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M 189.

Aweites Wl^cett.

55. Generalversammlung

-er Katholiken Deutschlands.

tt Düsseldorf, 18. August 1908.

Dritter Tag — Dienstag

In der Maxkirche fand heute vormittag ein P on- jif ikal-Requiem statt. Danach tagte um fi'A tlhr in der Festhalle

Der Vollsverein

für daS katholische Deutschland, der nun schon seit Jcchrcn die Hauptveranstaltung des dritten Bersmnm- ftmqStageS ist. Die Halle war wieder zum Erdrücken gesetzt.

Der Borfitzende, Fabrikant Br»nbts-M.-GIadbach, eröffnete die Bersanrmlnng mit einer Begrühungs- kmfprache. Er führte etwa auS: Die Jntereffen per Gesamtheit des Volkes zu fördern, daS ist wahre Kulturarbeit, alle sollen durchdrungen werden von dem Bewußtsein, daß die Jntereffen deS Einzelnen dem Kohle der Gesamtheit unterzuordnen sind und daß zur die Erfüllung der sozialen Pflichten zum sozialen Frieden führen könne. Darum ihr Katholiken: Auf zur sozialen Tatk (Bravo I) Beteiligt euch an un­srer herrlichen Arbeit! Denkt, datz auch ihr zu den Nittern des Geistes gehören könnt, die für Recht und Gerechtigkeit in die Schranken reiten! (Sehr gut!) Helft uns im Volksverein das Volk veredeln. Im Volksverein kann jeder Mitarbeiten und Großes erreichen. (Lebhafter Beifall.) Insbesondere inuf- jen die höheren Schichten des Volkes sich uns mehr anschließen und helfen ,daß die Besitzenden und die Nach Besitz Ringenden einander näher gebracht wer­ben. (Beifall.)

Direktor Dr. Brauns erstattete darauf den Jah- resbericht: Der Volksverein zählte Juni 1906 610 800 Mitglieder. Der Mitgliederzuwachs betrug 45 000 Mitglieder. Zurzeit sind an der Zentralstelle 16 literarisch tätige Vereinsbeamte, teils Geistliche, iteilS Laien. 50 weitere Angestellte sind beauftragt, mit der Buch- und Kaffenführung, mit ©rlebigung der Korrespondenzen, mit den Arbeiten in der Verlags­buchhandlung und Expedition. Wettere 50 Arbeits­kräfte find in der Hausdruckerei beschäftigt. Diese Erweiterung der Arbeiten an der Zentralstelle hatte /chou 1905 den Bau eines eigenen Volkshauses not­wendig gemacht, das 1906 eröffnet wurde. Das Be­richtsjahr brachte einen weiteren Fortschrttt in dem Ausbau des Vertrauensmännershftems. Die Tätigkeit her Auskunftsstelle an der Zentralstelle hat sich von Jahr zu Jahr stark gemehrt. S ie wurde in mehr als 3000 Fällen um Rat angegangen. Die sozial- kviffenschaftliche und apologetische Bibliothek an der Zentralstelle in M^Gladbach (mit 19 000 Büchern und Broschüren) liehen int Berichtsjahre 7268 Nummern tus. Im Berichtsjahre wurden mehr als 3000 Volks­vereinsversammlungen, zumteil auch unter Heranzieh­ung der Frauen und der erwachsenen Jugend abge- haltcn. Einige junge Geistliche und Laien, die sich in den Dietrst der Volksvereinsarbeit zu stellen beabsichti­gen, erhiellcn ein Stipendium zum Studium der Na­tionalökonomie oder zum Studium an der Zentral- £elle. Eine Anzahl der von katholischer Seite begrün- etcn 98 allgemeinen Volksbureaus und Arbeiter- oder BolkSverrinssekretariate, die nebenher ihre Tätigkeit auch in den Dienst der Volksvereinsarbeit stellten und unter Mitverwaüung des Volksvereins stehen, wurde als Entgett dafür ein Zuschuß zuteil. — Im Anschlüsse an diese tatsächlichen Angaben stellte der Redner als erstrebenswertes Ziel hin, daß der Vollsverein mit der Zeit alle erwachsenen katholischen Männer in sich vereinigen muffe, zur gemeinsamen Arbeit, zur Pflege der gemeinsamen Ideale auf dem Boden des Christentums, zum Besten des Einzelnen und der Gesamtheit, zum Wohle des Vaterlandes und zur größeren Ehre Gottes.

