LrschMk »glich adt Lurnah«« der So«» xd Leierv^e. viertel« phrlich«Sez«ge»reir •See Vrtngerlohn und VestrS-eldinMdaso, wie auswärts 1.50 Ult
veraetw. BeMtewn t v.r 2L wetzler;
für die Anrrtgru: A-parzeLer inFnldo.
KÜSStt
wochenbrllar«: „Illustrierte 5oimtag§reitu«g"
Moiiakbtilagt: „Zuldaer GeschlchMAter^'
Sejeige«: vie et» fpatti-epetttzeüeode, Sem Boern 15 Pf» Bevaoeediepetitzeü, 25 Ps^, bei Wiede», bolLigev wir» tEtfpt Hatto« sewShrt.
BotatioeedruSueb Verlag der Fuldaer RH. tieudruckerei bt Fulda Fernsprecher Ur. 9.
BK9S9
M 176.
Fulda, Montag den 3. August 1908.
35. Jahrgang.
Wo bleiben die Katholiken?
Marr lieft, -atz der Staatssekretär für Elsatz- Lothringen in kurzer Zeit zurücktreten werde; als sein Nachfolger in dem zu % katholischen Lande *8 zunächst Unterstaatssekretär Zorn v. Bulach genannt worden, der Katholik und ein Reichsländer ist. Liberale Blätter haben ihn sofort als verdächtig bezeichnet und können jetzt auch mitteilen, daß der protestantische Bezirkspräsident von Zeppelin-Aschhausen ausersehen sei oder der ehemalige Kolonialdirektor Ernst von Hohenlohe-Langenburg; letzteres halten wir für einen schlechten Scherz; denn wenn ein Mann so sehr seine Unfähigkeit gezeigt hat wie der Langenburger Erbprinz, daun wird er doch auf keine hervorragende Stelle mehr gesetzt werden, auch toenn er ein Erbprinz ist. Aber diese gesamte Debatte gibt uns Veranlassung zu der Frage: wo bleiben die Katholiken? Haben sie keinen Anspruch auf die höheren Staatsstellen? Nachdem kürzlich in Oldenburg einem Katholiken gesagt wurde, er könne nicht Regierungspräsident werden, weil er katholisch sei, haben wir alle Veranlassung, die Frage zu stellen.
Nehmen wir zunächst das Reich, so findet man ganz vereinzelt nur Katholiken in leitenden Stellungen; von allen Staatssekretären ist nur einer ein Katholik; es ist Herr Nieberding im Reichsjustizamt. Unter sämtlichen Unterstaatssekretären ist überhaupt kein Katholik, die Direk- toren in den Reichsämtern sind gar alle protestantisch; von den vielen Präsidenten von Reichsämtern sind nur zwei Katholiken. Aber selbst d'-- Zahl der katholischen Geheimräte ist eine versa bindend kleine: in der Reichskanzlei ist kein Katholik, im Auswärtigen Amte sind nur zwei oder drei, im Reichsamt des Innern sind drei, im Reichsschavamt keiner, im Reichsjustizamt einer, im Reichspostamt einer, im Marineministe- rium keiner, im Kriegsministerum einer oder zwei, im Reichskolonialamt einer. Zählt man aber alle Geheimräte und Direktoren zusammen, so kommt man auf weit mehr als 200 höhere Beamte und unter diesen find kein Dutzend Katho- lrken vorhanden. Da kann doch niemand mehr sagen, daß es Zufall sei, daß hier nicht System darin liege und zwar das System des Friedrich II., der keinen Katholiken in einer höheren Staatsstellung haben wollte. Wenn unter den Botschaftern drei Katholiken sich befinden, so ist nicht zu vergessen, welch geringen Einfluß auf die Gesamtpolitik des Reiches die Botschafter haben, v-m ganzen Hofdienst ist in den höheren Aemtern nur ein Katholik zu finden.
