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Fulda, Dienstaq den 25. Auaust 1908.
35. Jahrgana.
Anhalt zum „Einhaken". Was hat denn die Reichstagsersatzwahl in Speyer mit dem Katholikentag zu tun? Wenn sich das Pfälzische Zen- trum dem Liebeswerben der Nationalliberalen gegenüber reserviert verhält- mögen die National- liberalen die Schuld auf ihr Konto fchreiben. Man kann es schließlich verstehen, wenn die Pfäl- zer Zentrumsleute sagen: „Wie du mir, so ich dir." Wie haben es denn die Liberalen in Speyer- Ludwigshafen früher gemacht? Bei den vorlehten Reichstagswahlen im Jahre 1903 kam der Zen- trumskandidat Dr. Siben mit dem verstorbenen sozialdemokratischen Abgeordneten Ehrhart in die Stichwahl. Das Zentrum unterlag beim zweiten Wahlgang, weil die Liberalen dem Zentrum Wahlhülfe gegen den Sozialdemokraten versagten. Vor fünf Jahren war den Liberalen im Wahlkreise Speyer-Ludwigshafen der „Rote" lieber als der „Schwarze", heute erwarten sie mit der selbstverständlichsten Miene von der Welt, daß diese verhaßten „Schwarzen" ihnen beispringen gegen den „Roten"! Es geht nichts über die Naivität dieser liberalen Pharisäer.
Daß der Katholikentag sich mit der Blockpolitik nicht beschäftigte, ist doch selbstverständlich. Es ist nicht richtig, wenn das „Kais. Tagebl." sagt, die rein politischen Fragen seien diesmal int wesentlichen ausgeschlossen gewesen. Der ,Katholikentag verhandelt überhaupt nicht über die politischen Streitfragen des Tages. Auch früher ist das nicht geschehen, wenn auch der eine oder andere Redner die Politik beiläufig gestreift hat. Man stelle sich doch einmal vor, die Katholikentage sollten wirklich Parteitage des Zentrums sein. Was würde dann wohl die gegnerische Presse sagen? Dann hieße es gewiß: „Was, das soll ein Parteitag sein?! Ein Patreitag, der keine der schwebenden politischen Fragen behandelt! Ein Parteitag, der sich lediglich um Fragen der Religion und der Konfession kümmert! Nein, das ist ein Katholikentag, aber kein Parteitag!"
Wie verlegen die Scheelsucht der Gegner dem Katholikentag gegenüber ist- beweist auch so recht die „Köln. Ztg." Sie greift sogar auf Katholikentage zurück, die vor annähernd 20 Jahren statt- fanben und tischt eine Rede des Vaters des Präsidenten der heurigen Katholikenversammlung auf, in welcher dieser die Verdienste von Zentrumsab- geordncten um die katholische Kirche Deutschlands feierte. Was das eigentlich beweisen soll, ist das Geheimnis des liberalen Blattes. Ware jene Rede des alten Grafen Praschina wirklich eine politische Rede gewesen und hätte sie der damaligen Generalversammlung ihren Stempel aufgedrückt, so hätte die „Köln. Ztg." doch Grund zur Freude darüber, daß das sich geändert hat. Uebrigens werden auch die früheren Katholikentage nicht dadurch zu Parteitagen des Zentrums, daß gelegentlich ein Redner auf das Zentrum zu sprechen 'kommt. Ebensowenig ist es, was die „Rhein. Wests. Ztg." entdeckt haben will, eine „Loslösung vom Zentrum", wenn diesmal vom Zentrum nicht gesprochen wurde. Es scheint fast, als wenn in manchen gegnerischen Kreisen der Gedanke Platz gegriffen hätte, die Katholikentage müßten sich vom Zentrum lossagen, am Ende gar in einen gewissen Gegensatz zum Zentrum treten, bevor man zugeben müsse, daß Katholikentag und Zentrum wirklich zwei getrennte Dinge wären. Darauf werden die geehrten Herren allerdings lange warten können! Die große Mehrheit der deutschen Katholiken steht nun einmal politisch zur Zentrumspartei ,11116 rti cht anders ist das von der „Köln. Ztg." angezogene Wort Liebers aufzufassen: „Tatsächlich ist das Zentrum die katholische Partei." Nicht als ob das Zentrum lediglich für die Katholiken da wäre- aber die deutschen Katholiken erblicken in ihrer weit überwiegenden Mehrheit tatsächlich in der Zentrumspartei
X Der Düsseldorfer Katholikentag trug den Stempel einer feierlichen Kundgebung zum 50jährigen Priesterjubiläum des HI. Vaters Pius X. Der Liebe und Treue zur katholischen Kirche in ihrem höchsten Oberhaupte schließt sich, was unsere Gegner gar nicht begreifen wollen, stets harmonisch der Ruf „Treu zu Kaiser und Reich" an, und er war deshalb auch das öeglei- tende Echo aller Kundgebungen auf jener bedeutungsvollen Tagung. Wir sind eben geradeso gut deutsch als wir katholisch sind; die gewissenhafte, treue Mitarbeit am Wohle der Kirche und des Vaterlandes ist eine unabweisbare Pflicht für den Katholiken im öffentlichen und privaten Leben. Wir wollen wetteifern mit den protestantischen Mitbürgern auf dem gemeinsamen Boden -er christlichen Weltanschauung für das Wohl des Vaterlandes.
