Monatsbellage: „Zuldaer Geschichtrblatter"
3.
35. Jahrgang
Fulda, Montag den 27. Juli 1908.
30 170.
Hn$eigent Die ein« spaltlge Petitzeile oder deren Baum 15 pfg. BeNamendtepetitzeile 25 Pfg., bei Wiederholungen wird entspr. Babati gewährt.
Botationrdruckund Verlag der Zuldaer Ak- timdruckerei in Zukda ZernsprecherNr».
reichsfeindlich hinstellte, wofür er keine anderen Beweisstücke beibringen konnte, als sein« Zu- gehörigkeit zur Zentrumsfraktion.
Noch einer freiheitlich so arg befleckten Ver- gangenhcit ist, sagt das obengenannte Zentrums- blatt der Liberalismus in einer sehr wenig angenehmen Lage, wenn er Klagen über die Maßrege- litng eines Parteiangehörigen zu vertreteit hat.
ringtons?"
„Ja; Sir Harry ist diesen Morgen in Gloucester gewesen und kam vor etwa einer Viertelstunde zuruck."
Erscheint täglich mit Ausnahme der So-m* und Feiertage, viertel- lährliche« Bezug-preis ohne vringerlohn und tzestergeld in Zulda sowie amwärtrl.SvMk.
verantw. Bedalteur:
ihren Sitz, den sie nach dem Klopfen an der Tür verlassen, ebenfalls wieder einnnahm.
Eine Weile herrschte Schweigen in dem trauten Stübchen, dann begann Palestro.
„Das ist ein prachtvolles Grundstück, Signora, man ist versucht zu glauben, es wohne ein Fürst hier."
„Ja," antwortete schmunzelnd die Frau, welche auf das Ansehen der Harringtons nicht weniger stolz war, als diese selbst, „und ein Fürst könnte stolz sein auf diesen Besitz. Es gibt keinen schöneren in der ganzen Provinz, noch eine ältere, geachtetere Familie, als di« Sir Harry Harringtons."
„Dieser Sir Harrington muß ein großer Mylord sein," bemerkte Palestro. Ist er reich."
„Reich? Gewiß ist er reich!" erwiderte die Frau. „Seine Einnahmen sind höher als die manches Herzogs. Er ist einer der reichsten Männer des Landes."
In Palestros Augen blitzte es freudig auf.
„So reich!" murmelte er. „Erne Equipage, in der zwei Herren und Damen saßen, fuhr an mir vorbei und bog in dieses Grundstück. Vielleicht war das die Equipage Mylord Sir Har-
Pferde zu größerer Eile an, so daß für Palestro eine Art Wettlauf begann. Mit geringen Unter- brechungen mußte er laufen, daß ihm fast der Atem ausging,und dennoch gewann der Wagen einen bedeutenden Vorsprung, so daß ihn Palestro zeitweilig aus den Augen verlor. Keuchend und fluchend rannte er eine kleine Anhöhe hinauf und fast wollte er zuwmmenbrechen, als er hinter der Höhe die Mauern von Harrington Hall emporragen fah. Gerade rechtzeitig kam er auf der Spitze an, um die Equipage durch das Haupttor des Gartens verschwinden zu sehen. Er hatte sein Ziel erreicht.
„Ah, endlich habe ich seinen Wohnsitz gefunden!" sagte er, indem er sich an der Seite der Straße niedersetzte und den Schweiß von der Stirn wischte. Es ist aber kein Spatz — so eine Jagd drei Stunden lang. Aber er soll mich dafür bezahlen! Ja, er soll bezahlen!"
Nachdem er ein wenig ausgeruht hatte, setzte er seinen Weg fori und erreichte bald Harrington Hall. Nach einigen« Zögern näherte er sich dem Hänschen des Torwächters, welches sich neben dem Haupteingange befand, und klopfte an die Tür. Eine ältliche Frau öffnete und fragte nach seinem Begehr.
„Ich bin sehr müde", sagte Palestro. „Ich habe einen weiten Weg zurückgelegt. Wollen Sie mir nicht erlauben, mich ein wenig bei Ihnen auszuruhen?"