Präsident Proschma wies in längeren lichtvollen AuStührungen nach, daß Volksverein und Katholtten- versammlung zusammengehören für alle Zeiten.

Fulda, Mittwoch

(Stürm. Beifall.) Beide sollen die kranke Welt ge- sund machen und da» katholische Volk im Kampfe stär- len. (Brausender Beifall.)

Herr Justizrat Trimborn, dem später der Vorsitz der Versammlung übertragen wurde, teilte mit, daß der Verein nunmehr die Firma .Volksvereins-Verlag, Ges. m. b. H.", führe.

Nachdem der Vorsitzende der Verstorbenen des letz­ten Jahre? gedacht, warf der

Abgeordnete Herold, bei seinem Erscheinen mit Jubel begrüßt, einen Rückblick auf den erstatteten Jahresbericht und empfahl die Wiederwahl des G e neralvrstandeS, die darauf auch einstimmig er­folgte.

Kommerzienrat Müller - Hohberg (M.-Gladbach) prieS die Ideale deS BolkSvereins im Dienste der Wahrheit, der Kulturentwickelung und des Fortschritts auf allen Gebieten, des versöhnenden Ausgleichs der Gegensätze im wirtschaftlichen Leben. Die große Auf­gabe der Katholtten unserer Tage sei: im wirt­schaftlichen Leben rüstig voran zu schrei­ten, (lebh. Beifall) überall tatkräftig mitzuwirken, in geordneter Weise sich auch die Güter dieser Welt unter­tan zu machen. Handel und Industrie seien nicht konfeffionell, aber die Träger von Handel und In­dustrie seien auch Träger einer Weltanschauung, und diese sei es schließlich, welche den Menschen in seinen Handlungen bestimme. Darum müsse man mit dem Volksverein für die Ausbreitung und Befestigung der christlichen Weltanschauung wirken. Möge Gottes Segen auf der Arbett des Bolksvereins muh fürderhin ruhen (Stürm. Beifall). — Darauf richtete

Kardinal Fischer an die Versammlung einige herz­liche Worte. Er gedachte mit Wärme der volksbeglü­ckenden Tätigkeit des Volksvereins, dem er_eine weitere ersprießliche Tätigkeit unter seinem tatkräftigen Vor­stand und namentlich unter seinem mit Hingebnng arbeitenben Präsidenten wünschte. (Jubelnder Seif.) Dann erteilte der Herr Kardinal der Versammlung seinen S e g en.

