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»etatfoertzruSm» Verlag der Zuldaer A. flteötoeteret in jgQ( -enchrrecher Rr.S.

, Sa'.ustag den 8. Auflust 1908.

35. Jahri^anq.

Iweites WLcrtt.

Wochen-Rundschau.

Fulda, 7. August 1908.

Die diesjährige so überaus belebte Periode der Moitarchenbegnungen naht ihrem Ende. Sie hat bisher, abgesehen von dem ersten glänzen, den Hineinfall Onkel Eduards, bei feiner Reise nach Rußland nämlich, nichts übermäßig Bemer­kenswertes gebracht. Der Präsident der fran­zösischen Republik wird mit recht leerem Herzen, vielleicht mit vermehrten Sorgen heimgekehrt sein. An Len nordischen Höfen hat man fehr herzliche Reden gehalten, die aber auch bei liebe­vollster Würdigung noch immer nur theoretische Bedeutung haben. In RutzlanL klangen die Re- den zwar nicht minder herzlich, vielleicht sogar noch herzlicher, aber sie hatten für Fallieres einen gewissen metallischen Beiklang. Um dieselbe Zeit nämlich, als Fallieres in Rußland war, ging durch die Handelspresse die Mitteilung, Rußland beabsichtige in Frankreich die Aufnahme einer neuen Anleihe von nicht weniger als einer Mil­liarde. Daß die von Onkel Eduard angeknüpf- ten russisch-englischen Beziehungen sich so überaus schnell wieder abgekühlt haben, lag nämlich an der Weigerung der schlauen englischen Geldleute, auch ihrerseits einige hundert Millionen in dem großen russischen Bankrott-Geschäft anzulegen. Da muß also wohl oder übel Frankreich wieder an seine Freundschaft mit Rußland glauben. An­genehm ist das bei aller Freundschaft nicht. Für die Revanche-Idee gegenüber Deutschland, der zuliebe man die Beziehungen zu dem bei den demokratischen, kulturell hochstehenden Franzosen aufs äußerste verhaßten Rußland einging, kommt Rußland ja heute bei feiner totalen Ohnmacht gar nicht mehr in Betracht. Aber Frankreich kann feine Million nicht zurückhalten, weil das heute nicht mehr geht. Es befindet sich in der Rolle des Unglücklichen, der bei einer „amerikanischen Aktion" bereits das Mehrfache des ausgesetzten Wertes hineingesteckt hat und nun immer weiter bieten muß, um nicht alles zu verlieren; mit dem noch traurigeren Unterschiede freilich chaß schließ­lich auch das, was jetzt noch hineingebuttert wird, noch verloren gehen wird. Jene Leute, die für die französische Volkswirtschaft wenigftens mora­lisch verantwortlich find, haben ja fchon lange ab- gewunken; aber das „Staatsinterefse" gebot das Ausharren. So wird man auch jetzt Wohl nicht gnr daran vorbeikommen. — Ob die Reisen des deutschen Kaisers, besser: seine Begegnungen mit anderen Monarchen von größerer Bedeutung sein werden, muß dahingestellt bleiben. In S t o ck- h o lm war die Ausnahme lehr freundlich, aber das gegenseitige Interesse zwischen Schweden und Deutschland beschräntt sich doch lediglich auf das Handelsinteresse; Schweden hat höchstens ein In­teresse daran, mit Deutschland gut Freund zu bleiben, weil Deutschlands Freundschaft es vor rufiischer Vergewaltigung, insbesondere in der Angelegenheit der Alandsinseln, schützt. Die Be­gegnung mit dem König Eduard VIL steht noch bevor. Sie wird sehr kurz sein; wahrscheinlich verläuft sie sehr freundschaftlich; denn Onkel Eduard ist ja infolge des Mißerfolges in Ruß­land, infolge ferner der unerwarteten Wendung der Tinge in der Türkei, heute Deutfchland ge­genüber etwas vorsichtiger gestimmt.