Sieht es nun in Preußen günstiger aus? Leider nrcht; hier findet man im ganzen Staats- Ministerium auch nicht einen einzigen Katholiken wahrend Fürst Bismarck selbst im Kulturkämpfe noch den Schein wahrte und einen oder zwei Ka- tholiken (Maybach u. Lucius) im Amte behielt; heute ist auch dies nicht mehr. Geht man von den Ministern weg zu den Unterstaatssekrxtären, so findet man in diesem Kreise nur einen Kathoden; als aber Frhr. v. Coels im Vorjahr nach Berlin kam. setzte es hierüber in der liberalen Presse einen starken Spektakel ab. Unter den Direktoren sind höchstens zwei Kgtholiken und katho- lische vortragende Räte findet man so selten tote weiße Raben; wenn im Kultusministerium mehrere sind, so hängt das mit der Eigenart dieser Verwaltung zusammen; denn hier sind Katho- liken unentbehrlich. Ein Gang durch die Provin- zialverivaltung bestätigt den fast völligen Ausschluß der Katholiken: nur ein Oberpräsident ist katholisch unter allen 11 seines Ranges; lange Zeit hatte man gar keinen katholischen Oberprä- sidenlen; unter den Regierungspräsidenten findet man wohl höchstens ein halbes Dutzend, ob
wohl es 35 Stellen dieser Art gibt. So wiederholt sich das Bild, das wir im Reiche gesehen haben.
In Bayern ist eS in der letzten Zeit etwas bester geworden, aber erst, als das Zentrum nicht mehr duldete, daß man die Katholiken systematisch zurücksetzte. Auf die Besetzung der Profestoren- Lehrstühle wollen wir gar nicht eingehen.
Gan, schlimm sieht es noch in Württemberg aus; das Land ist zu Vs katholisch; es hat aber nur einen katholischen Minister, der in protestantischer Ehe lebt. In sämtlichen Ministerien findet man kaum einen Katholiken in höherer Stellung; die 4 Regierungspräsidenten sind protestantisch und ähnlich sieht es in anderen Verwaltungen aus.
Auch das in seiner Mehrheit katholische B a - den hat keinen Minister, der katholisch ist und in den Ministerien selbst sieht es für die Katholiken auch nicht günstig aus.
Angesichts dieser Tatsachen, die noch durch eine lange Liste erweitert werden könnten, muß doch jeder ruhig denkende Mensch sagen, daß man vor einem völligen System des Ausschlusses der Katholiken steht. Man kann nicht mit dem Einwand kommen, daß man keine fähigen katholischen Kräfte finden könne. daS glauben wir einfach nicht. Katholische Beamte haben noch immer ihre Pfiicht getan, wo man sie an leitende Stellen setzte; wo einer int Heere vorankam, war er ein Muster von Pflichttreue (Frhr. v. Loe). Wir aber sind nicht gesonnen, diese Zurücksetzung noch länger schtveigend zu ertragen, sondern wir werden immer und immer wieder auf diesen wunden Punkt Hinweisen, bis den Katholiken ihr Recht geworden ist. Gleichberechtigung ohne Ansehen der Konfession muß der heutige Staat zu seiner Grundlage haben.
Deutsches Reich.
* Der Kaiser und die Kaiserin find am SamStag abend kurz vor 8 Uhr an Bord der „Hohenzollern" nach Stockholm abgereist.
— Die Einberufung des Landtages soll jetzt nach Annahme parlamentarischer Kreise nicht vor Anfang November erfolgen, also gleichzeitig mit der Wiederaufnahme der Reichstagsarbeiten. Diese Annahme dürfte um so wahrscheinlicher fein, alS in beiden Parlamenten die Besoldungs- und Finanzreformfragen an erster Stelle erledigt werden sollen. Sicherlich wird diese aber für Preußen nicht eher erfolgen, bis die Finanzreform im Deutschen Reiche durchgesührt sein wird.
— Dem künfiigen Reichstag wird es an A r - beitsstoff nicht fehlen. Neben den „vertagten" gesetzgeberischen Arbeiten, wie Reichsfinanzreform und Beamtenbesoldungsvorlagen, sowie dem Etat für 1909 find aus der vergangenen Session noch eine Reihe umfangreicher Gesetzentwürfe, tote die große Novelle zur Gewerbeordnung, die Vorlage wegen Sicherung der Bauforderungen, der Entwurf über daS Hilfskassenwesen und die Maischbottichsteuer, zu erledigen. Beim Bundesrat teilen noch eine Reihe wichtiger Entwürfe, andere werden vorbereitet werden. Das Hauptgewicht der Arbeiten des Reichstages dürfte aber neben der Fertigstellung der Etatsderatungen auf der fieichsfinanzreform und den damit zu- ammenhängenden Beamtenbesoldungsvorlagen ruhen. So glatt werden sich diese Arbeiten nicht erledigen lassen. Auch unter dem Block nicht, der während der vergangenen Reichstagssitzung den Besähigungsbeweis im Jasagen zur Genüge erbracht hat. Auf nationalliberaler Seite beliebt man in letzter Zeit wieder besonders tm Kraftmeiertum zu machen. Wie der Freisinn verlangt man für „gütige Mitwirkung" feste Preise. Entweder die Wahlreform, oder wir streiken, klingt es aus dem liberalen Blätterwald.
