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»otationrbruckunb vettagberFulbatrAi. tttnbrucktrti in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

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Fulda, Donnerstag den 27. Auaust 1908.

35. Jahrqansi.

scheu seien mehr als freundlich zu ihm ge» wesen, und er sei überzeugt, daß tatsächlich alle ohne Ausnahme von dem Wunsche durchdrungen seien, in freundschaftlichen Beziehungen mit England zu leben. Er werde nie die Freund­lichkeit und Gastlichkeit der Deutschen, die ihm während seines Besucher zuteil geworden, vev- gessen.

(*) Zum Fall Schücking. Auf Seiten der Parteigänger Schückings macht man gegenwärtig viel Aufhebens von der Beschlagnahme von Privatbriefen Schückings durch den die Unter­suchung führenden Oberregierungsrat Dünkelberg. Schücking hat dagegen sofort alle offenstehenden Rechtswege eingeschlagen. Es ist nicht zu er­warten, daß die Situation der Regierung aus diese Weise gebessert würde. — Neulich war ge< »neidet worden, der als freisinniger Parteigänger bekannte Lehrer v. Rautenkranz-Niebühl sei vor ein Disziplinarverfahren gestellt worden. Das wird jetzt offiziös bestritten; er sei lediglich auf Antrag des Herrn Schücking als Zeuge vernorn- men worden.

— Im Kampf gegen das SubmissionS« wesen tauchen fortgesetzt neue Gedanken auf. So hat soeben der Solinger JnnungSauS« schuß an die Stadtverwaltung einen Vorschlag gerichtet, wonach die städtischen Arbeiten aus Grund der Submissionsofferten in der Weiss vergeben werden sollen, daß über die zu ver­gebende Arbeit ein von der städtischen Bau« kommission und Sachverständigen der in Betracht kommenden Handwerksgruppen zu bearbeitend^ Kostenanschlag ausgestellt wird, worauf derjenige Submittent den Auftrag erhält, der diesem, Kostenanschlag am nächsten kommt. Voraussetzung ist dabei natürlich, daß die betreffenden Sachver­ständigen selbst nicht an der Submission beteiligt sind, desgleicyen nicht, was leider nach vielfachen Wahrnehmungen der letzten Jahre nicht außer­halb des Bereiches der Befürchtungen liegt, nicht indirekt durch gute Freunde daran beteiligt sind.

0 Ein Lob des Zentrums im .Vorwärts^. Das sozialdemokratische Zentral-Organ. (Nr. 197 vom 23. August 1908) schreibt in einer Besprechung der Tätigkeit der bayerischen sozialdemokratische» Landtags-Fraktion:

.Die Herrschaft des Zentrum» in der Kammer utdf sein dominierender Einfluß auf die Regierung, die für Schul- und ähnliche Kulturaufgaben sehr bedenklich sind, befördern doch im gewiffen Maße die Tätigkeit des Staates für die Arbeiterschaft und die Staats­an gestellten; das herrschende Zentrum muß wenig­stens einen Teil der sozialdeinokratischen Forderungen ersüllen, um nicht seinen Arbeiter- und Beamtenanhang ganz zu verlieren. Diese Situation haben unsere ®e« nossen geschickt ausgenutzt"

Mit diesem Zugeständnisse find wir schon zu-' frieden, wenn der Nachsatz auch falsch ist. Daß Zentrum hat aus eigenem Antriebe für die Ar­beiter und Beamten sich ins Zeug gelegt.

* Ein Krach im westfälischen Block. 93d den letzten Landtagswahlen fanden sich in West­falen zwei alte Gegner wieder einmal zusammen t Nationalliberalismus und Freisinn, Der Freisinn half den Nationalliberalen wacker, aber seine Hilfe konnte nicht verhindern, daß di» Kreise Bochum-Stadt und Dortmund-Land dem Zentrum zufielen. In Hamm half der Freisinn ebenfalls den Nationalliberalen und indirekt sogar den Konservativen hier mit Erfolg, den» Schulze-Pelkum (kons.) und Dr. Fromm (natl.) wurden gewählt. Der Freisinn handelte dabei

Zehn Jahre Friedensarbeit.

