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Fulda, Samstag den 22. August 1908.

M 192.

35. Jahrgang.

Zweites Wt'crtt.

Wochen-Rundschau.

3E Fulda, 21. August 1908.

Der Düsseldorfer Katholikentag bildet das Ereignis dieser Woche; eine hochimpo­sante überwältigende Veranstaltung. 60 000 ka­tholische Arbeiter verschönerten die Tagung durch einen riesigen Festzug und große Versammlung. Man war beim Katholikentag seit langem ge­wohnt, mit großen Arbeitermassen zu rechnen; aber 60 000 Teilnehmer hat noch kein Katholiken­tag gesehen. Waren das kräftige Scharen, voller Begeisterung und gehobenen Mutes! Dieser Ein­leitung entsprach der weitere Verlauf; die Reden, alle im Kerne auf das Papstjubiläum gerüstet, fanden jubelnde Zustimmung. Der Besuch aller Versammlung war großartig. Die Katholiken- versammlnngen haben sich nach und nach die Be­achtung auch der schärfsten Gegner erzwungen. Die ganz Verbissenen müssen wohl oder übel ihren Lesern den Gefallen tun. ein Weniges an der eindrucksvollen, elementaren Wirkung der Ver­sammlungen herumzunörgeln; den Grundton bil­det aber ohne Ausnahme die unwillkürliche An­erkennung der Tatsache, daß es eben in ganz Deutschland auf politischem, konfessionellem und wirtschaftlichem Gebiete nichts Aehnliches gibt. Wenn manche Blätter noch vor kaum 10 Jahren es sich leisten zu können glaubten, die Katholiken­versammlungen als Luft zu behandeln, so gibt es heute im ganzen deutschen Vaterlande und weit über dessen Grenzen hinaus keine Zeitung, die nicht in ausführlicher Weise über diese Kongresse berichtet. Das ist der historische Wert der Katho­likenversammlungen, der durch die heurige Tag­ung wieder vollgültig bestätigt wurde.

Mit der Reichsfinanzreform geht es noch genau so, wie seit der Vertagung des Reichs­tages. Etwas Gewisses verlautet noch nicht, nur kann man in den offiziösen und blockfreundlichen Zeitungen in allen Tonarten das Thema variiert finden: das Reich braucht eine Masse Geld, und noch niemand weiß genau, wie wir dazu kommen sollen. Nachdem der Reichskanzler hat erklären lassen, daß er erst Ende September nach Berlin kommt, ist an eine Veröffentlichung des neuen Steuerbuketts vor dieser Zeit wohl schwerlich zu denken, wenn es auch wahr sein sollte, daß die Entwürfe im Schatzamt schon fertig, daliegen. Alles, was gegenwärtig über die Reichsfinanz­reform in die Oeffentlichkeit gebracht wird, be­ruht deshalb nach wie vor wesentlich auf Ver­mutungen. Sehr wahrscheinlich ist nur, daß 400 Millionen das Mindeste ist, was verlangt werden wird; es kann aber auch eine halbe Milliarde daraus werden.

Von nicht unerheblicher Bedeutung für die künftige innere Entwicklung der deutschen Ver­hältnisse dürfte die Haltung sein, welche neuer­dings die sozialdemokratischen Frak­tionen der badischen und bayerischen Landtage bei der Beratung des Staatshaushaltes einge­nommen haben. Beide Fraktionen haben ebenso rote es ihre Gesinnungsgenossen in Hessen und Württemberg schon früher getan, für die An­nahme des Budgets gestimmt. Sie haben sich da­mit in offenen Gegensatz zu der Politik gesetzt, welche bisher die Berliner Leitung der Sozial­demokratie befolgt und ihren Anhängern als Re­gel vorgeschrieben hat. Da zu erwarten ist, daß die süddeutsche Sozialdemokratie an ihrer im Interesse einer gesunden Entwicklung des Staats­lebens mit Freuden zu begrüßenden Stellung­nahme trotz der Drohungen der Berliner Leitung

festhalten wird, dürfte die Angelegenheit weit­tragende Folgewirkungen nach sich ziehen. ES handelt sich hierbei in der Tat um nichts geringe­res, als um die Abkehrung von der revolutionä­ren Phrase. Soglaubt die orthodoxe Sozialde­mokratie ihre heiligsten Güter in Gefahr und rüstet sich bereits auf den Nürnberger Parteitag, um dort die Süddeutschen zu verbrennen. Leider nur gibt es auch innerhalb der Sozialdemokratie keinen Stillstand. Die Entwicklung geht langsam, aber unaufhaltsam weiter.

