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Fulda, Frettag den 7. August 1908.

35. Jahrgang

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tung sich als Schiedsrichter anbieten muß. Die Arbeiterschaft geht gerne darauf ein und der Vulkan muß auch Entgegenkommen zeigen. Man ergreife also im Reichsmarineamt ruhig die Ini­tiative zu diesem Schritt. Man hat ja hier auch einen Gewerbeinspektor angestellt, der schon durch seine Stellung geeignet ist, hier vermittelnd auf­zutreten.

Erscheint täglich

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sagen 1 Sonst heißt es doch: .Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist!"

Daß dies« Leistung übrigens nicht vereinzelt dasteht, oder bloS eine Entgleisung des BlatteS ist, ergibt sich daraus, daß turj darauf die bayerische .Liberale Landeskorrespondenz', also eine Art offizielles Organ, wegen der jüngsten Vorgänge in der bayerischen Kammer der Zen- trumsfraktion folgende Titulaturen an den Kopf wirft: Parlamentarische Sippe, aus den widerlichsten Spielarten zusammen, gelaufener Haufe, Demagogen, die fich dem katholischen Volke als den Ausbund der Christ, lichkeit und Rechtgläubigkeit vorstellen, eine Partei, die die Religion im. Kote herumzieht, auseinanderstrebende Elemente vom konservaiiv- feudalen Hochadel bis zu den politischen Gassenjungen der schwarzen Demo­kratie, Zerrbild einer politischen Vertretung. DaS Zentrum habe den Gipfel bajuvarisch- politischer Verkommenheit erstiegen, seine ungeschlachten Stiefel sind steis bereit, alles niederzutrampeln, was ihnen zum Niedertrampeln von den Oberkommandierenden in den Weg ge­stellt wird. Die Zentrumspartei habe an bübischer Kampfesweife und politischer Verlogenheit einen Weltrekord aufgestellt usw. In solche Wut kann die liberale Partei und ihre Presse schon geraten durch den einen Antrag des Zentrums, durch welchen ihnen das Wort ab- geschnitten wurde. Was würde diese Partei wohl an Raserei geleistet haben, hätte man sie auch nur ähnlich behandelt, als man das Zen­trum im Reichstage behandelt hat?

* Tas Reichsmarineamt als Schiedsrichter. Die fortdauernden Streitigkeiten, die zwischen der Leitung des Stettiner „Vulkan" und ihren Nie­tern schweben, legen die Frage nahe, welche Stel­lung das Reichsmarineamt einnimmt, falls der den Schiffswerften übertragene Bau von Kriegs­schiffen infolge des Streiks nicht zur vertrags­mäßigen Zeit ausgeführt wird. Die Marine­verwaltung hat beim „Vulkan" gegenwärtig das Linienschiff „Ersatz Württemberg" (18 000 Ton­nen), ein Schwesterschiff der „Westphalen" und „Nassau" im Bau, ferner 3 Torpedoboote, die erst vor einigen Wochen in Auftrag gegeben worden sind. Der Stappellauf der „Ersatz Württem­berg" hätte nach den ursprünglichen Dispositionen Ende August oder Anfang September d. I. statt­finden sollen. Die Einhaltung des vorgeschriebe- neu Aülieferungstermines ist durch große Kon­ventionalstrafen gesichert. Die Konventionalstrafe hat die Werft nicht zu leisten, wenn ein elemen­tares Ereignis, mit welchem man unter norma­len Verhältnissen nicht rechnen konnte, nachge- wiesen wird. Ein Arbeiterstreik zählt nicht zu diesen Fällen. Die Marineverwaltung vertritt— nach einer Mitteilung der „Berl. Universal-Kor- respondenz" — den Standpunkt, daß es Pflicht der Werftdirektion sei, alle Vorkehrungen zu tref­fen, um Streiks — mögen sie berechtigt sein oder nicht, dazu nimmt die Marineverwaltung keine Stellung — zu verhindern. Im Oktober ist beim „Vulkan" die Ablieferung einiger Torpedoboote und eines Kreuzers fällig. Dies erheischte die Ableistung der wöchentlichen Ueberstunden, dre die Ursachen des Streites zwischen Nietern und Direktion abgegeben haben. Sollte nun der Ar­beitgeberverband tatsächlich mit. der Generalaus­sperre antworten, dann wären nicht nur Hundert­tausende von Arbeitern geschädigt, sondern auch die Schiffswerften selbst, die dem Arbeiterschutz- verbande angehören, insbesondere der „Vulkan" in schwere Mitleidenschaft gezogen. Und dieser Stand der Dinge ergibt, daß die Marineverwal-

Aurlanö.