Aber Fürst Bülow fürchtet sich nicht. Er kennt seine Pappenheimer. Niedlich ist nur zu sehen, wie die Herren es versteheit, zuweilen den „Borstigen" zu mimen. Tie „Nationalzeitung" kommt ihrer Magdeburger Kollegin zu Hilfe, der bekanntlich von der „Deutschen Tageszeitung" toe- gen ihres „Kuhhandelsvorschlags" etwas auf die Finger geklopft wurde. Tas Berliner national- liberale Organ meint, wie sich die nationalliberalen Fraktionen zu dem Vorschlag selbst stellen werden, wisie es nicht. Man dürfe aber nicht vergessen, daß auch die preußische Wahlreform eine nationale Frage ist. bereit Bedeutung sicher nicht hinter der Finanzreform zurückstehe. Und wenn da die Konservativen sich gegen eine Reform sträubten, die für die politische und kulturelle Bedeutung Preußens von entscheidender Bedeutung sei; wenn Weiler auch die Regierung die Reform auf die lange Bank zu schieben versuche, oann seien allerdings auch sie der Meinung, daß ein Augenblick kommen könne, wo die National- liberalen sich selbst schuldig seien, die Erfüllung dieser Forderung mit allen parlamentarisch zulässigen Mitteln zu erzwingen. Das klingt fast wie eine Drohung, aber es „ist nicht so bös gemeint".
* I» den höheren Militärstellen ist für den nächsten Herbst ein größerer W e ch s e I zu erwarten; dieser erstreckt fick auf die nähere Umgebung des Kaisers. Tie Gerüchte über die Reaktivierung des Grafen Moltke und dessen Befürwortung sind nun ganz verstummt; der Kaiser tat sehr gut daran, daß er den Ratschlägen der „Moltkeumgebungen" nicht folgte, die dem Fürsten Eulenburg den Herzogshut gaben und dem Grafen Moltke den Feldmarschallstab in die Hand drücken wollten. Man rechnet damit, daß auch Herr v. Einem in absehbarer Zeit aus seinem Amte scheiden wird; nach der auffallend warmen Verteidigung der Grafen Lynar und Hohenau int Reichstage kann er auch nicht mehr gut vor diesen hintrete». Immer aber müssen wir auch sagen: Wo bleibt denn die vom Kriegsminister ztlgesagte Reinigung der Armee; wir haben weder den ..eisernen Besen" gesehen, noch sonst von Verabschiedungen etwas gehört.
* Ein Verein gegen den Hakatismus soll von den Vermietern im Ostieebade Zoppot ge» aründet werden. Man will angeblich sogar die Regierung um teilweisen Ersatz deS durch den polnischen Boykott entstandenen Schodens aus den Geldern der Ansiedelungs»Kommission angehen. Auf einen Erfolg dieses geplanten Schrittes wird gewiß nicht zu rechnen sein, aber die Bewegung ist in mehr als einer Hinsicht charakteristisch.