Man denkt aus protestantischer Seite zu sehr an die politische Seite einer folchen Mitarbeit und meint deshalb, die Generalversammlungen der Katholiken seien Parteitage des Zentrums. Die zentrumsfeindliche Presse bemüht sich jedesmal, den Beweis dafür zu erbringen und die Versammttlng dadurch in den nichtkatholischen Kreisen herabzusetzen. Wie gedreht und geschraubt das zugeht, zeigt ein Artikel des „Kasseler Tageblattes" vom 2. August. Es schreibt:
Di« in Düsseldorf abgehaltene „Generalversammlung der Katholiken", die mehr oder weniger '«inen Parteitag des Zentrums darstellt, ist diesmal nicht ganz in dem Stil verlaufen, wie man es sonst bei diesen Versammlungen gewöhnt ist. Zwar hat es an entschiedener Stellungnahme zu den Fragen, welche die Welt des Klerikalismus bewegen, nicht gefehlt, und insbesondere ist gegen den verhaßten „Modernismus" der Bannstrahl geschleudert worden, aber die rein polittschen Fragen waren diesmal von der Tagung im wesentlichen ausgeschloffen worden. Nicht ohne zwingende Gründe, denn die politische Lage ist für das Zentrum einigermaßen unklar. (Mit rein politischen Fragen beschäftigen sich die Generalversammlungen nicht, wohl aber mit rein katholischen, die alle Katholiken in gleicher Weise berühren und zwar so, daß der konseffionelleFriede gewahrt wird. D. Red.) Die Partei befindet sich fett den letzten Reichstagswahlen in die Opposition gegen die Regierung, aber es gibt einflußreiche Zentrumsvolitiker, welche bereits Morgenluft wittern und der Meinung sind, daß dem Liebessrühling zwischen Negierung und Block keine ewige Dauer beschieden sein werde. (Ganz recht.) Angesichts dieser Sachlage haben die Zentrums- sührer begreiflicherweise keine sonderliche Neigung zu einer Stellungnahme Für oder Gegen, und so erklärt sich die derzeit geübte Zurückhaltung, die sich auch in der Zentrumspresse widerspiegelt. In der Tat ist nicht zu leugnen (aha!), daß die Schwierigkeiten der immer näher rückenden, aber noch mit dem Schleier des Geheimnisses umgebenen Reichsfinanz, resorm aus der einen Seite und der durch das Disziplinarverfahren gegen den Bürgermeister Schütting geschaffene Konflikt zwischen der Regierung und den freisinnigen Parteien aus der anderen Seite die Blockpolitik vor sehr schwere Belastungsproben stellt. Daß aber das ZeMrum, dessen Führer ja immer diplomatisch veranlagt waren, trotz-em nicht daran denkt, freiwillig aus seiner Oppo siti ons stellung herauszukommen, hat sich soeben bei den Verhandlungen über die Reichstagsersatzwahl im ersten pfälzischen Wahlkreis Spener-Ludwigshafen-Frankenthal gezeigt. Wenn die Kompromißkandidatur des Grafen Posadwsky, für welche die anderen bürgerlichen Parteien das Zentrum zu gewinnen suchten, zustande gekommen wäre, dann hätte mit Aussicht auf Erfolg der Versuch gemacht werden können, den Wahlkreis der Sozialvemokratie zu entreißen. Aber das Zentrum hat trotz mancher entgegengesetzteit Stimmen im eigenen Lager es rundweg abgelehnt, mit den bürgerlichen Parteien vereint zu marschieren und zu schlagen, und «s will Gewehr bei Fuß dem Wahlkampf zusehen, der freilich unter diesen bedauerlichen Umständen verloren ist, bevor er begonnen hat.
