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Sotationrdrnckmld Verlag der Fuldaer 20« tievdruckerri in Lulda Fernsprecher Nr. 4.
Fulda, Dienstafl den 4. Auyust 1908.
M 177
Deutsches Reich.
(*) Das deutsche Kaiserpaar ist Montag mittag in Stockholm unter dem Jubel der Bevölkerung eingetrofsen. Tas schwedische KövigS- paar war bereits früh morgens dem deutschen Geschwader mit einer Heinen Flottille entgegen- gedampft und bei Fjäderholmen fand eine herzliche Begrüßung der beiden Monarchen statt. AlSdann fuhr man nach dem Schloß, wo ein Familienfrühstück stattfand. Besonders die Stockholmer Presse zeigt sich üoer den Besuch des deutschen Kaiserpoares sehr erfreut. Mehrere Zeitungen bringen Begrüßungsartikel in deutscher Sprache. — Als der Kanonensalut die Ankunft der „Hohenzollern" auf dem Flusse meldete, waren sämtliche in Stockholm anwesende Mitglieder der königlichen Familie im Empfangspavillon versammelt. Auf dem Platze vor dem Pavillon waren für die Mitglieder des Stadt- rates mit ihren Damen sowie der Preste Sitze reserviert. — Kaiser Wilhelm ernannte König
all« in betracht kommenden Behörden anerkannt und darum den Bau in jeder Weise zu fördern gesucht. Alle Hindernisse, die dem Bau im Lae standen, sind schon beseitigt, die Richtung ist freioeleat, die die Chaussee nehmen soll; man glaubte erst in diesem Jahre mit der Anlage beginnen zu können, da kommt die Wahl zum Landtag dazwrschen; Meder-LaziSk wählt den Herrn Landrat nicht, und der Herr Landrat, der ja die Aufgabe hat, tn gewissenhaftester Weif« für die Hebung der seiner Admimstratur unterstehenden Gemeinden zu sorgen, erklärt: „Die Gemeinde kann lange warten, bis sie die Chaussee bekommt. Mögen ihr die Kapläne Hessen.« - Strafe muß fein! Nebrigens findet schon rn fünf Jahren oder vielleicht noch eher wieder eine Landtagswahl statt; da kann sich ja in der Zwischenzeit Nieder-Lazisk besinnen, bekehren und für den Herrn Landrat stimmen. Dann wird es sicher die Chaussee erhalten. Der Herr Land- ral v. Heyking ist ja so „gut-. Er tut für den Kreis so viel, er ist geradezu unersetzlich.
Die Veröffentlichung ist schon mehrere Tage all, aber wir haben bis jetzt noch kein freisinniges oder nationalliberales Blatt gesunden, welches Stellung zu dem Vorgänge genommen hätte. Und doch paßt die ganze Geschichte so famos in daS Bild von Husum hinein. Die freisinnige und nationalliberale Presse kann doch nicht gut in Oberschlesien anbeten, was sie in SchleSwig-Holstein verbrennt. Die Zen tr ums - presse hat zu der Affaire Schücking sofort korrekte Stellung genommen, wenn sie auch an der unterschiedlichen Haltung der Blockpresse gegen- über gleichartigen Vorgängen bei anderen Parteien scharfe Kritik geübt hat.
Damit es nun der Vlockpresse nicht an Gelegenheit fehlt, ihre „Grundsätze" praktisch zu betätigen, berichtet die,Germ.' noch einmal über den von unS bereits mitgeteilten Fall, der dem deS Bürgermeisters Dr. Schückmg sehr ähnelt. Dem Bürgermeister Meyer in Walscheid (Lothrin- gen), der dies Amt bereits 12 Jahre bekleidet hatte, soll von dem zuständigen Bezirkspräsidenten Grafen Zeppelin-Aschhausen die Bestätigung ver- sagt worben sein wegen seiner Betätigung als Zenlrumsmann bei der letzten Reichstagswahl. Der Bezirkspräsident soll dem Bürgermeister er- klärt haben: „Sie kannten die Intention der Re- gierung bei der Reichstagswahl und Sie dursten diese Intention nicht bekämpfen. Dies kann nicht gebilligt werden; denn die Bürgermeister sind d e Vertrauensmänner der Regierung."