Die Frau musterte Palestro mit mißtrauischen Blicken; aber seine unverkennbare Müdigkeit erweckte ihr Mitleid, und da er anständig gekleidet war, schwand ihre Besorgnis.
„Kommen Sie herein, Sir", sagte sie, „und ruhen Sie aus und erwärmen Sie sich an unserm Feuer."
Palestro sprach seinen Dank aus und trat in das kleine gemütliche Zimmer, welches zwei Fenster hatte, von denen das eine die Aussicht auf die Straße, daS andere in den Garten gestattete.
Die Frau rückte einen Stuhl an den Kamin und nötigte Palestro Platz zu nehmen, worauf sie
nehme, so könne einstweilen von der An- stellung einer weiteren Lehrkraft an der katho- lischen Schule Abstand genommen werden. In dieser Zwangslage hat die Gemeinde sich ür die evangelische Schule, als das kleinere lebe! gegenüber der Simultanisterung ihrer Volks- chule, entschieden. Das neue Volksschulgesetz ieht allerdings den Fall vor, daß für eine kon- essionelleMinderheit der Religionsuntericht «mit erheblichen Schwierigkeiten" verbunden ist. Dann soll ein Lehrer der betreffenden Kon- fession angestellt werden. Auf diesen Paragraphen stützt sich die Regierung. Diese „erheb- liche Schwierigkeit" war mit Leichtigkeit herbeizuführen: Der evangelische Pfarrer und die Lehrpersonen von Warstein, dem nächsten evangeli- schen Psarrorte, haben sich einfach geweigert, den Religionsunterricht in Allagen zu erteilen. Wir möchten diese höchst einfache Manier, sich „Schwierigkeiten" zu bereiten, durch die man eine öffentliche Volksschule erhält, allen denjenigen Miffionsgeistlichen in der Diaspora empfehlen, die ob des neuen Gesetzes an der Kommunalisierung ihrer Privatschule verzweifeln wollen. Sicher wird die paritätische preußische Regierung in solchen Fällen genau so verfahren, wie die Arnsberger Regierung im vorliegenden Falle. Aber natürlich!! — Man denke: unter 367 Schulkindern, verteilt auf fünf Klaffen, befinden sich (jetzt) ganze 18 evangelische, und die bewirken eine „Ueberfüllung" der Schule! Und wie lächerlich, zu sagen, die Erteilung des evangelischen Religionsunterrichts, wofür die Gemeinden aus freien Stücken 400 Mark bewilligt haben, sei deshalb unmöglich, weil die betreffenden protestantischen Organe in Warstein sich besten weigerten. Wenn diese keinen anderen Grund anführen können, als „wir tun es nicht", dann hätte die Regierung diesen Organen die Verantwortung selbst überlassen müssen. Zwischen Warstein und Allagen verkehren täglich zehn Züge, ebenso zwischen Allagen und Soest. Von Warstein ist Allagen in 30 Minuten, von Soest in 50 Min. zu erreichen. Dabei ist zu berücksichtigen, daß Soest vorwiegend evangelisch ist und ein evangelisches Lehrer- und Predigerseminar besitzt. Konnte oder wollte niemand von den zahlreichen Soester Fachleuten, Lehrern, Predigern oder Kandidaten, den Kindern in Allagen Religionsunterricht erteilen? Wir sind der Meinung, daß die Entscheidung der Regierung in Arnsberg rechtlich unhaltbar ist. Im Parlament muß über diese Angelegenheit ein Wort gesprochen werden, ein energisches, klares und aufklärendes Wort!
(*) Gegen das schwarze Listen-System der Bergbauunternehmer haben die beiden Arbeiterverbände des Ruhrreviers der Staatsanwaltschaft von neuem Material unterbreitet.
* Der Iudex des Freisinns. Man weiß, wie enstrüstet die freisinnige Presse über den Index der katholischen Kirche tut. Gehandelt wird aber ganz anders. Einen neuen Beleg dafür gibt eine Ablehnung einer Erzählung von Anton Schott aus dem 14. Jahrhundert: „Gotswin, des Fiedlers Denkbuch", von der die Wiener ,Reichsposft berichtet. Anton Schott ist ein hervorragender deutschböhmischer katholischer Schriftsteller, dessen nationale Gesinnung jedem Kenner der Literatur wohlbekannt ist. Da ist es einem Kritiker be- . gegnek, daß er dem Jugendschriftenausschuffe deS
Deutsches Reich.
