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ZulSaer W Zeitung
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LrtatiourdnlS«»» Verlag der Kildaer A- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Er. 9.
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Fulda, Mittwoch den 5. Auaust 1908.
35. Jahrgang
die
Erstes "Mlatt
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über dem Jahre 1907 im ordentlichen Slot fortlaufenden Ausgaben:
pro 1908:
Aus Kirche und Schule.
* Die feierliche Profeß-Ablegung des Fürste» Löwenstein (Frater Raymundus von Löwen«
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M 178
Deutschland das Mutterland. Dort wurden von 1900—1902 schwere Kämpfe um die Klärung der Grundlagen der christlichen Gewerkschaften geführt. In der Zwischenzeit find in einer Anzachl anderer Länder ebenfalls christliche Berufsorganisationen erstanden. In mehreren Staaten droht gegenwärtig ein ähnlicher Kampf. Da erschien eS angebracht, einmal in einer Zusammenkunst sich über den Stand der christlichen Gewerkschaften in den einzelnen Ländern auszusprechen, eine grundsätzliche Klärung herbeizufllhren und über eine Anzahl praktischer Fragen sich zu verständigen. Die Konferenz ist aus Deutschland, Oesterreich, Belgien, Rußland, Italien, Holland, Schweden und der Schweiz beschickt. Aus Deutschland sind die bekannten Führer und Leiter der christlichen Gelverkschaften anwesend, u. a. Stegerwald, Behrens, Effert, Jmbusch, Wiedeberg, Becker, Schirmer, Giesberts, Schiffer. Im ganzen sind bis heute etwa 80 Delegierte angemeldet. Am Sonntag abend fanden sich die Delegierten mit ihren Gästen zu einer Begrüßungsfeier zusammen. Arbeitersekretär Lander (Zürich) begrüßte die Erschienenen und erinnerte daran, daß im August 1897 in Zürich die erste internationale Arbeitcrschutzkonferenz stattgefunden habe; als Vertreter der katholischen Arbeitervereine — von einer christlichen Gewerkschaftsbewegung war damals noch keine Rede — hätten an jener Kon- ferenz die auch heute anwesenden Herren Gies- berts und Schirmer (München) teilgenommen. Mit besonderer Wärme und unter dem stürmischen Beifall der Versammlung begrüßte er die Delegierten aus Schweden und Rußland und vor allem die deutschen Delegierten. Es folgte ein Festvortrag des Vorsitzenden des christlichen Metallarbeiterverbandes Deutschlands. Wieder (Duisburg), über die Erfolge der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Redner schilderte die Entstehung und die Zielst 1 die stämvse und die Erfolge der christlichen Gewerkschaftsbewegung, die eine solche Macht geworden sei, daß „die sonst so mächtigen sozialdemokratischen Gelverkschaften ohne uns christliche Gewerkschaftler nichts mehr unternehmen (Beifall» und gegen uns schon gar nichts mehr." (Beifall und Heiterkeit.) Mit einem Hoch auf die Einheit der christlichen Gewerkschaftsbewegung aller Länder schloß Redner seine Ausführungen. Es folgte noch eine lange Reihe von BegrüßungS» ansprachen. Für die österreichische christliche Ge- werkschattsbewegung sprach Reichsratsabgeordneter Kunschak (Wien). Er wünscht den Vertretern der christlichen Gewerkschaftsbewegung den „unbeugsamen Mannesmut und die Treffsicherheit Tests", besten Andenken das Schweizer Volk in diesen Tagen gefeiert habe; nie und nimmer werde ein echter christlicher Gewerkschaftler dem oder vielmehr den beiden Geßlerhüten seine Reverenz machen, die man vor ihm aufgerichtet habe: dem Geßlerhute der industtiellen Herrenmenschen auf der einen und der Sozialdemokratie auf der anderen Seite. (Lebh. Beifall.) Vervede (Enschede) bat, bei Einberufung einer zweiten Konferenz sich Hollands zu erinnern, das die christlichen Gewerkschaften gern bei sich aufnehmen würde. (Lebh. Beifall.) Debuyne (Gent) schloß sich für Belgien dieser Bitte an. Es sprachen noch Galbiati (Florenz), Nillson (Stockholm), Na- mann (Lodz) Arbeitersekretär Dr. Boumberger (Schaffhausen), der unter lebhaftem Beifall die erste internationale Konferenz der christlichen Gewerkschaften mit dem Rütlibund in Parallele stellte.
