Einzelbild herunterladen
 

Fulda, Donnerstag den 6. August 1908.

jvs 179

35. Jahrgang

sind mehrere Verhaftungen vorgenommen wor­den. Weitere Einzelheiten fehlem

frfdjtixt tiigllch mit tfT Ä

ÄÄ N Ml

jShrlich«Verugrprrtt B^ll | ft I 1■’

ohne vriugerlohn und HUM |B | | WZ H

Bestellgeld in Zulda ft ■ ■ H ML W Ä ■ GU M

wie auswärts 1-50 Mk. JBL-

Ptraut». Redakteur! w

i. v.: ». wetzler-, -

•ÄÄ- w-ch-nbellag« „Illustrierte Sountagrzektung"

schätzen gewußt hat und die prinzipielle Stellung de- Zentrums zu den Steuersragen nicht allzu- ehr von der unsrigen abweicht/ Also für den Fall, daß die Blockpolitik bei der ReichSfinanz- resorm bankerott macht, soll das Zentrum die Kosten tragen! Man wird sich doch zu einer anderen Austastung von der Stellung und Auf­gaben des Zentrums bekehren müsten, wenn man mit ihm arbeiten will. Zum Aushilfsmädchen, zum Werkzeug, das man wieder in die Ecke wirst, wenn man eS benutzt bat, wird es sich nicht hergeben. Unbedingte Gleichberechtigung mit den übrigen Parteien muß es unter allen Umständen beanspruchen; eine Äschenbröde'.rolle, wie man sie ihm zugedacht hat. muß es ablehnen.

* Plante Bismarck einen Staatsstreich? Aus Anlaß der Wiederkehr des Todestages des Für­sten Bismarck hat man recht interessante Einzel­heiten erfahren, die bisher verschlossen in des Her­zens Schrein geruht haben. Nicht nur der 3. Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, in seinen Me­moiren, sondern auch Professor Dr. Hans Del­brück (Preußische Fahrbück>er, 1906 November- und Dezemberheft) treten für die Tatsache ein, daß Fürst Bismarck, der Nationalheros, nach dem Regierungsantritt Wilhelms TI .einen blutt- gen Staatsstreich plante. Der Reichstag sollte durch die Ausweisungsklausel des Soziali­stengesetzes und die Verdysche Vorlage in einen Konflikt getrieben, der Widerstand der sozialisti- scheu Arbeiterschaft durch die Soldateska im Blut erstickt und die Reichsverfassung, speziell das Reichstaaswahlrecht, nach junkerlichen Grund­sätzen revidiert werden. Nun kommt aber ein großer Bismarckschwärmer, der Oberstudent Dr. Engelhart in Stuttgart und sagt auch ganz das- selbe. In seiner „Geschichte der neuesten Zeit vom Frankfurter Frieden bis zur Gegenwart" erzählt er aus einer von ihm als durchaus zuverlässig bezeichneten Quelle, daß Bismarck tatsächlich 1890 den Staatsstreich geplant und seine niederträch­tigen Pläne dem Kaiser vorgetragen habe, und zwar hatte er als Konfliktsobjekt nicht nur die Ausweisungsklausel, sondern nebenbei die Ver- dysche Militärvorlage, die bekanntlich eine enorme Vermehrung der Soldatenzahl unter Bei­behaltung der 3jährigen Dienstzeit verlangte, n Aussicht genommen gehabt. Professor Dr. Haus Delbrück hält diese Mitteilungen Engelharts für ganz richtig. Im letzten Hefte seiner „Preußi­schen Jahrbücher" schreibt er: „Der Staatsstreich stand also vor der Tür und war so nah, daß der Reichskanzler dem Kaiser darüber bereits Vor­trag gehalten hat. Wenn das einmal zugestanden ist, so nützt eS nichts, daß als Zweck des Planes nicht sowohl die Aenderung des Wahlrechts als die Vermehrung der Armee hingestellt wird. Denn Caprivi hat gezeigt und eine. zwölfjährige Er­fahrung hat es bewährt, daß die Armeeverstär­kung in annehmbarer Form auch ohne Verfas- sungsbruch zu erlangen war." Wir sind in der Lage, alle diese Mitteilungen bestätigen zu kön­nen; es war aber kein anderer als Windt- h o r st, der den Bismarckschen Plan vereitelte 'und ihm mit aller Entschiedenheit an maßgeben­der Stelle eiftgegenwirkte. — Vielleicht steckt nun mancher Liberale die Begeisterung für Bismarck um einige Löcher zurück.