Im bayerischen Landtage macht die Zeulrumssrattion vortreffliche Arbeit; sie hat der Lehrerwelt eine sehr nette Aufbesserung ge­geben. Dann hat sie das alte Unrecht beseitigt, daß der katholische Klerus schlechter gestellt sein soll als der protestantische, ein Unrecht gegenüber

allen Katholiken. Die Liberalen aber leisten keine Arbeit', sondern machen nur Spektakel. Weil ihnen Dr. Heim etwa» auf die Hühneraugen ge­treten ist, darum haben sie die Sitzung verlassen und wollen an den Verhandlungen nicht mehr teilnehmen. Alle Well lacht über diese Unbeson- nenheit, die der „große Führer" Dr. Müller- Meiningen gemacht hat. ,

Im Mittelpunkt der AuSlandSpolrftk steht im­mer noch die türkische Ueberraschung. In der Tat kann die mit so beispiellos begeister- ten Kundgebungen begrüßte türkische Verfassung — der Vergleich mit Rußland und Persien liegt nahe — nicht nur die Emanzipation der Jung­türken, sondern auch eine Emanzipation der tür­kischen Politik bedeuten. Noch klingt eS ja fast tote eine» der Märchen aus den tausend Nachten, wenn man lieft, wie das Volk der Moslrm durch die Straßen de» allen Konstantinopel zieht, um den Paschidah und in einem Atem auch in — Byzanz — die Freiheit leben zu lassen I Wenn man hort, daß Abdul Hamid, der 82 Jahre lang ein Gefangener in JildiS gewesen, zur mitter­nächtigen Stunde aus dem Balkon erscheint, um eine Ansprache an seine „ließen Kinder" zu rich­ten I Man denkt unwillkürlich an die Geschichte jener Verfassung, die jetzt erneuert worden, an die Geschichte jenes ersten türkischen Parlaments, da» am 23. Dezember 1876 geschaffen und am 14. Februar 1878 nach Hause geschickt wurde. Da­mal» soll Abdul Hamid, der 86jährige, erklärt haben, von nun an werde er in die Fußtapfen seine» großen Ahn», des Sultan» Mahmud, tre­ten, denn gleich ihm erkenne er nun, daß er nur mit Gewalt die Völker führen könne, deren Lei­tung Allah ihm übertrage. Heute urteilt er an­der» und hat bereit» einen Eid auf die Verfas­sung abgelegt und zwar gegenüber dem wichttg- sten Mann tn der Türkei, beim Scheik ul Islam, der höchsten geistlichen Behörde der Muhameda- ner.

Die veränderte Situation am Bosporus ist zweifelsohne auch in Reval einer der wesent­lichsten Gegenstände der Unterhaltung zwischen dem Zaren und dem Präsidenten, zwischen Pichon und Iswolski, gewesen. Die Entrevue von dem 27. Juli hat ja, sogar bei den Nächstbeteiligten selbst nicht mehr den gleichen Eindruck hervor­zurufen vermocht, wie vor Jahren die Tage vor Kronstadt, auch nicht einmal die Begegnung, d'e am 10. Juni zwischen dem Zaren und König Eduard an der gleichen Stelle vor sich gegangen. Die ftanzösischen Interessen konzentrieren sich in diesem Augenblick so ausschließlich aus Marokko, daß man in Paris der orientalischen Aktion seiner beiden Kompagnons nur mit den sozusagen pla­tonischen Empfindungen des „stillen Teilhabers" zufieht. Heute ist England für Frankreich der wertvolle Alliierte und aus der einstigen Leiden­schaft für den russischen Bundesgenossen ist eine besonnene Freundschaft geworden. So hat selbst die fast einstündige geheime Konversation zwischen Nikolaus und Fallieres, ganz abgesehen davon, daß sie bei der eigenartigen staatsrechtlichen Stel­lung des Präsidenten ohnehin nicht lange Ge­heimnis bleiben kann, die Neugierde der Well nicht sonderlich gereift. Das Interessante an der Entrevue war vielmehr, daß Herr v. Iswolsky in dem Kommentar, den er zu den offiziellen Trink- sprüchen veröffentlichen ließ, so deutlich und so auffällig ,chie auf Notwendigkeit und Ueßerliefe- rung beruhende Freundschaft mit Deutschland" betonte.

War es ein zufälliges Zusammentreffen, daß an dem gleichen Tag, an dem der russische Mini­ster des Aeußern diese Erklärung abgab, auch der Leiter der britischen Auswärtigen Po­litik, Sir Edward Grey, jene Rede hielt, in der er mü vornehmer und sympathischer Sachlichkeit nun auch seinerseits dem „Märchen von der Ein­

kreisung Deutschlands" zu Leibe ging? Die Worte Grey», die offenbar so etwas wie eine Antwort auf die immerhin kriegerische Sprache Lord Eromer» fein sollten, sind freilich doppelt bemer­kenswert. So änderte ein schlauer Zug de« Sul­tan» die ganze Situation in der AuSlandspolittk und zwar nicht zu unseren Ungunften.

