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35. Jahrgang

Fulda, Samstag dm 25. Juli 1908.

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Carl Schütter

ÄÄ*. Mchenbe--,«: „Illustrierte Sonntagrzeitung

kleinen nordischen Höfen ist allerdings nicht von großem Belang. Wichtiger ist das, was noch be- vorsteht: Der Besuch beim Zaren in Reval.

Von der mazedonischen Frage wird man in Reval wohl N«niger sprechen. Wenn nicht alle Stimmungsschilderungen aus Len russischen Re- gierungskrcisen falsch gewesen sind, dann ist es mit der russisch-englischen „Entente" über Maze­donien wirklich nicht weit her. Von herzlichem Einvernehmen kann da sicher keine Rede mehr lein. England strebt wie Rußland eine möglichste Beschneidung der Herrschaft des Sultans in Ma- zedonien an. Das ist auch Las Ziel Rußlands, aber nur auf militärischem Gebiete. Daß die englischen Finanzleute, die dort einen lebhaften Handel unterhalten, gute Geschäfte machen, liegt gar nicht im inssischen Interesse. Da gibt man sich denn doch lieber den Anschein des Wohlwol­lens gegenüber dem Sultan, den man dann leich­ter an anderen Stellen seines Reiches in seinen Rechten beschneiden kann. So kann es schon jetzt als sicher gelten, daß bei den so laut angekündig­ten, so erregt umstrittenen englisch-russischen Re­formplänen für Mazedonien nicht viel Wichtiges herauskommen wird. Wichtiger als das ist für den Sultan die jungtürkische Bewegung geworden, die eine allgemeine Meuterei der jüngeren Offiziere in seinen wichtigsten euro- päischen Regimentern herbeigeführt hat. Der Sultan hat in voller Würdigung des Ernstes der Situation Regimenter aus Kleinasien her­überschaffen lassen.

In der Hauptstadt Persiens, in Teheran, ist die Ruhe wiedergekehrt. Der Schah hat mit russischer Hülfe seine Gegner gründlich niederge- worfen. Er geht jetzt mit regem Eifer an die Befestigung der militärischen Macht. Zu befürch­ten ist, daß Rußland die Herrschaft, die die Re­volutionäre im Nordwesten Persiens, besonders in Täbris ausüben, zum Anlaß größerer Maß­nahmen machen wird, sobald sich nur irgend ein Anlaß dazu bietet. , _ .

In Mittelamerika droht sich die Revolution in Honduras zu einem Kriege zwischen die­sem Staate und Nicaragua zu entwickeln. In Honduras macht man nämlich diesem Nachbar­staate den Vorwurf, er habe wider gute Nachbar- sittc und wider die geschlossenen Verträge ver­stoßen, den geschlagenen Aufrührern, von Hon­duras Unterkunft und Zuflucht gewährt.

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Monatsbellage: „Zuldaer Geschichtsblatter" Zemsprecher Rr. 9.

Deutsches Reich.

Q Wahlrecht und Reichsfinanzreform. Vor kurzem hat bekanntlich das Magdeburger nationalliberale Blatt kalten Blutes den Vor­schlag gemacht, die Liberalen sollten ihre Zu­stimmung zur Reichsfinanzreform von der Einführung eines besseren Wahlrechts in — Preußen abhängig machen. Wir haben damals diesen Kuhhandelsversuch gleich festgenagelt. Wenn man dem Zentrum den Ausdruck „Kuh­handel" vorwarf, was gerade die Nationaüiberalen gerne laten, dann hatte man es stets mit Kom­promissen zu tun, die das Zentrum abschließen konnte, weil Leistung und Gegenleistung bei diesem „Handel" in der Sache selbst be­gründet waren. Das Zentrum hat oft, um eine große Vorlage zu retten, nachgegeben, wenn die

