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A Flottenabkommen zwischen Deutschland und England.

Im letzten Winter konnten wir auf Grund Lester Information versichern, daß das englische Kabinett bemüht sei, eine internationale Der- ständigung über den Ausbau der verschiedenen Flotten anzubahnen und daß es sich durch den Mißerfolg auf der letzten Haager Konferenz nicht entmutigen laste; damals hat man in Berliner offiziellen Kreisen bestritten, daß eme solche Ab- sicht bestehe. Heute muß man unS recht geben. Englands leitende Kreise arbeiten darauf hm, mit Deutschland sich über den Ausbau der Flotte zu verständigen. Der Stundenbesuch des eng­lischen Königs in Cronberg dient diesem Zwecke. Don England ging die Anregung zu diesem Be­suche aus und englische Blätter sprechen es offen aus, daß der erste Schritt für eine solche Ver­ständigung in diesen Tagen erfolgen werde.

Das englische Ministerblatt „Daily News" be­handelt die Monarchenzusammenkunft fehr freundlich: es schließt mit folgender Empfehlung einer vertragsmäßigen Festlegung der Marine- etats beider Länder: „Wir halten ein Flot- tenabkommen mit Deutschland nicht allein für das er strebenswerte st e Ziel un­serer Auslandspolitik, es liegt unserer Ansicht nach auch durchaus im Bereich einer von Wohlwollen diktierten Diplomatie." Die offiziöse Stelle im Reiche gibt folgende Antwort: „Diese Zusammenkunft wird eine beiden Monarchen gleich erwünschte Gelegenheit für freundschaftliche Aussprache bieten. Ein ungetrübtes Verhältnis unter den Oberhäuptern zweier so mächtiger Reiche wie Deutschland und Großbritannien wird auch von ihren Völkern gewünscht, die trotz aller Hetzversuche ihre Aufgaben für die Weltkultur in Frieden und Eintracht nebeneinander erfüllen wollen." Der nationalliberale Abgeordnete und frühere Legationsrat von Rath erklärt im „Tag" offen, daß eS mit dem derzeitigen Wettrüsten zur See nicht mehr weit gehen könne, denn dieses sei für Deutschland einfach „ruinös": England baue aber immer noch mehr Schiffe; Deutschland müsse beachten, daß feine Stärke das Landheer sei; der größte Sieg zur See mache eine Niederlage zu Lande nicht wett, während Siege des Landheeres die verlorene Seeschlacht ertragen ließen. Es ist ganz interestant, wie der nationalliberale Abge­ordnete sich daher gegen weitere Schiffsbauten ausspricht und einer Verständigung beider Mächte das Wort redet.

Solche Vorgänge erleichtern es uns sehr, nun auch mit allem Nachdruck zu fordern, daß unsere Diplomatie den in England geworfenen Ball ein­mal aufnehmen möge; wir wollen wenigstens ein­mal die englischen Vorschläge kennen lernen. Wenn einig? alldeutsche Blätter den englischen Wiinschen ihr Niemals entgegenschleudern, so bedeutet das nichts, denn das deutsche Volk, das die Lasten trägt, ist friedliebend und sperrt sich nicht gegen etn Abkommen, das ihm Licht und Luft beläßt und feine Entwicklung nicht hemmt. Unsere Tiplomotie könnte keinen größeren Feh­ler macken, als jetzt die von England gebotene Hand zurückzustoßen; wir müssen dies dann mit Millionen von Mehrausgaben bezahlen. Eine foldie Verständigung wird um so leichter zu errei­chen sein, als Deutschland immer betont hat, daß seine Flotte nicht Angriffszwecken diene, sondern nur so stark fein müsse, daß jeder Gegner sich hüte, uns anzilgreifen. England hinwieder spricht von dem „Alp in der Nordsee", der seine See­mannsbrust belaste; es falle ihm nicht ein, Deutschland anzugreifen. Da muß man also sa-

35. Jahrqanq.

Fulda, Mittwoch den 12. Aulmst 1908.