* Generalstreik in Frankreich. Als Antwort auf die Forderungen der Bauarbeiter haben die Pariser Bauunternehmer beschlossen, von, Sams­tag den 8. August an alle Bauplätze in Paris zu schließen. Die Zahl der dadurch arbeitslos Werdenden beträgt 15—20 000. Es werden davon vier im Bau begriffene Linien der Unlergrundbahn sowie andere städtische Arbeiten betroffen.

* Ein französischer Bergarbriteransstand ist in der nächsten Zeit nicht ganz ausgeschlossen. Die 80 000 Mitglieder umfassende „Nationale Föde­ration der Bergleute" hat fich nach zweijährigen, eben zum Abschluß gelangten Verhandlungen der „Confederation generale du travail" angeschlos­sen. Damit erhält dieser große sozialistisch-re- volutionäre Arbeiterbund eine ansehnliche Ver­stärkung in einem Augenblicke, wo sein Einfluß durch dis mißglückten Generalstreiks einiger» maßen abgeschwächt ist und wo die Mitglieder seines Vorstandes im Gefängnis sitzen. Dem Landesverband der Bergleute wird die Absicht zu- geschoben, den allgemeinen Bergarbeiterausstand zu proklamieren, falls die Regierung nicht die wegen Aufreizung zum Aufruhr in Untersuch­ungshaft genommenen Vorstände der „Confede­ration generale du travail" freilätzt.

* Den englischen Frauenrechtlerinnen ist jede Gelegenheit willkommen, um der englischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. So ver­anstalteten sie auch jetzt während deS Freihandels« kougrefies Demonstrationen, wenn die Minister ihre Freihandelsideen verteidigen wollten. DieS bat nunmehr die Kongreßleitung zu scharfen Maßnahmen veranlaßt. Um zu verhindern, daß Frauenrechtlerinnen sich unbefugterweise Zutritt verschaffen, werden an allen EingangStüren AuS» schnßmitalieder ausgestellt, die alle eintretenden Damen scharf inS Auge faffen und in zweifel­haften Fällen die Vorzeigung der Teilnehmer« karte fordern werden. Die Führerinnen der Frauenrechtsbewegung haben erklärt, daß ei ihnen nur auf Demonstrationen gegen die Mit­glieder des gegenwärtigen Kabinetts ankomme, und daß der Kongreß, solange nicht einer der Minister daS Wort ergreife, vor ihnen Ruhe haben werd«.

* Bom Kongreß der Freihändler. Aus dem Diner, das der Cobden-Klub am Dienstag abeich zu Ehren der Mitglieder dss gegenwärtig in London tagenden internationalen Freihandelkon- greffcs veranstaltet hatte, hielt Premierminister Asquith eine Rede, in der er ausführte, daß die wachsende Gemeinsamkeit der Interessen, bU von den immer mehr sich entwickelnden Verkehrs­mitteln zustande gebracht werden, zu engerer gegenseitiger Abhängigkeit zwischen den Völkern führe. Ter Freihandel bedeute Freundschaft unter den Völkern. Der Handel soll seine natür­lichen Wege gehen, dann würde er den gemein­samen Besitz an Reichtümern und Wohlwollen vermehren.