Prof. Ransbach-Münster verbreitete sich dann in etwa einhalbstündiger Rede in fesselnder Sprache über das Thema', Die sittliche Berechtigung der allgemeinen Kulturbestrebungen des Bolksvereins vom Standpunkte der katholischen Ethik: Wir können nicht ein st im men in den Kulturenthusiasmus der modernen Knlttrrbe- strebungen. Der Heiland hat uns deullich zugerufen: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber Schaden litte an seiner Seele. Je mehr ein Zeitalter versinkt in Schwärmerei der Weltkultur, umsomehr hat die Kirche die Pflicht, durch Hinweise auf das Göttliche in der Predigt und durch das vor­bildliche Beispiel diese Wahreit aufrecht zu erhallen Aber der göttliche Erlöser sagte auch: Alles llebrige wird euch hinzugegeben werden. Gott, der alles erschaffen hat, ist die prinzipielle Harmonie Don jenseitigem Streben und Weltkultur. Das Christentum und rmmentlich die katholische Kirche müssen ein ge­wisses Raß von allgemeiner menschlicher und irdischer Kultur fördern, wenn sie die ewigen Ziele erreichen wollen. (Beifall.) Die Kirche kann nichts anfangen mit Idioten, aber sie verlangt auch nicht, daß man nur Professoren, Kommerzienräte, Künstler heranbll- bet Sie hebt die Menschen aus roher Unkullur e m- por zur mittleren Linie, die notwendig ist, um die volle Blüte des religiösen und geistigen Lebens zu erreichen. Von Aristoteles bis heute erklären die Beobachter deS Lebens, daß das mittlere Verhältnis das beste ist, daß aber die Zeit des besonders ver­feinerten geistigen Lebens und der Neppigkeit den Völ­kern den Niedergang bringt. Unser Vollsverein geht darauf aus, die mittlere Linie zu schaffen, ohne die eine volle Ueberzeugung und eine echt kirchliche >8etä= tigung nicht möglich ist. Der Vollsverein loendet sich an die breiten Schichten, er will sorgen für die, die van den Gütern der geistlichen und wirtschaftlichen Kuttur ausgeschlossen sind, will sie retten vor Ver­zweiflung. Dazu müssen alle ihm Hülfe leihen .(Stürm. Beifall.)

Reichstogsabg. Gröber, mtt lebhaftem Beifall be­grüßt, führte etwa aus: Kampf bedeutet Aufgabe und die hat uns der Herrgott gestellt. Richten wir uns darauf ein, diese Ausgabe richtig zu erfüllen zur Ehre Gattes. Wir Mitglieder des Volksverews erinnern nnS, daß 1869 auf der Düsseldorfer Tagung bereits

19. August 1908.

eine Sozial-KommWon eingesetzt worden ist, nachdem der Kakbolikentag schon 1850 sozialpolitisch gearbeitet hatte. Statt der bloßen Kommission haben wir heute eine ständige soziale Schule im Vollsverein. Heute ist der wirtschaftliche Liberalismus im Prinzip überwun­den. wesentlich auch durch die ständige geschloffene ziel- bewußte Arbeit der deutschen Katholiken. Die Lehre, daß der Einzelne in seinem wirtschaftlichen Leben vollständig frei von jedem Sittengesetz und jedem Rechtsgesetz sei, sieht man heute al» eine Verirrung der liberaler. Theoretiker an . Gerade ein Katholik, Peter Reickensperger war eS, der es durchsetzte, daß wir wieder ein Wuchergesetz bekommen haben. Und im Bürgerlichen Gesetzbuch, im Gesetz gegen den un­lauteren Wettbewerb, ist das Prinzip des Schu­he? deS Kleinen und Schwachen zur Auer- kewumg gelangt. (Beifall.) So ist man schließlich auch wieder zu Innungen, zum kleinen Befähignngs- nachtoeis gekommen; vor 20 Jahren hatte man sie noch für unmöglich gehalten. Einer der liberalen Herren hat einmal zu diesem Handwerkergesetz gesagt: Bis hierher unb nicht Wetter! Aber daS deutsche Volk hat schließlich gesagt: „Liberalismus, bis hierher und nicht weiter! (Lebh. Heiterkeit.) Zunächst will das deutsche Doll l e b en, dann können die liberalen Ge- lehrten kommen und Bücher schreiben. Wie beim Handwerkerstand ist man auch bei den anderen Stän­den zur Organisation gelangt Die Landwirtschaft zu Landwittschaftskammern und Bauernvereinen, die Ar­beiter zu Arbeitervereinen, sogar die Industrie ist zu Bildungen gelangt, die man vor 15 Jahren nod; für unmöglich gehalten, so zu den Kartellen. Solche Kar­telle können mißbraucht werden, aber das Prinzip der Kartelle ist richtig. Die Mißbräuche müssen durch die Gesetzgebung unterbunden werden. Die Hauptaufgabe des wirtschaftlichen Lebens ist nicht, die Schaffung von Tutenden von Millionären, sondern die ge r e ch t e Verteilung der Güter, die Sch, ,ting eines ge­rechten Lobnes für alle ehrlichen Arbeiter! (Bravo.) Und bei alledem ist die Hauptsache, datz die Organisa­tionen von ivahrem christlichem Geist durchdrungen werden. (Sehr richtig!) Deshalb fördert der Volks­verein nicht bloß die Organisationen, sondern er er­füllt sie auch, mit dem r e ch t e n G e i st. Das System des Liberalismus beruht auf der Selbstsucht und auf ihr können sie keine Organisation gründen, sondern nur auf der Nächstenliebe. Nur dann wird die soziale Bewegung zmu Wohle des ganzen Volles sein ,weim vom christlichen Geiste getragen. Deshalb muffen wir aus allen Kräften Mitarbeiten; nicht bloß für uns, wir schaffen ein unerschütterliches Fundament für eie ganze Zukunft deS deutschen Va­terlandes. In Köln hat ein Kardinal das schöne Wort gesprochen: Deutschland, die Lehrerin der Völ­ker! In Deutschland wollen wir Katholiken zeigen, wo daS wahre Wohl des Volkes zu finden ist. (Bravo.) Deshalb« sage ich: Vorwärts in den Volks» i)erein! Katholische Männer, vor die Front! Und auch die Frauen müssen mitarbeiten iBravo.) daß uns Gott zum richtigen Ziele führe! (Anhaltendes stürmisches Händeklatschen.)