Ain 24. August 1898 hat der Zar seinen ersten Friedensaufruf erlasfen und fein Mimster- präsident lud die Mächte zu einer Friedens- Konferenz ein, am 28. August 1898 veröffenß lichte der Petersburger „Regierungsbote" di« Mitteilung davon. Es sind also in diesen Tagen 10 Jahre verflossen, feit der Gedanke des fried­lichen Austrags internationaler Schwierigkeiten von einem Mächtigen dieser Erde feierlich ausge­sprochen wurde. .

Man erinnert sich noch, tote groß das Erstau­nen war über die Kundgebung des Zaren, die dem in Rüstungen starrenden Europa etn Mär­chen, ein Klang aits einer ungekannten besseren Welt deuchte, und wie nach der ersten lieber- raschung die Zweifelsucht und ein deutlich ausge­sprochenes Mißtrauen sich breit machte. Man war gar rasch mit dem Vorwurf der Utopie zur Hand und hielt schließlich das Ganze für einen Bluff, durch den sich das mit Finanzschwierigkei- ten kämpfende Rußland seine Machtstellung in Europa zu erhalten suchte. Als dann gar Ruß- kmd die erste Macht war, die nach diesem Aufruf in einen Krieg verwickelt wurde, da konnten sich die Spötter nicht genug tun und lärmten iiber diese Phantasie. Aber Rußland liefe sich nicht ab­schrecken; es veröffentlichte acht Jahre später einen zweiten Aufruf, der zu der Haager Konfe­renz von 1907 führte. Mag man sagen, was man will: der Friedensgedanke mar­schiert, auch wenn die Völker immer weiter rüsten.

Die beiden Haager Konferenzen arbeiteten nicht erfolglos. Gewiß ist auf dem Gebiete der Beschränkung der militärischen Rüstungen vorerst noch nichts erreicht; aber das kann die erfreu­lichen Nebenerfolge, nicht herabsetzen. Dafe im Haag ein ständiges internationales Schiedsgericht geschaffen wurde, das bereits wiederholt funktio­nierte, und daß im Anschluß an diese Institution 60 ständige Schiedsverträge abgeschlossen wur­den, daß man ein erstes internationales Gericht, vorläufig noch für Streitigkeiten aus dem Kriege, im Haag zu bilden begriffen ist, daß man das Institut der internationalen Untersuchungskom- miffion geschaffen, das bereits einen Krieg ver­hindert hat- daß man dem Kriege durch Entwick­lung der „Vermittelung" und „guten Dienste" und durch internationale Anerkennung gewisser Grundsätze usw. einige Riegel vorgeschoben hat, dafe man einen grofeen Teil des internationalen Rechts, das bisher nur auf Gewohnheit beruhte, gesetzlich festlegte, und so den Geist der Solidari­tät und der Zusammengehörigkeit gestärkt hat, sollte doch nicht gering angeschlageit werden. All dies hat sich mehr oder weniger an den Friedens- erlafe des Kaisers von Rußland angeschlossett und wenn er jetzt einen Rückblick hält, kann er zufrie­den sein. Große weltbewegende Ideen haben nie über Nacht Erfolge errungen; es gehört zähe Arbeit hierzu. Diese sogenannten Nebenerfolge sind aber auch nicht gering anzusehen; sie ebnen die Bahn für größere Dinge.

Wir haben schon zugegeben, eine Verminde­rung der Rüstungen ist seit 1898 nicht eingetre- ten, ja die Lasten haben sich noch um 30 Prozent und mehr gesteigert. Was der Zar vor zehn Jah­ren sagte, trifft noch immer zu: dafe die Staa­ten fortfahren, ihre Militärmacht zu verstärken, „ohne vor irgend einem Opfer zurückzuschrecken", es ist noch immer wahr, daß „die finanziellen Lasten eine steigende Richtung verfolgen und die Volkswohlfahrt an ihrer Wurzel treffen", und daß „so die geizigen und physischen Kräfte der Völker die Arbeit und das Kapital zum grofeen Teile von ihrer natürlichen Bestimrnung abge­lenkt und in unproduktiver Weise aufgezehrt" werden. In viel höherem Maße als damals trifft

