Zul-aer W Zeitung
3.ÄÄ«. wocheEge: „Illllstrierie Lonntagrzeitung"
Fulda, Montag dm 17. August 1908.
35. Jahrgang.
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vrcmatrbeUaüL: „Zuldaer Teschichtsblatter"
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Arrrmchnit der Som- und Zeirrtage. viertel, jährlich« Veplgrpreis ohne Vringerlohn nab Bestellgeld in Zulba so» «iecmrrvLrtrl.soM.
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Erstes Matt.
55. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
tt. Düsseldorf, 16. August 1908.
(Fortsetzung aus dem Zweiten Blatte.
Die wichtigste Versammlung war wohl die in der Festhalle. Fast eine halbe Stunde lang dauerte e6, bis jener Teil des Festzuges, der für die Festhalle bestimmt war, in die ungeheure Halle eingezogen war.
Der Präsident deS Lokallomitee, Landesrat AdamS» eröffnete die Tagung mit einigen Begrützungsworten, und dann wählte die Versammlung den Grafen Max Droste-Bischering zum Vorsitzenden. Die Mitteilung deS Vorsitzenden, daß der Herr Kardinal erschienen sei, bot der Versammlung Anlaß zu stürmischen Be- grüßungskundgebungen. Bereitwilligst willfahrte
Kardinal Fischer der Aufforderung des Präsidenten, der Versammlung den bischöflichen Segen zu erteilen. Er tat das, indem er ungefähr ausftihrte: Es hat mich gedrängt, heute nachmittag zu Euch zu kommen und von Herzen Dank zu sagen für die herrliche Kundgebung dieses Nachmittags. Wenn ich dem Wunsche meines Herzens folgen könnte, dann würde ich in all die heutigen verschiedenen Versammlungen in der Stadt gehen. Ich möchte all den 60 000 Teil- Nehmern an dieser herrlichen katholischen Kundgebung die Hand schütteln und meinen Dank aussprechen. Ich" sage dem lieben Gott Dank, daß er uns ein so treues katholisches Volk bewahrt hat, daß er im Arbeiterstande, tm Handwerker- und Fabrikarbeiterstande wie auch im Beamtenstande einen so treuen katholischen Sinn betrmhrt hat und ich habe den innigsten Wunsch das Vertrauen, daß sich in unserem arbeitenden katholischen Volk der Glauben erhalten werde. Steht auch in Zukunft treu zum katholischen Glauben. Ich habe den innigen Wunsch, daß Eure Vereine, die katholischen Arbeitervereine, die Gesellenvereine, die Knappenvereine, auch die Vereine für die mittleren Beamten ferner blühen und gedeihen. (Lebh. Beifall.)
Es folgte dann eine große Rede des Arbeitersekre- tars Stadtverordneten Bernhard Metzer-Düffeldorf.
Nicht minder wichtig erschien die Rede, die der Neichstagsabgeordnete Schiffer in einer zweiten dieser Riesenversammlung hielt. Beide Redner werden wir morgen nachtragen.
Soweit Berichte darüber borliegen, verliefen auch die übrigen Arbeiterversammlungen gleich glänzend und eindrucksvoll. Nach den Versammlungen zer- di? große Teilnehmerschar noch auf einige »Vn “te Stadt, um dann mit den Abendzügen heim» zukchren, erfüllt von dem Eindruck eines Tages von ungewöhnlicher Bedeutung.
Deutsches Reich.