Ein y er tretet des italienischen Volksvereins, ein Oesterreicher, Schweizer und ein Holländer überbrach­ten die Grüße der dortigen Katholiken.

In seiner Schlußrede ermahnte Justizrat Trim- born unter stürmischem Beifall die Anwesenden, mit nach Hause zu nehmen das Bewußtsein der impo­santen Macht des Volksvereins, der vor­bildlich und glänzend gewillt habe für alle Völker Europas, der nicht da sei, um nur sozialdemokratische Umstnrzbestrebungen abzuwehren, sondern alle Katho­liken und jeden Einzelnen zur positiven und praktischen Mitarbeit zu erziehen; der den Schutz des Christen- tunis auf seine Fahne geschrieben habe, der ein natio­naler Verein fet, ein Verein aus Realpolitikern auf idealem Boden mit idealen Zielen. Nachdem er noch den Vertretern des Auslandes gedankt und ihnen die Grüße des katholischen Deutschland für ihre Lands­leute mitgegeben, schloß Justizrat Trimborn unter brausendem Beifall die Versammlung.

(Fortsetzung im Ersten Blatte.)

Destscher Reich.

* Lehrstühle für Journalistik zu errichlen ist bekanntlich verschiedentlich in den Parlamenten

35. Jahrgang.

angeregt worden. Obwohl lange Zeit hindurch nichts mehr über diese Anregung verlautete, ist jedoch Berliner Blättermeldungen zufolge di« Angelegenheit von der Unterrühtsverwaltung keineswegs fallen gelassen worden. Man steht vielmehr'solchen Professuren durchaus nicht ab« lehnend gegenüber. Die Angelegenheit wird wahrscheinlich zu Begin» der Etatsberatung im preußischen Al^eordnetenhauS zur Sprache kom­men. — Es wird sich dann entscheiden, ob die Finanzlage es gestattet, der Errichtung von Lehr­stühlen für Journalist^ schon m nächster Zeit näherzutreten.

* Schiicking beurlaubt. Dr. Schücking ist nun doch beurlaubt worden, nachdem man sein dringendes Gesuch nm Urlaub wiederholt abge« lehnt hatte. Der Husumer Bürgermeister wurd« in seiner Disziplinarangelegenheit durchs den Regierungsrat Düukelberg geschlagene fünf Stun­den lang verhört. Dr. Schücking ist durch di« Aufregungen, die ihm durch das Disziplinarver­fahren bereitet worden sind, nervös, herzkrank und sehr erholungsbedürftig geworden. Er wird sich zur Kur nach Kis sing en begeben. Die Inquisition wird unterdessen natürlich ihren Fortgang nehmen.

