• 35. Jahrgang
Fulda, Mittwoch den 29. Juli 1908.
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— Die kommenden Steuern. Gegen oie Elektrizitäts- und GaSsteuerpläne will der Karlsruher Stadtrat ein gemeinsames Vor« gehen der badischen Städte beantragen. — Die Frage, ob eine Jnseratensteuer geplant sei, wird immer noch in der Preffe hestig erörtert. Während ein Münchener Blatt schreibt, daß die früher umlaufenden Gerüchte über die geplante Einführung einer Steuer auf Inserate und Reklamen auf Wahrheit beruhten, dementiert die bündlerisch-agrarische,Deutsche Tageszeitung' diese Meldung: „Nach unserer Kenntnis der Verhältnisse ist eine Jnseratensteuer nicht geplant. Man hat wohl den Gedanken erwogen, ist aber davon abgekommen, weil man mit Sicherheit vorauSsah, daß eine solche Steuer vom Reichstage nicht angenommen werden würde."
X Der deutsche Zentralverband für Handel und Gewerbe, welcher in diesen Tagen in Bremen seine 21. Hauptversammlung abhält, nahm zu dem Hauptpunkte der Tagesordnung, der Besprechung des Gesetzentwurfes über den unlauteren Wettbewerb, eine Resolution an, wonach der Verband in dem neuen Gesetzentwurf kein besiereS und wirksameres Mittel zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs erblickt. Außerdem wurde beschlossen, daS ReichSamt des Innern zu ersuchen, weitere Vorschläge zur Ab- änderung deS Gesetzes über den unlauteren Wettbewerb entgegenzunehmen und eine nochmalige Konferenz zu veranstalten, zu welcher hauptsächlich Vertreter deS Kleinhandels zugezogen werden. — Eine wettere Resolution wandte fich gegen das geplante grundsätzliche Verbot der Sonntag»- arbeit Es wurde eine Resolution angenommen, die gegen da» von der Regierung geplante grundsätzliche Verbot der SonntagSarbeit energisch Front macht und für die Beibehaltung der jetzigen Bestimmungen, die eine fünfstündige
Auf ein gegebenes Zeichen traten zwei Manner ein, eine Kiste tragend, welche sie öffneten und einen großen Vorrat Putzsachen Herausnahmen und auf den Boden warfen, als ob es Lumpen wäre«. Einer hielt die Laterne so, daß der Schein des Lichte» auf die prachtvollen Seidenstoffe, auf kostbare Spitzen und andere Gegenstände fiel. , .
„Sie können sich davon euren Schleier machen", sagte Carvelli, „und mehr werden Sr« kaum zu Ihrem gewöhnlichen Anzuge brauchen; aber einen Schleier tragt jede Braut."
„Wenn ich eine Brant bin, werde ich vielleicht auch einen tragen", entgegenete Nelly: „aber da ich noch keine Aussicht habe, eine solche zu werden, gebrauche ich auch noch keinen Schleier. Lassen Sie Ihre gestohlenen Sachen nur wieder wegbringen, Herr Räuberhauptmann."
Das Gesicht Carvelli's wurde glühendrot vor
Menn Sie keinen Schleier haben wollen, so ist's auch gut," sprach er, die kostbaren Stoffe mit dem Fuße in eine Ecke stoßend. „Der Pfarrer ist hier und alles ist bereit. Kommen Sie!"
Nelly warf ihren Umhang über, gab Guido und Geffrey ein Zeichen, vorauszugehen, nahm dann Mrs. Jebb am Arm und ging mit den Uebrigen hinaus in den großen Raum der Höhle, der in der Tat zu einem Festsaal umgewandelt worden war.
Die rohen Felswände waren mit grünen Zweigen geschmückt und hunderte von Lichtern ver- 6retteten eine Lageshelle in dem Raume, m benen Mitte eine lange Tafel stand, mit blendend weißem Leinen bedeckt und mit allen Vorbereitungen zu einem reichen Festmahl.
An der einen Seite der Höhle war eine Art Thron oder Attar erbaut, welcher mit kostbaren Teppichen belegt war und auf dem zwei Stuhle standen. Diesen Thron bestieg der rote Carvelli und zog seine Braut mit fich hinauf.