* Zur Begegnung in Cronverg wird der Köln. Ztg. aus Berlin berichtet: Die Zusammen- kunft des Königs von England mit unserem Kaiser ist in jeder Weise befriedigend verlaufen und hat zunächst das eine Ergebnis gehabt, daß ein offizieller Besuch des König angesagt worden stt; wann er erfolgt, ist noch nicht festgestellt. Die Kommentare der internationalen Preffe find im allgemeinen auf einen friedlichen und freundlichen Ton abgestimmt, so daß auch nach dieser Richtung hin die Begegnung der beiden Herrscher vorteilhaft gewirkt hat. Insbesondere sind es eine ganze Reihe englischer Blätter, die sich anläßlich der Zusammenkunft in Cronberg redliche Mühe gaben, voreingenommene Auffassungen ihrer Landsleute zu widerlegen und Befürchtungen, Vie wegen angeblicher deutscher Pläne herrschten, durch nüchterne Darstellung der wirklichen Lage auf das richtige Maß zurückzuführen. Solche Bestrebungen werden immer ein williges Echo
finden, und man kann nur hoffen, daß es den grundsätzlich die Eintracht unt« den Nationen störenden Elementen nicht mehr gelingen möge, wieder die Oberhand zu bekommen.
* Botschafter - Wechsel in Berlin. König Eduard hat dl« Ernennung deS bisherigen Vertreters Englands am Wiener Hofe, Sir Wil- liam Edward Goschen, zum Botschafter in Berlin vollzogen. Die Berufung GoschenS auf den Berliner Posten war bei der Entrevue in Cronberg vom König von England dem deutschen Kaiser vorgeschlagen worden, der sich sofort damit einverstanden erklärte. In Ischl teilte dann der König dem Kaiser Franz Joseph die bevor- stehende Abbrufung GoschenS aus Wien und seine Entsendung nach Berlin mit. Goschen, der ein großes Privatvermögen besitzt, ist erst seit drei Jahren tn Wien; er hat sich aber schon früher in Kärnten angekaust, wo er einen schönen Landsitz sein eigen nennt. In politischen Kreisen wird angenommen, daß Goschen, der deutschfreundlich gesinnt ist, im Sinne einer weiteren Annäherung' zwischen Deutschland und England wirken wird. — Sir William Edward Goschen ist geboren im Jahre 1847 als der 6. Sohn deS verstorbenen Sir William Henry Goschen. Schon 1869 trat er in den diplomatischen Dienst ein und wurde den Missionen in Madrid, Buenos Aires und Paris zugeteilt. Seit 1906 vertritt er sein Vaterland als Botschafter in Wien.
* Der Staatssekretär in Elsaß-Lothringen, von Köller, wird nach der Ireuzztg/ am 1. Januar nächsten Jahres in den Ruhestand treten»
§ Reichsfinanzreform mit oder ohne Zentrum? Wie sich doch die Zeiten ändern! Wie stolz tat noch voriges Jahr der Block, als seine Deputierten nach Norderney ziehen durften, um dem Zentrum zu zeigen, daß es für die Regierung und die Partei „Luft" sei. Und heute ist das Betteln um die Mitarbeit des Zentrums bei der Finanzreform geradezu widerwärtig ge- worden. Es ist köstlich, anzuschauen, wie die liberale Preffe sich bemüht, dem Zentrum dir Mitarbeit schmackhaft zu machen. Alle möglichen Töne werden angeschlagen, bald süß flötende, bald hart drohende. Daß dabei die größten Widersprüche zutage treten in ein» und demselben Blatte, beweist, wie oberflächlich man dabei zu Werke geht und wie wenig Klarheit herrscht. Nur ein kleines aber treffendes Beispiel. Am 18. Juli schrieb die liberale .Trierer Zeitung': „Es (daS Zentrum) will alles ablehnen, was die gegenwärtige Regierung vorschlägt." Und am 11. August schreibt sie: „Daß das Zentrum grundsätzlich keineswegs gesonnen ist, seine vielseitige Harfe von vornherein auf den Ton schroffster Opposition zu stimmen, ist nach den Aeußerungen seiner Presse anzunehmen. Gar zu gern möchte die Partei wieder in ein angemessenes Verhältnis zur Regierung kommen." — Was soll man zu solchen einander total widersprechenden Behauptungen sagen? Die liberale Presse spekuliert wahrscheinlich darauf, daß ihre Leser morgen vergeßen haben, waS sie heute lesen, sonst könnte man ihnen so etwas nicht bieten. Ebenso inkereffant ist es, zu verfolgen, wie die einzelnen liberalen Blätter, die noch bis vor kurzem nichts von einer Mitwirkung deS Zentrum- wiffen wollten, sich jetzt plötzlich, wo der Wind von oben umgeschlagen ist, bemühen, die
