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ÄÄo. Wochentage: „Illustrierte Sonntagrzettung"

35. Jahrgang,

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verantw. Redakteur: Carl Schütte»

Erscheint tS-lich mit Ausnahme der $o,m« und Feiertage, viertel, jährliche» vezugrpreir ohne vringerlohn und vestellgeldinZuldass- «ie muwärts 1.50 Ml.

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Verlag der Fuldaer At-

._ w. — ., , .. tiendruckerei in Fulda

Monatrbeüage: „8uldaer Geschichtzbiatter Fernsprecher Rr.y.

Deutsches Reich.

* Der Kaiser unternahm gestern von Cron» berg im Automobil einen AuSflug nach dem Feldberg. Nachmittags 3 Uhr reiste er nach Wilhelmshöhe ab. rot er um 7 Uhr eintraft — Kriegsminister v. Einem traf gestern mittag in Kassel ein und stieg im Kommandantur» Ge­bäude am Friedrichsplatze ab.

* Der englische Schatzkanzler Lloyd Georae ist am Freitag in Berlin eingetroffen, um stH» wie offiziös bekannt gegeben wird, über die Einrichtung der Alters» und Invaliden^ Versorgung zu unterrichten. Nur zu diesem Zwecke soll er auch den Staatssekretär des Inne« ausgesucht haben. Vorgestern verweilte Lloyds George in Frankfurt a. M. Er hatte botl eine Besprechung mit Oberbürgermeister Adickeg und Stadtrat Flesch über die Altersversicherung.

* Staatssekretär Dernburg tritt, wie au- Swakopmund gemeldet wird, heute seine Heim­reise an.

□ Schücking, Block und Reichsfinanzreform. Die liberalen Blätter schlachten den Fall Schücking gehörig für ihre Parteizwecke aus, so daß der Dementierungsapparat der Regierung, die,Nord» deutsche Allg. Ztg.ß viel Arbeit hat. Nun oet» mutet die .Kölnische Zeitung', daß die ganz^ Affäre nur deshalb in Aktion gesetzt sei, um —»s die Reicksfiaanzreform zum Scheitern zu bringen! Zn längeren Betrachtungen eines „ZuM Fall Schücking" überschriebenen Berliner Be­richtes schreibt sie:

„Es würde uns nicht wundern, wenn man a| manchen Stellen gar nicht daran glauben sollte, daß ein Fall von Unverständnis vorliegt, sondern, weint man auf die Vermutung komme, daß das in dieses Weise weitergesührte Disziplinarverfahren gegen Schücking ganz planmäßig darauf abziele, die R e tch s« finanzreform und damit die Politik de» Reichskanzlers zum Scheitern zu bringen. Bom Standpunkte des ReffortS ist es formell zu­treffend, daß der Minister deS Innern nicht t» de» Lage ist, in ein schwebendes gerichtliches Verfahren ei» zugreifen. Aber in welchen Zuständen leben wir denn, wenn untergeordnete Behörden selbständig Maßregel« ergreifen können, die der allgemeinen Politik zuwider» laufrn und groß angelegte politische Aktionen oeS vee»

Grstes Wlatt.

ö Der Düsseldorfer Katholikentag.

Wenn man die Generalversammlung einen Jungbrunnen für das katholische Deutschland ge­nannt hat, so möchte ich hinzusetzen, daß es sich hier nicht um ein phlegmatisches Wannenbad han­delt, sondern um ein kräftiges Brausebad. Von allen Seiten spritzen einen die lauteren und er­frischenden Wasserstrahlen an, sodaß man nicht weiß, wohin man sich drehen soll. In alle Falten und Ecken der Seele wollen sie eindringen, der Kopf und das Herz und die Willensnerven werden mächtig aufgefrischt.

Wenn diese Kur fünf Tage gedauert hat, so wird man müde und muß die empfangenen An> regungen in Ruhe weiter verarbeiten. Eine ge­sunde, angenehme Müdigkeit, — ein gesegnetes Verdauungsschläfchen l Unter der Voraussetzung, daß man nachher desto tüchtiger an die Arbeit geht.

Wer dabei gewesen ist, wird gewiß vollbefrie- bigt sein von der Fülle und von der Vortrefflich- kert des Gebotenen. Wer nicht dabei gewesen ist, hat viel versäumt. Holt es bei nächster Gelegen­heit nach und laßt euch in die Listen der ständigen Mitglieder der Generalversammlung einschreiben.

