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BstattonrdrnLnnd Verlag der Lnldaer AL fienbrnderei In Kulda Zerusprecher Ur. 9.

M 191.

Fulda, Freitag den 20. August 1908.

35. Jahrgang.

Erstes

55. Generalversammlung • der Katholiken Deutschlands.

tt. Düsseldorf, 20. August 1908.

Fünfter Tag — Donnerst ag.

Iie vierte geschlossene Versammlung „egann schon nm 8 Uhr morgens. Sie genehmigte die vom Zentralkommitee vorgelegten Abänderungen zu den -ahungen. , .

:1 t <e Zulassung der Fr a u en als Mitglieder zu den ’ . eialveriammlungen war im Ausschuß lange verhanoelt worven. Heute ging der Beschluß dahm, daß Frcmenoereine als lörperschaftliche Mitglieder zu­gelassen werden, aber nur durch männliche Vertreter an den Beralnngen teilnehmen können.

Zur rö misch en Frage wurde eine Entschließung vorgelegt, worin der Katholikentag mit dem Papste die Irrtümer verwirft, die der Papst in der Enzyklika über den Modernismus verworfen hat. Ferner werden die Katholiken Deutschlands zur reichlichen Spende des Pelerspsennigs aufgefordert.

Dann heißt es:

Sie (die Generalversammlung) muß den Anspruch aufrecht erhalten, daß der Papst eine »o Ile und wirkliche Unabhängig kett und Freiheit genieße, welcher d e unerläßliche Vorbedingung für die Freiheit uno unadhängigleit der katholischen Kirche ist. Eine Bedingung der Unabhängigkeit ist auch die volle finan­zielle Selbständigkeit der päpstlichen Verwaltung, welche durch regelmäßige reichliche Unterstützung der Sammlung zum Peterspfennig gefichtert werden muß.

Zur Fürsorge für die Arbeiter bei den im nächsten Jahre beginnenden Kanalbauten hat der Charitas- Verband für das katholische Deutschland schon Für­sorgestellen für Kanalarbeiter in Berlin, Hannover und Essen gebildet. Ein Antrag, diese Bestrebungen be­sonders in den betreffenden Landesteilen zu unterstützen, wurde angenommen. Anträge zur Anlialkoholdewegung, über Krüppelfürsorge, über Mrafrechtspflege und Ge- fänaniswesen fanden keinen Widerspruch. Mit ge­schäftlichen Angelegenheiten wurden die Beratungen der geschlossenen Versammlung beendet.

Um 7 11 Uhr folgte dann in der Festhalle bei un­vermindertem Andrang die

letzte öffentliche Versammlung.

Wie immer in diesen Tagen, nahmen auch heute die Herren Bischöfe unter Führung des Herr Kardinals Fischer daran teil.

Präfident Graf Praschma eröffnete die Versamm­lung mit dem katholischen Gruße.

Pfarrer Dr. Janßen-Bünnik (Holland) verbreitete sich über die Beziehungen der Katho­liken und Protestanten in Holland zuein­ander. Er schilderte, wie es in diesem Lande nach jahrhundertelangem heftigen konfessionellen Streite zu einem erbaulrchen und segenspendenden Frieden zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen gekommen ist. Breiter und tiefer als die Kluft, die Katholiken und Protestanten trenne, sei die. die gähne zwischen Glauben und Unglauben. . 1 h in politischer Be­ziehung wirkten Katholiken un.) gläubige Protestanten mit bestem Erfolge miteinander. Dabei erkenne der Staat der katholischen Kirche eine Freiheit zu, von der man in einem großen Lande, wo man begeistert singe: „Freiheit, die ich meine", kaum eine Ahnung habe. Nack kirchlichen Gesetzen würden in Holland die Bischöfe gewählt, die Geistlichen bestellt, nach kirch­lichen Gesetzen wirkten die Orden in aller Freiheit (lebh. Beifall), auch die Jesuiten. Von einem Konflikt zwischen Kirche und Staat oder gar von „finsteren An- i ( ei>" (Heiterkeit) wider den Staat habe man nicht oo.= geringste gespürt (Zustimmung). Auch in Deutsch­land drehe es sich heule nur um die Frage: Für oder wider Christus! Diese Einsicht mässe sich immer mehr Bahn brechen und auch hier zu einem friedlichen Zu­sammenwirken der zwei christlichen Konfessionen führen. Lebhafte Zustimmung.)