Aus dem Nachbargebiet.

* Schlüchtern, 17. Aug. 1908. Der Ver­ein der Spessartfreunde wird mit sämt­lichen Zweigvereinen seine diesjährige Haupt­versammlung am nächsten Sonntag den 23. August nachm. 3 Uhr im Gasthof zum Deutschen Kaiser hierfelbst abhalten. !

♦ Frankfurt, 18. Aug. 1908. Der lOOjähr. Todestag von Goethes Mutter soll am 13. September in Frankfurt in esonderrr Weise be« gangm werden. Vor allem will man durch ein» Schulfeier eine Huldigung der Jugend für GoetheS Mutter begehen. Der Verband Frankfurter Frauenvereine will diese Huldigung inszenieren und jedem Kinde ein Andenken in Gestalt eineS Buches übermitteln, das die Jugend mit GoetheS Mutter betonet macht. — Di« Heimarbeit­ausstellung schließt mit einem erheblichm Fehl­betrag ab. Man glaubt, daß die Garantie­fondszeichner mit 52 Prozent ihrer Zeichnungen herangezogen werden müssen.

♦ Homberg, 18. Aug. 1908. In dem nun schon über ein Jahr schwebenden Konkurs ver­sa hren über das Vermögen der offenen Handels­gesellschaft A. Hohmann u. Comp. zu Oberbeis­heim soll demnächst an die nicht bevorrechtigten Gläubiger eine zweite Abschlagszahlung statt­finden. Die Summe der Forderungen beträgt 45 485 Mk. 22 Pfg., welcher ein verfügbarer Mastenbestand von 6822 Mk. 78 Pfg. gegen« übersteht.

* Weimar, 18. Aug. 1908. Gestern tagte hier die Katholiken-Dereinigung für Thüringen, die aus fast sämtlichen Städte« Thüringens besucht war. Nachmittags fand eine Papstfeier und Umzug durch die Stadt statt.

* Sonneberg L Th., 18. August 1908. Zahlreiche Apielwarensabri ken ver- kürzteu infolge schl«hten Geschäftsganges und deS Rückganges des Exports erneut die Arbeit-- zett. Viele Arbeiter sind brotlos.

Sportliches.

Skizze von L. W a l d i n.

(Nachdruck verbaten.)

Wir leben in der Zeit des Sportes, er durch­dringt wohl alle Erscheinungen unseres kulturel­len Daseins. Wir wollen hiermit nur einige Sparten desselben herausgreifen.

1 Eine gesundheitlich überaus empfehlenswerte körperliche Uebung ist sicher die Gartenar­beit. Die Aerzte des Mittelalters haben die Gartenkunst als ein lebenverlängerndes Mittel gepriesen, und von manchen berühmten Nanwn, welche die Wahrheit dieser Behauptung beweisen, sei nur erinnert an den Kaiser Friedrich IV., des­sen Regierung die längste in der deutschen Ge- schichte ist, und ipcld'er der eifrigste Gärtner sei­ner Zeit war. Die Insassen der alten Klöster waren in ihren mit musterhafter Sorge gepfleg­ten Gärten ungemein tätig, und man kann ohne Aebertreibung sagen und urkundlich nachweisen, daß weite Gebiete von Deutschland den gegenwär­tigen Stand der Obstbaumzucht und des Wein- und Gemüsebaues den Mustergütern der früheren Benediktinrrklöster zu verdanken haben. Ter Umgang mit den Blumen und den fortwährender Sorge und Ueberwachung bedürftigen Fruchtbäu­men übt auf das menschliche Gemüt einen ver­edelnden Einfluß ans, und deshalb hat auch keing körperliche Arbeit einen so tiefen ethischen Wert, als die Beschäftigung mit dem Spaten. Wenn man so im Tämmcrschein des Frühlichts die Erd- schollen aufwirft, während noch die Nebel über ben Boden walten, das Geschmetter der eben wachgewordenen Singvögel an unser Ohr dringt und wir den Xuft der Gewächse saugen, dann fühlt man, wie die Brust sich freier hebt und ein eigentümliches Behagen felbstvertrauender Kratt durch den ganzen Körper zieht, dann muß man sich sagen, daß der ©arten so recht dazu bestimmt ift an ihm die Stärke und Ausdauer der Mus­keln zu erproben, datz die Gartenarbeit die schönste Und menschenwürdigste Gymnastik ist, die man Pch nur tzenken mag.