In Oesterreich hat Kaiser Franz Joseph seinen 78. Geburtstag unter gewaltigem Jubel der Bevölkerung gefeiert, der um so stärker ist, als die Feststimmung des Jubiläumsjahres noch immer anhält. Von allen Staatsoberhäuptern sind selbstverständlich Glückwünsche eingetroffen. Aus der Volkstümlichkeit des Habsburger Mo­narchen geht auch bei dieser Gelegenheit wieder klar hervor, von tote großer Bedeutung die Per­son des Kaisers für die ganze Politik Oesterreich- Ungarns ist.

England läßt bald durch seine Zeitungen, bald durch hervorragende Staatsmänner und Po­litiker seinen guten Willen zur Verminderung der Flotte verkünden; aber seine Taten stehen nie­mals im Einklang mit diesen Worten. Nach allen Friedenskundgebungen wirkte die Nachricht wie ein Blitz aus heiterm Himmel, daß England eine Flottenanleihe von nicht weniger als,2000 Millionen Mark aufnehmen wolle, die vollständig genügend wäre, eine Flotte von 40 der allergröß­ten und stärksten Panzerschiffe zu bauen. Gleich­zeitig fordern die bekannten deutschfeindlichen Zeitungen in England die befreundeten Mächte auf, dahin zu wirken, daß dem Deutschen Reiche die weitere Vermehrung seiner Flotte int bis­herigen Tempo verboten werden solle. Für un­sere Weltpolitiker sollte das endlich doch Beweis genug sein, daß in diesem Wettbewerb dem deut­schen Reiche aber der Atem ausgehen muß, als dem reichen England.

Nicht genug mit den ewigen Unruhen und Skandalen aller Art im Innern Serbiens zeigen sich dortige Politiker neuerdings anschei­nend bestrebt, auch in den Nachbarländern Unheil anzurichten. Nachdem eben erst gerichtlich feftge- stellt worden ist, daß hochstehende Persönlichkeiten Serbiens eine Verschwörung gegen die montene- grische Regierung unterstützt haben, kommen jetzt die ungarischen Behörden sehr bedenklichen Um­trieben Serbiens in den kroatischen Landes­teilen auf die Spur. Es wäre nicht zu verwun­dern, wenn die nicht endenwollenden politischen Umtriebe Serbiens und Bulgariens schließlich zu ernsten Maßnahmen seitens der Großstaaten Ver­anlassung gäben.

In die durch den Umschwung der Dinge in der Türkei herbeigeführte neue Lage nicht ein­zugreifen, sondern die Ottomanen für sich selbst sorgen zu lassen, ist die Ansicht der europäischen Kabinette. Für das deutsche Reich konnte dieser Entschluß nicht schwer fein, da es immer das Prinzip der Nichteinmischung vertreten hat. Für England hätte ein solcher Entschluß unter den früheren Verhältnissen viel Mühe gekostet. Aber die Türkei hat gezeigt, daß sie selbst mit den in­neren Schwierigkeiten fertig werden will. Sie hat damit nicht bloß die Neugeburt des eigenen Reiches vorbereitet, sondern sie hat auch faktisch den Berliner Vertrag, soweit er den Großmächten eine Kontrolle über die türkischen Untertanen gab, außer Kraft gesetzt. England kann jetzt ebenso­wenig wie Rußland oder eine andere Macht dar­an denken, der Türkei Reformen von außen auf­drängen zu wollen.

X Erinnerungen aus der Zeit der Säkularisation

werden hervorgerufen bei der Lektüre der soeben veröffentlichten „Denkwürdigkeiten des Grafen Maximilian Joseph von Montgelas über die in­nere Staatsverwaltung Bayerns (1798—1817) herausgegeben von Laubmann u. Doebel (Mün­chen 1908).