an das Zentrum ergangenen „Einladungen" zu rechtfertigen. Am offensten schreibt da wohl eine liberale Korrespondenz in. der eben genannten .Trierer Ztg/, die daS Unterlasten der Norderneyer Wallfahrten damit zu erklären sucht, daß sie schreibt: „Es deutet das neben anderen Anzeichen darauf hin, daß eS der Regierung darum zu tun ist. auch das Zentrum möglichst für die Reichsfinanzreform zu gewinnen." DaS konnte wohl seit einiger Zeit ein Blinder finden, wichtig ist dieses Zu- geständniS bloS deshalb, weil bekanntlich die liberalen Blätter bis vor kurzem nicht müde wurden, zu rufen, daS Zentrum fühle sich „unbehaglich" und suche sich wieder ranzumachen und dergl. Also bald so, bald so, wie's trefft, daS ist liberale Politik!
* Die „hellen Sachsen" haben in Dresden einen sonderbaren Beschluß zur Zeppelinspende gefaßt, sie wollen für ihr Geld auch etwa» haben und darum beschloß der Rat der sächsischen Hauptstadt: Von einer Beteiligung der Stadtgemeinde an der Sammlung für den Grafen Zeppelin so lange abzusehen, als nicht etwa der Bau von Lustschiffhäfen (Ballonhüllen) in Angriff genommen und ein solcher Hasen in Dresden angelegt werden würde. DaS steht auf derselben Höhe wie der Vorschlag, dem Grasen ein Kuratorium vor die Nase zu setzen.
• Gegen die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Kinder und Ehegatten wendet sich abermals recht scharf daS Organ des Bundes der Landwirte. Es erinnert daran, daß die Mehrheit der ZentrumSfaktion diese Ausdehnung trotz der angebotenen Einschränkungen zugunsten des kleinen landwirschaftlichen Betriebes abgelehnt habe. Die .Deutsche Tageszeitung' rät deshalb immer wieder dringend, den Gedanken an die Steuer fallen zu lasten. Da der Versuch seiner Ausdehnung nicht nur in hohem Maße bedenklich sei, sondern auch überhaupt keine Aussichten habe.
* Kleinigkeiten? Als wir meldeten, daß nach dem Manöver die Entscheidung über die neue Militärvorlage fallen werde, wurden wir von allen Setten dementiert. Jetzt aber weiß eine Anzahl von Blättern zu melden, „daß das neue Quinquenatsgesetz überhaupt keine Neuformationen in den drei Hauptwaffen bringen wird und daher auch keine Forderungen von Armeekorps oder Divisionen. Lediglich für die technischen Truppen, die Fußartillerie oder die TrainS, dürsten Neuformationen in Frage kommen, und außerdem wird es sich um die Etatisierung der jetzt durch Abkommandierungen gebildeten Truppenkörper handeln. Naturgemäß ist aber gerade für die Heeresverwaltung eine jahreslange Bindung im Voraus nicht möglich, weil auf die Bedürfnisse deS Heeres, die Gestaltung der fremden Armeen und die Entwicklung der Technik von Einfluß sind." — Diese Meldung ist nicht zutreffend, denn an eine Vermehrung der Kavallerie wird sehr lebhaft gedacht. Sollte aber dies zurückgestellt werden, so kostet gerade die Vermehrung der technischen Truppen ein riesiges Geld; die Etatisierung der Abkommandierten bedeutet aber eine Vermehrung der Präsenzstärke bis zu 20000 Mann, falls man alle Abkommandierten etnziehen will; dabei haben wir noch nicht einmal alle Offiziersburschen mitgerechnet. Wenn also diese Meldungen dartun wollen, daß die Mehrausgaben im Heere infolge
der Durchführung dieser Forderungen nicht seh* groß sein würden, so sind diese Zeitungen leider sehr im Irrtum.