WaS sagt die Blockpresse hierzu?
Gustav zum Admiral der deutschen Flotte. Dem Kaiser ist vom König von Schweden das Groß kreuz deS Wasaordens mit der Kette verliehen worden.
4 Reichskanzler Fürst Bülow ist Sonntag abend in Norderney wieder eingeltoffen. Vorher empfing er in Berlin u. a. den Minister des Innern v. Moltke, den Staatssekretär v. Betb- mann-Hollweg und den stellvertretenden Staats- sekretär im Auswärtigen Amt Dr. Slemmrich zur Besprechung.
= General Keim läßt von seiner Hetze gegen das neue Präsidium der" Flolienverems immer noch nicht ab. Bei einer vom national- liberalen Verein und vom jungliberalen Verein in Darmstadt aus Anlaß der zehnten Wiederkehr der Todestages Bismarcks veranstalteten Feier hielt General Keim die Gedenkrede. Stach den .Neuen Hess. Volksblältern' führte er bei dieser Gelegenheit folgendes aus: „Nur durch den Reichstag können wir eine starke Flotte bekommen. So hat der alte Flottenverein gewirkt, darum ist er in acht Jahren groß geworden. Der alte Flottenverein hat die nationale Auf- aabe gelöst. Im neuen Fahrwasser ist das nicht mehr möglich, weil dem Verein die Hauptsache fehlt, nämlich die Möalichkeit, politisch zu wirken. Es muß gestoßen und gedrückt werden. So war der alte Kurs. Der neue Kurs kann diesen Weg nicht mehr gehen. Die großen Ziele, die der Flottenverein verfolgen sollte, kann er unter der neuen Führung nicht mehr einhalten". Der „alte Kurs" hatte aber den Verein an den Abgrund gebracht.
Eigenlob des Bundes der Landwirte. Die neueste Korrespondenz des Bundes schreibt über die Stellung der einzelnen Parteien:
„Auch dem Zentrum gegenüber bat der Bund der Landwirte dieselbe neutrale Politik walten lassen, wie er sie den übrigen vorbin genannten Parteien gegenüber steis zur Anwendung gebracht hat. Auch bei den letzten Wahlen bat sich der Bund der Landwirte in der Lage befunden, unter den aufgestellten Zentrumskandidaten eine größere Anzahl zuverlässiger und auf wiitschaftspolitischem Gebiete bewährter Vertreter unterstützen zu können, er ist damit in einer größeren Reihe von Fällen erfolgreich geblieben. Auch dem Zentrum gegenüber muß der Bund seine Aufgabe darin erblicken, für die Wahl möglichst vieler Kandidaten zu wirken, die feinen wirtschaftspolitischen Auffassungen nab efteben und diese zu fördern bereit und geeignet sind. Der Bund vertritt in kirchlichen und religiösen Fragen einen durchaus paritälifchen Standpunkt, er will die konfessionellen Gegensätze nicht verschärfen, sondern mildern, um alle Kräfte gegen die gemeinsamen Feinde der christlichen Weltanschauung zu sammeln. Er wird auch unter der Blockposttik die Beziehungen zu denjenigen Zentrumsabgeordoeten auf- rechterbalten, die ihm bei der Vertretung seiner Bestrebungen behilflich sind."
Diese Behauptungen sind teils unwahr, teils schief. Zunächst steht fest, daß der Bund der Landwirte bei den letzten Reichstagswahlen alle bürgerlichen Parteien unterstützte, nur das Zentrum nicht; bei den preußischen Landtagswahlen hat er einige Zentrumskandidaten unterstützt (z. B. in Hannover), aber das Zentrum unterstützte auch wieder die Kandidaten des Bundes. Der Bund ist der eifrigste Anhänger des Blocks und da dieser auch gegen die Katholiken gerichtet ist (z. B. ist heute kein Katholik mehr im Reichslagspräsidium), so ist er auch nicht paritätisch; wir haben auch nicht gehört, daß der Bund für Beschränkung des Jesuitengesetzes und andere Wünsche der Katholiken emgelreten wäre. In den deutschen Mittel- und Kleinstaaten
u Der „gute Herr Landrat".