Fragt man sich heute, wie die in jener großen Einziehung der Kirchengüter in die Erscheinung tretende Barbarei und die bei Ausführung der- selben verübten Brutalitäten möglich waren, so darf man nicht übersehen, daß die Aufklärung, der Gcheimbund des Illuminatenordens durch Schriften aller Art, Flugschriften und Bücher, zumal in Reisebeschrckbungan, mit welchen sie das Volk überschwemmten, mächtig vorgearbeitet hatten. Man mache mal durch eine systematisch während mehrerer Jahrzehnte betriebene Ver­höhnung und Verbreitung frivolsten Spottes einen Stand verächtlich und man wird sich nicht mehr wundern, wenn eine so bearbeitete öffent­liche Meinung der Beraubung und schwersten Schädigung dieses Standes gleichgültig zufieht.

So hatte man dem großen Raubzug wider die Kirche und ihre Orden vorgearbeitet. Man lese z. B. die Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 von dem Berliner Nikolai und man hat den arm­seligsten Berliner Auskläricht. Nachdem der Mann im Kloster Banz eine überaus freundliche und ehrenvolle Ausnahme gefunden, littiert et seinen Dank damit, daß er den Waldbrüdern int benachbarten Vierzehnheiligen alle erdenklichen Sünden andichtete.

In der damaligen bayerischen vom Ausklärer- tum inspirierten Publizistik werden die Klöster, namentlich die Bettelklöster, als die Haupthinter- niffe des Fortschritts der geistigen und materiel­len Kultur, als die „Tummelplätze privilegierten Nichtstuns", als die „Heimstätten aller sittlichen Laster", das Wesen des Mönches als ein „Aggre­gat vielgestalteter Schwärmerei und des Aber­glaubens" hingestellt. Die Verdächtigungen gipfelten in dem Satz: „Der Mönch war von jeher ein Feind jeder gesunden Regierung, ist es wirklich und muß es sein."

Dazu bemerkt einer der Hevausgeber der Denkwürdigkeiten von Montgelas: „Jahrzehnte ist so das Mönchtum systematisch verächtlich ge­macht worden; es gehörte in den aufgeklärten Kreisen geradezu zum guten Ton, sich an den Schäden des Mönchtums die literarischen Sporen zu verdienen, man scheute selbst vor Verleum­dungen und niedrigem Klatsch nicht zurück, er­zählte in Romanen und Schauspielen von schauer­lichen Klostergeschichten, von Todesgerichten, le­bendig eingegrabenen Personen, unterirdischen Gängen zwischen Männer- ttjifc Frauenklöstern. . Der „Monarchismus" war zu einem verächtlichen Schlagwort geworden" (S. XLVIII).

In diesem Zusammenhang sei erinnert an den einer spätem Zeit angehörenden K. I. Weber (den Verfasser des „Demokrit"), der im Jahre 1818 seine Schrift „Möncherei" herausgab. Diese Sudelei muß man lesen, wenn man nach Geizers treffender Charafteristik die allgemeine Meinung der damals herrschenden und tonangebenden Be­völkerungsschicht, vor allem der bei der Kloster­ausschlachtung die Hauptrolle spielenden süddeut­schen Bureaukraten kennen lernen will. Die Roheit, die sich da breit macht, ist nicht indivi­duell, sondern der generelle (allgemeine) Aus­druck der in den damaligen Beamtenseelen ganz schablonenmäßig aufgestapelten Gedankenfülle. Und was hören wir erst von der Art und Weise, wie der große K.irchenraub ausgeführt wurde.

Wer daS weiß, wird unser Wort von den Klo- sterplünderem eher zu schwach als zu hart finden.