Mit lebhaftem Beifall begrüßte die Versammlung dann den greifen

Stiinberat Wirz-Barmen (Schweiz), der in seiner Rede über das Papsttum zunächst die Grüße des katholischen Schweizervolkes überbrachte:

Ich komme auS dem Herzen der Schweiz, aus der Heimat des Helden Arnold von Winkelried und des seligen Nikolaus von der Flüe, des Nationalheiligen des Schweizerlondes, aus dem ragenden Hochgebirge herab zum Rhein mit seinem gewaltigen industriellen Leben. Ich finde hier keine gewaltigen Gebirge, aber ich finde hier eine Felsentreue an Glauben und an die Kirche so stark, wie der Granit meiner Berge, so klar wie der Gletscherfirn im Sonnenglanze. (Zu­stimmung.) Er verwahrt die Katholiken dagegen, daß sie rbr Vaterland jenseits der Berge hätten. Tas sei nicht wahr (Zustimmung.) Man bemängelt unseren Patriotismus. Dagegen erheben wir Protest. (Er­neute lebhafte Zustimmung..) Aber „ultramontan" sind wir insofern, als unsere Herzen nach Rom hin neigen zum Oberhaupte unserer Kirche, zum heiligen Vater, dem Lehrer der katholischen Wahrheit und dem Träger der kcrtholischen Einheit.

Was ist Wahrheit? Diese Frage bewegt alle Her­zen und schwebt auf alle Lippen. Der Papst als der Stellvertreter Christi sagt: Ich bin der Lehrer der Wahrheit, weil die kathol. Kirche die Wahr­heit Von Christus empfing, darum gebe ich dir eine Antwort auf deine bange, bittende, flehentliche Frage nach der Wahrheit. Die Welt aber will die Antwort des Papstes nicht hören. Sie wendet sich von ihm ab. Immerhin aber gibt es Taufende und Hunderttausende und Millionen, welche dem Worte des obersten Hirten der Kirche lauschen, seiner Stimme folgen und seiner Lehre glauben. Diese Stimme ertönt von Pol zu Pol, vom Fels zum Meere und sie ruft überall ein gewal­tiges Echo hervor, überall, soweit die Sonne ihre Strahlen senket und die brandenden Meereswogen sich brechen an der Felswand des Gebirges. Der tiefsin­nige Forscher, der mit seinem Adlerblick die Bahnen der Gestirne bmeitzt oder in die dunkelsten Schichten des Erdballs eindringt, und das fromme Mütterlein, das den Liebling ihres Herzens mit des heiligen Kreu­zes sieghaftem Zeichen segnet, und der neubekehrte Gläubige in einem fernen Weltteile, der zum ersten Male feine Knie beugt vor Christus, dem Gekreuzigten, — sie olle rufen laut und freudig: „Credo — i ch glaube". (Lebh. Beifall.) Woher kommt dieses Credo ? — Von den Aposteln! Wer hütet dieses Credo und wer sorgt dafür, daß es ungeschmälert von Generation zu Generation erhalten bleibt? Diese Sorge liegt dem Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, dem römischen Papste, ob. Darin liegt die große Be­deutung und das unsterbliche Verdienst des Papsttums, daß es der Wächter ist, der mit treuester Obhut die von Christus dem Herrn seiner Kirche übergebene Hin­terlage des Glaubens beschützt und bewacht durch alle Zeiten. (Lebh. Zustimmung.)

„Ignoramus et ignorabimus. — Wir wissen es nicht und werden es nie wissen!" So lautet die tröst- : lose Antwort, welche das rein menschliche Wissen bat auf die großen Fragen, welche den Menschen und die Mensckbeit auf das tiefste berühren. Wir sehen die­sem riesengewaltigen Fragezeichen eine Antwort ent­gegen und zwar eine Antwort, die uns mit Mut und Trost und mit unsterblichen Hoffnungen erfüllt. Wem verdanken wir es, daß wir eine solch' glaubensmutige und hoffnungssreüdige Antwort geben können? — Das verdanken wir der Kirche und dem obersten Lehrer in der Kirche, dem römischen Papste. Er ist der Sie­gelbewahrer der christlichen Wahrheit. (Erneuter stürm. Beifall.)