Ein anderer- „klassisches" Mittel zur körper­lichen und geistigen Erholung ist der Spa­zier g a n g. Darunter ist freilich etwas mehr zu verstehen als ein geometrisch abgezirkelter ober nach tausend Schritten abgemesiener Nundgang um ein bestimmtes Häuserquartier, entlang einer Allee ober durch die staubigen Gänge eines Stadtparkes oder Bottsgartens. Der richtige Spaziergang führt hinaus vor die Tore, nutzer Seh-, Hör- und Riechweite der Stadt; er führt unter kräftiger Lungenarbeit auf die Zinne des Berges, in das Waldesdunkel mit dem kräftigen Aroma der Waldpflanzen und der sauerstoffrei­chen Luft, er führt über die Felder und Wiesen mit den summenden Bienen. Lasse sich keiner durch die Ausrede des Mangels an Zeit von die­sem herzerquickenden Streifen durch Wald und Flur abhalten. Wer es versteht, die 24 Stunden, die Gott den Tag alt werden läßt, gehörig aus- zunützen, wird gewiß eine Spanne Zeit für die­sen Gesundheitsdienst im Freien sich abzukargen wissen. Freilich muß man einen offenen Sinn und ein sehendes Ange mitbringen. Und dieser Reiz des Umherschweifens wird noch beträchtlich erhöht, wenn sich damit die Ausübung einer na­turwissenschaftlichen Liebhaberei verbindet. Wer mit der Botanisiertrommel oder dem Schmetter­lingsnetz Wald und Heide absucht, der verspürt etwas wie die Aufregung des Jägers; wird nach wiederholtem vergeblichen Umerhspüren endlich einmal ein seltener Fund gemacht, so ist das Ge­fühl triumphierenden Stolzes nidjt minder groß, als wenn der Weidmann die schwer zu beschlei- chende Jagdbeute vor sich im Grase liegen sieht.

Das Billard ist das Spiel der feineren Gesellschaft, es erfordert ein scharfes Auge, eine sichere Hand und einen gewissen Grad von mathe­matischer Berechnung. Die Muskelarbeit selber ist keine bedeutende, und doch bedingen die An­spannung im Augenblick des „Stoßes", die Zwangsstellung, die der Spieler oft in den er; götzlichften Drehungen und Windungen des Kör­pers emzmrehmen gezwungen ist, einen nicht ge­ringen Aufwand körperlicher Kraft, der viel gro­ßer ist, als man gewöhnlich glaubt, und der es -■ —. - — - _■ .JM - — ----------

erklärlich erscheinen läßt, warum zum Schlüsse einer zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern mit dein ganzen Raffinement der „Kunst" durchge- ftihrten Partie die Kämpen mit klopfenden Schlä- fen und schweißbedeckter Stirne der Ruhe pflegen müffen.