Was ist das schönste, womit der Rückblick be­ginnen muß? Schwere Auswahl. Doch jedenfalls gehört der Festzug am Sonntag in die erste Reihe, wie er ja auch zeitlich den Anfang macht. O. wie leicht und schnell liest man von dem Pa­pier, daß 63000 Männer vorbeigezogen sindl Aber welche Summe von Arbeit und Sorgen, von Ko­sten und Opfern steckt hinter der gelungenen Pa­rade einer solchen Armee! Wer nicht dumm ist, wird durch Erfahrung immer klüger. Die Kunst, einen Riesenfestzug zu ordnen und zu leiten, hat sich bei uns immer mehr vervollkommnet. Dieses Jahr hat sich die taktische Erbweisheit so glänzend wie noch nie bewährt, und doch waren die Massen größer als je zuvor. Die Bildung zweier Kreise, die sich vor dem Zelt des Oberhirten und seines Generalstabes berühren, aber vorher und nachher sich scheiden, ist in Essen zuerst erprobt worden: getrennt marschieren und vereint Hoch rufen! Ohne diese Erfindung wäre die Parade in Düs­seldorf absolut unmöglich gewesen. Eine sechs Stunden lange Marschkolonne würde unerträg- »ich, selbst wenn es gelänge, 60 000 Menschen von einem einzigen Punkt in ungestörter Ordnung ab- zulassen. Wenn jetzt der Marsch drei Stunden dauert, so ist das für die Abnehmer der Parade schon genug und für die Truppen selbst schon sehr viel. Für letztere kommt nämlich noch hinzu der Gang zur Eisenbahn, die Bahnfahrt, der An­marsch zur Sammelstelle, der Aufenthalt dort Und endlich der Rückmarsch in das Versammlungs­lokal oder das Quartier.

Es fiel angenehm auf, daß in dem Festzug im­mer mehr Turnabteilungen in den hübschen Trach­ten im strammen Schritt mitmarschieren. Sogar Radfahrer waren diesmal zu sehen. Sehr erfreu­lich war ferner die stattliche Beteiligung von Mit­gliedern von katholischen Beamte nvereinen tn ihren Uniformen. Geradezu ergreifend war die Szene bei der Tribüne des Kardinals, als dir Vereine vorbeigezogen waren und die 20 bis 80 Tausend, die den Platz uird die angrenzenden Straßen füllten, die Häupter entblößten und plötzlich das „Großer Gott, Dich loben wir" an- stimmten. Der improvisierte Massenchor unter oen uralten Bäumen des Hofgartens wird allen Teilnehmern unvergesien bleiben.

Ich möchte darauf mal recht deutlich Hinwei­sen.. damit die Zuschauer richtig erkennen, welch' große Opfer die wackeren Vereinsgenossen brin- yen. Ein befreundeter Präses eines Arbeiterver­

eins sagte mir: „Mit 200 Mann sind wir aus unserem Ort von 2300 Einwohnern ausgezogen. Wir kamen um 12 Uhr in Düsseldorf an, hatten dann eine Stunde lang zu gehen bis zum Aus- stellungSplatz. Darauf marschierten wir von 1 Uhr bis 4 Uhr, an der Huldigungsstätte bei Sr. Emi­nenz vorbei bis zum Apollotheater. Eine Stra­paze: aber die Leute hielten tapfer und froh aus: es war ihnen Freude und reicher Lohn, daß sie im Namen ihre? Ortes und ihres Standes dem Kir­chenfürsten ihre Ovation darbringen und die kirch­liche Gesinnung vor aller Welt so eindrucksvoll und schön bekunden helfen durften. .Dann wurde ihnen noch eine kleine Abschiedsfeier im Wartesaal des Bahnhofes geboten. Bei der Rückkehr am heimischen Bahnhof warteten die Frauen und Kin­der: sie wollten erzählt haben, wie es gewesen sei. Weiter hat der Einzelne keinen Lohn für die Mühen. Aber die gute Sache hat den Erfolg. Nicht bloß in Düsseldorf, sondern in allen Orten, die ihre Vertreter gestellt hatten. Man gewinnt dort mehr Verständnis für die Arbeiter- oder Handwerkervereine, sie werben sich neue Freunde, die ganze Vereinsbewegung wird in neuen Schwung gebracht. Ehre den Männern, die dafür Schweiß- und Geldopfer bringen!" —