(Fortsetzung folgt.)
Wesen der Blockpolitik verleugnen.
Das Zentnmt hat sich nicht bei Seite gestellt, sondern es ist bei Seite geschoben worden. Das Zentrum hat sich niemals geweigert, mit den anderen Parteien in Reih und Glied zu stehen und zu arbeiten, weder vor noch nach der Katastrophe vom Dezember 1906. Vorher hat es niemals eine „Herrschaft", eine „Stellung über den anderen Parteien" beansprucht, was einer „geborenen Minderheit" ja überhaupt nicht em- fallen konnte. Nachher hat es in gewohnter Weise sich zur Mitarbeiterschaft angeschickt: aber unter Anleitung des Gehilfen des Reichskanzlers yat die Blockmehrheit das Zentrum aus dem Präsidium hinausgeworfen und die neue Regel aufgestellt: Alle Entscheidungen werden ausschließlich von der Blockmehrheit getroffen. Die Negierung schloß sich in Wort und Tat dem neuen Leitsatz an: die entscheidenden Vereinbarungen wurden ausschließlich mit den Vertretern der Blockparteien besprochen und ab-
Etwas später kam der Doktor mit dem Frühstück. Nelly fragte in spöttischem Ton, was die für den gestrigen abend vorbereitete Festlichkeit verhindert habe. ,
„Die Leute konnten den Geistlichen nicht finden", lautete die Antwort. „Er war gerade bet einem Kranken zum Besuch. Die Männer werden heute abend wieder nach ihm ausgehen. Wir und genötigt, unS am Tage ruhig zu verhalten, denn ein Freund hat uns Nachricht von Neapel geschickt, daß eine starke Abteilung Militär ausgegangen ist, um uns zu suchen. Diese» Vergnügen können sie sich machen, uns aber werden sie niemals finden.''
Er verweilte nur kurze Zeit, kam auch während des ganzen Tages nur einmal, um die Mittagsmahlzeit zu bringen.
Der Abend war längst hereingebrochen, als 6raufeen im Hauptsaale der Höhle ein Tumult entstand, welcher den Gefangenen sagte, dafe etwas außergewöhnliches vorgefallen fein müsse.
Etwas später wurde di« Tür. der Zelle geöffnet und der rote Carvelli trat ein. Seme Kleidung war ebenso malerisch wie kostbar; an seiner Brust prangte eine Nadel mit wertvollen Diamanten.
„Der Pfarrer ist hier, Signora," sagte er mit tiefen Verbeugungen. „Er weife bereits, was von ihm begehrt wird. Alles ist bereit und nur die Braut fehlt noch."
„Ein sonderbarer Mangel!" bemerkte Nelly.
„Ich weife", fuhr Carvelli fort, ,chaß der Hochzeitstag der wichtigste im Leben einer Iran ist, und to«fn sie jemals das Bedürfnis fühlt, fich zu schmücken, so ist es an diesem Tag. Ich kann Ihnen keine standesgemäßen Zuschauer stellen, Signora, die Ihre Schönheit und Ihre Pracht bewundern könnten; aber meine Leute werden Ihnen alle Ehrerbietungen zollen. Damit nun auch Sie das Ihrige zur allgemeinen Zufriedenheit beigetragen, ist es wünschenswert, dafe Sie Hochzeitskleider tragen. Für das Kotige habe ich gesorgt."
fochten ist und voraussichtlich kassiert wird. Meyer war 15 Jahre lang Bürgermeister und bat sein Amt tadellos geführt und dafür die Anerkennung einer Mitbürger und der vorgesetzten Behörde erhalten. Obwohl mit glänzender Mehrheit wieder- qewählt, wurde seine Wahl zum Bürgermeister nicht bestätigt. Der BezirkS-Präsident Gras Zeppelin-Aschhansen, bei dem Meyer in Metz vorsprach, enklärte ihm frank und frei: „Di« Bürgermeister find Vertrauensmänner der Regierung; Sie kannten die Absichten der Regierung und haben diesen zuwider gehandelt, indem Sie für da- Zentrum öffentlich aqitiert haben. Ich hätte Sie schon damals ofo.t abgesetzt, wenn die Wahlen nicht unmittel- >ar bevorgestanden hätten. Unter keinen Umständen kann ich Sie als Bürgermeister bestätigen.'' — Ob die freisinnige Presse sich nun auch so entrüsten wird wie beim Fall Schücking?