♦ Tas Hamburgische Kolonialinstitut, dessen Eröffnung im Oktober stattfindet, macht jetzt seine ZulassungsbedinMngen und Lehrthemen bekannt. Bei der Zulassung wird, ähnlich den wissenschaft­lichen urid technischen Hochschulen anderer Städte, ein Unterschied zwischen Hörern und Hospitanten gemacht. Als Hörer können sich einschreiben las­sen: 1. Abiturienten deutscher höherer Lehran­stalten mit 9jährigem Lehrgang. 2. Seminari- stisch gebildete Lehrer, die die 2. Prüfung bestan­

den haben. 3. Kaufleute, Industrielle und andere Personen mit Berechtigung zum Einjährig-Frei- willigen oder Personen, die eine Hamburger oder ihr gleichwertige auswärtige Volksschule absol­viert und eine mindestens 3jährige geregelte Be- russtätigkeit hinter sich haben. 4. Ausländer, falls ie genügende Vorbildung besitzen. Die Gebühren für die Aufnahme betragen 20 M. Das Honorar für die ein- bis 2stündigen Semestervorlesungen beträgt 10 M. Mittellosen Hörern kann das Honorar erlassen werden. Der Lehrgang umfaßt 2 Semester mit abschließender Diplomprüfung. Dieses Institut verdankt seine Entstehung einer Anregung des Reichstages, die dann Staatssekre­tär Dornburg aufgriff und dann mit den Ham­burger Behörden verbandelte. Die Abg. Frhr. v. Hcrtling und Erzberger traten recht warm für die Schaffung dieses Instituts ein. Die höheren Kolonialbeamten sollen hier theore­tisch vorgcbildet werden.

*♦ Die Liberalen in der bayerischen Kammer können ihre Wut über ihre Niederlage bei der Beratung des LehrerbesoldungSgefehes nur mit Mühe verbergen. Auch am Dienstag suchten sie wiederum den Kultusminister v. Wehner am Zeug zu sticken nnd griffen ihn wegen seines Vorgehens im Falle Küttler heftig an. Durch sein Eingreifen in diese Angelegenheit der Mün­chener Umoersi'ät soll er das versastungsmäßige gewährleistete Recht der freien Meinungsäußerung verletzt haben. Der Minister jedoch wies nach, daß es sich im Falle Güttler gar nicht um ein disziplinarisches Eingreifen des Ministeriums, sondern nur um einen dienstaufsichtlichen Vor­halt gehandelt habe. Der Universitätssenat habe inbezug auf bte Dienstauf sicht überhaupt feine entscheidende Komoetenz. Das Ministerium habe dafür zu sorgen, daß nicht durch Preßangriffe zwilchen Mitgliedern der gleichen Hochschule wichtige Interessen gefährdet werden. Von einer Einschränkung der freien Meinungsäußerung für einen akademischen Lehrer fei gar keine Rede gewesen. — Damit wäre die ganze liberale Artion gegen den Kultusminister wiedermal ins Wasser gefallen.

Ausland.

* Frankreich. Die gesamte Organisa­tion der Arbeitsbörse wird jetzt für das Fehlscklaoen des Generalstreiks verant- tvortlich gemacht. Das Verlangen nach durch­greifenden Organisationsänderungen des Insti­tuts wird daher in den letzten Jahren immer mehr verlautbar. Vor allem wünschen die ge­mäßigten Elemente der Arbeiterschaft die völlige Ausschaltung der anarchistischen Elemente ans der Parteileitung. Die Negierung wäre einer solchen Nekorm natürlich nicht abgeneigt.

*' Präsident Fallitzres ist mit dem Minister des Aeußern Pichon und Gefolge am Dienstag abend in Paris eingetroffeu und auf dem Bahn­hofe von Clemenceau, den übrigen Ministern, den Geschäftsträgern Rußlands. Dänemarks, Norwe­gens und Schwedens begrüßt worden. Der Prä­sident begab sich unter den Beifallskundgebungen der Menge vom Bahnhof in das Elysse.

* Ter russische Konsul in Tientsin, Poppe, wurde in vergangener Nacht von einem unbe­kannten Manne schwer verletzt. Die Ur- s a ch e des Verbrechens ist noch nicht f e ft ge­lt e 111.