Die Affäre der Husumer Bürger meisters Schücking beginnt die Oeffentlichkeit allgemach zu langweilen, obschon es für den ruhigen Beobachter an inlereflanten Momenten dabei nicht fehlt. Die ,Neue Parlaments-Korrespondenz' meint, daß sich die Angelegenheit, selbst wenn sie beschleunigt würde, vermutlich bis zum Herbst hinziehen weroe, weil sich Bürgermeister Schücking in der Schweiz auf Urlaub befindet. Nun, dann wird ja der Bloüpreffe noch lange nicht der Stoff ausgehen. Unterdessen wird eS Aufgabe der Zentrumspreffe fein, die freisinnigen Block- Verbündeten zu veranlassen, Stellung zu nehmen zu einem Vorgang in Oberschlesien, den die ,Schles. Volksztg/ dieser Tage unter der lieber« schrist. Der „gute Herr Landrat" veröffentlichte. Es heißt da: „ .
.Szene aus dem politisch en Leben Oberschlesiens«:
Ort der Handlung: Brandstätte im Dorfe .Nieder-Ladzisk bei Nikolai.
Zett der Handlung: Nach den Wahlen zum reußischen Landtage 1908.
Personen: Landrat Hr. v. Heyking, durch- gefallener Blockkandidat,
Gemeindevorsteher, Protestantischer Gemeindeschöffe, Katholischer Gemeindeschöffe.
In respektvoller Entfernung, aber so, daß sie dem sich entspinnenden Dialog gut folgen können, harren in angstvoller Erwartung die abgebrannten Leute.
Der Landrat ist gekommen, um als offizieller Ver- .•eter der Provinzial Laud-Feuerf ozietät pflichtgemäß den Brandschaden abzuschätzen und den durch den Brand noch geschädigten Leuten eine entsprechende Entschädigung zuzuerkennen. Der Akt der Abschätzung des Brandschadens beginnt: Landrat zum Gemeindevorsteher: Nun, Sie haben hier gut gewählt; ich werde mir dies merken.
avmriTibroorjteber: Ja, Herr Landrat, es ging niG wir haben hier keine Beamten, und die
Leute ..rjptechen sich unter sich und wählen, wie sie sollen.
Landrat: Nun, wenn die Leute den Kap- känen mehr glauben wie mir, so können ihnen dir Kapläne helfen; ich rühre für die Gemeinde keinen Finger. (Kurze Pause; er scheint, als ob der Herr Landrat merkte, daß er doch zu offen gewesen ist; darum fährt er fort): Nur was ich muß, werde ich tun. Die Gemeinde kann lange warten, bis sie die Chaussee bekommt. ...
Protestantischer Schöffe: Die Kapläne sind ja hier schon 14 Tage vorher von Haus zu Haus hausiert.
Katholischer Schöffe: Die Kapläne muß ich doch in Schutz nehmen. Bei der letzten Reichstagswahl hatten wir trotz Agitation seitens der Geistlichkeit hier nur vier Zem rumsstimmen, ein Beweis, daß die Leute ihre eigenen Wege gehen.
Die «Schief. Volksztg/ knüpft daran den folgenden mit beißender Ironie geschriebenen Kommentar:
Der Herr Landrat hat zweifellos ein gutes Ge- oächtniS, und wenn er versichert, daß er fich's gut merken wird, wir die 8eute gewählt haben, so darf man ihm das glauben. Außerdem wird er ja durch die Aufzeichnungen unterstützt, mit denen ihm seine Blockgesährten jederzeit aufwarten können. Ergingen doch von Pleß aus, ivo sich das Agitationsbureau des Blocks befand, an alle freiwilligen oder gezwungenen Bertrauensmänner des Blocks in der Mahlzeit ftr kte Befehle, diejenigen anzugeben, die in den einzelnen Gemeinden gegen den Herrn Landrat agitiert hätten. Aber der Herr Landrat will sich, wie wir ja gesehen haben, nicht bloß an einzelnen Personen rächen, et will ganze Gemeinden dafür strafen, daß sie nicht ihn gewählt haben. Die Strafe trifft zunächst das Dorf Nieder-Lazisk. Für dieses Ber- oreckeu (den „guten Landrat« nicht gewählt zu haben) soll Aieder-Lazisk gestraft werden und darum die so heiß ersehnle Chanffe« nicht bekommen. Daß die Chaussee für den Ort durchaus notwendig ist, haben
35. Jahrqanq.
(Sachsen, Mecklenburg, Braunschweig) aber ist der Bund direkt katholikenfeindlich. Soviel zur Steuer der Wahrheit.