Man sieht, 6er glänzende, harmonische Verlauf des Katholikentages bietet so gar keinen rechten
diejenige Partei, die nach Lage der Verhält- niffe für sie allein in Betracht kommen kann. So meinte es Lieber, und so meinen wir es auch. Wenn freilich fchon daraus, daß die Teilnehmer an den Katholikentagen weit überwiegend Zentrumsanhänger sind, geschlossen werden will, daß die Katholikentage Zentrums- tage seien, so ist gegen eine solche Logik nicht aufzukommen. Die „Köln. Vztg." gibt den um den unpolitischen Charakter der Katholikentage so besorgten liberalen Herren den Rat, zentrumsfreie Katholikentage einznberufen. Die betreffenden Lokalkomitees hätten sicher viel leichtere Arbeit als die Lokalkomitees unserer bisherigen Generalversammlungen. Riesenhallen brauchten sie nicht zu bauen; jedenfalls könnte man sich einen sol- chen zentrumsfreien Katholikentag viel leichter unter einem Regenschirm vorstellen, als ihn die „Köln. Ztg." über der Düsseldorfer Tagung ausgespannt sieht. Das liberale Blatt vergleicht nämlich den religiösen Modernismus mit dem Regen, der durch das Dach der Festhalle drang und einige Teilnehmer zur Entfaltung ihrer Regenschirme veranlaßte. Und erleichtert ruft es aus: „Der Ultramontanismus unterm Regenschirm — das ist das Ergebnis der Düsseldorfer Tagung." Und mit einem solchen Witzchen glaubt die „Köln. Ztg." den Eindruck der Düsseldorfer Tagung auslöschen zu können. Es steht das übrigens gar nicht im Einklang mit dem wuchtigen Eindruck, den der Berichterstatter desBlattes selbst vom Katholikentage empfangen hat. Er schreibt u. a.:
„Am Beginn der Tagung war in der ,Köln. Ztg/ schon angedeutet worden, daß nach den Wahrnehmungen vor der Eröffnung der Düsseldorfer Katholikentag an äußerem Glanz und an Maffenwirkung alle seine Vorgänger noch übertreffen werde. Das ist auch so gekommen. Tag für Tag wird dieses Schauspiel gewaltiger. Am letzten Montag, als Gewitterregen die erste große Versammlung störte, war der Festplatz und der Boden der ffesthalle völlig durchweicht, Tümpel reihte sich an Tümpel. Kaum hatten aber um 8 Uhr abends 12000 Zuhörer der ersten öffentlichen Versammlung di- Festhalle geräumt, so strömt.n schon wieder 10000 Menschen in dieselben Räume zu einem Feste dec kalholischen Jugend- und Jünglingsvereine. So geht es Tag für Tag."
Nachher sche neu die anerkennenden Worte dem liberalen Zeitungsschreiber leid geworden zu fein, und so hat er sich hingesetzt und einen sehr langen Artikel geschrieben, der auf die Note gestimmt ist: „Der Eindruck dieser Tage ist zwiespältig gewesen von je, und auch der Düsseldorfer Tagung steht man mit demselben Gefühle der Unsicherheit über die Echtheit des Geschauten gegenüber. Der Szenenwechsel gegen früher ist zu jäh, als daß aus dem andersfarbigen Mantel auch auf eine anderweitige Gesinnung des Trägers geschlossen werden könnte." — Mit anderen Worten: Die Düsseldorfer Katholikenversamnilung hat Henche- l e i getrieben. Das soll sie getan haben namentlich im Punkte des Patriotismus und der Politik. Die Anzweifelung des Patriotismus anderer Leute steht einem -Blatte besonders gut an, das gegenüber einer den Nationalliberalen nicht genehmen Regierungsvorlage mit der Revision seiner monarchischen Gesinnung gedroht hat. Im übrigen haben die Katholiken Deutschlands den Beweis geliefert- daß sie auch in den schlimmsten Tagen vaterländische und königstreue Gesinnung zu wahren und zu betätigen wissen. Die Tage der Revolution, die großen Kriege, die zu Deutschlands Einigung geführt und ebenso sehr das erfolgreidic Eingreifen der politischen Vertretung der Katholiken in die parlamentarischen Arbeiten sind leuchtende Denkmäler für die Liebe und Treue, womit der katholische Volksteil an der Heimaterde hängt und beweisen, wie sehr ihm gerade die Wohlfahrt des Reiches am Herzen liegt. Es ist eine böse Angewohnheit der