Der Papst ist nicht nur der Lehrer der katholischen Wahrheit. Er ist auch der Trager der katholi­schen Einheit. Die moderne Welt ist von zentri­fugalen Strömungen beherrscht. Dem war noch nicht so, als überall eine christliche Staatsordnung und eine Welt- und Lebensauffassung herrschten. Mitten in all den hochwogenden Bewegungen der Gegenwart mit ihren entgegengesetzten Polen steht unerschütterlich der Felsenmann, dem Christus der Herr die Schlüssel des Himmelreiches übergeben hat. Die Einheit ist das große Merkmal der Kirche Gottes auf Erden. (Lebh. Beifall.) Sie ist das Siegel, welches der Herr seiner Kirche aufgedrückt hat. Nie, in keinem Zeitalter der Kirchengeschichte, ist dieses Merkmal der Kirche Gottes auf Erden so hellstrahlend zu Tage getreten, wie in unseren Tagen. Unter den zwölf Aposteln, welche mit Christus beim Abendmahl saßen, gab es einen Verräter, aber unter den nach Tausenden zählenden Nachfolgern der Apostel, den Bischöfen der katholischen Welt in der zweiten Hälfte des neunzehnten und am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, gibt es keinen Verräter. Das hat sich nach dem vatikanischen Konzil und in der Periode des

Kulturkampfes glänzend bewiesen und das zeigt sich auch jetzt m Frankreich. (Lebh. Beifall.) Der Episko- pat der ganzen Welt ist in Treue, Liebe und Gehorsam auf das engste verbunden mit dem römischen Papste. Man kann sich kein großartigeres und kein erhabeneres Schauspiel denken, als diese kirchliche Einheit. Sie be­ruht nicht auf Zwang. Der Papst ist ja aller äußeren Machtmittel entkleidet. Nie, auch in den glänzendsten Perioden der Popstgeschichte nicht, hat sich die Liebe und die Ehrfurcht für den gemeinsamen. Vater der Christenheit in einer solchen Weife geltend gemacht und derart das Staunen und die Be­wunderung aller akatholischen Kreise erregt, toi e ge­rade jetzt. Ist nicht das Jubiläum Pius X. und die Begeisterung, welche es überall hervorruft, so- weit katholische Herzen schlagen, das sprechendste Zeug­nis dafür? (Begeisterte Zustimmung.)

Soll ick noch ein Wort sagen von den unsterblichen Verdiensten des Papsttums um Kunst und Wissen­schaft, in kultureller und in sozialer Hinsicht? D i e europäische Zivilisation beruht auf christlicher Grundlage. Insoweit ist sie zu einem großen Teile das Werk des Papsttums. Wenn das Weib zu einer dem Mann ebenbürtigen Stellung erhoben, und wenn trotz aller menschlichen Gelüste die Einheit und Unauflöslichkeit des Ehebandes bewahrt, wenn das Joch der Sklaverei entzwei gebrochen wurde, so sind das zivilisatorische Großtaten von unermeßlicher Tragweite. Und wer hat in unseren Tagen die soziale Frage mit klarerem Auge und größerer Objektivität beurteilt als Leo XIII. mit seiner Enztklika „Kerum novarurn". (Stürm. Zust.)

Und das alles hat das Papsttum geleistet, trotzdem es aller äußeren Machtmittel beraubt ist. Was alle treuen Katholiken tief schmerzt, das ist, daß feine äußere Stellung seiner erhabenen Würde nicht entspricht. Die katholische Welt wird diese Stellung immer fordern und sie durch den Peters­pfennig unterstützen; besonders jetzt, im Jahre des goldenen Priesterjubiläums. «Lebh. Beifall.) Preisen wir Gottes gnädige Vorsehung, daß sie dem Schifflein Petri Steuermänner gegeben hat, rote wir sie gerade in unseren Tagen bewundern. Wohl sind Pins X. und Leo XIII. verschiedene Typen nach ihrer äußeren Erscheinung und auch nach Charakter und geistiger Veranlagung. Dennoch ist zweifellos ein jeder voisi ihnen ein providentieller Mann von einer epochemachenden Bedeutung, wie sich denn auch ein jeder nicht nur die Ehrfurcht, fondern auch die Liebe des katholischen Volkes im Sturm erobert hat; aber von diesem universellen Charakter bleibt das Primat selbst unberührt. (Beifall.)