— Das Ergebnis der ministeriellen Prüfung des Falles Schücking wird in der Sonn- lagsausgabe der ,Nordd. Allg. Zig/ bekanntgegeben. Danach hat die Prüfung ergeben, daß „nach Einleitung des formellen Disziplinarverfahrens jede Beeinfluffung deS in der Sache zuständigen Bezirksausschusses von feilen des Ministers des Innern auf Grund des § 157 Nr. 2 des Gesetzes über die allgemeine Landes- Verwaltung für unzulässig zu erachten ist. Der Bezirksausschuß wird selbständig darüber zu be- finden haben, ob das Verfahren eimustellen oder durch Urteil zum Abschluß zu bringen ist. Wenn das letztere erfolgt und dabei auf eine der ge- fetzlich in betracht kommenden Disziplinarstrafen erkannt wird, so steht dem Bürgermeister Dr. Schücking gegen dieses Urteil dir Berufung an das Oberverwaltungsgericht zu. Die in der Preffe noch immer wiederkehrende Behauptung, daß Herr Schücking in Sachen feiner Landtagskandidatur durch einen Beamten in höherem Auftrage beeinflußt fei, ist auch insoweit un
wahr, als diese Beeinflussung einer Provinzial« instanz zugeschrieben wurde. Der Beamte, welcher Herrn Schücking Vorstellungen betreffs feinet Kandidatur gemacht hat, ist der zweite Bürgermeister Plewka au8 Schleswig. Herr Plewka hat amllich bekundet, daß er bei einer aus völlig anderem Anlaß stattgehabten Unterredung lediglich feiner privaten Ansicht Ausdruck gegeben und weder von einem Auftrag gesprochen habe, noch sich überhaupt den Anschein gegeben habe, der Ueberbtinger eines amtlichen Auftrages zu sein". — Also dem Husumer Oberbürgermeister sollt« doch feine freisinnige Kandidatur zum Falle gereichen. 'Nach diesem Ergebnis der Prüfung scheint übrigens die ganze Angelegenheit auf persönliche Differenzen zwischen dem Oberbürgermeister und Mitgliedern der Bezirksausschusses zu beruhen. Das ganze Verfahren aber gegen den Husumer Bürgermeister kennzeichnet am besten das in den Regierungskreisen herrschende System. Der Verlauf der Angelegenheit wird immer interessanter. Wie hat sich seinerzeit die Blockpreffe heuchlerisch entrüstet, als sie den Zen- trumSabg. Roer en fälschlich beschuldigte, im Falle Wistuba in ein schwebendes Disziplinarverfahren eingegriffen zu haben! Und heute verlangt dieselbe „nationale" freisinnig-liberale Preffe, daß der Ministerpräsident daS angeblich eingeleitete Disziplinarverfahren gegen den fuiftnnigen Bürgermeister Schücking sofort etnfteöen laste. Ja, man droht sogar mit dem Austritt aus dem Block! — DaS Verfahren der Regierung im Falle Schücking findet durchaus nicht unsere Billigung, aber was in dem Falle Wistuba zu „Entrüstung" veranlaßt habe« soll, kann doch im Falle Schücking nicht erlaubt fein.
* Zum neuen BeamtenbrsoldungS - Gesetzt meldet letzt eine Berliner Korrespondenz, daß auch die Bezüge höherer Beamten-Kategorien erhöht werden sollten. So sollen die preußischen Unterstaatssekretäre dasselbe Einkommen erhalten wie die der Reichsbehörden. Auch soll den Regierungs-Präsidenten eine größere Repräsentation-- Zulage gewährt werden. Dagegen würden die Regierungsräte und Vortragenden Räte und entsprechenden Beamten im Gerichtswesen bei der Gehaltserhöhung nicht bedacht. — Die betreffend« Korrespondenz hat schon manche Nachrichten in die Oeffentlichkeit gebracht, die nachher dementiert wurden. So wird man auch bei dieser Meldung abwarten müsten, ob sie sich bestätigen wird.
.'. Deutschland und die Türkei. Als ein Beweis der beiderseitigen guten Beziehungen ist die Tatsache anzusehen, daß der Sultan im Herbste eine besondere Botschaft nach Berlin senden wird, welche den Kaiser offiziell davon in Kenntnis setzt, daß der Sultan seinem Lande eine neue Verfassung gegeben habe. Hierbei wird diese Mission beim Kaiser eine Bitte des Sultans vorbringen, daß zu einer Reorganisation des türkischen Heere- die Abgabe einiger höherer Offiziere als Instruktoren erwünscht sei und daß der Kaiser seine Genehmigung hierzu erteilen möge. — Am Freitag empfing der Sultan in Konstantinopel da- diplomatische Korps in Audienz. Er begrüßte dabei besonders herzlich den deutschen Vertreter, der Grüße deS Kaisers und dessen Wünsche auSrichten konnte, daß der neue, vom Sultan mit so viel Weisheit und so rückhaltlos betretene Weg seiner Regierung und seinem Lande zu Glück und Segen gereichen möge.