Deutscher Reich.

Eine Geheimmittelsteuer schlägt ein „Bürger" in einer Eingabe au den Reichstag vor und führt dabei au»;

.Dir Geheimmittel können fehr gut eine gehörige Steuer tragen und e» dürfte Fabriken geben, von denen jede allein 1 Million Mark jährlich abzuführen hätte, wenn di» Steuer auf 10 Prozent de» Verkaufspreises anaefetzt wird. Eine Fabrik, di« «ine Seife zur Er­höhung der Schönhett herftellt, verkauft dieselbe mtt 1,60 SRI, in der Herstellung kostet fie 7 Pfg. Ein in dieser Fabrik hergestelltes viel gerühmte» Haarwafler kostet in der Herstellung samt Flasch« noch nicht 20 Psg., verkauft wirb e» mit 2,60 Mk. Diese Fabrik macht üb« i Millionen Mk. Umsatz jährlich und beschäftigt etwa 200 Leute, zum großen Zett Invaliden aus anderen Berufen, die brotlos würde», wenn e» gelänge, di» Gcheimmittelindustrie zu vernichte«, denen e» ab« gar nicht« schadete, wenn dir Inhaber mit 10 Prozent des Umsatzes — zirka 200 000 Mk. extra jährlich be­steuert würden. Den Fabrikanten wäre ein solch« kräftiger Aderlaß von ihrem Millionenaewinn durchaus zu gönnen, darüb« find fich wohl alle Interessenten, mtt Ausnahme natürlich d« Fabrikanten selbst, durch­aus ewig. Sie werden natürlich ttnen Teil d« Steuer auf da« Publikum abzuwälzen suchen, ab« ein Be­denken kann darin nicht erblickt w«den. Soweit ihre Mattel wirksam und gut find, sind ste kotz der Steu« immer noch billig« als die zum gleichen Ziele führende ärztlich« Behandlung inNustve Apothekerkosten. Sowett ste zweifelhaft find, wie z. B. viel« angebliche Ber» fchönrrungsmittel, stellt btt Steuerstempel eine War­nung de« Publikums dar, und wenn es ste trotzdem tauft, «tat Befitueruug fein« Dummheit. Offenbare Schrotadelmittel aber müßten gänzlich verboten und die Uebtttetiung dieses Verbot« al« Betrug bestraft werden. Der Unttrfchied, den da« Gesetz jetzt zwischen „Geheim- mtitel* und .KoSmeukum" macht, wäre aufzuheben, alle SoSmetika, soweit ihnen besondere Wirkungen bet gelegt werden, find als Veheünmitt«! zu bekachten. Auf diesem Wege wäre auch rin« auLgtbiae Besteu«ung der enottschen und amrrikamschen Fabrikanten zu er­ziele«, btt im Auslandt sitzen, dort sabrtzi«en und btt Bestellungen durch einen Spedfteur in B«lta oder im Rheinlande aus'ühren lasten, um Porto zu sparen, also ein Geschäfc in Deutschland betreiben, fich ab« ein« Besteuerung ihr« auS Deutfchland kommenden Millionenverdienste zu entziehen rotff en."

Die Sache ist der Ueberlegung wert.

♦ Eine Studienreise nach Togo und Kamerun wird der „Postt zufolge Staatssekretär Dernburg int Laufe des nächsten Jahres unternehmen; da­gegen ist eine Bereifung der Schutzgebiete in der Südfee bisher nicht in Aussicht genommen.

* Der 18. deutsche Schnetdertag in Liegnitz nahm eine Reihe von Beschlußanträgen an. Sie fordern die Einführung des aUgeminen Befähi­gungsnachweises für Handwerker, das Verbot, an Beamtenvereine Stoff zu verkaufen, und das Ver­bot, für Kommunal- und Staatsbehörden Beam- ienkleidung in eigener Regie anzufertigen.

volkr wirtschaftliches und Sozialer.

— Z« dem Streik auf dem Stettiner „Sultan" wird gemeldet, daß die Nieter immer noch nicht von ihren Forderungen abtaffen wollen. Infolgedessen wollen die übrigen Arbeiterorgani­sationen ihre Unterstützungen zurückziehen, wenn der Streit nicht bald beigelegt werde.

