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♦♦♦ Das Zentrum als einzige Reichs­partei.

Die „Germania" hatte sich dieser Tage das Vergnügen gemacht, einmal dem Gegner vorzu­führen, wie fest der Zentrumsturm steht, und da­mit alle ihre Hoffnungen auf eine Schwächung des Zentrums zu vernichten. Aus der Zusam­menstellung geht hervor, daß von den 104 vom Zentrum vertretenen Reichstagswahlkreisen 66 sogenannte „Hochburgen" finfy in denen das Zentrum mehralsdieHälftederStrm- men aller Wahlberechtigten auf sich vereinigt bat. 16 von ihnen sind sogar mit mehr als 70 Prozent der Wahlberechtigten gewonnen worden. Es sind dies die Kreise Lüdinghausen, Paderborn, Warburg-Höxter, Olpe, Lippstadt- Brilon, Mayen-Abrweiler, Adenau-Zell, Daun- Priim, Saarburg-Saarlouis, Schleiden-Malmedy, Aachen, Burtscheid, Düren-Jülich, Geilenkirchen- Erkelenz, Sigmaringen und Biberach-Waldsee. Unter ihnen wurde der Kreis Daun-Prüm mit 80 Prozent und der Kreis Geilenkirchen sogar mit 85 Prozenr sämtlicher Stimmen erobert. 16 Kreise sind mit über 60 Prozent sämtlicher Wahl­berechtigten gewonnen worden. 47 von den 66 Hochburgen des Zentrums sind noch nie seit Be­stehen des Deutschen Reiches in den Händen einer anderen Partei gewesen, 15'besitzt das Zentrum seit 1874 und nur 4 von ihnen sind zeitweise im Besitze des dem Zentrum nahestehenden baye­rischen Bauernbundes gewesen. den 66 Hoch­burgen kommen noch 11 Kreise, die mit annähernd der Hälfte der Wahlberechtigten gewonnen wor­den sind. Es bleiben also nur noch verhältnis­mäßig wenige Kreise übrig, die den wechselnden Wahlzufällen ausgesetzt sind.

Zu diesen alles sagenden Zahlen bemerkt ein konservatives Blatt:

„Keine anbere '-Partei hat, das muß offen zuge­standen werden, auch nur über einen annähernd so schönen Stamm sicherer Kreue zu verfügen. Beispiels­weise haben die Sozialdemotraten ihre größte Hoch­burg mit nur Gl Proz. der Wahlberechtigten erobert. Die einzige Partei, die nuner dem Zentrum Kreise be­sitzt, in der sie mehr als 70 Proz. der Stimmen sämt­licher Wahlberechtigten auf sich vereinigt hal, i t die konservative Partei. Die Kreise heißen: Oletzko-Lyck und Angerburg-Lötzen."

Auch ein Blatt der Nationalliberalen, die bekanntlich bei der letzten Wahl aus der Hälfte aller ihrer Kreise herausgeworfen wurden und sich nach neuen Sitzen umsehen mußten, sagt, keine andere Partei habe Aehnliches aufzuweisen, und

Fulda, Samstag den 1. August 1908.

M 175.

Zweites Wt'crtt

Die Lage inPersien wird von Tag zu Tag undurchsichtiger. Man verliert jeden Ueberblick über das Treiben Rtrßlands, das doch in der ganzen persischen Aktion immer dabei sein mußte und auch heute sicher noch dabei ist. Im Nord­westen, besonders in Täbris, hat der Sultan den berüchtigten Räuberhauptmann Rachim Khan zu seinem Schutze aufgeboten, der nunmehr bereits drei Wochen lang seine Verwüstungen unter der Bevölkerung und ihrem Besitz anrichtet. Die Re- volittionäre wehren sich nach Kräften; und, die letzten Meldungen schreiben ihnen wieder einen Fortschritt zu, da dem türkischen Skandalmacher in des Wortes eigentlicher Bedeutung das Pul­ver, nämlich die Patronen, ausgegangen sind. Man kann sich insgeheim des Gefühls nicht er­wehren, daß die Aufrührer mit dem Gelde der russischen Steuerzahler arbeiten. Gerade in Per- sien sind Aufruhrbewegungen nie von Dauer ge­wesen. Die beiden sogen. „Gebetsmonate" waren immer Raufmonate; aber nachher war stets alles wieder still. Die Aufrührer in Täbris aber ar­beiten sehr zielbewußt nun schon mehrere Monate hindurch.

worden. Andre wurde sofort im ersten Wahlgange gewählt, während bisher in diesem Kreise immer zwei Wahlgänge erforderlich waren. Der Zen- trumskandidat gewann 298 Stimmen gegenüber 1906; die Volkspartei fiel von 1990 auf 1941 und der Sozialdemokrat stieg von 1177 auf 1233 Stimmen. Der Sieg des Zentrums ist um so glänzender, als die Gegner mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln arbeiteten. Auch hier haben wir wieder den BSveis, wie unerschutter- lich fest der Zentrumsturm im ganzen Reiche steht.

