­haupt nichts lauge.

Fürst Bülow wird hieraus ersehen, daß es doch nicht fo leicht ist, konservativ-liberale Block­politik zu treiben. Der weiteren Entwicklung der Ding« sehen wir mit Interesse entgegen.

= Der Papst straft den Abq. Marx Lügen, so meint die ,Rhein. Wests, ^tg/ und erzählt:

„Just zur rechten Zeit wird ein Wort von Papst Pins X. bekannt, das die Jeremiaden des Oberlandes­gerichtsrates Marx auf dem Düsseldorfer Katholcken- iag über die unbillige und würdelose Behandlung des katholischen Volksteils schlechthin Lügen straft. Wie dem ultramontanen Kasseler Tageblatt' nämlich aus Rom geschrieben wird, hat der Papst am 3. August dieses Jahre- den Leipzigeu Studienreise- Klub in Audienz empfangen und dabei eine Ansprache gehalten, die nach dem Bericht des genannten Blattes folgendermaßen lautet:

„Sie sind nach Rom gekommen, um hier die alten Bauwerke und die großen Kunstschätze in Augenschein zu nehmen. Ich will wünschen und hoffen, daß «sie alle einen tiefen, bleibenden Eindruck mit nach Hause nehmen werden. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, segne Sie und Ihre ganze Familie und gedenke gleich­zeitig Sr. Majestät des Deutschen Kaisers, der den Katholiken in Deutschland so große Freiheiten gewährt hat." Das ist die Be­stätigung des bekannten Wories von Leo XIII. an den General Loe. Auch die „Ausschaltung des Zentums" har Papst Pius nicht gehindert, den deutschen Re­

gierungen Gerechtigkeit zuteil werden zu laflen, trotz­dem Herr Marr im Tone des BolkStribunen nach maß­loser Kritik erklärte: So geht eS nicht weiter! Wer muß eS denn nun aber bester misten, wie eS um die Lage der katholischen Kirche in Deutschland bestellt sei: ein ZentrumSlaie oder die höchste kirchliche Autorität die der Katholizismus hat?"

In der Redaktion deS,Kaffeler Tageblattes' wird man diese AuSlasiung mit einigem Ent- setzen gelesen haben. Für ein parteiloses Blatt ist eS sicher nicht daS wonnigste der Gefühle, sich so verkannt zu sehen und meuchlings als ein — „ultramontanes" Organ verschrien zu werden. WaS die Mitteilung des Kasseler Blattes selbst anlangt, so kann man in den Wortlaut der an­geblichen päpstlichen Ansprache begründete Zweifel fetzen. Kaiser Wilhelm II. hat den Katholiken in Deutschland überhaupt keine neuen kirchlichen Freiheiten gewährt, denn die letzte Revision der kirchenpolitischen Gesetzgebung datiert vom Jahre 1887, dem letzten Negierungsjahre Kaiser Wilhelms I. Unter der Regierung des jetzigen Kaisers sind lediglich die damals gegebenen dis­kretionären Vollmachten nicht zum Nachteil der Katholiken angewandt worden. Die Reste der Kulturkam'pfsgesetzgebung sind dagegen unberührt geblieben. Einzig der § 2 de- Jesuitengesetzes wurde nach langem, langem Sträuben aufgehoben und dadurch mit einem unhaltbaren Skandal aufgeräumt. Und diesetz eine unabweisbare Aft der Gerechtigkeit war trotzdem die Grundursache für die Katastrophe am 13. Dezember 1906. Da« ist in Rom hin« länglich bekannt. Schließlich weiß derjenige am besten, wo der Schuh drückt, der ihn selbst trügt und das sind in diesem Falle die deutschen Ka­tholiken, in bereit Namen Herr Abg. Marx bU Beschwerden vorgetragen hat. Der stürmische Beifall, den er mit seinen Ausführungen fand, ist jedenfalls der beste Beweis dafür, wie sehr er damit dem katholischen Volke au8 der Seel- gesprochen hat. _. _ _____________ ....