]:[ Bon einem Landarbeiterstreik, in den am DienPag sämtliche russich-polnischen Arbeiter de» bei Kulm (Prov. Westpr.) gelegenen Gutes

Schvnborn eingetreten sind, weiß erst jetzt di« agrarisch« „Deutsche Tageszeitung" zu melden. Danach verlangten die Siebener Lohnerhöhungen. Al» diese ihnen nicht fofort gewährt wurde, nahmen ste eine so drohende Haltung an, daß Militär requiriert werden mußte. AlS das Militär heranrückte, griffen einige der Rädelsführer zum Messer und versuchten tätlich vorzugehen, wurden jedoch entwaffnet und verhaftet. Die übrigen Rebellen kehrten freiwillig zur Arbeit zurück. — ES ist eigentlich auffallend, daß erst nach zwei Tagen die Meldung von einem Streike, zu dessen Beilegung Militär requiriert wurde, in di« Oeffentlichkeit gelangt, und zwar ausschließlich in die agrarische Presse. Man wird daher ab­warten müssen, ob ein Streik daselbst wirklich ausgebrocheu ist. .____________________________

55. Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands.

Die kath. Studenten erhalten auf der 55. Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands die, vom Präsidium aus gesehene, linke Seitentribüne der Festhalle eingeräumt. Die Studentenkarte zu 4 Mark ge­währt dieselben Rechte, wie die Mitgliedskarte, abgesehen von dem Bezug der Drucksachen. Die Beteiligung der kath. Studenten wird eine ganz bedeutende sein. An dem Pontifikalhochamte in der St. Rochuskirche am Montag, den 17. August, werden mindestens 120 Studentenkorporationen mit ihren Fahnen vertreten sein.

Der Verband der wissenschaftli­chen kathol. Studentenvereine Unr - t a s, der Montag abend in der Flora feinen Fest- kommerS feiert, wird in stattlichem Wagenzuge von 16 Wagen feine Chargierten und Fahnen zur Kirche und wieder zurück fahren.

Der Verband der kath. Studenten­vereine Deutschlands (nicht farbentva» gend), deren Chargierten die Fahnen von der städt. Tonhalle in geschlossenem Zuge zur St. Rochuskirche bringen, werden gleich nach dem Pontifikal-Hochamte um 9y2 Uhr von der ®ar* tenstraße aus eine Festfahrt durch die Stadt mit 40 Zweispännern und 2 Vierspännern unter Be­gleitung des Trompeterkorps der 11. Husaren machen. Hofgartenallee mtt Ratingertor, Kunst­akademie und Schloßufer, St. Lambertus, Alte- stadt und die Alleestraße wird die Fahrt berühren, die Prachtbauten auf dem alten Exerzierplätze und die Schönheiten des Südens, die Festhalte, Marienfäule und die Festftraße: Haroldstraß« und Graf Adolf-Platz sehen und dann durch Kö- nigsallee. Schadowplatz und Schadowstvaße an der Tonhalle enden. Danach vereinigt in der Festhalle ein musikalischer Frühschoppen die An­gehörigen des Verbandes zu fröhlicher Begrü­ßung. Abends 8 Uhr finden die Festlichkeiten im Kommerse im Kaisersaale der städtischen Tonhall« ihren Höhepunkt und Abschluß.

Ter Verband der kathol. deutschen Verbindungen (farbenttagende) hält in den Tagen vor dec Generalversammlung seine Kar- tellversammlung ab. Er wird auch seine Fahnen am Montage in festlichem Zuge vom Hotel Mo­nopol zum Pontifikalamte bringen. Um 10 Uhr stehen 64 Wagen in der Prinz Georgstraße be­reit, um unter den Klängen der Kapelle des 89. Infanterie-Regiments und des Trompeterkorp» der 7. Ulanen eine ähnliche Festfahrt machen, wie oben beschrieben. Doch ein Zwischenfall ist vor­gesehen : Am Corneliusplatz erwarten die Ange­hörigen des Verbandes die Chargierten, welche die Wagen verlassen, um mit den Kartellbrüdern zusammen am Kriegerdenkmal eine große studen­tische Ovation darzubringen.

Unpolitische Zeitkäufe-

(u) Berlin, 6. August 1908.

(Nachdruck verboten.)

Es war ein verhängnisvoller Gewittersturm, der am Mittwoch nachmittag über Süddeutschland hinbrauste. In Donaueschingen blies er ein Scha­denfeuer, das 150 Wohnhäuser auffraß, und zu 'schterdürgen bei Stuttgart riß dec Sturm das Luftschiff des Grafen Zeppelin von feinen Antern und fpielte mit ihm Fangball, bis es ver- bräunt war; denn die Elemente hassen das Ge­bilde der Menschenhand.