haben, werden dort tagtäglich rücksichtslos „aus- geschlachtet". Es ist die alte Geschichte: wenn der Katholizismus sich wehrt, so treibt er „Ver- hetzuug", und wenn der Evangelische Bund und Genoßen zum Angriff blasen, so ist das Pflicht- mäßige „Abwehr des Ultramontanrsmus". In den lebten Tagen hieß es, dem Prinzregenten von Bayern fei ein herzliches Handschreiben Kaiser Wilhelms zugegangen, "'U welchem die angeb­lichen Behauptungen Eulenburgs über stme an­tikatholische Mission als preußischer Gesandter in München absolut Lügen gestraft werden und das aufrichtige Bedauern des Kaisers über die Unwahrheit und die ihr zugrunde liegende kon- felsionelle Tendenz dem greisen Herrscher ausge- sprachen wird." Die Nachricht ist inzwischen dementiert worden. Gleichwohl darf man ^als sicher voraussetzen, daß Kaiser Wilhelm eine In­struktion seiner Gesandten in diesem Sinne ge­wollt haben, vor ihm wird auch eine Tätigkeit Eulenburgs in Lieser Richtung sorgsam ver- schleiert gehalten worden sein. Nicht bloß die Natur der fraglichen Bestrebungen, sondern auch der Charakter Eulenburgs deuten darauf hm, daß die einschlägige Tätigkeit sich auf unkon­trollierten Umwegen in amtlich nicht faß­baren Formen bewegt hat. Man muß im Auge behalten, daß ein Mann wie Eulenburg, der schon von Bismarck selbst als Haupt einer Kamarilla erkannt wurde, sich nicht auf die Befolgung von „Instruktionen" beschränkt und auch nicht auf die Verwirklichung des kaiserlichen Willens, ^m Gegenteil: sein Ehrgeiz ging ja gerade dahm, den Monarchen zu b e e i n f l u s s e n in der Rich­tung des Eulenburg'schen Willens.

Ueber die neue Finanzreform bekommt man fast täglich neues zu lesen, aber was gewts- ses weiß man immer noch nicht. Am meisten Aufsehen macht die in Aussicht genommene Steuer auf Gas und Elektrizität. Die Natro- nalliberalen freilich sind Feuer und Flamme. Ihre Parteikorrespondenz meint, Liüse Bestrej- bung sei schon aus Gründen der Gerechtigkeit nötig. Wenn man das Petroleum, der Leucht- stoff der breiten Massen, der jetzt schon 75 Mill. Mark jährlich an Zoll zu tragen habe, so hoch besteuere, müsse man auch dmas Gas, den Leucht­stoff des Mittelstandes, und auch die Elektrizität, denLeuchtstoff der wohlhabenden Minderheit, enr- sprechend belasten. Dabei ist vergessen, daß der Brennspiritus von jeder Steuer frei ist und noch staatliche Vergünstigungen genießt. Es ist ferner auch ein Unterschied, ob es sich, wie beim Petro- leum um ein ausländisches Produkt handelt, oder, wie bei der Elektrizitätsindustrie, um eine natio­nale Industrie, der unter veränderten Lebens- bedingungen die Konkurrenz am Weltmarkt er­schwert wird. Und endlich das Wichtigste: es dreht sich ja nicht um die Besteuerung von Licht, sondern auch um die Besteuerung von elektrischer Krakt. Die Furcht vor der Besteuerung der elek­trischen Kraft bedingt auch den leidenschaftlichen Widerstand der Bauern, der sich in diesen Tagen in einem einmütigen und eindrucksvollen Protest der bayerischen Kammer kundgegeben hat.

Präsident Fallieres, der Lenker der Ge­schicke Frankreichs, hat auf feiner nordischen Reise bisher überall freundliche Willkommens­reden gehört und überall noch freundlichere Reden halten können. Sein Besuch bei den drei

wochen-kundjchau.

Fulda, 24. Juli 1908.