„Vor allem war — das hat auch Montgelas zugegeben — die Ausführung des Sakularisa- tionsbefehls viel zu rücksichtslos und brutal. Mit den Personen und Besitztümern der Klöster, den Kirchen und Klostergebäuden, den Altären, Re­liquien, Kelchen, Ziborien, Monstranzen, Kirchen­ornaten und Paramenten wurde auf das pietät­loseste verfahren. Die Klosterinsassen wurden entweder in Zentralklöstern zusammen gepfercht, die in mehr als einer Beziehung Zuchthäusern glichen, oder in die Welt hinausgm'chickt mit Pensionen, die nicht den bescheidensten Lebensan­sprüchen genügen konnten und selbst in dieser Höhe nicht regelmäßig ausbezahlt wurden. Ge­weihte Kelche wurden zerbrochen, Monstranzen ihrer Edelsteine beraubt, von den Meßgewändern Borden und Stickereien abgeschnitten, von, den Meßbüchern die Beschläge losgerissen, PluvialeN zu Stuhlbezügen zerschnitten, Glocken von den Türmen herabgelassen und ebenso die Röhren klösterlicher Wasserleitungen nach, ihrem Metall- wert verkauft, die heiligen Leiber ihres Schmuckes entkleidet und an der nächstbesten Stelle ver­scharrt, in ähnlicher Weise auch die Ahnengräber, z. B. in Andechs geschändet. Die kirchlichen Ge­räte und Gewänder wurden vielfach an Israe­liten veräußert, die öffentlich damit Spott trie­ben, sich Bischofsinfnln aus den Kopf setzten uni sich aus geweihten Kelchen zutranken."

Doch genug des Skandals. Lassen wir den Vorhang fallen über diese scheußlichen Szenen. Welchen Gewinn haben Beutezüge der Art dem Staate gebracht? Hier die Antwort:

„Den moralischen Mängeln der Aufhebnngs- kommissare ist es zuzuschreiben, daß der Staat nicht den erhofften Gewinn zog, daß der Erlös aus den verkauften Kirchenschätzen vielfach in den Taschen der Kommissare ver­schwand, oder daß diese bewegliche und unbe­wegliche Güter der Klöster um Schleuderpreise an Begünstigte losschlugen."

Die das getan haben, sind dieselben Brüder, welche bisher weidlich am Biertisch und in ihren Gesellschaften gewettert hatten gegen den „Mo- nachismus", das Mönchtum und die „tote Hand" jetzt aber schnell eine „hohle Hand" machten, um die Güter der „toten Hand" darin verschwinden zu lassen.

Diese selben Herrschaften, deren geistiges Fut­ter solche pikante Hetzschriften wider Mönche und Pfaffen waren, was werden die verstanden haben von den Bibliotheken der Klöster mit ihren kost­baren Schätzen an Handschriften? Auch da die Antwort:

„Fast alle Bibliotheken der nicht ständischen und Mendikanten- (Bettel-)Klöster wurden von den Kommissarien für Plunder angesehen und wie Makulatur nach dem Zentner verkauft Einige Individuen, wie jedermann weiß, sind durch den Ankauf dieser Büchersammlungen und Manuskripte reich geworden; der Erlös für die Regierung war äußerst unbedeutend", so heißt es in dem Bericht eines Mitgliedes der Prü­fungskommission.

Entrüstung packt einem, wenn man sehen muß, wie durch diesen Säkularisation der katholische Volksteil in Deutschland wirtschaftlich schwer ge­schädigt, und zurückgeworfen worden ist und wie heute einfältige Hetzer für diese so schmerzlich empfundene „Rückständigkeit" die katholische Kirche und die katholische Religion haftbar ma­chen wollen.

Deutsches Reich.

* Die Straßburger Prinzenpromotion hat, wie bereits gemeldet wurde, zu einer Klage gegen

Unpolitische Zeitläuse.

(N) B e r l i N, 20. August 1908.

(Nachdruck verboten.)

„Wie ist denn das mit den Uebertritten?" fragte mich ein Mann, der in einer Zeitung ge­lesen hatte, daß in Deutschland viel mehr Katho­liken zutn Protestantismus, als wie Protestanten zum Katholizismus überträten. Da ich gerade bei meinen Pflanmenbäumen zu tun hatte, so antwortete ich mit der Gegenfrage: „Wohin fal­len die madigen Pflaumen? Nach oben oder nach unten2" Er wußte nicht, wo ich hinauswollte, und deshalb fuhr ich fort: die schlechten Katho­liken können wohl zum Protestantismus her- unterfallen, aber die schlechte,, Protestanten fal­len nicht znm Katholizismus herauf! Das leuch­tete ihm ein und er sagte: „Jawohl, bie ftr en­gere Religion hat viel Abfall und die be­quemere Religion hat viel Zufall."