es heute zu. daß „Hunderte von Millionen aufge­wendet" werden, „um furchtbare Zerstörungsma­schinen zu begaffen", und noch immer stimmt es, dafe durch die fortwährend steigenden Rüstungen „die nationale Kultur, der wirtschaftliche Fort­schritt, die Erzeugung von Werten sich in ihrer Entwicklung gelähmt und irregeführt" fehen. Dies alles zugegeben, sagen wir doch, daß auch hier nicht vergebens gearbeitet ttnrrbe. Die Re­gierungen sahen sich auf der ersten Haager Kon­ferenz veranlaßt, in einer einmütig angenomme­nen Erklärung „die Beschränkung der zurzeit die ganze Menschheit bedrückenden Lasten für die Förderung des materiellen Wohles der Mensch­heit" als „höchst wünschenswert" zu erklären und 1907 im Haag abermals auf diese Erklärung nach­drücklich hinzuweisen. Das sind freilich bisher nur „Worte", aber sie sind der Ausdruck dessen, dafe die Frage der Eindämmung ber Rüstungen debattiert wird, und das ist schon ein Erfolg. D ie Völker nehmen es heute nicht mehr als selbstver­ständlich hin, dafe die teure Rüstung getragen werden mufe, man fragt nach den Ursachen dieser Last und bespricht ihre Erleichterung.

Wir haben also Grund, des Jubiläums zu ge­ben Fen, nicht in überspannter Hoffnung für die Zukunft, sondern im angenehmen Rückblick auf die Vergangenheit. Wir wollen zugeben, daß es schwerlich gelingen dürfte, die Kriege aus der Geschichte der Menschheit ganz auszurotten, aber wir wollen uns freuen- wenn nur ihre Zahl ver­mindert wird und die Kriegslasten verringert werden.

Deutsches Reich.

Das Steuerbukett.

Auf Grund bester Informationen können wir mitteilen, daß die Regierung dem Reichstag fol­gende Steuern unterbreiten wird:

1. Erhöhung der Bier st euer;

2. Einführung derZigarpenbanderolen- steuer;

3. Grundlegende Aenderung der Vrannt- weinst euer;

4. Gas- und Elektrizitätssteuer;

5. Weinsteuer;

6. Ausdehnung Der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten.

Sollte eine dieser Steuern im Reichstage ab­gelehnt werden, so hat die Regierung Ersatz­steuern auf Lager; zu diesen gehört in erster Linie die Jnseratensteuer und die,Divi­denden st euer. Von anderen Steuern zu reden, ist eine Irreführung des Publikums; gewiß ist eS nicht ausgeschlossen, daß im Reichs­schatzamte auch andere Steuern besprochen und bearbeitet werden, aber vorerst kommen „nur" die genannten in betracht.

In Sachen der Biersteuer finden derzeit wieder Erhebungen statt über die Bierpreise in den Schankstätten und den Rohnutzen, die die Verkäufer erzielen. Es sollen die Schankfiatten in drei Gattungen unterschieden werden und zwar solche, in denen die oberen Gesellschafts­klassen verkehren, ferner solche, tvo die Bürger­und Geschäftsleute vorwiegend sich aufhalten, und drittens solche, die sür Handwerker, Arbeiter und die unteren Bevölkerungsklasien bestimmt find. Es waren bereits vor zwei Jahren ähn­liche Ermittelungen angeordnet und von den Reichsbeoollmächtigten für Zölle und Steuern ausgeführt worden. Diese hatten jedoch das Ergebnis, daß der Rohnutzen der Verkäufer viel­

fach-ungemein hoch genannt werden konnte, be- sonders im Hinblick auf die weit niedrigeren Verkaufspreise in Bayern trotz der bedeutend höheren Steuer. Es wurden daher im Reichs­tage von einigen Abgeordneten Zweifel über die Richtigkeit der Ermittelungen erhoben, und die Folge davon war, daß sie jetzt in noch größerem Umfange allgemein durch die Organe der Zen- tralverwaltung angeordnet wurden. Diese Er­mittelungen find bis zum Schluffe des Monats August dem Reichskanzler (Reichsschatzamt) ein- zureichen.

