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Fulda, Mittwoch den 26. Au pust 1908.
M 195.
35. Jahrqansi.
Schreiben der Fuldaer Bischofs» konferenz an den hl. Bater.
Die in Fulda versammelten Bischöfe haben ein Schreiben an den hl. Vater gerichtet, das in der Uebersetzung aus dem Lateinischen lautet:
Die nach alter Gewohnheit zur alljährlichen Zusammenkunft in Fulva versammelten Bischöfe haben es immer als ihre Pflicht betrachtet, bevor sie ihre Beratungen begannen, an den gemeinsamen Vater aller Gläubigen einen kindlichen Gruß zu entsenden. Aber im laufenden Jahre liegt für uns noch ein ganz besonderer Grund und Anlaß vor, das Wort zu ergreifen, und da freuen wir uns gar sehr, daß die Zahl derjenigen, welche an dieser Huldigung teilnehmen, die übliche Zahl übersteigt, denn auS anderen Teilen Deutschlands und ferner aus dem Großherzogtum Luxemburg sind dieses Mal die Oberhirten hier zufammengeströmt, um zur Konferenz vereinigt, über die Angelegenheiten ihrer Diözesen gemeinsame Beratungen zu pflegen. Es ist also uns allen insgesamt, die wir hier vereinigt find, vergönnt, einmütig und einstimmig Dir zu Deinem Priesterjubiläum unsere herzlichsten Glück- und Segenswünsche auszusprechen.
Vor wenigen Monaten war es uns überaus angenehm. Dir unsere Gefühle der Dankbarkeit auszudrücken für den glühenden Eifer, für Deine Mühen und Deine Sorgfalt, womit Du ebenso klug wie mutig die verderblichen neuen Irrtümer bekämpft und zum Heil und Segen des gesamten Erdkreises und auch unserer Heimat für die katholische Wahrheit eingetreten bist und die Autorität des Lehramts und der kirchlichen Zucht geschützt hast. Jetzt aber bei der Feier Deines Jubiläums ist es uns angenehm und besondere Pflicht, daran zu erinnern, wie viele und große Dinge Du mit Hilfe 0er göttlichen Gnade von Beginn Deines Pontifikats bis zum heutigen Tage zur Ehre Gottes und zum Ruhme der Kirche geleistet hast, damit die heiligen Rechte den erforderlichen Schutz hätten, die Sitten verbesfert und die kirchliche Zucht wiederhergestellt würde. Alle diese Dinge sind wohl fähig und geeignet, die Liebe der Gutgesinnten und die Bewunderung aller zu erobern, uns aber veranlassen und drängen sie, Gott zu loben und seine Güte und Macht zu preisen, welcher Dir mit den Segnungen seiner Milde zuvorkam und Dein ganzes Leben mit so vielen und großen Geschenken seiner Gnade zierte und bereicherte.
ES tröstet und erquickt unser Gemüt, die bei unseren Herden erwachte wunderbare Begeisterung und den Eifer zu sehen, womit überall die Gläubigen eifrig wetteifern, sowohl in Kundgebungen gemeinsamer Freude, wie in Gebeten, sei eS öffentlichen, sei es privaten in den Häusern, die Feier Deines Jubiläums zu begehen. Entsprechend dem heiligeren Bande aber, durch welches wir mit Mr verbunden sind, der auf Erven die Gewalt des Hirten der Hirten ver- trttt, hören wir nicht auf, heißere Gebete für Dein Wohl und Deine Erhaltung auszuschütien. Besonders in diesen Tage», wo wir am hl. Grabe -es großen Apostels der Deutschen das göttliche Opfer darbringen, werden wir Deiner gedenken.
werden wir den Heiligen anrufen, damit er, der im Leben durch ein so enges Band an den Stuhl Petri gefesielt war, unter die Himmlischen ausgenommen, mit der mächtigen Hilfe seiner Fürbitte Pius, der. Nachfolger Petri, allezeit unterstütze und schütze. Mögen alle Bewohner des himmlischen Jerusalem unaufhörlich Gott den Allerhöchsten bitten und mit Hilfe ihrer Verdienste das erlangen, daß Deine Kräfte erhalten und vermehrt und in den vielfachen Widerwärtigkeiten Deine Brust gestärkt werde, um den Kampf des Herrn zu kämpsen. Mögest Du lange leben auf Erden zu unserer und aller Gläubigen Freude, zum Ruhme und Helle der ganzen Kirche.