JW 184.

uns

trat den

Jahr, 1899 1909 1906 1908

Ge- wir aus

Gut, wenn nun König Eduard auf diesem biete eine Verständigung anstrebt, so lassen mit uns reden: denn wir werden Vorteile einem Flottenabkommen haben.

Deutschland: 146,4 Mill. SRI.

216,3 , „

231,4 „ ,

839,2 „

England: 624,9 Mill. SRI

632,4 „ ,

676,2 „ .

659 3 „ ,

sein wollte.

* lieber die Monarchenbegegnung liegen folgende Telegramme vor:

* Cronberg, 11. August. Der Kaiser mit dem König von England und

anderen Fürstlichkeiten, sowie dem Gefolge, in dem sich der englische Botschafter Lascelles und

gen- entweder sind diese Erklärungen lebende Heuchelei oder beide Staaten treiben eine Politik des Wahnsinns, wenn sie bi« an die Zähne ge- rüstet sich gegenüberftehen und dabei immer la- chrlnden Mundes versichern, daß sie gar nicht daran dachten, sich ein Leid anzutun. Zum Ver­gnügen läuft man doch nicht Tag und Nacht in der schwer drückenden Panzerrüstung umher. Ma- chen wir also einmal ernst und bitten England, wie es diese Frage berührt, um seine Vorschläge, die wir dann in aller Ruhe prüfen wollen; schon diese Bereitwilligkeit unsererseits wird eine starke Abnahme des englischen Mißtrauens zur Folge haben und eine internationale Abspannung her­beifuhren.

Wie ungeheuer schwer die Flottenlasten auf uns und auf England ruhen, sagt uns ein flüchti­ger Blick auf die Marineetats beider Länder, da­bei müssen wir ohne weiteres zugeben, daß in Deutschland prozentuell die Ausgaben viel ra­scher gestiegen sind als in England, wie folgende Zahlen über die Gesamtausgaben für die Marine bekunden:

Deutsches Reich.

* Die Monarchenbegegnung auf Schloß FriedrichShof.

In der englischen Presse ist die Stimmung über Nacht gänzlich umgeschlagen. Besonders die farblose .Daily Mai st, ein bei den unteren Schichten sehr stark verbreitetes Sensationsblatt, nimmt eine ungemein deutschfreundliche Haltung ein. ES fehlt allerdings auch nicht an deutsch­feindlichen Stimmen. So behauptet der konser­vative .Daily Expreß', durch die deutschen Schulen und durch die deutsche Presse fei der Bevölkerung eine englandsfeindliche Gesinnung anerzogen worden. In Deutschland herrsche kriegerische Stimmung, und daraus könne Eng- land nur die Lehre ziehen, daß es ein starkes

Tie Ausgaben für die Flotte haben sich somit bei uns im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt; in den nächsten 3 Jahren bereits steigen sie auf 481 Mill. England hat in demselben Zeit­raum nur eine Zunahme von 25 Proz. aufzuwei­sen. Gewiß fällt in diese Zeit der Ausbau un­terer Flotte und die Vergrößerung der Schiffs- typen. Aber diese rapide Zunahme kann doch nicht für alle Zeiten maßgebend sein. Die An­nahme daß England nicht mehr mitkönne, da es teine Mannschaften erhalte, ist falsch; eher geht uns der Atem aus, well wir kein Geld mehr ha­ben. England stellt seine 130 000 Mann für die Kriegsflotte und wird auch noch mehr stellen; wir haben beute 50000 Mann auf den Kriegs­schiffen. 22 Linienschiffe haben wir fertigt. 9 große sind int Bau; 8 Panzerkreuzer stehen uns zur Verfügung und 3 sind int Bau begriffen. England hat 52 Linienschiffe fertig und nur 7 im Bau; es besitzt 35 Panzerkreuzer und bat 4 in Bau gegeben. Es ist gar nicht daran zu den­ken, daß England dieses Machtverhältnis wesent­lich verschmälern läßt; jedes Ministerium hält an dem Standpuntt von der Ueberlegenheit der eng­lischen Flotte fest; unsere Regierung versichert, daß sie gewiß nicht England übertrumpfen wolle.