* Der neue finnische Landtag ist am Mittwoch in Helsingfors zusammengetreten. Daß die neuen Abgeordneten nicht weniger die Rechte des fin­nischen Volkes gegenüber der russischen Regie­rung zu verteidigen gedenken als die früheren,

konnten und daß auch fast die Hälfte nur mit einer recht notdürftigen Schulbildung auSgestattet war, veranlaßt sie zu folgendem scharfen Urteil: „Die klerikalen Feinde der Volksschule behaupten, diese tue ihre Schuldigkeit nicht; die Behauptung ist falsch. Die Volksschule versagt nicht, aber die Verwaltung bleibt hinter ihrer Pflicht zurück; noch gibt eS viele Gemeinden ohne Schule. Der Schulzwang wird sehr lässig geübt; wem eS nicht gesällt, der schickt sein Kind nicht zur Schule, und die Aufsicht«. Behörde läßt 5 gerade sein. Vor allem aber: Für die Fortbildung der Schulent- lassenen ist gar nicht gesorgt, hier muß die Ge­setzgebung einsetzen. Vom 12. bis zum 20. Jahre hat der Jüngling reichlich Zeit, alles zu vergessen, wa- er in der Volksschule gelernt hat; daran ist aber weder diese, noch der Lehrplan, noch der Schullehrer schuld. ES ist verständlich, daß die VolkSbildungS • Statistik die öffentliche Meinung peinlich berührt. Die Republik schämt sich, nach einem Vierteljahrhundert Schulzwang trotz großen Aufwande- und guter theoretischer Gesetze noch immer so weit hinter Deutschland und der Schweiz, Holland und den skandinavischen Ländern zurück­zubleiben. Den Mut zu verlieren, ist kein Grund; wohl aber muß sie sich zu neuen Anstrengungen aufraffen, wenn sie ihren Anspruch aufrecht er­halten will, an der Spitze der Gesittung einher- zufchreiten." — Wenn die „klerikale" Schule solche Ergebnisse zeitigen würde, wollten wir de» Lärm hören. Der Kulturkampf hat die christlichen Privatschulen vernichtet und die „Laienichule", seit 1884 bestehend, hat nun ein solches Resultat gehabt; das ist sehr lehrreich.

* Den Kampf gegen die Vergebung staat­licher und städtischer Arbeiten an sogenannte Gen eratunternehmer wird in letzter Zeit vor allem vom Baugewerbe wieder in stärkerem Maße ausgenommen. So will der B u n d d e ut- scher Zimmermeister eine Eingabe an die Provinzial-Eisenbahnbau- und die städtischen Bau­behörden richten, mit dem Ersuchen, ihre Auf­träge nicht Generalunternehmern zuzuweisen, da dadurch die kleineren, nicht so kapitalkräftigen Handwerksmeister ausgeschaltet unb. unnötig die Arbeit verteuernde Zwischeninstanzen geschaffen werden.

K. Ein „seiner" Ton! Der liberale.Nord­halbener Grenzbote^, das Leiborgan deS be­kannten bayerischen Abg. Pfarrers Grandinger, dringt in Nr. 85 eine Probe seiner Bildung, die gleichzeitig ein bezeichnendes Licht aus die Qualität feiner Leser, nicht zuletzt des katho­lischen Pfarrers Grandinger, wirft. Er schreibt nämlich:

„In ihrer letzten Nummer vom 18. Juli berichtet die »Fränkische Presse' (ein Zentrumsblatt), das Seit- organ für gehirnv ersandete Stotterer und Troddeln im Frankenwald, über die liberalen Ber- Sammlunaen in Rotenkirchen-Ludwigsstadt. Glas» 'läserstilistik, vermischt mit den.Ergüssen einer haßerfüllten Pfaffenseele.... In jedem Kaff befindet sich so ein vermaledeiter EselS- topf, der für den erbärmlichen, infamen Wisch hausieren humpelt. Und in jedem Kaff gibt es Schwachsinnige, Kilkröpsige, Doldi, Dap- schädel. Hysterische, Mondsüchtige, Wasser- köpfige, Gehirnbrüchige, Schwülstige, Schwündige, Wechselbälge und Veils» tanzbehaftete — und aus dieser Auslese rekrutiert sich der Leserkreis der Zentrumsprefle." — Was muß der Mann sich doch Mühe gegeben Haden, eine solche Liste zusammenzubekommen; oder sollte er dafür ein eigenes Schimpslexikon besitzen? Alle Ehre! Aber diesmal hat er selbst die Sozialdemokraten in Schatten gestellt. Was wird nur Herr Pfarrer Grandinger dazu

Deutsches Reich.