Ueber die Reform der S t r a f p r o z e ß o r d- n u n g liegt eint offiziöse Mitteilung bor. Da­nach hat das Reichsjustizamt sich einen Mittel­weg ausgesucht: die Beteiligung der Laien an der Rechtsprechung wird dadurch ausgedehnt, daß drei Schöffen in die Strafkammer treten, aber der vielfach vorgefchlagene neue Aufbau von klei­nen, mittleren und großen Schöffengerichten wird nicht durchgeführt. Die Schwurgerichte sollen im wesentlichen ihre bisherige Gestalt und Zustan- digkeit behalten. Der wichtigste Fortschritt ist die Einführung der Berufung für alle Straf­sachen mit Ausnahme der vom Schwurgerichte ab geurteilten. Das Laienelement foll ausschließ­lich in der ersten Instanz Mitwirken. Alle Be­rufungsgerichte sind nur mit Berufsrichtern be­setzt. DaS ist ein sehr wichtiger Punkt. Wenn der Staatsanwalt auch das unbeschränkte Recht der Berufung erhält, so ist der Änklagebehörde die Möglichkeit gegeben, den Berufsrichtern die Entscheidung über das Schicksal des Angeklagten zuzuschieben (abgesehen von den schwurgericht­lichen Fällen). Die Gerichtsorganisation wird also wohl noch lebhafte Kämpfe herbeiführen. Auf mehr Beifall dürfen die anderen Reform- pläne rechnen: die Einführung von besonderen Jugendgerichtshösen, die Gewährung von Tage­geldern und Reisekosten für Schöffen und Ge­schworene, die Einschränkung der Untersuchungs- hast, die Milderung der Zeugnispflicht usw. Es heißt, der Zeugniszwang gegenüber der Presse fei „in der Hauptsache beseitigt". Darüber läßt sich erst urteilen, wenn man weiß, was hier „Hauptsache" bedeutet. Ueberhanpt ist ein siche­res Urteil erst dann möglich, wenn die ganzen Entwürfe mit der Begründung der Oeffentlich- keit übergeben sind.

Im E u l e u 5 ur gpr ozeß ist der Abbruch der Verhandlungen notwendig geworden, nach­dem man drei schöne Wochen meist mit Neben­sächlichkeiten vergeudet hat. Dem Schauspiel eines Prozesses am Lager eines zum Sterben kranken Mannes mußte ein Ende bereitet wer­den. Die Oeffeittlichkeit und die Geschichte ist mit dem Urteil über Eulenburg fertig, wenn auch der Gerichtshof nicht mehr in die Lage kom­men sollte, sein Urteil auszusprechen. Den Ver­such Eulenburgs, sich als verfolgte Verfechter der Idee vom „protestantischen Kaisertum", bei den Geschworenen in Gunst zu setzen, hätten unsere Gegner am liebsten totgeschwiegen gesehen und sie entrüsten sich tveidlich über die böse Zentrums­presse, die so unfriedlich fei, diesen Zwischenfall zu besprechen. Ach, welche Fässer von Tinte würden wohl vergeudet worden sein, wenn der Fall umgekehrt gelegen hätte, wenn ein,, katho­lischer Staatsmann a. D. sich seiner Tätigkeit gegen den , norddeutschen Protestantismus ge­rühmt hätte. In der Kunst, jede Einzelheit -anszunutzen", ist uns die gegnerische Presse be- bedentend überlegen. Auch die kleinlichsten Vor­fälle auf katholischer Seite, die gar ferne gene­relle Bedeutung und keinen symptomatischen Wert

eine Bestimmung eines Gesetzes ihm nicht paßte, dafür aber an anderer Stelle in derselben Sache von der Regierung ein gewichtiges Ent­gegenkommen gezeigt wurde. 9liemal8 aber hat das Zentrum den blöden Versuch gemacht, zwei so verschiedene Dinge, wie es die Reichsfinanzen und daS Wahlrecht sind, gegeneinander auszu- spielen. Eine derartige brutale Schacherei und Erpressung angeregt zu haben, blieb den Nationalliberalen vorbehalten. Das Magde­burger Blatt verweilt noch immer bei diesem Plan, allerdings wohl deshalb, weil es von den verschiedensten Seiten recht scharf angegriffen worden ist. Natürlich verteidigt es ihn weiter und zwar recht eifrig. Man lieft da z. B. folgenden Ausbruch eines sonst im Lide- ralismus seltenen Mannesmut:

„Es ist für die liberalen Parteien ein Gebot der Selbsterhaltung wie der Selbstachtung, das, was sie verlangen dürfen, mit klaren Worten zu verlangen und, soweit dazu ihre Mittel reichen, im Notfälle auch zu erzwingen. Die Welt ist so beschaffen, daß nur, wer diesen Willen bekundet, auf die ihm gebührende Rücksicht rechnm kann."