* Eine Bande Hindus griff das Missions­haus in Pandharpur im Bezirk Poona (Indien) an und verletzte die Frau des Mis­sionars durch Stockhiebe und Steinwürfe. Es

volkswirtschaftliches und Soziales.

):( Internationale Konferenz christlicher Ge­werkschaftsführer in Zürich. In der Montags- sitzung berichtete Stegerwald (Köln) ein­gehend über die christliche Gewerkschastsbüvegung in T e u t s ch l a n d. Die christliche Gewerkschafts- bewegung Oesterreichs hat sich, wie Spa- lowsky (Wien) berichtete, in vielen Punkten an das deutsche Muster angeschlossen. Sie hat un­ter den nationalen Gegensätzen schwer zu leiden. Im übrigen macht die Bewegung, die erheblich jünger ist als die deutsche, erfreuliche Fortschritte. Insgesamt umfasse die christl. GewerkschaftÄ>ewe- gung Österreichs rund 63 000 Mitglieder. Die christl. Gewerkschaftsbewegung der Schweiz, über die B r i ck l m a i e r (St. Gallen) berichtete, führt ihre ersten kümmerlichen Anfänge auf das Jahr 1900 zurück. Sie hat sich aber in dieser kur­zen Zeit so rasch entwickelt, daß sie heute schon 9 Berufsverbände mit rund 5300 männl. Mitglie­dern umfaßt. Auch sie ist politisch und konfessionell streng neutral. — lieber die Bewegung in Hol­land berichtete H u i s i n g (Enschede). Der holländischen christlichen Gewerkschaftsbewegung fehlt noch eine straffe Landeszentralorganisation, weshalb auch die Beschaffung des nötigen stattstt- schen Materials mit großen Schwierigkeiten ver­bunden war. Da die holländischen Bischöfe sich grundsätzlich für katholische Organisationen er-, klärt haben, so überwiegen in Holland die kon­fessionellen Gewerkschaften, und zwar zählen die, katbolischen 10 000 und die evangelischen 2000. Mitglieder, während die interkonfessionellen Or­ganisationen, denen hauptsächlich die Metall-,' Tertil- und Bergarbeiter angehören, es auf 5500, Mitglieder gebracht haben. — In B e l g i e n uu> faßt die christliche Gewerkschaftsbewegung nach: dem von Tebruyne (Gent) erstatteten Berichtj 30 664 in 20 Berufsverbänden organisierte §lr-; beiter; unter Hinzurechnung der gleichfalls auf christlichem Boden stehenden Bezirksverbände der Wanderarbeiter, speziell der Ziegeleiarbeiter, sind es rund 50 000. Die belgischen christlichen Ge» werkschaften sind interkonfessionell. Die christliche Gewerkschaftsbewegung in Italien umfaßt rund 138 000 Mitglieder; nach Lage der Ver­hältnisse sind die Organisationen fast ausschließ­lich konfessionell. — Neumann (Lodz) berich­tete über Rußland. Im eigentlichen Rußland ist danach von christlichen Arbeiterorganisationen überhaupt keine Rede. Eine ausgesprochen katho­lische Organisation, Christliche Demokratie ge­nannt, soll nach den Angaben ihres Leiters, Pfarrer Albrecht, im Gouvernement Lodz 50 000 Mitglieder, davon in Lodz allein 10 000, zählen.' Unter Leitung des Berichterstatters steht die Ge­werkschaft evangelischer Textilarbeiter mit 3000 Mitgliedern. Sie nimmt aber auch andere als Tertilarbeiter auf und ist eigentlich nur dem Namen nach konfessionell, da ihr heute schon 500 deutschsprechende Katholiken angehöüen. — In Schweden ist, wie S j ö d i n (Stockholm) be­richtete, der im Fahre 1899 begründete Schwe­dische Arbeiterbund der Träger der christlichen Gewerkschaftsbewegung; er zählt 12 000 Mitglie­der. lieber Wesen und Aufgaben der christlichen Gewerkschaften der Ge­genwart referierte Reichsfagsabgeordneter I. Giesberts (M.-Gladbach). An die Spitze feiner Ausführungen stellte er den Satz, daß bte christlichen Gewerkschaften wirtschaftliche und nur wirtschaftliche Ziele zu verfolgen haben. Daraus ergibt sich, daß sie interkonfessionell, und parteipolitisch neutral sein müssen. Diejenigen, die die Gewerkschaftsbewegung auf konfessionellen Boden stellen möchten, vergessens eins: daß tn

'*5«a M 1 Anzeigen: Vie ehn

Ry ▼ JspÄtisepetttzeUeod«

U, A A ßMl-M A deren Nam» 15 pfg.