Gegner, den Katholiken mangelnde Vaterlandsliebe nachzusagen. In dem vorzüglichen Lebensbild, das der verdienswolle Zentrumsveteran, Fabrikbesitzer M. Wiese, von dem großen Verteidiger der kirchlichen Freiheit in Deutschland, dem unvergeßlichen Aug. Reichensperger, entworfen hat, spiegelt sich so recht die kerndeutsche Gesinnung wieder, die er an der Spitze des Zentrums jederzeit in die Praxis übertragen hat. Schmerzlich kann es bedauert werden, daß durch die Resormation der Keil der Zwietracht in das deutsche Volk getrieben worden ist, das darf unb hat nicht gehindert, daß der katholische Volksteil im Frieden mit den im Glauben von ihm getrennten Brüdern zu leben gesucht hat. Aber daneben bleibt das Wort in Geltung- das Herrn, v. Mallinckrodt an die Katholiken Deutschlands gerichtet hat: ,Jch wollte ja mit jedermann in Frieden leben, aber Gerechtigkeit muß doch bleiben."
Auch wenigstens eine intolerante Aeuße» rung will das liberale Blatt in Düsseldorf gehört haben, nämlich das Wort des Paters Graf Galen über die österreichischen Studenten- die im Namen der freien Wissenschaft über ihre katholischen Kommilitonen mit Totschlägern herfallen. Ja, ist beim das nicht jüngst in Oesterreich geschehen? Und verrät vielleicht die Erwähnung einer solchen Tatsache Intoleranz?
Man hat früher in liberalen Blättern zeitweilig die erbaulichsten Geschichten lesen können, daß bei katholischen Veranstaltungen alles auf Geheiß geschehe, Beifall und Mißfallen, niemand wage, den Kopf anders zu halten, als der Präses oder wer sonst kommandiere, verlange. Dieses Märchen von der Einfältigkeit der, katholischen Massen wurde erfunden, um desto leichter die ta- tbolischen Veranstaltungen des Ernstes und Wertes entkleiden zu können und einen Anlaß zu finden, den Aerger über wirkungsvolle katholisch« Tagungen in Spott und Hohn auslaufen zu lassen. Diesmal klingt es etwas anders au8 bflt gegnerischen Presse. Man liest dort nicht nur anerkennende Bemerkungen über die Unnachahnt- lichkeit von Massendemonstrationen in solcher Wucht und Disziplin, sondern man findet auch verständige Worte darüber, daß die Scharen, bW in solcher Ordnung aufmarschieren- intelligente Menschen sind, die nicht aus bloßer Tradition, sondern aus der persönlich gewonnenen Ueberzeugung ihre Ideen vertreten. Wer auch nur aus ziemlicher Entfernung einen Blick zu tun gesucht hat in die Verhältnisse des großen rhei- msch-westfälischen Jndustriebezirks, der weiß, daß die Verteidigung des Glaubens, die Vertretung der christlichen Ideale auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiete nicht durch Dressur, sondern nut durch sachliche Schulung der Massen möglich geworden ist. Eine willenlose Herde würde niemals in der Lage gewesen fein, in den großen Kämpfen, die sich in den Industriegebieten entwickeln, dauernde Siege für die christliche Weltanschauung zu gewinnen. Eine geist- und willenlose Herd« in solcher Massenhaftigkeit würde auch schwerlich zusammenzubringen und sicherlich nicht zusammenzuhalten sein.
In boshafter Weise sucht die „Berl. Morgen- ztg." den Katholikentag zu verkleinern. Unter- dem Titel „die schwarze Heerschau" schrieb fil u. a.:
„So trottet beim auch in diesem Jahre di« schwarze Parade in dem gewohnten Geleise daher) kirchliche Veranstaltungen wechseln mit politischen Redeergüssen ab, und nach des Tages Last und Hitze wird ein Prosit der Gemütlichkeit ausgebracht. Der großen Masse der Besucher ist das letztere wohl die Hauptsache."