□ Mit dem System deS preußischen Kultusministers Dr. Holle ist die ,Freisinmge Zeitung' sehr unzufrieden; „denn „der Fall JudS und andere Vorkommnisse der letzten Zeit scheinen su beweisen, daß das „System Holle" sich noch viel schlimmer entwickelt, als das „System Studt*. Die Bureaukratie feiert wieder ihre Orgien in Preußen". — Sonderbar! Als die Minister Holle und Moltke auf ihre Plätze gerufen wurden, da hat man sie in liberalen Kreisen als eine Konzession an den Liberalismus gezeichnet und heute?
(-) Ein seltsamer Gedenktag. DaS ,Berl. Tageb/ konstatiert mit tiefer Betrübnis, daß am 31. $uli ein Iah. verflossen war, seitdem sJlau» mann seinen Aufruf für Einführung deS Reichstags.Wahlrechtes in Preußen er- lassen hat und es schreibt hierzu: „Man entsinnt sich der begeisterten Zustimmung, aber auch der leidenschaftlichen Angriffe, die jener Ausruf vom 31. Juli zur Folge hatte. Während die Zentrums- presse mit durchsichtiger Gefliffentlichkeit NaumannS Artikel sofort als einen „ErpressungS - Versuch" denunzierte, und die konservative Preffe daS nachmals so sehr mißbrauchte Schlagwort von bet; „Alles- ober Nichts-Taktik" ersann, fand in ltbe- raten Kreisen (zu Anfang wenigstens) die Nau- mann'fche Anregung geradezu enthusiastische« Widerhall. Die ,greif. Ztg/ z. B. erklärte st, jenen Tagen wörtlich: „Die freisinnige Volk-, partei wird . . . nicht locker lasten in ihren Be» mühungen um die Einführung des Reichstag-- Wahlrechtes für Preußen .... Wir erwarte« alsbald eine Erklärung, wie eS mit den Pläne« des Fürsten Bülow in Bezug auf die Wahlreform steht, und zwar können wir uns nicht mit einer bloßen generellen Erklärung zufrieden geben, fon» dem verlangen klipp und klar Auskunft darüber, wie sich die Regierung im Zeichen deS Blocks die Durchführung der Wahlreform denkt . . ." Roch entschiedener fast nahmen im ,B»xl. Tagebl/ d« angesehensten parlamentarischen Führer deS Frei, sinns den Ruf auf. Als einer der ersten der verehrte Senior der Volkspartei, Albert Träger, dann aber auch Hormann und Mugdan und (ob ihrer „Einmischung in preußische Angelegenheiten" viel befehdete) Friedrich v. Payer und Konrad Haußmann. Inzwischen war der Sommer zur Meige gegangen, eS kam die Zeit der Ernte, und es kam "(nicht für alle, aber doch für manch' einender — Umschwung. Erst schüchtern, dann gan- offen bekam man zu hören, daß man de« Block doch nicht allein um der Wahlrecht-frage will« sprengen dürfe, daß man doch wenigstens erst die anderen kostbaren Blockstüchte (gemeint waren die Börsengesetz - Novelle und da- neue Reichs« Vereinsgefetz) unter Dach und Fach bringen muß ... So war daS neue Jahr, der 10. Januar herangekommen. Und Fürst Bülow, den Rücken gestärkt auf der einen Seite durch den Abfall in den eigenen Reihen des Freisinns, auf der andem durch die zwecklosen Straßendemonstrationen der Soztaldemokratie, trat auf und verkündete: „Da- Reichstags-Wahlrecht für Preußen entspricht nicht dem Staatswohl, die geheime Wahl ist unmöglich, eine „Reform" wird aber immerhin „demnächst erwogen" werden." — Es war eine derbe politische Ohrfeige in aller Form. Aber der Freisinn tat nicht dergleichen; er machte es wie der
Ver falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
70] (Nachdruck verboten).