Heer und eine starke Flotte haben müsse. Bei aller Freundschaft für Frankreich drücken die ,Daily NewS' ihr Bedauern darüber auS, wte ein Blatt wie der ,TempS' aufdaS Verlangen nach einer Alliance mit England tn einem Augenblick zurückkommt, wo der König den Kaiser be,ucht. Das Blatt drückt gleichzeitig den Wunsch aus, daß ein modus vivendi zwischen England und Deutschland zustande komme, wie er zwischen England und Frankreich besteht. „DaS ist der Schlüssel zum Frieden der Welt", sagen die «Daily News', „und es ist Englands Aufgabe, darüber zu wachen, daß keine tandlung von unserer Sette geschieht, die das »dauern der gegenwärtigen Atmosphäre von Mißtrauen und Reizbarkeit, die ebenso unvernünf­tig wie herausfordernd ist, fördert. — »Daily Chronicle' sagt: „Die Beilegung des gegenseitigen Argwohnes zwischen England und Deutschland ist eine Ausgabe, mit der sich alle ernsten Friedensfreunde in beiden Ländern zu beschäftigen haben. Möge eS unS erlaubt fein, zu hoffen, daß die diplomatischen Hilfsmittel nach vieler Richtung noch nicht erschöpft sind. Beide Mächte könnten in relativ gleicher Stärke bet unendlich geringeren Kosten für beide verbleiben".

Die «Mornmg Poft' schreibt u. a.:

Es ist nicht unsere Absicht, irgend eine ME zu isolieren. Müßig wäre es, zu behaupten, daß wir mit Deutschland nicht rivalisieren oder daß unsere Bestrebungen nicht merklich einander wi­derstreiten. Aber von irgend einer feindseligen Absicht ist England vollständig frei. Das muß Deutschland anerkennen, wenn es die Schwierig­keit sieht, mit welcher unser Volk sich von der Notwendigkeit überzeugen läßt, bloß Rüstungen zur Verteidigung zu betreiben. Die Tatsache, daß der König von Friedrichshof nach Ischl geht, sollte weiter den Umstand betonen, daß unserer­seits kein Versuch vorliegt, Deutschland zu isolieren oder zu beleidigen. Deutschland ist mit Oesterreich-Ungarn mehr verbündet als je. Tie einzige politische Bedeutung, welche dem Be­such in Ischl beizulegen ist, ist die freundschaftliche Anteilnahme Englands an den Angelegenheiten dieses Staates. Die persönliche Popularität des Königs und seines kaiserlichen Neffen in ihren Landern sollten dazu beitragen, daß die beiden Nationen einander mit freund­schaftlicheren und sympatrscheren Augen sehen. Denn es liegt fein Grund vor, warum unser nationaler Wettbewerb verbittert werden soll durch falsche Darstellungen. , In der Hoffnung, daß dieses bessere Verständnis durch einen freimütigen Gedankenaustausch gefördert wird, begrüßen wir die Besuche von Friedrichshof und Ischl.

In englischen Zeitungen wird der Unterredung besondere Bedeutung beigemeffen, die der König Eduard unmittelbar vor seiner Reise mit dem ersten Lord der Admiralität, Sir John Fisher, gehabt hat, der auch bet der Abfahrt des König» am Bahnhose noch anwesend war. Die Blätter versichern, wie aus London telegraphisch gemeldet wird, die Besprechung habe dem Flottenpro» gramm für das nächste Jahr gegolten. Über das der König noch vorher genau unterricht»!

der englische Militärbevollmächtigte Trench be» befanden, gegen 3 Uhr nachmittags die Auto­mobilfahrt durch den Taunus an. Der Kaiser trug wiederum die Uniform der Posener Jäger zu Pferde und der König die Uniform seiner Husaren.