Da habe ich, 1901 einmal auf einem schweizerischen Katholikentage gesagt: „Auf dem Felsen der Kirche, an der sich seit zwei Jahrtausenden die Wogen­brandung gebrochen hat, steht ein 90 jähriger Greis, Leo XIII. Er hält die Fahne hoch, auf die einst die Männer des Rütli den Schwur geleistet haben, die Fahne der Fr ei hei t und d es Rechts. Cr hat die wahre Grundlinie gezeichnet für die christliche Demo­kratie. (Lebhaftes Sehr wahr!) Und alle Männer, die während des 19. Jahrhunderts in der politischen Aera die Fahne des Katholizismus hochgehalten haben, sind sie nicht Vorkämpfer von Recht und Freiheit gewesen, sie alle, von Görres und O'Connel bis zu Windthorst, Mallinckrodt und den Reichensperger?" (Lebhafte Zustimmung, stürmischer Beifall.)

Ich bin mit freudiger Begeisterung hierher ge­kommen. Wir betrachten das Rheinland als den Blüten- garten des Katholizismus, und mit Stolz nenne ich die deutschen Katholcken meine Brüder. Und wir sind ja wirkliche Brüder, denn wir haben einen gemeinsamen Vater, den Papst zu Rom. Er zeichnet uns unser Programm vor mit den Worten: „Alles erneuern in Christo!" Das soll geschehen, das soll die kostbare Festesgabe sein, welche die Katholiken des Erdenkreises ihm weihen, es soll wahr werden das Wort, das die Devise des Papsttums bildet durch all die Jahrhunderte: „Christus uincir, Christas regnat, Christus imperat: Christus siegt, Christus regiert, Christus herrscht. (An­haltender stürmischer Beifall.)

Nach lebhaftem Danke an den Redner genehmigte die Versammlung noch die von der geschloffenen Ver­sammlung angenommenere solutionzur römischen Frage, und dann folgte bte

Schlußrede des Präsidenten Grafen Praschma.

Nur noch wenige Augenblicke trennen uns vom Schluffe dieser Berfammlüng. Der Eindruck dieses Augenblicks ist so lebhaft, daß wir sie in unserem

terzen verlängern möchten. Der Chronist, bett diese atholikenversammlung in die Geschichte einreihen wird, wird sie zusammenstellen müssen mit der von 1868 und der von 1R83, die beide in Düsseldorf tagten. Ob er bann auch sagen wirb, wie 1869, baß wir am Vorabend schwerer Kämpfe, schwerer einschneidender Ereigniffe im Inneren wie im Aeußeren stehen, oder ob er sagen wird wie 1883, daß wir auf dem Wege zu gedeihlichen friedlichen Verhältnissen stehen? Was er sagen wird, weiß ich nicht! Manche behaupten, daß Anzeichen schwerer Stürme im Innern und auch im Aeußeren vorhanden waren, daß der christliche Glaube, der Be­stand des Reiches gefährdet sei. Eins aber wird der Cvroniü immer sagen können, daß die Katholiken gerüstet und geeint sind zum Kampfe, zur Abwehr der Angriffe auf ihre Ideale. (Stür­mischer Beifall.) Mögen die Angriffe von außen kommen gegen den Bestand des Reiches oder im Innern die christliche Grundlage unseres Volkstums gefährdet sein, wir Katholiken werden ihnen entgegentreten mit aller Macht und fest geeint,- treu unserem Glauben, treu zu Kaiser und Reich, von denen auch wir unfern Teil beanspruchen, die auch uns gehören und denen wir anhängen so gut wie jeder andere, denen wir unsere letzte Kraft widmen und für die wir den letzten Blutstropfen herzu­geben bereit sind. (Stürmischer Beifall.)