(*) Die Hochseeflotte ist am Donnerstag zuh Herbstübung in der Ostsee ausgelaufen.

— lieber kaiserliche Reisepläne hatte neu« sich ein politischer Berichterstatter eines liberales westfälischen Blattes die buntesten Geschichtet erzählt. Danach sollte in Cronberg vereinbart worden sein, daß der Kaiser im kommendes Winter wiederum die Insel Wight besuchen werde; schon im Mai seien Hofbeamte zur Vor­bereitung dieser Reise in England gewesen, Diese Meldung wird nunmehr amtlich atf „dreiste Erfindung" bezeichnet.

* lieber die Ausgestaltring der GaS- und Elek- trizitätssteuer macht die „Kommunale Rundschau" Mitteilungen, die sicherlich nicht aus dem hohlen Faß geschöpft sind, sondern ihren Ursprung im Reichsschatzamt haben. Der Oberbürgermeister Reichstagsabgeordneter Cuno hatte in der Stadt­verordnetenversammlung zu Hagen von einem ge­planten Einheitssatz von 2 für die Kilowatt­stunde und damit von einer Verteuerung des Strompreises von 25 bis 40 Prozent gesprochen. Demgegenüber deutet die genannte Zeitschrift an, daß eine Abstufung zwischen Lichtsteuer und Kraftsteuer eintreten solle. Jene soll ihrerseit- höher, diese niedriger ausgestaltet werden. Jene soll ihrerseits aber auch noch „gerecht" abgestuft werden, je nach den einzelnen Arten des Lichtver- brauchs, ob Luxus- oder Straßenbeleuchtung, ob Beleuchtung von gewerblichen oder kleingewerb­lichen Anlagen. Bei der Steuer auf die Kraft aber soll „höchstens" ein Satz von fünf Zehntel bis sechs Zehntel Pfennig geplant sein. Wie diese

Herr v. Mayr rechnet nun eine halbe Milliarde als Bedarf heraus. Er will nicht bloß das be­stehende und kommende Defizit decken, sondern auch eine kräftige Schuld entilgung ein­führen und zugleich das weitere Schuldenmachen auf rentierende Unternehmungen einschränken. Leicht beieinander lassen sich diese Forderungen zu Papier bringen; aber hart im Raume stoßen die Interessen aufeinander, wenn man die halbe Milliarde neuer Einnahmen aufbringen will. Mit der allgemeinen Anpreisung der Vor­züge der indirekten Besteuerung ist es nicht ge­tan. Jede einzelne neue Steuer, fei es eine in­direkte oder direkte, muß geprüft werden auf ihre wirtschaftlichen, ihre sozialen und politischen Folgen. Aus der Pflicht, für die deutsche Wehrkraft zu sorgen, kann man doch nicht die Verpflichtung ableiten, allen kommenden Steuerplänen mit Hurrah zuzustimmen. Zur Sicherung der deutschen Wehrkraft gehört nicht nur das bare Geld, das jedes Jahr einkommt, fonbern auch ein gesundes wirtschaftliches Leben, das die Quelle 6er Reichseinnahmen leistungsfähig erhält, sowie soziale Ord­nung und politische Festigkeit. Man darf bei der Jagd nach den goldenen Eiern das Huhn nicht verletzen, das sie legt, und man soll auch die idealen Güter nicht gefährden, welche die Kraft eines Volkes bedingen. Steuern müs-

derartige Verminderung des VerantwortlichkeitS- aesühlS eintritt, dann ist es aber doch die höchste Zeit, daß beispielsweise auch die Pensionen der Beamten, und Offizterswitwen abgeschafft werden. Oder wird daS Verantwortlichkeitsgefühl nur bei den Arbestern, nicht auch bei' den Beamten re. vermindert. Wir erwarten also, daß das Ham­burger Blatt sich energisch für die Abschaffung der Beamtenpension inS Zeug legt.