* Auf sechs Milliarden Mark veranschlagt ein in der militärischen Fachliteratur als Autorität geltender Offizier, der General der Infanterie z.D. v. Blume, für Deutschland die Kosten, welche ein Jahr in einem Kriege der Jetztzeit erfordern würde, wobei der ganz ungeheuere Wert der Naturalleistungen, zu denen das Volk in solchem Falle nach dem Gesetz berangezogen würde, nicht eingerechnet ist. Diese bemerkenswerte Darlegung findet sich in einer Studie, die der genannte Genera in den neuesten vom preußischen Großen Generalstabe herausgegebenen Vierteljahrsheften für Truppenführung und Heereskunde veröffentlicht. Sie trägt den Titel: Inwiefern haben sich die Bedingungen des Erfolges im Kriege seit 1871 verändert? und findet nicht nur in militärischen Kreisen, sondern auch in der Tagespreffe des In- und Auslandes Beachtung.
)( Gegen den Geheimfonds des Auswärtigen Amtes soßen die Konservativen eine Aktion vorbereiten. Es heißt, sie seien mit der Verwendung dieses Fonds, der im vorletzten Jahre noch um 500,000 Mark erhöht wurde, nicht zufrieden. Aus dem Grunde beabsichtigten sie, im kommenden Winter eine Interpellation einzubringen.
(♦) Schulparität. Man schreibt der.Germania^: In der ganz katholischen Gemeinde Allagen an der Möhne (Wests.) errichtete in der Mitte der 80er Jahre ein protestantischer Industrieller Marmorwerke. Die Fabrik zog allmählich vorwiegend protestantische Arbeiter heran. Als die Gesamtzahl der evangelischen Kinder aus den drei Gemeinden Allagen, Sichtigvor und Mühlheim a. d. Möhne auf etwa 20 gestiegen war, wurde für diese drei Gemeinden eine evangelische Privatschule errichtet. Um den Bedürfnissen der emge- roanberlen Protestanten entgegenzukommen, be- willigten die drei Gemeinden der protestantischen Privatschule für jedes evangelische Kind ebenso viel, wie für jedes katholische Schulkind aus- gegeben wurde. Damit war die katholische Mehrheit der protestantischen Minderheit in einer Weise entgegengekommen, die an Gutmütigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. 9iun aber verlangten die Protestanten, daß ihre Privatschule auf den Kommunal-Etat genommen würde. Die Gemeinde, welche den Protestanten mehr als billig entgegengekommen war, lehnte diese Anträge ab. Um ihr Ziel zu erreichen, lösten die Protestanten Ostern 1908 ihre Privatschule auf und schickten ihre Kinder wieder in die kathol. Volksschule. Nun aber, wo man die (damals 18) evangelischen Kinder in die katholische Volksschule zu Allagen ausgenommen hatte, waren auf einmal nach Ansicht der Regierung die „Klassen Über- füllt". Die Regierung verlangte, daß eine neue Lehrkraft an gestellt werde, und zwar eine evangelische, damit diese den evangelischen Schul- kindern Religions-Unterricht erteilen könne. Wenn aber die Gemeinde die evangelische Schule (die tatsächlich seit Ostern nicht mehr besteht) Über
legenheit benutzend, um sich zu überzeugen, ob Brander und Guido Brüder seien.
Die Frau sah den Fremden erstaunt an und sagte:
„Mr. Guido ist der einzige Sohn und ist dieS stets gewesen. Sir Harry hat niemals andere Kinder gehabt. Mr. Guido ist mehrere Jahre im Auslande gewesen — auf der Universität und auf Reisen. An der sizilianischen Küste wäre, er bei einem Schiffbruch beinahe ertrunken. Vielleicht haben Sie von dem Unfall gehört?"
„Ja, ich habe davon gehört," erwiderte Pa» lestro verstimmt. „Hatte der junge Mylord einen Gesellschafter?"