□ Prinz August Wilhelm von Preuße«, Statt- Halter der Reichslandr? In einigen Blättern rst die Vermutung laut geworden, daß der soeben an der Straßburger Universität zum Dr. jur. pro­movierte Prinz August Wilhelm von Preußen künftighin als Statthalter oder unter, einem an­deren Titel an die Spitze Elsaß-Lothringens tre­ten soll. Diese Vermutung erhält einen gewissen Rückhalt durch den Verlauf der Abschiedsfeier. In den Ansprachen des Rektors Professors Feh­ling und des Dekans der Rechts- und Staats- wissenschaftlichen Fakultät Professors von Thur fielen Andeutungen, die auf ein künftiges Ver- hältiiiS des Prinzen zu Elsaß-Lothringen hin- deuten können. Bekanntlich erwartet man auch anläßlich des herbstlichen Kaiseraufent- Halles in den Reichslanden, bei welchem auch ;t>er Reichskanzler da sein dürfte, eine Art verfassungsrechtliche Neuordnung. — Uns er­scheint obige Blättermeldung wenig glaubhaft. Der Prinz steht noch in einem zu jugendlichen Alter, (er ist erst 21 Jahre alt), um dem schweren Amts eines Statthalters oder einem andern höheren Verwaltungsposten gewachsen zu sein.

4 Das Steuerprivileg der Beamten soll, wie die „Berl. Bearnten-Zeitung" erfahren haben will, in diesem Jahre noch nicht beseitigt wer­den. Man sei davon abgekommen, einen entspee- chenden Gesetzentwurf gleichzeitig mit den Besol­dungsvorlagen dem Landtage zugehen zu lassen, und habe die Regelung der Frage auf eine spätere Zeit vertagt.

*' Bon dem Plan einer Weinsteuer bei der be- absichtigten Steuerreform soll, wie offiziös ver­sichert wird, an maßgebender Stelle nichts be­kannt sein.

(*) Dr. Peters ist mit seiner Revision gegen das Urteil des Kölner Landgerichts vom 26. Mai vom Kölner OberlandeSgericht ab­schlägig bes ch ieden worden. Danach ist das Verfahren gegen den Redakteur Dr. Brügge» mann wegen zu spät erhobener Klage eingestellt, das Verfahren gegen den Gouverneur a. D. Bennigsen wegen Verjährung der Strafversolgung für un uläfstg erklärt worden. Dr. Peters hat die geiamten Kosten zu tragen.

* In dem Verfahren gegen den Fürsten Eulen­burg wird, wie ein Berliner Blatt von zuverläs- siger Seite erfahren haben will, die Staatsan­waltschaft in nächster Zeit ein Gutachtenher- vorragsnder Aerzte über dem Gesund­heitszustand des Fürsten einfordern. Außerdem wird die Strafkammer von einigen dazu bereits ausersehenen Aerzten ein Obergutachten einfordern darüber, ob durch die seelischen Auf- regungen, welche die Wiederaufnahme des Pro­zesses mit sich bringen, der Gesundheitszustand des Angeklagten wieder derart ungünstig beein­flußt werden könnte, daß eine neuerliche Unter­brechung des Prozesses herbeigeführt würde. Nur wenn das Obergutachten besagt, daß der Fürst nach ärztlichem Erntessen so kräftig ist, um dem ganzen Prozeß ohite Störung beiwohnen zu kön­nen, ist die Neuanberaumung des Verhandlungs- fermines möglich. — Es kann, also noch sehr lange dauern, und wenn es schließlich zu einer neuen Verhandlung kommt, darf man mit ziem­licher Sicherheit Voraussagen, daß der Fürst Vor Schluß wieder krank wird.

— Rückgang der Volksbildung als Frucht der religionslosen Schule. Die »Voff. Zta.', ein freisinniges Blatt, beschäftigt sich mit dem Rück­gang der Volksbildung in Frankreich. Die dort kürzlich feftgefiellte Tatsache, daß von 313,787 Wehrpflichtigen 11,068 weder schreiben noch lesen

Oer falsche (Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

781 (Nachdruck verboten).