Das Unglück des Lufsschiffes erinnert an den «.itiicrjang des Dampfers „Berlin" am Hoek van Holland. Dieses Wasserschiff mußte, wie fchon manches vor ihm, am Eingang zum Hasen schei, tem; man sah das Ziel der Fahrt schon vor sich, man glaubte schon in Sicherheit zu fein, und doch fiel man int letzten Augenblick den anscheinend bezwungenen Naturgewalten zum Opfer. Graf - Zeppelin war mit feinem lenkbaren Ballon von Friedrichshafen über Bafel, Straßburg, SRann- leint bis Mainz gekommen und von dort zurück bis über Stuttgart. Es fehlt nur noch die klein« Strecke von Echterdingen bis Friedrichshafen. Rach einer kleinen Ausbesserung am heißgetaufe- nen Motor und einer Nachfüllung mit Gas dachte er den kurzen Rest der Rundfahrt spielend zurück- tageu zu können. Er hatte sich etwas zurückge- jogeu, um frohgemute Drahtnachrichten über die bisherigen Erfolge zu schreiben. Ehe diese Freu­denbotschaften an ihre Empfänger kamen, brachte man ihm die Nachricht: Das stolze Werk Ihres Lebens, auf das Sie ganze Welt mit Bewunde­rung blickt, ist zu Schutt und Asche geworden!

Graf Zeppelin ist an Schicksalsschläge gewöhnt. Außer zahllosen kleineren Henstsrtchungen hat ihn auch schon der Verlust eines ganzen Ballons be­troffen; im Januar 1906 wurde der Vorgänger k» letzten Ballons ebenfalls durch einen Sturm­wind vernichtet. Der gegenwärtige Schicksals­

Schlag ist ober schwer über alle Maßen. Er trifft einen siebzigjährigen Mann in dem Augen­blick, wo er den mühselig erstrebten Lorbeer schon in der Hand zu haben glaubte; er vernichteite nicht bloß ein Vermögen, sondern das beste Stück von der Lebenskraft des Mannes. Mitleid gebührt dem Geprüften, und wenn der alte Herr noch so­viel Spannkraft behält, um von neuem anzu­fangen, so gebührt ihm hohe Bewunderung.

Wünschen wir dem zähen Ringer das Beste! ES ist auch gut und schön, wenn ihm geholfen wird. Die Reichsbehörden haben sofort die halbe Million zur Verfügung gestellt, die eigentlich erft nach einer glatten Fahrt von 1000 Kilometer fäl­lig fein sollte. Ferner find Sammlungen ein­geleitet, welche die zweite Million erhebltch über- fchrttten haben. Das Geld zur Erbauung eines netten Ballons Zeppelin IV. wäre also schon vor­handen.

Mit dem Gelbe fft eS aber noch nicht getan. Jetzt beginnt die Gedankenarbeit zur Der- Wertung der gemachten Erfahrungen. Graf Zep­pelin selbst wtrd sich nicht verhehlen, daß das Un­glück nicht einfach einem außerordentlichen, un­berechenbaren Zufall zur Last zu legen ist, son- Sern yuriickgeführt werden muß auf ein Zusam­menwirken von verschiedenen Störungen und Bedrängnissen, mit denen er rech­nen mußte.

Im vorigen Monat war es bekanntlich dem Grafen Zeppelin gelungen, eine zwölfstiindige Fahrt über die Schweiz hin zuruckznlegen. Jetzt wollte er die Fahrtdauer auf das Doppelte brin­gen. Da» stellte gewaltige Ansprüche an die Mo­toren und an die Gashüllen. Tie Benzinmoto­ren, die in den Automobilen und den Gondeln gebraucht werden, müssen möglichst leicht an Ge­wicht fein und dabei eine groß eKraft entwickeln können; sie arbeiten mit einer riesigen Geschwin­digkeit der beweglichen Teile. Von den Erfahrun­gen bei den Automobilen wissen wir, wie oft eines von den zahllosen Teilchen der Maschine schadhaft wird und wie leicht ein solcher Motor sich HM