♦** Der Zwist in der Sozialdemokratie. Die süddeutschen Sozialdemokraten haben sich gegen die Berliner Parteileitung aufgelehnt, sie haben sich jegliche Bevormundung verbeten und nach eigenem Ermeffen in ihren Landtagen gehandelt. Ein Tag, nachdem die badische Landtagsfraktion der Sozialdemokratie in der Schlußabstimmung den Etat genehmigt hat, ist auch die bayerische Fraktion diesem Beispiel gefolgt. Da auch in Hessen und Württemberg die äußerste Linke bereits bei ftüheren Gelegenheiten in gleichem Sinne Stellung genommen hat, kann man nunmehr in der Tat eine geschloffene Abkehr der süddeutschen Fraktionen der Partei von der bisherigen prinzipiell ablehnenden Haltung gegenüber den Budgetvorlagen konstatieren. — Da der ,Vorwärts' bereits mit der Aufrollung der Frage der Disziplinlosigkeit vor dem Nürnberger Parteitage droht, kann man sich ja auf nette Dinge gefaßt machen.
* Zum Fall Schücking. Im Disziplinverfahren gegen Husuner Bürgermeister Schücking ist nach den „Schleswiger Nachrichten" die Verhandlung aus Mittwoch den 19. August angesetzt worden.
* Ueber die Auswanderung deutscher Textil- Industrie nach Amerika äußert sich die Handelskammer zu Hanau in ihrem Jahresberichte für 1907. Sie verweist auf die Bestrebungen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, die deutsch« Industrie infolge der hohen amerikanischen Zölle zur Auswanderung dorthin zu veranlassen. So habe sich in Philadelphia eine Gesellschaft gebildet, die mit einigen Städten in den Vereinigten Staaten vertraglich abgemacht habe, eingewan- derten Industriellen freies Bauland, Kapitalbeteiligung als Darlehen und sonstige Erleichterungen zu gewähren. Die Kammer hat festgestellt, daß auch tn ihrem Bezirke jene amerikanische Gesellschaft Fühler auSgestreckt habe. Aus dem Wupper- tale haben 2 Firmen angesichts der gebotenen Vorteile Filialen in New-Bork errichtet. Es handele sich dabei um Herstellung von Eisengarn, Schuhriemen, Eisengarn-Hutlitzen rc., deren Eingangszölle prohibitio wirkten. — Daran aber ist der deutsche Zolltarif nicht schuld, sondern der amerikanische.
Ausland.
* Der König von England ist Freitag abend in Marienbad eingetroffen und von dem Publikum lebhaft begrüßt werden.
* Die Engländer können wiederum mit einer gewissen Beruhigung auf die Erfolge der deutschen Luft sch iss ahr t Hinblicken. Sie haben mit ihren an Stelle deS verunglückten „Nulli sekunduS" erbauten Luftschiffs einen erfreulichen Erfolg gehabt, da dasselbe 20 Minuten exakt manövrierte. Zuschauer waren ausgeschlossen. Der Ballon entwickelte eine Geschwindigkeit von 15 Meilen (24 Kilometer) gegen den Wind, soll also nach englischer Berechnung eine Eigenge-' schwindtgreit von 48 km in der Stunde besitzen, Die Landung erfolgte nicht durch Gasverlust, sondern durch die Maschine mit Hilfe der Gleit- flächen. — ES ist den Engländern dieser Erfolg zu gönnen, und wir hoffen, daß er dazu beitragen wird, ihnen daS deutsche Albdrücken zu nehmen. ——————^»———4
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Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
^Nachdruck verboten).