DaS Blatt, das so schreibt, ist eines der ersten nattonalliberalen Organe, das gerne in Uebervornehmheit macht und seine Freunde in den obersten Schichten der Provinz Sachsen sucht. Mit Recht weist die .Deutsche Tagesztg.' darauf hin, daß die verschiedenen liberalen Parteien noch gar nicht einig seien, was für eine Wahlrechts­änderung einzuführen sei. Daß es ein Gebot der Selbstachtung für die liberalen Parteien fei, bas Geforderte im Notfälle zu erzwingen, be­zeichnet die »Deutsche Tagesztg/ als eine zwar laute, aber hohle Redensart und den Gedanken, die Erfüllung unklarer und nebelhafter Forde- rungen dadurch erzwingen zu wollen, daß die liberalen Parteien dem Reiche das versagten, was es dringend bedürfe, als beinahe frivol.

* sieht doch schlimm aus um die LandeiMrche", klagt der wirkliche Oberkonsistorial- rat und Generalsuperintendent a. D. D. 9i e b e, Eisenach, in einer Flugschrift „Die evangelische Landeskirche und die religiöse Krisis der Gegen­wart", („Kirchlich-positiv", Flugschriften zum Verständnis und zur Förderung kirchlicher Arbeit in der Gegenwart, Heft 1, S. 9). Er klagt über die Zerfahrenheit im protestantischen Lager und bemerkt:

,M ist tvahr, die Landeskirche kann es er­tragen, daß viele ihrer Glieder ihre Glaubens­sätze abweisen, aber sie muß doch darauf halten, daß ihre Diener, die durch freiwilligen Entschluß das Predigtamt übernahmen, die feierlich gelob­ten, keine andere Lehre zu verkünden als die in Gottes Wort begründete, in den Bekenntnissen bezeugte, die Gemeinde nicht durch einen neuen Glauben Verwirren. Die Kirche würde sich selbst aufgeben, würde ihre Existenzberechtigung auf­heben, wenn sie Widerspruch gegen ihre Grund­begriffe von ihren beauftragten Lehrern ertrüge. Das wäre keine Gemeinschaft mehr, das wäre ein mehr oder minder großer Haufe! Wollte der eine fingen lassen: „Wir glauben alle an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden" — „flugs er«

Anpolitische Zeitkäufe.

(::) Berlin, 23. Juli 1908.

(Nachdruck verboten.)

Erholung ist eine Kunst, die erlernt wer­den will. Was muß man tun, um die Nerven gesund, den Geist frisch und den Körper arbeits­fähig zu erhalten? Eine sehr wichtige Frage der Lebensweisheit, über die ich mir auch schon meine Gedanken gemacht habe. Zu meiner Freude finde ich sie im wesentlichen bestätigt durch einen Professor, Herrn Tr. E. Meumann, der m feinem Werk „Intelligenz und Wille" sich über die Kunst der Erholung nicht bloß wissenschaftlich, sondern auch vernünftig ansfpricht. Er gehört nicht zu den „unpraktischen Professoren", die den Regenschirm unter Len Rock knöpfen, sondern zu der neuen Art, die auf die Welt passen und in die Welt passen. Besonders tritt er dem Aber­glauben entgegen, dafi nichts Weiber, als ein Sommerurlaub mit Reise und Sommerfrische re. nötig sei, um einen abgehetzten Kulturmenschen neugeboren werden zu lassen. Dieses Thema ist offenbar in der gegenwärtigen „Saison" recht zeitgemäß. Nützlich für die vielbeneideten Ur- lauber und tröstlich für die Heimlinge, die nicht zu verzagen brauchen.

Der Professor meint, bei manchen Menschen, die gewissermaßen ihr ganzes Leben lang nichts anderes tun, als sich beständig erholen, finde man eine Erschlaffung der Nerven: sie reiften von einem Kurort zum andern, kämen aber nie zu einer normalen Verfassung ihres Nervensystems. Unser Nervensystem bedürfe eines gewissen Ma­ßes von Arbeit, um arbeitskräftig zu bleiben. Ein gänzliches Aussetzen mit der Tätigkeit dürfe nur ganz vorübergehend eintreten, höch­stens für wenige Tage. Zwischen Zeiten höchst angestrengter Arbeit und Zeiten völliger Ruhe zu wechseln, sei nicht die beste Erholung für die meisten Menschen: das beste Mittel fei die Re­gelung der täglichen Lebensweise, damit unter den täglichen und gewohnten Lebensumständen ein geeigneter Wechsel zwischen energischer Arbeit und Erholung eintrete. Damit werde sowohl der Erschlaffung als der Ueberarbeitung der Nerven vorgebeugt.