* Homburg v. d. H., 11. August. Zur Enthüllung des Denkmals der Landgräfin Elisabeth trafen der Kaiser und der König von England im Automobil, von Schloß Friedrichs­hof fommenb, um 8 Uhr 20 Minuten hier ein und wurden von der zahlreich versammeltm Menge in der festlich geschmückten Luisenstraße sowie in der Ferdiandstraße enthufiasttsch begrüßt. Kur­direktor Frhr. von Maltzan begrüßte die Maje­stäten und bat um die Erlaubnis zur Ent­fernung der Hülle. Dies geschah unter großem Jabel der zahlreich versammelten Zuschauer. Kaiser Wilhelm und König Eduard besichtigten sodann das Denkmal. König Eduard ließ sich den Schöpfer desselben, Proffeffor Gerth, vor­stellen. Zur Enthüllungsfeier waren auch er­schienen die zur Zeit hier weilenden Admiral Fitzgeorge, der Sohn deS verstorbenen Herzogs Cambridge, Colonel Darson, sowie der Oberhof­prediger deS Königs Sir Teigmnoth Shore. Die Herrschaften besichtigten hierauf die englffche Kirche und begehen sich nach der Erlöserkirche auf einer Fahrt in Automobilen durch den Kurpark an den Brunnen vorüber. An der Erlöserkirche wat zum Empfang die evangelische Geistlichkett er­schienen. Nach einer kurzen Besichtigung ver­ließen die Majestäten die Kirche, bestiegen di« Automobile und fuhren nach Schloß Friedrichs­hof zurück.

* Cronberg, 11. August. Die Majestäten und die übrigen Fürstlichkeiten trafen um 4 Uhr 30 Minuten hier wieder ein und nahmen den Tee bei Frau Karl von GruneliuS.

• ♦

* Prinz Adalbert von Preußen wird, rot« die .Kieler R. R.' hören, bei dem Herbststellen­wechsel wahrscheinlich unter Beförderung zum Kapitänleutnant daS Kommando über ein Boot der 3. Torpedo-Halbflottillk, vorauSfichtlich,S 142', erhalten, nachdem er noch einen Kursus auf dem Torpedofchulfchiff w3Börttemberg* absolviert hat.

** Dornburg hat in Deutsch - Südwestafrika feine grundlegenden Entscheidungen bereits ge­troffen, wenn ein Telegramm einer manchmal gut unterrichteten Telegraphengesellschast richtig ist. Danach hat er bestimmt, daß die Kingeborenen- verordnungen für Deutsch-Südwestasrika, gegen die die Farmer und mit ihnen die alldeutsche Presst immer mit äußerstem Fanatismus angegangen sind, bestehen bleiben sollen. Die Schwarzen werden danach also nicht der Prüaelpädagogik der Weißen auSgeliefert werden. Im übrigen hat Dernburg die Wünsche der Weißen erfüllt. Es wird mit gewisser Beschränkung eine Selbst­verwaltung gewährt werden, so wie eS der Gouvernementsrat neulich in seiner großen Tagung besckloffen hat. Es werden ferner in den beiben wichtigen Hafenplätzen, in Swakopmund und in Lüderitzbucht Handelskammern und in Windhuk eine Landwirtschaftskammer errichtet werden. — Dernburg hat seine Reise fortgesetzt und zwar zum Norden der Kolonie.

H- Die Blockpolitik haben die Sozialliberalen von Rheinland und Westfalen am Sonntag in einer Delegiertenversammlung in Düsseldorf in Anwesenheit eines Vertreters des Parteivorstandes

Der falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

17) (Mchdruck verboten).

Ti« Operation, die mit ihm in Italien borge­nommen worben, hat nicht viel zu bedeuten ge­habt. Die Wunde ist jetzt in einem Zustande der Entzündung. DaS für ihn Notwendigste ist abso­lute Ruhe. Wie weit ist Ihr Landhaus ent­fernt?"

„Es liegt in Northumberland."

, Hml Das ist sehr weit," meinte der Arzt.