d München, 28. Juli 1908. Für die L o S von Rom - Bewegung in Oesterreich werden in verschiedenen deutschen Bundesstaaten aus Mttteln der protestantischen Landeskirche Unterstützungen gegeben. Bei Beratung des protestantischen Kirchensteuergesetzes tm Ausschuß der bayer. Abgeordnetenkammer kam der Abg. Dr. Pichler (Ztr.) auf diesen Unfug zu sprechen und billigte durchaus, daß dies in Bayern nicht zugelassen werden soll; denn es fet eine schwere Verletzung der Rücksichten gegen den unS so eng verbündeten Staat Oesterreich; wir hatten in Deutschland allen Anlaß, eine solche Brus- kierung von Oesterreich zu vermeiden.. Der liberale Abg. Dr. Gunther billigte dies« Ausführungen Dr. Pichlers durchaus, es sei nach seiner Auffassung ein bedauerlicher Mißbrauch, wenn öffentlich aufgebrachte Mittel iur solche Zwecke verwendet würden, denn es Hanois sich bet der Los von Rom-Bewegung in Oesterreich gar nicht um kirchliche, sondern um rem politisch« Zwecke, um eine politische Agitation. — Dr. Günther ist gläubiger Protestant. Um so Wve< re: fällt seine Meinungsäußerung ms Gewicht. Leider ist er mit seiner Ansicht em weißer Rab« unter feinen Gesinnungsgenossen, die ia sonst kn« allereifrigsten Agitatoren auf diesem Gebiet« sind. — In Bayern wenden nun auch.die I ngen d g er ich t shö f e eingeführt. Die Amtsgerichte find angewiesen worden, ine Strafsachen argen Jugendliche in die Hand eines erfahrenen, namentlich in Vormundschaftsfachen betminderten Richters zu legen. Der Vormundschastsrichter tritt in die Kompetenz des Amtsrichters und der,Schöf- fengerichte für Strafsachen gegen Mmderiahrige bis zu 18 Jahren, sowie für die vom zuständigen Landgericht an die Schöffengerichte abgetretenen Strafsachen. Sind Jugendliche in em Verfahren gegen Erwachsene verwickelt, so dehnt sich ö» Kompetenz des Jugendrichters auch auf letzter« aus. Jede schablonenhafte Behandlung ist zp vermeiden.
Die bayerische Steuerreform
baut das Staatssteuersystem in der Hauptsache auf eine Steuerart auf, die allgemeine Einkommensteuer. Sie soll künftig die Staats- hanptsteuer sein. Daneben sollen aber die Ertragssteuern für Grund- und Hausbesitz, Gewerbebetrieb und Kapitalvermögen unter verbesserter Gestalt fortbestehen.
Unter den neuen Vorlagen ist demnach von großer Bedeutung der Entwurf eines Einkommensteuergesetzes. Steuerpflichtig sind mit gewissen Einschränkungen nicht nur die natürlichen Personen, sondern auch juristische Personen und nicht rechtsfähige Vereine. Es sind jedoch zahlreiche ©teuerbefreiungeit borgefeben. Der Steuertarif läfet Einkommen unter 600 M
Sonntagsarbeit tm Handelsgewerbe grundsätzlich gestatten und die Festsetzung der Arbeitsstunden am Sonntag den Ortsbehörden überlassen, ein- ritt Wünschenswert sei aber, daß der Schluß der BeschäftigungSzeit an Sonn- und Festtagen auf 2 Uhr nachmittags festgesetzt würde.
— Halle a. d. S., 28. Juli 1908. Nach Meldungen liberaler Blätter haben die katholr- chen Studentenvereinigungen m «alle a. d. S., um von der übrigen Studenten- chaft nicht weiter drangsaliert zu werden, eine Erklärung folgenden Wortlauts abgegeben:
1. Die katholischen Verbindungen (?) sind frei von jedem ultramontanen, parteipolitischen Bestreben und le verurteilen einseitige Parteipolitik studentischer Korporationen, wo und wie sie immer vorkommt.