In Reval bat der Präsident der franzö- fischen Republik F a l l i d r es seinen Besuch beim Zaren abgestattet. Die dabei gewechselten Reden waren herzlich, ohne politisch bedeutend zu sein.

In E n g la n d hat am Montag der Minister des Auswärtigen, Sir Edward Grey eine Rede über die Beziehungen Deutschlands zu England und über die mazedonische Frage gehalten, die auf einen ungemein friedlichen Ton gestimmt war, und am Dienstag hat der Handelsminister Lloyd George über dasselbe Thema gesprochen und seinen Ministerkollegen noch bedeutend über­trumpft. Er verurteilte das Gerede von einem deutsch^nglischen Kriege auf das schärfste und er- klärte gerade heraus, England trage die Schuld an dem Aufkommen der gegenseitigen Furcht, da es trotz seiner überwältigenden Ueberlegenhen zur See doch noch immer mehr Riesenschiffe wie der Dreadnought gefordert habe. Fast gleichzei­tig damit ist in London noch an einer anderen Stelle die provozierende Politik der Schiffbau­programme verdammt worden. In einer Ver- fammlung des nationalen Exekutivkomitees der Arbeiterpartei, das mehr als eine Million orga- nisierter Arbeiter vertritt, wurde eine Resolution angenommen, welche „die leichtsinnigen und bös­willigen Versuche" beklagt, die gegenwärtig in England und Deutschland unternommen würden, um die Völker der bei beiden Länder zu überzeu­gen, daß ein Krieg unvermeidlich sei und in der die provozierende Politik der Schiffsprogramme, welche die Regierungen beider Länder verfolgen, verurteilt wird. Die Resolution gibt schließlich der Ueberzeugung Ausdruck, daß ein Krieg ein unheilvolles Verbrechen wäre.

Aus der Türkei kommen Ueberraschungen. Sultan Abdul Hamid, der seit Jahrzehnten mit rührendster Aeugstlichkeit alle nur irgendwie wichtigen Angelegenheiten verschleppt hat, der vor jeder kleinlichen Entscheidung direkt zurück­bebte, hat eine große Tat vollbracht. Er hat sei­nem Lande die Verfassung verliehen, nachdem er sie vor 30 Jahren in ängstlicher Vorsorge vor dem sprudelnden Nebermut, der alle jugendlichen Par­lamente auszeichnete, nicht zur Wirksamkeit hatte kommen lassen. Natürlich ist heute schwer zu sa­gen, was kommen wird. In Rußland und Eng­land wird besonders die Auffassung vertretendes handele sich nur um einen Schachzug gegen die Mächte, indem man die mazedonische Reform un­möglich machen wolle. Eines steht ja, fest: die Mächte können jetzt nichts in Mazedonien unter­nehmen, bevor nicht einmal die Zeit zu einem ernstliche» Versuche unter den neuen Verhältnis­sen gemacht worden ist. Das aber kann lange Monate dauern, vielleicht sehr lange. Der rus­sische Botschafter in Konstantinopel hat es bereits offen ausgesprochen, daß Rußland sich von dem neuen Regiment keine Besserung der Dinge ver­spreche, weil der Türke nicht über den nächsten Tag hinaus zu denken vermöge; eine Austeilunc der Türkei werde doch kommen müssen. Da heißt es natürlich: abwarten! Die Hauptaufgabe, dil Lösung der mazedonischen Frage, liegt durchaus in der Gegenwart, nicht in der Zukunft, und ge­lingt es der Türkei, sie zu lösen, dann wird auck wohl für die ferneren Dinge Rat geschaffen wer­den können.

wochen-Kundschau.

Fulda, 31. Juli 1908.