Die Witwen- und Waisen» Versicherung

muß bekanntlich nach dem Zolltarifgesetz am 1. Januar 1910 in Kraft treten. ES ist nur verständig, wenn die Regierung heute schon die Vorarbeiten hierfür trifft; sie tut eS auch, und hat kürzlich durch die ,Berl. Pol. Nachr/ ver­breiten lasten, daß nach dem Stande der Vor­arbeiten kein Zweifel vorliege, daß die Versiche­rung noch vor dem angegebenen Termin in Kraft treten könne.

Diese Mitteilung hat in gewiffen Kreisen helle Entrüstung hervorgerufen. WaS! Jetzt eine neue Versicherung, die hunderttausende kostet, während man nicht weiß, wie dem ReichsdalleS beizukommen ist? Am zornigsten ist die .Deutsche Tagesztg.', das Organ deS Bunde- der Land­wirte. Es schreibt:

„Diese Nachricht scheint in ihrer Ungeheuer­lichkeit seitens der Preffe noch nicht hinreichend ge­würdigt zu sein oder man hat sich vom maßlosen Er­staunen über den darin sich ankündigenden Mut noch nicht erholt; jedenfalls ist der größere Teil der Preffe einstweilen noch sprachlos gegenüber der Zumutung, gerade jetzt wieder für die Jndustriearbeiterschaft dem Reiche einige Hundert Millionen zu entziehen, ehe man auch nur über die Grundzüge der Finanzreform nähere Mitteilungen geben kann, geschwerge denn die Riesen­arbeit, von der Gedeihen und Verderb unserer inneren und äußeren Polittk abhängt, bewältigt ist. An den Mittelstand hat man z. B. bei der Prwatbeamtenver- Eerung in gleicher Lage leider wieder nicht gedacht, n diese muß sich ohne Reichszuschuß behelfen, ob­gleich die Lage mancher Arbeiter sicherlich bester ge­festigt als die mancher Privatbeamten ist."

Ganz selbstverständlich müssen wir sparsam sein. Aber wer hat denn die jetzige Notlage verschuldet? Doch nur der Block. Um diese politische Mißgebutt zu halten, hat man ent­gegen den Interessen deS Reiches im vorigen Jahre von einer Reichsfinanzreform abgesehen und die Reichsschulden inS Ungeheuere anwachsen lasten. Wenn die Reichsfinanzreform eine halbe Milliarde jährlich mehr an Reichseinnahmen bringen muß, dann läßt sich leicht einsehen, daß in diesem um deS Blockes willen versäumten Jahre die Reichsschulden um diesen Bewag weiter gewachsen sind und daß damit daS Defizit für die kommenden Jahre um einen entsprechenden Betrag ansteigen muß. Die Witwen- und Waisen­versicherung ist eine längst beschlossene Sache, es war schon lange bekannt, daß für diese Ver- sicherung etwas geschehen mußte. Man hatte Zeit genug, sich einzurichten. Jetzt darf man nicht mehr kommen und Flausen machen wollen.

Das bekannte Bismarckblatt, die,Hamburger Nachrichtens appelliert in seiner Abneigung gegen die Versicherung an das Portemonnaie der Ar­beitgeber. Es „vermutet, daß man auch bei der Durchführung der Arbeiter-Witwen- und Waisen- versicherung von ReichSzuschüsten absehe und die Lasten, die ans der lex Trim dorn sich ergeben, den Arbeitgebern aufhalsen werde". Und dann spricht das' für die Arbeiter fo herzlich besorgte Blatt die Befürchtung aus, daß durch die Aus­übung des Versicherungszwanges .... die so- ziale Fürsorge ihren erziehlichen Einfluß auf die Maste einbüße, da die Masten „doch daran ge­wöhnt bleiben wüsten, für die Zukunft Sorge zu tragen", daß „auch dem Arbeiterstande das Be­wußtsein seiner Verantwortlichkeit in der Für­sorge für seine Familie anerzogen werden wüste". Wenn das Blatt recht hat, wenn wirklich durch die Arbeiterversicherung bei den Arbeitern eine

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