Plötzlich stiirzte die Schildwache in die Höhle und rief in abgebrochenen Sätzen:
„SoldatenI Soldaten' Sie sind hier — vor der Höhle! Wir sind verraten! Da sind sie!"
Und noch ehe er ausgesprochen hatte, drang eine Abteilung Soldaten in den Raum. Das Blitzen der Gewehre und Bajonette in dem hellen Lampenschein erweckte neue Hoffnung in den Herzen der Gefangenen, während die Räuber in noch größere Verwirrung gerieten.
Ihre Veste, die sie für unüberwindlich hielten, war durch Verrat gefallen. Sie sahen sich wie Ratten in der Falle gefangen.
Während sie noch so regungslos dastanden, rief der Führer der Soldaten mit lauter, befehlender Stimme:
-Ergebt Euch!«
XXXIIL
Roch einen Schritt abwärts.
Einige Minuten stand Brander wie eine Statue da, die Augen starr nach dem Gebüsch gerichtet, in welchem Palestro verschwunden war; seine Gedanken schwirrten durcheinander wie ein Mückenschwarm: einer jagte den andern; nur einer kam immer wieder, der sich nicht verdrängen lassen wollte — der Gedanke an fein sicheres Verderben. Er wußte, daß Palestro nicht mit sich Endeln lieft, daß dieser, wenn er die geforderte Summe nicht zur bestimmten Zeit schaffte, zu Sir Harry gehen und diesem alles erzählen würde, um, wenn möglich, noch eine größere Summe für sein Geheimnis zu erhalten.
Unruhig durchwanderte er den Park. Der wilde Ausdruck in seinen Augen zeigte deutlich. Mit welchen Gedanken er umging. Hätte er -Palestro jettz wiedergefunden, würde e8 um dessen
Leben geschehen gewesen sein; dieser war jedoch verschwunden. Allmählich kehrte seine Ruhe äu- rück, doch war es die Ruhe der Verzweiflung, die ihn jeder Tat fähig machte.
Alle Mittel und Wege, sich daS Geld zu verschaffen, mußte er als unausführbar verwerfen. Von seinen Freunden konnte er eine solche Summe nicht leihen, ebensowenig konnte er Sir Harry darum bitten, da er keinen Grund der Verwendung angeben konnte, der ihn nicht in des Baronets Achtung derart herabgesetzt haben würde, daß er sogar einen Rückgang der Verlobung mit Ella befürchten mußte.
Stunden waren vergangen, ehe Brander sich ruhig genug fühlte, in's Haus zuriickzukehren.
Sir Harry und Ella saßen am Fenster der Wohnstube, als der Betrüger über die Terrasse schritt; er zog seinen Hut vor ihnen mit scheinbarer Freudigkeit und trat in's Haus. Einen Augenblick schwankte er, unentschlossen, ob er ins Wohnzimmer gehen sollte, dann wandte er sich rasch um und begab sich in sein eigenes Gemach. Er war nicht imstande, die forschenden Blicke Sir Harry'S auszuhalten oder die naiven Fragen Ellas zu beantworten.
Als die Glocke zum Esten rief, begab er sich mit bleichem, verstörtem Gesicht, aber sorgfältig parfümiert, in den Sveisesaal, wo er den Baronet und Ella bereits vorfand. Beide waren ungewöhnlich ernst und fchweigfam. Ella betrachtete verstohlen beide Männer und verglich sie miteinander. Wie erhaben, wie edel sah Sir Harry aus im Gegensatz zu dem eitlen, läppischen Brander!
„Sir Harry ist viel hübscher als Guido,« dachte sie, „und manchmal sieht er sogar jünger und frischer au8, als jener. O, wäre er doch um zwanzig Jahre jünger — ,
Sie unterbrach sich tn ihren Gedanken, aller ein seltsames Gefühl und eine gewisse Unzufriedenheit erfüllte ihr Herz.