Guido aber wagte nicht, auch nur durch einen Zug das zu verraten, was ihn beseelte, da er ja selbst nicht wußte, wer und was er war. Deshalb Wandte er seinen Blick anscheinend gleichgültig ab und nahm mit Geschick die wenige Minuten ins Stocken geratene Unterhaltung wieder auf.

Eine Meile nach der andern wurde zurückge­legt. Die Nacht schwand und ein schöner Morgen brach an. Um 6 Uhr passierte der Zug den Gast- Hof zum Vesuv. Die Wirtschaft war bereits ge­öffnet und Ginditta stand — in einem kleidsamen Morgenkostüm vor der Tür. Sie erschrak heftig, als die Gefangenen unter starker Eskorte an ihr vorüberzogen. Einer der Räuber — der Doktor — gab ihr ein Zeichen, daß alles verloren sei.

Giuditta schwankte, und sie mußte sich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken. Mehr als alles andere erschütterte sie jedoch der Anblick Nelly's und Guido's, welche am Ende des ZugeS ritten. Er war also frei, der junge Engländer, ihr „goldenes Huhn", und für sie unwiederbring­lich verloren. Die Gewißheit dieses Verlustes be­raubte sie einen Augenblick ihrer Sinne; doch gleich erholte sie sich wieder und schaute dem Zuge nach.

„Guiseppo ist nicht unter den Gefangenen", sprach sie zu sich selbst. „Er hat geschworen, sich niemals lebend gefangen nehmen zu lasten. Er fft also tot, wie es auch deutlich aus der Geberde des Doktors zu entnehmen war.. Totl Und Sir Harrington ist frei und wird mit der jungen Engländerin in seine Heimat zurückkehren. Ich muß sofort an Jacapo schreiben. Telegraphieren darf ich nicht, denn das könnte Verdacht erregen. Die Heiligen im Himmel mögen geben, daß er sein Glück inzwischen gemacht hat!"

Sie eilte ins Haus, um sogleich den Brief zu schreiben.

Inzwischen näherte sich der Zug der Stadt, wo sich die Kunde von der Ankunft der gefange­nen Räuber durch eine Ordonnanz überbracht, rasch verbreitet hatte. Scharenweise strömte die Bevölkerung den Siegern entgegen, deren Einzug sich zu einem wahren Triumphzug gestaltete.

Vor Neapel vervbschiedete sich Nelly und Guido unter den herzlichsten Dankesbezeugungen von den Offizieren und begaben sich in ein Hotel, wo sie sich restaurierten und durch einige Stunden Schlaf erquickten, um dann mit dem am Nach­mittag abgehenden Dampfer nach Marseille zu fahren.

Die Reise über Marseille nach Paris verlief ohne Zwischenfälle und acht Tage später kamen sie in London an.

Wohin aber sollten sie sich nun wenden? Diese Frage hatte Nelly schon vielfach während der Fahrt beschäftigt, ohne daß sie zu einem Refultat gekommen war. Unzweifelhaft war ihr Vormund vor ihnen in London angekommen und hatte in allen Hotels nach ihr geforscht, so daß ihr Er­scheinen überall Verdacht erregen mußte. Ratlos standen sie jetzt auf dem Perron des Bahnhofes. Harrington, besten Vergangenheit seinem Ge­dächtnis noch immer verschlossen war, erklärte sich in London gänzlich unbekannt. Nelly hatte hier keine Verwandten, außer den Prouts, welche sie in Palermo gesucht, aber nicht gefunden hatte. Sie wußte die Adresse dieser Familie in London, doch konnte sie unmöglich direkt mit Guido und ihren Dienern nach deren Wohnung fahren.

„ES bleibt uns nichts übrig, als vorläufig in einem Hotel Logis zu nehmen", sagte sie endlich entschlossen. „Wir wollen nach dem Viktoria- Hotel geben, welches dem Bahnhof gegenüber uegt."

Sie legte ihre Hand leicht auf Guido's Arm, Geffrey nahm das Gepäck, und fn machten sie fich auf den Weg nach dem Hotel.

XXXV.

Schreckliche Entdeckungen.