Ein Sachverständiger schätzt den Herstellungs­wert der Fahnen in dem Zuge auf % Million Welch' ein Jammer wäre es gewesen, wenn etwa der Siegen diese kostbaren und dem Herzen so teuren Fahnen beschädigt hätte. Aber das Wet­ter war uns gnädiger, als dem Grafen Zeppe­lin. Auch bei den anderen Veranstaltungen im Freien (Wallfahrt. Gartenfest, Rheinfahrt mit Uferbeleuchtung) hatten sich die drohenden Wol­ken rechtzeitig verzogen. Nur am Montag gab es während der ersten großen Sitzung in der Fest­halle ein Unwetter, aber auch gleich ein großarti­ges Unwetter, aus dem sich drei hätten machen lassen. Das war nicht e i n Wolkenbruch, sondern eine ganze Reihe hintereinander, durch einige Stunden hindurch. In der Halle waren gerade die bevorzugtesten Plätze von dem Durchschlags­wasser heimgesucht, — die Damen-Galerie und die gegenüberliegende Präsidialtribüne, auch die Plätze der Presse. Man konnte Bischöfe unter Regenschirmen sitzen sehen. Die Red­ner führten einen Verzweiflungskampf gegen das Regengeprasfel und die Donnerschläge: sie mußten den kürzeren ziehen. Zeitweise konnten auch die ganz nahe an der Tribüne sitzenden Zu­hörer kaum noch ein Wort auffangen. Erst als die Versammlung aus 10 000 Kehlen ein gemein­sames Lied erklingen ließ, war das Geräusch der Elemente zu übertönen. Nun, was nicht gleich zu verstehen war, kann man im wortgetreuen Be­richt Nachlesen. Der Schaden ist zu reparieren. Ein erbaulicher Eindruck blieb doch: denn ich glaube, manche werden mit mir an den schönen Psalm gedacht haben von der Stimme des Herrn, die aus der Gewalt der Elemente klingt.

Im ganzen hat die riesiae Festhalle sich treff­lich bewährt. Auch die Akustik war gut. Natürlich kann man in einem Raum« von 90 Meter Länge an den äußersten Flügeln nicht jedes Wort ver­stehen. Darum muß man sich entweder einen nu­merierten Platz in der Mitte leisten, oder man muß frühzeitig kommen, um sich von den freien Plätzen einen guten ansfuchen zu können. Aller­dings gibt es da einen scharfen Wettbewerb. Schon mehrere Stunden vor der Eröffnung ström­ten die Menschen in langen Zügen der Festhalle zu. Geduldig harren sie der Dinge, die um 5 Uhr kommen sollen, und sie halten aus bis zum Schluß um 8 Uhr, reichlich entschädigt durch den Genuß, der in der unmittelbaren Teilnahme an einer solchen katholischen Riesenversammlung liegt. Die Worte, die da vom Rednerpult erklingen, tun es nicht allein; das Ganze wirkt so mächtig auf die Seele ein.

Darum soll sich auch niemand von der Fahrt zum Katholikentag abhalten lassen durch die Be­fürchtung, er werde vielleicht keinen guten Platz erhalten und nicht jedes Wort des Redners ver­stehen können. Dem Gedankengang wird er doch folgen können und dann wird er auch von dem elektrischen Strome der Begeisterung ergriffen werden, der durch die zehntausendköpfige Ver­sammlung geht. Das ist wahrlich das Reisen und Sitzen wert.