„ Wenn das Geld bei Ihnen gesunden würde, Wäre das ein hinreichender Beweis, Sie des Diebstahls für schuldig zu erklären, und zwanzig Jahre Zuchthaus im güstigsten Falle wären Ihnen sicher. Zuchthaus im günstigsten Falle wären Ihnen sicher. Alles Leugnen und Protestieren würde Ihnen gar eine Anklage gegen mich, würde Ihre Lage nur noch verschlimmern, da ein Wort von mir mehr Glauben findet, als tausend Schwüre von Ihnen. Das wird Ihnen wohl einleuchten. Darum will ich Ihnen mit dem Gelde den Rat erteilen: machen Sie sich sogleich auf den Weg nach Gloucester und suchen Sie England sobald als möglich zu verlassen. In diesem Falle werden Sie mit Ihrem Gelds in Sicherheit sein: verwes- en Sie aber auch nur einen Tag, so sind Sie »erloren."
Palestro zitterte vor Entsetzen.
Brander's Absicht, die er hatte, als er sich Palestro gegenüber als Dieb hinstellte, war einfach, denselben zum schleunigen Verlassen Englands zu bewegen und sich gleichzeitig gegen einen etwaigen Verrat seitens desselben zu sichern. Bei- .des war ihm gelungen; denn Palestro hatte keine Lust, des Baronets Aufmerksamkeit auf sich zu 'lenken, da er die Grube sah, die Brander ihm gegraben.
„Ja, Mylord," sagte er schaudernd. „Ich will hm, was Sie mir sagen. Ich will sogleich gehen. Wie, wenn man mich hier fände? Warum blieb ich auch den ganzen Tag im Dorfe und ging nicht lieber nach Gloucester zurück? Was würde Giu- ditta sagen, wenn man mich hier verhaftete und wegen Diebstahls bestrafte? Geben Sie mir daS Geld und ich will gehen."
, „Noch ein Wort, Palestro, gehen Sie diese Lacht sogleich nach Gloucester und fahren Sie mit
dem nächsten Zuge ab, dann will ich Ihnen Sicherheit garantieren. Nochmals sage ich Ihnen, wenn Sie bis morgen zögern, so sind Sie verloren. Schreiben Sie mir von Neapel nach Ihrer Ankunft und dann regelmäßig jede Woche, wogegen ich Ihnen verspreche, mein gegebenes Wort pünktlich zu halten. An dem Tage, wenn ich wirklicher Besitzer von Harrington Hall werde, will ich Ihnen noch eine Summe von vielleicht zwei Tausend Pfund schicken."
„Dank, tausend Dank, Signori Ich schwöre Ihnen bei allen Heiligen, daß ich Sie niemals verraten werde."
„Gut", sagte Brander. „Und nun sollen Sie das Geld haben. Folgen Sie mir!"
Er ging voran und Palestro folgte. Der Mond, der sich bisher hinter den Wolken verborgen hatte, trat jetzt hervor und beleuchtete ihren Weg. Auch Sir Harry verließ nun seinen Platz und folgte den Beiden in einiger Entfernung.
Endlich blieb Brander stehen, steckte seine Hand in den hohlen Baumstamm und zog den Sack mit dem Gelde heraus.
„Hier ist es," sagte er, indem er den Sack schwer auf die Erde fallen ließ. „Nehmen Sie es und nun tonnen fte gehen."
„Einen Augenblick, Signor," entgegnete Pa- lestro, der doch etwas mißtrauisch geworden war. „Ich will nur emmal nachsehen.
Er öffnete -en Sack und betrachtete eine Weile mit sichtlichem Vergnügen die blinkenden Gold- stücke; dann sagte er:
„Es ist alles in Ordnung, Signor, danke Ihnen bestens. Sie sollen pünktlich jede Woche Nachricht von mir haben. Ich werde meinem Schwure treu bleiben."
Er nahm den Sack auf die Schultern und schickte sich zum Gehen an.
„Gute Nacht, Signor!" sagte Palestro. „Wünsche viel Glück!"
In diesem Augenblick trat Sir Harry vor und mit donnernder Stimme rief er Palestro ein „Halt" zu, indem er ihm den Weg versperrte.