Vorteilhaft von derartigen schnodderigen Glossen sticht die Würdigung ab, die ein Blockblatt, die „D. Tagesztg." dem Katholikentag widmet. Sie führt u. a. aus:
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
87j (Nachdruck verboten).
„Aber sieh hier!" rief der Passagier, an seine Tasche klopfend. „Das wird doch helfen!" * „Tut mir leid, Sir," erwiderte der Kutscher phlegmatisch. „Ich bin für die Pferde berant- wortlich. Sie würden zusammenbrechen, wenn sie die steilen Höhen der Gebirgsstraße erklimmen sollten, noch ehe wir die Hälfte des Weges zurückgelegt hätten. Ich kann wohl beurteilen, was die Pferde leisten können."
Der Passagier sprang jetzt auf die Straße. Er war in einen großen Pelz gehüllt, dessen Kragen er über den Kopf geschlagen hatte, sodaß nur das Gesicht hervorschaute. Und dieses Antlitz mit den eisernen Zügen gehörte Nelly Witkins unerbittlichstem Feinde, Roderich Gildon.
, „ Von dem Wend ihrer Flucht an war er fortwährend tätig gewesen, sie zu verfolgen. Erst am andern Morgen hatte er ihre Spur gefunden, aber r- die falsche. Er hatte von Frau Vicini erfahren, baß sie nach Marseille gereift sei und fuhr mit der nächsten Gelegenheit dorthin, stellte die umfassend- pen Nachforschungen an- natürlich ohne sie oder guch nur eine Spur zu finden.
Er reifte weiter nach Paris, dann nach England, besuchte hier alle ihre früheren Bekannten und Freunde, doch vergebens. Endlich kehrte er nacft dem Kontinent zurück, und in Paris las er in einer Zeitung die ausführlicheBeschreibung von der Aufhebung der Räuberbande des roten Car- belli und der damit verbundenen Befreiung Nellys und ihrer Begleiter. Er glaubte sicher, daß das Mädchen noch in Neapel sich aufhalten würde Und reifte deshalb sofort dorthin. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie hier schon längst abge- reist war, kehrte er nach England zurück, suchte nochmals überall nach ihr und erkundigte sich schließlich, nachdem er keine Spur von ihr entdeckt
hatte, bei dem ihr Vermögen verwaltenden Notar genau nach ihren Besitzungen, wo er denn auch erfuhr, daß das einsame Gebirgshaus Bleak Top Nelly gehöre. Sofort trat er die Reise dorthin an, da dies der einzige Platz war, wo er überhaupt noch suchen konnte. War sie hier nicht, so mußte er seine Nachforschungen aufgeben.
So treffen wir ihn denn auf dem Wege nach Bleak Top wieder mit dem schrecklichsten Entschlüsse. Nelly zu suchen, und wenn er sie finden sollte, (ich sein Opfer nicht wieder entschlüpfen zu lassen, sie zu umkrallen mit seiner Faust.
Er wandte sich an den noch immer unter der Haustür stehenden Wirt und fragte in hochmütigem Tone:
„Wie weit ist es noch bis nach dem Gebirgshaus Bleak Top?"
„Etwa drei Meilen, Sir," erwiderte der Angeredete respektvoll, doch unangenehm berührt von dem Benehmen des Fremden. „Die Straße hat viele Krümmungen und steile Anhöhen."
In diesem Augenblick ritt ein Mann langsam am Gasthof vorüber, jedoch etwas weiter ab im Dunkeln, fodaß er nicht zu erkennen war. Er war bei einer Schneiderin gewesen, um ein von derselben angefertigtes Kleid für seine Herrin zu holen. Er betrachtete den Fremden mit schar- feit Blicken und erkannte ihn auch sogleich wieder, da er im vollen Schein der Lampe stand.
Ruhig, ohne durch die geringste Aufregung sich verdächtig zu machen, ritt er weiter; als er aber eine kleine Strecke weiter war, setzte er sein Pferd in Galopp und flog mit seiner Hiobspost dahin.
Gildon hatte dem Reiter nur einen flüchtigen Blick zugeworfen und sich dann wieder an den Wirt gewandt.
„Ist die Straße nach Bleak Top gut zu passieren?" fragte er.
„Nein, Sir; es ift aber vor acht Tagen Bahn gebrochen worden. Sie war ,etwa vierzehn Tage lang eingeschneit- aber als wieder Tauwetter eintrat, hat Christoph Kipp den Weg gebahnt-"
„Wer ist Christoph Kipp?"