n Steuern, die ihnen nicht paffen, lasten sich die Leute vom Bunde der Landwirte unter keinen Umständen gefallen; lieber pfeifen sie auf den B! ock. So geht jetzt mit aller Schärfe das Tagesorgan des Bundes der Landwirte gegen die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten an. Ihr Chefredakteur schreibt da in dem ihm eigenen Kommandostil:

„Wir halten es sür unsere unabweisbare Pflicht, immer und immer wieder hervorzubeben, daß die Aus­dehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten besonders in den bäuerlichen Kreisen auf den stärksten Widerstand stoßen und geradezu Entrüstung Hervor­rufen roll' be. In manchen Zuschriften werden wir gebeten, keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne in der Angelegenheir das Wort zu ergreifen. In anderen wird die BeranNaltung von Protestversammlungen an­geregt. Wir halten das vorläufig nicht für nötig, weil wir immer noch die Hoffnung hegen, daß man von diesem höchst unglücklichen und höchst bedenklichen Steuerplane Abstand nehme. . . . Wenn man sagt, daß die Reichsfinanzrcsoi m ein Kompromiß sei, bei dem auch die Agrarier Zugeständnisse machen müßten, so ist das bis zu einem gewiffen Grade richtig. Die Agrarier dürsten auch bereit sein, auf manchem anderen Gebiete Zugeständnisse zu machen, soweit sie möglich und nötig sind. Aber was die Ausdehnung der Erb- schastssteuer anlangt, so muß es hier heißen: Die Hand weg! Hier sind Zugeständnisse unmög- nch, weil es sich, wie wir oft darlegten, nicht um Zweckmäßigkeitsfragen, sondern um Grundsätze handelt."

Wenn die Konservativen nicht nachgeben, wird wohl der brave Freisinn mal wieder umknicken müssen und er wirds auch tun.

* Bon dem Studium der Verwaltung durch den Kronprinzen kann die ,Tägl. Rundschau' allerlei mitteilen. Sie schildert lang und breit, wie der Kronprinz die verwaltungstechnischen Ar­beiten, mit denen er sich seit dem vergangenen Jahre beschäftigt, so überaus ernst und fleißig erledigt. Ein langes Aktenstück über die Frage der Berwaltungs - Reform soll er besonders ge- wiffenhast durchgearbeitet und mit Randnotizen versehen haben. Leider erfahren wir herzlich wenig davon, welche neuen verwaltungstechnischen Gedanken dabei zutage gekommen sind. sJlur zwei Bemerkungen werden mitgeteilt: „Der Landrat darf nicht noch mehr, als schon bisher, an den grünen Tisch festgenagelt werden." „Fort mit all' den, überflüssigen Aklenkram!" Selbst die .Deutsche Tagetzlg/ findet, daß diese Gedanken nicht gerade neu seien, immerhin aber sei es, fügt sie hinzu, erfreulich, daß die Regierung sie so scharf ausgesprochen habe. Die Hauptsache ist aber doch wohl, wie sie zu verwirklichen waren.

* Vom Taler. Die Ausgabe der neuen Dreimarkstücke ist demnächst zu erwarten. Von der neuen Münze sind 15 Millionen Mark in Prägung gegeben, also 5 Millionen Dreimark­stücke.

* Lloyd Georges Eindrücke in Deutschland. Wie die Daily Mail von einem Korrespondenten anS Bremen erfährt, erklärte der englische Schatz­kanzler Lloyd George ihm gegenüber, die Deut-

Der falsche Erbe.

Ronran von 6b. Wagner.

89] (Nachdruck verboten).

«Ich hätte den Italiener festhalten sollen," dachte er. „und ich würbe es auch getan haben, hätte ich nicht ans Furcht vor bet eigenen Schande davon absehen müssen; denn es hätte bann nicht verschwiegen bleiben können, baß Guido der Dieb des Geldes war. Was mag et Guido zu schreit«» haben?"