Wie vom Blitz getroffen standen Brander und Palestro da, weich' letzterer vor Schreck seinen Sack fallen ließ.
Ernst und scharf wanderte der Blick deS Baronets von einem zum andern der beiden Verschworenen. Es war ein fürchterlicher Moment für den Italiener und Brander.
„Tu hier?" stammelte letzterer in namenloser Verwirrung.
Sir Harry traf ihn mit einem strafenden, fast vernichtenden Blick.
„Ja, Guido," antwortete er in scharfem Tone, „ich bin hier und habe alles gehört, was Du mit Deinem Komplizen gesprochen hast . Ich weiß, daß Du der Dieb bist, der meinen Schrank plünderte. Und nun — was tut dieser Mann hier?"
Brander konnte nicht antworten; es war als ob ihm die Zunge sestgewachsen Ware. Er stand da wie eine Bildsäule .
. Dir Harry wandte sich zu Palestro und maß ihn mit forschendem Blick.
„Für welche Dienstleistung habeM Sie das Geld erhalten?" fragte er.
/Palestro war ebenfalls keines Wortes fähig. Hülflos blickte er seinen Auftraggeber an.
.Dieser Blick machte es Brander fast zur Gewißheit, daß mit einem Schlage alles verloren wäre. Gewaltsam kämpfte er seine Aufregung nieder, um noch einen Versuch zu machen, alles auf dem Spiele Stehende zu retten.
Er trat dem Baronet einige Schritte näher und stand vor ihm mit gesenktem Haupte, mit allen Zeichen des Bewußtseins seiner Schuld und scheinbar aufrichtiger Reue.
„Vater," sagte er mit schwacher Stimme, „ich bekenne meine Schuld; ich habe das Geld ge- stöhlen. Ich weiß zwar nicht, welches Mißgeschick Dir mein Geheimnis verraten hat, aber ich gestehe mein Verbrechen ein."
«Warum hast Du mich bestohlen?"
„Weil — weil ich diesem Manne genau die Summe, schuldete, die Du tm Schranke hattest."
„Für was schuldetest Du ihm denn dies« Summe?"
Brander senkte den Kopf noch tiefer.
„Es war eine Spielschuld," flüsterte er.
Sir Harry machte eine unwillige Bewegung und richtete seinen Blick fragend auf Palestro.
Ter Italiener, welcher sich jetzt ebenfalls wieder gefaßt hatte, begriff vollkommen die Ausrede Branders und beeilte sich, dieselbe zu bestätigen.
„Es ist wahr, Mylord," stammelte er; „der junge Mann hatte die Summe in Neapel der- spielt und war sie mir schuldig geblieben. Er fürchtete, die Sache möchte seinem Vater zu Ohren kommen und ich drängte ihn um Bezahlung; denn ich bin ein armer Mann und tipei Tausend Pfund sind für mich eine zu große Summe, als daß ich sie verloren geben sollte. Bedenken Sie, daß jungtz Leute —"
Sir Harry unterbrach ihn durch eine gebietende Handbewegung und wandte sich wieder zu seinem vermeintlichen Sohn.
In diesem Augenblicke, noch ehe Sir Harry es bemerken konnte, gab Brander dem Italiener ein verstohlenes Zeichen, daß er sich entfernen sollte, was dieser auch sofort tat.
XL.
Gerettet.
Lange hatte Nelly fast bewußtlos, nichts sehend und nichts hörend, auf dem Divan gesessen, alpe plötzlich eine Hand auf ihre Schultern sich legen fühlte. Erschreckt sah sie auf und erblickte den Arzt.
Er sah schr müde und angegriffen aus, aber seinen Mund umspielte ein schwaches, zufriedene» Lächeln, welches Nelly entweder nicht bemerkte^ oder nichr verstand.
„Ist Guido tot?" fragte sie hastig und zugleich entsetzt bei tet zulässigen Möglichkeit ihrer Fraae.