laufen kann. Auch Graf Zeppelin wurde bei der letzten Fahrt von einer solchen Motorstörung be­troffen, ehe er die erste Hälfte de- Weges zurück­gelegt hatte. Sein Luftschiff befaß freilich zwei Motore; aber wenn der eine allein arbeitet, fo kann et die vorteilhafteste Höhenlage nicht durch­weg einhalten. DaS Aus» und Abschwanken des Ballon» führt nun zu stärkerem Gasverlust; die Füllung reicht dann nicht au8 für eine Fahrt von 24 Stunden. So wurde Graf Zeppelin zu Zwi- schenlandungen gezwungen. Das ßanben ist für alle Lustschiffer gefährlich; am meisten für den sog- starren Ballon des Grafen Zeppelin. Gerade weil dort alles in einem starren Gerüst von Alu­miniumstäben rc. gebettet ist, kann jede Erschüt­terung beim Ausstößen auf dem Lande zu Bruch­schäden führen. Ferner bildet da» starre Gerippe eine beträchtliche Last, zu deren Überwindung eine große Menge Gas gehört. ®aS Ganze fft also ein kolossales Bauwerk, das beim Lagern auf der Erde dem Winde eine sehr große Angriffs­fläche bietet. Infolgedessen war man vielfach der Ansicht, dec Zeppelin'sche Ballon dürfe überhaupt nickst auf freiem Boden landen, sondern nur auf der Wasserfläche des Bodensees in der Nähe der dortigen Schutzhalle. Aber wider Erwarten ge­lang am letzten Dienstag dem Grafen die erste Landung bei Oppenheim am Ufer des Rheines vortrefflich. Keine Erschütterung beim Nieder­gang, kein Nach geben der Anker, keine Schwierig­keit beim Wiederaufstieg. Dadurch waren bte Führer des Luftschiffes sicher gemocht. Als ste mögen neuen Motorschadens und werteren Gas­verlustes südlich von Stuttgart abermals landen mußten, kamen sie wieder glatt auf den Boden und dachten nun an nichts Böses mehr. Die Gon­deln blieben nur mit zwei Leuten besetzt, die an­scheinend mit der Maschinerie nicht recht Bescheid wußten. Hätte man gehörig mit der Möglichkeit starker Windstöße gerechnet, so würden so viel sachkundige Leute in den Gondeln geblieben sein, daß man im Notfälle die Ankertaue hätte kappen und den Boston w hin .Qnft netas* taffan t'dunp»

Dann würde der Sturmwind ihn vermutlich ge­tragen haben, statt ihn zu vernichten. Di« Sorglosigkeit am zweiten Landungsplätze mag wohl entschuldbar fein; aber sie war der tragisch« Fehler, der das Verderben auSlöft.

Im Lichte dieser nüchternen Kritik ergibt sich folgendes:

1. Die M 010 ren sind noch nicht fo zuverläs­sig, daß man auf eine vierundzwanzigstündige Tätigkeit rechnen tarnt.

2. Der Gasvorrat scheint noch nicht für 24 Stunden auszureichen.

3. Eine Landung und ein Aufenthall außer­halb der SchutzHalle ist höchst gefährlich.

Ein vierter Punkt, der noch in Betracht kommt, ist noch nicht genügend aufgeklärt, nämlich di« Gefahr, die aus der Nachbarschaft des TraggaseS mit den Explosionsmotoren sich ergibt.

Punkt 1 uni 2 treffen auf alle lenkbaren Luft­ballons zu. Der dritte Punkt aber, die Gefahren bei der Landung, gilt ganz besonders für da» System Zeppelin's. Die anderen Systeme ha­ben nämlich nicht den gleichen starren Aufbau, sind also gegen Erschütterungen und Windstöße nicht so empfindlich.

Hat nun das starre System des Grafen Zeppe­lin schon endgiltig Fiasko gemacht? Dürfen die Vertreter der nichtstarren Luftschiffe fchon den Triumph ihre» Systems verkünden? Immer langsam und vorsichtig I Vorläufig hat Gras Zep­pelin vielmehr geleistet, als alle seine in- und ausländischen Wettbewerber von den anderen Sy­stemen. Den zwölfstündigen glatten Flug sollen sie ihm mal nachmachen. Probieren geht über Studieren. Gerade die vielseitigen Ver­suche versprachen am meisten Erfolg. Es war« jammerschade, wenn nun Graf Zeppelin auf hören wollte. Möge er zeigen, was aus den herben Er­fahrungen zu lernen war. Und wenn er es auch nicht zu einer sicheren Fahrt von 1000 Kilometern ober 24 Stunden bringen kann, fo wollen tote schon froh und dankbar fein für ein Luftschiff, das mit Sicherheit die Hälfte, leisten kann