hat die KSnigin-Multer mit großer Energie in der vollkommensten Weise gelöst und sich dadurch die dankbare Anerkennung des ganzen holländischen Landes gesichert.
• Die Türkei als Berfaffungsstaat. Im neuen türkischen Ministerium scheinen schon wieder Unstimmigkeiten zu herrschen. Ein Konstantinopeler Blatt verzeichnet ein Gerücht, nachdem der Großwesir und die meisten Minister ihre Entlassung nachgesucht hällen. Die Demission des Großwesirs soll nicht angenommen sein. Die türkische Kammer ist auf den 14. November einberufen. Die Wahlen werden nach dem in der zweiten Kammersession 1876 ausgearbeiteten Entwürfe stattfinden, auch in den drei Wilajets. Die Eidesleistung der Truppen von Konstantinopel auf die Konstitution wurde am Montag in den Kasernen fortgesetzt. Ferner geht das Gerücht, daß in Adrianopel der Belagerungszustand verkündet worden sei. Eine Abordnung des Komites von Saloniki ist Montag vormittag in Konstantinnpel eingetroffen und mit Be- qeisterung empfangen worden; sie hatte eine lange Unterredung mit dem Großwesir. Die neuerlichen sensationellen Gerüchte von Kundgebungen gegen den Sultan sind unbegründet. Seit der Verkün- digung der Verfassung sind, wie die,Köln. Ztg/ hört, bis jetzt mehr als 300 Konzessions- Gesuche für Fabriken und Hüttenwcrke dem Handelsministerium unterbreitet worden; 7 europäische Gesellschaften, darunter 2 deutsche, sowie 1 amerikanische verlangen die Konzession für die Anlage eines Telephonnetzes in Konstantinopel und Umgegend. Eine Wiener Gesellschaft unterbreitet einen Vorschlag für einen Omnibusbetrieb nach dem Muster der llrbaine in Paris.
* Marokko. Scherisi'che Reiter der Garnison Larratch hallen zwei Scharmützel mit den Truppen des hasidischen Parteigängers Remlki und schlugen sie mit Unlerstützunq Bu Nudas in die Flucht'. Dieser verlor einige Pferde, während ein naher Verwandter und mehrere Anhänger des Remikis getötet worden. Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Tanger: Der von Abdul Asis für Abda eingesetzte .Kaid Beni At- mar, dessen Ernennung die Unterbrechung des Handels von Sasfi mit Abda veranlaßte und den Einspruch der dorligen Konsuln mit Ausnahme der französischen zur Folge hatte, hat sich für Mulay Hatid erklärt. In Oran ist ein Bataillion aus Casablanca eingetroffen und von der Bevölkerung freudig begrüßt worden.
* Tie Wirren in Persien. Der Peters- bürget Telegraphen-Ageritur wird gemeldet, daß am 2. und 3. Aug. seit dem frühen Morgen häufig geschossen wurde. Der türkische Konsul hat die Einstellung des Bürgerkrieges gefordett, andernfalls werde seine Regierung genötigt sein, zum Schutze ihrer geschädigten Untertanen ernste Maßnahmen zu ergreifen. Ferner wird gemeldet, daß die Türken zwei Orlscha'ten im Bezirk Salmas besetzt haben. Die Verwaltung des indisch- europäischen Telegraphen hat die Annahme von persischen Telegrammen nach Teheran eingestellt.
Ausland.