Ich glaube, das stimmt. Daraus folgt aber keineswegs, daß man nun auf alle Sornmerrei- fen, Bäder, See- oder Gebirgsaufenfhalte und dergleichen verzichten und alle 52 Wochen des

Jahres in der eigenen Behausung und Werkstatt verbringen soll. O nein; wer es haben kann oder auf Anordnung des Arztes haben muß, der leistet sich mit Vorteil eine Unterbrechung seiner gewöhnlichen Lebens- und Arbeitsweise. Wenn er es vernünftig anfängt, wird die Abwechselung erfrischend und gesund sein.

Mutz er eine ernste Kur gebrauchen, so hat natürlich der Arzt das erste und das letzte Wort. Dem Patienten ist aber dringend anzuraten, daß er nicht bloß die Vorschriften für die Kurzeit beachtet, sondern ebenso ernstlich die Anweisungen des Arztes für die Lebensweise nach der Rück­kehr befolgt. Was kann es denn nützen, wenn man während einiger Wochen in einem Heilbade die Schornsteine im Leibe gewaltig ausfegen läßt und bann wieder zu dem alten Prasserleben zu­rückkehrt? Und wie soll das kranke Herz sich er­holen, wenn man nach der Kur in Nauheim sich wieder in die Aufregungen, Ueberanftrengungen und Leidenschaften stürzt? Die „Nachkur" ist die Hauptsache, und diese Nachkur soll das ganze Jahr über anbauern.

Wer auf eigene Faust eine „Luftveränderung" sich verschreibt, der sorge vor allem für ztvei Dinge: erstens für eine gesunde und behagliche Wohnung, namentlich für eine tadellose Schlaf­stelle, und zweitens für eine befriedigende Be­schäftigung. Der letzte Rat klingt sonder­bar, da man doch gerade der ..Arbeit", der „Tret­mühle des Berufs" entfliehen will. Und doch muß der Mensch bei der Erholung seine ange­messene Portion Tätigkeit haben. Die Sange- weile ist in der Siege! für die Gesundheit ebenso schädlich, wie für die Tugend. Das planlose Her- umlungern, das faule Daliegen, das zeittotschla­gende Skatdreschen oder Biertrinken bekommt einem ordentlichen Menschen auf die Dauer nicht. Wenn ihm am Abend wohl sein soll, so muß er sich sagen können: du hast diesen Tag zugleich angenehm und nützlich verbracht; du hast heute etwas profitiert für deinen Geist und deine Ge­sundheit! Wenn er statt dessen mit Ekel und Aerger sich zu Bette legt, so ist die sogenannte Erholung verpfuscht., Die Beschäftigung soll anders sein, als die zu Hause gewöhnte, sie soll Abwechselung bringen und keine Anstrengung fein, sondern nur eine Anregung wie eine Turn­übung. Aber ausgefüllt sein muß die Leere der Stunden, so daß man mit Befriedigung darauf zurückblickt und sie nicht als verlorene Zeit be­

trachtet. Stellt sich Langeweile, Erschlaffung, Mißmut ein, so reifte dich los von der Sommer­frische die keine „Frische" mehr ist. Dann ver­zehr lieber den Rest des Urlaubfonds zu Hause bei den Deinen.

Denn mau kann sich auch daheim erholen. Der alte Reklamespruch „Bade zu Hanse" läßt sich auch dahin ergänzen: Sommerfrischle zu Hause!

Nichts einfacher als das: „Tages Arbeit, Abends Gäste; saure Wochen, frohe Feste". Wenn es irgend geht, so mache im Hochsommer etwas früher Feierabend und benutze den angenehmen Rest des Tages, um dich mit den Deinen auf Spaziergängen, zwanglosen Besuchen :c. zu er­frischen. Die Arbeitszeit läßt sich bei kluger Ein­teilung wohl etwas verkürzen; im Notfälle kann man auch morgens mit der Sommersonne etwas früher aufstehen, um für die Erholung am Abend Zeit zu gewinnen. Zweitens kann man den Sonntag und die eitoaigen Festtage schön ver­werten zu weiten Spaziergängen und kleineren Ausflügen. Gerade aus dem Bewußtsein, daß man Montags wieder im Geschäft auf dem Po­sten fein werde, ergibt sich die schönste Sorgksfig- keit. Mancher, der sich einen längeren Urlaub leistet, wird von den Berufs- und Familiensorgen verfolgt, während der „eintägige" Sommerfrisch­ler, der die Semen möglichst bei sich hat, ohne lästiges Leibes- oder Seelengepäck hin- und her­wandert.