Inzwischen bitten und flehen wir, hingestreckt zu Deinen Füßen, daß Du uns und den unserer Obsorge anvertrauten Heerden den Apostolischen Segen erteilen wollest.
Fulda, den 11. August 1908.
G. Kard. Kopp, Fürstbischof von Breslau. A. Kard. Fischer, Erzbischof von Köln, f Thomas, Erzbischof von Freiburg.
• • M. Felix, Bischof von Trier.
- Johann Joseph, Bischof von Luxemburg.
• ■ Hermann, Bischof von Münster.
Adolf, Bischof von Straßburg.
• • Dominicus, Ord. List. Bischof von Limburg.
• • Paul Wilhelm, Bischof von Rottenburg.
Augustin, Bischof von Culm.
Hubert, Bischof von Osnabrück.
t Wilhelm, Bischof von Paderborn. Willibrord, Bischof von Metz.
- Georg Heinrich, Bischof von Mainz.
Aloys, Bischof von Abila, Apostolischer Vikar im Königreich Sachsen.
t Adolf, Bischof von Hildesheim.
t Eduard, Bischof von AureliopoliS, Kapitu- larvikar von Posen, zugleich für den Kapitularvikar von Gnesen.
f Heinrich Voll mar, Feldpropst der preußischen Armee, Titularbischof von Pergamon.
t Joseph Damian, Bischof von Fulda.
f Franz Dittrich, Kapitularvikar von Ermland.
Deutsches Reich.
— Das Befinden des Kaisers ist am Dienstag in Berlin Gegenstand einer sehr lebhaften Börsenspekulation gewesen. Ein Berliner Blatt hatte die Meldung verbreitet, daß in Straßburg Gerüchte umgingen, wonach der Kaiser einen Unfall erlitten und sich om Bein verletzt habe und daher die Absicht habe, die Kaisermanöver aussallen zu lassen. Das Blatt behauptete rveiter, diese Annahme werde dadurch unterstützt, daß eine Musik - Kapelle, die für gestern abend nach Schloß Wilhelmshöhe befohlen war, wieder abbestellt wurde. Aus Straßburg kam aber im Lause des Tages der Bescheid, daß an den beunruhigenden Nachrichten kein wahres Wort ist. Sodann verbreitete das Wolff-Bureau folgende Meldung aus Wilhelmshöhe: „Der Kaiser 'unternahm gestern nachmittag einen Spaziergang und heute morgen einen Ausritt in den Habichtswald."
(*) Der Tod des deutschen Botschafters in den Bereinigten Staaten, Speck o. Sternburg, wird in seinem Wirkungskreise lebhaft betrauert. Präsident Roosevelt hat an den deutschen Ge- fchäststräger in Washington, Grafen v. Hatzfeldt-
Wildenburg, folgendes Beileidsschreiben gerichtet:
„Ich bin erschüttert und betrübt du-ch die Nachricht von dem Tode des deutschen Botschafters. Er war nicht nur mein intimer persönlicher Freund, und der aufrichtigste, zuverlässtgkte Mensch, den ich getroffen habe, sondern auch ein Diplomat von hervorragenden Fähigkeiten, der Deutschland mit glühendem Patriotismus diente, dabei aber Amerika ein so verständnisvolles Entgegenkommen bewies, daß es schwer fallen dürfte, den Wert dessen, was er zur Kräftigung und Ausgestaltung der Freundschaftsbande zwischen beiden Ländern geleistet hat, hoch genug einzuschätzen. Ich trauere um den Verlust um meiner selbst willen und bedauere ihn für das ainerikanische Volk.«
* Der Gesetzentwurf über die Einwirkung von Armenunterstützung auf öffentliche Rechte ist jetzt fertig ausgearbeitet und liegt dem preußi- schon Staatsministenum vor. Die Vorlage entspricht in ihren Grundzügen den Wünschen, die im Reichstag von verschiedenen Seiten geäußert wurden.