* Zum 50. Geburtstag der Königin-Mutter der Niederlande. Am 2. August beging Emma, Königin-Mutter der Niederlande, das Fest ihres 50. Geburtstages. Sie ist am 2. August 1858 zu Arolsen als Prinzessin von Wildeck und Pyrmont geboren; am 7. Januar 1879 reichte sie, die noch nicht 22 jährige, dem 62 jährigen Könige Wilhelm III. der Niederlande die Hand zum Bunde für das Leben. Dieser Ehe enliproß ein einziges Kind, eine Tochter, die am 31. Aug. 1880 im Haag geborene jetzige holländische Königin Wilhelmine. Als König Wilhelm III. am 23. November 1890 starb, übernahm Königin Emma für ihre erst 10 Jahre alte Tochter die Regentschaft. Die beiden schwierigen Ausgaben, zu der das Geschick sie berief, die Negierung ihrer zweiten Heimat und die Erziehung ihrer Tochter,
volttwirlschafMcher und Soziales.
):( Internationale Konserenz christlicher Gewerkschaftsführer. In j)cn Tagen vom 2.—5. August tagte in Zürich (Schweiz) die erste Konferenz christlicher Gewerkschaftsführer. Für die christliche Gewerkschaftsbewegung ist bekanntlich
Somit eine Zunahme der Ausgaben 55 130 000 Mark. Diese beiden Zahlen sagen
alles. Die auf kritiklose Bewilligung aller „nationalen" Forderungen verpflichtete Mehrheit des Reichstages hat diese und andere Mehrforde- nm gen anstandslos bewilligt und dadurch erst die Notwendigkeit einer abermaligen Finanzreform geschaffen. Wer daran noch zweifeln könnte, mag sich die Schlußziffern des Reichshaushalts- etatS für daS Jahr 1908 ansehen. Dieselben ergeben an ungedeckten MatrikularbeitrSgen:
pro 1908 zweites Blockjahr 150 292 000 Mk.
„ 1907 erstes „ 88 637 000 „
„ 1906 dagegen nur ... 24 242 1)00 „
DaS Jahr 1905 ergab sogar für die Bundesstaaten ein Plus von 6 Millionen Mark. Noch im Frühjahr 1906 halten sich die Freisinnigen der Ordnung der Reichsfinanzen mit aller Energie widersetzt, indem der Wortführer derselben damals erklärte: „Die Schätzung der Zolleinnahmen ist viel zu niedrig; gerade jetzt sei es ein sehr unge- eignetet Zeitpunkt, eine Sanierung der Reichsfinanzen durchzusühren, weil man die Mehrerträge nicht zuverlässig schätzen kann. Man solle eine Reserve nicht in der Einführung von Steuerquellen suchen, sondern in der Offen- Haltung von Steuerquellen für den Fall der 9tot« wendigkeit." Im Mai 1906 wurde dem Zen- trum seitens der Linken der Vorwurf gemacht, es bewillige durch die von ihm akzektierte Finanz- resorm über den Bedarf hinaus Steuern auf Vorrat!? Heute kehren die Herrschasten den Spieß um und sagen, das Zentrum habe zu wenig Steuern bewilligt. Bald so, bald so, wie es trifft.
.'. Im Kriegsministerium steht eine Veränderung bevor. Der Direktor des Kriegsdepartements, Generalleutnant Sixt von Armin, der den Kriegsminister wiederholt im Reichstage vertrat, ist zum Kommandeur der 13. Division ernannt worden. Sein Nachfolger ist Oberst Wandel. Oberst Wandel erlangt durch die Ernennung zum Abteilungschef im Kriegs Ministerium den Rang eines Brigade-Kommandeurs.
Heeresverwaltung 82300 000 Mark
Marineverwaltung 12 950 000
Schuldenzinsen . . 18 900 000
Deutsches Reich.