Wir wollen unfern evangelischen Mitbürgern nichts zuleide tun, aber das werden sie selbst zu- geben müssen: wenn man die Religion nach den Ansprüchen ordnet, die sie an ihre Angehöri­gen stellen, so steht die katholische Kirche obenan. Da gibt es die strenge Glaubenslehre, dann das Gebot, jeden Sonntag die hl. Meffe zu hören, dann das Fast- und Abstinenzgebot und endlich die inhaltsschwere Vorschrift, wenigstens einmal im Jahre die Sakramente zu empfangen. Das Beichtgebot kommt den Protestanten beson­ders schwer vor. Für die Katholiken, die einen rechtschaffenen Lebenswandel führen, ist es keine Last, sondern ein Trost. Aber wer aus der Ord­nung gekommen ist und nicht die rechte Kraft zur Buße und Besserung hat, für den ist die Beichte allerdings nicht lieblich. Er weiß, daß er die Lossprechung im Beichtstuhl sich verdienen muß durch eine aufrichtige Reue und durch den em- ften Vorsatz der Besserung, daß er also entschlos- jen fein muß, fortan fein Leben durchaus nach dem christlichen Sittengesetz einzurich­

ten. Obendrein muß er noch Buße leisten für die begangenen Fehler, also vor allem alten Schaden wieder gut machen, den er andern zugefügt hat. Das ist, wenn Gottes Gnade nicht zu Hülfe kommt, wahrlich nicht leicht. Man darf sich also nicht wundern, wenn Leute, die aus dem rechten Geleise gekommen sind, sich nach einem beque­meren Wege umsehen. Im Protestantismus gibt es nicht den strengen Richter, der ganz be­stimmte Entschlüsse und Handlungen verlangt. Da kann jeder nach seiner Art sich mit seinem Gewissen abfinden, und da bei den meisten Men­schen die Selbsterkenntnis schwach und die Selbst­beurteilung recht milde ist, so pflegt es bei die­sem „inneren Gericht" recht gnädig und bequem herzugehen. Darum sagt ja ein uraltes Sprüch- toort: Protestantisch ist besser leben, aber katho­lisch ist besser sterben.

Nun wollen wir durchaus nicht behaupten, daß alle Abtrünnigen im Punfte der Sittlichkeit anrüchig seien. Es kann auch schon der bloße Mangel an Glauben zur Gleichgültigkeit und zum Abfall führen. Wir leben ja in einer heil- los „aufgeklärten" Zeit. Wer kaum leien und schreiben gelernt hat, der fühlt sich schon berufen, die höchsten Geheimnisse der Philosophie zu er­gründen und sich eine eigene Weltanschauung zu bilden. Er schwört auf die Wissenschaft, die er höchstens von der äußersten Oberfläche kennt, und will nicht glauben, sondern alles mit seinem mangelhaften Gehirnchen begreifen und „wissen". Dem Kinde gleichend, das den Mond vom Him­mel langen zu können glaubt. Diese Zeitkrank­heit ergreift Leute von allen Bekenntnissen. Aber toenn der Protestant sich diesem „Wissenschaft- lichen" Unglauben zuneigt, so wird et durchaus nicht katholisch, im Gegenteil, er scheut dann erst den Katholizismus, weil der ein strenges Glau- bensbekenntnis ausstellt. Der Katholik aber, der in Glanbenszweifel und Unglauben verfällt, kann leicht Geschmack am Protestantismus finden. Dort gilt ja die verführerische Parole der freien For­schung. und tote der Auaenfchein lehrt, wird die

freie Forschung so weit ausgedehnt, daß man nicht einmal mehr die Gottheit Christi oder die Dreifaltigkeit zu bekennen braucht; man kann nicht bloß vollberechtigtes Mitglied der protestan­tischen Landeskirche, scmdsrn unter Umständen sogar wohlbestallter Prediger werden, wenn man auch Christus nur für einen menschlichen Reli­gionslehrer hält und die Bibel nicht als eine Offenbarung Gottes, sondern als ein Menschen- werk betrachtet, das mit Auswahl nach dem per­sönlichen Geschmack als Erbauungsbuch benutzt werden kann. Wenn nun jemand an den christ- lichen Grundsätzen zweifelt, so wird der Protestan­tismus ihm als bequemer Unterschlupf für die verschiedensten Meinungen verlockend erscheinen.