Am nächste« Morgen nach feinem Diebstahl er­schien Ferdinand Brander wie gewöhnlich im Frühstückszimmer. Er sah etwas müde und ab­gespannt aus, war aber unbefangen wie immer.

Sir Harry befand sich bereits im Zimmer. Er erwiderte Branders Gruß ernst, aber doch fteundlich. Beim ersten Blick sah der Betrüger, daß seine nächtliche Tat noch nicht entdeckt wor­den war; denn keine Spur von Aufregung oder Verdacht lag auf dem Gesicht des Baronets.

Nach einer Weile trat Kemp mit dem Früh­stück ein.

Sir Harry wandte sich nach der Tür um, sah bann nach der Uhr und sagte:

„Ella läßt heute lange auf sich warten. Kemp, gehe hinauf zu Miß Bamfield und sage ihr, daß da- Frühstück bereit ist."

Kemp eilte hinaus, kam aber bald zurück mit ber Meldung:

„Miß Bamfield ist unwohl. Ihr Mädchen sagte, sie hätte Kopfschmerzen und ließe Sie um Entschuldigung bitten."

Sir Harry setzte fich schweigend an den Tisch, legte einiges von den besten Speisen auf einen Teller und übergab diesen dem Diener, indem er sagte:

„Bringe dieses mit einer Tasse Kaffee zu Miß Ella, unb sage ihr, daß ich hoffe, sie zum zweiten Frühstück wohl in unserer Gesellschaft zu sehen."

Kemp führte den Auftrag aus und Sir Harry und Brcrnder begannen schweigend zu esten.

Nach dem Frühstück erhob fich der Baronet, sah nach der Uhr und sagte:

„Es ist bereits halb neun Uhr, und um zehn Uhr soll ich Mr. Rog bei meinem Rechtsanwaüe treffen. Doch muß ich zuvor noch einmal mit die­sem sprechen, da er die Urkunde« der Rogfarm einer sorgfältigen Prüfung unterzogen hat. Du konntest mich rum Notar begleiten. Wir wollen

jetzt nach der Bibliothek gehen, um das Geld zy holen, und uns dann zur Fahrt berit machen."

Damit schritt er voran nach der Bibliothek, und Brander folgte mit klopfendem Herzen.

Als Sir Harry die Tür des Bibliothekzim­mers öffnete, riß ein starker Luftzug ihm dieselbe aus der Hand.

„Wie unvorsichtig!" sprach Brander. „Kemp hat das Fenster gestern abend nicht zugemacht; es hat gewiß die ganze Nacht offen gestanden. Tu solltest ihn seines Postens entsetzen, Vater!"

Der Baronet achtete nicht auf diese Aeuße- rungen; er warf einen Blick nach dem Fenster, dann aus den Schrank.

„Mache die Türe zu, Guido", befahl der Ba­ronet ruhig.

Brander tat dies.

„Ehe ich gestern abend zu Bett ging", sagte Sir Harry, „habe ich mich selbst überzeugt, daß alle Türen und Fenster aut verschlossen waren. Kemp kann also keine Schuld treffen. Ich will

sehen, ob das Geld noch da ist."

Er griff in die Tasche und suchte nach dem Schlüssä.

„Der Schlüssel ist weg!" rief er. ,Zch weiß bestimmt, daß ich iha gestern abend, wie immer i« die Tasche steckte."

„Dort liegt er!" rief Brander, sprang einige Schritte vorwärts und hob den Schlüssel auf, „Tu hast ihn gewiß fallen lassen, als Du ihn ern­stecken wolltest. ES scheint nicht, als ob jemand bei dem Schranke gewesen ist. Das Fenster hat vielleicht ein Mädchen geöffnet, um dos Zimmer

zu lüften."

Der Baronet erwiderte nichts. Er trat an de« Schrank und schloß die Tür auf. .

„Das Geld ist fort!" hauchte er hervor, indem er eine« Schritt zurücktcrumelte.

Brander sprang an be« Baronets Seit«.

„Unmöglich!" tief er.

„Ueberzeuge Dich selbst", sagte Sir Harry. „DaS Geld ist gestohlen!"

(Fortsetzung folgt.)