„Es ist der Sohn der alten Haushälterin zu Bleak Top."
„Ist außer den beiden- die die Aufsicht über das Haus haben, noch jemand dort?"
„Ja, Sir, Miß Nelly Wilkins, die eigentliche Besitzerin des Gebirgshauses, mit einem schwer kranken Gentleman."
„Ah!" rief Gildon. gedehnt, und ein Strahl der Freude glitt über fein Gesicht. Er konnte kaum seine Aufregung verbergen. Die Gewißheit endlich am Ziele seines Suchens zu sein, steigerte seine Ungeduld, noch diesen Abend Bleak Top zu erreichen.
„Wenn der Weg gebahnt fft, so können wir heute auch noch weiter fahren," sprach er unge- duldig zum Kutscher. „Ich muß nach Bleak Top, mag kommen, was will. Es soll mir auf einen ober zwei, Krouentaler Trinkgeld nicht ankommen. Steige auf Kutscher, wir müssen fort."
Ter ,Kutscher verneinte entschieden; und Gil- bon mußte sich zu seinem größten Aerger überzeugen, daß, die Pferde nicht fähig waren, den be- schwerlichsteu Wag fortzusetzen. Er betrat unmutig die Gaststube- um den Wirt zu erwarten, der dem Kutscher Stallung für die Pferde zeigte.
Nach kurzer Zeit trat der Wirt in die Stube, in der Gildon seiner wartete.
„Befehlen Sie ein Nachtmahl, Sir?" fragte er diensteifrig. „Ich kann Ihnen auch ein gutes Nachtlogis geben —"
„Nein!" fiel Gildon unwirsch ein.
„Nichts dergleichen, aber ein anderes Fuhr» n>erf muß ich haben. Ich muß heute noch fort, letzt gleich —"
„Aber es ist kein Fuhrwerk hier zu haben, weder für Geld, noch für gute Worte," erklärte der Wirt bestimmt. „Die wenigen Pferde in Gloamvale sind schwere Arbeitspferde und müffen am Tage ihr bischen Kraft so gebrauchen, daß sie des Nachts nicht noch Reisen machen können — und noch dazu in einer solchen Nacht!"
Gildon machte in seiner Wut eine ungeduldig? Bewegung.
„Sind Sie auch ganz sicher, daß hier keine Pferde zu haben find?" fragte er. „Ich bezahl ja gern jeden Preis —"
„Um keinen Preis!"
Gildon machte seinem Herzen durch eine Flut von Flüchen Luft.
„Wenn keine Pferde zu haben sind, muß ich den Weg zu Fuß machen!" rief Gildon. „Ich habe so wichtige Geschäfte, daß ich Bleak Top noch heute erreichen muß."
Er trank ein Glas Absinth, warf einen Schilling dafür auf den Tisch und machte sich trotz der Warnung des Wirtes auf den Weg.
„Endlich!" rief er leise, als er das Wirtshaus hinter sich hatte unb auf der Landstraße dahinschritt; „endlich halle ich sie aufgespürt! Zu Bleak Top werde ich sie samt ihrem unvergleichlichen Blödsinnigen finden. O, sie soll ihre Flucht bereuen! O- diese kleine schadenfrohe, trotzige Schöne! Ich will ihr die Mühe vergelten, die sie mir gemacht hat! Aber obwohl sie mir so viel Sorge und Mühe gemacht, ließe ich sie doch unb sie soll ungeachtet ihres Widerstanbes die Meine werden. Vielleicht ist es gut, daß sie gerade in düse einsame Gegend gegangen ist. Vitus kommt morgen, und dann wollen wir ihren Zufluchtsort in ein Gefängnis verwandeln. Wir wollen doch sehen, wer das Spiel gewinnt, sie ober ich!"
Er zog ben Mantel fester um sich und eilte vor- wärts; aber schon begann der Regen durch seine Kleider zu dringen, der Hagel fand die kleine Oeffnung des um den Kopf geschlagenen fragens und traf fein Gesicht, daß es ihn schmerzte, als ob es mit Nadeln ober Glassplittern beworfen würde. Der Wind hinderte chn am Gehen, und manchmal mußte er stehen bleiben, um Atem zu schöpfen; der Weg war schlüpfrig, und tief sank er in den Schnee.
(Fortsetzung folgt.)