Sommerstille herrscht in der Politik. Fürst Bülow aber hat in seiner Sommerfrische keine Ruhe. Er muß sorgen, daß der Block , bei den kommenden Finanzreformberatungen nicht aus dem Leim geht. Einige Blockleute haben Ein- ladungen nach Norderney erhalten und packen bereits ihre Koffer. Die Freisinnigen sind zwar etwas verschnupft, denn der preußische Mi­nister v. Moltke hat gegen den Bürgermeister Schlicking in Husum das Disziplinarverfah- ren eingeleitet, weil er einige Artikel in frei­sinnigen Zeitungen geschrieben hatte; er hatte ihm auch verübelt, daß er als Kandidat der frei- sinnigen Volkspartei aufgetreten ist. Einige freisinnige Blätter drohen bereits mit dem Bruch der Blockpolitik, wenn die Sache nicht wieder rückgängig gemacht werde, Bülow mutz also das beschwichtigende Del seiner Phrasen auf diese Wogen gießen; es wird ihm gewiß gelingen, denn der Freisinn will sich nicht ausjchalten las­sen.

Kardinal Kopp hat in Panewnik bei der Ein­weihung einer Franziskanerkirche eine bedeu- tungsvolle Ansprache gehalten, in der er bezüglich des oberschlesischen Volkes sagte: „Man kennt nicht die Kraft feiner tiefen Gläubigkeit, man sieht nur auf die fremdartige Schale und man verkennt den wertvollen Kern. Man unterschätzt den Wert seiner christlichen Frömmigkeit und mißt dieselbe mit befangenem Blick an dem eige­nen religiösen Bedürfnis, man beargwöhnt seine staatliche Treue und sieht nicht, daß es nur wünscht, in seiner Eigenart der durch die Reli­gion aufgebauten geheiligten Beziehungen zur weltlichen Obrigkeit nicht erlahnien zu dürfen. Man behandelt seinen religiösen Sinn mit Ge­ringschätzung. Wie kurzsichtig ist doch alles die­ses." Jeder Unbefangene wird zugeben müssen, daß die in diesen Ausführungen konstatierte Tat­sache den Kern der Sache trifft und in ihr nichts liegt, was übertrieben wäre oder gar den Cha­rakter der Aufreizung enthielte. Der Herr Kar­dinal hat an anderer Stelle noch betont, daß er das feste Vertrauen zu dem Volke habe, daß es zur staatlichen Treue seine Eigenart mit den Pflichten gegen feinen König und dem Staats­wesen in schönstem Einklang erhalten werde. Das sind Worte, denen man zustimmen kann. Unseren Hakatisten oder Kulturkämpfern freilich scheint das Verständnis hierfür versagt zu fein' oder sie wollen nicht verstehen, anders kann man es nicht deuten, wenn man im „Reichsboten" lieft, Kardi­nal Kopp sei mit seiner Rede der Regierung in den Rücken gefallen, und er habe Oel in den pol­nischen Brand gegossen. Die Verdächtigungen sind eine Unverfrorenheit sondergleichen. Kar­dinal Kopp hat mit seiner Rede dem Frieden ge­dient, die Machinationen des „Reichsboten" da­gegen sind nur auf konfessionelle Verhetzung be­rechnet und man kann nicht im Zweifel sein dar­über, wer Oel in den polnischen Brand gießt.

In W ü rttemberg hat das Zentrum im Oberaiute Oberndorf einen glänzenden Sieg er­fochten, wo sein Kandidat Andre in der Nachwahl mit großer Mehrheit gewählt wurde. Im Jahre 1906 war er mit einer knappen Mehrheit von 8 Stimmen gewählt worden; der Kreis hat 60 Prozent Katboliken und war vorher in den Hän­den der Volkspartei. Die Kammer erklärte die­ses Mandat gegen alles Recht und Herkommen für ungültig. Um ihre Hoffnung, den Kreis zurückzuerobern, ist nun die Volkspartei betrogen

35. Jahrqanq.

nennt die Wirkung dieser Tatsache „wahrhaft drohend und niederwerfend".