„Er muß die Fahrt dahin unter dem Einflüsse eines Eirffchläserungsmittels machen, und zwar je eher je besser; hier würde er es keine acht Tage mehr aushalten. Die Operation kann erst vor- genommen werden nach der Reise; sie ist nicht ungefährlich und wenn ich sie unternehme, muh tch den Pattenten an einem Orte haben, wo äußere Einflüffe seiner Herstellung nicht hinder­lich sind. Was sagten Sie, wo liegt Ihr Land- haus?

„In den Cheviothügeln; es heißt Bleak Top. Es gehört mir — doch ich habe mich Ihnen noch nicht borgefteHt. Ich bin Miß Nelly Milkins, einzige Tochter des verstorbenen Honourable Ja­mes Milkins", erwiderte Nelly.

, „Sie sind also eine Tochter James Wilkins?" rief der Arzt mit Verwunderung. „O, ich habe Ihren Vater schr gut gekannt, meine liebe junge Dame. Er war ein lebhafter, liebenswürdiger UQHer Mann- Er starb jung und ich wußte Nicht, daß er eine Tochter hinterlassen hat!"

Er erfaßte Nelly's Hand und drückte sie, in­dem er fortfuhr:

„ES freut mich, die Tochter meines alten Freundes kennen zu lernen,und noch mehr wird es mich freuen, Ihnen meine Dienste erweisen zu können. Ich werde Sie mit dem Nachtzuge nach Northumberland begleiten. Die Reise wird Ihrem Freunde nicht mehr schien, als ein ein­

tägiger Aufenthalt in diesem geräuschvollen Hotel. Schicken Sie aber Ihren Diener voraus, damit die Zimmer gut gelüftet und gewärmt werden."

Geffrcy wurde sogleich fortgeschickt, damit er sich nach dem Abgang der nächsten Züge erfun- biate. Als er zurückkam, meldete er, daß er ge­rade noch Zeit genug habe, um den nächsten Zug nach Norden benutzen zu können. Nelly gab ihm eine mehr als hinreichende Summe Geldes und die nötigen Anweisungen, worauf er sich ent­fernte.

Inzwischen waren Nelly und der Arzt die besten Freunde geworden und hatten alle Einzel­heiten betreffs der Reise besprochen. Sir Wind­ham traf noch einige Anordnungen, um das wei­tere Entzünden der Wunde seines Patienten zu verhindern und empfahl sich dann mit dem Ver­sprechen, zur rechten Zeit vor Abgang des Zuges Nelly abzuholen.

Diese nahm ihren Platz an Guido's Seite wieder em, um selbst die Anordnungen des Arztes pünktlich auszuführen. Guido befand sich in einem Zustande gänzlicher Erschlaffung.

Die Aufregung in der Räuberhöhle, die Anstren­gungen der Reise hatten feine Kräfte schon in den letzten Tagen so erschöpft, daß er nur mit Mühe sich noch aufrecht halten konnte.

Langsam schlichen die Stunden für Nelly so­wohl, tote für Mrs. Jebb dahin. Als endlich mit einbrechender Dunkelheit der Arzt wiederkain, vollständig für die Reife in der kalten Winter­nacht ausgerüstet, fand er die kleine Gesellschaft ebenfalls reifefertig. Nelly hing ihrem Schützling einen warmen Reisemantel um, den sie aus einem nahen Laden hatte holen lassen, und so verließen Re sogleich das Hotel, Guido »gestützt auf den Arm des Arztes, und bestiegen eine Droschke, die sie nach dem Nordbahnhof brachte.

XXXVII.

Ein unerwünschter Zeuge.

Der Schlag, welcher Sir Harry durch Me Mitteilung Ella's — daß fein vermeintlicher

Sohn derjenige war, bet ihn bestohlen hatte — traf, war ein unbeschreiblicher. Eine Weile starrte er Ella unbeweglich an, bann wandte er sein Gesicht von ihr ab und bedeckte es mit beiden Händen.

Das Mädchen Rfmtiegte sich näher an ihn und umschlang seinen Hals mit ihren weißen Armen

„O, mein Sohn, mein Sohn!" tief der Ba­ronet endlich mit gebrochener Stimme. „Ich hielt ihn für die Seele der Ehrlichkeit. Wie habe ich ihn geliebt! Ich würde mein Leben für ihn gelassen haben! Und was ist er nun? Ein Lug­ner! Ein Dieb!"