„Natürlich," entgegnete die Frau, welche boh der Dienerschaft das Unglück, welches den Begleiter des vermeintlichen Guido getroffen, gehört hatte. „Es würde sich nicht ziemen für den Sohn Sir Harry Harringtons, allein durch die Welt zu reifen. Er hatte einen Gesellschafter mit Namen Ferdinand Brander."
Eine seltfame Schwäche ergriff Palestro; er lehnte sich zurück und stützte den Kopf auf die Hand. Die Erzählung der geschwätzigen Torwärterin stimmte ganz mit der Aussage Branders überein, also mußte diese wahr sein.
„Aber wenn es wahr ist," dachte er, „warum sah er denn so verstört aus? Warum starrte er den Jrrsinnnigen an, als ob er sich vor ihm entsetzte? Warum böt er mir eine so fürstliche Rente, damit ich ihn benachrichtige über den Gesundheitszustand eines armen Reisegesellschaf- ters? Da muß ein Geheimnis obwalten — aber was ist es? Ich muß es wissen; ich kann nut dieser Geschichte nicht zu Giuditta zurückkehren! Sie würde mich verspotten meiner Torheit wegen.
Die Furcht vor Giuditta, verbunden mit seiner eigenen Begierde, veranlaßte ihn zu dem Entschluß, weitere Erkundigungen einzuziehen. Er erhob sich und fragte im Hinausgehen:
„Wissen Sie mcht, ob die Herrschaft einen Diener braucht — einen Kammerdiener, Aufwärter oder sonst etwasZ" (Forts, folgt.)
„Er ist noch jung und sehr hübsch. War der jüngere Mann fein Bruder und die runge Dame seine Fran oder feilte Schwester?"
Die Wärterin lachte.
„Sie sind im Irrtum, Sir," sagte sie. »Sir Harry war jung vcrheiratxet, und der junge Herr ist sein Sohn und Erbe, Mr. Guido Harrington. Die junge Dame ist Sir Harrys Nichte und Mr.
Guidos Braut."
„Ist der junge Herr Mylords einziger Sohn, Signora?"
„Ja!" antwortete die Frau. '
„Mylord hat kürzlich einen Sohn verloren?" forschte Valesfto weiter, die sich tzarhietende Ge-
Deutschösterreichischen Lehrerbundes die Ausnahme der genannten Schottschen Erzählung empfahl. Doch die Entscheidung lautete: „Grundsätzlich sei man nicht in der Lage, Schriften katho« lisch er Schriftsteller oder Verlage zu empfehlen." — DaS ist der Index deS Freisinns! Er prüft nicht einmal, sondern er schließt grundsätzlich jedes Buch katholischer Schriftsteller und Verleger aus!
* Der Verband der Haus- und Grundbesitzervereine hat soeben seinen Jahresbericht für den bevorstehenden 30. Verbandstag herausge- geben. Mit großem Zorne wird darin die Wertzuwachssteuer bedacht, die bekanntlich dem tollsten Auswuchs des Bodenwuchertums entgegenwirkt. Weiter bekommen jene Ortskrankenkassen, die der Oeffentlichkeit durch ihre Erhebungen über di« traurigen gesundheitsgefährlichen Wohnungsver« hältnisse in manchen Orten die Augen geöffnet haben, sehr böse Worte zu hören, und endlich wird der Staat angerufen, von feiner „mittelstandruinierenden" Sozialpolitik Abstand zu nehmen!
* Kassel, 26. Juli 1908. Die Ankunft des Kaisers in Wilhelmshöhe erfolgt am 9. August.