Am Sonntag ist es freilich an den meisten Stellen recht voll. Nun, man kann sich doch Orte aussuchen, wo ein ordentliches Publikum verkehrt, und dann hat es auch sein Gutes,, sich vorurteilslos als fröhlicher unter die fröhlichen zu mischen. Wer durchaus ein separates Käm­merlein in der Gottesnatur haben will, kann das bei etwas Umsicht meistens auch finden, wenn er Wege und Orte aussucht, die abseits von ,den großen Ausflugsheerstraßen liegen. Im übrigen wird es sehr Vielen auch gelingen, sich und den Ihrigen einmal einen Wochentag frei zu machen zu einem größeren Ausflug. Das kann eine wahre Erquickung werden für die ganze Familie, von der man noch Monate lang zehrt. Die Kosten sind ja nicht hoch. wenn man sich mehr auf das Picknickverfahren ,als auf die Restaurationsküchen einrWet.

Wer es soweit nicht bringen kann, braucht auch nicht zu verzagen. Denn die Hauptsache ist

und bleibt, daß wir uns die gewöhnlichen 300 Arbeitstage des Jahres und die gewöhn- lichen 60 Sonn- und Feiertage durchweg ver­nünftig einrichten. Die Arbeitszeit, die Eßstun- den, die Ruhepause, der Feierabend — das mutz vernünftig abgemeffen und angewendet werden gemäß der Art und der Schwere der Arbeit, mög­lichst auch nach dem Alter und der Gesundheit des einzelnen. Anstrengende Tätigkeit, volle Ruhe und erfrischende Erholung müssen ,-weöb mäßig mit einander abwechseln. Leute, die sich für besonders fleißig halten, verstehen manchmal nicht die Kunst, zur rechten Zeit fertig zu werden; sie wursteln immer noch weiter über die normale Arbeitszeit hinaus und ruinieren dabei die Ge­sundheit, ohne daß sie recht vorwärts kommen. Wer sich eine angemessene Frist zum Arbeiten setzt und während dieser Zeit mit stetigem Fleiß sich ins Geschirr legt, leistet ebensoviel in der Masse und mehr in der Güte, als die fahrigen Zappeler, die nicht aufhören können. Letztere pflegen auch ihre Sorgen mit an den Speisetisch oder in den Feierabend zu nehmen oder dort die schweren Gedanken weiter zu spinnen. Das stört die Verballung, schädigt die Gemütlichkeit und ruiniert die Nerven. Alles muß seine Zeit ha­ben: die sorgenvolle Arbeit und das freie Auf­atmen im Familienkreise. Wenn die Stirn so und so viel Stunden gefurcht gewesen ist, so mutz sie nachher mit Hilfe des guten Gewissens glatt und blank werden. Hinweg am Abend und am Sonntag mit den Grillen und Sorgen; um so bester geht die Arbeit am andern Morgen!

Wodurch leiden die Nerven mehr: durch die Arbeit oder durch das sogen. Vergnügen?,Jeden­falls kurieren viele Leute ihre Nerven mit Gift. Sie glauben sich zu erholen, wenn sie sich in Ge­nüsse stürzen, die aufregen und aufreiben. Viel trinken und lange in der verräucherten und ver­brauchten Kneipenluft sitzen, ist z. B. eine Teu­felskur. Eine wunderbar heilsame und obendrein sehr bequeme und billige Kur für die Nerven und den Gesamtmenschen ist dagegen das regel­mäßige Schlafen. Ich glaube dw , Hauptschuld an der zunehwuden Nervosität tragt das mo­derne Nackstleven, das leider nicht bloß in den Großlläblen zu finden ist.

In Summa: man kann auch ohne Bade­kuren und Sommerreisen gesund, munter und glücklich sein, wenn man nur die Kunst der Er­holung sich klar macht und andauernd übt.