Besonderen Eindruck machte die festliche Auf­fahrt der farbentragenden Studentenverbindun­gen und ihre Huldigung vor dem Kriegerdenkmal. Der kurze Akt gestaltete sich zu einer Feier von buntester Pracht und unverkennbarer Wirkung. In dem offenen Halbrund der marmornen Ein- faffung, die 66 bunten Banner und deren Träger und Begleiter in vollem Wichs, darüber ein leicht verschleierter regengrauer Himmel, aus dem zu­weilen ein flüchtiger Sonnenstrahl auf das far­benfrohe Gepränge glitt, dazu die weihevolle Stille des Hofgartens und dann sprach der Vor­ortspräsident des E. V. von dem Tag, an dem die patriotische Empfindung der katholischen stu- dentischen Jugend zum höchsten Ausdruck, gebracht werden solle, im treuen Gedenken an jene, dre im männermordenden Kampf auf der Wahlstatt biteben, im Gedenken aber auch an das Vater­land, das Friedensland, und an den, der seine Geschicke lenkt. Hurra dem Kaiser! klang's aus jugendfrischen Kehlen und Deutschland, Deutsch­land über alles! stieg's aus jugendlich begeister­ten Herzen zum Himmel auf. Daß die katholische Studentenschaft es im Ernstfälle nicht bei den schönen Worten bewenden läßt, sondern auch durch die Tat ihre vaterländische Gesinnung bekundet, hat sie glänzend im Jahre 1870 durch den zahl­reichen freiwilligen Eintritt in das Heer bezw. durch die Meldungen zur Krankenpflege gezeigt. Tie katholifcheu Studenten wetteiferten damals mit den katholischen Priestern und Ordensper- sotten.

Soll ich nun noch auf die Redner eingehen? Soll ich entscheiden, welchem Redner der erste Preis gebührt — dem der tief philosophischen Siebe des Professors Mattsbach aus Münster oder dem hochpoetischen Kunstvortrag des Professors Meyer aus Luxemburg oder der wunderbar reich­haltigen Rede des Abg. Marx über die Sage der Katholiken in Deutschland oder dem Schlußhymnus auf das Papsttum, den der schweizerische Cicero Ständerat Wirz so erhebend sang? Ich sage nur, daß in den rednerischen Leistungen die Düsseldor­fer Tagung einen weiteren Fortschritt gebracht hat. und daß das viel bedeuten will angesichts der tüchtigen früheren Leistungen.

Aber dem Präsidenten, dem jugendfrischen und männlich-tüchtigen Grafen Hans P r a f ch m a muß ich noch ein Reis zu den vielen Lorbeeren legen. Er hat einen unbestrittenen Erfolg ge­habt, und das Geheimnis des Erfolges liegt, wie ich glaube, darin, daß er sich einfach gab, wie er ist: bescheiden, taktvoll, umsichtig und klug, ein echter katholischer Edelmann von altem Schrot und Korn, wie Kardinal Fischer sich ausdrückt. So brachte ?r in feine Geschäftsführung jenen Zug der Sicherheit, Treuherzigkeit und Gemüt­lichkeit, der so wohl tut.

Der Düsseldorfer Katholikentag trug den Cha­rakter einer imposanten Huldigung an den Jubelpapst Pius X. Aber es war nicht eine bloße Huldigung, sondern auch ein lautes, vorbehaltloses Bekenntnis der deutschen Katho­liken zu den Maßnahmen, die der hl. Vater zum Schutze der religiösen Lehre getroffen hat. Da­neben konnte beobachtet werden, wie die römische Frage schärfer als sonst in den Vordergrund ge­rückt wurde. Die in der letzten Versammlung angenommene Resolution zur römischen Frage fordert mit Entschiedenheit die Freiheit und Un-

abhängiakeit des hl. Stuhles. Man darf anneh­men. daß diese Forderung dem hl. Vater gegen­wärtig einen besonderen Trost bereitet. Anderer- feitS kann auch gesagt werden, daß es einem Be­dürfnis des Katholikentages entsprochen hat, di« römische Frage in diesem Jahre angesichts der durch die freimaurerischen Erfolge erschwerten Verhältnisse in Rom energischer zu betonen.

Ein herrliches Fest der Eintracht und deS ge­meinsamen Vorwärtsstreben. Es ist vorbei. Am Schluffe sagten sich die Besucher: Auf Wieder­sehen im nächsten Jahre! Aber wo? Der Ort konnte nicht genannt werden. Man, weiß noch nicht, ob das nahegelegene Münster i. W. oder eine süddeutsche Stadt den Vorzug haben wird.

Nun müssen wir uns aber in acht nehmen vor llcbermut und EitelkNt. Unsere zahlreichen aus­ländischen Gäste sagte» uns fortwährend Schmei­cheleien, ganz besonders am BegrüßungSabend. Es ist ja schön, daß sie Anhaltspunkte für ihr« Lob spräche auf das vorbildliche Deutschland fin­den; doch wir sollten uns dabei immer bewußt bleiben, daß Gunst des Himmels verpflichtet und Erfolge neue Aufgaben stellne. Das Errungen« muß nicht nur behauptet, sondern gemehrt un­entwickelt werden. Keine selbstgefällige Rast auf den Lorbeeren, sondern rmmer vorwärts! Das ist die rechte Generalversammlungs-Stin»» ntung.