Indes der geschmeidige und gewandte Fran­zose das Billard vorzieht, findet die derbere Kraft des Deutschen an der Handhabung des Kegel- spiels mehr Behagen. Mui muß die recken­haften Gestalten der Söhne des bayerischen Ge­birges bei dieser» Spiele gesehen haben, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß diese Körper- Übung wirklich einen Vergleich mtt dem althelleni- schen Diskuswurf nicht zu scheuen hat. So tita­nenhaft wird freilich das Kegeln von der Kafino- gesellschaft einer sächsischen Provinzialstadt nicht betrieben; aber wenn auch die Schtzvere der Ku­gel, die Länge und Beschaffenheit der „Bahn" den schwächeren Muskeln der Kleinbürger in der Ebene angepasst wird, so bleibt doch immer noch genug Kraft ausznwenden. Wer aufmerksam einem Kegelspiel znschaut, kann die Bemerkung machen, wie im Augenblick des Wurfes sich die ganze Kraft des Spielers zu einer entladenden Bewegung konzentriert welche bei feurigen Na­turen in einem heftigen Vorwärtsdringen sich Luft macht. Ter gesamte Körper wird gewissermaßen mit der fliegenden Kugel dem Ziele zugerissen, wobei gewisse, beim Kegeln oft unvermeidliche Stellungen und Drehungen unwiderstehlich zum Lachen reizen, da es nicht jeder Kegelspieler ver- steht, mit der Kraft des Wurfes und der Sicher- beit des Auges auch die Anmut der Bewegungen zu bereinigen. Für den B ireausklaven, den ftubenfitzenden Gelehrten, den hinüber mit ein­töniger Arbett in dumpfer Werkstätte beschäftig- ton Handwerker bietet die Kegelbahn öfter die einzige Gelegenheit, durch energische Bewegung den erschlafften Organismus aufzuwecken und aufzufrischen. Dieses Lob dürste noch reichlicher ausfallen, wenn nicht, wie es leider fast die Regel ist, Kegelspiel und Fassbier als notwendig zusam­mengehörige ^Dnge betrachtet würden; diese flüs­sige Beigabe ist dem deutschen Staatsbürger nun

einmal unerläßlich — aber auch so ist das männ­liche Spiel „der fallenden Neun", der Unsitte des Kartens vorzuzichen, das so oft häufig genug mit ihm revalifiert.

5Det heftige Streit über Nützlichkeit und Nach­teil des Radfahrens ist vorbei. Die Feinds des Rades beschuldigen es einer Unmasse von Krankheiten, die sie eben bei einzelnen fanatischen Sportsleuten haben austreten sehen, und die Ent- hufiasten des neuen Vehikels berufen sich immer wieder auf die Lobeshymne, die weiland Profes­sor Nußbaum ihm gesungen. Die Wahrheit dürste auch hi«, wie so häufig, in der Mitte zu treffen sein, ©egen mäßiges Fahren dürste wohl nichts einzuwenden sein; ja, gar mancher wird o'i nur aus iLebe zu seinem Velo in die frische her­auskommen, der sonst den herzenden Sonnenstrah­len hinter dichtgeschlossenen Rouleaur ängstlich ausgewichen wäre. Hingegen dürfte das Renn­rad, bei dem die Nase des Fahrers auf die Lenk­stange zu liegen kommt, schwerlich gesundheitsich empfohlen werden.

Ter große Kardinal von Richelieu vergnügte sich stundenlang damit, daß er einen hoch an der Wand des Zimmers angebrachten Strich im Sprunge mit der Hand zu erreichen suchte. Der vielbeschäftigte Staatsmann suchte durch diese harmlose Muskelübung seinen von Natur schwäch­lichen Körper zu kräftigen. Sie kann als der erste geschichtlich nachweisbare Versuch des Zim­merturnens betrachtet werden. Seitdem sind viel treffliche Anleitungen zur Zimmergymnastik ge­schrieben worden — aber immerhin muß daran festgehalten werden, daß alle diese mtt anatomi­scher Fachkenntnis entworfenen und sachgemäß kombinierten Frei- und Hantelübungen ein trau­riger Notbehelf sind. Diese Gymnasttk hat im­mer den Beigeschmack des Krankhaften und wird nie imstande sein, uns jene edeln männlichen Hebungen zu ersetzen, an denen sich zu allen Zei­ten und bei allen Völkern die kühne Entschlossen­heit und der furchtlose Wille des Jünglmgr er­probte und deren Meisterschaft den Otol» des Mannes ausmachte. , ‘