Der Chronist wird, wenn er die äußeren Umstände bei den drei Katholikentagen in Düsseldorf betrachtet, das Wort von Weihbischaf Schmitz auf die 55. Katho- lifenberfammlung antoenben: W i r sind gewach - s e n. Und wenn man vergleicht die Arbeit der Män­ner, die damals hier weilten, mit unserer Tätigkeit, dann wird ec feftfteUen, daß die alten Traditionen auch diesmal noch lebendig und kursfähig geblieben sind.

Der Chronist wird erinnern an den glanzenden Festzug der 60 000 begeisterten Arbeit er, eine Manifestation, wie ich sie noch nie gesehen habe, so ei> hebend, daß 'ch mich oft habe abwenden müffen, um bte auffteigenben Tränen zu verbergen., Jedem der Män­ner, die sich daran beteiligt möchte ich danken im Na­men der Kaiboliken Deutschlands. (Beifall.) Wenn man so etwas sieht, ist es eine Lust, katholisch zu sein. (Lebhafter Beifall.)

Man wird erinnern an die Wallfahrt, die wir gemacht, man wird gedenken des Festzuges der Stu- denken. Darin lag das Geständnis, daß Sie, meine lieben Studenten zu uns gehören und in Zukunft zu uns gehören wollen. (Brausender Beifall, besonders auf der Studententribüne.) An all diesem wird bet Heilige Vater seine herzliche Freude haben. Er wird auch Freude haben an all unseren Beratungen.

Ein Münchener Blatt hat im Anschluß daran, daß in der Einladung zum Katholikentag gesagt war, kein Mort werde die Andersgläubigen verletzen, sich dazu verstiegen zu schreiben, das werde wohl in den öffent­lichen Versammlungen eingehalten, es hoffe aber, daß man dieses Versprechen auch in den geschlossenen Versammlungen erfülle. (Große Heiterkeit.) DaS übrige sei nur Blendwerk. Oberbürgermeister Marx hat am vorigen Sonntag gesagt, die Katholikentage könnten in jeder evangelischen Stadt abgehalten wer­den. TaS unterstreiche ich. Ich füge aber hinzu, daß sie nicht nur dort abgehalten werden können, sondern daß in unsere Versammlungen auch jeder evangelisch« Christ hineinlommen kann (langanhaltender lebhafter Beifall), -r wird sehen, daß wir nur unsere eigenen Angelegenheiten behandeln und nirgends ein Wort der Verletzung für Andersgläubige fällt, auch nicht in den geschlossenen Versammlungen; auch dies« tagen nicht hinter verschlossenen Türen, unsere Türen sind offen. (Lebh. Beifall.)

Wenn wir bei unfern Beratungen auch Dinge zur Sprache bringen, durch die wir uns zurückgesetzt fühlen, so tun wir das nicht um zu jammern und zu klagen, sondern um uns selbst aufzurütteln und uns zu bemühen, durch Aufklärung die Anders­denkenden zu überzeugen und ihre Hülfe zu erhalten. Anderseits sehen wir aber auch, welche Kraft in der kathol. Kirche liegt, und bitten die Andersgläubigen, uns unseren Anteil an Kaiser und Reich zu geben und die uns zukommende Freiheit zu getoähren. (Lebhafter Beifall.)

Mögen unsere Rufe nach Freiheit als Ruse bc8 Friedens hinaustönen an die Andersdenkenden und in das eigene Lager I Heber dem Streben nach konfessio- nellem Frieden vergißt man vielfach den eigenen Frieden. Heben wir herbe Kritik, aber gerechte.

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

84] (Nachdruck verboten).

„In Northumberland, im Cheviotgebirge. Das Haus heißt Bleak Top und gehört mir."

„Wie sonderbar hat das Schicksal mich ge­führt ! fagte Guido. .Setuffbrückug, verwundet, geistesschwach, und endlich gerettet durch den Edelmut jenes jungen Mädchens. Wissen Sie auch Nelly, lver ich bin?"