□ Deutschland und England. Bekanntlich hat der Schatzsekretär im englischen Kabinett, Lloyd George, kürzlich Deutschland besucht. Er hat soeben den deutschen Boden in Hamburg verlaffen. Zuvor brachte er am Dienstag morgen bei einem Frühstück bei der Seeberufs- Genossenschaft einen Trinkspruch aus, worin er sagte:
Sein letzter Besuch habe der Frage der Tieflade- Itnit gegolten. Das sei eine sehr komplizierte und schwierige Frage gewesen, und wenn die beiden Nationen zu Streit geneigt gewesen wären, so hätte es über diese Frage "sehr leickt zu Differenzen kommen können Aber statt besten sei ein Nebereinkommen erzielt worden. „Statt Kriegsschiffe abzusenden, um die eigene Meinung der anderen Parier mit 12 zölligen Kanonen vor Augen zu führen, haben wir den Hauptmann Cbalmers geschickt und Sie schickten Herrrr Krog- mann mit überzeugenden Argumenten statt mit 12 zölligen Nationen. Mit Hilfe des Taktes und der Geschick- irchkeit der Hamburger haben die beiden Herren die Angelegenbeil erledigt. Warum sollen wir nicht auch die Frage der Ladelinic der Nationen so erledigen, daß die Staatsfchiffe nicht durch die Last feindseliger Argumente zum Sinken gebracht werden könnend England und Deutschland sind aufeinander angewiesen und können sich gegenseitig helfen."
Der Staatssekretär schloß mit einem Hoch auf die dauernde Freundschaft zwischen beiden Ländern.
(.) Der Fall Schücking. Nachdem das Zeugniszwangsversahren gegen die .Frankfurter Zeitung' eingestellt und inzwischen auch die wegen der Zeugnisverweigerung vom Amtsgericht verhängte Geldstrafe vom Landgericht ausgehoben worden ist, hat der Regierungspräsident zu Schleswig bekanntlich „Urlaub" aus Gesundheitsrücksichten erhalten. Die .Köln. Zig/ redet den sreisinntgen Blockbrüdern zu, mit diesem Opfer sich zu begnügen und nun die Sache ruhen zu lassen. Die städtischen Beamten müßten zwar die Freiheit genießen, in politischen Dingen offen und mutig ihre Ansichten auszusprechen, aber sie hätten sich zweisellos ihren vorgesetzten staatlichen Behörden gegenüber eine gewisse Beschränkung im Ton auszuerlegen. Nach dieser Richtung hin habe Schücking mehrfach gefehlt. Es liege auch kein Grund vor, Schücking jetzt zu einer Art freiheitlichen Heros zu machen wegen einer Broschüre, die ohne das Eingreifen des Regierungspräsidenten sicherlich nicht so viel Aussehen gemacht hätte. — Die ,Franlf. Zig.' ist jedoch anscheinend gar nicht geneigt, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Sie benutzt den Fall Schücking, um dem Blockmeister Bülow
eine gehörige Standpauke zu halten über di« ganze innere und äußere Politik. „Die Regierung aus der Sommerfrische — so schreibt das Blatt — hat natürlich Mängel, aber zu einer derartigen Desorganisation wie gegenwärtig, braucht sie denn doch nicht zu führen. Kaum weiß man noch, wer Koch und wer Kellner ist, es geht drunter und drüber, schon stellt sich auch jenes unruhige und unbehagliche Gefühl ein, das unS vor einem unübersehbaren Wirrsal, vor einem Chaos zu ergreifen pflegt. Im achten Jahr« ist Bülow nun Kanzler und Ministerpräsident. Hat er es aber verstanden, der preußischen Verwaltung Geist von seinem