2 Zum Ausdruck dessen verzichten die katholischen Korporationen darauf, sich als solche cm den Katholikentagen zu beteiligen; denn diese Ta- aungen, auf denen religiöse und politische Tendenzen verschmolzen werden, sind lediglich eine Verkörperung des ultramontanen Ge- btin3te®ie katholischen Korporationen verurteilen auf das schärfste das Eingreifen kirchlicher Behörden in die freie wissenschaftliche Forschung und in die Lehr- und Lernfreihrit.
Sollten tatsächlich diese Erklärungen abgegeben worden sein, so wären sie ein bedauerliches Zeugnis dafür, in wie hohem Maße sich die katholischen Studentenkorporationen ihr Urteil durch liberale Phrasen hätten verwirren lassen, ^m übrigen könnte das Verhalten der jungen Leute sehr wenig imponieren, die sich bei ihren erbittertsten Gegnern lieb Kind machen wollen, indem sie in demütigender Weise ihr Wohlverhalten schriftlich garantieren.
» Karlsruhe, 27. Juli 1908. Die sozialdemokratische Interpellation über die Stellung der Regierung zur geplanten Elektrizi- tätssteuer hat in der heutigen Abendfitzung der Zweiten Kammer Anlaß zu einer lebhaften Geschäftsordmmgsdebatre gegeben. Nachdem der Finanzminister H o n s e l l eine Beantwortung der Interpellation mit der Begründung a b- gelehnt hat, daß die Verhandlungen im Bundesrat streng vertraulich seien, glaubte auch der Seniorenkonvent der Zweiten Kammer eine Besprechung der Interpellation im Plenum nicht zulassen zu sollen. Um letzteres doch zu erreichen, hat die sozialdemokratische Fraktion ihre Interpellation zurückgezogen und dafür einen Antrag eingebradjt, die Zweite Kammer solle die Regierung auffordern, im Bundesrat gegen die Elektrr- zitäts- und Gassteuer zu stimmen. Der Präsident Febrenbach stellte in Aussicht, den Antrag in der Sitzung am nächsten Donnerstag zur Beratung zu bringen.
♦ Metz, 28. Juli 1908. Die Politik der Nadelstiche ist immer noch Trumpf. Die Ge- rneinderats-Wahlen find vorüber, und er ist jetzt an der Regierung, die von den Gemeinderäten in Vorschlag gebrachten Bürgermeister zu be- stätiaen, sofern sie ihr „genefem“ sind. Und da soll jetzt Vergeltung geübt werden — so lautet anscheinend die den Kreisdirektoren und Be- zttk; - Präsidenten befohlene Parole — an denjenigen Bürgermeister-Kandidaten, die gelegentlich der letzten Reichstagswahl in den bösen Verdacht gekommen find, der Zentrum-fache zugetan zu fein oder gar das Verbrechen begangen haben, öffentlich für einen Zentrums-Kandidaten agitiert zu haben. Hier ein Beispiel: Der Bürgermeister Meyer von Walscheid (KrriS Saarburg) war in verschiedenen Versammlungen für den Zentrums- Bewerber Dr. HeymeS abgetreten, der mit nur 4 Stimmen dem Kandidaten des Lothringer Blocks, Laborise, unterlag, dessen Wahl bekanntlich ange-
Damit entfernte er sich.
Stunde auf Stunde verging. Nelly schritt unruhig und in banger Erwartung hin und her, Guido Harrington, ersichtlich müde, zog sich in die anstoßende Zelle zurück und warf sich auf sein Lager; Geffrey folgte seinem Beispiele, und seine Mutter, der Aufforderung Folge leistend, begab sich ebenfalls zu Bett und weinte sich in einen unruhigen Schlummer. In Nelly's Augen aber kam kein Schlaf, langsam schritt sie in der fleinen Zelle auf und ab, ihr Gesicht war bleich und sorgenvoll, und schweres Leid, aber auch feste Entschlossenheit lag in ihren dunklen Augen.