cd Aus dem Rheingau, 25. Juli 1908. Die Nationalliberalen haben gegen die Wahl des durch den Kompromiß zwischen dem Zentrum und dem Bunde der Landwirte am 16. Juni d. I. im ersten Wahlgange gewählten Landtagsabg. General a. D. Kloeden Protest eingelegt. Der Inhalt deS Wahlprotestes ist derart, daß er» eine weitere Verbreitung verdient. Die Protestler beklagen sich über eine unzulässig« Beeinflussung der Wählerschaft durch die katholische Geistlichkeit. Der Beweis für diese kühn« Behauptung fehlt gänzlich. Der an erster Stell« angeführte Protestgrund aber ist besonders kost« bar. Es heißt da:
„Die Wahl des Herrn v. Kloeden ist nur dadurch zustande gekommen, daß die sÜL-die Wahl eines Zen, trumskandidaten — des Herrn Heß in Rüdesheim —- gewählten Wahlmänner ver Zentrumspartei gleich im ersten Wahlgange für den Kandidaten des Bundes der Landwirte, Herrn Generalmajor ». Kloeden gestimmt haben. Dadurch sind die Wähler der Zentrumswahl, männer in ihren Voraussetzungen, unter denen bw Wahlmänner gewählt worden sind, getäuscht und irre- geführt worden." , ,
Ist diese nationalliberale Sorge um die Rhein» gauer Zentrumsmänner nicht wahrhaft rührend? Aber wäre es nicht Sache der Zentrum-» Wähler, ihre Wahlmänner, die angeblich gegen Treu und Glauben gehandelt haben sollen, zur Rechenschaft zu ziehen? Das ist nun aber in keiner Weise geschehen, also ist die Zentrumswählerschaft mit der Abstimmung ihrer Wahl» männer durchaus einverstanden. Richtig ist freilich, daß gewisse Leute in ihren „Voraussetzungen" durch die überraschende Aktion deS Zentrums im ersten Wahlakt böse „getäuscht* worden sind, nämlich die Herren National- liberalen und ihr Kandidat Direktor Schröder, benn wenn das Zentrum seine eigene Kandidatur im ersten Wahlgange aufrechterhalten hätte, so wäre, wie schon so oft, der Kandidat der Nationalliberalen mit dem Zentrumskandidaten in die Stichwahl gekommen, und bann war, dank der konfessionellen Befangenheit der evangelischen Meisenheimer, die Wiederwahl eines National- liberalen so gut wie sicher. Die Rheingaue? Zentrumsmänner aber durchschauten das liberal« Rechenexempel und machten gleich im ersten Wahlgange einen Strich dadurch.
=. Ein gemaßregelter liberaler Bürgermeister.
Wir erwähnten dieser Tage, daß gegen den Würgermeister Dr. Schücking m Husum das Disziplinarverfahren emgelertet wor-
seine Amtstätigkeit, sondern schriftstellerische Versuche, wobei der Verfasser mit der Ver- waltungspraxis der Regierung ins Gericht gegangen ist, haben Anlaß zu dem Vorgehen ge- geben. Da Herr Schücking liberal ist und sehr liberal geschrieben hat, erhebt die gesamte liberale Presse ein fürchterliches Wehgeschrer.
Politische Prozesse sind nicht nach unserem Geschmack, und man darf fragen, ob Herrn Schücking Nicht zu viel Ehre durch das Disziplinarverfahren angetan worden ist, das ihn plötzlich zu einem berühmten" Mann stempelt. Jedenfalls hat aber der Liberalismus die Rute selbst geflochten wovon jetzt einer der ©einigen getroffen wird. Der nationalliberale Abgeordnete pnd spätere Vortragende Rat im Unterrichtsministerium, Dr. Wehrenpfennig, richtete, wie die „Essen. Volksztg." in Erinnerung bringt, am 19. April 1875 bei Beratung über die Auf- Hebung der Artikel 15, 16 und 18 der preußischen Verfassungsurkunde an die Regierung die Auf- sordernng. alle „ultramontanen" Beamten aus Dem Amte zu entfernen. Unter „ultramontan" verstand er alle Katholiken mit Einschluß derjenigen, die nicht aussprechen wollten, daß sie gerne die Maigesetze zur Ausführung brächten. Er führte aus:
Wenn Tatsachen vorliegen, wie wir sie in den Wehten Wochen erfahren haben, wenn es z. B. möglich Ist, daß ein Ultramontaner unter besonderer Empfehlung des Oberprästdenten zu dem wichtigen Amte des Landesdirektors (Regierungs-Vizepräsident Graf Villers) einer Provinz vorgeschtagen wird, wenn es möglich ist, daß ein Landrat (Janßen in Heinsberg) zum Oberbürgermeister einer großen Stadt (Aachen) gewählt wird, und daß man ihn nicht bestätigen kann wegen seiner ultramontanen Gesinnung, ihn, der bisher Landrat war, ich weiß nicht, ob er es nicht noch jetzt ist, wenn es möglich ist, wie unsere rheinischen Kollegen uns täglich versichern, daß ungefähr ein Drittteil, mindestens ein Vierteil der (Landräte der Rheinprovinz ultramontan sind, dann können Sie uns nicht verdenken, wenn uns jener Ausspruch eines Landrats einfällt, den neulich, wenn ich nicht irre, der Herr Kultusminister selbst zitierte: Was soll ich für einen Respekt vor einer Regierung haben, die einen Mann wie mich, nicht einmal vom Amte entfernt.