Geist einzuhauchen? Die Verwaltung blieb ein Staat im Staat, sie steht im Gegensatz zur Bülow'schen Blockpolitik — ihr liegt nichts daran, dies« Politik zu sördrrn und es tut ihr nicht weh, den Weg des Kanzlers ein wenig mit Dornen zu bespicken. Wir werden nun sehen, wer der Stärkere ist, ob Fürst Bülow das Netz, in dem er gefangen ist, zerreißt, oder ob es wie in der Zeit des Bismarck'schen Niedergangs wieder heißen wird: es gelingt nichts mehr." Bülout ivird also schleunigst ein Revirement der preußischen Verwaltung und des diplomatischen Dienstes nach liberalen Wünschen zu bewerkstelligen haben. Mit einigen Kleinigkeiten werden jedoch auch di« linksliberalen Blockbrüder sich zufrieden geben. Sie sind an Bescheidenheit schon gewöhnt, und die Drohungen, den Block in die Brüche gehe» zu lassen, wird Fürst Bülow nicht zu tragisch nehmen.
* Die protestantischen „Domstifte". E- ist dieser Tage daran erinnert worden, daß bi« Domherrenstellen an den protestantischen, ehemalS katholischen Domstiften in Brandenburg, Merseburg, Naumburg und Zeitz als Belohnung an verdiente Staatsmänner verliehen werden. Gegen« über der.Germania', die gemeint hatte, dies« Domberrenstellen seien ein Unsinn und sollte» beseitigt werden, bemerkt nun die ,Rhein. Weftf. Zeitung':
Die .Germania' würde es wohl für daS Best« halten, die Pfründen wieder der Kirche zuzuführe» die übrigens, das könnte die weltliche Behörde wo» möglich als Entschuldigung ansühren, an ähnliche» Pfründenbesitzern und Kostgängern keinen Mangel besitzt, aber wir find der Ansicht, daß man die de» ehemaligen Domkapiteln gehörenden Güter demStaatS- b e si tz zuführen und gegen entsprechende Bedingungen art Landwirte oder sonstige Jntereffenten weiter vergeben könnte."
Es handelt sich um ehemaliges katholische- Kircheneigentum. Der verstorbene Oberbürgermeister von Brandenburg, der bekannte fortschrittliche Abgeordnete Ziegler, hat schon vor beinahe 50 Jahren die Ungerechtigkeit der jetzige» Verwendung der Domstifte festgestellt und dm Wunsch ausgesprochen, daß die Einkünfte zur Verbesserung der katholischen Kirchen und Schulen in der Mark Brandenburg verwendet werden möchten — bei der Zusammensetzung der preußischen Staatsverwaltung ein allzu „frommer Wunsch"! Inzwischen ist, wie die „Eff. Volksz." in Erinnerung formet, eine Einigung über eine teilweise anderweitige Verwendung der Einnahmen der ehemals katholischen Stifte Brandenburg, Merseburg, Naumburg, Zeitz zustande gebracht worden, aber in der Weise, daß die Einkünfte der sonderbaren „Domherren" gekürzt und der dadurch gewonnene Teil zu protestantischen Schul- und Kirchenzweck««
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
88] (Nachdruck verboten).
, Ein scheußliches Wetter!" rief er keuchend, als er wieder einmal stehen blieb und sich um- idrehte, daß der schneidende Wind ihm nicht das Aufatmen wehren konnte.
„Es wäre wohl besser gewesen, wenn ich bis Morgen früh im Gasthof geblieben wäre. — Nelly wird schön erschrecken, wenn sie mich sieht! Ich "kann mir ihre Ueberraschung schon vorstellen. Mie wird endlich zu der Ueberzeugung gelangen, daß sie mir niemals entwischen kann!"