Die Nacht verstrich; kein Geräusch war mehr in dem äußeren Raume der Höhle zu vernehmen. Offenbar hatte der Plan Carvelli's irgend eine unerwartete Störung erfahren und die Hochzett war entweder verschoben oder gänzlich aufgegeben worden.
Gegen morgen nahm Nelly ihre Betten, legte sie so gegen die Tür, daß Niemand ohne toeüe- res eiutreten konnte, und legte sich dann zum Schlafen nieder.
Als sie wieder erwachte, war es bereits neun llhr, aber fein Schimmer des jungen Tages drang in ihre Zelle. Mrs. Jebb war bereits aufgestanden und auch in der andern Zelle liefe sich ein leichtes Geräusch vernehmen. Nelly erhob sich. Eine erftidenbe Luft herrschte in dem kleinen Raume, denn die brennende Oellampe hatte einen dichten Qualm verbreitet.
„Diese Luft ist für die Gesundheit nicht ganz zuträglich, Margot", sagte das junge Mädchen, sich bemühend, in heiterem Tone zu sprechen. „Ich habe in Geschichten viel von Höhlen gelesen und sie mir immer als recht romantische Wohnplätz- chen ausgemalt l aber die Erfahrung belehrt mich eines Besseren. Eine Hohle ist nichts anderes als eiu dumpfiges, finsteres Loch in einem Felsen ober in der Erde. Mir ist es, als ob ich schon Wochen lang hier in diesem Loch gewesen wäre. Könnte ich doch nur eine Stunde hinauskommen in die frische Lust und in den Sonnenschein!'
geschlossen. Bei der Krisis vom 5. Dezember 1907 erklärte der Reichskanzler ausdrücklich dyfe er ein Amt nur fortführen könne, wenn die Block- Mehrheit zur alleinigen Erledigung der Reichs- geschäste fest geschlossen bliebe. Die Ausschaltung leg Zentrums wurde zur Grundlage der Bulow- scheu Politik gemacht. Wer den Versuch macht, das Zentrum wieder einzuschallen, setzt die Sage an den Ast, auf den Fürst Bülow sich gesetzt hat.
Unter diesen Umständen hatesgarkeinen Sinn, wenn man dem Zentrum gut zuredet, es soll doch wieder mitspielen. Und es hat keine praktische Bedeumng, wenn man die „nationalen Parteien" ermahnt, sie sollten doch auf die Ausschaltung des Zentrums verzichten. Für den Blockfreisinn ist die Ausschaltung des Zentrums die entscheidende Hauptsache: sollte das Zentrum wieder gleichberechtigt werden, so schwentt der Freisinn sofort in die grundsätzliche Opposition ab.
Für die konservative Partei wäre es na- türlich angenehm und vorteilhaft, wenn sie im Reichstage ebenso wie im Abgeordnetenhause eine doppelte Mehrheitsbildung sich leisten könnte, bald mit den Liberalen, bald mit dem Zentrum. Aber die konservative Reichstagsfraktion hat diesen Vorteil aus der Hand gegeben, als sie sich in das ^lockgespann einschirren ließ. Das Joch mag sie wohl drücken, eS läßt sich aber nicht ohne Krisis beseitigen.