Da will man an der Zahl der Uebertritte die „W e r b e k r a f t" des einen und des anderen Glaubensbekenntnisses abmessen. Ach, die mo­derne Werdekraft steckt nicht in dem Bekennt­nisse, sondern vielmehr in dem Mangel an Bekenntnis. Wo nichts oder doch möglichst wenig an Glauben gefordert wird, dahin fühlen sich die „Aufgeklärten" gezogen. Die guten Elemente in der evangelischen Kirche — Hut ab vor den redlich strebenden Christen — legen den Haupt- wert auf das p o s i t iv e Prinzip, auf die Mah­nung, daß man durch gläubige Hingabe an Gott sein Heil und seinen Frieden suchen solle. Aber von diesem Prinzip geht heutzutage die Werbekraft nicht aus. Die große Masse der Leute, die dem Protestantismus zufallen, hat nicht das Bedürfnis, durch „den Glauben felig zu werden", sondern will vielmehr ohne Belästi­gung durch Kirchenlehren und Kirchenzucht auf Erden selig werden.

Nun werden die positiven, christlich gesinnten Evangelischen sagen: „Ja, diese Ungläubigen ge­hören nicht zur evangelischen Religionsgemein­schaft; cs gibt doch auch bei den Katholiken kranke und abgestorbene Glieder am Körper der Kirche." Schön; aber da besteht ein doppelter Unterschied. Erstens erkennt die katholisch^ Kirche die vom Glauben und der sittlichen Ordnuna abaesallenen

Katholiken nicht mehr als vollberechtigte Glieder an, sie verfallen dem Banne, während dagegen die Halb- und Ganzungläubigen in der protestan- tischen Kirche ans Grund der „freien Forschung" als vollberechtigt mitspielen. Zweitens — und das ist uns hier die Hauptsache — der Protestan­tismus nimmt die religiös gleichgültig oder un­gläubig gewordenen Katholiken mit offenen Ar­men auf, während die katholische Kirche nur d ie- jenigen Protestanten aufnehmen kann, die ein gesteigertes religiöses B^)ürfnis und einen reicheren Glaubensschatz sich erworben haben.

W i e v i e l e von den Protestanten, die heut« noch zur evangelischen Landeskirche gezählt wer­den, stehen denn noch auf dem Boden des „Be­kenntnisses"? Die „Aufgeklärten" treten erber doch nicht aus der Landeskirche aus. Don feiten der Sozialdemokratie wurde ja vor Jahrzehnten einmal eine Austrittsbewegung eingeleitet. Aber auch die erklärten Gottesleugner taten bis auf verschwindende Ausnahmen nicht mit. Warum sollten sie sich die Umstände und die Geldausgabe machen? Die Zugehörigkeit zur Landeskirche be­lästigt sie ja weiter nicht. Daß ihre Kinder am protestantischen Religionsunterricht teilnehmen, macht ihnen keine Kopfschmerzen; was der Leh­rer ober Prediger ihnen beibringt, wird zu Hause oder später in der Kneipe oder Werkstatt gründ­lich wieder ausgefegt. Sa bekommen wir gony Generationen von Namenchristen, die keine Chrr- ften sind. Der mit seiner Religion zerfallene Protestant hat also keinen wirksamen Antrieb zum Uebertritt in freireligiöse Gemeinden oder zum offenen Unglauben. Der mit feiner Reu- gion zerfallene Katholik dagegen fallt leicht dem Protestantismus au der als bequemeres und zu­gleich angesehenes Bekenntnis dahinter steht.

Es wurde schon mal ausgeführt, daß man sich eine Konfessionsleiter vorstellen könne: obenan sitzt der Katholizismus mit seinen strengen An­forderungen, tanmter bet Protestantismus mit seiner „Freiheit". Wer oben strauchelt, fällt bo< der katholischen Stufe auf die breite protestaw