Er wurde in seinen Betrachtungen unterbro­chen durch den alten Kemp, welcher einen soeben von der Post abgeholten Briefbeutel brachte und seinem Herrn überreichte.

Froh, auf andere Gedanken gebracht zu wer­den, nahm Sir Harry einen Schlüffe! aus der Westentasche und schloß die Mappe auf. Sie ent­hielt einige Zeitungen, die der Baronet bei Seite legte, und einige Briefe. Der erste derselben, der ihm in die Hand kam, war an Ella, er legte ihn bei Sette und öffnete bann seine eigenen Briefe, welche alle geschäftlicher Natur waren. Der letzte war ein kleines schmutziges Briefchen — ober ein zusammengefaltetes Stück Papier mit der Adreffe: „An den jungen Sir Harring­ton." Er riß den Brief auf und las:

„Neapel, den 7. Dez.

An den jungen Sir Harrington. — Ich habe schlechte Nachrichten. Sie werden gewiß nicht erwarten, daß ich schon jetzt an Sie schreibe und werden somtt auch nicht nach dem Briefe fragen. I» acht Tagen könnte aber alles verloren fein, weshalb ich Ihre richtige Adresse gebrauche. Die Stäuberbaube des roten Carveüi ist aufgehoben; sie ist in ihrer Höhle überfallen, und was nicht niedergemacht wurde, ist gefangen genommen worden. Das Schlimmste aber für Sie und mich ist, daß er frei ist. Die junge Engländerin ist seine Beschützerin. Sie kommen nach England. .Seien Sie also auf Ihrer Hut. Ich will unter

dem falschen Namen noch heute einen Brief ab­schicken und darin Ihnen meinen Plan mitteilen, wie wir ihn uns für immer aus dem Wege schaffen können. Empfangen Sie, Mylord, die Versiche­rung der größten Ehrerbietung Ihres untertänig­sten Dieners,

Jacapo Palestro."

Sir Harry las ben Brief toi eher unb wieder, betrachtete die Freimarke, den Poststempel und die Handschrift. Er war nicht im geringsten Zwei­fel, daß der Brief für seinen Sohn bestimmt war und nur für diesen allein. Aber es tat ihm nicht leib, daß er ihn erbrochen und gelesen hatte. Im Gegenteil, er pries ben Zufall, baß ber Brief in feine Hande gekommen war, denn dieser konnte der Schlüssel zu Guidos Geheimnis fein.

Er sann und sann, alle möglichen Vergehen und Verbrechen tauchten in seinem Gehirn auf, nur nicht das wirkliche — nicht die Wahrheit, die er eben für unmöglich gehalten haben würde.

»Daß mein Sohn etwas getan hat. wofür er daS Schweigen Palestros erlaufen mufete, ist mir flar," dachte er; aber was haben die Räuber mit meinem Sohne zu tun? Und wer ist dieser „Er", welcher befreit worden ist ? Warum bringt sein Kommen nach England Guido Gefahr? Ob er ein Beteiligter an dem Verbrechen Guido's ist? Sollte mein Sohn schon einmal im Auslände ver­heiratet gewesen sein?"

Er konnte das ruhige Sitzen nicht länger er­tragen, stand auf und klingelte dem Diener, dem er ben Brief für Ella gab, bann schritt er im Zim­mer auf und ab, liefe sich aber bald wieder auf seinen Platz nieder und fuhr in seinen Betrachtun­gen fort:

„Wie ist es möglich, dafe ein Mensch sich so verändern und verstellen kann, wie es Guido ge­tan? Wie paffen feine wahren Gesinnungen, die nun zu Tage treten, zu jenen, die er uns in feinen Briefen vorspiegelte? Es kommen vielleicht noch mehr Schlechtigkeiten an ben Tag; unb diesem Menschen — mein Sohu soll er sein — soll ich meine kleine unschuldige Ella als Fra» geben!

Ich mufe die .Heirat zu hintertreiben suchen, aber tote soll ich es beginnen?"