„O, Onkel!" tief das Mädchen schluchzend.

Sir Harty erhob langsam sein Haupt und blickte das Mädchen lange forschend an. Sein Gesicht war bleich und es zeigte einen Ausdruck unbeschreiblichen Kummers.

„Meine liebe kleine Ella!" sagte et traurig und legte seine Hand liebkosend auf ihr goldenes Haar. „Und Du liebst ihn noch? Es ist sonderbar, die Liebe eines Weibes überwindet alles!"

Ella machte eine verneinende Bewegung, die der Baronet jedoch nicht bemerfte. Hätte er ihr Herz recht verstanden, hätte er sie überhaupt bester gekannt, so würde er gewußt haben, daß sie einen Mann nicht mehr lieben konnte, den sie auf gehört hatte ju achten.

„Dies ist ebenso hart für Dich Ella," fuhr Sir Harty nach kurzer Pause fort. „Guido ist nicht mehr oas, was er war.

Guido hatte ein edles Herz und verabscheute alles Böse, mochte eS sich in Worten oder Taten zeigen. Bis zu feiner Rückkehr würde ich mein Leben für feine Rechtschaffenheit und Wahrheits­liebe zmr Pfände gesetzt haben."

Ella antwortete nicht; sanft streichelte sie die Hand des Baronets.

„Hätte ein anderer als Du chn diesen nächt­lichen Diebstahl auSführen sehen und eS mir et- zählt, würde ich es raum glauben,'' fuhr er fort.

„Und doch — ich habe ihn unglaubhaft, geheim- »lisvoll und seltsam gefunden. Der Vorfall mit dem Fremden gestern schien mir sonderbar. Ich kann meinen Sohn nicht ergründen. Er war honte morgen mit mir in der Bibliothek, als ich den Diebstahl entdeckte, und er war bemüht, meinen Verdacht auf Kemp oder Paxer zu lenken — die treuesten Menschen, die es jemals gegeben. Er hätte sich wenigstens dieser Schlechtigkeit enthal­ten sollen, Unschuldige anzuklagen."

„Wie, er hat sie des Verbrechens beschuldigt, das er selbst ausgeführt hat?" rief Ella mit un­verkennbarem Abscheu. „O, Sir Harry, das ist sehr schlecht von Guido!"

„Es war unüberlegt von mir. Dir das ;u bet­raten, Ella, denn Du hast schon genug zu er­tragen gehabt," sagte der Baronet. „Da ich daS Geld doch für ihn in anderer Weise bestimmt hatte, ist es um so unerklärlicher, daß er eS ge­stohlen hat. Was mag ihn zu solcher Tat veran­laßt haben und wozu mag er eine Summe von zweitausend Pfund gebrauchen? Und wenn er Geld braucht, toarum fragt er mich nicht darum? Jedenfalls scheute er sich, mir zu sagen, wozu er eS verwenden wollte."

„Bemerkrest Du nicht, Onkel, wie aufgeregt, wie reizbar er gestern war nach Empfang deS Briefes von dem Fremden?" fragte Ella. Wahr­scheinlich hat er den Fremden schon früher ge­kannt, und der Brief wird ein Mahnbrief ge­wesen fein."

„Du magst Recht haben, Ella; aber wie komtte et dem Menschen eine solche Summe schulden?

„Er mag ihm nicht soviel schuldig gewesen fein, er hat vielleicht deshalb alles genommen, um der Sache den Anschein zu geben, als hätte etn Fremder den Diebstahl ausgeführt. Kern ge- wöhnlicher Dieb würde einen Teil zurückgelassen haben. Und daß er Dich nicht um das Geld ge­beten hat, mag darin seinen Grund haben, daß die Sckuld vielleicht von einem Spiel herrührt."

„Es dedars nur noch, daß auch diese Vermu­tung sich bestätigt, um das Maß des Kummer-