* Das deutsche Kaiserpaar in Schweden. Der Kaiser und die Kaiserin empfingen am Dienstag vormittag im königlichen Schloß den deutschen Hilfsoerein, die deutsche Gesellschaft, den Kirchen- vorstand der deutschen St. Gertruds-Gemeinde und die hier anwesenden Mitglieder des deutschen Flottenvereins. Um 11 Uhr besuchten der Kaiser und der König die Kaserne der löniglichen Leibgarde zu Pferde, sowie die Artilleriekaserne. Die Kaiserin und die Königin statteten gleich- teilig der Kidderholmskyrken einen Besuch ab.
(*) Staatssekretär v. Schoen, welcher daS deutsche Kaiserpaar auf seiner Reise nach Schweden begleitet, ist in Stockholm erkrankt.
* Der Kaiser und der Herzog von Cumber- land. Die ,Grazer Tagespost' will aus authentischer Quelle erfahren haben, daß auS Anlaß des für den Herbst bevorstehenden Besuches des terzogS von Cumberland in München eine egegnung mit dem Kaiser stattfinden werde. Entgegen allen Dementierungsversuchen würde von diesem Besuch eine Lösung der braun- sthweigischen Frage bestimmt zu erwarten sein.
* Nachfolger des Geheimrats v. Lucanus, der als Chef des Geheimen Zivilkabinets 20 Jahre dem Kaiser ein treuer Diener gewesen ist, wird ohne Aveifel v. B a l e n t i n i, der Herrn v. Ln- ranus vor seinem Tode bereits vertreten hat. Rudolf von Valentins ist am 1. Oktober 1855 in Crussow geboren und entstammt einer Familie, die aus dem Darmstädtischen nach Preußen kam und dem preußischen Heere eine Reihe verdienter Offiziere gegeben hat. Rudolf v. Valentini arbeitete, nach Absolvierung seiner juristischen Studien und nachdem er 1879 Referendar im Bezirke Köslin geworden und 1882 zur Verwaltung Lbergegangen war, von 1886 ab als Regierungsassessor erst bei der Regierung, dann beim Oberpräsidium in Königsberg i. Pr. Von 1888 bis 1899 war er Landrat des Kreises Hameln. Im Jahre 1899 wurde er in das Geheime Zivilkabi- nett als Vortragender Rat unter Ernennung zum Gebeimen Regierungsrat berufen nnb rückte hier 1892 zum Geheimen Oberregierungsrat auf. Im Juni 1908 wurde er Präsident der Regierung in Frankfurt a. O.
----- Zu dem Prozeffe Eulenburg wird gemeldet, daß das Versahren gegenwärtig vollständig ruhe. Nach ärztlichem Urteil könne man zurzeit weder von einer Verhandlungssähigkeit noch von einer Transporlfähigkeit reden.
• Blosschwinbel. Je näher die Re ichs- finanzresorm herankommt, nm so mehr suchen freisinnige Blätter darzulegen, daß das Zentrum Schuld an der schlechten Finanzlage sei; zur Widerlegung dieser Ansicht nur ein paar Zahlen: Für das Jahr 1907 hatten die Mehr- fotberungen gegenüber dem Vorjahre nur betragen:
Heeresverwaltung 5 600 000 Mark Marineverwaltung 4 490 000 „
Schuldenzinsen . . 3 760 000 „
also eine Zunahme um 13 850 000 Mark; es war dieser Etat eben noch der alte, den man für die Zeit ausgearbeitet hatte, wo das Zentrum nicht ausgeschaltet war. Wie aber sah es 1908 aus, als der erste Blocketat dem Reichstage zu- tzing. Da finden wir an Mehrsorderungen gegen-
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
(Nachdruck verboten).
„Allerdings," entgegnete Brander hastig, „ich hätte das als selbstverständlich aimehmen können. Die Summe ist mir so groß, und ich weiß, daß Du nicht so viel Geld im Hause hast. Doch ohne Zweifel wirst Du einen Wechsel auf die Bank von Gloucester in Zahlung geben."
„Nein! Als wir heute morgen von unserer Fahrt zurückkehrten, fand ich einen Brief von Mr. Roy vor, in welchem er mich bat, ihm die Summe in Gold auszuzahlen, da er mehrere Schulden damit berichtigen wollte. Ich sandte sogleich Parker hinüber nach Gloucester itnb er kehrte gerade mit den zweitausend Pfund zurück als er Deinen fremden Besucher aus dem Park schlüpfen sah. Das Geld liegt in meinem Biblro- thekschrauk bereit."