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
9] ■ (Nachdruck verboten).
Guido Harrington, welcher bis jetzt stummer Zusckmuer alles Vor Ergehe aden gewesen war, richtete sich bei Nelly's Aufschrei hoch auf. In seinen Auge» flammie wieder das alte jugendliche, edle Feuer; in fernem Herzen erwachte wie- brr männliche Enlschlosienheit und Mut, welche auf feinem Antlitz ausgeprägt standen und demselben einen fast übernatürlichen Glanz verliehen.
Mit einem Ruf der Entrüstung entwand er sich au» den Händen de» erstaunten Räubers, der ihn bisher festzehatte» hatte, zog auS dessen Gürtel einen Revolver, sprang auf den Thron und stellte sich schützend an Nelly's Seite.
, Wäre eine Bombe in die Höhle gefallen, würde die Räuber kaum die Erstarrung befallen haben, wie bei dieser unerwarteten Wendung der Dinge.
Nelly hatte die Veränderung, welche des Doktors Operation in Guido's Zustand verursacht batte, noch nicht im vollen Umfang ermessen, ihr Erstaunen toar daher fast größer, als das Car- velli s welcher entsetzt einige Schritte zurück- -prang, indem er rief:
„Was ist das? Hst das der Blödsinige, den fiit gefangen nahmen? Oder hat er uns alle getauscht und nur den Blödsinnigen gespielt?"
Niemand antwortete. Das Gesicht de» Dok- tors war ebenso bleich und verstört, wie das seiner übrigen Kameraden.
Der Hauptmann wandte seinen Blick wieder {u dem jungen Mann, dessen geistvoll flammende» lu»e. besten ruhige, gebieterische Haltung ihn vollständig verwirrten.
Nelly ließ ihren Blick über die an den Wärt- ve» dec Hohle aufgestellten Räuber gleiten, um »u sehen, ob nicht in einem Gesicht eine freund- "He Regung sich zeigte; aber alle waren finster, Meür ober toenUer roh und ärgerlich, daß die er-
wartete HochzeitSseier so lange verzögert wurde. Nur einer, der bester gekleidet als die anderen und ein Leutnant der Bande war, der Nelly fortwährend schmachtenoe Blicke zuwarf und in dessen Herz sich bereits die Eifersucht zu regen begann, ließ wie zufällig einen Dolch fallen.
Dies bemerkend, sprang Nelly hinzu und hob ihn auf; dann eilte sie auf den Räuber zu, wel- cher MrS. Jebb immer noch hielt. Dieser trat entsetzt einige Schritte zurück; Nelly erfaßte MrS. Jebb am Arm und zog sie mit sich fort in ihre Zelle. Niemand hinderte sie daran.
MrS. Jebb tank erschöpft auf einen Stuhl und rang nach Atem. Nelly sagte ihr, sie möge hier verweilen, bis sie wieder käme, und eilte dann, nachdem sie die Tür verschlosten, auf den Schauplatz zurück, wo sie den Stand der Dinge noch ebenso fand, wie sie ihn verlassen hatte, da Gmdo mit seinem Revolver den Räuber zurück- htelt.
„Nun, ich bin bereit, Ihre Frage zu beant- worlcu, Signor," rief sie, indem sie auf den sage Ihnen, daß ich niemals Serben will. Ich bin noch nicht so schwach, daß ich mein Leben zu erhalten suchen mochte für das Ausgeben alles dessen, was mir heiliger tst als das Leben. Sie haben gedroht, meine Freunde zu morden und mich zu einer Heirat zu pviugen. Diese eine Gefahr habe ich wenigstens beseitigt. Ich werde mich, hoffe ich auS Ihrer Gewalt befreien, sobald Sie Ihre Drohung auSzuführen suchen. Gott wird es mir verzeihen, wenn ich unter den waltenden Umstän- den in seine Rechte eingreife und meinem Leben ein Ende mache I"
Mit fester Hand fetzte sie den Dolch auf die Brust und blickte den Räuber mit Ruhe und Ent- schlostenhest an, während ihr Gesicht ein sanftes Lächeln verklärte.