EU. Ql ■ W Leklame« diepetitzeile

Wz I I Hl ll i I 25 Psg^ bei Wieder.

W fiTX W W W O I Holungen wir» entspe,

M M, I Bebttti gewährt.

Pa v “ ”

a vertag der Fuldaer Lt»

V MorraübeUage: „Mdaer Seschlchtz-Mer"

Deutsches Reich.

(*) Das deutsche Kaiserpaar besuchte im Lause des Dienstag und Mittwoch mehrere Sehenswürdigkeiten der schwedischen Hauptstadt Stockholm und unternahm Dienstag nachmittag mit dem schwedischen Königspaar eine Seefahrt auf dem Mälarsee. Die Abreise von Stockholm erfolgte Mittwoch abend.

— Die Straßburger Prinzenpromotion erhält noch ein gerichtliches Nachspiel, weil einzelne Blätter Kritik übten an dem Verhalten der Straßburger Professoren; wir sagen offen, daß uns das Ver­hallen derselben auch nicht gefällt. Die Umverst- täts« und Regierungsbehörden nehmen es sonsi sehr streng mll der Erfüllung der vorgeschriebenen Be­dingungen, und das ist gut so. Dann sollen sie aber auch bedenken, daß Erleichterungen, wie bte tn dem vorliegenden Falle zugestandenen, um so eher die Kritik herausforbern. Einen wenig günstigen Eindruck hat auch der Ordenssegen gemacht, der anläßlich der Beendigung deS prinzlichen Studiums über die Universität niedergegangen ist.

Eine neue Wendung in der Schückiugasfäre. Die Husumer freisinnigen Stadtverordneten haben nun auch noch einen Nasenstüber erhallen, weil sie für ihren Bürgermeister eingetreten sind. Der Ober- prästdent hat die Eingabe deS Husumer Stadtver­ordnetenkollegiums als »nicht angemeffen" bezeichnet. Allerdings hat er die Eingabe dem Bezirksausschuß »zur Erledigung" überwiesen! indeffen genügt e8 wohl, um diese Behandlung der „unangemessenen" Eingabe zu würdigen, wenn man berücksichtigt, daß der Vorsitzende des Bezirksausschusses, der in erster Instanz über Herrn Schücking urteilen soll, derselbe Regierungspräsident v. Dolega-Kozierowski ist, der Herrn Schücking wegen seiner politischen Tätigkeit zur Verantwortung zog. Herr v. Dolega-Kozierowski als Vorsitzender des Bezirksausschußes entscheidet darüber, ob der Regierungspräsident v. Dolega- Kozierowski zu seinem Vorgehen gegen Herrn Schücking berechftgt war oder nicht. Im Grunde spricht aus diesem Verhallen nur eine mimosenhafte Empfindlichkeit. Das Husumer Stadtverordneten­kollegium trat mannhaft für das städtische Ober­haupt ein. Das war sein gutes Recht. Ob einzelne Wendungen dem Herrn Obervräsidenten mehr oder weniger angenehm in den Ohren klingen, barmif kommt cs nicht so sehr an, als auf die Tendenz, term Schücking gegen bureaukratische Willkür in chutz zu nehmen. Es sind oft die besten Schriftstücke, die man sich nickt an den Spiegel steckt. Die freisinnige Presse ist natür- llch von dieser neuesten Maßnahme gar nicht erbaut.

= Das Spiel der Reichsfinanzreform. Der naiionailibet ale Aba. Basser mann forderte in einer Rede direkte Reichssteuern und zwar die Vermögens- und Einkommensteuer; das hat den gesamten Zorn drr .Deutschen Tagesztg/ erregt, und sie meint, daß der Bundesrat dies ab­gelehnt habe und daß die Nationalliberalen da­mit die Reichsfinanzresorm gefährden. Die ,freisinnige Ztg." aber teilt mit, daß die .Deutsche Tagesztg/, wenn sie eine solche energische Sprache führt, die ganze rechte Seite des Reichstages eher auch nur ihren überwiegenden Teil hinter sich hat. Wie aber die Chancen der direkten Steuern im Bundesrat stehen, könne es umso weniger wiffen, als der Bundesrat sich erst Milte nächsten Monats ab mit der Reichsfinanzreform beschäftigen wird. Die,Kreuzzig/ sagt nun auch, weshalb sie das Zentrum jetzt so stark umwirbt: „Auch wir haben das Bedürsms nach einer Art Rückversicherung bei dem riskanten Unternehmen einer Steuervermehnrng, zumal der Freisinn die von den Konservativen an gebotenen Konzessionen bisher noch nicht nach ihrem wahren Werte zu

Der falsche Erbe.