Wieder setzte er seine Wanderung fort; aber ifortwährend hatte er mit dem Winde zu kam- pfen, daß er nur langsam vorwärts kam.
Fortwährend stieß er Flüche hervor, als könnte 'er sich dadurch aufmuntern, und sein Aerger gegen seine entflohene Mündel wurde immer größer und ^reichte den höchsten Punkt, als er in ein Loch, ■mit Schnee und Wasser angefiillt, trat, sodaß ihm Der Morast bis in das Gesicht spritzte und er außerdem noch der Länge nach hineinfiel.
Narr der ich bin!" rief er laut. Warum Habe ich nicht eine Laterne mitgenommen? Der Wirt hätte mir auch sagen können, daß dies die jelendeste Straße in allen christlichen Ländern ist. Aber ich will nicht umkehren, und wenn ich in diesem verwünschten Wetter umkäme. Ah, oa ist ein Licht — gewiß kommt es aus einem Farmhause; denn Bleak Top kann es noch nicht sein."
Das Licht blickte ihm so einladend entgegen, daß er sich entschloß, in das Haus zu gehen, um sich zu wärmen und auszuruhen. Hastiger schritt Ire dem Hause zu, das er bald erreichte. Er trat durch die Pforte in den Garten und näherte sich hem Fenster, um einen Blick in das Zimmer zu iberfen.
Es war kein freudiges Familienbild, welches sich ihm hier zeigte. Vor dem Kamin saß mit bekümmertem Gesicht eine junge Dame — Fanny Brander —, ihr Kind, bleich, sonderbar still und regungslos auf ihrem Schoß haltend, mit Aengst- lichkeit seine Atemzüge belauschend.
Ergriffen von der Szene, trat Gildon vom Fenster zurück, schlich nach der Tür des Hauses und klopfte laut an. Die Haushälterin öffnete und führte ihn in die Küche.
„Wir haben Sie schon längst erwartet," sagte sie. ,C, es ist nicht der Doktor?"
„Nein, meine Liebe, ich bin kein Doktor, sondern ein Reisender, der Sie bittet, sich ein wenig an Ihrem Herd wärmen zu dürfen. Ist jemand im House krank?"
„Nur das Kind meiner Herrin, Sir. Wollen Sie nicht Platz nehmen?"
Sie rückte für den Fremden einen Stuhl an den Kamin, auf dem dieser Platz nahm.'
„Es muß ein schreckliches Wetter fein," bemerkte Mrs. Tooker. „Wenn der Arzt käme. Ich fürchte, das Kind wird sonst sterben; und wenn der kleine Ferdinand stirbt, jo wird seine Mutter auch nicht mehr lauge leben.
„Wie nannten Sie das Kind?" fragte Gildon verwundert.
„Ferdinand. Es ist nach feinem Vater benannt — Ferdinand Schwarz. Wir haben an einen Arzt und auch an den Vater des Kindes telegraphiert, aber keiner kommt. Freilich können wir den Vater des Kindes vor morgen nicht erwarten, da er in der Nähe von Gloucester lebt. Wohin wollen Sie gehen, Sir?"
„Nach Bleak Top."
„Dort ist jetzt Gesellschaft," sagte Mrs. Tooker. „Wahrscheinlich wollen Sie das Weihnachtsfest -ort verloben? Ach ja, dem einen bringt es Freude, -em andern Lei-, wie der jungen Herrin drüben. Ihr Mann hat sie noch nicht besucht, so lange sie hier ist. Ich bin der Meinung, wir folg
ten an Mr. Harrington schreiben, dessen Agent die Daine hierher brachte."
„Mr. Harrington?" wiederholte Gildon, der längst wußte, daß dieser Branders Herr gewesen war."
„Ja, Mr. Harrington gehört dies Haus," antwortete die Haushälterin. Mrs. Schwarz ist die Gattin eines Freundes von Mr. Harrington."