Brander seutte den Kopf und machte sich nut einem Apfel zu schaffe», um die Glut, die er tn feinem Gesicht aussteigen fühlte, zu verbergen. In feinen Augen lag ein Ausdruck, der, hätte er ihn gesehen, Sir Harn; den wahren Charatter des Mannes, den er für seinen Sohn hielt, offenbart haben würde.
„Sollte es nicht gefährlich sein, eine so große Summe Geldes im Hause zu haben?" bemerkte Brander, und seine Stimme zitterte vor Aufregung. „Wie leicht könnte Parker von einem Vagabunden beobachtet und verfolgt worden sein. Jedenfalls wirst Du wohl besondere Vorfichts- maßregeln gegen Diebereien treffen."
„Ich halte besondere Vorsichtsmaßregeln für Lberfltissig. Türen und Fenster sind jede Nacht gut verschlossen. Wohl könnte ich den Hofhund von der Kette loslassen, der Dienerschaft, obwohl fie mein vollstes Vertrauen besitzt, brauche ich nicht erst zu verraten, daß so viel Geld im Hause ist."
Brander äußerte einige zustimmende Worte, wurde wieder heiter und gesprächig, was im Gegensatz zu seinem vorherigen Schweigen fast auffällig war.
Die kleine Gesellschaft begab sich endlich in's Wohnzimmer, wo Brander seine ganze Unterhaltungsgabe aufbot, um sich angenehm zu machen und den Eindruck, den sein Benehmen während der Tafel hervorgerufen hatte, zu beseitigen, was ihm auch, wenigstens teilweise, gelang.
So verstrich denn auch der Abend so ziemlich angenehm. Um neun Uhr wünschte Ella ihrem Vormund und Brander eine gute Nacht und begab sich in ihr Zimmer. Unter dem Vorgeben ungewöhnlicher Ermüdung zog sich Brander etwas später ebenfalls zurück, während Sir Harry, mit den verschiedensten Gedanken sich beschäftigend, fitzen blieb, bis die Uhr zehn schlug; dann stand er auf, bedeckte die wenigen noch im Kamin befindlichen Kohlen mit Asche, löschte die Lichter und machte noch einen Gang durch das Haus, um sich zu vergewissern, ob Fenster und Türen ordnungsmäßig verschlossen waren. Obwohl er durchaus nicht mißtrauisch war, hatten Branders Aeuße- rungeu doch eine gewisse Unruhe in ihm erzeugt. Diese Unruhe hielt ihn noch lange wach, als er bereits sich zu Bett gelegt hatte.
Inzwischen ging Brander leise in seinem Zimmer auf und ab, von Zeit zu Zeit an der Tür stehen bleibend und horchend. Es schien ihm eine Ewigkeit, bis er endlich Sir Harry die Treppe heraufkommen und in sein Zimmer gehen hörte.
„Er wird nun bald schlafen," murmelte et. seine fast geräuschlose Promenade durch das Zimmer fortsetzend. „Wie gedrückt der Baronet seit einiger Zeit aussieht! Er kämpft fortwährend mit seiner Liebe zu Ella; aber eher wird ihm das Herz springen, ehe er feine Liebe zu Ella ganz unterdrücken kann. Doch er hat noch einen anderen Kummer: er sieht sich getäuscht in den Erwartungen und Hoffnungen, welche er sich von dem Erben von Harrington Hall gemacht hat. Er
findet mich nicht so frei, so offen und wahrhaft, wie er Guido zu finden hoffte, und zu welchen Hoffnungen er mich berechtigt war. So vorsichtig ich auch bin, ist es doch unmöglich, mich jederzeit so zu zeigen, wie Guido sein würde. Man kann aber nicht immer seine Natur verleugnen und den Charatter eines andern treu copieren. Aber er hat noch keine Ahnung von der Wahrheit, daß ich nicht fein Sohn bin. Und wenn ich so fortfahre, wie ich begonnen, wenn meine Heirat mit Ella erst vollzogen ist, dann bin ich sicher, was auch kommen mag. Alles hängt jetzt nur davon ab, daß ich die Gefahr beseitige, die der verwünschte Italiener über mich heranfbeschwo- ren hatl"
Er beschleunigte seine Schritte und tiefe galten lagerten sich auf seiner Stirn.