Roman von Ed. Wagner.

72 j (Nachdruck verboten).

Nachdem er die Türe zum zweiten Male zu- gemacht hatte, öffnete er ein Fenster, stieg mit feiner Bürde durch dasselbe und eilte an einen einsamen, selten besuchten Ort des Parkes, wo er vor einigen Tagen einen hohlen Baum ent­deckt hatte. In diesen verbarg er seinen gestohle­nen Schatz und trat deuNuckweg an, indem er murmelte:

„So, hier ist es sicher, bis zum nächsten Abend. Ich möchte wohl noch einige Vorkehrungen tref­fen, um es wahrscheinlicher zu machen, daß der Diebstahl mittelst Einbruchs durch Fremde ausge­führt worden ist, aber ich bin zu aufgeregt und habe auch keine Zeit dazu. Es wird niemand ahnen, daß der Erbe von Harrington Hall das Geld, welches ja ohnehin für ihn bestimmt war, gestohlen hat; und so lange man mich nicht im Verdacht hat, ist es mir einerlei, auf wen derselbe fällt."

Auf demselben Wege, den er gekommen, begab er sich in die Bibliothek zurück, ließ das Fenster offen, stand jedoch von seinem, Entschluffe, eine Scheibe zu zerbrechen, ab, da dies zu viel Lärm machen, und ihn in Gefahr bringen würde. Das Bibliothekzimmer verlassend, verschloß er die Tür und schlich sich in sein Gemach zurück.

XXXIV.

Heimwärts!

, Die^Anfforderung des Offiziers, welcher mit feinen Soldaten die Räuber in ihrem Felsennest überrumpelt hatte, weckte sie aus dieser Panik, und wie auf ein Kommandowort scharten sie sich um ihren Hauptmann, ihre Gefangenen ganz der- gessend, und rüsteten sich zur Verteidigung.

„Ergeben?" tief Carvelli. „Niemals! Wenn

Ihr un3 haben wollt, so ergreift uns; aber die Sache soll Euch nicht leicht werden."

Er erhob seinen Karabiner und machte ihn schußfertig, während fein wilder Blick über die Eindringenden schweifte, als suchte er ein be­kanntes Gesicht.

„Widerstand ist nutzlos," erwiderte der Offi­zier. „Ihr seid völlig umstellt, sodaß kein Mann entwischen kann. Zum letzten Male besohle ich: ergebt Euch!"

In diesem Augenblicke traf der Bliick des Räuberhauptmannes das bleiche Gesicht Canaro's, welcher hinter den Soldaten stand und welcher, bisheriger Verbündeter der Bande, diese gegen Zusicherung des Preises, der auf das Haupt des roten Carvelli gesetzt war, verraten hatte. Der Hauptmann legte sein Gewehr an, ein Schuß fragte, und der Verräter stürzte tot zu Boden.

Da es keinem Zweifel unterlag, daß die Räu­ber bis auf den letzten Mann zu kämpfen gesonnen waren, gab der Offizier einige kurze Befehle, und eine Salve krachte durch die Höhle, der sogleich ein lautes Fluchen. Schreien und Stöhnen folgte — ein Zeichen, daß die Schüsse nicht wirkungs­los geblieben waren.

Den Tumult, sowie die durch den Pulver- damps entstandene Dunkelheit wahruehmend, floh Nelly unbemerft nach der Zelle, in welche sie kurz vorher Mrs. Jebb gebracht hatten; Guido und Geffrey dagegen gesellten sich zu den Soldaten, um sich an dem Kampfe gegen die Räuber nach Kräften zu beteiligen.

Gleich nach dem Abfeuern der ersten Salve gingen die Soldaten zu einem Bajonefangriff vor und es entspann sich ein kräftiges Handgemenge. Schlag auf Schlag, Schuß auf Schuß folgte. Das Fluchen und Schreien der Verwundeten, das Rö- cheln der Sterbenden wurde immer entsetzlicher. Dazu nahm die Dunkelheit mehr und mehr über- Hand, da viele Laternen heruntergeschossen, eine große Anzahl aber von den Räubern absichtlich herabgeschlagen worden.