„Gewiß, Ferdinand", antwortete das Mädchen, stand auf und nahm ein Paketchen vom Kamin­gesims. „Wenn wir es nicht schon gewußt hätten, würden diese Sachen uns Gewißheit darüber ge­geben haben! Sehen Sie!"

Sie löste die Fäden des 'Paketchens und brei­tete die darin befindlichen Gegenstände auf ihren Knien aus. Es waren ein Taschenbuch, eine Geldbörse, ein Taschenmesser, ein Taschentuch und dergleichen mehr, welche Frau Vicini in Guidos Taschen gefunden und auch darin gelassen hatte. Die meisten dieser Gegenstände waren mit dem Namen „Ferdinand Brander" bezeichnet.

Harrington betrachtete die Sachen aufmerksam und erkannte sie auch sogleich.

„Tas alles wurde bei mir gefunden?" fragte er verwundert.

-Gcfsrcy sand sie in Ihrer Tasche, Ferdinand." , ,Es ist mit schon längst ausgefallen, daß Sie mich immer Ferdinand nennen. Warum tun Ste das?"

Nelly erschrak über diese Rede und ihre Augen trübten sich.

„Haben Sie, Ihren Namen vergessen, Ferdi- nand?" fragte sie mit sanfter, aber bekümmerter Stimme. „Wissen Sie nicht mehr, daß Sie Fer­dinand Brander sind und der Reifegesellschafter eines reichen, jungen Engländers waren?"

Guido war auf's Höchste überrascht: seine Kugen verfinsterten sich,

„Erzählen Sie mir von ihm, von meinem Reisegesellschafter!" rief er aufgeregt. „Er er­trank bei dem Schiffbruch, der arme Mensch!"

„Nein, er ertrank nicht. Er war nur wenig verletzt. Er blieb die erste Nacht bei Ihnen, in Vicini's Hause und ließ einen Arzt holen, der ihm sagte, daß Ihre Genesung unmöglich sei. Er sorgte in wahrhaft generöser Weise für Ihren Unterhalt und für Ihre Bequemlichkeit, doch konnte er nicht bei Ihnen bleiben, da seine An- gehörigen ihn erwarteten, und reifte deshalb am nächsten Tage ab."

„Seine Angehörigen? Er hatte keine Ange­hörtgen! Warum ließ er mich unter Fremden? Warum brachte er mich nicht nach England zu­rück?"

, , Werl er dachte, es wäre besser für Sie, wenn Sie in Italien blieben, da Sie doch keine leben­den Freunde und Verwandten hatten, die für Sie in Ihrem traurigen Zustande hätten sorgen können."

„Keine, Freunde, keine Verwandte? — das kann ich nicht verstehen! Schrieb er denn nicht an meinen Vater?"

„Er sagte. Sie hätten keinen Vater — über­haupt keine Verwandten, Ferdinand. Er war so freundlich und fo gut gegen Sie wie ein Bruder. Er ließ reichlich Geld zu Ihrer Verpflegung zu- rück und versprach auch in Zukunft für Sie sor- gen zu wollen. Aber er sagte, daß fein Grund vorhanden sei, Sie von Sizilien zu entfernen."

„Sagte er das?"

Nelly war bestürzt von dem Feuer seiner Augen: feCbft feine sonst so bleichen Wangen waren von einer tiefen Glut überzogen.

„Still, Ferdinand", sagte sie bittend, indem sie besänftigend über seine Stirn strich. Doch Guido achtete ihre Worte nicht.

„Was sagte er, wer er fei?" fragte Guido in fieberhafter Aufregung.

„O, Ferdinand, erinnern Sie sich dessen nicht?" fragte Nelly, deren Angst und Besorgnis mit jeder MinH» sich, steigerte.

„Wissen Sie nicht, daß er Guido Harrington war, Sohn Sir Harry Harringtons zu Harring­ton Hall?"

„Großer Gott?" hauchte Guido hervor. „Die­ser Elende hat mich betrogen!"

Mit der Schnelligkeit des Blitzes trat die ganze Wahrheit vor Guidos Seele. Brander hatte ihn für einen lebenslänglichen Irrsinnigen gehalten, hatte seine Aehnlichkeit mit Guido Har­rington benutzt, um dessen Namen anzunehmen, um sich an den Platz desselben zu drängen.