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

85] (Nachdruck verboten).

Nachdem Nelly sich von ihrem ersten Schreck krholt und mehr seine Worte achtete, kam sie im­mer mehr zu der Ueberzeugung, daß seine Aus­sagen doch wahr sein möchten, und schenkte ihnen endlich vollen Glauben. Langsam, fast beschämt zog sie sich einige Schritte von ihm zurück und sagte mit leiser Stimme:

„Und Sie sind Guido Harrington?"

„Ja! nur ich bin der einzige Erbe Sir Harry Harrington's"

Eine Minute herrschte .Schweigen, wahrend dessen das junge Paar in tiefes Nachdenken ver­sunken war. „Was ist nun zu tun?" begann Nelly dann wieder, indem sie zum Fenster hinaus auf die Schneemassein blickte. „Wir müssen Bahn brechen und an Sir Harry telegraphieren lasten."

„Nein, das darf nicht geschehen", erwiderte Guido hastig. „Lassen Sie mich hier, bis ich ge­sund bin. Mein Vater hat mich nicht vermißt. Er hat jenen verräterischen Ferdinand Brander in sein Herz an meiner Stelle aufgenommen. Ich will nicht eher nach Harrington Hall gehen, als dis ich mich vollständig kräftig fühle. Wer weiß", fügte er mit bitterem Lächeln hinzu, „ob ich nicht jtfS ein Betrüger aus gewiesen würde."

„Sie sollen hier bleiben, Guido und nach Harrington Hall gehen, wenn Sie sich ganz wohl suhlen. Aber tun Sie Ihrem Vater kein Un- tedjt durch die Beschuldigung, daß er den Be­trüger als seinen Sohn ausgenommen hat. Ich Möchte behaupten, daß er nicht mit ihm zufrieden ist. Ter Instinkt des Vaterherzens muß ihm die Liebe versagen, die nur Ihnen gehört.

Es wird der glücklichste Tag im Leben Sir Harrys fein, wenn Sie zurückkehven und Ihre Ansprüche dann geltend machen. Vor allen Din­

gen müssen Sie nun bestrebt sein, Ihre Kräfte wieder zu erlangen, denn mit Ihren Kräften werden Sie auch das Glück wiederfinden."

Guido blickte voll in das liebliche, freudige Gesicht des Mädchens.

„Aber nur Ems kann mich wirklich glücklich machen," dachte er. „Es ist mir, als hätte ich Nelly schon Jahre lang gekannt. Und ich liebe dieses Geschöpf über alles. Ich werde dies Haus nicht eher verlassen, als bis sie mir versprochen hat, meine Gattin zu werden — aber wird sie einen Mann heiraten, den sie als geisteskrank ge­kannt hat und dessen sie sich aus Mitleid an­nahm? Was würde sie sagen, wenn sie wüßte, daß meine Dankbarkeit zu ihr sich in Liebe ver­wandelt hat — in Liebe, wie sie ein Mann nur einmal empfindet und dann für immer?!

XL III.

Ellas Opfer.

Als Ella Beamfield wieder in die Halle herab­kam, erwartete Brander sie bereits. Er bot ihr feinen Arm an, doch sie schien diese Höflichkeit nicht zu bemerken, denn fie ging an ihm vor­über und eilte ihm voran über den großen Platz dem Flusse zu.

Brander biß sich auf die Lippen und beschleu­nigte seine Schritte, um an ihre Seite zu kom­me».

„ES scheint mir, als ob Du mir heute aus- 3veichst, Ella," sagte er, als er sie endlich erreicht hatte. „Dein Benehmen ift nicht, wie ba§ eines Mädchens gegen ihren Verlobten sein soll. Hat mein Vater Dich etwa gegen mich aufgestachelt?"

Ella wandte sich entrüstet nach Brander um.

„Wie kommst Du zu einer solchen Frage," fragte sie vorwurfsvoll.

„Auf sehr leicht erklärliche Weise," antwortete er gereizt. „Als ich heute ms Frühstückzimmer trat, schien es mir, als hätte er Dir etwas Vach- teili'ges von mir gesagt."

„Und wenn er dies getan hat, so sagte er doch nichts als die Wahrheit."

Brander machte eine grimmige Geberde.