Wie Nelly so, den Dolch auf die Brust gerichtet, dastand, da flammte e» hell auf in Guido » Antlitz, und mit voller, kräftiger Stimme rief er durch den Raum:
„Sie soll nicht allein sterben! In demselben Augenblick, wenn Miß Milkins fällt, oder wenn Sie den Befehl zur Ermordung eines ihrer Freunde geben, werden auch Sie sterben, Car- velli! Dieser Revolver hat sechs Kammern und alle sind geladen!"
Harrington glich einem rächenden Engel und Carvelli wich vor ihm zurück; auch die übrigen Räuber waren von einer plötzlichen Furcht ergriffen.
Nelly fühlte ihr Herz sonderbar bewegt schlagen. Mit zärtlicher Freundlichkeit hatte sie ihn bisher betrachtet und bemitleidet; aber jetzt, als er sich in seinem wirklichen Charakter zeigte, waren es andere Gefühle, die in ihrem Herzen mit Blitzesschnelle entstanden — es war Liebe! Die Unistände jedoch gestatteten ihr nicht, diese Empfindungen weiter zu pflegen oder ihnen nachzu- hängen, da die Wirklichkeit ihr ganzes Denken in Anspruch nahm.
Die eingetretene lautlose Stille wurde endlich unterbrochen durch ein schallendes Gelächter des roten Carvelli.
„Ist es so weit gekommen, daß ich in meinem eigenen Revier herausgefordert werde?" rief er. .Wir wollen sehen, ob die Gefangenen hier die Herren spielen können. Holla! Männer! ergreift den Engländer und bindet ibn!"
Er machte eine Bewegung mit der Hand ’unb die dadurch bezeichneten Männer traten zögernd vor. ES war unverkennbar, daß sie wenig Lust verspürten, daS ihnen zugedachte Geschäft auSzuführen, da sie wohl wußten, daß einige von ihnen fallen mußten, sobald sie sich dem jungen Mann näherten.
„Lassen Sie Ihre Leute nur kommen," sprach Guido ruhig. „Sie haben es mit keinem Blödsinnigen zu tuu, sondern mit einem Manne, der sich und seine Schützlinge bi» zum letzten Atemzuge verteidigen wird! Laßt sie kommen!"
Die Mänu-r zogen sich tote auf Kommando Surück; sie wäre« nicht geneigt, einer solchen Hnlalung Folge zu leiste»
„Feiglinge!" schrie Carvelli. „Ihr sollt sehen, mte ich den stolzen Prahler bewältige. Paßt auf!"
Er zog fein Messer und stürzte auf Guido zu., Dieser sprang auf die Seite und drückte gleichzeitig den Revolver los. Ein Schuß krachte durch die Höhle, und noch ehe der Schall verklungen war, taumelte der Räuberhauptmann und stürzt« mit einem wilden Schrei zu Boden.
Im nächsten Augenblick entstand ein wilder Tumult.
In der allgemeinen Verwirrung fühlte sich Gcffrey plötzlich losgelösten, und mit einigen Sätzen war er an der Seite feiner Herrin, nachdem er zuvor einen Revolver, den einer der Räuber verloren, aufgenommen hatte. Die Gefangenen zogen sich in eine entfernte Ecke zurück.
Die Räuber drängten sich um ihren Hauptmann, während der Doktor seine Wunde untersuchte, die er jedoch für nicht gefährlich erklärte. Mühsam erhob sich der rote Carvelli und starrte finster und drohend auf Guido.
„Ich dachte, den Burschen am Leben zu erhalten," rief er, „aber jetzt muß er sterben! Schlagt den Engländer nieder, wo er steht, Ka- meraden. Schießt die ganze Gesellschaft nieder bis auf das Mädchen! Krümmt fein Haar auf ihrem Haupte. Sie soll mir Genugtuung geben für die Ereignisse dieser Nacht. Vorwärts Kameraden!
Dies war der gefährlichste Moment für die Gefangenen. Sie machten sich zur Verteidigung bereit, fest entschlossen, sich bis aus's Aeußerste zu verteidigen und nötigenfalls zusammen zu sterben.
Wieder spornte der Hauptmann seine Leute an. Die Hähne der Karabiner und Pistolen knackten und die Räuber warteten nur, bis ein Mutiger den Angriff beginnen würde. Aber ein solcher fand sich nicht, und so standen sich beide Parteien eine Weil« erwartungsvoll gegenüber-
Mortsebuna folgt.)