Nachdem daS Dessert aufgetragen war und die Dienerschaft sich entfernt hatte, brach Sir Harry da- peinliche Schweigen, indem er, in der Absicht.
die drückende Stimmung zu beseitigen, lächelnd sagte:
„Du siehst recht verdrießlich aus, Guido, selbst Ella's Gegenwart hat nicht dieMacht, die Wolken auf Deiner Stirn zu verscheuchen! Mir scheint. Du hast Dich noch nicht ganz erholt von dem Eindrücke, den der Bettelbrief auf Dich machte und der dem Anscheine nach noch verstärkt worden ist durch Deine Unterredung mit dem Fremden im Park."
Brander fuhr erschreckt zusammen und Sir Harry sah, daß das Gesicht des Betrügers sich noch mehr verfinsterte.
„Hast Du den Menschen gesehen?" stammelte Brander.
„Ich sah ihn in das Dunkel des Parkes verschwinden, als Du Dich demselben nähertest," erwiderte Sir Harry, jetzt vollständig überzeugt von dem Vorhandensein eines Geheimnisses im Leben seines vermeintlichen Sohnes. „Ist er einer Deiner früheren Bekannten, Guido?"
Brander zwang sich zu einem lauten Lachen, welches jedoch so hohl und sonderlich kam, daß Sir Harry und Ella sich verwundert ansahen.
„Eine sonderbare Idee!" rief er, ohne aufzu- sehen. „Der Fremde war ein Bummler, ein gemeiner Bettler, der sich ohne Zweifel nach den reichen Familien des Landes erkundigt hat, um diese heimzusuchen und sich auf bereit Kosten einige angenehme Tage zu machen. Ich gab ihm einen Kronentaler und sagte ihm, daß er gehen sollte."
„Du hattest aber eine Unterredung von beinahe einer Stunde mit dem Fremden, Guido," sagte er. „Paxter sah ihn auS dem Park schlei- chen, nachdem Du ihn entlassen hattest. Das war gegen zwei Uhr!"
„Paxter? Ach, der Verwalter," brummte Brander ärgerlich. Der Kerl mag sich noch eine Weile im Park herumgetrieben hallen, nachdem sill ihm zu gehen befohlen hatte. Der Mensch
war mir gänzlich fremb; ich kenne ihn durchaüS nicht."
Sir Harry erwiderte nichts, aller er war im höchsten Grade verstimmt, da er der festen lieber- zeugung war, seinen Sohn auf einer neuen Lüge ertappt zu haben. Diesen unangenehmen Punkt fallen lassend und der Unterhaltung eine andere Wendung gebend, begann er nach einer Weile:
„Ich habe mich schon längere Zeit mit dem Gedanken eines entsprechenden Ho^eitsgeschenkes für Dich beschäftigt. Vor einigen Tagen nun hörte ich, daß die Rogfarm zu verkaufen ist; sie grenzt an Gildehorpe, und da beide Grundstücke schon früher einmal zusammen gehörten, war es schon längst mein Wunsch, sie wieder zu bereinigen, um den Güterkomplex, welchen Deine Mutter Dir hinterlassen hat, zu vervollständigen. Nun habe ich mich entscklosien, die Gelegenheit zu benutzen, und die Rogfarm anzukaufen. Es ist schon alles vorbereitet und morgen früh um zehn Uhr habe ich mit dem Eigentümer Zusammenkunft bei einem Rechtsanwalt, um den Kaufkontrakt zu unterzeichnen.«
„Das ist ein fürstliches Geschenk," sagte Bran- der, seine Augen zu dem Baronet erhebend. „Dte Rogfarm ist eine der schönsten in der Grafschaft. Wie viel sollst Du dafür bezahlen?"
„Zwei Tausend Pfund."
Brander zuckte leite zusantmen und senkte seine Augen nieder. Zwei Tausend Pfund ! Dawar gerade die Summe, die ihn vom sicheren Verderben retten konnte.
„Wie viel soll als Hypothek stehen bleiben?" fragte er, anscheinend sorglos.
Der Baronet blickte ihn überrascht und beleidigt an.
„Wenn ich Geschenke mache, Guido," sprach er ernst und kalt, „so mache ich es nicht mit Schulden ober sonstigen Lasten. Ich werde reinen Kauf machen und die ganze Summe auszahlen."
(Fortsetzyng folgt.)