„Er hat mich also bei Dir herabgesetzt? rief er wütend. Ec hat Dir verraten, daß — daß ich —" —

„Daß Du einen Diebstahl begangen hast?" fragte Ella ruhig, als er zögerte. „Nein, das hat er mir nicht verraten; dennoch aber sprachen wir davon."

Branders Augen funkelten vor Wut, und die krampfhaft geballte Hand emporhebend, rief er heftig:

„Fluch ihm!"

„Wie kannst Du es wagen, Detnem Vater zu fluchen?" sagte Ella mit einem verachtenden Blick auf Brander und entsetzt einige Schritte zurück­weichend. „Wie kannst Du es wagen, so zu mir zu sprechen von dem edelsten, liebevollsten Vater, den es gibt, und den Du durch Deine Schlechtig­keit und verwerflichen Handlungen so sehr betrübt hast. Glaubst Du, daß Dein Fluch ihm etwas schaden wird? Du bist nicht wert, fein Sohn — nicht einmal teert, sein Diener zu fein."

„Er hat einen guten Verteidiger an Dir," schäumte Brander, „schade, daß er Dein Playdo- yer nicht hört. Wenn wir aber von Schlechtigkeit und Verräterei sprechen wollen, so ist er der Schlechteste und der Verräter —"

„Halt ein!" rief Ella empört, und ihre Augen flammten, als ob sie mit ihren Blicken ihn ver­nichten wollte. „Ich will nicht solche Reden von ihm hören. Schämst Du Dich nicht vor Dir selbst? Nicht Sir Harry hatte mir gesagt, daß Du den Diebltahl ausgeführt hast, sondern ich habe cs ihm erzählt!"

Brander erschrack und sah Ella ungläubig an.

„Hat er es gestern abend zuerst entdeckt?" fragte er. „Hat er es nicht erfahren, als er meine Unterredung mit dem Italiener belauschte.

„Ich weiß nichts von einer Unterredung zwi­schen'Dir und dem Italiener. Aber ich weiß, baß Du der nächtliche Dieb hist und will Dir mit­

teilen, wie ich das erfahren habe. Ich könnt« an dem Abend, als Du den Diebstahl ausführtest, nicht ßhlafen. Nach Mitternacht hörte ich Tritte« Diebe vermutend, ging ich hinaus in den Korri­dor. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zuge» macht, als Du, den Schrankschlüssel in der Hand, auS Sir Harrys Zimmer kamst."

„Du hast mich gesehen?" stammelte Brand«? erbleichend.

„Ja. Ich sah Dich dann in Dein Zimmer gehen und mit einem Licht zurück kommen. Ich folgte Dir hinunter in die Halle und war Zeug« Deines ganzen Verbrechens!"

Brander stieß einen Schrei aus, sein Gesicht verzerrte sich schrecklich.

„Ich sah Dich mit Deiner Beute durch bal Fenster schlüpfen," fuhr Ella mit besonderem Nachdruck erbarmungslos fort. „Ich ging in mellt Zimmer zurück und ließ gestern vormittag Sir Harry zu mir bitten, um ihm mitzuteilen, was ich gesehen habe."

„Du warst es also, die meinen Vater veran­laßte, mich gestern abend zu belauschen!" fagt< Brander. „Hat er Dir heute früh mein Bekennt- ins, meine Reue mitgeteilt?"

„Er hat mir nur gesagt, daß das Geld zu» Deckung einer Spielschuld bestimmt gewesen ist/

„So ist es, sagte Brander, wie beschämt den Kopf senkend. Ich habe meinem Vater bereits alles gestanden und seine volle Verzeihung er­halten. Die ganze Sache war nichts als ein« Jugendtorheit."

„Ich muß gestehen, daß ich sie nicht in diesem Lichte betrachten kann," versetzte Ella falt.

„Hast Du fein Erbarmen, Ella? Siehst Du nicht, wie schrecklich ich leide unter dem Bewußt- fein, daß mein Fehltritt vor Dir aufgedeckt liegt?" rief Brander leidenschaftlich „Bedenke, welche Vor mich zu jener Tat trieb: „Ich .spielte in Neapel, verlor und war genötigt, einen Schuld­schein von 2000 Pfund zu unterschreiben. Der Mann kam nach Harrington Hall und verlangt« fein Geld. Woher aber sollte ich da8 Geld in der