Er stützte den Kopf auf die Hand und fafe lange Zett regungslos da. Die kleine Uhr auf dem Kaminsims kündete die zehnte Stunde an Sir Harry erhob sich schwer unb blickte verwundert um sich.

„Ich muß zu ihnen gehen," sagte er tonlos. „Sie werden sich wundern über meine lange Ab­wesenheit. Sobald ich Gelegenhett habe, will ich mit Guido sprechen."

Er steckte den Bries in die Tasche und verließ das Zimmer.

Als er ins Familienzimmer trat, bot sich ihm ein Anblick dar, so lieblich, so heiter, daß sein Herz davon ergriffen fein würde, wäre es nicht gar zu sehr von ben Ereignissen ber letzten Tage hart vertounbet gewesen.

Aus einem Soha saßen Ella unb Branber »nebenetnanber, in unschuldiger Weise scherzend, so heiter, so lebhaft, als wäre nie etwas zwischen ihnen borgefallen.

Bei ihres Vormundes Einttitt blickte Ella auf. Sie errötete leicht, als sie ihm einen innigen Blick des Willkommens zuwarf. Es entging Sir Harry nicht, daß fein Erscheinen sie erfreute.

„Wa sind Sie den ganzen Abend gewesen, Sir Harry?" fragte Ella, indem sie Platz für ihn an ihrer Seite machte.

„Ihr habt mich alfo vermißt?" fragte ber Ba­ronet lächelnd.

»Gewiß haben wir Sie vermißt, Sir Harry," erwiderte das Mädchen lebhaft. „Ist es nicht fo. Guido?"

kann nicht sagen, daß ich meinen Vater bcrmtfet habe," antwortete Brander. „Wenn ich bei Dir bin, denke ich an niemand anders als an meine kleine, liebe Ella!"

Ella errötete, obwohl sie sich durch diese Schmeichelei nicht besonders angenehm berührt fühlte. Sir Harrys bleiches Gesicht wurde noch

bleicher und er wandte sich ab, ein plötzliches Sck)merz drang durch sein- Herz, während Bran­ders Lippen sich zu einem spöttischen Lächeln ver­zogen.

„Guido und ich haben über alte Zeiten gespro­chen," sagte Ella. „Das ist ein herrliches Thema für die langen Winterabende. Hältst Du ei wohl für möglich, Onkel, daß Guido die Zett ver­gessen konnte, als das schwarze Füllen zu JebyHall mit mir durchging und er mich mit Aufopferung seines eigenen Lebens rettete? Du wirst mei­nen," fügte sie heiter hinzu, „es ist Bescheidenheit, welches ihn zum Vergessen dieses Ereignisses ver­anlaßte?"

„Ich meine, dafe er es überhaupt nicht verges­sen konnte, da diese edle Tat ihn doch beinahe sein Leben kostete," entgegnete der Baronet ernst.

„Und besonders, da er die Narbe, die ihm der Unfall eintrug, lebenslänglich behalten wird," sagte Ella bewegt. Der Doktor sagte, dafe er an seinem Handgelenk infolge des Einschnittes, den er erhielt, als er von dem Füllen auf einen Stein­haufen geschleudert wurde, nachdem ich gerettet war, lebenslänglich eine Narbe behalten würde. O, Guido, wenn ich an jenen Unfall gedacht habe, bist Du mir immer größer erschienen, als irgend ein Ritter und Sagenheld der alten Zeit. Du bist mir das Bild eines Helden gewesen, — der edelste, erhabenste —

„Und wie tief bin ich nun in Deiner hohen Meinung gefallen!" murmelte Brander, scheinbar tief gebeugt.

Ella unterdrückte halb einen Seufzer, im nächsten Augenblick aber neigte sie sich in ihrer kindlichen, unschuldigen Weise über ihn und sprach bittend:

„Guido, laß mich die Narbe einmal sehen; es scheint mir fast, als ob es ein Siegel wäre, welches ich selbst Dir aufgedrückt habe. Der An­blick mag manchen Zweifel beseitigen."

(Fortsetzung folgt)