„Es ist mir alles klar", murmelte er. Jlnb nun ist er zu Harrington Hall?"

„Ja, Ferdinand, Sir Windham sagte mir, als wir an Trübenfeld vorbeifuhren, die Mr. Guido darrin üon gehört, daß Sir Harry's Sohn von seinen Neisen zurückgekehrt sei. Wahrschein­lich ist er zu Harrington Hall; denn wo sollte er sonst fein, wenn er nicht bei seinem Vater wäre?"

Guido richtete sich hoch auf und ballte krampf­haft die Hände. Seine Augen funkelten vor Zorn und Entrüstung und ein unbeschreiblich schmerzlicher Zug lag in seinem edlen Gesicht.

„Dieser Schändliche! Dieser Betrüger! Die­ser elende Verräter! Dieser falsche Freund! rief er, heftig erregt. „Dieser —"

„Ferdinand! Ferdinand!" unterbrach ihn Nell) bittend, und die Tränen traten in ihre Augen. „Um Gotteswillen, seien Sie sttll! Die Aufregung wird Ihnen schaden I"

Guido aber schien ihre Worte nicht zu hören, denn er fuhr in wildem Tone fort:

„O, ich erinnere mich jetzt deutlich, wie er sich über mich beugte,, als ich auf der Felsbank lag. Er dachte, ich wäre tot oder doch im Sterben. Unb in diesem schrecklichen Augenblick konnte er es tragen, ein schändliches Verbrechen zu planen; ia, es ist mir alles klar. Er hat mir alle Pa- btcre, Geld und sonstige Wertsachen gestohlen und dafür diese Sachen in meine Taschen gesteckt — dieser verräterische Mensch!"

„O, Ferdinand!" jammerte Nelly. „Ich bitte Sie, fassen Sie sich. Was ist es, das Sie so auf­geregt hat? Ferdinand —"

Guido machte eine heftige, unwillige Be­wegung.

„Ich heiße nicht Ferdinand!" ries er. „@t ist Brander — Ferdinand Brander. Ich fanb ihn in Baden und nahm ihn in meinen Dienst. Ich hielt ihn für einen ehrlichen, rechtschaffenen Menschen, der sich damals durch englischen Un­terricht ernährte, welche Sprache er, da er meh­rere Jahre in England gewesen, geläufig sprach. Wie habe ich ihn geliebt! Wie habe ich ihm ver­traut I Kein Geheimnis hatte ich vor ihm. Und wie hat er mich getäuscht und betrogen!

„-O, es ist, als sollte ich wahnsinnig werden!"'

„Bitte, beruhigen Sie sich!" bat Nelly in­ständig. „Ich bitte Sie um Jhret- und meinet­willen, beruhigen Sie sich!"

Es lag etwas Bitteres, Schmerzliches in sei­ner Stimme, als er ruhiger antwortete:

„Still sein soll ich, während sich jener Schurke an meinen Platz in meines Vaters Herz geschlichen hat? Ich bin dem Tode nahe, bin ein Irrsinniger gewesen, aber mein Vater hat nichts von meiner Gefahr gewußt; kein Instinkt hat ihm gesagt, daß Ferdinand Bra^r nicht fern Sohn ist. Er hat meinen Nam^t, meine Freunde, mein Erbe gestohlen und mfth hülflos unter Fremden gelas­sen, in der Absicht, daß ich dort zugrunde gehen möchte. Wie kann ich da ruhig fein, Nelly? Jener Elende, deffen fcheinbare Einfachheit und Aufrichtigkeit meine Liebe und Zuneigung ge­wonnen hatte, dessen Aehnlichkeit mit nur meinen Vater — der mich seit Jahren nicht gesehen —*■ getäuscht hat — er ist der wirkliche Ferdinand Brander; und ich — ich bin Guido Harrington!"

Das war allerdings nicht die Sprache und das Gebahren eines Wahnsinnigen. Seine Worte waren klar und deutlich, voll Ueberzeugung ge­sprochen, seine Stimme war fest und aus seinen Augen sprühte das Feuer einer edlen Entrüstung.

(Fortsetzung folgt)