Eine Partei mit solch starken Wurzeln int Volke entspricht einem Bedürfnis; sie ist keine Treibhauspflanze und kein künstlich großgezoge- nes Gewächse; sie ist eine wahre Volkspartei. Aber das Zentrum ist auch die einzige wirkliche Reichsparte', jene Partei, die den Reichsge­danken am besten wiederspiegelt. Int Zentrum sitzen Abgeordnete aus allen deutschen Gauen; da findet man den Ostpreußen, Schle­sier, Mitteldeutschen, Hannoveraner, Westfalen, Rheinländer, Nassauer, Bayer. Pfälzer, Badenser, Elsässer, Lothringer, Württemberger, Hohenzol- lern. . . . Welche andere Partei , kann von sich behaupten, daß sie so ein Spiegelbild des ganzen deutschen Reiches darstellt? Keine. Die Konser- vativen sind nach ihrem Wesen und ihrer Zusaiw mensetzung nach eine preußische Partei; was sich im Süden konservativ nennt, ist aus ganz ande­rem Holze als der preußische Konservative; die Nationalliberalen haben den Osten ganz und den Süden nahezu ganz verloren; der Freisinn ist in Süddeutschland nicht bekannt; er ist ein preu­ßisches Gewächs, die Sozialdemokratie will eine Klassenpartei sein und zählt nicht, mit. Im Zen­trum spiegelt sich aber der Reichsgedanke am besten und getreuesten wieder. , ....

Noch nach einer anderen Seite hin rst daS Zentrum die einzige Reichspartei: es umfaßt alle Schichten und Erwerbs stände des Volkes. Nicht so die anderen Parteien. Die Kon­servativen sind die Vertreter des Großgrundbe­sitzes und seiner Anhängsel die Nationalliberalen sind die Partei der Großindustriellen, der Frei- sinn vertritt die Jnteresien des Handels tn erster Linie. Das Zentrum aber hat es verstanden, den Adel bei sich zu behalten, die Gelehrtenwelt ist vertreten, die Kaufmannschaft stellt sehr treue Anhänger, der gesunde Bauernstand ist sein Rück­grat, die Handwerker arbeiten im Zentrum, die Arbeiterschaft tritt mit Begeisterung für ötefe Partei ein, der Beamienstand weiß, was er dem Zentrum verdankt, Im Zentrum findet man da» ganze Volk vertreten, kein Stand ist bevorzugt, keiner wird mißachtet. So kann das Zentrum auch für die Interessen aller Erwerbsstände etn- treten. Der Adlige weiß, wie notwendig etn ge­sunder Mittelstand ist, und daß man der Arbet- terschast Entgegenkommen zeigen muß; die Ar­beiterschaft hat erkannt, daß ein lebenskrästtger Bauernstand dem Reiche erhalten bleiben muß. Es ist ein Verdienst von ungeheurer Bedeutung, daß das Zentrum diese Gedanken in seiner Wäh- lerschast zum Durchbruch gebracht hat. Dringen diese Gedanken im ganzen Volke durch, dann bleibt das Reich ein fester Bau, der nicht durch den Hader der Stämme und der verschiedenen Klasien erschüttert wird.

Darum ist es aber auch eine ganz eigenartig« „nationale" Betätigung, eine Partei wie das Zentrum zu brüskieren und so behandeln, tote es der vierte Reichskanzler beliebt.

Ausland.

* Der Pariser Generalausstand, der eine Dauer von 21 Stunden haben sollte, um gegen die Vorgänge in Draveil zu protestieren, hat dte von den Arbeitern an ihn geknüpften Erwartun­gen nicht erfüllt, denn nur ein verschwindend kleiner Teil ihrer Kollegen hat den Ausständigen Gefolgschaft aeleistet. Wie bereits berichtet wurde, kam es in Paris und speziell in Draveil-Vtgneux zu blutigen Zusammenstößen zwischen Streiken- den und Militär.

* Die bulgarische Regierung läßt gegenüber Gerüchten von seiner kriegslustigen Haltung er­klären, daß sie die Entwickelung der Dinge in der Türkei zwar mit großem Interesse verfolge, aber

Unpolitische Zeitlause.

(u) Berlin, 30. Juli 1908.

(Nachdruck verboten.)

Das Perlenhalsband der Gräfin Wartens­leben ist lviedec da. Ein großes Ereignis; denn erstens war das verschwundene Schmuckstück eine Viertel Million wert, und zweitens ist die Ge­schichte des Diebstahls und der Entdeckung wun­derlich, höchst wunderlich.