Zum Schluß rief her nationalliberale Volksvertreter dem Minister zu: „Wir haben unsere Schuldigkeit getan, tun Sie jetzt die ihre." Die Informationen, auf welche Hr. Wehrenpfennig sich bei seiner Denunziation stützte, stammten von Dem bekannten Agenten Dr. K o n i tz e r, der in besonderem Auftrage des Deutschen Vereins die Rheinlande bereist hatte, um die katholischen Beamten wegen ihrer kirchenpolitischen Gesinnung auf Herz und Nieren zu prüfen. Die Regierung hat die von der nationalliberalen Nebenregierung gegebenen Weisungen mit einem derartigen Eifer befolgt, daß gegen Ende der siebziger Jahre speziell in den Rheinlanden sich kaum noch ein katholischer höherer Verwaltungsbeamter auffinden ließ. Damals war es, als Frhr. v. S ch o r l e m e r - A l st, zum Liberalis- mus gewandt, warnend ausrief: „Hirtenknabe, Hirtenknabe, dir auch singt man noch einmal!"
Auch die fortgeschritten liberalen Mitglieder 6er Volksvertreter haben gegen diese Unterdrückungspolitik nichts zu erinnern gehabt. Noch im Jahre 1879 konnte der verstorbene Bürgermeister Bock in Emmerich die Bestätigung der Wahl des Zentrumsabgeordneten Dr. Fackeldey zum Beigeordneten dadurch hintertreiben, daß er ihn als
Der falsche Erbe.
Roman von Ed. Wagner.
63j (Nachdruck verboten).
Bald kam Brander mit Ella am Arme aus dem Laden.
Palestro fah das junge Mädchen forschend an «nd verdoppelte noch seine Aufmerksamkeit, als er deren Schönheit und reiche Kleidung bemerkte.
Ella war mit Hilfe Branders in den Wagen gestiegen und nahm dem Baronet gegenüber Platz. Ein Ladendiener erschien mit einem großen Paket, welches im Wagen untergebracht wurde; dann stieg Brander ebenfalls ein, indem er dem Kutscher zu rief:
„Nach Hausei"
Im nächsten Augenblickt rollte der Wagen fort und Palestro nähente sich neugierig dem Commis, der dem Wagen nachsah.
»Können Sie mir den Namen des vornehmen Herrn in jener prachtvollen Equipage nennen, .Sir?" fragte er.
„Es ist Sir Harry Harrington von Harrington Hall", antwortete der Commis, der sich durch die Höflichkeit Palestro's geschmeichelt fühlte.
„Ah! Und der junge Mann bei ihm?"
„Ist Mr. Guido Harrington — Sir Harry's Sohn."
In diesem Augenblick wurde der Commis gerufen, der in den Laden zurückeilte.
r n "®et Wagen fährt nur langsam", dachte Pa- lestro, „vielleicht ist es möglich, ihm zu folgen. Jedenfalls ist es das Sicherste, wenn ich ihn nicht aus den Augen lasse."
Damit eilte er so ras chwie möglich dem Wa- jjen nach, der noch sichtbar war. Langsam ging |8 aus einer Straße in die andere, und Palestro konnte ohne Anstrengung folgen. Als sie aber die Stadt hinter sich hatten und auf offener Mndstraße sich befanden, trieb der Kutscher die
ZuldaerW Zeitung
ÄäL w-chEii-s« „Ilwftrierte Somitagrreitmg" m°n-kbeu-g-: „guldaer GefchichtrbMer"