Hatten die Banditen sich Guido Harrington gegenüber so feig benommen, da dieser nur das Leben Einzelner bedrohte, keiner von ihnen sich aber für die anderen aufopfern wollte, so kämps- ten sie jetzt, als ein jeder sich in Gefahr sah, mit wahrer Verzweiflung und mit der Wut verwun­deter Tiger.

Der Kamps währte nur kurtze Zeit. Der Näuberhauptmann, welcher seine Baude, die mit jeder Minute mehr zusammenschmolz, durch fort- währende Rufe ermutigte und zur verzweifelten Gegenwehr anspornte, brach endlich, seine Brust durchbohrt von dem Degen des Offiziers, mit einem wilden Schrei tot zusammen. Fast gleich­zeitig mit ihm fiel fein Leutnant, und die Räu­ber, da sie sich ihrer Führer beraubt sahen, streck­ten die Waffen.

„Legt die Waffen nieder und tretet zurück an die Wandt" rief der die Soldaten führende Offizier. „Wenn der Rauch sich verzogen hat, wollen wir sehen, was zu tun ist."

Ter Schauplatz 'war mit Toten und Ver­wundeten von beiden Seiten bedeckt. Nachdem die letzteren verbunden und die Räuber gefesselt waren, wandte sich der Offizier zu den Englän­dern, die er schon bei Beginn des Kampfes be­merkt hatte.

„Wer sind Sie?" fragte er Harrington. „Und wie kommen Sie hierher?"

„Wir waren Gefangene, Signor", erwiderte Guido. „Ihre Heldentat hat uns aus der Gewalt der Räuber befreit."

Er trat zur Zelle, in der Nelly und Mrs. Jebb waren und rief hinein:

„Miß Wilkens." -

Nelly und Mrs. Jebb kamen auf diesen Ruf ans ihrer Zelle und näherten sich der Gruppe.

„Ter Räuberhauptmann hatte diesen Geist­lichen", fuhr Guido fort, auf den Pfarrer zei­gend, der sich während des Kampfes hinter einen Felsen berftedt hatte und jetzt ebenfalls herbei­kam, „gefangen genommen, um ihn zu zwingen.

eine Trauung Carvelli's mit dieser englischen Dame zu vollziehen, welche et gestern gefangen nahm. Er war gerade im Begriff, die Einwilli­gung der jungen Dame zu erzwingen, als Sie mit ihrer Mannschaft in die Höhle traten. Ohne ihre rechtzeitige Ankunft würde er uns alle er­mordet haben."

Der Pfarrer bestätigte die Erzählung Guido Harrington's.

„Sie sind jetzt frei, Mylord", sagte der Offi­zier mit Höflichkeit. „Sollten Sie geneigt sein, nach Neapel zurückzukehren, so biete ich Ihnen, der Sicherheit wegen, unsere Begleitung an. In einer Stunde werden wir aufbredjen."

„Ja, wir wollen nach Neapel zurückkehren", antwortete Nelly. „Ich glaube nicht, daß irgend eine Gefahr für uns dort besteht. Die Erzählung der Wirtin des Gasthofes zum Vesuv war jeden­falls nur Erfindung, um uns zu bewegen, den Weg durch das Land einzuschlagen und uns ht die Hände ihres Bruders zu liefern."

Der Offizier schenkte den letzten Worten Nel- ly's nur wenig Beachtung, da er sich bereits wieder zu seinen Leuten gewendet hatte, um den Transport der Toten und Verwundeten anzu­ordnen. Tie Durchsuchung der Höhle batte__eine reiche Beute gegeben; vorzüglich Wein und Sper- sen wurden in großer Menge gefunden, an denen sich die Soldaten labten.

Die Pferde der Räuber wurden, als alles zum Abzug bereit war, herbeigeholt und für Nelly, Guido, Mrs. Jebb und deren Sachen, io- wie für die gebundenen Räuber je eines gcjattelt, während die übrigen mit der ^machten Beute beladen wurden. Es mar gegen Mitternacht, als der Zug sich endlich in Bewegung setzte. Der Mond beleuchtete den ungebahnten gefahrvollen Weg, auf dem einer der gefangenen Räuber als Führer dienen mußte, bis man die Landstraße erreicht hatte.

Hier kam wieder Leben in die ganze Gesell­schaft, die bisher schveigend zwischen den steilen