Also eines abends, nachdem die geschmückte Gräfin mit Hilfe ihrer Kammerfrau und ihrer Kammerzofe sich ihrer Festgewänder entledigt hat, ist das eben abgelegte Pracht Halsband ver­schwunden. Haus abgesperrt, Polizei gerufen, alles durchsucht, nicht gefunden, die neu einge- tretene Zofe verhaftet. Bald Zofe wieder frei- gelassen wegen Mangels an Schuldbeweis; Polizei verfolgt andere Fährten. Der Graf und die Grä­fin aber sind fest überzeugt, daß die Zofe das Schmuckstück bei Seite gebracht hat; setzen sich mit einem privaten Detektivbureau in Verbin­dung, setzen 10 000 Mark als Belohnung für die Wiederherbeischasfung des Halsbandes aus und veranlassen auch ihren Rechtsanwalt zur Mitar­beit. Doch die Zofe läßt sich nichts merken. Tas findige Bureau weiß eine Agentin in die Nähe der Zofe zu bringen. Als diese sich angefreundet hat, finden sich noch zwei Agenten ein, von denen der eine den Heiratskandidaten spielt. In herz- lichein Klatsch gesteht die Zofe den Diebstahl ein, verrät aber noch nicht das Versteck. Erst eine Schreckszene im Bureau des Rechtsanwalts, so­wie die Vorspiegelung, daß bei Rücklieferung nicht nur Straflosigkeit, sondern sogar 10000 Mark zu erwarten seien, veranlassen die Diebin, das Weg­stück von Million hervorzuholen; es stak näm­lich, in Watte verpackt, unter dem ein wenig auf- gebogenen Fensterbrett an dem ehemaligen Sim­met der Zofe. Das Halsband wandert von dem Agenten zum Rechtsanwalt, vom Rechtsanwalt .zum Grafen, und zugleich wandert die Zofe ins

Gefängnis, während die 10 000 M nicht ihr, son­dern dem findigen Bureau ausgezahlt wurden. Die Polizei stand mit einem langen Gesicht da. Aber der Untersuchungsrichter, dem die getäuschte Sünderin zugeführt wurde, gab dem Kriminal­roman eine überraschende Wendung. Er entließ die Zofe wieder aus der Haft, angeblich auf ihre Aussage hin, daß sie das kostbare Halsband sich nicht habe aneignen, sondern nur eine zeitlang habe verschwinden lassen wollen, um die Gräfin mal tüchtig zu ärgern und sich so für launische Behandlung zü rächen. Jetzt ärgern sich Graf und Gräfin von neuem, weil die Diebin wieder frei herumspaziert, und der Rechtsanwalt muß sich mühsam verwahren gegen die Ansicht, daß er die bedenklichen Kniffe ber Detektivs zu weit unterstützt habe.

Die wunderliche Komödie wird noch längst nicht zu Ende sein. Ein 250 000 Mark-Halsband verdirbt die guten Sitten. Eine biedere Bür­gersfrau, die mit mir über die Geschichte sprach, könnte es gar nicht fassen, daß Leute Schmuck- sachen von so kolossalem Wert am Leibe herum- trügen. „Eine Viertelmillion", rief sie aus, „bä­te on kann man ja, wie mein Mann ausgerechnet hat, alle Jahre 10 000 Mark Zinsen ziehen. Wir haben knapp halb so viel Einkommen und dabei fünf lebendige Kinder. Wenn ich 250 000 M Geld übrig hätte, so würde ich mir nicht so eine Per- lenbammelage kaufen, aber gute Papiere, und dann würden wir vergnügt leben und alle Som­mer an die Osts« gehen. 9hm sagen Sie bloß, warum die feinen Leute so einen Luxus treiben. Mein Mann sagt, das wäre ein volkswirtschaft­licher Krebsschaden, weil das schöne Kapital so tot daliegt. Und mir wird ganz gruselig, wenn ich bedenke, daß ich mit solchen Millionenperlen auf einen Ball gehen sollte; ich würde hinter jedem Pfeiler und Nachts unter'm Bett lauter Räuber vermuten."