„Ich muß das Geld, welches Sir Harry so großmütig zu meinem Hochzeitsgeschenk für mich bestimmt hatte, in meine Hände zu bringen suchen, um damit Palestro's Schweigen zu erkaufen. Dieser Diebstahl ist kaum so schlimm, wie das, was ich bereits getan habe. Die Hauptsache ist nur, wie kann ich mir das Geld aneignen und mich vor Entdeckung sichern?"
Diese Frage beschäftigte ihn lange ausschließlich. Es schlug halb eins. Dieser Schlag klang ihm wie das Zeichen zum Beginn feines nächtlichen Werkes. Er löschte das Licht aus, öffnete die Tür und sah vorsichtig hinaus auf den langen Korridor, wo ein schtoaches Licht brannte. Alles ioar still, kein menschliches Wesen war sichtbar.
Er lohnte die Türe an und schlich leise über den Korridor nach Sir Harry's Zimmer, vor des- ien Tür er stehen blieb um wieder zu horchen. Doch fein anderer Laut war vernehmbar, als die regelmäßigen Atemzüge dessen, den er berauben wollte. Geräuschlos öffnete er die Tür.
Ein Nachtlicht erhellte schwach das Schlafzimmer, doch war jeder Gegenstand deutlich zu erken
nen. Brander's Blick fiel zuerst au sdas edle, ruhige Gesicht Sir Harry's, dessen Augen fest geschlossen waren; dann schlich er zu dem Stuhle, auf dem des Baronets Kleider lagen, nahm dessen Beinkleider, griff in die Tasche und zog den Schlüssel des Bibliothekschrankes heraus.
Vorsichtig wie eine Katze zog er sich zurück in die Halle, machte die Tür zu und sank dann erschöpft auf einen der an der Seite der Halle stehenden Sesiel, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Welche Anstrengungen diese Tat ihm kostete, verriet sein geisterhaft bleiche- Gesicht und dessen dämonischer Ausdruck, die wett aus den Höhlen getretenen Augen und seine fieberhafte Aufregung, die seinen ganzen Körper zittern machte.
„Zum zweiten Male möchte ich dieses Geschäft nicht ausführen, wenigstens nicht für zweitausend Pfund," murmelte er vor sich hin. „Zum Dieb bin ich nicht geschaffen, das sehe ich jetzt klar, hätte mich die Vorsehung bei meiner Geburt an einen behaglichen und angenehmen Platz gesetzt — so angenehm, wie dieser, den ich mir selbst erworben habe — würde ich jetzt ein ehrenwert« Mensch fein. So aber bin ich ein Betrüger und Schurke durch und durch! Doch es ist besser, als ein armer Wicht zu sein! Besser reich mit Schanden, als arm in Ehren!"
Nachdem er sich von feinem Zittern erholt batte, stand er auf, ging in sein Zimmer und zündete ein Licht an; dann schlich er leise bte Treppe hinab in die Bibliothek.
Er machte die Türe hinter sich zu und leuchtete durch das große Zimmer, fein Blick durchforschte jede Nische, jeden Winkel, als vermutete er in demselben irgend eine Gestatt verborgen, die unberufen Zeuge seiner Tat sein könnte; aber niemand war da. Schon wollte er den Schlüssel in's Schloß stecken, da glaubte er draußen in der Halle leise Schritte zu hören. Er sp-rang empor und lauschte mit atemloser Spannung, doch nicht- horte er als das Klopfen seines eigenen Herzens.