Mit schönen Worten in der konservativen Preffe lassen wir uns nicht kirre machen. Ist der Wille zur Umkehr ernst, so mufe er sich in T a t e n zeigen._____
K Das ausgeschaltete Zentrum 'wird von den Konservativen fteundlichst ein- geladen, doch gütigst zu helfen, die Reichs- finanzreform unter Dach und Fach zu brtn-
Die bemerkenswerten Auslassungen des sonst so verbisienen „Reichsboten" in diesem Sinne haben wtt kürzlich schon erwähnt. Jetzt schließt sich das konservative Hauptorgan, die „Kreuzzt g. , ihnen an und versichert sogar, der Artikel des „Reichsbote" gebe „klar und deutlich die An- sthauungen wieder, die in der ganzen konservativen Partei herrschen". Auf Grund dieser Erklärung verlangt sogar die „Kreuzztg.", man solle nicht mehr von einer Spaltung in der konservativen Partei inbezug auf die „Antizentrumspoli- HI" sprechen und nicht mehr einen Unterschied machen zwischen der sogenannten Kreuzzeitungs- Richtung und einer kulturkämpferischen Richtung in der Partei. — Damit letzteres verständlich wird, muß man erinnern, dafe der erwähnte Artikel des „Reichsboten" sich eifrig bemühte, den Kulturkänipferii die Pille zu versüßen. Die Sache wurde so dargestellt, als ob das Zentrum früher eine Herrschaftsstellung über allen anderen Parteien beansprucht und besessen habe, und sich nun verärgert in den Schmollwinkel gestellt habe. Dann wurde weiter ausgeführt, Regierung und nationale Parteien müßten für alle Fälle wachsam .auf dem Posten bleiben, damit nicht „durch ihre gemeinsame Schwäche etwa wieder einmal der Ultramontanismus über Gebühr maßgebend wird und hypertrophischen Einfluß erobert".
In dasselbe Horn stößt nun auch die „Kreuzzeitung"; sie meint, es sei „ein ganz unnatürlicher Zustand, daß eine so große und mit ' ch1tgen Elementen durchsetzte Par- ... abseits steht" — aber daran schließt sie nicht eine Predigt für die kulturkämpferischen Ausschalter, sondern für das ausgeschaltete Zentrum, feie glaubt, das Lamm habe mehr Friedenspredigt nötig als der Wolf. .
Trotzdem haben diese Preßerörterungen bet ben Liberalen Unbehagen erregt. Der nationalliberale „Hannov. Cour." jammert über politische Kurzsichtigkeit und Kleinmütigkeit; er rüst warnend aus: „Selbst der „Reichsbote", der sonst meist tapfer gegen das Zentrum vom Leder zieht, brachte dieser Tage einen Artikel, der von Sehnsucht nach Rückkehr der Zentrumsherrschaft überfloß." So schlimm ist es aber wirklich nicht; der „Reichsbote" hat höchstens Sehnsucht nach Zentrums d ie n st e n. Aber richtig ist freilich, daß die beiden genannten konservativen Blätter das
Der falsche Erbe.
Roman von Cd. Wagner.
65$ (Nachdruck verboten).
„Wenn Sie nur Paris jemals wiederzusehen bekommen," versetzte bet Doktor mit einem bedeutungsvollen Lächeln. «Ich denke, der Hauptmann beabsichtigt, Sie nicht wieder freizulassen."
„Ich möchte mir einige Fragen erlauben," sprach Nelly, den Doktor scharf ansehend. „Es war unverkennbar, daß Ihr Hauptmann mit seinen Leuten uns an der Landstraße erwartete. Wie ging das zu? War er vielleicht von unferm Koninien in Kenntnis gesetzt worden?"
Der Doktor zögerte, und Nelly nahm das Schweigen für eine zustimmende Antwort.
„Ich vermute, daß er Spione in Neapel bat , fuhr Nelly in gleichgültigem Tone fort „Ohne Zweifel steht Livan, unser Kutscher, mit Carvelli m Verbindung. Es fiel mir auf, daß der Haupt- mann gerade uns und keine anderen Reifenden zu erwarten schien. Ist Signora Palestro, die Wirtin des Gasthofes zun! Vesuv, mit dem Hauptmann verwandt?" fuhr Nelly weiter.
Ter Doktor lachte.
„Das ist sie,' sagte er. Sie ist feine Schwester, und das weife jedermann in Neapel. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen."
Diese Antwort gab Nelly genügende Aufklärung. Sie hatte sich allerlei Gedanken gemacht über ihre Gefangennahme; nun aber war es ihr klar, daß sie verraten worden war, und zwar durch die Wirtin des Gasthofes zum Vesuv.
„Was bedeutet das Geräusch draußen?" fragte sie nach einer Pause.
„Die Leute treffen Vorbereitungen für die heute abend stattfindende Hochzeitsfeier, Mylady", antwortete der Doktor. „Die ausgesandten Män- per find mit dem Priester noch nicht hier, aber sie können jeden Augenblick kommen. Der Hauptmann wird Sie schon zur rechten Zeit abholen."