AIS ich der guten Frau erzählte, der Graf und die Gräfin hätten noch eine ganze Masse anderer Schmucksachen in ihren Schränken und

gelegentlich auch am Leibe, da entrüstete sie sich noch mehr über Luxus und Verschwendung. Zur Beruhigung habe ich ihr gesagt:

Sehen Sie, verehrte Nachbarin, die Perlen- fifdjer, die Perlenarbeiter, die Goldschmiede, dir Diamantgräber, die Diamantschleifer, die Juwe­lenhändler und was sonst alles noch zu dieser Berussgenossenschaft gehört, — das sind sozusa­gen auch Mensckien, die leben wollen. Und diesen Leuten kommt es zu Gute, wenn ein reicher Mann für feine schöne Frau teure Schmucksachen kaust. Er gibt eine Portion von seinem Ueberfluß fort, und dadurch kommt Geld unter die Leute. Wenn Sie und ich so reich wären, so würden wir es ver­mutlich anders anfangen; wir würden etwas für unsere Kinder sparen und etwas für unsere Be­quemlichkeit oder auch für unsere Bildung auf- wenden, vielleicht auch den Hilfsbedürftigen hier und da unier die Arme greifen. Aber darüber kann man nichts sicheres sagen; denn am Ende könnte der Reichtum unser ganzes Verstands- und Gemütsleben auf den Kopf stellen. Wer weiß, ob wir nicht unter dem giftigen Einfluß de? Gol­des habgierig und geizig würden! Ein Mensch aber, der immer nur scharrt und scharrt rind sein Vermögen aufbaut, wie ein Turm von Babylon, der ist doch auch fein Wohltäter der Menschheit. Da lasse ich mir eher noch einen flotten Krösus gefallen, der leben will und leben läßt. Es ist nicht gut, wenn der Kapitalismus aufs äußerste getrieben wird, die großen Vermögen in wenigen bevorzugten Händen sich kolossal anhäufen und die Gegensätze zwischen den Millionären und den besitzlosen Proletariern sich aufs schärfste zu- spitzen. Der Luxus ist ein Mittel zum Ausgleich. Nicht das beste und schönste Mittel, aber doch ein wirksames Mittel. Die Leute, die Luxus treiben, werden ihren Ueberfluß los. und das Geld fließt in die Hände der zahlreichen Leute, die in Luxus- sachen arbeiten und der Luxus bringt sowohl der Arbeiterklasse Vorteil, als auch besonders dem Mittelstände. Man kann auch nicht behaupten, dotz die bestohlene Gräfin eine Viertelmillion

zins- und nutzlos baliegen habe. Bei dem Er­werb des Schmuckstücks iyit sie die Viertelmillion von sich gegeben; sie selbst hat also auf den mög­lichen Zinsgenuß verzichtet, um sich dafür den Schmuckgenuß zu verschaffen. Die verausgabt« Viertelmillion läuft aber nun bei den betreffen­den Händlern, Fabrikanten, Arbeitern in vielen Kanälen umher und bringt dort Früchte. Viel­leicht mehr Früchte, als wenn die Gräfin sich da­für dreiprozentige Reichsanleihe oder gar Pom- mersche Hypoihekenbankaktien gekauft hätte. ,

Meine biedere Nachbarin hörte das geduldig an, aber sie schien von dem Nutzen des Luxu» ebensowenig überzeugt zu sein, wie von der Un­schuld der Zofe. Hartnäckig verblieb sie dabei, ci sei ein Unsinn, sich so ein großes Familienvermö- gen in Perlen auf den Leib zu hängen. Und darin konnte ich ihr auch nicht widersprechen, denn ich verabscheue alles Ueberrnäßige. Ein bis­chen Schmuck steht einer Frau gut. Er muß mit Takt und Geschmack der Festlichkeit, dem Stande, dem Alter und dem Vermögen angepatzt sein. Eine reiche Gräfin kann natürlich etwas Kost­bareres ankgen, als eine behäbige Spießbürgers- frau; doch darf man niemals den Eindruck ge­winnen: Hier wird geprotzt! Man darf keinen anderen Zweck merken, als schön zu erscheinen. Sobald die Zuschauer den Eindruck haben, daß man ihnen durch Zurschautragen des überragen­den Reichtums imponieren will, ist die Linie de3 feinen und wahrhaft vornehmen Geschmacks über­schritten. Ich habe den fraglichen Perlenschmuck nicht gesehen; es ist also wohl möglich, daß er trotz seiner Kostbarkeit von einer künstlerischen Einfachheit ist, die den Eindruck des Protzigen nicht aufkommen läßt. Zum vorliegenden Fall will ich also vorsickstiger Weise nur bemerken, daß nach meiner unmaßgeblichen Ansicht der Zier- zweck auch schon mit dem zehnten oder sogar mit dem hundertsten Teil des aufgetoendeteu Geldes vollkommen erreicht werden konnte. Einer reich gewordenen Dankiersfrau würde ich das Ueber- maß eher verzeihen, als Frauen aus alten Adels-