„Von einem Freunde namens Ferdinand?" murmelte Gildon. „Ein sonderbares Zusammentreffen."
Der Doktor kam in diesem Augenblick und begab sich sofort zu dem kranken Kinde. Einige Minuten später kam er wieder mit ernstem Gesicht zurück.
„Sie haben zu spät zu mir geschickt", sprach er zu Mr. Gildon. Das Kind wird den Morgen nicht erleben."
„Mich geht die Sache nichts an, Sir," erwiderte Gildon stolz. „Wenn es Ihnen beliebt, wenden Sie sich an diese gute Frau."
Ter Arzt fühlte sich durch diese Abfertigung verletzt und wandte sich mit Verachtung von ihm zu der Haushälterin.
Gildon hatte sich inzwischen erwärmt und sprach seine Absicht aus, wieder zu gehen.
„Sie sollten lieber hier bleiben, Sir,'' sagte die Haushälterin. Das Wetter ist so schlecht, -aß man nicht gern einen Hund hinausjagt. Ich kann Ihnen ein schönes Bett geben und morgen früh können Sie weiter reifen."
, „ Gildon zögerte und trat hinaus vor die Haus- tür; die entsetzliche Kälte und der wilde Sturm trieben ihn jedoch gleich wieder zurück. Er gab -er Haushälterin feinen Entschluß zu erkennen, daß er geneigt fei, ihre freundliche Einladung an- zunehmen. Etwa eine Stunde später ließ er sich ein Bett anweisen, und kaum hatte er sich niedergelegt, als plötzlich ein markerschütternder Schrei das Haus durchhallte — der kleine Sohn Ferdinand Branders batte aufaebört zu leben! —
XLV.
Ein aufgefangener Brief.
Sir Harrys Unzufriedenheit mit feinem vermeintlichen Sohn griff immer mehr um sich; fein Diebstahl, seine Schlechtigkeit, den Verdacht att' die alten treuen Diener zu lenken, beschäftigte: ■ fortwährend feine Gedanken.
Palestro's Versprechen, Brander wöchentlich zi schreiben, brachte ihn auf die Idee, daß das Gelt nicht zur Deckung einer Spielschuld bestimmt ge wesen war, sondern um eine in Italien sich zugs tragene Begebenheit geheim zu halten, viel schirm mer als das Spiel es war; aber nicht die ge ringfte Ahnung von der Wahrheit schlich in feit Herz. Je sorgfältiger er seinen Sohn beobach! tete, desto mehr nahm die Ueberzeugung in ihn! Platz, daß dieser sich während seines Aufenthab tes auf dem Kontinent eines Verbrechens schuldig gemacht habe.
Brander war über die Gesinnung Sir Harrys nicht recht im Klaren. Er hütete sich diesem gegenüber ganz besonders und war darauf bedacht, Ella's Achtung wiederzugewinnen. Hundertmal versicherte er ihr, daß seine Zukunft ganz in ihrer Hand läge — daß sie allein die Macht hätte, ihn wieder zu einem ehrenwerten Menschen zu mache« oder ihn für immer zu verderben. Er erzählte ihr so vieles, was der Baronet gesagt haben sollte und was alles darauf hinauslief, daß jener sich freue, daß die Hochzeit nun doch nicht aufgeschoben zu werden brauchte. Und Ella in ihrer Unschuld glaubte alle diese Lügen; sie fand es, sogar ganz natürlich, daß der Baronet die baldige Verbindung seines Sohnes mit ihr wünsche, und sie war zu jedem Opfer bereit, wen» sie dadurch ihren Vormund, den sie im Stillen liebte, glücklicher machen konnte.
Eines Nachmittags nach -em Esten saß -er Baronet in der Bibliothek, nachdenkend, wie meistenteils, wenn er allein war, über das Geheimnis seines vermeintlichen Sohnes.
(Fortsetzung folgt.)